Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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In eigener Sache:
Als regelmäßigem Besucher meines Filmblogs ist Ihnen bestimmt schon aufgefallen, dass in letzter Zeit einige Filme nicht rezensiert werden. Das hat seinen Grund. Als ich vor 10 Jahren mit diesem Filmblog begann, bestand die Absicht darin, möglichst alle Filme zu besprechen, denen ein offizieller Start in deutschen Kinos zuteil wurde. Da zur damaligen Zeit praktisch alle Filmverleiher ihre Filme in Stuttgart mit Pressevorführungen bedachten, war dieses hehre Ziel - mit wenigen Ausnahmen - tatsächlich zu erreichen. In den letzten Jahren jedoch verabschiedeten sich immer mehr Filmverleiher aus Stuttgart, d.h. diese Verleiher führen in Stuttgart keine Pressevorführungen mehr durch. Dazu zählen u.a. Warner Brothers, Sony Pictures, Concorde, oder inzwischen auch Disney. All jene Filme, die in Stuttgart keine Pressevorführung erhielten, in regulären Vorführungen "nachzusitzen", ist mir leider momentan aus Zeitgründen nicht möglich; das klappt nur hin und wieder. Die Devise lautet: Mut zur Lücke.

Wolfram Hannemann, im März 2018

LOB IST SCHWERER ALS TADEL
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FANTASY FILMFEST NIGHTS #16 (21.-22.04.2018) - Ein Rückblick

Donnerstag, 20. September 2018
Der Unruheständler
Zweite und letzte Pressevorführung in dieser Woche

JOHNNY ENGLISH – MAN LEBT NUR DREIMAL (1:2.35, 5.1)
OT: Johnny English Strikes Again
Verleih: Universal
Land/Jahr: Großbritannien 2018
Regie: David Kerr
Darsteller: Rowan Atkinson, Ben Miller, Olga Kurylenko, Emma Thompson
Kinostart: 18.10.2018

Als ein Hackerangriff auf den Britischen Geheimdienst sämtliche Geheimagenten enttarnt, sieht sich die Premierministerin dazu gezwungen, längst im Ruhestand befindliche Agenten wieder zu rekrutieren, um den Hacker dingfest zu machen. Dumm nur für alle Beteiligten, dass ausgerechnet Johnny English als Einziger übrigbleibt, um den Fall zu lösen. Gott helfe England! - Auch der dritte Film der JOHNNY ENGLISH Reihe macht wieder klar, dass Rowan Atkinson mehr ein Mann der kurzen Sketche und weniger ein Mann für einen abendfüllenden Spielfilm ist. Dennoch kann mit ein paar herrlichen Pointen auftrumpfen, die fast allesamt in die Kategorie “Retro” gehören. Denn Johnny English setzt gerne auf umweltverpestende Ölschleudern und nicht etwa auf Elektroautos, lehnt Handys ab und wirft stattdessen lieber Unmengen von Kleingeld in das Münztelefon oder vergisst in Windeseile seinen eben spontan ausgedachten Decknamen. Die wohl schönste Sequenz im Film kommt ziemlich am Anfang des Films. Darin trifft English auf drei noch wesentlich ältere bis vergreiste Geheimagenten, die von den guten alten technischen Tricks schwärmen und die English in seiner Trotteligkeit aus Versehen auslöscht. Leicht verdaubare Agentenkomödie mit Durchhängern.
Dienstag, 18. September 2018
Russ‘n Roll!
Ein Musikfilm bildete den Auftakt zu einer sehr mageren Pressewoche

LETO (1:2.76, 5.1)
OT: Leto
Verleih: Weltkino
Land/Jahr: Russland 2018
Regie: Kirill Serebrennikow
Darsteller: Yoo Teo, Irina Starshenbaum
Kinostart: 08.11.2018

