Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Mittwoch, 22. Dezember 2010
Fuck the Fockers!
Hatte ich gestern noch von der letzten Pressevorführung in diesem Jahr gesprochen, so habe ich mir heute morgen die allerletzte Pressevorführung des Jahres angetan.

MEINE FRAU, UNSERE KINDER UND ICH (1:1.85, DD 5.1)
OT: Little Fockers
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Paul Weitz
Darsteller: Robert De Niro, Ben Stiller, Owen Wilson, Dustin Hoffman, Barbra Steisand, Harvey Keitel, Laura Dern
Kinostart: 23.12.2010

Weil aller guten Dinge drei sind, wie man so schön sagt, hat Paramount den Fockers einen dritten Kinofilm spendiert. Einmal mehr wird Ben Stiller alias Greg Focker von seinem Schwiegervater, einem Ex-CIA-Agenten, misstrauisch überwacht. Logisch dass es auch heuer wieder peinliche Verwechslungen gibt und sich die beiden Kontrahenten fast bis aufs Messer bekriegen. Schade nur, dass man dabei überhaupt nicht Lachen kann. Denn die derben Witze, die besonders gerne unter die Gürtellinie zielen (rektaler Einlauf inklusive), kommen vielleicht noch bei pubertierenden Kindern an, wohl aber kaum bei Erwachsenen. Der schönste Gag im Film ist eine Parodie auf DER WEISSE HAI, die jedoch im Nu auch wieder vorbei ist und von unsäglicher Langeweile abgelöst wird. Wer die Chance hat, an den Weihnachtstagen ins Kino zu gehen, sollte LITTLE FOCKERS großräumig umgehen.
Dienstag, 21. Dezember 2010
Authentisch
Die letzte Pressevorführung in diesem Jahr war einem beeindruckenden Drama aus deutschen Landen vorbehalten.

DAS LIED IN MIR (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Schwarz-Weiss
Land/Jahr: Deutschland, Argentinien 2010
Regie: Florian Cossen
Darsteller: Jessica Schwarz, Michael Gwisdek, Rafael Ferro
Kinostart: 10.02.2011

Während sie auf dem Flughafen von Buenos Aires auf ihren Anschlussflug nach Chile wartet, hört die Deutsche Maria ein spanisches Schlummerlied, das eine Mutter ihrem Baby vorsingt. Die Melodie und auch die Worte klingen ihr vollkommen vertraut. So vertraut, dass sie in Tränen ausbricht und darüber ihren Flug verpasst. Doch dies ist erst der Anfang einer Reise, auf der sie nicht nur ihren Pass, sondern auch ihre Identität verliert... Florian Cossen, Absolvent der Filmakademie Ludwigsburg, hat mit DAS LIED IN MIR einen beeindruckenden Erstlingsfilm geschaffen. Unterstützt von den faszinierenden CinemaScope-Bildern seines Kameramanns Matthias Klein erzählt sein Film von der Suche nach der eigenen Identität. Denn Maria, so erfährt nicht nur der Zuschauer, sondern auch die Protagonistin selbst, ist gar keine Deutsche und ihr Vater, der plötzlich in Buenos Aires vor ihr steht, entpuppt sich als ihr nicht leiblicher Vater. Dass die Geschichte authentisch vermittelt wird, liegt an den großartigen Darstellern. Jessica Schwarz und Michael Gwisdek brillieren zwar in den Hauptrollen, doch die Kolleginnen und Kollegen in den Nebenrollen leisten nicht weniger Beeindruckendes. Einzig die Liebesgeschichte zwischen Maria und einem argentinischen Polizisten wirkt etwas aufgesetzt. Das ist eigentlich schade, denn der Film hätte auch ohne sie wunderbar funktioniert.
Freitag, 17. Dezember 2010
Unzufrieden
Schon wieder eine Filmwoche zu Ende. Leider war der heutige Output gar nicht zufriedenstellend. Ich werde mir daher am Wochenende wohl noch Besseres anschauen müssen...

