Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Donnerstag, 30. Juni 2011
Warum in die Ferne schweifen...
Lustig und skurril startete ich in diesen Donnerstag...

BAIKONUR (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: X Verleih (Warner)
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Veit Helmer
Darsteller: Aleksandr Asochakov, Marie de Villepin, Sitora Farmonova
Kinostart: 01.09.2011

In der kasachischen Steppe, unweit des weltgrößten Raketenstartplatzes Baikonur, leben die Bewohner einer winzigen Siedlung vom Schrotthandel. Frei nach dem Motto "Alles was vom Himmel fällt, darf man behalten" sammeln sie die Überbleibsel der Raketenteile, die vom Himmel in die Steppe fallen und tauschen das Altmetall gegen Fleischkonserven ein. Auch Iskander gehört zu dieser Dorfgemeinschaft. Der junge Mann ist der Einzige, der das Funkgerät bedienen kann und damit im voraus weiß, an welcher Stelle der Steppe die nächste Ladung Schrott von ganz oben herunterfallen wird. Bei den Dorfbewohnern heisst er ganz einfach "Gagarin" in Anspielung auf den großen Kosmonauten. Iskander träumt davon , eines Tages selbst Kosmonaut zu werden und hat nur noch Augen und Ohren für Julie, die als Weltraumtouristin von Baikonur zur ISS startet. Doch als deren Raumkapsel bei der Rückkehr irgendwo in der Steppe landet und von Iskander gefunden wird, nimmt er sich der bewusstlosen Julie an. Aus ihrem Koma erwacht erzählt er der sich an nichts mehr Erinnernden, dass sie mit ihm verlobt sei... Regisseur Veit Helmer entführt sein Publikum an einen der unwirklichsten Orte der Welt. Hier prallen gigantische Hochtechnologie auf einfachste Lebensweisen. Helmer entwickelt daraus eine Art Tragikomödie, die sehr skurril anmutet und dadurch für den Zuschauer höchst interessant ist. Wenn Gagarin am Ende des Films von seiner Tätigkeit im Raketenzentrum wieder in die karge Steppe zurückkehrt, wo schon lange ein Mädchen auf ihn wartet, dann heisst es "Back to the Roots". Denn warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah. Eine hübsche kleine Parabel mit unverbrauchten Gesichtern. Leider präsentierte uns der Filmverleih nur eine Blu-ray-Version des Films, die zumindest bildtechnisch nicht dem Standard genügte und offenbar auch noch nicht ganz fertig war.
Mittwoch, 29. Juni 2011
Raue Schale, weicher Kern
Ein Stück tolles Kino stand heute mal wieder auf meinem Terminplan.

BARNEY'S VERSION (1:2.35, DD 5.1)
OT: Barney's Version
Verleih: Universal
Land/Jahr: Kanada, Italien 2010
Regie: Richard J. Lewis
Darsteller: Paul Giamatti, Dustin Hoffman, Rosamund Pike
Kinostart: 14.07.2011

Barney Pankofsky, ein unscheinbar wirkender, aber erfolgreicher TV-Produzent, wird durch die Aufsehen erregenden Memoiren eines Ex-Cops mit seiner bewegten Vergangenheit konfrontiert. Diese beinhaltete nicht weniger als drei Ehen, Tausende von Whiskeys, noch mehr Zigarren und einen Mordverdacht, der nie ganz aus der Welt zu räumen war. Seine erste Ehe während seiner Sturm- und Drangzeit in Italien endete abrupt mit dem Suizid seiner Frau. Frau Nummer Zwei war eine sehr reiche Schönheit, die bereits während der Hochzeitsfeier schon durch Barneys Frau Nummer Drei ersetzt wurde - gedanklich zumindest. Doch es dauert nicht lange, bis Barney sich scheiden ließ und schließlich Miriam ehelichte, die Mutter seiner beiden Kinder. Bei ihr entpuppte sich der oft ruppige Kerl als ein wahrer Romantiker. Denn hinter seiner rauen Schale steckte stets ein Mensch mit dem Herz am rechten Fleck... Richard J. Lewis inszenierte seinen Film nach dem berühmten Roman von Mordecai Richler, der als dessen bestes Werk gefeiert wird. Paul Giamatti glänzt in der Titelrolle und darf dank bester Make-Up-Kunst auch Barneys gesamte Lebensspanne durchleben. Ihm zur Seite steht ein absolut köstlicher Dustin Hoffman, der als Barney Vater für viel gute Laune sorgen darf. Fast unwiderstehlich: Rosamund Pike als Miriam, die Frau, der Barney hoffnungslos verfällt und mit der er die besten Jahre seines Lebens genießen darf. Der von Guy Dufaux exzellent fotografierte Film lässt sich nichts von seiner Lauflänge von 134 Minuten anmerken, sondern unterhält vorzüglich. Dass dabei auch die Gefühle nicht untergehen, sondern stets Bestandteil der Geschichte bleiben, ist der gut eingesetzten Filmmusik von Pasquale Catalano zu verdanken. BARNEY'S VERSION ist grandioses Unterhaltungskino, das den Besuch lohnt
Dienstag, 28. Juni 2011
Von Fischen und Menschen
Die tropischen Temperaturen draußen hält man am besten im klimatisierten Kinosaal bei einem Double-Feature aus!

