Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Wie heisst es doch so schön: "Kritiker sind wie Eunuchen: sie wissen zwar wie es geht, können es aber nicht!"
Ich arbeite zumindest daran.

Wolfram Hannemann, im Juli 2015

LOB IST SCHWERER ALS TADEL
Weitere Termine in Vorbereitung!
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ALTE JUNGS
Filmpremiere im Atelier am Bollwerk in Stuttgart

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FANTASY FILMFEST WHITE NIGHTS #3 (20.-21.01.2018) - Ein Rückblick

Montag, 22. Januar 2018
Übersinnlich
Nur eine einzige Pressevorführung in dieser Woche! Trauen sich die Filmverleiher etwa nicht mehr im Schwabenland ihre Produkte der Presse zu zeigen?

THELMA (1:2.35, 5.1)
OT: Thelma
Verleih: Koch Films (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Norwegen, Frankreich, Dänemark, Schweden 2017
Regie: Joachim Trier
Darsteller: Eili Harboe, Kaya Wilkins, Henrik Rafaelsen
Kinostart: 22.03.2018

Die Begegnung mit Kommilitonin Anja löst bei der schüchternen Thelma aus streng konservativem Elternhaus ungeahnte Gefühle aus. Doch mit ihren starken Gefühlen treten plötzlich auch epileptische Anfälle auf, die in Thelma offenbar übernatürliche Fähigkeiten freisetzen... Filme wie CARRIE haben vermutlich Pate gestanden bei Joachim Triers ambitioniertem Mystery-Thriller über eine junge Frau, die außerordentliche Fähigkeiten besitzt. Eili Harboe spielt diese Thelma, die streng religiös aufgewachsen ist und sich deshalb nicht nur mit Alkohol schwer tut, sondern auch mit ihrer eigenen Sexualität. Ein frisches, neues Gesicht ist immer ein großer Pluspunkt in einem Mystery-Thriller, kann mit ihm doch schlichtweg alles passieren. Und genau das macht ein ohnehin schon ziemlich beanspruchtes Genre wieder richtig interessant. Beeindruckend: die Kameraarbeit (Jako Ihre) und das Sound Design. Fazit: brauchbare Kinokost.
Freitag, 19. Januar 2018
Ein Abschied mit einem Lächeln
Ein kleiner melancholischer Film mit einem großen Schauspieler stand heute am Ende der Pressewoche

LUCKY (1:2.35, 5.1)
OT: Lucky
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: USA 2017
Regie: John Carroll Lynch
Darsteller: Harry Dean Stanton, David Lynch, Ron Livingston, Ed Begley Jr., Tom Skerritt
Kinostart: 08.03.2018

Sein altes Leben verläuft nach genau abgestimmten Ritualen: Lucky ist ein Eigenbrötler, wie er im Buche steht. Jeder Tag verläuft genau gleich. Alle kennen den Einzelgänger in dem kleinen Dorf, das irgendwo im amerikanischen Westen liegt, umgeben von karger Kakteenlandschaft. Als Lucky eines Tages ohne ersichtlichen Grund umfällt, beginnt er über sein Leben zu sinnieren... Es heisst Abschied nehmen von einem großartigen Schauspieler, der Filmfans über viele Jahrzehnte begeistert hat: Harry Dean Stanton, der im September 2017 im Alter von 91 Jahren starb. In seinem Film LUCKY zelebriert Regisseur John Carroll Lynch (der eigentlich Schauspieler ist) diesen Abschied auf rührende Weise. Der Film wirkt wie ein letztes “Get Together” der Freunde und Wegbegleiter von Harry Dean Stanton. Es passiert nicht viel in dem kleinen Städtchen, in dem Lucky lebt, aber doch genügend, um darüber zu reflektieren und auch über das Leben, das leider endlich ist. Von Tim Suhrstedt mit wundervollen CinemaScope-Bildern ausgestattet, entfaltet LUCKY ein wehmütiges Feeling. Doch wenn Stanton am Ende lächelnd in die Kamera blickt, weiss man: alles wird gut.
Donnerstag, 18. Januar 2019
Mit Josef Hader durch die Nacht
Das erste Triple-Feature des Jahres bot viel Interessantes

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER (1:2.35, 5.1)
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Lars Kraume
Darsteller: Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Anna Lena Klenke, Isaiah Michalski, Jonas Dassler, Ronald Zehrfeld, Jördis Triebel, Florian Lukas, Burghart Klaußner, Michael Gwisdek
Kinostart: 01.03.2018

Aufgrund einer Sperrfristvereinbarung gibt es die Kurzkritik zu diesem Film erst nach der Welturaufführung auf der Berlinale 2018 an dieser Stelle


ARTHUR & CLAIRE(1:2.35, 5.1)
Verleih: Universum Film (24 Bilder)
Land/Jahr: Deutschland, Österreich, Niederlande 2018
Regie: Miguel Alexandre
Darsteller: Josef Hader, Hannah Hoekstra
Kinostart: 08.03.2018

Aufgrund einer Sperrfristvereinbarung gibt es die Kurzkritik zu diesem Film erst ab 02.02.2018 an dieser Stelle


DIE BIENE MAJA – DIE HONIGSPIELE (1:1.85, 5.1)
Verleih: Universum Film (Walt Disney)
Land/Jahr: Deutschland, Australien 2018
Regie: Alex Stadermann, Noel Cleary
Kinostart: 01.03.2018