I KILLED MY MOTHER (1:1.85, DD 5.1)
OT: J'ai Tué Ma Mère
Verleih: Kool
Land/Jahr: Kanada 2009
Regie: Xavier Dolan
Darsteller: Anne Dorval, Xavier Dolan, François Arnaud
Kinostart: 03.02.2011

Xavier Dolan wird seit seinem Regie-Erstling I KILLED MY MOTHER fast schon wie ein kanadisches Wunderkind gehandelt. Umso neugieriger war ich natürlich, diesen bereits 2009 produzierten Streifen zu sehen. Darin geht es um die Hassliebe des 15jährigen Hubert zu seiner Mutter. Den ganzen Film über entlädt sich sein aufgestauter Hass in Verbalattacken gegen seine alleinerziehende Mutter. Die wiederum erfährt von Huberts Homosexualität ganz zufällig durch die Mutter seines Freundes. Hubert soll ins Internat abgeschoben werden... Irgendjemand hat einmal gesagt, dass die schwierigste Beziehung im Leben eines Mannes die zu seiner Mutter sei (war es Woody Allen?). Vielleicht ist es genau diese Erkenntnis, die uns Jungtalent Xavier Dolan mit auf den Weg geben möchte. Vielleicht auch nicht. Ich jedenfalls wurde nicht so recht schlau aus diesem Werk, das ich sicherlich nicht noch ein zweites Mal anschauen werde.

LOVE AND OTHER DRUGS – NEBENWIRKUNG INKLUSIVE (1:1.85, DD 5.1)
OT: Love And Other Drugs
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Edward Zwick
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Anne Hathaway, Oliver Platt
Kinostart: 13.01.2011

Jamie hält sich als Vertreter für einen Pharmakonzern mehr schlecht als recht über Wasser. Als er während eines Verkaufsgesprächs in einer Klinik die attraktive Maggie kennenlernt, ist es um die beiden geschehen: sie verlieben sich ineinander. Dabei geht es den Zweien allerdings mehr um Sex denn um die Liebe. Doch ein dunkler Schatten lauert über Maggie: sie leidet an Parkinson im Anfangsstadium. Als Jamie seine große Chance bekommt, für seinen Konzern ins lukrative Chicago zu gehen, steht er vor einer schweren Entscheidung: soll er sein Glück versuchen oder Maggie Beistand leisten? Edward Zwicks Film schaukelt zwischen einer sexy Komödie und großem Gefühlskino – leider. Ein fester Standpunkt hätte dem Film besser zu Gesicht gestanden. Auch das Ende ist als nicht gelungen einzustufen, bleibt der Film doch auf seiner Mainstream-Welle und “erspart” seinem Publikum die Konfrontation des Hauptdarstellers mit den Folgen einer unheilbaren Krankheit. So endet der Film genau an der Stelle, an der er endlich richtig interessant geworden wäre. Hollywood entpuppt sich einmal mehr als feige.
Donnerstag, 16. Dezember 2010
Ganz lustig und gar nicht lustig
Vom ersten Film heute war ich sehr angetan, aber durch den zweiten musste ich mich quälen. Dafür gibt’s Schmerzensgeld!

MORNING GLORY (1:2.35, DD 5.1)
OT: Morning Glory
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Roger Michell
Darsteller: Rachel McAdams, Harrison Ford, Diane Keaton
Kinostart: 13.01.2011

Nachdem sie ihre Anstellung bei einem kleinen Fernsehsender verloren hat, erhält Becky Fuller beim großen Sender IBS eine neue Chance. Als Executive Producer soll sie das allmorgendliche Magazin “Daybreak” übernehmen. Doch die Aufgabe ist nicht einfach, denn die beiden Hauptmoderatoren können sich auf den Tod nicht leiden... Roger Michell nimmt uns in seiner Komödie hinter die Kulissen einer TV-Show. Und er macht das ganz vorzüglich. Die sehr gute Kameraarbeit (Alwin Küchler) und der Schnitt (Dan Farrell, Nick Moore, Steven Weisberg) lassen die Hektik im und ums Studio herum auch noch im Kinosessel spürbar werden. Und die vorzüglichen Darsteller runden das Bild perfekt ab. Rachel McAdams in ihrer Rolle als Produzentin versprüht soviel Energie, dass sie gleich für zwei reichen würde. Diane Keaton und Harrison Ford mimen die beiden Moderatoren-Diven, die sich bekriegen. Doch Ford vermag das Publikum von Anfang an auf seine Seite zu ziehen. Die Rolle des verbitterten Moderators alter Schule steht ihm verdammt gut und lässt schnell vergessen, dass er einmal als “Indiana Jones” war. Es scheint als habe er endlich eine seinem Alter angemessene Rolle gefunden. Eine sehr sehenswerte Komödie!