FLIEGENDE FISCHE MÜSSEN INS MEER (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Movienet (24 Bilder)
Land/Jahr: Schweiz, Deutschland 2011
Regie: Güzin Kar
Darsteller: Meret Becker, Elisa Schlott, Barnaby Metschurat
Kinostart: 25.08.2011

Viel Freude hat sich nicht gerade in ihrem Leben. Die 15jährige Nana arbeitet als Schleusenwärterin nahe der deutsch-schweizerischen Grenze. Da ihre alleinerziehende Mutter es vorzieht, sich nach einem brauchbaren Mann umzusehen, obliegt es Nana zusätzlich, sich um den Haushalt sowie die beiden jüngeren Geschwister zu kümmern. Als sich plötzlich das Jugendamt einschaltet wird es ernst. Nanas Mutter erhält eine Galgenfrist. Falls sie es binnen dieser Zeit nicht schafft, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, sollen die Kinder ins Heim. Doch die Suche nach einem Job gestaltet sich für die Mutter sehr schwer. Da wollen Nana und ihre Geschwister wenigstens bei der Suche nach einem passenden Papa helfen. Der junge Arzt Eduardo kommt in die engere Auswahl. Doch da geschieht es: Nana verliebt sich in Eduardo... Was Regisseurin Güzin Kars Film sehr sympathisch macht, ist nicht nur ihre Protagonistin Elisa Schlott in der Rolle der Nana, sondern auch die vielen kleinen wunderbaren Regieeinfälle. Der kleine Bruder, ein aufstrebender Hypochonder, möchte z.B. als Gute-Nacht-Geschichte stets einen Absatz aus dem "Großen Buch der Krankheiten" vorgelesen bekommen. Besonders nett auch die Kontaktanzeigen, die deren Verfasser auf dem Sofa sitzend der Kinderjury vortragen. Oder die "Bachforellen", der Frauenchor des kleinen Ortes, deren Mitglieder besser tratschen als singen können. FLIEGENDE FISCHE MÜSSEN INS MEER ist zwar kein großes Kino, macht aber Laune und lässt darüber die Nähe zum Fernsehspiel schnell vergessen.

ANGÈLE UND TONY (1:1.85, DD 5.1)
OT: Angèle Et Tony
Verleih: Kool
Land/Jahr: Frankreich 2010
Regie: Alix Delaporte
Darsteller: Clotilde Hesme, Grégory Gadebois, Evelyne Didi
Kinostart: 04.08.2011

Mittels Kontaktanzeigen versucht Angèle einen Mann zu finden, um dadurch das Sorgerecht für ihren kleinen Jungen zu erhalten. Der lebt schon seit zwei Jahren bei den Schwiegereltern. Während dieser Zeit war die junge Frau im Gefängnis und ist jetzt auf Bewährung wieder draußen. Als sie dem bodenständigen und gutmütigen Fischer Tony begegnet, der zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder an der Küste der Normandie mehr schlecht als recht über die Runden kommt, lässt sie sich von ihm einstellen und zieht bei ihm ein. Auf ihre unmissverständlichen Avancen geht er allerdings nicht ein. Erst im Laufe der Zeit entwickelt sich eine tiefergehende Beziehung zwischen den beiden... Vor dem Hintergrund eines Sozialdramas, in dem die Fischer um ihre Existenz kämpfen, erzählt Alix Delaporte eine zarte Liebesgeschichte, die ohne viele Worte auskommt. Warum genau Angèle im Gefängnis war, erfahren weder der Zuschauer noch Tony. Und so tritt man der jungen Frau genauso unvoreingenommen gegenüber wie es Tony macht. Clotilde Hesme und Grégory Gadebois glänzen in den Titelrollen und erfüllen die Geschichte über zwei sehr unterschiedliche Menschen, die sich im Laufe des Films immer näher kommen, mit Leben.
Montag, 27. Juni 2011
Materialschlacht
Ganz ehrlich: den Weg ins Kino hätte ich mir heute sparen können...

TRANSFORMERS 3 (1:2.35, 3D, DD 5.1)
OT: Transformers: Dark Of The Moon
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Michael Bay
Darsteller: Shia LaBeouf, Rosie Huntington-Whiteley, Patrick Dempsey
Kinostart: 29.06.2011

Rückblende erklärt alles: die Mondlandung von 1969 hatte nur ein einziges Ziel – das Begutachten eines UFOs, das bereits Anfang der sechziger Jahre auf dem Mond gestrandet war. Die Öffentlichkeit war über diesen Umstand selbstverständlich nicht informiert. In der Gegenwart stellt sich nun aber heraus, dass es sich hierbei um den einstigen Herrscher von Cybertron, genannt Sentinel Prime, handelte. Der erwacht wieder zu neuem Leben und erweist sich bald als Handlanger der bösen Decepticons, deren einziges Ziel die Ausrottung der Autobots zu sein scheint. Und die haben sich in Teil 1 und 2 ja bereits auf die Erde geflüchtet. Damit heisst es einmal mehr für Jungspund Sam Witwicky in Aktion zu treten und die Welt vor der großen Gefahr zu retten... Was zu Anfang noch mit recht originellen Ideen aufwartet, entwickelt sich in rasender Geschwindigkeit zur größten Materialschlacht dieses Sommers. Eine “falsche” Mondlandung, ein “falsches” Tschernobyl – gewiss, hier hatten sich die Drehbuchautoren noch etwas einfallen lassen. Doch dem Regisseur Michael Bay erschien es interessanter zu sein, sich in Spezialeffekten zu verlieren und das Publikum mit technisch exzellenten Kriegsszenarien zu langweilen. Seine Liebe für die visuellen Effekte geht offenbar sogar so weit, dass er kein Gespür mehr für die Schauspieler hat. Denn die Liebesgeschichte zwischen Shia LaBoeuf alias Sam und Rosie Huntington-Whitely als seine attraktive Freundin Carly funktioniert überhaupt nicht. Da fragt man sich als Zuschauer unmittelbar nach dem ersten gemeinsamen Auftritt der beiden, ob Sam an Geschmacksverirrung leidet. Seine Freundin Carly jedenfalls scheint nur an Äußerlichkeiten interessiert zu sein. Wer meint, er könne 157 Minuten sinnbefreites Brachialkino ertragen, der darf sich gerne in dieses Machwerk verirren. Aus meiner Sicht gibt es genau einen Grund, warum man für diesen Film ins Kino geht: dort gibt es eine herrliche Klimaanlage!
Donnerstag, 23. Juni 2011
Kleine Deals unter Anwälten
Heute hiess es einmal wieder “Nachsitzen”. Da ich aus terminlichen Gründen die Pressevorführung nicht besuchen konnte, entschloss ich mich zu einem ganz regulären Kinobesuch – inkognito versteht sich.

