Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

Wolfram Hannemann | Talstr. 11 | D-70825 Korntal | Germany | Phone: +49 (0) 711 838 06 49 | Fax: +49 (0) 711 8 38 05 18
e-mail: info (at) wolframhannemann.de

Home      Referenzen      Filmblog      Videoproduktion    Jugendschutzbeauftragter      Impressum
Filmblog Aktuell           Filmblog-Archiv           Filmtitel-Index     

In eigener Sache:
Als regelmäßigem Besucher meines Filmblogs ist Ihnen bestimmt schon aufgefallen, dass in letzter Zeit einige Filme nicht rezensiert werden. Das hat seinen Grund. Als ich vor 10 Jahren mit diesem Filmblog begann, bestand die Absicht darin, möglichst alle Filme zu besprechen, denen ein offizieller Start in deutschen Kinos zuteil wurde. Da zur damaligen Zeit praktisch alle Filmverleiher ihre Filme in Stuttgart mit Pressevorführungen bedachten, war dieses hehre Ziel - mit wenigen Ausnahmen - tatsächlich zu erreichen. In den letzten Jahren jedoch verabschiedeten sich immer mehr Filmverleiher aus Stuttgart, d.h. diese Verleiher führen in Stuttgart keine Pressevorführungen mehr durch. Dazu zählen u.a. Warner Brothers, Sony Pictures, Concorde, oder inzwischen auch Disney. All jene Filme, die in Stuttgart keine Pressevorführung erhielten, in regulären Vorführungen "nachzusitzen", ist mir leider momentan aus Zeitgründen nicht möglich; das klappt nur hin und wieder. Die Devise lautet: Mut zur Lücke.

Wolfram Hannemann, im März 2018

LOB IST SCHWERER ALS TADEL
Weitere Termine in Vorbereitung!
Alle Infos gibt es hier


DAS VORSPIEL
Im Gespräch mit Regisseurin Ina Weisse und Hauptdarstellerin Nina Hoss

DANCE AROUND THE WORLD
Mit den Machern im Gespräch:
Eric Gauthier, Andreas Ammer, Joachim Lang

CUNNINGHAM
Im Gespräch mit Regisseurin Alla Kovgan

FOCUS ON
Christian Schwochow (Regisseur)

FOCUS ON
Jana und Sophia Münster (HANNI & NANNI)

NUR DIE FÜSSE TUN MIR LEID
Die Filmemacherin Gabi Röhrl im Gespräch

ALS ICH MAL GROSS WAR
Die Filmemacher Lilly Engel und Philipp Fleischmann im Gespräch

LARA
Im Gespräch mit Regisseur Jan-Ole Gerster

INVISIBLE SUE - PLÖTZLICH UNSICHTBAR
Darstellerin Anna Shirin Habedank und Regisseur Markus Dietrich im Gespräch

DAUGHTER OF DISMAY
Director James Quinn talks 70mm

A GOOD WOMAN IS HARD TO FIND
In Conversation with Director Abner Pastoll

SYSTEMSPRENGER
Regisseurin Nora Fingscheidt im Gespräch

SCHWIMMEN
Regisseurin Luzie Loose im Gespräch

DIE SPASSMACHER
Im Gespräch mit Filmemacher Klaus Peter Karger

THE WHALE & THE RAVEN
Im Gespräch mit Mirjam Leuze (Regisseurin) und Hermann Meuter (Protagonist)

PETTING STATT PERSHING
Petra Lüschow im Gespräch

GOLDEN TWENTIES
Sophie Kluge im Gespräch

A GSCHICHT ÜBER D'LIEB
Im Gespräch mit Peter Evers (Regie) und Merlin Rose (Darsteller)

THROUGH THE LENS: SHANTI BHUSHAN ROY
Indian cinematographer Shanti Bhushan Roy talks about his job

ES GILT DAS GESPROCHENE WORT
Regisseur und Drehbuchautor Ilker Catak spricht über seinen Film

THROUGH THE LENS: PARAMVIR SINGH
Indian cinematographer Paramvir Singh talks about his job

