Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Mittwoch, 31. August 2011
Ein Todeskandidat und drei Bordelle
Erst ein unter die Haut gehender fast dokumentarischer Film und danach ein richtiger Dokumentarfilm über das älteste Gewerbe der Welt. Da kommt mir das Fantasy Filmfest, das heute Abend in Stuttgart beginnt, gerade recht.

HALT AUF FREIER STRECKE (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Pandora
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Andreas Dresen
Darsteller: Steffi Kühnert, Milan Peschel, Inka Friedrich
Kinostart: 17.11.2011

Die Diagnose ist eindeutig. Der Tumor, der sich in Franks Kopf eingenistet hat, ist bösartig. Eine Operation kommt nicht in Frage. Frank hat nur noch wenige Monate zu leben. Der Vater zweier Kinder ist fassungslos, seine Frau den Tränen nahe. Wie sollen sie das ihren Kindern beibringen? Bald schon droht der Tumor nicht nur Frank zu zerstören, sondern wird auch für die Familie zu einer extrem harten Belastungsprobe... Mit dokumentarischem Charakter macht sich Regisseur Andreas Dresen daran, einen Krankheitsfall zu schildern, der sich vermutlich tagtäglich auf der ganzen Welt in ähnlicher Form ereignet. Mit Blick für Details und einem ausgezeichneten Darstellerensemble gelingt ihm ein authentischer Film, der alles andere als leichte Kost ist. Seine Kamera ist dabei, wenn die tödliche Diagnose die unvorbereiteten Eltern trifft. Sie ist dabei, wenn Frank allmählich durchzudrehen droht. Und sie ist auch noch dabei, wenn das Endstadium erreicht ist. Viel von der Authentizität, die zu spüren ist, resultiert auch aus den Darstellern in den Nebenrollen, bei denen es sich vermutlich um Laien handelt – Therapeuten und Krankenpfleger, für die der geschilderte Fall tagtägliche Routine darstellt. Auch der Verzicht auf Filmmusik (ein beliebtes Stilmittel bei Dresen) lässt bei diesem Film niemals die Möglichkeit einer Seifenoper in Betracht ziehen. Aber auch surrealer Elemente bedient sich Dresen. Die innere Auseinandersetzung von Frank mit seinem Tumor lässt beispielsweise Letzteren plötzlich in Gestalt eines Menschen als Talk-Gast bei Harald Schmidt in Erscheinung treten. Das mag zwar oberflächlich komisch erscheinen, lässt jedoch die Gefühlswelt des Todeskandidaten greifbar werden. HALT AUF FREIER STRECKE ist ganz sicher keine gute Unterhaltung, dafür aber ein verdammt ehrlicher Film.

WHORES´ GLORY – EIN TRIPTYCHON (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Delphi
Land/Jahr: Österreich, Deutschland 2011
Regie: Michael Glawogger
Kinostart: 29.09.2011

Michael Glawogger zeigt in seinem fast zweistündigen Dokumentarfilm über Prostitution beispielhaft drei Bordelle, die auf der ganzen Welt verstreut sind: das “Fish Tank” in Bangkok, Thailand, die “Stadt der Freude” in Faridpur, Bangladesh, und “La Zona” in Reynosa, Mexiko. Ein Film bleibt vollkommen unkommentiert bis auf einige wenige Aussagen von Prostituierten oder sogenannten “Puffmüttern”. Die Welt des “Fish Tank” in Bangkok ist fast klinisch rein. Die zur Verfügung stehenden Mädchen warten geduldig hinter einer großen Glasscheibe ähnlich einem Aquarium auf ihre Freier. Die sitzen gemütlich davor und begutachten die “Ware”, während sie mit dem Inhaber über Preise verhandeln. In ihrer Freizeit gehen die Mädchen ihrem eigenen Vergnügen nach und amüsieren sich in Bars mit Animateuren. Ganz anders die Situation im indischen Hurendorf in Faridpur. Hier sind es die Ärmsten der Armen, die schon als ganz junge Mädchen von den Eltern abgekauft werden und unter die Fittiche einer Puffmutter kommen. In schäbigen Zimmern inmitten eines fast hermetisch abgeriegelten Dorfes müssen sie eine Freier nach dem anderen glücklich machen, um zu überleben. Im mexikanischen “La Zona” schließlich fahren die Freier mit ihren großen Schlitten durch die abgeriegelte Zone, innerhalb der die Nutten in den Türen ihrer Zimmer nach Kundschaft Ausschau halten. Das alles wird musikalisch unterlegt mit depressiver Grundstimmung. Was oberflächlich wie Glamour aussehen kann, ist ein hartes Geschäft, das ihre Arbeiterinnen fürs Leben zeichnet. Fast gegen Ende des Films bleibt Glawoggers Kamera sogar mit einer der mexikanischen Prostituierten und ihrem Freier im Zimmer. Es gibt bei dem jetzt folgenden Geschlechtsakt auch keine Abblende. Hier wird alles gezeigt. Es wird spannend sein zu beobachten, mit welcher Altersfreigabe die FSK den Film absegnen wird.
Dienstag, 30. August 2011
Barbarisch und romantisch
Ein wahres Wechselbad der Gefühle erwartete mich heute zum fröhlichen Stelldichein im Kino.

CONAN (1:2.35, 3D, DD 5.1)
OT: Conan The Barbarian
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Marcus Nispel
Darsteller: Jason Momoa, Rachel Nichols, Stephen Lang
Kinostart: 08.09.2011

Als Jugendlicher muss Conan hilflos mit ansehen, wie sein Vater von einem machtgierigen, finsteren Herrscher getötet wird. Der hat es auf die Scherben einer Maske abgesehen, die – wieder zusammengefügt – ihm große Macht verleiht. Da Conans Vater im Besitz des letzten noch fehlenden Stückes ist, gibt es keine Rettung mehr für ihn. Viele Jahre später sucht der inzwischen erwachsene Conan den Mörder seines Vaters, um sich zu rächen... Eigentlich fasst ein einziger Dialog den ganzen Film zusammen: “Ich lebe, ich liebe, ich töte. Und das ist mir genug” spricht Conan und ist im nächsten Augenblick auch schon beim Geschlechtsakt mit seiner Auserwählten zu sehen. Keinen Humor hat, wer hier nicht lacht. Doch humorvoll zu sein ist keinesfalls erklärte Absicht in diesem Remake des Arnold Schwarzenegger Klassikers aus den achtziger Jahren. Da werden Nasen und Köpfe abgeschlagen, Menschen als Wurfgeschosse verwendet und auch sonst kübelweise Blut verkleckert, dass es für No-Brainer eine wahre Freude ist. “Und das ist mir genug” wird die Zielklientel zustimmend nicken. Erwartet man allerdings von einem Film noch ein bisschen mehr wie z.B. eine Charakterentwicklung oder ähnliches, dann ist man bei dieser Barbarei fehl am Platz. Inszeniert hat diese Neuauflage der Deutsche Marcus Nispel, der sich in Hollywood bereits einen Namen als Remake-Regisseur gemacht hat. Doch so langweilig und eindimensional (trotz 3D-Technik) macht dieser Neuaufguss keinen Spaß. Einzig jene Szenen, in der Conan gegen Sandkrieger oder gegen eine Riesenkrake kämpfen muss, könnte man als gelungen bezeichnen. Wehmütig denkt man beim Anschauen des Films wieder an die grandiose Filmmusik von Basil Poledouris, die dem Film von John Milius das Sahnehäubchen aufsetzte. Der neue Score von Tyler Bates hingegen ist eine brachiale Musiksuppe, mit der alles zugekleistert werden soll. Weniger wäre hier definitiv mehr gewesen.

MÄNNERHERZEN...UND DIE GANZ GANZ GROSSE LIEBE (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Warner
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Simon Verhoeven
Darsteller: Til Schweiger, Christian Ulmen, Florian David Fitz, Nadja Uhl, Wotan Wilke Möhring, Maxim Mehmet, Liane Forestieri, Jana Pallaske, Justus von Dohnanyi
Kinostart: 15.09.2011

Der Fortsetzungsfilm von MÄNNERHERZEN aus dem Jahre 2009 fängt genau dort an, wo der erste Teil aufgehört hat. Wieder werden die altbekannten Beziehungskonstellationen in einem flott inszenierten Gefühlspotpourri ineinander verwoben. Der abgewrackte Schlagersänger Bruce Berger will ein großes Comeback feiern und dafür ein eigenes Musiklabel gründen. Ihm zu Hilfe kommen Niklas, der noch immer dem TV-Sternchen Maria hinterherschmachtet, und Günther, der noch immer nicht mit seiner neuen Flamme Susanne geschlafen hat. Deren Sohn akzeptiert Günther nicht als Ersatzvater und trauert dem echten Papa nach, der weiterhin seine Zeit im Gefängnis absitzt. Jerome, der einzige Vertraute von Bruce Berger, hat sich zu seinen Eltern aufs Land geflüchtet und begegnet seiner Traumfrau. Die wiederum ist mit dem Sänger Maurizio verlobt, der wiederum Susanne anbaggert. Und schließlich gibt es noch Philip und Nina, die Zwillinge erwarten... Meist sehr lustig, immer gefühlvoll und manchmal sogar tragisch werden Situationen heraufbeschworen, die man vermutlich alle irgendwann schon einmal selbst erlebt hat. Dass diese Klischees dann etwas überzogen dargestellt werden, geht dabei vollkommen in Ordnung, da dieser dramaturgische Kniff der effektvollen Steigerung der Pointen dient. Will heissen: hier darf und soll nach Herzenslust gelacht und geschmunzelt werden. An Regie-Einfällen mangelt s nicht. Wer sich nicht mehr im Detail an den ersten Film erinnern kann, dem helfen ganz kurz eingeschobene Flashbacks zur Orientierung. Das Darstellerensemble leistet gute Arbeit, insbesondere Justus von Dohnanyi als schwuler Schlagersänger mit deutsch-englischem Mundwerk macht großen Spaß. Ein Pluspunkt auch die Fotografie. Jo Heims Kamera weiß die Location Berlin stets vortrefflich in den Film zu integrieren.
Freitag, 26. August 2011
Vexierspiel und Mordskomödie
Die letzten beiden Pressevorführungen in dieser Woche haben mich nicht überzeugt. Aber das muss ja nichts heissen...