DER MANDANT (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Lincoln Lawyer
Verleih: Universum (Walt Disney)
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Brad Furman
Darsteller: Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy
Kinostart: 23.06.2011

Mick Haller ist Strafverteidiger in Los Angeles. Doch ihm geht es nicht um Recht und Gerechtigkeit, sondern nur um das schnell und einfach verdiente Geld. Kein Wunder also, dass er bevorzugt Kleinkriminelle wie Drogendealer oder Prostituierte zu seinen Klienten zählt, für die er stets günstige Deals aushandelt. Als er jedoch eines Tages einen großen Fisch an Land zieht, ändert sich für den geschiedenen Vater einer kleinen Tochter alles. Denn der Fall des Louis Roulet, Sohn aus reichem Hause und angeklagt, eine Frau vergewaltigt zu haben, entpuppt sich als Pulverfass. Schon bald sieht sich der smarte Anwalt einer lebensgefährlichen Situation ausgesetzt... Auch wenn man als Vielseher stellenweise die Handlung bereits vorhersehen kann und sich selbst damit um ein paar überraschende Wendungen bringt, so muss man dem Film zugute halten, dass er durchweg spannend inszeniert ist. Langeweile erwirbt man sich mit dem Kauf eines Tickets für diesen Film also ganz sicher nicht. Die gute Besetzung – allen voran Matthew McConaughey als geschniegelter und gestriegelter Strafverteidiger – sorgt dafür, dass der Film über weite Strecken glaubhaft bleibt. Allerdings mag man dem Hauptakteur seine Wandlung vom Saulus zum Paulus im Laufe des Films nicht so recht abnehmen. Das allerdings liegt hier mehr am Drehbuch denn am Schauspieler. In einer der Nebenrollen überzeugt William H. Macy (diesmal mit fast schulterlangem Haar) als etwas abgehalfteter Ermittler. Wem darüber hinaus auch noch amerikanische Edel-Limousinen und Los Angeles mit seinen hippen Locations gefallen, der ist in diesem Justiz-Thriller bestens aufgehoben.
Mittwoch, 22. Juni 2011
Szenen einer amerikanischen Ehe
Die letzte Pressevorführung in dieser Woche offenbarte hervorragende Darstellerleistungen.

BLUE VALENTINE (1:1.66, DD 5.1)
OT: Blue Valentine
Verleih: Senator
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Derek Cianfrance
Darsteller: Ryan Gosling, Michelle Williams, Faith Wladyka
Kinostart: 04.08.2011

Die Ehe von Dean und Cindy steht nach nur sechs Jahren vor dem Aus. Die beiden Eheleute - Sie Ärztin, er ehemals Möbelpacker und jetzt Hausmann, der sich um die kleine Tochter kümmert – wollen mit einer gemeinsamen Nacht in einem Liebesmotel versuchen zu retten was noch zu retten ist. Doch das Projekt scheint zum Scheitern verurteilt zu sein... Immer wieder erfahren wir anhand von langen Rückblenden die gemeinsame Geschichte von Cindy und Dean. Der erste Blickkontakt, das erste Kennenlernen, das erste Rendezvous, der erste Sex. Als Cindy von einem anderen Freund ungewollt schwanger wird, springt Dean in die Presche und heiratet sie schließlich. Als Zuschauer lassen uns die hervorragenden Darsteller an allen Stationen diese Ehe teilhaben, die Jahre später in kompletter Desillusionierung und handfesten Streitigkeiten endet. Szenen einer amerikanischen Ehe, extrem realistisch dargestellt.
Dienstag, 21. Juni 2011
Lost in Cairo
Das Witzige an diesem Kinotag war die Tatsache, dass es beim zweiten Film für jeden anwesenden Journalisten einen ihm persönlich zugeordneten Security-Guard gab!

CAIRO TIME (1:2.35, DD 5.1)
OT: Cairo Time
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Kanada, Irland, Ägypten 2009
Regie: Ruba Nadda
Darsteller: Patricia Clarkson, Alexander Siddig, Elena Anaya
Kinostart: 01.09.2011

Kaum in Kairo angekommen erfährt die Diplomatengattin Juliette, dass ihr Mann im Gaza-Streifen festsitzt. An seiner Stelle wird sie von dessen ehemaligem Kollegen, dem Ägypter Tareq empfangen. Der hat sich schon vor einiger Zeit von der UN verabschiedet und verbringt seinen vorzeitigen Ruhestand mit dem Betreiben eines Cafes. Als die attraktive Juliette am nächsten Morgen erstmals alleine in den Straßen Kairos unterwegs ist, wird sie von jungen ägyptischen Männern belagert. Sie weiß jetzt, dass sie nicht alleine spazieren gehen kann und bittet Tareq darum, ihr Begleiter zu sein. Bereitwillig übernimmt der alleinstehende, charismatische Ägypter die Aufgabe als Reiseführer. Je mehr er Juliette in die geheimnisvolle Welt Kairos einweiht, desto stärker fühlt sich Juliette zu ihm hingezogen... CAIRO TIME könnte man als das passende Pendant zu LOST IN TRANSLATION bezeichnen. Dort war es eine tiefgreifende Begegnung in Tokio, hier ist es der Nahe Osten. Mit atmosphärisch stimmigen Bildern der grandiosen Stadt vor der einmaligen Kulisse der großen Pyramiden, erzählt die kanadisch-syrische Regisseurin Ruba Nadda eine sehr zarte Liebesgeschichte. Die Chemie zwischen Patricia Clarkson und Alexander Siddig stimmt perfekt und lässt die Liebelei sehr realistisch und dadurch nachvollziehbar erscheinen. Hoch anzurechnen ist es den Filmemachern auch, dass sie beim Ende des Films nicht zum Äußersten gehen, sondern denselben Weg wählen wie bereits Sofia Coppola in LOST IN TRANSLATION. CAIRO TIME ist anspruchsvolles Date-Kino für die reiferen Kinogänger.