YOGI BÄR (1:1.85, 2k digital, 3D, PCM 5.1)
OT: Yogi Bear
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA, Neuseeland 2010
Regie: Eric Brevig
Kinostart: 23.12.2010

Weil der Bürgermeister einer kleinen amerikanischen Stadt das ganze Geld verpasst hat, will er den nahegelegenen Nationalpark zu Bauland umgestalten, um durch die Baumfälllizenz wieder zu Geld zu kommen. Doch er hat nicht mit dem Widerstand seines Rangers gerechnet. Und der wird auch noch unterstützt von Yogi, jenem mit Kragen und Hut bekleideten und stets hungrigen Braunbären. Zusammen mit seinem Kumpel Boo Boo hilft er seinem Ranger, den Naturpark zu retten... Yogi Bär, eine der TV-Schöpfungen aus der Trickfilmschmiede Hanna-Barbera, gibt sein computeranimiertes Kinodebüt. Wer sich jetzt allerdings auf ein lustiges Zeichentrickabenteuer freut, dürfte schnell enttäuscht werden. Denn bei diesem Kinofilm handelt es sich um Live-Action, die um die beiden computergenerierten Bären ergänzt wurde. In gleicher Weise wurden bereits die CHIPMUNKS oder REINE FELLSACHE auf das Kinopublikum losgelassen. Auch bei YOGI BÄR ist leider nur ein langweiliges, vollkommen unlustiges Produkt entstanden, das wohl ohne Altersbeschränkung von der FSK abgesegnet wurde, aber eigentlich den Vermerk “Nur bis 6 Jahren” tragen sollte. Denn ältere Zuschauer werden das Werk vermutlich nicht ertragen können. Wenn Yogi Wasserski läuft oder mit seinem selbstgebauten Flugkörper vom Boden abhebt, werden das ganz kleine Zuschauer eventuell witzig finden. Alle anderen jedoch werden kopfschüttelnd und gelangweilt im Popcornbecher wühlen. Was übrig bleibt ist ein weiteres kurzes Abenteuer mit Roadrunner, das als Vorfilm gezeigt wird. Und alles in 3D.
Dienstag, 14. Dezember 2010
Wenn ein Deutscher in Hollywood einen Franzosenthriller neu inszeniert...
...dann muss das nicht unbedingt großartig werden, wie der heutige Film beweist.

THE TOURIST (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Tourist
Verleih: Kinowelt
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Darsteller: Angelina Jolie, Johnny Depp, Paul Bettany
Kinostart: 16.12.2010

Auf der Zugfahrt von Paris nach Venedig trifft Frank, seines Zeichens Mathe-Lehrer, auf die verführerisch geheimnisvolle Elise. Nichtsahnend nimmt er deren Einladung an, bei ihr im Hotelzimmer zu nächtigen. Als er am nächsten Morgen aufwacht, stehen schon bewaffnete Männer im Zimmer. Frank bleibt nur die Flucht... Aus der Cote D’Azur wird das romantische Venedig und aus Anthony Zimmer wird Alexander Pearce. So tarnt man also das amerikanische Remake des 2005 entstandenen französischen Thrillers ANTHONY ZIMMER, der es hierzulande nur während des Fantasy Filmfests in die Kinos schaffte. Schaut man sich das Original einmal an, merkt man sofort, woran es dem teuren Remake fehlt: die Chemie zwischen den beiden Hauptakteuren Jolie und Depp stimmt einfach nicht! Und Herrn Depp nimmt man den Mathe-Lehrer ganz und gar nicht ab. Das neue Drehbuch versucht zwar ein paar der Ungereimtheiten der Vorlage auszumerzen, doch werden gleichzeitig wieder ein paar neue Logikfehler eingeschleppt. Oder zumindest solche die man als relativ grenzwertig ansehen kann. In der neuen Fassung mutiert der Oberbösewicht wieder einmal zu einem Psychopathen, was den Schluss zulässt, dass Hollywood beim Erstellen von Drehbüchern inzwischen mit Textbausteinen arbeitet. Auch bietet Venedig nicht unbedingt jene optische Makellosigkeit, die viel der Faszination des Originals ausmacht. Der Hollywood-Deutsche Florian Henckel von Donnersmarck (DAS LEBEN DER ANDEREN) präsentiert überdies auffallend viel High-Tech in seinem Remake. Warum nur? Richtig: weil es ein durch und durch amerikanisches Produkt geworden ist. Schade eigentlich. Vielleicht wird’s beim nächsten Mal ja wieder besser.
Freitag, 10. Dezember 2010
In Straps und Mieder singen sie ihre Lieder
Mit Glühwein und Weihnachtsgebäck stimmte man uns heute auf das Ende der Pressewoche ein...