DIE LIEBESFÄLSCHER (1:1.85, DD 5.1)
OT: Copie Conforme
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich, Italien 2010
Regie: Abbas Kiarostami
Darsteller: Juliette Binoche, William Shimell, Jean-Claude Carrière
Kinostart: 13.10.2011

Mit seinem Buch über Originale und Kopien in der Kunst landet der britische Autor James Miller einen Volltreffer in Italien. Während einer Lesereise in der Toskana lernt er dabei eine schöne Kunstexpertin kennen. Zwischen den beiden scheint es zu funken und sie verabreden sich zu einem gemeinsamen Ausflug. Dass die schöne Frau bereits einen Sohn hat, soll tunlichst verschwiegen werden. So scheint es zumindest. Die Fahrt in ein malerisches Dorf wird geprägt von Diskussionen zwischen den beiden, die oftmals kontrovers verlaufen. Die Besitzerin eines kleinen Cafes gar glaubt, dass es sich bei den Zweien um ein Ehepaar handelt. Haben sich die beiden tatsächlich eben erst kennengelernt? Falls ja, so spielen sie das Ehepaar täuschend echt. Original und Kopie, Realität und Fiktion – das sind die Themen, die der iranische Regisseur Abbas Kiarostami in seinem Vexierspiel behandelt. Sind der Autor und die Kunstexpertin schon seit 15 Jahren verheiratet und stecken mitten in einer schweren Ehekrise oder ist es nur ein Trugbild? Auch am Ende des Films wird es der Zuschauer vermutlich nicht zu hundert Prozent wissen. Was sich auf der einen Seite nach einem faszinierenden Rätselfilm anhört, entpuppt sich als ein extrem dialoglastiger Sommerausflug in die Toskana. Die vielen langen Einstellungen verlangen von den beiden Darstellern höchste Konzentration (teilweise müssen sie ihre Dialoge sogar während der Autofahrt sprechen!) und muss entsprechend gewürdigt werden. Doch das Rätselraten wird durch die vielen Dialoge und unvorhersehbaren Wendungen so anstrengend, dass man sich das Ende des Films möglichst schnell herbeisehnt.

KILL THE BOSS (1:2.35, DD 5.1)
OT: Horrible Bosses
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Seth Gordon
Darsteller: Jason Bateman, Charlie Day, Jason Sudeikis, Jennifer Aniston, Colin Farrell, Kevin Spacey, Donald Sutherland, Jamie Foxx
Kinostart: 01.09.2011

Wer kennt das nicht: da hat mein einen Vorgesetzten, der einem das Leben zur Hölle macht, auch wenn man sich noch so sehr bemüht! Die drei Kumpels in diesem Film können ein Lied davon singen. Nick, immer noch auf eine Beförderung hoffend, wird von seinem Boss auf Schritt und Tritt ausgebremst und drangsaliert. Kurt muss sich mit dem nur an Koks interessierten Sohnemann seines eben erst verstorbenen Chefs herumquälen. Und Weichei Dale, der kurz vor der Vermählung mit seiner Freundin steht, wird in seiner Funktion als Zahnarztassistent von seiner nymphomanen Chefin ständig sexuell bedrängt. In einer schwachen und biergetränkten Minute entscheiden sich die Drei dazu, sich ihrer Chefs zu entledigen. In einer zwielichtigen Bar holen sie sich (teuren) Rat von einem vermeintlichen Killer: jeder soll den Chef des anderen töten. Doch zwischen Theorie und Praxis liegen Welten... Die Inhaltsangabe zum Film ließt sich eigentlich ganz lustig. Wer jetzt auf eine schöne, rabenschwarze Komödie hofft, der wird herb enttäuscht. Denn die prominent besetzte Komödie erweist sich schon nach kurzer Zeit als extrem langweilig. Die Schauspieler trifft dabei keine Schuld, sondern das einfallslos heruntergespulte Drehbuch. An Jennifer Anistons aggressiver sexueller Anmache hat man sich genauso schnell sattgesehen wie an der vollkommen überzogenen Verhaltensweise von Kevin Spacey als Nicks Chef. Und da der Film natürlich auch sämtliche Erfordernisse des aktuellen Filmmarktes berücksichtigen möchte, gibt es – wenn auch nur wenige, dafür aber umso einfallslosere – Fäkalhumoreinlagen. Gute Unterhaltung? Nicht hier.
Donnerstag, 25. August 2011
Mossad in Action
Heute gab es zwar nur eine einzige Pressevorführung, dafür aber einen sehr spannenden Film.

EINE OFFENE RECHNUNG (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Debt
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA, Großbritannien, Ungarn 2010
Regie: John Madden
Darsteller: Helen Mirren, Sam Worthington, Jessica Chastain, Tom Wilkinson
Kinostart: 22.09.2011

Der Tatsachenroman ihrer Tochter veranlasst deren Mutter die darin geschilderten Ereignisse nochmals Revue passieren zu lassen. Als Agentin des Mossad wird die 25jährige Rachel im Jahre 1965 nach Ost-Berlin eingeschleust, um zusammen mit zwei anderen Agenten den gesuchten Nazi-Verbrecher Dieter Vogel nach Israel zu entführen. Dort soll dem “Chirurgen von Birkenau” vor aller Welt der Prozess gemacht werden. Vogel arbeitet inzwischen unter falschem Namen als Gynäkologe. Während die drei Agenten auf ihren Einsatz warten, bandelt Rachel mit Stephan an, obgleich sie der schweigsame David weitaus mehr fasziniert. Als es soweit ist, kommt es bei der Entführung zu einem Zwischenfall und die drei Agenten können Vogel nicht außer Landes bringen. Sie müssen ihn in ihrem Versteck unterbringen. Die Folgen des sich dadurch ergebenden zermürbenden Wartens wird die Agenten bis in die Gegenwart verfolgen... Das Remake eines mit Preisen ausgezeichneten israelischen Films aus dem Jahre 2007 (HA HOV) erweist sich als konsequent spannend inszenierter Thriller mit einigen krassen Szenen. Regisseur John Madden erzählt seine Story über Lüge und Wahrheit, Schuld und Sühne auf zwei Zeitebenen, die sich ständig abwechseln und für die die Protagonisten jeweils mit zwei unterschiedlichen Darstellern besetzt wurden. Helen Mirren spielt die Rachel im Jahre 1997, Jessica Chastain jene im Jahre 1965. Beide Schauspielerinnen überzeugen in ihren Rollen. Ebenso wie ihre männlichen Counterparts Sam Worthington bzw. Ciaran Hinds als David und Tom Wilkinson bzw. Marton Csokas als Stephan. Die Rolle des Chirurgen von Birkenau wurde interessanterweise nicht mit einem deutschen Darsteller besetzt, sondern mit Jesper Christensen, der seine Sache allerdings souverän meistert. Ihm nimmt man den perversen Nazi gerne ab. Leider hält der Film zum Ende hin einige Szenen vor, die die zuvor spannend aufgebaute Inszenierung mit einem Schlag zunichte machen. Hier wird unnötig dick aufgetragen, vermutlich um den Film in den USA zu besseren Umsätzen zu verhelfen. Immerhin jedoch macht dieses Remake neugierig darauf, das Original zu entdecken.
Mittwoch, 24. August 2011
Krebszellen
Eigentlich ging es in beiden Filmen heute um Krebsgeschwüre – real im ersten, symbolisch im zweiten.

LOVE LIFE – LIEBE TRIFFT LEBEN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Komt Een Vrouw Bij De Dokter
Verleih: Camino (Fox)
Land/Jahr: Niederlande 2009
Regie: Reinout Oerlemans
Darsteller: Carice van Houten, Barry Atsma, Anna Drijver
Kinostart: 29.09.2011

Der gutaussehende und smarte Stijn führt ein Leben auf der Überholspur. Und anbrennen lässt der Werbeprofi erst recht nichts. Auch die Begegnung mit der attraktiven Geschäftsfrau Carmen ändert daran nicht das Geringste. Die beiden heiraten zwar und haben schon bald Nachwuchs in Form von Töchterchen Luna, doch Stijn leistet sich weiterhin Seitensprümge im Amsterdamer Nachtleben, die Carmen stillschweigend akzeptiert. Eines Tages jedoch trifft es Stijn wie ein Blitz aus heiterem Himmel: bei Carmen wird Brustkrebs diagnostiziert. Zum ersten Mal hat der sonst alles gerne unter Kontrolle habende Stijn keine Macht über das grausame Schicksal. Chemo, Bestrahlung und schließlich die Amputation ihrer linken Brust scheint die Eheleute auseinanderzutreiben. Nicht zuletzt weil Stijn die unkonventionelle Malerin Roos kennenlernt, mit der er eine heimliche und sehr leidenschaftliche Affäre beginnt. Doch die größte Herausforderung für Stijn und Carmen wartet noch im Verborgenen... Mit seinem Debütfilm präsentiert Reinout Oerlemans die Verfilmung des Romans “Mitten ins Gesicht” des Autors Raymond van de Klundert (“Kluun”) und nimmt den Zuschauer damit auf eines sehr bewegende, emotionale Reise. Die auf Aussenstehende als grotesk oder gar verantwortungslos wirkende Reaktion von Stijn auf die Krankheit seiner Frau wird hier sehr intensiv nachvollziehbar gemacht. Sein Erschaffen einer krebsfreien Oase zusammen mit seiner Geliebten mag dem Zuschauer als pietätlos erscheinen, da es in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert wird, entspricht jedoch gleichzeitig der Realität. Der von Barry Atsma dargestellte Stijn verkörpert diese Flucht vor der zerstörerischen Krankheit hervorragend. Auch Carice van Houten in der Rolle der Carmen, die sich im Laufe des Films von einer lebenslustigen in eine zerbrechliche, aber immer kämpfende Frau verwandelt, spielt absolut überzeugend. Die brillante Kameraarbeit von Lennert Hillege rundet dieses gelungene Drama mit Tiefgang ab. Auch wenn der Film zwar weit entfernt von Kitsch oder Schnulze angesiedelt ist, sollte man sich vor dem Kinogang mit einem Taschentuch bewaffnen.