Zusammen mit ein paar tapferen Kameraden wird die fröhliche Biene Maja zu den sogenannten Honigspielen geschickt. Ihre Aufgabe: die Spiele gewinnen, um so ihren Bienenstock davor zu bewahren, dass der ohnehin schon knappe Honig an die Bienenkaiserin abgetreten werden muss... Der in deutsch-australischer Koproduktion entstandene Compueranimationsfilm richtet sich insbesondere an kleine Kinder, für die Maja eine Art Vorbildfunktion einnimmt. So lernen die kleinen Zuschauer etwas über Ehrlichkeit, Loyalität, das sich Entschuldigen, Freundschaft und Solidarität. Alles natürlich verpackt in rasante Action, die viel Spaß bereitet. Die Animation lässt sich durchaus sehen, auch wenn sie nicht mit Pixar Stand halten kann – was sie aber auch gar nicht möchte. Beachtlich: die Filmmusik aus der Feder von Ute Engelhardt, die auch schon den ersten Kinofilm mit der flotten Biene vertonte.
Mittwoch, 17. Januar 2018
Das schwarze Schaf
Zur Wochenmitte war Lachen angesagt. Leider hat es nicht geklappt

DOCTEUR KNOCK – EIN ARZT MIT GEWISSEN NEBENWIRKUNGEN (1:2.35, 5.1)
OT: Knock
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: Frankreich 2017
Regie: Lorraine Levy
Darsteller: Omar Sy, Ana Girardot, Alex Lutz
Kinostart: 22.02.2018

Frankreich in den 1950er Jahren. Auf der Flucht vor seinen Häschern entwischt der Kleinganove Knock mittels eines Kreuzfahrtschiffes, auf dem der Filou als Schiffsarzt anheuert – natürlich ohne je Medizin studiert zu haben. Hier kommt er auf den Geschmack als er merkt, dass man mit Medizin gutes Geld verdienen kann. Fünf Jahre später schlägt er nach erfolgreichem Medizinstudium in einem kleinen Dorf auf, um dort die Praxis des scheidenden Arztes zu übernehmen. Doch die Dorfbevölkerung ist einfach zu gesund – niemand benötigt seine Dienste. Doch Knock hat einen Plan: die Menschen dort wisse nur noch nicht, dass sie krank sind. Die große Kunst ist es, für jeden die richtige Krankheit zu finden! Bald floriert sein Geschäft. Dem Pfarrer ist der große schwarze Mann von Anfang an suspekt. Als plötzlich einer von Knocks Häschern bei ihm auftaucht, sieht sich der Pfarrer bestätigt... Mit ZIEMLICH BESTE FREUNDE wurde Omar Sy quasi über Nacht zu Frankreichs neuem Superstar. Entsprechend hoch sind dadurch inzwischen die Erwartungen an jeden neuen Film mit dem Charmeur par excellence. Doch bislang wurden diese Erwartungen nicht mehr erfüllt. So auch mit dem von Lorraine Levy inszenierten Film, der irgendwo zwischen Komödie und Drama mäandert, ohne sich je richtig festlegen zu wollen. Zweifelsfrei präsentiert sich Sy hier wieder von seiner Schokoladenseite und mimt den Filou Dr. Knock mit Bravour. Wenn nur das Drehbuch und die Inszenierung dieses Potenzial auch aufgreifen würden! Relativ häufig sitzt man da im Kinosessel und beginnt sich zu langweilen. Klar gibt es da den ziemlich schusseligen Briefträger auf dem Fahrrad, für den ganz sicher Jacques Tati Pate gestanden hat und der praktisch den Dorftrottel gibt. Doch nicht einmal, wenn er durch Unachtsamkeit im Dorfbrunnen landet, kann man lachen. Das ist einfach nur blöd und passt nicht so recht in den Rest vom Film. Der übrigens so ziemlich jedes Klischee des kleinkarierten Dorflebens im Frankreich der 1950er/60er-Jahre bedient – und damit alles andere als originell unterhält (dazu gehören der intrigante Priester, die Nymphomanin und der ewige Stotterer). Wenn sich am Ende dann sogar das ganze Dorf hinter seinen Arzt stellt – einen Arzt wohlgemerkt, der nichts anderes als Profit im Sinn hat und dem dafür jedes Mittel recht war – dann ist das eine recht fragwürdige Botschaft, die da von der Leinwand in die Welt geschickt wird. Zu allem Überfluss passt die Filmmusik von Cyrille Aufort überhaupt nicht zum Film. Als Musik ist sie zwar schön anzuhören, wirkt aber im Kontext der Dramödie ziemlich überzogen. Fast so, als gelte es, einen etwas verunglückten Film großartiger erscheinen zu lassen.
Dienstag, 16. Januar 2018
Das letzte Labyrinth
Zum Aufwachen gab es heute vollen Adrenalinschub

MAZE RUNNER – DIE AUSERWÄHLTEN IN DER TODESZONE (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Maze Runner: The Death Cure
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Wes Ball
Darsteller: Dylan O'Brien, Kaya Scodelario, Thomas Brodie-Sangster
Kinostart: 01.02.2018