BURLESQUE (1:2.35, DD 5.1)
OT: Burlesque
Verleih: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Steven Antin
Darsteller: Christina Aguilera, Cher, Eric Dane
Kinostart: 06.01.2011

Die junge Sängerin Ali verlässt ihre Heimat Iowa, um in Los Angeles ihr Glück zu versuchen. Und das führt sie direkt ins “Burlesque”, einem Revue-Club. Dort gibt ihr Club-Besitzerin Tess eine Chance: sie darf als Tänzerin auftreten. Als diese dann auch noch Alis Gesangstalent entdeckt, steigt Ali zum Star des Clubs auf... Ein von der Pleite bedrohter Club. Der reiche junge Herr, der den Laden aufkaufen möchte. Der zurückhaltende Barkeeper, der sein Musiktalent unter den Scheffel stellt. Das alles sind gängige Klischees, die man aus vielen anderen Filmen bereits kennt. Und doch werden diese in BURLESQUE erneut heraufbeschworen. Doch die Mühe lohnt sich nicht wirklich. Die Revuenummern sind zwar ganz ordentlich und mit viel buntem Licht in Szene gesetzt, doch die Rahmenhandlung, von denen sie unterbrochen werden, wirkt oftmals wie ein Fremdkörper. Das Zusammenspiel von Musiknummern und ergreifender Story will einfach nicht harmonieren. Wie so etwas richtig gut funktionieren kann, das hat uns Baz Luhrmann mit seinem zeitlosen MOULIN ROUGE bereits 2001 eindrucksvoll demonstriert. Christina Aquilera verleiht der Ali zwar eine richtig kraftvolle Stimme, kann aber als Schauspielerin nicht richtig punkten. Und Cher – nach einer Abstinenz von sieben Jahren wieder zurück im Filmbusiness – nimmt man die mütterliche Club-Chefin nicht ab. Und auch ihre Solo-Nummer mitten im Film passt nicht so recht ins Gesamtbild und wirkt so, als wollte man der Schauspielerin und Sängerin einfach nur noch eine Chance geben. Insgesamt hat mich der Film leider mehr enttäuscht als unterhalten. Und das obwohl ich Musicals sehr mag. Doch letztendlich ist BURLESQUE auch kein richtiges Musical.
Donnerstag, 09. Dezember 2010
Jugendknast und Dschungelleben
Ein Tag wie ich ihn liebe: der zweite Film wurde uns als unfertige Arbeitskopie gezeigt und wir dürfen nicht darüber berichten...

PICCO (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Movienet (24 Bilder)
Land/Jahr: Deutschland 2009
Regie: Philip Koch
Darsteller: Joel Basman, Constantin von Jascheroff, Martin Kiefer
Kinostart: 03.02.2011

Ein Jugendknast in Deutschland. Kevin ist der Neue und zugleich der vierte Mann in der Zelle. Als “Picco” wird er zuerst von den Anderen fertiggemacht. Doch er ordnet sich schnell ein und schweigt, als ein Mithäftling brutal vergewaltigt wird und später Suizid begeht. Jetzt steht sein Kumpel Tommy auf der Abschussliste... In kalten, schalen Farben schildert Philip Koch den harten Alltag in einer deutschen JVA. Er tut dies fast dokumentarisch und bezieht sich auf wahre Begebenheiten. Sein Film nimmt erst ganz allmählich Fahrt auf und zieht dann das Ding bis zum bitteren, schier unerträglichen Ende durch. Leider wirkt die Kameraarbeit dabei recht inhomogen. Denn grandiose Steadycam-Shots stehen starren Bildern gegenüber, in welchem oft die Schauspieler aus dem Blickwinkel verschwinden. Die Darsteller sind sehr gut ausgewählt und wirken authentisch. Keine leichte Kost.

DSCHUNGELKIND (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Universal
Land/Jahr: Deutschland 2010
Regie: Roland Suso Richter
Darsteller: Nadja Uhl, Thomas Kretschmann, Stella Kunkat
Kinostart: 17.02.2011