DER GROSSE CRASH – MARGIN CALL (1:1.85, DD 5.1)
OT: Margin Call
Verleih: Koch Media (Neue Visionen)
Land/Jahr: USA 2010
Regie: J.C. Chandor
Darsteller: Kevin Spacey, Paul Bettany, Jeremy Irons, Demi Moore, Stanley Tucci
Kinostart: 29.09.2011

Es ist der Vorabend des größten Börsencrashes unserer Zeit. In einer seit Jahrzehnten agierenden Investmentbank in New York werden bereits reihenweise Mitarbeiter von der einen zur anderen Minute auf die Straße gesetzt. Böse Omen dessen, was da noch kommen wird. Auch Eric Dale trifft es. Dabei ist der Chef des Risikomanagements gerade an einer unglaublichen Sache daran. Mit den Worten “Sei bloß vorsichtig” übergibt er die sensiblen Daten seinem Nachfolger, einem Jungspund. Als der sich die Sache näher betrachtet, wird ihm schnell klar, dass der Untergang der Firma unmittelbar bevorsteht. In einer Nacht- und Nebelaktion beschließt die Vorstandsriege daraufhin einen folgenschweren Entschluss, der die Weltwirtschaft nachhaltig beeinflussen wird... Beschäftigte sich COMPANY MEN noch mit den Auswirkungen des Jobverlustes der Führungsriege eines Unternehmens als Folge der Wirtschaftskrise, so zeigt J.C. Chandor in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm, wie es überhaupt erst dazu kommen konnte. Der während einer einzigen Nacht spielende Film ist kammerspielartig, fast klaustrophobisch inszeniert und schafft bereits dadurch die beklemmende Grundstimmung. Hier treffen arrogante, skrupellose, aber auch Analysten mit Gewissen aufeinander. Wenn einer der jungen Kollegen damit prahlt, dass er jährlich über 70.000 Dollar für Nutten ausgibt, dann wird dem Betrachter klar, in welchen Dimensionen sich die Gehälter der für die Wirtschaftskrise Verantwortlichen bewegt. Diese Banker haben schon lange den Boden unter den Füßen verloren und fühlen sich wie Götter in ihren Wolkenkratzern, aus denen heraus sie die normalen Menschen nur zynisch betrachten. Regisseur J.C. Chandor arbeitet in seinem Film mit einem handverlesenen Ensemble. Angeführt wird dieses von Kevin Spacey als Abteilungschef Sam Rogers, dessen Hund im Sterben liegt – eine Metapher für den Untergang der Firma, für die er bereits 34 Jahre lang tätig war. Jeremy Irons brilliert als vollkommen skrupelloser Überchef, der das Schicksal der Welt ohne mit der Wimper zu zucken zu seinem Vorteil verändert. Paul Bettany überzeugt als arroganter Überflieger, Zachary Quinto und Penn Badgleyx als dessen Mitarbeiter. Schließlich Stanley Tucci in der Rolle des Eric Dale, der den Stein ins Rollen bringt und der sich nach seinem Rausschmiss für teures Geld wieder einfangen lässt. MARGIN CALL ist mehr Kammerspiel als Film, aber trotzdem spannend und faszinierend.
Dienstag, 23. August 2011
Ein Thriller, der unter die Haut geht
Bei tropischen Temperaturen draußen durfte ich meinen Tag in gut gekühlten Kinos verbringen.

DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE (1:1.85, DD 5.1)
OT: La Piel Que Habito
Verleih: Tobis
Land/Jahr: Spanien 2011
Regie: Pedro Almodóvar
Darsteller: Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes
Kinostart: 20.10.2011

Der plastische Chirgurg Robert Ledgard ist besessen von der Idee, eine widerstandsfähige, künstliche Haut zu erschaffen. Bereits seit zwölf Jahren arbeitet er unermüdlich daran – ohne Rücksicht auf ethische oder moralische Bedenken. Sein Versuchskaninchen ist eine junge Patientin, die er unter Ausschluss der Öffentlichkeit in seiner Privatklinik versorgt. Doch wer ist diese junge Frau? Versucht Ledgard etwa, seine vor vielen Jahren bei einem Autounfall verbrannte Frau wieder zurückzuholen? Pedro Almodóvar enthüllt die wahre Geschichte erst nach und nach. In Rückblenden lässt er den Zuschauer teilhaben an einer Wahrheit, die man sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen hätte können. In seinem extrem düsteren Film wandelt Almodovar auf den Spuren eines David Cronenberg, an dessen Film DEAD RINGER man sich erinnert fühlt. Die Ausstattung und Farbgebung sind gewohnt exquisit und seine Darsteller überzeugend. Antonio Banderas als der geheimnisvolle und skrupellose Chirurg, der eine moderne Version eines Frankenstein sein könnte. Elena Anaya als dessen wunderschöne, in hautenge Tücher gehüllte Patientin Vera, die einerseits wie eine Gefangene unter ständiger Beobachtung steht, aber andererseits auch eine Affäre mit dem Doktor eingeht. Ein psycho-sexueller Thriller mit der klaren Handschrift eines Pedro Almodóvar – zwei schaurig-schöne Kinostunden, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehen.

WICKIE AUF GROSSER FAHRT (1:2.35, 3D, DD 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Christian Ditter
Darsteller: Jonas Hämmerle, Waldemar Kobus, Valeria Eisenbart
Kinostart: 29.09.2011

Noch immer wird der kleine Wickie, einziger Sohn des großen Wikinger-Kriegers Halvar, mit einem Mädchen verwechselt. So etwas nervt natürlich gehörig, möchte Wickie doch nichts lieber als in die Fußstapfen seines übermächtigen Vaters treten. Dass sein Vater aber gar nicht so übermächtig ist, merkt Wickie, als der nämlich in einer Nacht- und Nebel-Aktion vom Schrecklichen Sven entführt wird. Dieser ist besonders an dessen geheimnisvollem Amulett interessiert. Was es damit auf sich hat, erfährt Wickie aus einem geheimen Buch, auf das es ein kleines, freches Wikingermädchen abgesehen hat, die als Sklavin von Halvars Männern gefangengenommen wurde. Mit Hilfe des Amuletts und des Büchleins kann man den sagenumwobenen Schatz der Götter finden. Wickie beschließt, zusammen mit den Kriegern seines Vaters den Schatz zu heben und damit gleichzeitig seinen Mut zu beweisen. Bereits zum zweiten Male sticht Wickie als Realfilm in die See. Dieses Mal sogar dreidimensional dank dem ALEXA-Kamerasystem von ARRI. Doch der dritten Dimension hätte es gar nicht bedurft. Denn WICKIE AUF GROSSER FAHRT wäre auch zweidimensional ein gut gelungener Film für Kinder und alle Junggebliebenen. Wenn die gestandenen Wikingerkrieger vor ihren Ehefrauen in die Knie gehen oder sich Wickie mit seinem Vater über “neumodisches Zeug” wie “Verhandeln” unterhalten, dann können darüber sogar Erwachsene lachen. Die Besetzung der einzelnen Figuren ist sehr gut gelungen und trifft die Comic-Version perfekt. Etwas ärgerlich ist allerdings jene Sequenz, in der die Wikinger auf eine Schar Walküren treffen. Die nämlich sehen eher aus wie Amazonen und können zwar weibliche Reize auffahren, aber keinesfalls schauspielern. Gegen Ende des Films verläuft sich die nette Abenteuergeschichte etwas zu sehr in die Gefilde eines Indiana Jones (speziell INDIANA JONES UND DER LETZTE KREUZZUG) und strapaziert auch die visuellen Effekte einfach zu sehr anstatt bei der eigentlichen Story zu bleiben. Gelungen wiederum ist die pompöse Filmmusik, die an die Swashbuckler-Scores eines Erich-Wolfgang Korngold erinnert oder auch gerne mal John Williams zitiert. Interessant dabei die Tatsache, dass sich gleich drei Komponisten den Credit für die Filmmusik teilen. In Hollywood hätte es dafür sicherlich nur eines einzigen Komponisten bedurft. Fazit: ein guter Unterhaltungsfilm für die 6- bis 12-jährigen und die begleitenden Erwachsenen.
Samstag, 20. August 2011
Perry – Unser Held
Samstag. Keine Pressevorführung. Na dann greift der geneigte Fan eben wieder zu einem der Screener, die sich auf dem Schreibtisch stapeln.