DER ZOOWÄRTER (1:2.35, DD 5.1)
OT: Zookeeper
Verleih: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Frank Coraci
Darsteller: Kevin James, Leslie Bibb, Rosario Dawson
Kinostart: 07.07.2011

Griffin, korpulent und gutmütig, liebt seinen Job als Zoowärter über alles. Genau deswegen hat ihm seine Freundin Stephanie auf seinen Heiratsantrag hin eine Abfuhr erteilt, sucht sie für sich doch jemand wesentlich Repräsentativeren. Doch der gute Griffin kann sich Stephanie nicht aus dem Kopf schlagen. Gebetsmühlenartig erzählt er seinen Tieren von seinem großen Leid. Eines Tages jedoch platzt dem Löwen der Geduldsfaden und er fängt an mit Griffin zu sprechen. Nach dem ersten Schock muss der Tierpfleger erkennen, dass alle Tiere sprechen können! Und die tun alles dafür, dass Griffin seine angebetete Freundin wieder zurückerobern wird. So wird Griffin von seinen vierbeinigen Freundin in die Grundregeln des Balzverhaltens eingewiesen. Das reicht vom Markieren des Reviers bis zu hin zu angeberischem Brunftgebaren... Es gibt leider nur ganz wenige geglückte Momente in dieser amerikanischen Komödie. Den besten werden vermutlich die allerwenigsten Kinogänger zu Gesicht bekommen, da dieser erst während des Abspanns gezeigt wird: hier bewegen die Tiere ihre Münder im Rhythmus zu einem bekannten Popsong. Alles andere in diesem Film ist ziemlich vorhersehbar und bietet damit keine Überraschungen. Wenn die lustigen Einfälle dann ganz zu versanden drohen, wird versucht, mit einem Hauch von Fäkalhumor das Ganze noch zu retten. Das freilich misslingt komplett. Da muss sich der geneigte Kinogänger mit jener Sequenz begnügen, in der Griffin den mannsgroßen Gorilla in ein Restaurant mitnimmt und dort mit ihm abhängt. Dass die lieben Tierchen dank einer Kombination aus Animatronics und CGI sehr überzeugend wirken, ist eigentlich heutzutage schon Standard. Also auch an dieser Front nichts Neues.
Montag, 20. Juni 2011
Die Wunden der Kindheit
Mit einem faszinierenden Drama begann heute meine Filmwoche. Das macht Appetit auf mehr.

DIE EINSAMKEIT DER PRIMZAHLEN (1:2.35, DD 5.1)
OT: La Solitudine Dei Numeri Primi
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Italien, Deutschland, Frankreich 2010
Regie: Saverio Costanzo
Darsteller: Alba Rohrwacher, Luca Marinelli, Isabella Rossellini
Kinostart: 11.08.2011

Alice und Mattia – zwei verwundete Seelen, die füreinander bestimmt zu sein scheinen, aber nie richtig zueinander finden - stehen im Mittelpunkt eines faszinierenden Dramas über die Wunden der Kindheit, die das ganze Leben bestimmen. Alice erleidet als Kind einen schweren Skiunfall, den ihr rücksichtsloser Vater zu verantworten hat und durch den sie für den Rest ihres Lebens hinken wird. Mattia, der als Kind ständig auf seine geistig etwas behinderte Zwillingsschwester achten muss, lässt diese ein einziges Mal alleine auf einer Parkbank zurück. Sie taucht nie wieder auf und Mattia gibt sich die Schuld daran, entwickelt sich zum genialen, aber einsamen Sonderling. Diese Einsamkeit ist es auch, die Alice mit Mattia unmerklich verbindet, als sich die beiden im Teenageralter erstmals begegnen. Es ist die eigene Einsamkeit, die jeder im anderen wiedererkennt und sie zu Freunden werden lässt. Als Mattia schließlich zum Studium ins Ausland geht, bricht für beide eine schlimme Zeit an... Dass der Film den Zuschauer von Anfang an in seinen Bann zieht und ihn nicht mehr loslässt, liegt an der kunstvollen Verschachtelung der verschiedenen Zeitebenen, in denen die Geschichte der beiden Außenseiter geschildert wird. Es braucht zwar etwas Zeit, um sich darin zurechtzufinden, aber die gesteht der Regisseur seinem Publikum zu. Auch die teilweise betörenden Bilder von Chefkameramann Fabio Cianchetti sorgen dafür, dass der Film bis zum Ende interessant bleibt. Er nutzt das CinemaScope-Format sowie die Farbgestaltung in hervorragender Weise, um die tiefen Wunden der Protagonisten auch visuell auszudrücken. Mit Alba Rohrwacher als Alice und Luca Marinelli als Mattia hat Saverio Costanzo eine Idealbesetzung gefunden. Beide Darsteller brillieren in ihren Rollen, der auch vollen Körpereinsatz von ihnen abverlangt. Als weiteres interessantes Gestaltungsmittel fungiert die Musik, die sich stilistisch an das jeweilige Jahrzehnt anpasst, in dem die Rückblenden spielen. Komponist Mike Patton zitiert sogar ein Thema von Ennio Morricone, das der Altmeister in den siebziger Jahren für seinen Landsmann Dario Argento komponierte. Surreal wirkendes Kino mit depressiver Grundstimmung vom Feinsten.
Freitag, 17. Juni 2011
Ausweglos
Das letzte Screening in dieser Woche – ziemlich depressiv.