Leningrad Anfang der 1980er-Jahre. Es herrscht Sommer. Bei den jungen Leuten kursieren Alben von Bowie, Blondie oder Lou Reed – natürlich im Verborgenen. Doch die Underground-Rock-Szene brodelt. Mike und seine Frau Natascha sind Teil dieser Szene. So lernen sie Victor kennen, einen charismatischen Musiker. Gemeinsam werden sie den Rock’n Roll vorbei an staatlich kontrollierten Konzerten in der Sowjetunion für immer verändern... Regisseur Kirill Serebrennikow nimmt die Geschichte der russischen Rock-Band “Kino” als Basis für einen berauschenden Film, der das Lebensgefühl der russischen Jugend kurz vor der Perestroika einfängt. Immer wieder wagt er es, mit amerikanisch-britischem Rock seinen Film durch überlagerte Animationen in einen mitreissenden Video-Clip zu verwandeln. Viele Szenen kommen ohne Schnitte aus und die überwiegend schwarzweißen Bilder nutzen das Scope-Format. Nur ab und zu schleicht sich etwas Farbe in den Film, mal ganz dezent, mal knallig bunt. Trotz seiner Länge von 128 Minuten ist man überrascht, dass der Film schon zu Ende ist. Noch eine kleine Anmerkung zum Bildformat. Hier wählten Kirill Serebrennikow und sein Kameramann Vladislav Opelyants dasselbe Aspect Ratio, das Quentin Tarantino für THE HATEFUL 8 verwendete. Was aber bei Tarantino technische Gründe hatte (Stichwort: Ultra Panavision), ist hier künstlerischen Aspekten geschuldet. Denn wann immer Serebrennikows seine Bilder mit Animationen bereichert, ragen diese teilweise in die schwarzen Balken am oberen und unteren Bildrand hinein. Den sich dadurch ergebenden Effekt der räumlichen Erweiterung nutzte auch Disney bereits bei einigen 3D-Filmen.
Samstag, 15. September 2018
Das Böse haust im Kloster
Es war an der Zeit, mal wieder zwei Filme nachzusitzen, die sich die Filmverleiher nicht trauten, der Stuttgarter Presse zu zeigen

PREDATOR – UPGRADE (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: The Predator
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Shane Black
Darsteller: Jacob Tremblay, Olivia Munn, Boyd Holbrook
Kinostart: 13.09.2018

Als der kleine Sohn eines in Ungnade gefallenen Soldaten in den Besitz eines Pakets gelangt, in dem sein Vater die Überreste der Ausrüstung eines außerirdischen Predators beiseite geschafft hat, lädt er damit ungewollt weitere Predatoren ein... Etwas mehr als 30 Jahre ist es inzwischen her, dass Arnold Schwarzenegger mit einer kleinen Söldner-Gruppe Jagd auf den ersten Predator der Filmgeschichte machte. Der von John McTiernan inszenierte Action-Film avancierte im Lauf der Zeit zu einem Kultfilm, insbesondere auch Dank der faszinierenden Tonspur, die ganz bewusst auf die in den Kinos installierten Subwoofer setzte. Nach ein paar nicht nennenswerten Fortsetzungen und Variationen, die es ins Kino geschafft haben, versucht jetzt der renommierte Drehbuchautor Shane Black das PREDATOR Franchise gefühlt wieder dort aufzugreifen, wo es einmal angefangen hat: mit einem kleinen Trupp tapferer Soldaten, die sowohl gegen die Aliens als auch gegen ihre Vorgesetzten antreten müssen. Black, der zusammen mit Fred Dekker nicht nur das Drehbuch verfasst hat, sondern auch Regie führt, gewinnt dem Genre ganz neue Aspekte ab. Denn sein kleines Söldner-Heer könnte ein Ableger des DRECKIGEN DUTZENDS sein, das Robert Aldrich Ende der 1960er-Jahre über die Leinwand schickte. Diese Jungs sind echt durchgeknallt, was sie unglaublich sympathisch macht, und sie generieren damit jede Menge Lacher. So macht dann auch die Action richtig Laune. Um Missverständnissen vorzubeugen: PREDATOR – UPGRADE bleibt natürlich einer jener Filme, für die man das Hirn auch Zuhause lassen kann. Umso größer der Spaßfaktor. Wer sich die volle Dröhnung geben möchte, der sollte sich den Film entweder in einem Kino mit Dolby Atmos anschauen bzw. anhören oder in das teurere Ticket für die IMAX-Präsentation investieren.