PERRY RHODAN – UNSER MANN IM ALL (1:1.85)
Verleih: Salzgeber
Land/Jahr: Deutschland 2010
Regie: André Schäfer
Darsteller: Rainer Stache, Denis Scheck, Josef Tratnik
Kinostart: 01.09.2011

Im September dieses Jahres wird der bekannteste Astronaut Europas 50 Jahre alt. Kein Astronaut aus Fleisch und Blut, sonder einer aus der erfolgreichsten Heftromanserie seit Bestehen des Heftromans: Perry Rhodan. Mit einer Auflage von mittlerweile 80.000 Exemplaren geht der Herrscher des Universums Woche für Woche an den Start. Grund genug für André Schäfer, dem Phänomen “Perryversum” mit einem Dokumentarfilm auf den Grund zu gehen. Dafür holt er sich nicht nur die Macher der Serie, sondern auch ausgewählte Exemplare ihrer Leserschaft vor die Linse. Und die ist breit gefächert – sehr breit! Vom kleinen Lümmel, der anhand von Figuren die Kernmannschaft aus den Romanheften genau erläutert über das kleine Mädchen, das auf einer der vielen “Cons” davon erzählt, dass sie außer Pferdebüchern auch Perry Rhodan liest, bis hin zum Psychologen im besten Alter, der sich in einem Comic-Laden als äußerst detaillierter Kenner der Perry Rhodan Hefte outet. Der kurzweilige Dokumentarfilm erklärt seinem Zuschauer nicht nur, wie Perry Rhodan zu seinem Namen kam (eine Kombination aus der TV-Serie “Perry Mason” mit einem der bekannten japanischen Film-Monster aus den sechziger Jahren), sondern auch, dass dieser Held faschistische Züge trägt und als Ersatz-Hitler (!) fungiert. So jedenfalls erklärt das Zukunftsforscher Robert Jungk in einem Beitrag aus dem Fernsehmagazin “Monitor”, der in den sechziger Jahren ausgestrahlt wurde. Oder dass Perry Rhodan so deutsch ist wie eine Kuckucksuhr und nichts mit Amerika zu tun hat und somit eine Chronik der vergangenen 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland darstellt. Denn selbstverständlich haben sich alle politischen und gesellschaftlichen Ereignisse dieser Zeit in die Serie mit eingearbeitet – in intergalaktischem Kontext natürlich. Schäfer findet für seine Dokumentation auch die passenden Bilder wie z.B. ein Flugzeugfriedhof mitten in der Mojave-Wüste in Amerika. Wenn man dann den Schauspieler Josef Tratnik (alias Perry Rhodans Hörbuchstimme) im Off aus einem der Hefte rezitieren hört, in dem es um einen Weltraumfriedhof geht, dann kommt das fast schon einer Verfilmung gleich. PERRY RHODAN – UNSER MANN IM ALL macht auch deshalb Spaß, weil man in den vielen “Nerds”, die ihre persönliche Perry Rhodan Philosophie erläutern dürfen, ein Stück von sich selbst erkennt.
Freitag, 19. August 2011
Musketiere Reloaded
Vor dem Entschwinden in das wohlverdiente Wochenende luden zwei weitere Pressevorführungen ins kühle Kino.

WUNDERKINDER (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Kinowelt
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Marcus O. Rosenmüller
Darsteller: Elin Kolev, Imogen Burell, Mathilda Adamik, Konstantin Wecker
Kinostart: 06.10.2011

Die Ukraine im Jahre 1941. Larissa und Abrascha gelten als musikalische Wunderkinder. Larissa beherrscht das Piano, Abrascha ist begnadeter Geiger. Hanna, die mit ihren deutschen Eltern in der Ukraine lebt, hat ebenfalls musikalische Ambitionen und freundet sich mit den beiden an. Durch das gemeinsame Musizieren entsteht eine tiefe Freundschaft zwischen den Kindern. Da macht die Nachricht von Hitlers Angriff auf Russland die Runde.
Hanna und ihre Eltern müssen sich zunächst verstecken, wobei sie Hilfe von Larissa und Abrascha und deren Eltern erhalten. Als jedoch plötzlich deutsche Truppen im Ort auftauchen, dreht sich der Spieß um. Jetzt müssen die Familien von Larissa und Abrascha um ihr Leben bangen, da sie Juden sind. Hanna und ihre Eltern helfen ihnen unterzutauchen... Ist man anfangs noch versucht zu glauben, dass die drei Kinderdarsteller Elin Kolev (Abrascha), Imogen Burell (Larissa) und Mathilda Adamik (Hanna) bei ihren Musikdarbietungen selbstverständlich gedoubled worden sind, so liegt man hier schlicht und ergreifend falsch. Regisseur Marcus O. Rosenmüller kommentiert: “Elin Kolev, der im Film den Abrascha spielt, hat alle Violinen-Passagen selber eingespielt, und alles, was man von ihm im Film sieht, ist von ihm genau so gespielt worden. Das gilt auch für Mathilda Adamik (Hanna). Lediglich bei Imogen Burrell als Larissa haben wir mit einem Handdouble gearbeitet.” Damit heisst es “Hut ab!” vor den exzellenten jungen Musikvirtuosen. Zusätzlich zu den musikalischen Darbietungen liefern alle drei Kinderdarsteller fabelhafte Leistungen ab. Insbesondere Imogen Burell beeindruckt durch ihr ausdrucksstarkes Gesicht, das wunderbar zu ihrer tragischen Rolle im Film passt. Konstantin Wecker als der böse Nazi wirkt leider so, als wäre er zu sehr von Christoph Waltz inspiriert worden und erscheint wie ein plattes Klischee. Zudem scheint irgendwie der zeitliche Aufbau in diesem Film nicht so recht stimmen zu wollen. Denn was sich da auf der Leinwand in einem Zeitrahmen von maximal einem halben Jahr abspielt, wirkt so, als ob es sich über mindestens zwei Jahre erstreckt. Abblendungen als gestalterisches Mittel funktionieren oft sehr gut, doch Marcus O. Rosenmüller bemüht diese einfach zu oft und zumeist an Stellen, die suggerieren, dass hier möglicherweise noch viel Material für eine spätere TV-Auswertung vorhanden ist. Insgesamt ein weniger gut gelungener Film über eine Freundschaft in Kriegszeiten.

DIE DREI MUSKETIERE (1:2.35, 3D, DD 5.1)
OT: The Three Musketeers
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland, USA, Großbritannien 2011
Regie: Paul W.S. Anderson
Darsteller: Logan Lerman, Milla Jovovich, Matthew Macfadyen, Mads Mikkelsen, Christoph Waltz, Orlando Bloom
Kinostart: 01.09.2011

Für die in Ungnade gefallenen drei Musketiere des französischen Königs gibt es keine Arbeit mehr. Erst als sich der junge Draufgänger D’Artagnan ihnen anschließt, um seine Sporen zu verdienen, werden die wackeren Männer wieder um Hilfe gebeten. Denn Kardinal Richelieu spinnt geheime Intrigen gegen den etwas dümmlichen König. Bald schon blitzen Schwerter... Jede Generation hat ihre Version von Alexandre Dumas “Die drei Musketiere”. Da wurde es natürlich Zeit, dem alten Stoff ein neues Outfit zu geben und ihn für die “Next Generation” tauglich zu machen. Paul W. S. Anderson und seinem Team ist dies weitgehend gelungen – wenn man einmal davon absieht, dass die originalen Elemente aus der Romanvorlage nur noch ganz rudimentär vorhanden sind. Der vornehmlich in Bayern entstandene Film ist Popcorn-Kino in Reinkultur. Prächtig in der Ausstattung, flott im Schnitt, laut im Sound. Und alles aufgenommen in 3D mittels zwei brandneuen ALEXA-Kameras aus dem Hause ARRI. Die ab und zu entstehenden Leerläufe (es sind nicht viele!) eignen sich hervorragend, um für Nachschub zu sorgen. Und die Besetzung ist natürlich zielgruppengerecht ausgesucht. Die drei Musketiere featuring D’Artagnan sind alles Prachtburschen, die 12- bis 16-jährige FilmfreundInnen begeistern werden. Speziell für das männliche Auge wirft sich Milla Jovovich als verruchte Milady in Schale oder wirft diese einfach ab – je nach Art des Einsatzes. Christoph Waltz als der intrigante Kardinal Richelieu wieder holt einmal mehr den Fiesling, auf den er seit Tarantino abonniert zu sein scheint. Aber er macht seine Sache wieder richtig gut. Auch Orlando Bloom darf natürlich nicht fehlen und agiert hier als modebewusster Herzog von Buckingham. Andersons Film ist sozusagen DIE DREI MUSKETIERE RELOADED (oder im Computerdeutsch: DIE DREI MUSKETIERE 2.0), nimmt sich selber nicht sonderlich ernst und hat ausschließlich die Absicht zu unterhalten. Und genau das tut er auch. Noch eine persönliche Anmerkung zur Musik von Paul Haslinger. Sein Liebesthema klingt verdammt nach einem Thema aus SHRECK, ein weiteres Thema erweckt Erinnerungen an “Peer Gynt” und noch ein anderes Thema versucht sich am Rhythmus von FLUCH DER KARIBIK. Ich könnte jetzt darauf wetten, dass diese Musiken als “Temp Tracks” während der Produktion dienten.
Donnerstag, 18. August 2011
Der Tod – einmal ernst, einmal just for Fun
Nach einem sehr bewegenden Film am Morgen kam zur Mittagsstunde Splatterfreude auf.

DAS KLEINE ZIMMER (1:2.35, DD 51.)
OT: La Petite Chambre
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Schweiz 2010
Regie: Stephanie Chuat, Veronique Reymond
Darsteller: Florence Loiret-Caille, Michel Bouquet, Eric Caravaca
Kinostart: 29.09.2011

Die Totgeburt ihres Babys hat Rose noch immer nicht überwunden. Das liebevoll vorbereitete Kinderzimmer existiert nach wie vor. Weil ihr Mann Marc gerne einen Schlussstrich ziehen möchte, kommt es zwischen den beiden zu einer Krise. Als Marc geschäftlich in die USA muss, nimmt sich Rose des alten Edmond an, den sie in ihrer Funktion als mobile Krankenpflegerin täglich besuchen muss. Denn Edmonds Sohn will seinen grantigen Vater in ein Altersheim abschieben. Rose nimmt Edmond bei sich zuhause auf. Als ihm Roses Leid bewusst wird, öffnet sich Edmond ganz allmählich und hilft Rose, ihr Problem zu lösen. Mit großartigen Schauspielern schildern die beiden Regisseurinnen Stephanie Chuat und Veronique Reymond, wie sich zwei Menschen unterschiedlichsten Alters gegenseitig beistehen und helfen können, die Probleme des jeweils Anderen zu lösen. Edmond leidet noch immer unter dem Verlust seiner geliebten Frau, die schon vor 40 Jahren gestorben ist. Rose trauert nach wie vor um den totgeborenen Sohn. DAS KLEINE ZIMMER ist emotional bewegendes Kino, das unter die Haut geht und war der Schweizer Beitrag für den Auslands-Oscar.