DER ALBANER (1:1.85, DD 5.1)
OT: Shqiptari
Verleih: Zorro
Land/Jahr: Deutschland, Albanien 2010
Regie: Johannes Naber
Darsteller: Nik Xhelilaj, Stipe Erceg, André Hennicke
Kinostart: 04.08.2011

Arben ist der älteste Sohn einer armen albanischen Familie. Um zu überleben, müssen die Männer ins Ausland gehen, wo sie mit Arbeit etwas Geld verdienen können. Arben möchte unbedingt Etleva heiraten. Doch um die Schulden ihres Vaters zu begleichen, wurde sie bereits einem wohlhabenden Geschäftsmann versprochen. Doch Arben gibt nicht auf. Um das notwendige Brautgeld zu verdienen, lässt er sich illegal nach Deutschland einschmuggeln. Dort, so sagt man, kann man in kurzer Zeit sehr viel Geld verdienen. Allerdings wird er schnell auf den Boden der Tatsachen geholt. Denn kaum Deutsch sprechend bekommt er nur schlecht bezahlte Tagelöhnerarbeiten angeboten. Die Hoffnung auf das große Geld beginnt, als er sich auf illegale Geschäfte einlässt: Arben wird als Schleuser angeheuert. Damit aber beginnen die Probleme erst... Mit schmuddeligen, farbreduzierten Bildern erzählt Regisseur Johannes Naber eine Geschichte, wie sie tagtäglich passieren könnte. Immer tiefer versinkt sein Held in dubiosen Geschäften, muss sich ständig verstecken, um nicht aufzufliegen und hat trotzdem noch Geldprobleme. Ob er jemals sein Versprechen einlösen wird, rechtzeitig zur Geburt seines unehelichen Kindes wieder zuhause zu sein? Die Antwort auf diese Frage liefert der Film, bleibt jedoch auch in gewisser Weise offen und veranlasst dadurch den Zuschauer, über die hoffnungslose Situation illegaler Einwanderer nachzudenken. Mit Nik Xhelilaj in der Titelrolle hat der Regisseur einen Glücksgriff getan. Xhelilaj spielt seine Figur überzeugend authentisch. DER ALBANER ist zwar nicht das ganz große Kino, aber ein diskussionswürdiger Film.
Donnerstag, 16. Juni 2011
Noch mehr Pinguine!
Gerade als man dachte, dass das Kino sämtliche Pinguin-Angriffe überstanden hat, schickt Jim Carrey gleich eine ganze Meute! Aber zuvor gab es wenigstens noch brillantes britisches Kino.

ALLES KOSCHER! (1:1.85, DD 5.1)
OT: The Infidel
Verleih: Senator
Land/Jahr: England 2010
Regie: Josh Appignanesi
Darsteller: Omid Djalili, Richard Schiff, Archie Panjabi
Kinostart: 30.06.2011

Mahmud ist Pakistani, überzeugter, doch nicht ganz so strenger Muslim, glücklich verheiratet, Vater zweier Kinder und beruflich erfolgreich. Sein Sohn möchte heiraten, doch seine zukünftige Braut benötigt dafür das Ja-Wort ihres zukünftigen Stiefvaters, des radikalen Muslim Arshad El Masri. Und genau der will erst einmal das Elternhaus des Schwiegersohns in spe auf dessen Religionstreue hin prüfen. Ausgerechnet in dieser Situation erfährt Mahmud aus dem Nachlass seiner eben verstorbenen Mutter, dass er als Baby adoptiert wurde und eigentlich Jude ist! Der vollkommen Verwirrte behält die Wahrheit für sich und forscht nach seinen leiblichen Eltern. Zu seinem Erstaunen lebt sein Vater zwar noch, liegt aber im Sterben. Doch man will ihn erst dann an das Sterbebett lassen, wenn er sich mit dem Judentum auseinandergesetzt hat. Mit Hilfe eines jüdischen Taxifahrers lässt sich Mahmud in die jüdischen Gebräuche einführen – mit bösen Folgen. Wenn es in letzter Zeit einen guten Film zum Thema Toleranz gegeben hat, dann ist das dieser! Regisseur Josh Appignanesi führt seinem Publikum auf sehr amüsante und höchst britische Weise vor Augen, was Multi-Kulti tatsächlich bedeutet. Es gibt nicht die einzig wahre Religion, sondern jede Religion hat ihre Berechtigung und sollte im Einklang mit allen anderen Religionen bestehen dürfen. Dass seine Komödie so wunderbar funktioniert, ist dem Schauspieltalent von Omid Djalili geschuldet, der den arg geplagten Mahmud aus voller Seele spielt. Auch werden immer wieder winzig kleine Geschichtchen eingestreut, über die man wahrhaftig lachen kann. So spielt beispielsweise Mahmuds kleine Tochter zuhause mal eine Jihad-Kämpferin, mal eine Hisbolla-Soldatin – ohne natürlich zu wissen, was das alles bedeutet. ALLES KOSCHER! macht sich dabei jedoch niemals über Religion lustig, zieht diese nie in den Dreck. Wenn man in diesem Film lacht, dann letztendlich über sich selber und weil man erkennt, wie sinnlos es ist, sich über Religion zu streiten. Sehr empfehlenswert.

MR. POPPERS PINGUINE (1:1.85, DD 5.1)
OT: Mr. Popper’s Peguins
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Mark S. Waters
Darsteller: Jim Carrey, Carla Gugino, Angela Lansbury
Kinostart: 23.06.2011

Mr. Popper ist ein erfolgreicher und aalglatter Geschäftsmann, der für eine Immobiliengruppe lukrative Objekte in New York aufkauft, damit diese abgerissen und neu bebaut werden können. Als es darum geht, das traditionsreiche Restaurant von Mrs. Van Gundy der Gruppe einzuverleiben, erhält er eine Abfuhr. Doch ein Popper gibt sich nie geschlagen! Ausgerechnet in dieser schwierigen Situation erhält der geschiedene Vater zweier Kinder eine große Holzkiste aus dem Nachlass seines Vaters. Zu seiner Überraschung schwirren bald sechs hungrige Pinguine durch sein Luxus-Apartment! Immerhin: seinen Kinder gefallen die watschelnden Kerlchen extrem gut. Fast scheint es, als ob die Familie plötzlich wieder zusammenwächst... Endlich darf sich Jim Carrey mal wieder in einer Rolle zeigen, die kein “Aus-dem-Ruder-Laufen” erfordert. Er spielt den redegewandten Geschäftsmann, der plötzlich wieder Gefühle entdeckt, sehr überzeugend. Überzeugend ebenfalls die Kombination aus echten und digital entworfenen Pinguinen. Die können einem schon sehr ans Herz wachsen. MR. POPPER’S PINGUINE ist typisch amerikanisches Family Entertainment ohne bitteren Nachgeschmack und mit vorprogrammiertem Happy End, das wunderbar in die Weihnachtszeit passen würde. Der Kinostart im Hochsommer ist etwas gewagt.
Mittwoch, 15. Juni 2011
Nicht gerade ein Vorbild
Wieder nur eine einzige Pressevorführung heute – man wird richtig entwöhnt...