Als sie im Jahre 2005 ihr erstes Buch veröffentlichte, entwickelte sich die wahre Geschichte über Nacht zum Bestseller. Ihre Kindheit verbrachte Sabine Kuegler mit ihren Eltern, einem Forscherehepaar, und ihren Geschwistern mitten im Dschungel in West-Papua. Die vollkommen andersartige Kultur und Lebensweise der Eingeborenen prägte sie. Roland Suso Richters Filmadaptation hält sich über weite Strecken an die Buchvorlage und übernimmt auch dessen Kapiteleinteilung. So wird der Film immer wieder mit weißer Schrift auf schwarzem Grund unterbrochen, was leider immer so wirkt, als gäbe es ein Problem mit der Filmkopie. Warum Richter diese Einteilung gewählt und nicht etwa versucht hat, die Übergänge anders (z.B. durch eine Stimme aus dem Off) einzuleiten, bleibt ein Rätsel. Wie es auch ein Rätsel bleibt, warum uns der deutsche Filmverleiher eine Arbeitsfassung zur Begutachtung präsentierte. Denn die war im Hinblick auf Bild- und Tonqualität sehr gewöhnungsbedürftig. Auch ist anzuzweifeln, ob diese Arbeitskopie bereits die Filmmusik von Annette Focks enthielt oder ob unsere Ohren nicht mit einem Temp-Track aus der Konserve versorgt wurden. Letztendlich kann ich mir unter diesen Umständen keine endgültige Meinung über den Film bilden.
Mittwoch, 08. Dezember 2010
Wahnsinnsballett und Ausbruchshelfer
Heute Vormittag gab es mal wieder einen Film ganz nach meinem Geschmack. Und ich habe es schon immer gewusst: Ballett ist richtig gruselig!

BLACK SWAN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Black Swan
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Darren Aronofsky
Darsteller: Natalie Portman, Mila Kunis, Vincent Cassel, Winona Ryder, Barbara Hershey
Kinostart: 20.01.2011

Dass man von Ausnahme-Regisseur Darren Aronofsky (REQUIEM FOR A DREAM) stets etwas Besonderes erwarten darf, stellt er mit seinem neuesten Film abermals unter Beweis. Heuer wagt er sich an die Geschichte einer jungen Frau, die als der neue Stern am Firmament einer New Yorker Ballettgruppe gilt. Nina erhält von Choreograph Thomas Leroy die einzigartige Chance, in Tschaikowskys “Schwanensee” sowohl den guten weißen als auch den bösen schwarzen Schwan als Doppelrolle zu tanzen. Den weißen Schwan hat die unsichere, ängstliche und noch immer unter dem Einfluss ihrer dominanten Mutter stehende Nina schon perfekt verinnerlicht. Probleme bereitet ihr jedoch der schwarze Schwan. Je mehr sie sich in die Rollen hineinsteigert, umso mehr scheinen sich Wirklichkeit und Wahn zu vermischen. Und dann ist da noch die fesche Kollegin Lily, die ihr die Rolle streitig machen könnte... Mit den Stilmitteln eines subtilen Horrorfilms gelingt Aronovsky ein sehr spannender Psycho-Thriller, der im wahrsten Sinn des Wortes unter die Haut geht. Natalie Portman verkörpert Nina – magersüchtig, verklemmt, scheu und selbstzerstörerisch. Eine Oscar-Nominierung dürfte ihr sicher sein. Matthew Libatique, langjähriger Kameramann bei Aronovsky, liefert brillante Bildkompositionen ab und bringt die Zuschauer spätestens im Spiegelkabinett zum Staunen. Zu einem guten Horrorfilm gehört auch ein ansprechendes Sound-Design. Auch damit brilliert BLACK SWAN und könnte dafür locker eine Oscar-Nominierung einheimsen. BLACK SWAN ist atemberaubendes Kino, das durchaus noch lange nach dem Ende des Films nachwirken wird. Mein Tipp: unbedingt in einem bild- und tontechnisch guten Kino anschauen!

72 STUNDEN – THE NEXT THREE DAYS (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Next Three Days
Verleih: Kinowelt
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Paul Haggis
Darsteller: Russell Crowe, Elizabeth Banks, Michael Buie
Kinostart: 20.01.2011