FINAL DESTINATION 5 (1:2.35, 3D, DD 5.1)
OT: Final Destination 5
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Steven Quale
Darsteller: Nicholas D'Agosto, Emma Bell, Miles Fisher
Kinostart: 25.08.2011

Der Betriebsausflug der “Sales & Marketing”-Abteilung einer kleinen Firma endet für die meisten tödlich, als sich der Bus mitten auf einer nach und nach zusammenstürzenden Brücke befindet. Nur dank einer Vorahnung kann Peter einige seiner Kollegen retten. Doch so schnell gibt sich der Tod nicht geschlagen und krallt sich die unfreiwillig Überlebenden – einen nach dem anderen. Nach bewährtem Rezept wird auch in der nunmehr fünften Runde der erfolgreichen FINAL DESTINATION Reihe das Zu-Tode-Kommen ausführlich zelebriert. Ob beim Sturz von einer Brücke mit direktem Aufschlag auf dem Mast eines Schiffes, ob beim Augenlasern durch einen aus dem Ruder laufenden Laserstrahl, ob auf einer Massagebank mit noch im Körper steckenden Akupunkturnadeln oder bei Übungen an der Stange in der Turnhalle mit äußerst schmerzhaftem Abgang – dass den Drehbuchautoren noch immer nicht der Stoff für die absurdesten Todesarten ausgegangen ist, ist wahrhaftig bewundernswert. In dieser Hinsicht wird auch der fünfte Teil die Zuschauer bestens bedienen – zumindest in der ungeschnittenen Fassung. Wie schon Teil 4 nutzt auch diese Fortsetzung die 3D-Technik, um dem Publikum den Tod mit Tiefgang zu vermitteln. Da darf dann auch schon mal ein Auto über einen in Makroaufnahme auf der Straße liegenden Augapfel fahren und die Zuschauer sprichwörtlich mit den Überbleibseln damit vollspritzen – sofern man das in der uns gezeigten zweidimensionalen Fassung des Films beurteilen kann. Doch weder in 2D noch in 3D lässt sich kaschieren, dass die jungen Darsteller wirken, als wären sie in einem Labor gezüchtet worden - derart profillos wirken sie. Eigentlich sind sie viel zu jung, um ihre Rollen als Arbeitskollegen in der “Sales & Marketing”-Abteilung der Firma glaubhaft ausfüllen zu können. Einzig Splatter-Guru Tony Todd, der in der zwielichtigen Rolle eines Totengräbers zu sehen ist, kann hier überzeugen. Aber vermutlich ist das bei einem Film, in dem das Wesentliche die Todesinszenierungen sind, sowieso nur nebensächlich. Immerhin wartet das Drehbuch am Ende des Films noch mit einer echten Überraschung für alle Fans auf. Und damit ist nicht die herrliche Montage aus den besten Splatter-Szenen der ersten vier Teile gemeint, die unmittelbar vor Beginn des Abspanns abgespult wird.
Mittwoch, 17. August 2011
Waisenkinder, Soldaten und Todesdienstleister
Der ursprünglich als Single Feature geplante Kinotag wandelte sich in ein Double Feature. Das war auch git so, denn draußen ist es sowieso viel zu warm!

4 TAGE IM MAI (1:2.35, DD 5.1 EX)
Verleih: X Verleih (Warner)
Land/Jahr: Deutschland, Russland, Ukraine 2011
Regie: Achim von Borries
Darsteller: Pavel Wenzel, Alexei Guskow, Ivan Shvedoff
Kinostart: 29.09.2011

Das Ende des Zweiten Weltkrieges steht kurz bevor. Einen aus nur acht Männern bestehenden Trupp der Roten Armee verschlägt es an die Ostseeküste, wo sie sich in einem Kinderheim einnisten – sehr zum Missfallen der Erzieherinnen und ihrer Schützlinge. Fast gleichzeitig taucht am Strand eine Überzahl deutscher Soldaten auf. Der Neffe der Heimleiterin, der kleine Peter, wird aufgrund seiner Russischkenntnisse zum Sprachrohr zwischen den Feinden. Doch Peter, dem es nicht gefällt, dass sich sein großer Schwarm Anna in einen der Russen verliebt, nutzt sein Privileg zur gegenseitigen Aufstachelung der deutschen und russischen Soldaten. Der Konflikt eskaliert... Vielleicht liegt es einfach daran, dass man sich an Kriegsgeschichten bereits satt gesehen hat. Oder an der Umsetzung des Stoffes, der auf einer wahren Begebenheit beruht, für die Kinoleinwand. Man kann es drehen und wenden wie man will, aber der Film macht es einem nicht gerade einfach, sich mit ihm anzufreunden. Da gibt es den russischen Kommandanten, der seinen Sohn verloren hat und in Peter eine Art Ersatzsohn sieht. Peter wiederum, vaterlos, sieht in dem Kommandanten eine Vaterfigur. Diese Geschichte könnte funktionieren, wenn die Figur des kleinen Peter stimmiger wäre. Die Liebesgeschichte zwischen Anna und dem Soldaten, der sie durch sein faszinierendes Klavierspiel betört, klingt nach einem recht abgetragenen Klischee. Und warum Peter letztendlich auf die wesentlich ältere Anna eifersüchtig ist, kann man aufgrund seines Alters (er soll 13 sein!) nicht so recht nachvollziehen. Wie vieles hier so scheint auch die Filmmusik nicht so recht passen zu wollen. Und der grandiose Eröffnungsshot von Bernd Fischers CinemaScope-Kamera findet im Verlauf des Films immer weniger reizvolle Bilder oder Blickwinkel.

ENDLICH (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: X Verleih
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Christiane Voss, Katja Dringenberg
Kinostart: 03.11.2011

Die Frage nach dem “Danach” verdrängt man gerne. Doch was passiert nun tatsächlich, wenn man stirbt? Die beiden Regisseurinnen Christiane Voss und Katja Dringenberg gehen in ihrem Dokumentarfilm nicht nur den Interpretationen der großen Weltreligionen nach, sondern auch jener Industrie, die sich um den toten, physischen Körper kümmert. So plaudern Vertreter der unterschiedlichen Glaubensrichtungen über das, was ihrer Meinung nach bei Eintritt des Todes passiert. Da meint dann ein Berliner Islamist ganz schnodderig “In der Hölle ist es doch gut – ist immer warm dort!”, der Buddhist hingegen schildert in allen Einzelheiten den Zerfall des toten Körpers. Dazwischen erzählen Angehörige der Todesdienstleister über ihren Alltag und ihre Ansichten zum Tode und die Kamera darf überall dabei sein. In der Leichenhalle, bei der Vorbereitung der Leiche, im Grematorium usw. Dass es speziell hier auch richtige High-Tech gibt und das Ganze damit als eine (gewinnbringende) Industrie entlarvt, ist ein Nebenprodukt des Films – keinesfalls sein Thema. Immer geht es um die Würde des Menschen, die er auch noch nach seinem Tode behalten soll. Man wird sich ganz bestimmt seine eigenen Gedanken zum Thema beim Betrachten des Films machen. Und damit löst der Film zumindest Reaktionen aus, liefert Impulse. Störend allerdings sind die letzten Worte von Sterbenden, die von einem sprechenden Chor vorgetragen werden. Durch die Lichtsetzung sieht das dann immer so aus, als wären das alles lebende Tote (im Fachjargon Zombies genannt). Diese extrem künstlich gehaltenen Passagen hätte man sich sparen sollen, ziehen sie das eigentliche Thema einfach nur ins Lächerliche.
Dienstag, 16. August 2011
Weltuntergang und Rachefeldzug
Kino ist, wenn man direkt von anspruchsvoller Unterhaltung in die Niederungen eines Rachethrillers gerät. So wie heute.

MELANCHOLIA (1:2.35, DD 5.1)
OT: Melancholia
Verleih: Concorde
Land/Jahr: Dänemark, Schweden, Frankreich, Deutschland 2011
Regie: Lars von Trier
Darsteller: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, Charlotte Rampling, Udo Kier, John Hurt
Kinostart: 06.10.2011

Der Beginn seines Films gleicht einer Ouvertüre. In betörend scharfen, Stilleben gleichenden und gleichzeitig extremer Zeitlupe aufgenommenen Bildern inszeniert Lars von Trier zu Wagners “Tristan und Isolde” den Weltuntergang. Und kein Hollywood-Film hat ihn bisher so wunderschön bebildert. Danach teilt sich der Film in zwei Kapitel, die mit den Namen zweier sehr unterschiedlicher Schwestern, die Protagonisten in diesem Ouevre, überschrieben sind. In “Justine” (in krassem Kontrast zu den Eröffnungsbildern jetzt mit wackeliger Kameraführung und extrem schnellen Schnitten) widmet sich von Trier der unter schweren Depressionen leidenden Schwester, die mit ihrem zukünftigen Mann zu ihrem Hochzeitsfest in ein idyllisch gelegenes Hotel kommt. Nicht nur ihr unberechenbares Verhalten, auch das der Gäste lässt die Hochzeit schließlich platzen. Allein Justines Schwester Claire versucht, sie aus der Depression zu holen, während um sie herum alles aus den Fugen gerät. Gleichzeitig beginnt sich am Himmel eine Naturkatastrophe anzubahnen: der Planet Melancholia verlässt seine Laufbahn und rast auf die Erde zu. In “Claire” ist die Katastrophe bereits zum Greifen nah. Claires Gatte glaubt immer noch daran, dass sich der auf die Erde zurasende Planet noch abwendet, während sie selbst mit großem Pessimismus in die nahe Zukunft schaut. Jetzt ist es Justine, die Claire zur Seite steht und die beiden Schwestern in den letzten Momenten zusammenführt. Lars von Triers Film ist keine leichte Kost und wird sich nicht unmittelbar jedem Betrachter erschließen. Dennoch beeindruckt der Film durch seine visionäre Kraft und durch das handverlesene Schauspielerensemble. Kirsten Dunst gibt sich als Justine sehr freizügig, Charlotte Gainsbourg brilliert einmal mehr als zärtlich fürsorgende und gleichzeitig ängstliche Claire. Selbst winzige Nebenrollen wurden mit hochkarätigen Darstellern besetzt (Udo Kier als Hochzeitsplaner, Charlotte Rampling als Mutter der Braut). Etwas nervend ist allerdings von Triers Vorliebe, immer wieder dasselbe Musikstück zur Untermalung seines Films zu verwenden.