THE NUN (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: The Nun
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Corin Hardy
Darsteller: Taissa Farmiga, Demián Bichir, Bonnie Aarons
Kinostart: 06.09.2018

1952 reisen ein Exorzist und eine Nonne in spe im Auftrag des Vatikan nach Rumänien, um dort in einem abgelegenen Kloster den Suizid einer Nonne zu untersuchen. Bald schon müssen sie feststellen, dass sie es dort mit einer sehr starken und extrem Bösen Präsenz zu tun haben... Das Böse hat also seinen Ursprung in einem katholischen Kloster – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Corin Hardys Horrormär erzählt die Vorgeschichte zur erfolgreichen CONJURING-Serie. Doch im Gegensatz zu den vorherigen hochspannenden Filmen erweist sich THE NUN bei genauerem Hinschauen als echter Trash. Die Darsteller und auch der Kameramann geben zwar ihr Bestes, dem Publikum bei dieser Geisterbahnfahrt kalte Schauer über den Rücken zu jagen, aber das Drehbuch macht dem gekonnt einen Strich durch die Rechnung. Die Handlung des Films und insbesondere die Handlungsweisen der Protagonisten sind so hanebüchen und lächerlich. Das Einzige – und jetzt kommt’s! – was diesen Film noch zusammenhält, ist seine exquisite Tonspur. Hier haben ich die Tontechniker wirklich große Mühe gegeben, um die Vorzüge von Dolby Atmos richtig auszukosten. Ob es ein kleines, fieses Geräusch von ganz hinten rechts ist oder lautes Gepolter an der Decke – hier möchte man wirklich nicht alleine im dunklen Kinosaal sitzen. Die plastische Tonmischung bringt auch den fulminanten orchestralen Score von Abel Korzeniowski erst richtig zur Geltung. Da können herkömmliche 5.1- und 7.1-Fassungen nicht mithalten. Alternativ empfiehlt sich THE NUN natürlich auch in der IMAX-Version, die hier insbesondere lautstärkemäßig noch eine Schippe drauflegen wird.
Freitag, 14. September 2018
Das Familienessen und der Karrieretag
Zum Wochenende gleich zwei Komödie im Doppelpack

DER VORNAME (1:2.35, 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Sönke Wortmann
Darsteller: Justus von Dohnányi, Florian David Fitz, Caroline Peters, Christoph Maria Herbst, Janina Uhse, Iris Berben
Kinostart: 18.10.2018

Aufgrund einer Sperrfristvereinbarung gibt es die Kurzkritik zu diesem Film erst ab 01.10.2018 an dieser Stelle


CAREER DAY MIT HINDERNISSEN (1:2.35, 5.1)
OT: A Happening Of Monumental Proportions
Verleih: Kinostar
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Judy Greer
Darsteller: Common, Allison Janney, Jennifer Garner, Kathie Holmes
Kinostart: 25.10.2018

Es ist Tag X: “Career Day”, an dem Schüler ihre arbeitenden Eltern mit in den Unterricht bringen dürfen, um sie vor der ganzen Klasse etwas über ihren Beruf erzählen zu lassen. Blöd nur, dass ausgerechnet an diesem Tag Patricias Daddy seinen Job verliert. Kommen noch ein depressiver Lehrer, ein ebenso desillusionierter wie verliebter Schüler, ein Kotzbrocken von Chef sowie ein toter Gärtner namens Kevin dazu – und fertig ist der alles andere als perfekte “Career Day”. - Mehrere ineinander greifende Geschichten verknüpft Filmschauspielerin Judy Greer in ihrem Regie-Debüt zu einer schwarzhumorigen Komödie, die eigentlich viel flotter sein könnte als sie es hier ist. Das liegt am Timing, das nicht immer den Punkt trifft. Dennoch kann sie mit ein paar richtig witzigen Einlagen auftrumpfen und schüttelt am Ende gar noch Keanu Reeves in einem Gastauftritt als kleinen Trumpf aus dem Ärmel.
Donnerstag, 13. September 2018
Schmerzende Herzen
Der heutige Doppelpack hatte eine Draödie aus den USA und ein Drama aus Deutschland im Gepäck

KRYSTAL (1:1.85, 5.1)
OT: Krystal
Verleih: Kinostar
Land/Jahr: USA 2017
Regie: William H. Macy
Darsteller: Rosario Dawson, Nick Robinson, T.I.
Kinostart: 18.10.2018