Angeführt von Thomas will die tapfere Gruppe der “Gladers” in die hermetisch abgeriegelte letzte Stadt auf Erden eindringen, um ihre Freunde zu befreien. Ein gefährliches Unterfangen, das sich als ebenso tödlich entpuppt wie die einstigen Erkundungsläufe im Labyrinth und das nicht nur unverhoffte Wiedersehen mit sich bringt, sondern auch traurige Abschiede... Warum der Fox-Verleih den Stuttgarter Journalisten nur Teil 1 und Teil 3 der MAZE RUNNER Trilogie gezeigt und Teil 2 ausgespart hat, bleibt ein Geheimnis. Fakt ist jedoch, dass zumindest ich den 2015 in die Kinos gekommenen zweiten Teil nicht gesehen habe und mir damit natürlich einiges an Wissen fehlt, um die Trilogie insgesamt und Teil 3 im Besonderen beurteilen zu können. So musste ich bei der heutigen Pressevorführung “interpolieren”, wie man so schön sagt. Aber ganz ehrlich: ein Problem hatte ich damit ganz und gar nicht. Denn man wächst ziemlich schnell hinein in dieses Spektakel, das den Kreis schließt und die Serie damit zu einem Ende bringt. Obgleich man so etwas heutzutage gar nicht mehr mit Sicherheit sagen kann. Wenn Teil 3 zu einem Megaerfolg werden sollte, dann hat Hollywood natürlich gleich findige Autoren zur Hand, die den Stoff weiterentwickeln und gerne auch tote Figuren wieder reanimieren. Aber das ist jetzt reine Spekulation. Konzentrieren wir uns auf das Gesehene von heute. Und das startete mit einer fulminanten Action-Ouvertüre ganz im Stile der MAD MAX-Filme: da fährt ein Zug durch eine öde Landschaft, gefolgt von zwei Geländewagen in hoher Geschwindigkeit. Während der eine sich auf die Höhe der Lok schafft und seine Insassen auf deren Führer zu schießen beginnen, flanscht sich das andere Auto an das Ende des Zuges. Ziel der Operation ist die Befreiung der im Zug befindlichen Gefangenen, die allesamt Kinder und Jugendliche sind. Bei dieser Sequenz stimmt einfach alles: Kameraarbeit, Schnitt, Filmmusik und Sounddesign treiben den Adrenalinspiegel im Körper des Zuschauers bis zum Anschlag hoch. Wes Ball, der auch die ersten beiden Teile inszeniert hat, erweist sich hier als wahrer Meister des Action-Kinos. Und das bleibt so den ganzen Film über, wenn auch nicht mehr mit derselben Intensität wie in der Eröffnungssequenz. Dass bei derlei grandiosen Schauwerten die Geschichte etwas oberflächlich ausfällt, war zu erwarten. Das stört allerdings auch nicht sonderlich, kann man sich als Zuschauer dem Spektakel so – bewaffnet mit Popcorn und Softdrink - richtig hingeben. Am besten im IMAX-Format. Was allerdings wirklich stört: der extrem in die Länge gezogene Schluss. Gerade wenn man glaubt, dass das jetzt das Ende sei, setzt der Film dem Ganzen noch eins drauf. Und noch eins. Und noch eins. Kein Wunder beläuft sich die Spielzeit auf knappe 140 Minuten!
Montag, 15. Januar 2018
Ben Stiller in der Midlife-Crisis
Eine volle Pressewoche hatte heute gleich zwei Attraktionen im Körbchen

IM ZWEIFEL GLÜCKLICH (1:1.85, 5.1)
OT: Brad’s Status
Verleih: Weltkino
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Mike White
Darsteller: Ben Stiller, Austin Abrams, Michael Sheen, Luke Wilson
Kinostart: 29.03.2018

Wenn einer richtig glücklich sein könnte, dann Brad. Mit 47 hat er alles, was man sich wünschen kann: eine eigene Firma, eine liebende Ehefrau und einen begabten Sohn. Doch misst er sich mit seinen früheren Studienkollegen, sieht er sich auf ganzer Linie als ein Versager. Als er mit seinem Sohn zusammen die Ostküste der USA bereist, um ihm das geeignetste College auszusuchen, kommt es zu einem Treffen mit Craig, einem alten Freund. Der hat es als Buchautor ganz nach oben geschafft und ist in aller Munde, was Brad seinen Mittelklassestatus schmerzlich vor Augen führt. Doch er hat eine Lektion zu lernen. Denn ein erfolgreiches Leben ist nicht zwangsläufig auch ein glückliches Leben... Wer beim Lesen von Ben Stillers Namen gleich wieder eine unterhalb der Gürtellinie angesiedelte Komödie denkt, ist bei diesem Film auf dem Holzweg. Denn Stiller ist hier Star einer Komödie mit Tiefgang, die sich insbesondere an Männer im besten Alter richtet. Midlife-Crisis ist das Zauberwort. Mit einem oft desillusionierten, in sich gekehrten Blick bringt Stiller dieses melancholisch-depressive Lebensgefühl wunderbar zum Ausdruck. Immer wieder visualisiert der Film Brads Gedanken, die er sich über die Kommilitonen von einst, die es alle (vermeintlich) geschafft haben, etwas aus ihrem Leben zu machen. Oder er zeigt uns Brads eigene Wünsche (eine eigene Insel und Mädchen in beiden Armen) und auch Ängste (der eigene Sohn macht ihn in einer Talkshow lächerlich). Wie in einer Art Selbsttherapie hören wir zu den Bildern auch immer Brads Stimme aus dem Off, die ihre Sicht der Dinge schildert. Mike White hat einen bemerkenswert ruhigen, unspektakulären Film geschaffen, der am Ende nicht in bodenlose Depression abrutscht, sondern auf intelligente Weise Hoffnung schöpfen lässt. Eine perfekte Gebrauchsanweisung dafür, wie man die eigene Midlife-Crisis meistert.