COLOMBIANA (1:2.35, DD 5.1)
OT: Colombiana
Verleih: Universum (Walt Disney)
Land/Jahr: Frankreich 2011
Regie: Olivier Megaton
Darsteller: Zoe Saldana, Jordi Mollà, Cliff Curtis
Kinostart: 15.09.2011

Als kleines Mädchen entkommt Cataleya nur knapp dem Tode, als ihre Familie von brutalen Gangstern in Kolumbien umgebracht wird. Der Neunjährigen gelingt es in die USA zu immigrieren, wo sie bei den Eltern ihres Cousins Unterschlupf findet. Ihr einziger Gedanke gilt der Rache für ihre Eltern und so lässt sie sich von ihrem neuen Vater zur skrupellosen Killerin ausbilden. 15 Jahre später beginnt ihr privater Rachefeldzug gegen die kolumbianischen Gangster... Ein actionreicher Streifen aus der Digital Factory Schmiede von Luc Besson, den dieser wieder zusammen mit Robert Mark Kamen geskriptet hat. Der gut fotografierte und schnell geschnittene Film verläuft in ganz handelsüblichen Bahnen des “Rächer”-Films, wobei Zoe Saldana als eiskalte Auftragskillerin sehr gerne ihre weiblichen Reize in den Blickwinkel rückt und Kollegin Angelina Jolie durchaus Konkurrenz machen könnte. Nicht immer erscheint alles logisch durchdacht in diesem Film (beispielsweise zückt ihr Ziehvater mitten auf der Straße seine Pistole und schießt auf Autos, ohne dass irgendjemand ihn dafür belangt!). Doch damit haben sich Genre-Fans längst arrangiert. Letztendlich liefert COLOMBIANA genau das ab, was von einem Film diesen Kalibers verlangt wird: jede Menge Kugeln und ein hoher Body Count.
Montag, 15. August 2011
Ein Schriftsteller geht schwimmen
Nicht alle neuen Kinofilme werden von den Verleihern in Pressevorführungen angeboten. So auch der heutige Film, den der Verleih leider nur als Ansichts-DVD zur Verfügung stellt. Nichtsdestotrotz habe ich mich der Sache angenommen.

GIULIA GEHT ABENDS NIE AUS (1:2.35, DD 5.1)
OT: Giulia Non Esce La Sera
Verleih: Cine Global
Land/Jahr: Italien 2009
Regie: Giuseppe Piccioni
Darsteller: Valerio Mastandrea, Valeria Golino, Sonia Bergamasco
Kinostart: 01.09.2011

Schriftsteller Guido steckt nicht nur inmitten seiner Midlife-Crisis, jetzt plagt ihn auch noch eine Schreibblockade. Dabei gehört ausgerechnet er zu ein paar wenigen Autoren, die auf einen Literaturpreis hoffen dürfen. Während seine Frau und die pubertierende Tochter dabei sind, die Wohnung aufzulösen und in ein Haus umzuziehen, versucht sich Guido an Kurzgeschichten, deren Inhalt sich bald schon mit der Realität vermischen. Da seine Tochter nicht mehr zu dem für ein Jahr im voraus bezahlten Schwimmunterricht gehen will, beschließt Guido selbst Schwimmunterricht zu nehmen. Dort lernt er die attraktive Schwimmlehrerin Giulia kennen. Die beiden kommen sich näher und verlieben sich ineinander. Doch Giulia hütet ein dunkles Geheimnis... Surreal und melancholisch schildert Regisseur Giuseppe Piccioni die zarte Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die verloren scheinen und sich trotzdem nicht gegenseitig retten können. Phantasie und Wirklichkeit verschmelzen hier fast unmerklich miteinander. Der großartig bebilderte Film (Kamera: Luca Bigazzi) fasziniert insbesondere durch das Spiel seiner Protagonisten. Valerio Mastandrea als Schriftsteller in der Krise, dessen Ehe kurz vor dem Aus steht, und Valeria Golino als Schwimmlehrerin mit dunkler Vergangenheit, die sie extrem verletzlich gemacht hat. Ein tragisches Ende scheint vorprogrammiert. Damit die Tragik nicht die Oberhand über die Geschichte bekommt, flechtet Piccioni immer wieder geschickt humorvolle, aber auch gleichzeitig surreal anmutende Nebenhandlungen in seinen Film ein. Das Auf und Ab der Beziehung zwischen Guidos pummeliger Tochter und ihrem höchst belesenen Freund ist eine solche. Grotesk wie sie ist hält sie aber auch gleichzeitig Guido einen Spiegel vor was die eigene Beziehung angeht. GIULIA GEHT ABENDS NIE AUS ist Kino, das unter die Haut geht, wenn man sich darauf einlassen kann.
Samstag, 13. August 2011
Ein Superheld ohne Superkräfte
Heute gab es einen weiteren kleinen Vorgeschmack auf das bevorstehende Fantasy Filmfest.

SUPER (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: ohne
Land/Jahr: USA 2010
Regie: James Gunn
Darsteller: Rainn Wilson, Ellen Page, Liv Tyler, Kevin Bacon
Kinostart: ohne

Im Leben von Frank gibt es genau zwei für ihn prägende Momente: als er seine Frau Sarah kennenlernte und als einmal einem Polizisten sagen konnte, in welche Richtung der Gejagte flüchtete. Alles andere versucht er so gut es geht zu verdrängen: die Prügelstrafen durch den Vater und die Drangsalierungen durch seine Mitschüler. Doch jetzt sieht er sich mit einer ganz neuen Herausforderung konfrontiert. Denn seine Frau wendet sich von ihm ab und verlässt ihn schließlich, um bei dem Drogendealer Jacques unterzutauchen. In einem Wachtraum berührt ihn der Finger Gottes und erwählt ihn – aber zu was? Da fällt es dem Loser schließlich wie Schuppen von den Haaren: Gott hat ihn auserwählt, um fortan in Gestalt des Superhelden “The Crimson Bolt” gegen das Verbrechen einzutreten und seine Frau aus den Klauen des Fieslings Jacques zu befreien. Bald schon steht ihm die quirlige Libby als “Boltie” zur Seite. Gemeinsam wollen die beiden das Böse bekämpfen... Ein Superheld ohne Superkräfte – gibt es das? James Gunns an Comic-Büchern orientierte Komödie liefert den Beweis. Denn es bedarf wirklich nur einer eng anliegenden Uniform und einer mächtigen Rohrzange, um denjenigen fürchterlich zu bestrafen, der sich in der Schlange vor dem Kino einfach vordrängelt. Natürlich schießt Frank in diesem Falle mit Kanonen auf Spatzen – aber es wirkt. Und Lars von Trier hätte an dieser Szene ganz sicher seinen Spaß gehabt! Leider bleibt SUPER nicht immer so schwarzhumorig lustig wie in dieser Sequenz. An manch anderer Stelle des Films fragt man sich, ob das tatsächlich noch komisch ist. Versöhnlich stimmt allerdings jene vorzüglich montierte Szene, in der Frank und Libby im großen Stil in einem Waffengeschäft auf Einkaufstour gehen. Rainn Wilson und Ellen Page sind die ideale Besetzung für das ungleiche Paar aus depressivem Loser und überdrehter Comic-Verkäuferin. Dass James Gunn mit seinem Film stets die Nähe zu den Comics sucht, zeigt er durch die vielen kleinen Inserts, die seinen Film ab und zu tatsächlich wie Comic-Zeichnungen aussehen lassen. SUPER wird hierzulande während des Fantasy Filmfests zu sehen sein und dürfte vornehmlich die Comic-Fangemeinde ansprechen. Doch auch sich in den Film hinein verirrende Splatter-Enthusiasten werden ein wenig auf ihre Kosten kommen.
Donnerstag, 11. August 2011
Scheidungskomödie und Märchenfilm
Zum Abschluss der Pressewoche, die ausnahmsweise schon am Donnerstag zu Ende ging, gab es mal wieder ein Double Feature.