Alle meine Video-Produktionen finden Sie auf meinem YouTube-Kanal!
Hier klicken


FANTASY FILMFEST WHITE NIGHTS 2020 (18.-19.01.2020, Stuttgart)
Ein Rückblick



Samstag, 25.01.2020
Schwelender Konflikt
Ein Drama aus der Türkei beendete die aktuelle Pressewoche für mich

BROTHERS (1:2.35, 5.1)
OT: Kardesler
Verleih: Filmdisposition Wessel
Land/Jahr: Türkei, Deutschland, Bulgarien 2019
Regie: Ömür Atay
Darsteller: Ege Yazar, Caner Sahin, Gözde Mutluer
Kinostart: 09.01.2020

Nach vier Jahren in der Jugendstrafanstalt wird der mittlerweile 17jährige Yusuf entlassen. Sein älterer Bruder nimmt sich ihm an und gibt ihm einen Job in einem Tankstellen- und Motelbetrieb, bei dem er als Geschäftsführer arbeitet. Doch die Atmosphäre zwischen Yusuf und seinem Bruder ist nicht sonderlich herzlich. Ein dunkles Geheimnis lastet auf den Geschwistern... Mit atmosphärisch dichten CinemaScope-Bildern erzählt Regisseur Ömür Atay sein Drama um zwei Brüder, zwischen denen eine ungesühnte Schuld steht. Erst nach und nach lüftet das Drehbuch das Geheimnis um diese Schuld, wodurch der Film konsequent spannend bleibt. Atay kann sich hier auf ein beeindruckendes Ensemble verlassen, das seine Rollen überzeugend angelegt. Filmmusik wird nur ganz sparsam eingesetzt, verstärkt aber dort, wo sie zu hören ist, den schwelenden Konflikt. Junges türkisches Kino jenseits des Mainstreams.
Mittwoch, 22. Januar 2020
Wir ziehen in den Krieg
Ein Kinoerlebnis der ganz speziellen Art schlug mich in seinen Bann

1917 (1:2.35 bzw. 1:1.90 (IMAX), DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: 1917
Verleih: Universal
Land/Jahr: Großbritannien, USA 2019
Regie: Sam Mendes
Darsteller: George MacKay, Dean-Charles Chapman, Daniel Mays, Colin Firth
Kinostart: 16.01.2020

6. April 1917. Zwei englische Soldaten erhalten den mörderischen Auftrag: in einem Wettlauf gegen die Zeit sollen sie tief in Feindesgebiet eindringen, um eine Nachricht zu überbringen, die 1600 Kameraden das Leben retten könnte... Was Sam Mendes hier auf die große Kinoleinwand bringt, ist ein logistisches Meisterstück. Als “One Take” angelegt, kommt der Film fast ohne Schnitt aus und lässt die Kinozuschauer damit quasi in Echtzeit an dem Himmelfahrtskommando der beiden Protagonisten teilnehmen. In farbreduzierten Bildern schildern Mendes und sein kongenialer Kameramann Roger Deakins damit die Greuel des Ersten Weltkriegs, die hier stellvertretend für alle Kriege stehen. Eine sehr dynamische Tonmischung, die auch auf leise Töne nicht verzichtet, sowie die grandiose Filmmusik von Mendes‘ Hauskomponist Thomas Newman machen des Kinoerlebnis auch auf der akustischen Ebene zu einem überwältigenden Erlebnis. Ich habe mir die Freiheit genommen und mir den Film in beiden Auswertungsformaten angeschaut. Gegenüber der Standardkinopräsentation im normalen CinemaScope-Format gewinnt die IMAX-Fassung mit ihrem erweiterten Bildausschnitt deutlich. Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Mendes innerhalb der 119 Minuten Spielzeit so gut wie keinen (erkennbaren) Schnitt ansetzt und man dadurch als Zuschauer wirklich in den Film eintauchen kann – etwas, was bei sonstigen Blockbustern aufgrund viel zu schneller Schnittfolgen nie gelingt. Es ist eigentlich schade, dass Mendes seinen Film nicht direkt im originären IMAX-Verfahren aufgenommen hat, denn dann würden auch noch die jetzt sichtbaren kleinen Balken am oberen und unteren Ende der IMAX-Bildwand verschwinden. Mein persönlicher Geheimtipp: unbedingt im IMAX-Kino anschauen!
Dienstag, 21. Januar 2020
#MeToo
Wahnsinn – nur eine einzige Pressevorführung in dieser Woche!