ALLES GELD DER WELT (1:2.35, DD 5.1)
OT: All The Money In The World
Verleih: Tobis
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Ridley Scott
Darsteller: Michelle Williams, Christopher Plummer, Mark Wahlberg, Romain Duris, Timothy Hutton
Kinostart: 15.02.2018

Rom 1973. Auf offener Straße wird Paul Getty, Enkel des Ölmagnaten J. Paul Getty, entführt. Die Entführer fordern 17 Millionen Dollar Lösegeld von Pauls Mutter, die sie sich von ihrem Schwiegervater J. Paul besorgen soll. Der aber ist nicht gewillt auch nur einen Cent zu bezahlen. Alle Versuche, den alten Herrn umzustimmen, schlagen fehl... J. Paul Getty könnte man als eine Art “Real Life”-Version des “Scrooge” charakterisieren. Ein Mann, dem Reichtum weitaus mehr bedeutete als ein Menschenleben – und sei es das seines Enkels! Mit einigen künstlerischen Freiheiten hat nun Ridley Scott jenen spektakulären Entführungsfall aus dem Jahre 1973 verfilmt, der damals für Schlagzeilen sorgte und die Welt in Atem hielt. Spektakulär deshalb, weil Großvater J. Paul Getty, der mit Abstand reichste Mann auf Erden, sich weigerte, Lösegeld für seinen Enkel zu bezahlen. Mit großem Aufwand in ausstattungstechnischer Hinsicht gelingt Scott eine präzise Zeichnung der Zeit der 1970er Jahre. Ursprünglich stand Kevin Spacey als der milliardenschwere Ölmagnat vor Scotts Kameras. Doch der kürzlich durch die Medien gegangene Skandal, der Spacey als Kinderschänder outete, sorgte für ein abruptes Ende seiner Anstellung bei Scott. Ein Glücksfall für den Film, denn Christopher Plummer gibt einen alleine schon altersmäßig weitaus passenderen J. Paul ab! Allerdings schießt der Film mit seinen 132 Minuten Spielzeit (inklusive einer ziemlich unappetitlichen Szene) etwas über das Ziel hinaus. So nimmt das Thriller-Drama leider erst im letzten Drittel richtig Fahrt auf.
Samstag, 13. Januar 2018
Wie der Buddhismus die Welt eroberte
Nicht jede Dokumentation ist unbedingt sehenswert. Die heutige aber ganz gewiss.

HANNAH – EIN BUDDHISTISCHER WEG ZUR FREIHEIT (1:1.78, 5.1)
OT: Hannah: Buddhism's Untold Journey
Verleih: W-film
Land/Jahr: Großbritannien, Spanien, Nepal, Indien, Ungarn, Hongkong, China, Deutschland, Dänemark 2014
Regie: Adam Penny, Marta György-Kessler
Kinostart: 18.01.2018

In ihrer eindrucksvollen Dokumentation zeigen die Filmemacher Adam Penny und Marta György-Kessler, wie der Buddhismus die Welt eroberte. Dreh- und Angelpunkt war dabei Hannah Nydahl, eine junge Frau aus Dänemark, die in den 1970er-Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Ole nach Tibet reiste und dort vom 16. Karmapa erleuchtet wurde. Der Film dokumentiert in chronologischer Reihenfolge den Werdegang Hannahs und ihre vielen Stationen auf der Welt, zu denen sie den Buddhismus brachte. Illustriert wird die sehr gefühlvolle wie ergreifende Geschichte mit Archivmaterial sowie aktuellen Interviews mit Angehörigen, Freunden und Wegbegleitern der Nydahls. Alleine schon das Sichten des gesamten Materials dürfte eine Herkulesaufgabe gewesen sein. Ergänzt werden die Bilder durch ganz subtile Spielszenen, die hervorragend in die dokumentarische Bildästhetik eingepasst wurden. Man erfährt viel über die buddhistische Lehre und ihre gesamte Historie, ohne dass der Film je zu einer Art Schulunterricht wird. Ganz das Gegenteil ist der Fall: HANNAH ist spannend erzählt und gleichzeitig aufwühlend und mach großen Appetit darauf, sich mit dem Buddhismus und der Meditation auseinanderzusetzen. Großen Anteil an der beeindruckenden Wirkung des Films hat die Filmmusik von Tom Hickox und Chris Hill, deren Score sich vom Klangteppich anderer Dokus deutlich abhebt. Es gehört zwar nicht unmittelbar zum Porträt von Hannah Nydahl, doch wird man als Zuschauer bei diesem Film neugierig, wovon denn die Nydahls eigentlich gelebt haben und wie sie ihre teuren Reisen überhaupt finanziert haben. Denn alleine durch Meditation und Glauben wird man nicht satt – zumindest nicht körperlich. Leider erfährt man in Adam Pennys und Marta György-Kesslers Doku nichts darüber.
Freitag, 12. Januar 2018
Einem Schneider werden die Flügel gestutzt
Die letzten beiden Filme der Pressewoche hielten mich in Atem

WIND RIVER (1:2.35, 5.1)
OT: Wind River
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Taylor Sheridan
Darsteller: Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Jon Bernthal
Kinostart: 08.02.2018

Als der Wildschützer Cory mitten im verschneiten Indianerreservat in Wyoming ein ermordetes Mädchen entdeckt, sind sofort wieder die Erinnerungen an seine eigene Tochter präsent, die vor drei Jahren den Tod fand. Gemeinsam mit einer FBI-Agentin macht er sich daran, den oder die Täter zu finden... Taylor Sheridans Thriller ist Kino wie ich es mag: tolle Bilder, atmosphärische Filmmusik, unwirkliche Locations, dynamische Tonspur und glaubwürdige Charaktere. Dazu spannend erzählt und mit Tiefgang, bei dem um Trauerbewältigung geht. WIND RIVER ist kein “Film von der Stange”, sondern einer für Film-Gourmets, der den Gang ins Kino durchaus lohnt.