Der mit einem kranken Herzen lebende Taylor verliebt sich Hals über Kopf in die attraktive Krystal. Um ihr nahe zu sein, schließt er sich der Gruppe Anonymer Alkoholiker an, der auch seine Angebetete angehört... William H. Macys dritte Regiearbeit fürs Kino ist nicht unbedingt ein schlechter Film, aber eben auch kein besonders interessanter. Die Inszenierung ist ziemlich bieder, sieht man einmal ab von den kurzen “Effekteinlagen”, wenn Taylors Wahrnehmung des Satans visualisiert werden. Dass sich die Mutter eines 16jährigen, im Rollstuhl sitzenden Sohnes, ausgerechnet auf einen 18jährigen einlässt, erscheint indes ein wenig weit hergeholt. KRYSTAL ist maximal TV-Kost, für die man nicht unbedingt ein Kino aufsuchen muss.

DIE DEFEKTE KATZE (1:1.85, 5.1)
Verleih: Alpenrepublik (Filmperlen)
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Susan Gordanshekan
Darsteller: Pegah Ferydoni, Hadi Khanjanpour, Henrike von Kuick
Kinostart: 04.10.2018

Liebe auf den ersten Blick ist es gewiss nicht. Doch die im Iran lebende Mina und der Deutsch-Iraner Kian lassen sich auf eine arrangierte Ehe ein. Mina, studierte Elektroingenieurin, hat nicht nur Probleme mit der deutschen Sprache, sondern auch mit der deutschen Kultur, die ihr ziemlich fremd erscheint. Auch ihr Mann Kian, ein Arzt, ist ihr vollkommen fremd. Trotzdem hoffen beide auf eine glückliche Ehe... Susan Gordanshekan behutsam erzählter Film zeichnet sich neben ihren wunderbaren Hauptdarstellern Pegah Ferydoni und Hadi Khanjanpour vor allem durch die exzellente Kameraarbeit von Julian Krubasik sowie die kristallklare Filmmusik von Sebastian Fillenberg aus. Ein unaufdringliches Sounddesign rundet den überaus positiven Gesamteindruck bei dieser sehr authentisch wirkenden Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Integration ab. Kino, das lohnt.
Mittwoch, 12. September 2018
Schuld war nur der Bossa Nova
Noch ein Dokumentarfilm. Knapp über 90 Minuten, unterhaltsam und spannend. Also, geht doch.

WO BIST DU, JOAO GILBERTO? (1:1.85, 5.1)
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Schweiz, Deutschland, Frankreich 2018
Regie: Georges Gachot
Kinostart: 22.11.2018

Mit seinem Dokumentarfilm wandelt Filmemacher Georges Gachot auf den Spuren des Oscar-Gewinners SEARCHING FOR SUGARMAN, wird doch in beiden Filmen jeweils nach einem Musiker gesucht, der von der Bildfläche verschwunden ist. In Gachots Fall ist es João Gilberto, der Erfinder des weltberühmten Bossa Nova. Der Deutsche Marc Fischer war von dessen gefühlvoller Musik derart angetan, dass er sich nach Rio aufmachte, um ihn zu finden. Ohne Erfolg. Seine Bemühungen mündeten in ein Buch, das kurz nach Fischers Freitod veröffentlicht wurde und das nun die Grundlage für Gachots Suche bildet. Der ebenfalls vom Bossa Nova verzauberte Filmemacher trifft sich mit den Weggefährten Fischers, die alle auch Weggefährten des großen João Gilberto sind oder waren. Im Laufe des Films entsteht so das Porträt eines Musikers, der die musikalische Welt veränderte, aber der unerkannt und im Verborgenen bleiben möchte. Spannend wie in einem Detektivfilm baut sich nach und nach das Bild dieses Künstlers auf, der nicht gefunden werden möchte. Ob Gachot mehr Erfolg vergönnt ist als Fischer sei hier nicht verraten. Wer es wissen möchte, dem sei dieser Kinofilm wärmstens empfohlen.
Dienstag, 11. September 2018
Bücher und noch viel mehr
Heute hielt mich eine mehr als dreistündige Doku im Kinostuhl fest