CRAZY, STUPID, LOVE. (1:2.35, DD 5.1)
OT: Crazy, Stupid, Love.
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Glenn Ficarra, John Requa
Darsteller: Steve Carell, Julianne Moore, Ryan Gosling
Kinostart: 18.08.2011

Bei Cal und Emily kriselt es gewaltig. Die Eltern zweier minderjähriger Kinder wollen sich scheiden lassen. Anlass ist Emilys Seitensprung mit einem Kollegen. In Wirklichkeit haben sich die beiden natürlich nur etwas auseinandergelebt und lieben sich nach wie vor innig. Doch Cal zieht erst einmal einen Schlussstrich und zieht aus. Nacht für Nacht verbringt er in Selbstmitleid zerfließend alleine in einer Bar. Das kann Playboy Jacob nicht länger mit ansehen und beschließt, dem Lebensüberdrüssigen Nachhilfestunden in Sachen “Frauen aufreissen” zu geben. Ein neues Outfit gehört ebenso dazu wie ein vollkommen anderes Auftreten. Und da Jacob ein besonders guter Couch ist, hat Cal bald großen Erfolg bei den Mädels. Weniger glücklich sind aber Jessica und Robbie. Sie ist 17 und Babysitterin für Cals Kinder, er ist Cals 13jähriger Sohn. Robbie ist in Jessica verschossen, Jessica in Cal. Ganz zu schweigen von Emily, die durch Cals neues Image mehr denn je in ihn verliebt ist... Gewiss – CRAZY, STUPID, LOVE ist keinesfalls ein ganz außergewöhnlicher Film, den man unbedingt anschauen muss. Aber – und das muss man dem Film zugute halten – es funktioniert als echtes Date-Movie, das einem hinterher nicht peinlich sein muss. Es gibt hier keine Fäkalorgien oder gar ultra-vulgäre Sprache. Nein, wenn hier über Sex gesprochen wird, dann in einer dem jeweiligen Lebensabschnitt der handelnden Personen angemessenen Art und Weise. Es ist auch kein großes Geheimnis, dass am Ende der Show die zueinander finden, die einfach zusammengehören. Das schließlich macht ein Date-Movie aus. Wer möchte schon mit Tränen der Trauer das Kino verlassen? Ein paar kleine Tränen der Freude sind doch viel schöner! Das Schauspielerensemble liefert perfekt ab, was von ihm verlangt wird. Steve Carell, der abonnierte Loser, mausert sich zum begehrten Playboy. Julianne Moore als seine zukünftige Ex-Frau erstrahlt in voller Schönheit, auch wenn sie schon über 40 ist. Sogar Kevin Bacon brilliert in einer Nebenrolle als Julianne Moores Kollege und eigentlicher Scheidungsgrund – ein echtes Ekelpaket. Und die Chemie zwischen Analeigh Tipton als Babysitterin Jessica und ihrem großen Verehrer Jonah Bobo stimmt einfach. Ein netter Film für Zwischendurch ohne Risiken und Nebenwirkungen. Das ist doch was!

LE HAVRE (1:1.85, DD 5.1)
OT: Le Havre
Verleih: Pandora
Land/Jahr: Finnland, Frankreich, Deutschland 2011
Regie: Aki Kaurismäki
Darsteller: André Wilms, Jean-Pierre Darroussin, Kati Outinen
Kinostart: 08.09.2011

Marcel Marx, einst Schriftsteller und Bohemian, hat sich in das Armenviertel von Le Havre zurückgezogen. Tagsüber versucht er als Schuhputzer Geld zu verdienen, abends wird er von seiner lieben Frau Arletty bekocht. Eines Tages muss Arletty ins Krankenhaus. Wie ernst es um sie steht, verheimlicht sie ihrem Marcel jedoch. Denn in ihren Augen ist er immer noch ein Kind. Zur gleichen Zeit nimmt sich Marcel des afrikanischen Flüchtlingsjungen Idrissa an, der illegal eingewandert ist und sich im Hafen vor der Polizei versteckt. Marcel beschließt, dem Jungen zu einer Überfahrt nach England zu verhelfen, wo dessen Mutter auf ihn wartet. Noch einmal läuft Marcel zu Hochform auf und setzt alle Hebel in Bewegung, damit Idrissa das Land verlassen kann. Das Täuschen der Polizei gehört ebenso dazu wie das Organisieren eines Benefizkonzerts, mit dem die Reise finanziert werden soll. Manch einer dürfte sich nach Ende des Films fragen, ob dieser denn tatsächlich von jenem Filmemacher stammt, der weltweit für seinen grenzenlosen Pessimismus bekannt ist. In der Tat hat Aki Kaurismäki mit LE HAVRE ein schönes, puren Optimismus ausstrahlendes Märchen abgeliefert. Und das in der Form französischer Filme der fünfziger Jahre. Ausstattung, Musik, Farbgebung, ja sogar die Darsteller – alles scheint aus einer längst vergessenen Zeit zu stammen. Die Geschichte indes ist aber aktueller denn je. Kaurismäki nimmt sich einem immer akuter werdenden Problem an: dem Schicksal von Flüchtlingen, die Hilfe suchend illegal nach Europa kommen. Der ganzen Tragik solcher Schicksale kann man vermutlich nur mit grenzenlosem Optimismus begegnen. Das nur so vor Glück strotzende Ende seines Films dürfte das Wunschdenken des Filmemachers sein. Aber er hat Recht. Denn gibt es nur einen Bruchteil der Solidarität, die er im Film zeigt, müsste das Problem keines mehr sein. Ein wunderschöner Feel-Good-Film mit einem fabelhaften Ensemble.
Mittwoch, 10. August 2011
Wenn James Bond auf Indiana Jones trifft
Haben die Coens mit TRUE GRIT eine Renaissance des Western eingeleitet? Man könnte es fast meinen...

COWBOYS & ALIENS (1:2.35, DD 5.1)
OT: Cowboys & Aliens
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Jon Favreau
Darsteller: Daniel Craig, Harrison Ford, Olivia Wilde, Sam Rockwell
Kinostart: 25.08.2011

Mitten im Niemandsland von Arizona kommt er wieder zu sich und weiß gar nichts mehr. Weder wie er heisst, noch wo er herkommt. Und er hat ein eigenartiges, metallisches Armband an seinem rechten Arm. Drei Leichen später galoppiert der Fremde in das nahe gelegene Städtchen. Man schreibt das Jahr 1873 und der Fremde bekommt plötzlich einen Namen: Jake Lonegrans Konterfei ziert einen Steckbrief, der ihn als Goldräuber deklariert. Jetzt bekommt er es nicht nur mit dem Sheriff zu tun, sondern auch noch mit dem Patriarchen “Colonel” Woodrow Dolarhyde, dessen durchgeknallten Sohn Percy er einer Prügelstrafe für flegelhaftes Benehmen unterzog. Gerade als Jake zusammen mit Percy in einer Kutsche zur nächst höheren Instanz gebracht werden soll, taucht Woodrow mit seinen Gefolgsleuten auf und macht Stunk. Doch das brachiale Stelldichein wird jäh unterbrochen, als plötzlich unheimliche Flugobjekte Jagd auf die Versammelten machen und einen nach dem anderen mit Seilen in die Luft ziehen. In ihrer Not müssen die erbitterten Feinde jetzt zwangsläufig zu Verbündeten werden, um es mit den Aliens aufzunehmen... Jon Favreaus Adaptation eines Comic-Buches verknüpft zwei vollkommen unterschiedliche Genres zu einem ganz neuen Genre: dem Sci-Fi-Western! Bis es soweit ist, dass die außerirdische Intelligenz sich ihren Weg auf die Leinwand bahnt, verläuft COWBOYS & ALIENS nach altbekanntem Western-Muster. Hier die Bösen, dort die weniger Bösen und dann auch die richtig Guten. Das aber ist sozusagen nur das Vorspiel zu dem eigentlichen Plot des Films: die Jagd der Cowboys auf die bösen Aliens. Die sind zwar technologisch den Westernhelden um Einiges überlegen, doch wenn richtige Kerle mit edlem Motiv gemeinsam (später sogar mit den Indianern zusammen!) gegen den Feind anrücken, dann hat der kaum Überlebenschancen. Das klingt doch eigentlich nach einem richtig amüsanten und voll trashigen Vergnügen. Doch weit gefehlt. Denn der anarchische Witz, mit dem zumindest ich die ganze Zeit geliebäugelt habe, bleibt aus. So entwickelt sich die Schlacht zu einer fast bitterernsten Angelegenheit. Dabei wäre schon allein durch die Besetzung mit Daniel Craig und Harrison Ford in den Hauptrollen genügend Potenzial für eine Genre-Persiflage vorhanden. Die 123 Minuten Spielzeit fühlen sich leider länger an als sie tatsächlich sind. (Cowboy)Hut ab jedoch vor den grandiosen Bildern, die beispielsweise die zu allem entschlossenen Reiter in prächtiger Landschaft zu epischer Filmmusik (von Harry Gregson-Williams) in den Kampf ziehen lässt. Noch mehr Bilder wie diese und ohne die Aliens hätte das ein schöner Edel-Western werden können.
Dienstag, 09. August 2011
Von der Hölle direkt nach Irland...
...oder Endzeitthriller trifft auf rabenschwarze Krimikomödie – das geht nur im Kino.