DER SEIDENE FADEN (1:1.85, DD 5.1, auch 70mm)
OT: Phantom Thread
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Paul Thomas Anderson
Darsteller: Vicky Krieps, Daniel Day-Lewis, Lesley Manville
Kinostart: 01.02.2018

London in den Nachkriegsjahren. Die gesamte Hochprominenz lässt sich ihre Kleider bei niemand anderem als Reynolds Woodcock schneidern, einem wahren Meister der Modekunst. Gemeinsam mit seiner Schwester Cyril leitet er sein Atelier. Frauen kommen und gehen im Leben des exzentrischen Schneiders. Sie dienen ihm als Inspiration bis sie wieder durch eine andere ersetzt werden. Als jedoch die junge Alma in sein Leben tritt, beginnt sich sein maßgeschneidertes Leben allmählich aufzulösen... Einfach nur großartig verkörpert Daniel Day-Lewis den Modeschöpfer Reynolds Woodcock, der - um es gelinde auszudrücken – alles andere als normal ist. Wenn man sich ihm nicht unterordnet, hat man von Anfang an verloren. Alles, was nicht nach seinem Willen ist, empfindet er als einen Angriff. Dazu gehören auch Geräusche, die seine Muse Alma beim Essen macht. Alles Störfaktoren, die ihn beim Denken und Arbeiten behindern. Vicky Krieps spielt diese Muse, die in Woodcocks Leben tritt und damit die vorherige Muse ablöst. Doch was muss eine Frau tun, die nicht immer ein Anhängsel bleiben, sondern den Modezar ehelichen möchte? Die willensstarke Alma weiß sich zu helfen – und greift zu einer drastischen Methode. Dass aber genau dies dem Modeschöpfer gefällt, wirkt extrem verstörend in Paul Thomas Andersons auf 35mm-Material gedrehten Film. Seine Bilder sind geradezu berauschend. Kein Wunder, dass der Film in einigen Kinos der USA mit 70mm-Kopien zum Einsatz kommt. Übrigens stand der Meister dieses Mal selbst an der Kamera! Störend wirkt allerdings die Musik im Film: sie ertönt fast Non-Stop und ist damit viel zu viel. Was genau das künstlerische Konzept dahinter ist, hat sich zumindest mir nicht erschlossen.
Donnerstag, 11. Januar 2018
Zerstörtes Familienidyll
Genrekino aus Deutschland ist selten genug. Da freut man sich über jeden Neuzugang

LUNA (1:2.35, 5.1)
Verleih: Universum Film
Land/Jahr: Deutschland 2017
Regie: Khaled Kaissar
Darsteller: Lisa Vicari, Carlo Ljubek, Branko Tomovic, Rainer Bock
Kinostart: 15.02.2018

Als die 17jährige Luna gemeinsam mit ihrer kleinen Schwester und ihren Eltern Urlaub in den Bergen macht, wird sie Zeuge, wie ihre Familie von Russen brutal ermordet wird. In letzter Sekunde gelingt ihr die Flucht und schwebt fortan in Lebensgefahr. Der undurchsichtige Hamid rettet sie schließlich vor einer falschen Polizistin. Er gibt sich Luna gegenüber als Freund ihres Vaters aus und eröffnet dem Teenager, dass ihr Vater als russischer Spion tätig war. Eigentlich will Hamid das Mädchen ins sichere Ausland schmuggeln, doch Luna will die Mörder ihrer Familie zur Strecke bringen... In gewisser Weise ist Khaled Kaissars Langfilmdebüt etwas schlicht geraten: die Bad Guys sehen wie solche aus, der BND hat eine undichte Stelle (wer es ist, weiß der Zuschauer sofort!) und Lunas Trauer verfliegt binnen Minuten. Inspiriert durch den wahren Fall eines russischen Agentenpaares, das 20 Jahre lang als Familie getarnt in Baden-Württemberg lebte und deren Tochter keine Ahnung von der Tätigkeit der Eltern hatte, konzentriert sich der exzellent fotografierte Thriller (Kamera: Namche Okon) ganz auf seine Hauptdarstellerin und versucht zu erkunden, was in einem 17jährigen Mädchen vorgeht, dessen heile Welt von einem Moment zum anderen plötzlich nicht mehr existiert und sie das bisherige Familienidyll als Lüge herausstellt. Von Lisa Vicari zwar überzeugend gespielt, vollzieht sich die Wandlung vom unsicheren Teenager hin zu einer selbstbewussten jungen Frau dann doch etwas zu schnell – was natürlich der dankbaren Spielzeit von nur 90 Minuten geschuldet ist. Allerdings sollte man das jetzt nicht alles überbewerten und vielmehr Kaissars Film als eine Art Fingerübung im Genre-Kino betrachten. Und die ist abgesehen von Logikschwächen überwiegend gelungen.
Mittwoch, 10. Januar 2018
Zwei Freiheiten
Im ersten Film ging es heute um Pressefreiheit, im zweiten um persönliche Freiheit