BOMBSHELL – DAS ENDE DES SCHWEIGENS (1:2.35, 5.1)
OT: Bombshell
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: USA, Kanada 2019
Regie: Jay Roach
Darsteller: Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie, John Lithgow
Kinostart: 13.02.2020

Als sich Nachrichtenmoderatorin Gretchen Carlson weigert, weiterhin die “TV-Barbie” zu geben, wird ihr Vertrag vom Sender Fox News nicht mehr verlängert. Gretchen entscheidet sich, gegen ihren langjährigen Chef Roger Ailes wegen sexueller Belästigung zu klagen. Der ist mittlerweile daran, seinen Neuzugang Kayla gefügig zu machen. Und Megyn Kelly, das Aushängeschild der Fox News, beobachtet das Geschehen aus sicherer Distanz. Vorerst. - In seinem Spielfilm rückt Regisseur Jay Roach genau jenen Skandal in den Fokus, der 2016 zum Rücktritt von Fox News‘ Senderchef Roger Ailes führte und der als ein erster Meilenstein in der #MeToo-Debatte gilt. Als Dreh- und Angelpunkt seiner Geschichte dient ihm Charlize Theron in der Rolle der “First Lady” der Fox News, Megyn Kelly. Er lässt sie nicht nur aus dem Off erzählen, sondern sich auch direkt an das Kinopublikum wenden. Als quasi Moderatorin erklärt sie die Hierarchien im Fox News Imperium und warum es so toll ist, dort zu arbeiten. Ihre Mitstreiterinnen in der Sache sind Nicole Kidman als ihre Kollegin Gretchen Carlson, die ihre Rolle beeindruckend zurückhaltend anlegt, sowie Margot Robbie als Redakteurin Kayla Pospisil. Letztere stiehlt Theron und Kidman die Schau in Sachen Performance und damit die Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin mehr als verdient hat. Bei den männlichen Darstellern überzeugt vor allem John Lithgow als das Ekel Roger Ailes, eine Rolle für die zu spielen einiges an Mut notwendig ist. BOMBSHELL ist grandioses Schauspieler-Kino, das vermutlich die #MeToo-Debatte wieder befeuern dürfte.
Dienstag, 14. Januar 2020
Drei auf einen Streich
Das neue Jahr nimmt Fahrt auf: das erste Triple Feature stand heute an

ÜBER DIE UNENDLICHKEIT (1:1.85, 5.1)
OT: Om Det Ooändliga
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Schweden 2019
Regie: Roy Andersson
Darsteller: Mariusz Sus, Lisa Blohm, Pär Fredriksson
Kinostart: 19.03.2020

Skurril, grotesk, absurd – die Filme des schwedischen Regisseurs Roy Andersson sind alles andere als Massenware. Mit denselben Stilmitteln wie in EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH präsentiert er aneinandergereihte Szenen (die nur gelegentlich in Bezug zueinander stehen), die zusammen ein Kaleidoskop bilden von allem, was ewig menschlich ist. Schönheit, Grausamkeit, Pracht sowie Einfachheit werden so in statischen, kontrastarmen Bildern gegeneinander gestellt. Da gibt es die schamlose Informationsmanagerin, die vor einem Fenster posiert; die Mutter mit Kinderwagen, die Probleme mit ihren Absätzen hat; den Führer, für den im Bunker das letzte Stündlein geschlagen hat; den Mann, der wie Jesus ein schweres Holzkreuz schleppen muss; den Priester, der seinen Glauben verloren hat und dem Alkohol frönt; drei Mädchen, die sich von einem Song spontan zum Tanz animieren lassen; den Zahnarzt, dessen Patient auf eine Narkose verzichtet; usw. Andersson erzählt mit einen Bildern in nur 78 Minuten weit mehr als so mancher Film von zwei Stunden Länge. Dafür aber ist sein Film nicht für jedermann geeignet. Wer kein Problem damit hat, verwirrt aus dem Kino zu kommen, der sollte sich auf Anderssons Mikrokosmos einlassen.