BAD TEACHER (1:1.85, DD 5.1)
OT: Bad Teacher
Verleih: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Jake Kasdan
Darsteller: Cameron Diaz, Justin Timberlake, Lucy Punch
Kinostart: 23.06.2011

Elizabeth hat eigentlich nur eines im Sinn: Leben im Luxus. Ihren Job als Lehrerin übt sie nur aus, um an Geld zu kommen. Und sie hängt ihn liebend gerne an den Nagel, als die Hochzeit mit ihrem reichen Freund ansteht. Dumm nur dass der einen Rückzieher macht. So steht sie dann doch wieder vor einer Schulklasse. Aber warum sich mit Arbeit belasten, wenn man den Kleinen auch Filme zeigen kann? Elizabeth tut wirklich alles, um kein Vorbild für die Schüler zu sein. Als sie den sympathischen Aushilfslehrer Scott aus reichem Hause kennenlernt, schöpft sie Hoffnung, bald schon in Saus und Braus leben zu können. Doch es gilt eine Hürde zu nehmen: sie braucht dringend eine Brustvergrößerung, um ihre Chance bei der Balz zu erhöhen. Allerdings balzt sie nicht alleine: ihre allseits beliebte Kollegin Amy findet ebenfalls Gefallen an Scott... Man könnte durchaus Gefallen finden an dieser Anarchokomödie. Selbst Cameron Diaz in der Titelrolle ist noch halbwegs zu ertragen, läuft sie dieses Mal doch nicht komplett aus dem Ruder. Doch der Grundtenor dieser Komödie, die sich darin gefällt, stets unter die Gürtellinie zu schlagen, holt einen schnell wieder auf den Boden der Tatsachen. Warum nur müssen Komödien, die sich im Schulmilieu abspielen, immer mit zweideutig Eindeutigem ausstaffiert werden? Humor kann auch anders richtig gut funktionieren. Wohl aber nicht in Amerika. Wie auch immer – den BAD TEACHER hat man schnell ziemlich satt. Immerhin gibt es zwei interessante und gut besetzte Nebencharaktere, über die man sich amüsieren kann. Elizabeths Kollegin Amy beispielsweise, die Vorbild für ihre Schützlinge sein will, aber deshalb genau von denen nicht für voll genommen wird. Oder die etwas beleibte und ältere Kollegin, die alles andere als Selbstbewusstsein ausstrahlt. Eine politisch vollkommen inkorrekte Komödie, bei der am Ende sogar die Verdorbenheit zum Erfolg führt. Amerika – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Dienstag, 14. Juni 2011
Ein langer Marsch
Manche Kinofilme fühlen sich länger an als sie tatsächlich sind...

THE WAY BACK – DER LANGE WEG (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Way Back
Verleih: Splendid (Fox)
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Peter Weir
Darsteller: Jim Sturgess, Ed Harris, Saoirse Ronan, Colin Farrell
Kinostart: 30.06.2011

Polen 1940. Die Russen haben das Land besetzt und gehen rücksichtslos gegen Regimegegner vor. Einer von ihnen ist Janusz, dessen Frau durch Folter gezwungen wurde, gegen ihn auszusagen. Janusz wird in ein sibirisches Arbeitslager deportiert. Zusammen mit anderen politischen Gefangenen sowie Schwerverbrechern wird er bei eisigen Temperaturen zu Schwerstarbeit gezwungen. Die Begegnung mit Khabarov, einem in Ungnade gefallenen Schauspieler, und Mr. Smith, einen in Gefangenschaft geratenen Amerikaner, mündet in einem Fluchtplan. Gemeinsam mit vier weiteren Häftlingen wagen die drei Männer die Flucht aus dem Gulag. Ihre einzige Hoffnung: die Tausende von Kilometer entfernte Mongolei. Nur mit einem Messer bewaffnet und einer Handvoll Proviant beginnt ein wahres Martyrium... Ob Absicht oder nicht: am Ende des Films fühlt man sich als Zuschauer genau so, wie sich die Überlebenden des ewig langen Fußmarsches gefühlt haben müssen: total erschöpft. Dem Film merkt man leider jede Minute seiner 133 Minuten Spielzeit an. Ein echter Durchhaltefilm. Regisseur Peter Weir stützt sich bei seiner Inszenierung auf den Tatsachenroman von Slawomir Rawiczs und zeigt in vielen Einzelheiten die Qualen, die die Männer durchlaufen müssen. Erst die eisige Kälte Sibiriens, danach die Gluthitze jenseits der mongolischen Grenze. Unterwegs gabelt der kleine Trupp ein Mädchen auf, das bald schon als Sprachrohr zwischen den sehr unterschiedlichen Männern fungiert. Saoirse Ronan ist hier eine willkommene Abwechslung in dem ansonsten sehr behäbigen Film. Visuell bietet der Film grandiose Landschaftsaufnahmen (National Geographic ist Mitpoduzent des Films!), die jedoch den Langeweilefaktor nicht wirklich drosseln können.
Mittwoch, 08. Juni 2011
Die Entstehung der Erde und alles andere auch noch
Die letzte Pressevorführung in dieser Woche generierte zweifelnde und fragende Gesichter...