DIE VERLEGERIN (1:1.85, 5.1 + 7.1)
OT: The Post
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Steven Spielberg
Darsteller: Tom Hanks, Meryl Streep, Alison Brie
Kinostart: 22.02.2018

1971. Unter der Führung von Katharine Graham steht die Washington Post kurz vor dem Börsengang. Schon allein das ist für die bodenständige Frau eine große Herausforderung. Als dann auch noch ihrem Chefredakteur brisante Unterlagen zugespielt werden, die einen gigantischen Vertuschungsskandal im Weißen Haus dokumentieren, kommt es zu einem nervenzerreissenden Kampf zwischen der Regierung und der Zeitung, bei dem es um nichts Geringeres als die Pressefreiheit geht... Die Vorgeschichte zur Watergate-Affäre bildet in Steven Spielbergs neuem Film den Hintergrund, vor dem er das Porträt einer extrem mutigen Amerikanerin entwirft: Katharine “Kay” Graham, Herausgeberin der Washington Post. Meryl Streep schlüpft in diese Rolle und zeigt eine unsichere, ängstliche und scheue Frau, die den Sprung ins kalte Wasser wagt und damit Geschichte schreibt. Was sich ziemlich lange als Politdrama hinzieht, gerät erst gegen Ende zu einem patriotischen Film, wie ihn nur Amerikaner inszenieren können. Unterstützt von John Williams‘ Score macht Spielberg aus Kay eine amerikanische Heldin, die erstaunlicherweise von Streep mit großer Zurückhaltung gespielt wird. Wer sich für amerikanische Politik interessiert, dem dürfte der Film noch am ehesten gefallen.

FREIHEIT (1:2.35, 5.1)
Verleih: Film Kino Text
Land/Jahr: Deutschland, Slowakei 2017
Regie: Jan Speckenbach
Darsteller: Johanna Wokalek, Hans-Jochen Wagner, Inga Birkenfeld
Kinostart: 08.02.2018

Philip kann es noch immer nicht fassen: seine Frau Nora hat ihn und die beiden Kinder wortlos verlassen. Während sich Philip ständig Gedanken darüber macht, was mit Nora passiert sein könnte, eilt Selbige von einem Ort zum anderen auf der Suche nach einem Leben in Freiheit... Jan Speckenbachs Drama über eine Frau, die alles hinter sich lässt, um Freiheit zu erlangen und damit gleichzeitig ihren Ehemann zu einem Gefangenen werden lässt, ist ein ziemlich depressiver Film. Ständig wechselt die Erzählperspektive zwischen Nora und Philip, ohne dass sich der Film in irgendeine Richtung entwickelt. Sehr spät zeigt der Regisseur dem Publikum, warum Nora aus ihrem gewohnten Leben ausbricht. Allerdings macht sie ihre neue gewonnene Freiheit auch nicht viel glücklicher. Denn ob es der schnelle Sex mit einem jungen Mann in Österreich oder die Bekanntschaft mit einer Sex-Darstellerin in Bratislava sind – viel Freude scheinen ihr diese neuen Erfahrungen nicht gerade zu machen. Im Pressetext zum Film heisst es unter anderem: “Jan Speckenbachs Film ist kein Feelgood-Movie, aber ein einmalig konsequentes Filmkunstwerk, eine Spiegelung der Gesellschaft, die mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet.” – Meine Empfehlung daher: nehmen Sie keinesfalls Ihr Date mit in den Film.
Dienstag, 09. Januar 2018
Kleider machen Leute
Einmal mehr gab es heute wieder Kriegsgreuel auf der Leinwand

DER HAUPTMANN (1:2.35, 5.1)
Verleih: Weltkino
Land/Jahr: Deutschland, Frankreich, Polen 2017
Regie: Robert Schwentke
Darsteller: Max Hubacher, Frederick Lau, Milan Peschel, Alexander Fehling
Kinostart: 15.03.2018