ENKEL FÜR ANFÄNGER (1:2.35, 5.1)
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Wolfgang Groos
Darsteller: Heiner Lauterbach, Maren Kroymann, Günther Maria Halmer, Barbara Sukowa
Kinostart: 06.02.2020

Aufgrund einer Sperrfristvereinbarung gibt es die Kurzkritik zu diesem Film erst ab 03.02.2020 an dieser Stelle

DIE HEINZELS – RÜCKKEHR DER HEINZELMÄNNCHEN (1:1.85)
Verleih: Tobis
Land/Jahr: Deutschland 2020
Regie: Ute von Münchow-Pohl
Kinostart: 30.01.2020

Um auch endlich die begehrte Zipfelmütze zu bekommen, beschließt das Heinzelmädchen Helvi in die Menschenwelt zu gehen, um dort ein Handwerk zu lernen. Beim Bäckermeister Theo findet sie gemeinsam mit ihren Freunden Butz und Kipp Unterschlupf. Weil der jedoch mit seinem Bruder im Streit liegt, laufens eine Geschäfte mehr als schlecht. Wie gut nur, dass es die Heinzelmännchen gibt... Hier wird geheinzelt was das Zeug hält! In durchschnittlicher Computeranimationstechnik versucht sich der für kleine Kinder konzipierte Film an einer Geschichte, bei der – so scheint’s – die UGLY DOLLS Pate standen. In den Mittelpunkt des Films haben die Macher ein Heinzelmädchen gerückt, das sich bewähren muss. Somit dürfte der Film vor allem kleine Mädchen ansprechen. Einmal mehr überzeugt die Filmmusik von Alex Komlew, der wie immer mit Orchester arbeitet und damit die Produktion auf ein hohes Niveau anhebt.
Montag, 13. Januar 2020
Den Wald vor lauter Bäumen sehen
Den Kinofilm zum Sachbuchbestseller gab es heute zur Eröffnung der Pressewoche

DAS GEHEIME LEBEN DER BÄUME (1:1.85, 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2020
Regie: Jörg Adolph
Darsteller: Peter Wohlleben
Kinostart: 23.01.2020

Mit seinem 2015 veröffentlichten Sachbuch “Das geheime Leben der Bäume” landete Peter Wohlleben quasi über Nacht auf der Bestsellerliste. Darin beschreibt der gelernte Förster seine Beobachtungen und Erkenntnisse an Bäumen in Wäldern. Und die waren sensationell: denn entgegen dem weit verbreiteten Glauben, dass es sich bei diesen Gewächsen um Einzelgänger ohne Gefühle handelt, entdeckte Wohlleben, dass es sich hier sehr wohl um Wesen handelt. Solidarisch greifen Bäume ein, wenn es um das Überleben eines Artgenossen geht und unterstützen diesen gemeinschaftlich, indem sie ihm Wasser und Nährstoffe zukommen lassen. Bäume haben auch Freunde und Verbündete, wie etwa Pilze, deren unterirdische Vernetzung eine Art Internet für die Pflanzen bildet, über das Informationen übertragen werden. Wie kein Anderer versteht sich Wohlleben darauf, diese Erkenntnis für jedermann verständlich zu formulieren. Meist, in dem er einen Vergleich zu ähnlichen Situationen bei den Menschen dafür benutzt. “Wenn Sie etwas für den Wald tun wollen, können Sie es unterlassen, dort herumzusägen" und “Wenn wir Naturschutz machen, schützen wir nicht die Natur” sind dabei zwei der Kernaussagen von Wohlleben, der sich dafür einsetzt, den Wald sich selbst zu überlassen. Denn nur so könnte überhaupt gutes Holz entstehen. Gut Ding braucht eben Weile – was freilich im krassen Gegensatz zu unserer Lebensweise steht. Für den nach dem Buch inspirierten Dokumentarfilm liefert der Naturfilmer Jan Haft atemberaubende Bilder. Haft, der selbst schon einige wunderbare Naturfilme auf die Leinwand brachte (darunter auch einen über den Wald!), verwendet für seine Aufnahmen neueste Technik, die es erlaubt, in grandiosen Zeitrafferaufnahmen selbst kleinste Details wachsender Pilze sichtbar zu machen. Es sind Bilder, die nicht nur Naturliebhaber begeistern werden und die von Franziska Henkes Filmmusik einfühlsam unterstützt werden. Leider hat der Film aber auch ein “Gschmäckle”: zu oft wird die Person Peter Wohllebens in den Mittelpunkt gerückt. Man sieht ihn in Talkshows, in Radio-Interviews, als Redner auf Demos. Sogar die Seiten seines Bestsellers werden in Großaufnahme auf der Leinwand ausgebreitet. Das riecht dann doch alles etwas zuviel nach PR für den Bestseller und seinen Autor. Schaut man sich den Trailer zum Film an, so ahnt man von dieser PR-Show absolut nichts. Und das ist – gelinde ausgedrückt – dann doch etwas perfide.
Freitag, 10. Januar 2020
Na dann Prost!
Ein interessanter Dokumentarfilm über den Umstand, dass Alkohol nicht als Droge gilt