Eines morgens wird Johns Ehefrau Lara unter Mordverdacht festgenommen. Ein Indizienprozess spricht sie schuldig und sie kommt hinter Gitter. John weiß aber, dass seine Frau unschuldig ist und unternimmt alles, um sie freizubekommen. Doch vergebens. Als sich sein kleiner Sohn zusehends von der Mutter distanziert, fasst er einen Entschluss: er will Lara aus dem Gefängnis befreien... In Ermangelung eigener Ideen verfilmt Hollywood immer wieder gerne französische Filme neu. So basiert nicht nur THE TOURIST auf einem französischen Film, sondern auch 72 STUNDEN. Und vermutlich wird man mit dem französischen Original besser bedient als mit Paul Haggis‘ Version, in der ein mit Trauermiene und gesenkter Stimme agierender Russell Crowe einen Schullehrer mimt, der einen grandiosen Ausbruchsplan erschafft. Haggis‘ Film ist über weite Strecken extrem langweilig und wird nur durch ein paar Action-Sequenzen hin und wieder zum Leben erweckt. Letztendlich ist auch die Aussage des Films recht grenzwertig, rechtfertigt sie sogar das Begehen eines Mordes für die Befreiung einer vermeintlich Unschuldigen. Wie gut, dass der Film nicht den Titel 96 STUNDEN trägt – denn dann wäre das Drama noch länger!
Dienstag, 07. Dezember 2010
Fressen und gefressen werden
Ganz langsam setzt sich die Pressemühle in Gang...

SERENGETI (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Universum (Walt Disney)
Land/Jahr: Deutschland 2010
Regie: Reinhard Radke
Kinostart: 03.02.2011

In seinem Dokumentarfilm zeigt Regisseur und Kameramann Reinhard Radke eine der tierreichsten Regionen unseres Planeten: die Serengeti in Afrika. Gnus, Löwen, Geparden , Zebras, Giraffen, Krokodile – alle sind sie hier versammelt und werden bei unterschiedlichen Tätigkeiten beobachtet. Wenn sie nicht gerade auf Futtersuche sind, dann werden sie selbst gerne schnell zum Futter böser Räuber. Radke zeigt auch die mysteriöse Wanderung der Tiere, die einmal jährlich vonstatten geht. Doch sein Film lebt leider zu oft von Wiederholungen. So werden wir nicht nur einmal Zeuge einer Krokodilattacke, sondern gleich des Öfteren. Die ist zwar mit Highspeed-Kameras eindrucksvoll gefilmt, doch könnte bestens dafür geeignet sein, kleine Kinder zu traumatisieren! Der von Hardy Krüger Jr. aus dem Off gesprochene Text macht aus SERENGETI das, was es eigentlich ist: einen TV-Film. Unterstützt wird dies noch durch das kleine Bildformat. Wie toll hätten wohl die prächtigen Tier- und Landschaftsaufnahmen in CinemaScope ausgesehen! So bleibt das Ganze ein in HD gedrehter Weichmacherfilm, bei dem sich der ein oder andere fragen wird, warum er den Gang ins Kino angetreten hat.
Freitag, 03. Dezember 2010
Lilli hext wieder
Mit einem gemächlichen Kinderfilm ging die Pressewoche heute zuende.

HEXE LILLI – DIE REISE NACH MANDOLAN (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Walt Disney
Land/Jahr: Deutschland, Österreich, Spanien 2010
Regie: Harald Sicheritz
Darsteller: Alina Freund, Sami Herzog, Anja Kling
Kinostart: 17.02.2011

Eigentlich kommt ihr der Brief aus dem märchenhaften Mandolan ganz gelegen. Denn Superhexe Lilli langweilt sich und muss sich dazu noch mit ihrem nervenden kleinen Bruder abgeben. Also nichts wie hin per Hexensprung nach Mandolan, wo der amtierende Großwesir (perfekt besetzt mit Jürgen Tarrach) dringend Hilfe benötigt, da der Thron verhext zu sein scheint. Damit beginnt für Lilli und ihren treuen Begleiter, der kleine Flugdrache Hektor, ein gefährliches neues Abenteuer... Bereits zum zweiten Mal dürfen Alina Freund alias Lilli und Michael Mittermeier alias Hektors Stimme Kinderherzen erobern. Nach den bekannten Büchern von Knister entstand ein durchaus kindgerechtes Märchen mit einem Hauch von 1001 Nacht. Hier sorgen keine schnellen Schnitte, peitschende Musik oder brachiale Toneffekte für Unterhaltung, sondern überlassen gemächlichem Tempo das Feld. Allerdings könnten Kinder unter 10 Jahren durchaus noch Angst bekommen, wenn Lilli ganz auf sich gestellt in die dunkle verbotene Stadt eintaucht. Diese Sequenz steht im krassen Gegensatz des sonst farbenfrohen und witzigen Abenteuerspiels.
Donnerstag, 02. Dezember 2010
Popcorn-Kino und Feel-Good-Movie
Für beide heute gezeigte Filme komponierte derselbe Mann die Filmmusik: David Arnold. Ihn hatte ich vor ein paar Jahren in Bradford getroffen...