EX LIBRIS: DIE PUBLIC LIBRARY VON NEW YORK (1:1.85, Mono)
OT: Ex Libris: New York Public Library
Verleih: Kool (Filmagentinnen)
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Frederick Wiseman
Kinostart: 24.10.2018

Mit seinen 89 Jahren dürfte Frederick Wiseman nicht nur einer der ältesten, noch aktiven Dokumentarfilmer sein, sondern der Filmemacher überhaupt. Dem neuesten Opus merkt man das Alter seines Schöpfers jedenfalls zu keiner Sekunde an. Wobei Opus hier eigentlich der falsch gewählte Begriff ist – Epos kommt dem Film wesentlich näher. Denn mit einer Laufzeit von 197 Minuten ohne Pause erfordert er vom Zuschauer eine große Portion Sitzfleisch und eine noch größere Blase! Aber anders als bei einem überlangen Spielfilm (jüngstes Beispiel: WERK OHNE AUTOR mit 188 Minuten ohne Pause) kann man sich bei Wisemans Film durchaus zwischendurch einfach mal die Beine vertreten oder das Örtchen aufsuchen: man verpasst nichts Wesentliches. Was aber genau zeigt Wiseman in seinem Film? Wir werden Zeuge von internen Diskussionen über Budget- und Angebotsfragen, von Lesungen, von literarischen Gesprächen, von Führungen usw. Dabei werden alle Dependencen der NYPL gezeigt, jeweils durch Stimmungsbilder aus New York getrennt. Es wird schnell klar, dass diese Bibliothek sich nicht nur als reine Buchausleihmaschine versteht, sondern als einen wichtigen Beitrag zum Gemeinwohl. Hier werden Menschen dazu animiert zu forschen und sich zu bilden. Man unterstützt den Breitbandausbau und bietet ausleihbare Hot Spots an, stellt Überlegungen zur Inklusion an oder diskutiert über die Einbindung von Obdachlosen. Der Film ist eine Hohelied auf die Institution der Bibliothek in all ihren Ausprägungen ein damit natürlich ein Muss für jeden Bücherfan.
Montag, 10. September 2018
Der letzte Mensch
Eine recht gut bestückte Pressewoche begann mit einem Drama über eine Ausnahmesituation

IN MY ROOM (1:1.85, 5.1)
Verleih: Pandora
Land/Jahr: Deutschland, Italien 2018
Regie: Ulrich Köhler
Darsteller: Hans Löw, Elena Radonicich, Michael Wittenborn
Kinostart: 08.11.2018

Viel Freude gibt es nicht in Armins Leben. Als Kameramann baut er nur Mist, bei den Frauen will es nicht mehr so recht klappen. Und im Elternhaus liegt gerade seine geliebte Großmutter im Sterben. Am Morgen nach hrem Tod erwacht er in seinem Auto, das er irgendwo unter einer Brücke geparkt hat. Alles ist wie ausgestorben. Erst ganz allmählich wird ihm klar, dass er der einzige Mensch weit und breit ist. Die anfängliche Panik weicht bald einem Gefühl grenzenloser Freiheit... Ein wenig erinnert Ulrich Köhlers existentielles Drama an Filme wie QUIET EARTH oder DIE WAND, in denen jeweils nur ein einziger Mensch auf Erden weilt. Was machen mit soviel Freiheit, die man plötzlich hat, wenn man feststellt, dass man offenbar der letzte Mensch ist? Und was geschieht mit dieser Freiheit, wenn plötzlich noch ein anderes menschliches Wesen auftaucht? Durch die Begegnung von Armin mit Kirsis entdeckt er zum ersten Mal (oder vielleicht auch endlich wieder) die Liebe. Doch auch im vermeintlichen Paradies ist nicht alles immer nur einfach. Denn sowohl Armin als auch Kirsis schleppen ihre Vergangenheit nach wie vor mit, was letztendlich auch hier zu Konflikten führt. Köhlers Film wird sich bestimmt nicht jedem erschließen, denn er endet nicht in einer Aufklärung der seltsamen Situation, in der sich die Protagonisten wiederfinden. Die stellt sich erst nach der Hälfte des Films ein. In der ersten Hälfte widmet sich Köhler ganz der Charakterisierung von Armin, zeigt ihn bei seiner Arbeit, am Totenbett seiner Großmutter, beim missglückten One-Night-Stand usw. Damit ergibt sich eine Zweiteilung des Films, die man natürlich mögen muss. Endzeitthrillerverwöhnte Zuschauer könnten da auf eine falsche Fährte gelockt und am Ende enttäuscht werden. Doch alleine schon die Tatsache, dass es keine Filmmusik gibt, ist ein Indiz dafür, dass es eben in eine ganz andere, intellektuellere Richtung geht.
Freitag, 07. September 2018
Eine Totgeglaubte taucht wieder auf
Ein Schweden-Krimi verabschiedete mich heute ins verdiente Wochenende