THE TREE OF LIFE (1:1.85, DD 5.1)
OT: The Tree Of Life
Verleih: Concorde
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Terrence Malick
Darsteller: Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain
Kinostart: 16.06.2011

Alle fünf Jahre liefert Ausnahmeregisseur Terrence Malick einen neuen Film ab. Die lange Wartezeit zwischen seinen Werken schraubt die Erwartungen natürlich entsprechend hoch, stammen doch Filme wie IN DER GLUT DES SÜDENS und DER SCHMALE GRAD von ihm. Was Malick jedoch jetzt mit dem in Cannes hoch umjubelten Epos THE TREE OF LIFE in die Kinos bringt, dürfte die Zuschauer eher verstören denn begeistern. Es ist eigentlich die Geschichte einer durchschnittlichen amerikanischen Familie mit drei Kindern, die in den sechziger Jahren in einem kleinen texanischen Ort aufwachsen. Der Vater, ein Offizier, ersucht seine Söhne nach bestem Wissen und Gewissen zu erziehen. Und das bedeutet: streng gläubig und extrem hart. Im Laufe der Jahre führt dies beim ältesten seiner Söhne dazu, dass er seinen Vater zu hassen beginnt, sich sogar Mordgedanken hingibt. Natürlich kommt alles anders und der Film nimmt das tragische Ende bereits zu Beginn vorweg. Doch nicht genug mit dieser Familiengeschichte. Malick packt das Ganze in einen universumübergreifenden Zusammenhang, zelebriert die Entstehung der Erde mit einer gewaltigen Bilderflut, bei denen Kubricks 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM Pate stand (die Handschrift von Special Effects Guru Douglas Trumbull ist nicht zu übersehen!) und unterlegt alles mit aus dem Off gesprochenen spirituellen Fragen. Ein bisschen zuviel des Guten. Der Film ist trotz Überlänge keineswegs langweilig, doch er wirkt extrem abstrakt und bedarf einer Erklärung. Und hat damit eine zweite Parallele mit Kubricks Sci-Fi-Epos: auch er entließ das Publikum mit Fragen, auf die er keine Antwort lieferte. Sollte es sich also bei Malicks Film etwa auch um ein Meisterwerk handeln? Die Antwort darauf wird die vor uns liegende Filmgeschichte liefern.
Dienstag, 07. Juni 2011
Kältewelle
An einem schwülen Tag gleich zwei Filme präsentiert zu bekommen, die kalte Temperaturen im Titel verkünden, halte ich für einen gelungenen PR-Gag.

ARSCHKALT (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: NFP
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: André Erkau
Darsteller: Herbert Knaup, Johannes Allmayer, Elke Winkens
Kinostart: 21.07.2011

Rainer Berg ist ein richtiges Ekelpaket. Denn sein persönliches Leid lässt er alle seine Mitmenschen spüren. Jetzt arbeitet der ehemalige Fabrikinhaber als Fahrer bei einem Tiefkühlkostlieferanten. Seine Frau hat sich schon lange von ihm getrennt und sein im Seniorenheim lebender Vater glaubt immer noch, dass sein Sohn das einst erfolgreiche Familienunternehmen weiter führt. Da treten drei neue Situationen in sein Leben. Die neue Chefin hat ihn auf dem Kieker, seinen Kollegen Tobias soll er einlernen und sein Vater will unbedingt seinen Geburtstag in der Fabrik feiern! Ob er will oder nicht – Rainer muss sich mit seinen Mitmenschen arrangieren, um de Schein aufrecht zu erhalten. Doch das ist extrem schwierig... Zugegeben: diese Komödie hat durchaus ihre lichten Momente. Und damit sind nicht nur die philosophischen Betrachtungen zur Tiefkühlkost gemeint, die sozusagen als “Running Gag” immer wieder Szenenübergänge bilden. Man kann die Situationen, in die sich die Protagonisten hineinmanövrieren, durchaus verstehen und kann sogar leise vor sich hinschmunzeln. Was dem Betrachter aber schon nach kurzer Zeit wirklich den Nerv raubt ist die Filmmusik vom Gespann Dürbeck & Dohmen (siehe hierzu Bemerkung unten). Die klingt so einfallslos, als hätte sie ein Amateur mit einem der vielen Musikprogramme generiert, die inzwischen für PCs verfügbar sind. Und es ist viel zuviel Musik im Film. Eine gute Filmmusik muss auch einmal schweigen können. Bleibt fairerweise noch zu erwähnen, dass uns heute leider nur eine Vorabversion des Films gezeigt wurde, da sich das Werk momentan noch in der Nachbearbeitung befindet. Die Bild- und Tonqualität des gezeigten DigiBeta-Materials spottete jeder Beschreibung und machte für mich viele der Dialoge höchst unverständlich.

Bezüglich meiner obigen Bemerkung zur Filmmusik hat mich am 17. Juni 2011 eine E-Mail des Komponisten René Dohmen erreicht mit der Bitte um Klarstellung: die bei der Pressevorführung gezeigte Fassung des Films war zu 80% mit einem sogenannten "Temp Track" unterlegt, also Fremdmusiken aus anderen Filmen und nicht mit dem originalen Score von Dürbeck & Dohmen. Leider wurden wir Journalisten durch den Filmverleih auf diesen Umstand nicht hingewiesen, was ich persönlich für sehr fahrlässig halte.