DIE CHRONIKEN VON NARNIA: DIE REISE AUF DER MORGENRÖTE (1:2.35, 2k Digital, 3D, PCM 5.1)
OT: The Chronicles Of Narnia: The Voyage Of The Dawn Treader
Verleih: Fox
Land/Jahr: Großbritannien, USA 2010
Regie: Michael Apted
Darsteller: Ben Barnes, Skandar Keynes, Georgie Henley, Will Poulter
Kinostart: 16.12.2010

Im Nachkriegsengland sehnen sich Lucy und Edmund nach Narnia zurück. Die beiden sind bei der Familie ihres extrem nervenden Cousins Eustace untergebracht. Doch als plötzlich Wasser aus dem an der Wand hängenden Bild austritt, werden sie mitsamt Cousin wieder nach Narnia geschwemmt. Dort erleben sie an Bord der “Morgenröte”, einem großen Segelschiff, weitere aufregende Abenteuer... Teil drei der nach C.S. Lewis‘ Büchern entstandenen Fantasy-Serie lockt dieses Mal – wie könnte es anders sein – in 3D. Doch den Aufwand hätte man sich sparen können. Denn gemessen am Ergebnis kann es sich hierbei nur um eine schlampige Konvertierung eines 2D-Films handeln. Lässt man das Dreidimensionale einmal außer Acht, so bleibt ein durchaus respektabler Fantasy-Film übrig. Ein bisschen zu lang geraten ist er aber schon mit seinen 120 Minuten Spielzeit. Die visuellen Effekte sind überzeugend und machen natürlich wieder einen Großteil des Films aus, dem Neueinsteiger vermutlich nicht ganz folgen können. Aber warum soll es Nicht-NARNIA-Kennern besser gehen als Nicht-HARRY-POTTER-Kennern? Neben der kleinen putzigen Ratte mit blankem Degen überzeugt vor allem Will Poulter in der Rolle von Cousin Eustace – er spielt alle anderen glatt an die Wand. Wer Drachen, Meerjungfrauen, gruseligen Nebel oder Seeungeheuer mag, dem bietet dieser NARNIA-Teil bestes Popcorn-Kino. Schade nur, dass bei all der optischen und akustischen Opulenz die zweite, wesentlich tiefgründigere Ebene des Films, in der es ums Sterben und um den Glauben geht, dabei ziemlich vernachlässigt wird. Übrigens hat mir die Musik von David Arnold gut gefallen, auch wenn er in seinem Score heimlich Zitate anderer Komponisten einfließen ließ. Noch ein kurzer Kommentar zur Bildgestaltung: im Bildformat 1:2.35 vorgeführt erweckte der Film den Eindruck, als ob er für ein anderes Bildformat aufgenommen wäre. Zu oft waren Köpfe im oberen Bildteil abgeschnitten. Der während der Vorführung durchgeführte Test mit dem Bildformat 1:1.85 brachte keine Besserung. Die vermutung liegt nahe, dass hier jemand bei der Produktion des Films etwas verpfuscht hat.

WE WANT SEX (1:2.35, DD 5.1)
OT: Made In Dagenham
Verleih: Tobis
Land/Jahr: Großbritannien 2010
Regie: Nigel Cole
Darsteller: Sally Hawkins, Andrea Riseborough, Jaime Winstone
Kinostart: 13.01.2011