Der Zweite Weltkrieg liegt in den letzten Zügen. Auf seiner Flucht vor seinen brutalen Kameraden findet der Gefreite Willi Herold eine Hauptmannsuniform. Ohne lange zu überlegen zieht er sie an und schlüpft willig in die Rolle des Hauptmann Herold mit direktem Auftrag vom Führer. Bald schon hat er eine kleine Gruppe versprengter Soldaten um sich geschart und verfällt zunehmend dem Rausch der Macht... Was im HAUPTMANN VON KÖPENICK von Carl Zuckmayer noch satirisch daherkommt, ist im Fall des Gefreiten Willi Herold brutale Realität. Denn den Gefreiten, der sich mittels einer Uniform zum Hauptmann macht, hat es tatsächlich gegeben. Im Alter von 21 Jahren wurde er 1946 mit sechs seiner Gefolgsleute für die Ermordung von 125 Menschen hingerichtet. Auf die Frage, warum er seinen Film in Schwarzweiß gedreht hat, antwortete Regisseur Robert Schwendtke mit einem Zitat von Michael Powell. Der sagte zu Martin Scorsese nach Sichtung von Farbtestmaterial zu WIE EIN WILDER STIER: “Du kannst diesen Film mit all dem Blut nicht in Farbe machen. Die Menschen werden nicht in der Lage sein, an all dem Blut vorbeizuschauen, an dem Rot. Du musst diesen Film in Schwarzweiß drehen!”. Nachdem man Schwendtkes Film durchgestanden hat, wird sofort klar, was damit gemeint war. Denn DER HAUPTMANN ist aufgrund seiner grausamen Brutalität ein kaum zu ertragender Film. Das Einzige was es in Farbe gibt ist der Anfangs- und die Endtitel – natürlich in Rot. Max Hubacher spielt den Hochstapler Herold mit beängstigender Kaltschnäuzigkeit, Milan Peschel dessen Leibdiener Freytag mit großer Angst im Gesicht. Die Szenerie wirkt oft surreal und extrem verstörend (Kamera: Florian Ballhaus), was durch Martin Todsharows höchst ungewöhnlicher, oft brutaler Filmmusik noch verstärkt wird. Ein fröhlicher Kinoabend wird das ganz bestimmt nicht, aber ein sehr bedrückender. Insbesondere dann, wenn Schwendtke das “Schnellgericht Willi Herold” während des Abspanns durch heutige Städte rollen lässt.
Montag, 08. Januar 2018
Der Kiemenmann ist zurück!
Mit einem starken Double Feature wurde heute das Pressejahr 2018 eröffnet.

SHAPE OF WATER – DAS FLÜSTERN DES WASSERS (1:1.85, 5.1)
OT: The Shape Of Water
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Guillermo Del Toro
Darsteller: Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer
Kinostart: 15.02.2018

Elisa arbeitet als Putzfrau in einem amerikanischen Versuchslabor. Als unter strenger Geheimhaltung ein Amphibienwesen dort zu Forschungszwecken eingesperrt wird, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen der schüchternen und stummen Elisa sowie dem Amphibienmann... Erinnern Sie sich noch an die Filme mit dem Kiemenmenschen? Jack Arnold hatte sie in den 1950er Jahren in aufwändigem 3D gedreht und damit nicht nur damals, sondern auch heute noch Gänsehaut produziert. Guillermo Del Toros Film versteht sich ganz im Geiste dieser CREATURE FROM THE BLACK LAGOON Filme, allerdings bereichert um märchenhafte Züge. Hier sind es zwei Außenseiter der Gesellschaft, die sich ineinander verlieben – eine stumme Putzfrau und ein geheimnisvolles Wesen aus dem Amazonas. Die Schöne und das Biest sozusagen. Del Toro geht sogar noch einen Schritt weiter: die beiden haben tatsächlich Sex miteinander! Das läuft allerdings derart harmonisch und wunderschön ab, dass man sich als Zuschauer kaum daran stören wird. Was in seinem Film insbesondere beeindruckt ist das perfekte Zeitkolorit: Del Toro lässt das Amerika der 1950er-Jahre wieder auferstehen, jene Zeit, in der sich das Kino mit überbreiten Bildern gegen die Konkurrenz durch das Fernsehen zur Wehr setzte. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Regisseur seine Schöne in eine Wohnung direkt über einem riesigen Kino einquartiert. Ein Kino, in dem quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit THE STORY OF RUTH ein monumentales Bibelepos zu sehen ist. Aber auch sonst trifft Del Toro die Zeit perfekt. Und er hat famose Darsteller. Hier gibt nicht nur Sally Hopkins als stumme Elisa ihr Bestes, auch Octavia Spencer glänzt in ihrer Rolle als Elisas Kollegin derart, dass man geneigt ist zu glauben, Spencer habe noch nie etwas anderes gemacht als zu putzen. Brillant: Michael Shannon als Bad Guy Richard Strikland, ein Sadist, wie er im Buche steht. Und nicht zu vergessen Richard Jenkins als Elisas Freund und Wohnungsnachbar Giles – eine wunderbare Rolle. SHAPE OF WATER ist wohltuend anders als zeitgenösssicher Splatter-Horror und setzt ganz auf Atmosphäre, die durch die Kameraarbeit von Dan Laustsen und den Score von Alexandre Desplat erzeugt werden. Wer also Gänsehaut-Kino mit Wohlfühleffekt mag, dem sei Del Toris neuer Fantasy-Film ans Herz gelegt.

THE FLORIDA PROJECT (1:2.35, 5.1)
OT: The Florida Project
Verleih: Prokino (Fox)
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Sean Baker
Darsteller: Willem Dafoe, Brooklynn Kimberly Prince, Valeria Cotto
Kinostart: 15.03.2018