INTRIGO – TOD EINES AUTORS (1:2.35, 5.1)
OT: Intrigo: Death Of An Author
Verleih: Fox
Land/Jahr: Schweden, USA, Deutschland 2018
Regie: Daniel Alfredson
Darsteller: Benno Fürmann, Sir Ben Kingsley, Veronica Ferres
Kinostart: 25.10.2018

Aufgrund einer Sperrfristvereinbarung gibt es die Kurzkritik zu diesem Film erst ab 04.10.208 an dieser Stelle

Mittwoch, 05. September 2018
Wo der Lehrer zum Schüler wird
Zur Wochenmitte eine Doku mit wirklich putzigen Protagonisten

DAS PRINZIP MONTESSORI – DIE LUST AM SELBER-LERNEN (1:1.85, 5.1)
OT: Le Maître Et L'enfant
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Frankreich 2017
Regie: Alexandre Mourot
Kinostart: 06.09.2018

Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht? Solche Regeln gelten nicht in Frankreichs ältestem Montessori-Kinderhaus, das Filmemacher Alexandre Mourot stellvertretend für alle Einrichtungen dieser Art besuchte. Auslöser war das Heranwachsen seiner kleinen Tochter, die sobald sie laufen konnte, alles auf eigene Faust entdecken wollte. Was treibt dieses kleine Wesen eigentlich an? Mourot war fasziniert davon, welche Fortschritte sie machte, wenn man sie einfach gewähren ließ. Eine Idee, die Maria Montessori vor bereits 100 Jahren hatte, als sie ihre ganz eigene Kinderpädagogik entwickelte. Der Drang zu lernen ist allen Kindern inhärent, war eine ihrer Thesen. Mit einfühlsam beobachtender Kamera zeigt der Film auf ebenso beeindruckende wie rührende Weise, dass dem tatsächlich so ist. Kaum zu glauben, wie konzentriert und emsig die Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren ihrer “Arbeit” im Kinderhaus nachgehen. Da wird gebacken, gekocht, gelesen, geschält, gerechnet, geschnitten oder gepuzzled, dass es eine wahre Freude ist – und ohne Anweisung durch die Erzieher. Jedes Kind hat dabei seinen ganz eigenen Rhythmus, entwickelt seine ganz eigene Energie – soziales Verhalten inklusive: die Älteren helfen den Jüngeren. Mourots Film bleibt stets auf Augenhöhe mit den Kindern und lässt den Zuschauer teilhaben an deren Alltag im Kinderhaus. Statt profaner Interviewpassagen gibt es Stimmen aus dem Off, die Montessoris Erkenntnisse vertiefen. Das klingt zwar ziemlich trocken und erinnert ein wenig an TV-Dokus, doch die geradezu intimen Einblicke in den Alltag der Kleinen entschädigen für alles. Der langsame Schnitt und die zurückhaltende Filmmusik laden zum Beobachten ein, machen den Zuschauer zum Schüler. Ganz im Sinne von Montessori, die sagte, dass eigentlich das Kind der Führer sein sollte auf dem Weg hin zu einer besseren Gesellschaft.
Dienstag, 04. September 2018
Überleben in der Eiswelt
Der richtige Film für einen warmen Tag

NANOUK (1:2.35, 5.1)
OT: Ága
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Bulgarien, Deutschland, Frankreich 2018
Regie: Milko Lazarov
Darsteller: Mikhail Aprosimov, Feodosia Ivanova, Sergei Egorov
Kinostart: 18.10.2018