England 1968. In Dagenham produziert der amerikanische Autohersteller Ford im größten Werk Europas seine Autos – mit 55.000 Männern und 187 Frauen. Und diese Frauen, die in einer heruntergekommenen Fabrikhalle Autositze nähen müssen, wurden eben erst zu “ungelernten Arbeiterinnen” degradiert, um bei den Löhnen zu sparen. Mit Unterstützung des Gewerkschafters Albert wird die Hausfrau und Mutter Rita O‘Grady zum Sprachrohr der Arbeiterinnen und führt diese schließlich in einen Streik. Schon nach kurzer Zeit entwickelt sich der Streik nicht nur zur Zerreissprobe zwischen Arbeiterinnen und Management, sondern beeinflusst auch das soziale Leben der Beteiligten... Der reisserische Titel des Films bezieht sich auf ein nicht ganz ausgerolltes Transparent, das die Näherinnen während ihres Streiks präsentieren. Dort ist zu lesen “We Want Sex Equality”. Der Kampf jener 187 Arbeiterinnen des Ford-Werks im englischen Dagenham ist tatsächlich passiert und zählt als Meilenstein im Kampf um die Gleichbehandlung von Männern und Frauen in der Arbeitswelt. Nigel Cole und sein Team helfen in ihrem Film natürlich an der ein oder anderen Stellen auch mit erfundenen Vorfällen der Geschichte etwas nach, doch das geht voll in Ordnung. Bleibt es doch stets im Kontext und hilft dem Zuschauer Beziehungen zu den Figuren aufzubauen. Dabei kann sich Cole auf ein exzellentes Ensemble verlassen. Allen voran Sally Hawkins als Rita O’Grady, die sie mit perfekter Unsicherheit darstellt. Ihr zur Seite ein genialer Bob Hoskins als Gewerkschaftsmann, der Rita auf dem Weg nach oben unterstützt. Die deutsche Synchronfassung dürfte leider dafür sorgen, dass von dem grandiosen Arbeiter-Englisch nichts mehr übrig bleiben wird. Wenn die Möglichkeit besteht, den Film im O-Ton zu hören, dann sollte man diese unbedingt ergreifen. John de Bormans Kameraarbeit und das herrliche Produktionsdesign erwecken die 60er Jahre wieder zu vollem Leben. Ein rundherum gelungener Film, der es schafft, dass jener unerschütterliche “Spirit” der Arbeiterinnen automatisch auf die Kinozuschauer überschwappen wird. Ein Geheimtipp!
Mittwoch, 01. Dezember 2010
Tragödie und Dramödie
Ein Wechselbad der Gefühle bestimmte den heutigen Kinotag. Immerhin schaffte es der Verleiher von SATTE FARBEN VOR SCHWARZ uns den Film beim mittlerweile dritten Anlauf tatsächlich zu zeigen!

SATTE FARBEN VOR SCHWARZ (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: farbfilm (24 Bilder)
Land/Jahr: Spielfilm, Deutschland, Schweiz 2010
Regie: Sophie Heldman
Darsteller: Bruno Ganz, Senta Berger, Leonie Benesch
Kinostart: 13.01.2011

Fred und Anita, ein gut situiertes Paar im fortgeschrittenen Alter, müssen sich einer Herausforderung stellen: bei Fred wurde ein bösartiger Prostata-Krebs diagnostiziert. Doch zur Überraschung nicht nur seiner Frau, sondern auch seiner Kinder, weigert sich Fred sich einer Operation zu unterziehen. Sein Verhalten droht die Ehe zu zerstören... Ein selbstbestimmtes Leben zu führen – bedeutet das auch, dass man sich den Todeszeitpunkt selbst aussuchen darf? Regisseurin Sophie Heldman spürt in ihrem Film dieser Frage nach. Doch auch trotz der guten Besetzung versteht sie es nicht, den Zuschauer zu fesseln. Auch dann nicht, wenn sich Fred und Anita am Ende für den gemeinsamen Freitod entscheiden. Zu vieles bleibt im Film unbeantwortet und so kann man die Handlungsweisen der Eheleute nicht immer nachvollziehen. Schwierige Kost, eher fürs Fernsehen gedacht denn für die große Leinwand.

FASTEN AUF ITALIENISCH (1:1.85, DD 5.1)
OT: L’Italien
Verleih: Arsenal (Central)
Land/Jahr: Frankreich 2010
Regie: Olivier Baroux
Darsteller: Kad Merad, Valérie Benguigui, Roland Giraud
Kinostart: 13.01.2011

Dino ist ein Italiener wie er im Buche steht. Als erfolgreicher Autoverkäufer arbeitet er in einem Autosalon in Frankreich, spielt gerne Fußball mit den Kollegen und hat eine aufregende Freundin. Was niemand ahnt: in Wirklichkeit ist er ein Algerier – ein Moslem. Nicht einmal seine Familie weiß von seinem Doppelspiel. Als er seinem kranken Vater verspricht, an seiner Stelle den Ramadan durchzuführen, bringt ihn das in große Probleme... Auf witzige Weise versucht Olivier Baroux ein ernstes Thema in seinem Film anzugehen: Rassismus. Denn nur durch das Verstecken seiner tatsächlichen Nationalität konnte sich Dino eine gute Existenz in Frankreich aufbauen – angefangen von der Wohnungssuche bis hin zum Job. Kad Merad (WILLKOMMEN BEI DEN SCHT’IS) verkörpert den Pseudo-Italiener perfekt. Leider kann der Film seinen Witz nicht beibehalten und wird zunehmend melancholischer und ernster. Es mangelt ihm an Ausgewogenheit.

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