ALKOHOL – DER GLOBALE RAUSCH (1:1.85, 5.1)
Verleih: Tiberius Film (24 Bilder)
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Andreas Pichler
Kinostart: 09.01.2020

Eigentlich sind die Fakten glasklar und nicht zu widerlegen: Alkohol in jeglicher Form und Menge ist als Droge einzustufen! Warum aber ist das Teufelszeug nach wie vor nicht auf der Liste verbotener Substanzen gelandet und genießt stattdessen international ein hohes Ansehen? In seiner Dokumentation versucht der Filmemacher Andreas Pichler diesen Widerspruch zu ergründen. Wissenschaftler, Ärzte, Psychologen, Hersteller und sogar Alkoholiker, die inzwischen trocken sind, holt Pichler vor die Kamera. Da ist die junge Frau aus Liverpool, die davon berichtet, was der Alkohol mit ihr anstellte. Oder der Journalist, für den Alkohol quasi zum Berufsbild mit dazugehörte und der ganz allmählich zum Problemtrinker wurde. Da ist das Geständnis eines ehemaligen Mitarbeiters der Firma Heineken, der davon erzählt, dass sein Arbeitgeber in Afrika Prostituierte einsetzte, um den Mannsbildern den Alkohol schmackhaft zu machen. Bis auf Carlsberg war kein Alkoholhersteller dazu bereit, vor die Kamera zu treten. Das lässt tief blicken. Alkohol ist eine salonfähige Droge, die vom Staat geduldet wird, weil damit Geld verdient werden kann und auf diese Weise für die Staatseinnahmen nützlich ist. Doch die Kehrseite der Medaille wird gerne verschwiegen: denn den Steuereinnahmen aus Alkoholverkäufen steht ein wesentlich höherer Kostenfaktor entgegen – nämlich jener, der beispielsweise im Gesundheitswesen durch die Folgen des Alkoholmissbrauchs Jahr für Jahr entstehen. Dass es auch anders geht, zeigt der Film am Beispiel Islands, wo alles dafür getan wird, um Menschen über die dunkle Seite des Alkohols aufzuklären und gleichzeitig solche Angebote zu schaffen, die den Menschen auf natürliche Weise genau die Körperstoffe und –reaktionen gibt, die sie sonst nur durch schädlichen Alkoholkonsum erhalten würden. Pichlers Film ist eine lohnenswerte Doku, die ohne den erhobenen Zeigefinger zum Nachdenken auffordert.
Donnerstag, 09. Januar 2020
Im Schmelztiegel der Gewalt
Frankreichs Oscar-Beitrag stand heute auf der Tagesordnung

DIE WÜTENDEN – LES MISÉRABLES (1:2.35, 5.1)
OT: Les Misérables
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: Frankreich 2019
Regie: Ladj Ly
Darsteller: Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djibril Zonga
Kinostart: 23.01.2020