WERNER – EISKALT (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2010
Regie: Gernot Roll
Darsteller: Rötger Feldmann, Ivonne Schönherr, Marysol Fernandez
Kinostart: 23.06.2011

Wer glaubte, dass es mit WERNER endgültig vorbei sei, der hat sich aber getäuscht! Herr Brösel, Autor und Hauptdarsteller in Personalunion, zelebriert eine weitere Auflage seiner bekannten Figuren. In der Hauptsache geht es in diesem Mix aus Real- und Animationsfilm um die andauernde Rivalität zwischen Werner und seinem Erzrivalen Holgi. Die liefern sich schon seit ihren Tagen im Kinderwagen halsbrecherische Rennen, bei denen immer Holgi gewinnt. Das natürlich spornt Werner immer wieder zu neuen (Un)Taten an, die sein Motorrad gesetzeswidrig schnell werden lassen. Die gefühlten drei Stunden (der Film dauert knapp über 90 Minuten) wälzt sich der Film äußerst gerne in Fäkalien oder Erbrochenem und man sehnt sich das Ende des Films schon nach den ersten 15 Minuten herbei. WERNER – EISKALT bietet selbstverständlich auch einen Witz – und es ist exakt 1 Witz. Multiplexklientel mag das reichen, um Bölkstoff und XXL Popcorn zu genießen, dem etwas anspruchsvolleren Kinogänger jedoch mit Sicherheit nicht. WERNER – EISKALT ist jener Film des Jahres, bei dem man selbst auf den Einsatz einer Freikarte verzichten sollte. Um es in Werners Worten auszudrücken: “Hau wech die Scheeeiße!”
Montag, 06. Juni 2011
Zurück auf die Schulbank
Eine Romantikkomödie eröffnete heute eine quantitativ recht dünne Pressewoche. Vielleicht klappt es ja dafür mit der Qualität?

LARRY CROWNE (1:2.35, DD 5.1)
OT: Larry Crowne
Verleih: Kinowelt
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Tom Hanks
Darsteller: Tom Hanks, Julia Roberts, Gugu Mbatha-Raw, Cedric The Entertainer, George Takei
Kinostart: 30.06.2011

Eigentlich hatte Larry Crowne fest damit gerechnet ein weiteres Mal zum “Mitarbeiter des Monats” des Kaufhauses gekürt zu werden, in dem er arbeitet. Doch stattdessen wird ihm die Kündigung vor den Latz geknallt. Die Tatsache, dass er nie einen Collegeabschluss gemacht hat, machte ihn zur Zielscheibe von Personalabbau. Eine neue Stelle zu finden gestaltet sich für den engagierten und stets freundlichen Mitfünfziger extrem schwierig. Seine einzige Chance um auf dem Arbeitsmarkt u bestehen: er muss noch einmal die Schulbank drücken. So meldet er sich nicht nur für einen Wirtschaftskurs, sondern auch noch für ein Rhetorikseminar an. Dort lernt er nicht nur die flippige junge Talia samt ihrer Motorrollergang kennen, sondern auch die Seminarleiterin Mrs. Tainot. Und schon hat sich der Gentleman alter Schule verliebt... Was in Tom Hanks‘ Film überhaupt nicht funktioniert ist die Love Story zwischen Larry und Mrs. Tainot. Hier mangelt es an dem bekannten Funken. Der springt zwischen Tom Hanks und Julia Roberts einfach nicht über. Wohl schon eher zwischen ihm und Mitschülerin Talia, die sein Leben ordentlich umkrempelt. Aber diese ist ja leider nicht Bestandteil des Drehbuchs, das sich nun einmal dafür entschieden hat, zwischen Roberts und Hanks die größte Liebesgeschichte der Saison zu inszenieren. Überhaupt scheint es Co-Autor, Regiesseur und Hauptdarsteller Tom Hanks nur darum zu gehen, endlich einmal nach Herzenslust Motorroller zu fahren und sich damit ein Stück fünfziger Jahre Flair in die Gegenwart zu holen. Nicht einmal der “Running Gag” mit seinem Wirtschaftsdozenten Dr. Matsutani funktioniert, sondern langweilt eigentlich nur. Mit ein wenig mehr Gefühl und einem besseren Gespür für die Figuren hätte aus LARRY CROWNE ein gutes Date-Movie werden können. Doch so bleibt nur die vergebene Liebesmüh.
Mittwoch, 01. Juni 2011
Wie sie wurden was sie sind
Ein erfolgreiches Franchise geht in die nächste Runde – und meine Pressewoche damit in die letzte Runde.

X-MEN: ERSTE ENTSCHEIDUNG (1:2.35, DD 5.1)
OT: X-Men: First Class
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Matthew Vaughn
Darsteller: James McAvoy, Michael Fassbender, Kevin Bacon, Jennifer Lawrence
Kinostart: 09.06.2011

1944 in einem KZ auf polnischem Boden: der Sadist Sebastian Shaw erkennt die magnetischen Fähigkeiten des jungen Erik und zwingt ihn, mit ihm zusammenzuarbeiten, indem er seine Mutter erschießt. Zur gleichen Zeit begegnet der Mutant Charles in England seiner Mutantenschwester Raven. Anfang der sechziger Jahre: Erik, jetzt erwachsen, ist auf der Suche nach seinem Peiniger, um Rache zu nehmen. Dabei trifft er auf Charles und Raven sowie eine CIA-Agentin, die alle drei sowie einige weitere Mutanten für ihre Organisation rekrutiert. Die Superkräfte der Mutanten sollen den Amerikanern im Kampf gegen die Russen helfen. Doch die Russen sind schon längst von Shaw und seinen ergebenen Mutanten unterwandert. Die Welt steuert schnurstracks in die Kuba-Krise... Matthew Vaughn versteht es, trotz der Länge seines Films von über zwei Stunden, sein Publikum bei Laune zu halten. Langeweile lässt er erst gar nicht aufkommen. Der rasant inszenierte Action-Film nach den bekannten Marvel-Comics überrascht mit spektakulären Effekten, faszinierenden Schauplätzen und einer verjüngten Mannschaft. Bösewicht Kevin Bacon darf sich im Original sogar in deutscher Sprache versuchen – zumindest gibt er dafür sein Bestes. So manchen Patzer bei der Ausstattung des Films (im Jahre 1962 gab es sicher noch keine Revox A77 Bandmaschine!) verzeiht man gerne angesichts eines spannenden und stetig vorantreibenden Films, der erklärt, wie die Feindschaft zwischen Magneto und X zustande kam. Vermutlich einer der besseren Blockbuster des Jahres.

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