Die sechs Jahre alte Moonee wächst im “Magic Castle Motel” auf, einem Hotel für Minderbemittelte, gelegen an einem Highway nur wenige Meilen von Disneyworld in Orlando, Florida, entfernt. Ihre junge Mutter lebt von der Stütze und hat ein vorlautes Mundwerk, das das Töchterchen bereits übernommen hat. Gemeinsam mit anderen Kindern aus dem Motel verwandelt Moonee die Gegend um das Motel in einen großen Abenteuerspielplatz... Sean Bakers Film glänzt mit breiten Weitwinkelaufnahmen im CinemaScope-Format sowie seinen Bonbonfarben – ein Look, der auf den ersten Blick ganz im Gegensatz zu der Geschichte des Films steht, der sich aber bei genauerem Hinschauen als die Perspektive der Kinder entpuppt. Für sie ist die Welt um sie herum nichts weiter als ein riesiger Spielplatz, auf dem sie sich austoben können. Beschreiben lässt sich die Story des Films als eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen aus dem Leben der Kinder, die in ärmlichen Verhältnissen aufwachsen und mit allerlei Dummheiten ihre Zeit genießen. Dass Moonees Mutter während dieser Zeit einen extremen sozialen Abstieg absolviert, weiß die Kleine natürlich nicht. Wenn es mal Probleme gibt, ist stets Bobby zur Stelle, der von Willem Dafoe mit bestem Understatement dargestellte Hotelmanager, der mehr als nur einmal als Mittler zwischen Moonees Mutter und der Jugendbehörde fungiert. THE FLORIDA PROJECT fühlt sich echt an und zeigt ein Stück Amerika, das man nicht unbedingt im Kino sehen möchte. Bis auf den Schluss – und der ist einer der schönsten seit langer Zeit! – verzichtet der Film auf Filmmusik und lässt ihn dadurch noch realer erscheinen. Große Klasse sind die Kinderdarsteller in diesem Film, allen voran Brooklynn Kimberly Prince in der Rolle der Moonee. Mit ihrer Energie erinnert sie an Quvenzhane Wallis, die als Hushpuppy BEASTS OF THE SOUTHERN WILD zu einem Erlebnis machte. Sean Bakers Film wird voraussichtlich nicht das ganz große Publikum finden, aber empfiehlt sich als anspruchsvolle (und harte!) Sozialstudie.
Samstag, 06. Januar 2018
Paradiese mit Nebenwirkungen
Urlaubszeit – Nachholzeit! Endlich habe ich es geschafft, zwei weitere Filme nachzusitzen, die mir im letzten Jahr von den Filmverleihern vorenthalten wurden

MOTHER! (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: mother!
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Darren Aronofsky
Darsteller: Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer, Ed Harris, Domhnall Gleeson, Brian Gleeson, Stephen McHattie, Kristen Wiig, Stefan Simchowitz, Jovan Adepo, Robert Higden
Kinostart: 14.09.2017

Ein Paar lebt in einem riesigen Holzhaus auf einer kleinen Lichtung inmitten eines Waldes. Er ist ein Schriftsteller auf der Suche nach Ideen, sie renoviert das Haus und wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind. Eines Tages klopft es plötzlich an die Tür dieses kleinen Paradieses auf Erden: ein Fremder steht vor der Tür und möchte in Zimmer mieten. Sehr zum Missfallen seiner Frau nimmt der Autor den Fremden auf. Bald schon steht auch noch dessen Frau vor der Tür. Auch wird Einlass gewährt. Die junge Frau des Künstlers wird zunehmend fremdbestimmt. Als dann auch noch die beiden Söhne des Fremden auftauchen, ist es vorbei mit Frieden und Behaglichkeit. Dann geschieht ein Mord... Ausnahmeregisseur Darren Aronofsky lässt den Zuschauer ziemlich lange an der Angel zappeln, bis er endlich seine Geschichte preisgibt. Irgendwann wird schließlich klar, um wen es sich bei dem von Javier Bardem dargestellten Kreativen handelt: um den Schöpfer höchstpersönlich! Der suhlt sich weit mehr in der Zuwendung und Begeisterung, die er von wildfremden Menschen erfährt, als um die Zuneigung durch seine Frau, dargestellt von Jennifer Lawrence, die sich hier in einer wahrhaften “Tour-de-Force”-Performance wiederfindet. Mit einem sensationellen Sound Design sowie einem beklemmenden visuellen Konzept befindet sich Aronofsky mit seiner Horrormär (die einen besonders bösen Gegenpol zu Jaco van Dormaels schwarzer 2015er-Komödie DAS BRANDNEUE TESTAMENT darstellt) einmal mehr auf künstlerisch höchstem Niveau. Leider ist der Film mit seinen 121 Minuten wesentlich zu lang geraten und ergeht sich in der zweiten Hälfte an Wiederholungen. Dennoch ist MOTHER! ein Film, dessen alptraumhaftem Charakter man sich nur schwer entziehen kann.

GET OUT (1:2.35, DD 5.1)
OT: Get Out
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Jordan Peele
Darsteller: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Catherine Keener
Kinostart: 04.05.2017

Was als Antrittsbesuch bei den Eltern seiner weißen Freundin Rose beginnt, entwickelt sich für den jungen Schwarzen Chris zu einem Alptraum... Die vielversprechenden guten Ansätze seines Thrillers macht Regisseur Jordan Peele leider viel zu früh dadurch zunichte, dass man als Zuschauer recht bald schon das Geheimnis von Roses Elternhaus gelüftet hat. Bis zu diesem Zeitpunkt jedoch schafft Peele eine irgendwie beunruhigende Atmosphäre, die nach außen hin extrem freundlich wirkt, gleichzeitig jedoch das Schlimmste vermuten lässt. Das Ganze erinnert ein wenig an STEPFORD WIVES und könnte einmal mehr eine Episode der TWILIGHT ZONE sein. Mit seinen Darstellern hat Peele einen Glücksgriff getan. Denn mit Unbekannten ist weitaus mehr möglich als mit altbekannten Stars! Neben der bemerkenswerten Kameraarbeit (Toby Oliver) beeindruckt auch die Filmmusik (Michael Abels). Eines dürfte sicher sein: von Regie-Neuling Jordan Peele kann man zukünftig noch viel erwarten.


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