In der Eiswüste des sibirischen Nordens liegt Jakutien. Es ist die Heimat von Sedna und Nanouk, die hier in einer einfachen Jurte-Hütte leben ganz wie ihre indigenen Vorfahren. Leben tun die beiden in der Eiseskälte durch die Jagd. Doch die Tiere werden immer seltener und die Temperaturen steigen. Ihre Tochter Ága ist schon vor langer Zeit fortgegangen. Ihre Eltern haben es ihr nie verziehen. Doch als Sedna merkt, dass sie nicht mehr lange zu leben hat, beginnt ein Umdenkprozess... Die von Kaloyan Bozhilov in ausladendem CinemaScope kadrierten Bilder könnten durchaus zu den besten Bildern gehören, die man seit THE REVENANT im Kino zu sehen bekam (und es ist kein Zufall, dass eines der Stücke von Ryuichi Sakamoto, die er für Inarritus Film komponierte, hier erklingt!). In epischen, statischen Einstellungen scheinen oft die Figuren in der grandiosen Eislandschaft zu verschwinden. Gleichzeitig strahlen sie eine majestätische Ruhe aus. In dieser Welt ticken die Uhren ganz anders. Minutiös schildert Regisseur Milko Lazarov den harten Alltag des alten Jakuten-Paares. Das ist fast schon Balsam für unsere gestresste Großstadtseele. Doch auch hier gilt das Gut der Familie als das höchste. Und das gilt es zu erhalten. Aussöhnung und Vergebung sucht man auch in diesem unwirtlichen Teil der Welt, um in Frieden sterben zu können. Bildgewaltiges Arthouse-Kino.
Montag, 03. September 2018
Weibliche Vorbilder
#Metoo bekommt Verstärkung

#FEMALE PLEASURE (1:1.85, 5.1)
Verleih: X Verleih
Land/Jahr: Schweiz, Deutschland 2018
Regie: Barbara Miller
Kinostart: 08.11.2018

Fünf Frauen aus unterschiedlichen Ländern und vollkommen verschiedenen Kulturen erzählen davon, was es bedeutet, Frau zu sein. Da ist die in London lebende Leyla Hussein aus Somalia, die als Kind einer Genitalverstümmelung zum Opfer fiel und sich jetzt aktiv gegen diese Grausamkeit einsetzt. Die japanische Manga-Künstlerin Rokudenashiko muss sich in ihrem Land vor Gericht verantworten, weil sie ihre Vagina künstlerisch verwertet. Doris Wagner trat als junge Frau in einen erzkatholischen Orden ein und wurde dort von einem Pater mehrfach missbraucht. Deborah Feldman entsprang einer ultraorthodoxen jüdischen Familie in New York und wurde mit 17 Jahren zwangsverheiratet. Und Vithika Yadav schließlich wuchs in einer tradiotionellen hinduistischen Familie im nordindischen Rajasthan auf und kämpft jetzt mit ihrer Internetplattform “Love Matters” für sexuelle Aufklärung und gegen sexuelle Übergriffe auf Frauen und Mädchen in Indien. Was Regisseurin Barbara Miller aus ihren über Sexualität offen redenden Protagonistinnen herauskitzelt ist die Erkenntnis, dass überall auf der Welt Religion und kirchliche Institutionen offenkundig alleine dem Zweck dienen, Frauen zu unterdrücken. Zitate aus dem Koran, der Bibel und anderen heiligen Schriften bekräftigen diese deprimierende Tatsache. Es handelt sich um patriarchalische Machtstrukturen, die seit Generationen beibehalten werden und nicht hinterfragt werden dürfen. Miller präsentiert mit “ihren” Frauen wahre Heldinnen, die aus dem System ausgebrochen sind, weil sie es mit ihrem gesunden Menschenverstand hinterfragt haben. Und diese Frauen geben nicht auf, setzen sich für andere Frauen ein und versuchen, die jeweilige Gesellschaft durch Aufklärung umzuprogrammieren. Das aber geht oft nur mit Repressalien einher. Umso mehr gebührt diesen Frauen Hochachtung und Bewunderung. Sie sind echte Vorbilder. Millers Dokumentarfilm lässt einen nicht kalt. Der gut fotografierte, gut geschnittene und mit einer faszinierenden Filmmusik ausgestattete Film lohnt das Anschauen.

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