Polizist Stéphane wird den erfahrenen Kollegen Chris und Gwada als dritter Mann zur Seite gestellt. Gemeinsam fahren sie Streife im Schmelztiegel Montfermeil, einem Vorort von Paris mit hohem Migrationsanteil und Spannungen zwischen rivalisierenden Gangs. Als das Löwenbaby aus einem von Zigeunern betriebenen Zirkus gestohlen wird, droht eine Eskalation. Um das zu verhindern, machen sich die Polizisten auf die Suche nach dem Löwenbaby. Als sich die Situation zuspitzt und sich ein Schuss löst, bringt das die Polizisten in arge Bedrängnis: eine Drohne hat die unschöne Szene aufgenommen... Ein Zitat aus Victor Hugos “Les Misérables” steht am Ende von Ladj Lys Actiondrama: “Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner”. Alles was der Regisseur mit seinem Film vermitteln möchte, wird damit auf den Punkt gebracht. Und Ly weiß wovon er erzählt, stammt er doch selbst aus Montfermeil, jenem Pariser Vorort, in dem seine Geschichte spielt. Es ist ein Pulverfass, das jeden Moment zu explodieren droht und für das sich die Politik trotz der massiven Ausschreitungen im Jahre 2005 nicht wirklich interessiert. Hier treffen die unterschiedlichsten Ethnien aufeinander, herrscht Armut und sozialer Notstand. Ganz behutsam führt Ly die Zuschauer in dieses von Migranten bevölkerte Banlieu ein. Gemeinsam mit dem Neuen an Bord des zivilen Polizeiwagens schickt er seine CinemaScope-Kamera auf Tauchstation in diesen brodelnden Untergrund. Und für Schwarzweißmalerei ist in dieser Welt kein Platz. Nicht nur bei den Bewohnern gibt es Gut und Böse, auch die Polizisten sind davor nicht gefeit – die Gewalt, der sie tagtäglich begegnen, färbt auf sie selber ab. Lys Film gibt sich insgesamt sehr authentisch, was zum großen Teil an der Besetzung der Kleinrollen mit Laiendarstellern liegt. Eine wirklich gute Figur machen auch die professionellen Darsteller, die die drei Polizisten mimen. Auch ihr Spiel wirkt extrem glaubwürdig. Ebenfalls bemerkenswert: der Film bricht mit dem Klischee, einen derartigen Film mit Rap-Musik zuzudröhnen. Stattdessen gibt es nur spärlich eingesetzte Filmmusik. Der Schnitt und die nicht immer sauberen Bilder unterstreichen das pseudo-dokumentarische Feeling des Films, den Frankreich ins Oscar-Rennen geschickt hat. Sehenswertes Kino mit Anspruch.
Mittwoch, 08. Januar 2020
Ein Amerikaner in Rom
Startschuss für ein hoffentlich reichhaltiges Pressevorführungsjahr

TOMMASO UND DER TANZ DER GEISTER (1:2.35, 5.1)
OT: Tommaso
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Italien, Großbritannien, USA, Griechenland 2019
Regie: Abel Ferrara
Darsteller: Willem Dafoe, Cristina Chiriac, Anna Ferrara
Kinostart: 13.02.2020

Der amerikanische Filmemacher Tommaso ist nach Rom ausgewandert, wo er mit seiner wesentlich jüngeren Lebensgefährtin und der gemeinsamen kleinen Tochter lebt. Der Alltag bestimmt sein Leben, das alles andere als aufregend scheint und von Beziehungsproblemen überschattet wird... Das Beste am Film ist die darstellerische Wucht eines Willem Dafoe, die den gesamten Film trägt. Perfekt zeigt der Mime eine Gradwanderung zwischen Normalität und Wahnsinn und dürfte damit wohl so etwas wie das Alter Ego von Regisseur Abel Ferrara verkörpern. Der zwischen Realität, Trugbildern und Träumen mäandernde Film setzt auf eine agile digitale Handkamera mit anamorphotischen Linsen und schafft damit interessante Kinobilder. Allerdings sollte man die Hände von diesem Film lassen, wenn man auf der Suche nach ansprechender Unterhaltung ist. Ferraras Film ist verkopftes Kino, das sich nicht jedermann erschließen will (und möchte).

© 2009-2020 Wolfram Hannemann
Datenschutzerklärung
All displayed Logos and Product Names may be ©, TM or ® by their respective rights holding companies.
No infringement intended.