HELL (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Paramount
Land/Jahr: Deutschland, Schweiz 2011
Regie: Tim Fehlbaum
Darsteller: Hannah Herzsprung, Lars Eidinger, Stipe Erceg
Kinostart: 22.09.2011

Deutschland im Jahre 2016. Durch die Erderwärmung infolge der Klimakatastrophe herrscht extreme Knappheit an Wasser und Nahrungsmitteln. In ihrem fast komplett vor Sonneneinstrahlung geschützten Auto machen sich Marie und ihr Freund zusammen mit Maries jüngerer Schwester Leonie auf, um in den Bergen nach Wasservorräten zu suchen. Ihr Weg führt sie durch verbrannte, entvölkerte Landschaften, von CD ertönt im krassen Gegensatz dazu Nena mit ihren 99 Luftballons. Niemandem kann man mehr trauen, denn sämtliche gesellschaftliche Strukturen sind im Chaos versunken. An einer verlassenen Tankstelle stößt der zwielichtig erscheinende Tom zu der Truppe. Als sie unfreiwillig Halt machen müssen, weil ein umgefallener Strommast den Weg versperrt, geraten sie in einen Hinterhalt. Unbekannte entführen Tom und Leonie... Dass nicht nur amerikanische Filmemacher imstande sind, Endzeitszenarien zu visualisieren, beweist der deutsche Regisseur Tim Fehlbaum mit seinem Langfilmdebüt. Denn optisch brillant gibt sich seine Vision eines potsapokalyptischen Deutschland. Unschwer erkennt man als Filmkenner aber natürlich auch die vielen Vorbilder, die dem Filmhochschulabsolventen hier Pate standen. Wenn Marie schließlich in einem isolierten Bauernhof auf eine ganze Familie von Kannibalen stößt, so löst dies sofort Assoziationen zum TEXAS CHAINSAW MASSACRE aus. Freilich geht es in Fehlbaums Film nicht derartig blutig zur Sache wie bei den gängigen Splatterfilmen, doch die durch die farbreduzierten, ins Sepia tendierenden Bilder erzeugte eigenartig unangenehme Stimmung sowie die ausdruckslosen Blicke der Kannibalen haben Vorbilder. Handlungsmäßig folgt Tim Fehlbaum leider zu sehr diesen Vorbildern, hat er doch keine Überraschungsmomente für Filmkenner parat. Die Handlung läuft hier nach altbekanntem Muster ab. Hin und wieder zieht er dann auch noch ein paar unfreiwillige Lacher auf seine Seite, was für den Spannungsaufbau des Films natürlich kontraproduktiv ist. Nichtsdestotrotz ist es sehr erfreulich, dass sich ein deutscher Regisseur ins Genre-Kino wagt. Bleibt abzuwarten, was sich daraus noch entwickelt.

THE GUARD – EIN IRE SIEHT SCHWARZ (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Guard
Verleih: Ascot Elite (24 Bilder)
Land/Jahr: Großbritannien, Irland 2010
Regie: John Michael McDonagh
Darsteller: Brendan Gleeson, Don Cheadle, Liam Cunningham
Kinostart: 22.09.2011

Seine Schwäche sind billige Nutten und subversiver Humor, mit dem er sich gerne mit Leuten anlegt. Gerry Boyle ist Polizist in einem kleinen Kaff an der Westküste Irlands. Dass ihm jetzt auch noch ein junger Kollege aus Dublin zur Seite gestellt wird, passt ihm ganz und gar nicht – was er den Kollegen auf Schritt und Tritt spüren lässt. Doch es kommt noch schlimmer. Der amerikanische FBI-Agent Wendell Everett kommt ins irische Örtchen, um gemeinsam mit der Polizei einen bevorstehenden millionenschweren Kokaintransport auffliegen zu lassen. Dass dieser Wendell auch noch ein Farbiger ist, geht Boyle zu weit. Fortan überhäuft er den Agenten mit rassistischen Äußerungen. Als jedoch plötzlich der Kollege aus Dublin spurlos verschwindet und auch ein paar andere seltsame Dinge sich ereignen, muss Boyle über seinen Schatten springen und mit dem FBI-Agenten zusammenarbeiten... Eines gleich vorweg: wer das Pech hat, diese rabenschwarze irische Komödie in einer deutschen Synchronisation sehen zu müssen, dem entgeht der halbe Spaß! Es ist einfach zu köstlich, wenn Boyle und sein Kollege sich beim Anblick eines Mordopfers, an dessen Wand mit Blut die Zahl “5 ½” geschrieben steht, in bestem irischen Slang über Filme mit Zahlen im Titel unterhalten und versuchen, Parallelen zu SIEBEN oder 8 ½ herzustellen. Die Konstellation der Protagonisten erinnert ein wenig an IN DER HITZE DER NACHT – ob Zufall oder Absicht spielt dabei keine Rolle. Denn die beiden Darsteller – Brendan Gleeson als der mürrische Boyle und Don Cheadle als der präzise Everett – machen ihre Sache so fabelhaft, dass man einfach nicht anders kann als herzhaft zu lachen. Wenn die beiden dann am Ende des Films im großen Showdown von an Italo-Western erinnernder Musik unterlegt Seite an Seite gegen die dummen Verbrecher kämpfen, dann stellt sich sogar ein bisschen Gänsehaut ein. THE GUARD ist einen Besuch im Kino wert – aber bitte im Original.
Montag, 08. August 2011
Affentheater
Mit einem Blockbuster eröffnete heute die neue Pressewoche.

PLANET DER AFFEN: PREVOLUTION (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Rise Of the Planet Of The Apes
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Rupert Wyatt
Darsteller: James Franco, Freida Pinto, John Lithgow
Kinostart: 11.08.2011

Seit über fünf Jahren bereits forscht Will Rodman in seinem Labor an einem Medikament gegen Alzheimer. Als Versuchskaninchen dienen ihm Schimpansen. Gerade als er sich an seinem Ziel glaubt kommt es im Labor zu einem Zwischenfall mit einem äußerst aggressiven Schimpansenweibchen, das von den Wachleuten daraufhin getötet wird. Wills Projekt wird auf Eis gelegt. Erst jetzt erfährt er, dass das Weibchen schwanger war und ein Schimpansenbaby gebar. Will nimmt sich heimlich des Babys an und nennt es Caesar. Es entwickelt sich zu einem superintelligenten Schimpansen. Gleichzeitig führt Will heimlich Versuche an seinem an Alzheimer erkrankten Vater durch – mit durchschlagendem Erfolg. Ein paar Jahre später verlangen es die Umstände, dass Will seinen Caesar in ein Tierheim gibt. In seiner Gefangenschaft dort entwickelt sich Caesar dank seiner genetisch bedingten Intelligenz zum Führer aller Affen... Mit “Prevolution” schildert Regisseur Rupert Wyatt die Vorgeschichte zum Filmklassiker PLANET DER AFFEN. Er tut dies mit State-of-the-Art Trickeffekten aus dem Hause WETA sowie der Performance-Capture von Andy Serkis, der schon mystischen Wesen in HERR DER RINGE und KING KONG Leben einhauchte. Zweifelsohne stehen in “Prevolution” die Trickaufnahmen im Mittelpunkt. Die Gesellschaftskritik und Psychologie, deren Potenzial in der Geschichte durchaus vorhanden wäre, wird dabei leider aus dem Fokus gerückt und verkommt fast zur Nebensächlichkeit. Nebensächlich auch die Figur der Tierärztin Caroline, die von Freida Pinto gespielt wird. Ihre Rolle dient offenbar nur dafür, hier und dort einen Farbklecks einzubauen. Würde man ihre Rolle aus dem Film streichen – niemand würde es bemerken. Was übrig bleibt ist ein auf Action angelegter Film, der speziell im letzten Drittel diese auch überzeugend zur Schau stellt. Allerdings sei die Frage gestattet, woher denn die ganzen Affen stammen, die ganz San Francisco überrennen? Der Film jedenfalls gibt dafür keine plausible Erklärung. Aber auch das ist vermutlich nur eine Nebensächlichkeit. Für Freunde des Originals aus dem Jahre 1968 gibt es übrigens ein kurzes Wiedersehen mit Charlton Heston, der damals die Hauptrolle spielte. Ihn sieht man in einem kurzen Ausschnitt von MICHELANGELO – INFERNO UND EKSTASE, der in einem TV-Gerät flimmert.
Freitag, 05. August 2011
Ein Künstler beim Kreativprozess
Den Wochenabschluss bildete eine Dokumentation über einen bedeutenden zeitgenössischen Kunstmaler.

GERHARD RICHTER PAINTING (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Piffl
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Corinna Belz
Darsteller: Gerhard Richter, Norbert Arns, Sabine Moritz-Richter
Kinostart: 08.09.2011

In ihrem Dokumentarfilm versucht sich Regisseurin Corinna Belz der Person des Künstlers Gerhard Richter zu nähern. Insbesondere dessen Schaffensprozess steht dabei im Mittelpunkt. Richter ist schon seit vielen Jahrzehnten im Geschäft und gilt als einer der Großen unter den zeitgenössischen Malern. Die Kamera beobachtet den Künstler in verschiedenen Ateliers, wo er an großformatigen abstrakten Werken arbeitet. Das anzuschauen ist sehr interessant, gibt es doch einen tiefen Einblick in die Entstehungsgeschichte solcher übergroßen Bilder. Sieht ein Bild für den Laien aus, als wäre es längst vollendet, so legt der Künstler erneut Hand an und verändert das Bild in Farbe und Struktur komplett. Dazu hört man einen der beiden Assistenten von Gerhard Richter sagen: “Wenn das Bild dem Betrachter gefällt, ist es höchste Zeit, es zu verändern!” So fordern seine Bilder ihren Künstler immer wieder zum Weitermachen heraus. Corinna Belz begleitet Richter auch zu einigen seiner Ausstellungen in den USA und England und zeigt Richter dabei als einen Menschen, dem die Nähe zum Publikum nicht unbedingt behagt. Auch die Anwesenheit einer Kamera beim eigentlich intimen Prozess der Kreativität gefällt ihm nicht so sehr, führt sie doch dazu, dass er sich anders verhält. Belz‘ Film bleibt fast vollständig unkommentiert, abgesehen von ein paar Fragen, die die Regisseurin dem Künstler aus dem Off stellt. Ergänzt wird das Portrait des Künstlers durch kurze TV-Interviews aus den sechziger Jahren sowie etlichen Parallelfahrten über sein Ouevre. Recht wenig erfährt man indes über Richters Privatleben. Insgesamt sicher kein Film, den man unbedingt im Kino anschauen muss. Eine TV-Ausstrahlung tut’s auch.
Donnerstag, 04. August 2011
Das Küchenlabor und der zweite Frühling
Eine Dokumentation und ein schöner Sommerfilm machten heute meinen Kinotag.

EL BULLI – COOKING IN PROGRESS (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Deutschland 2010
Regie: Gereon Wetzel
Darsteller: Ferran Adrià, Oriol Castro, Eduard Xatruch
Kinostart: 15.09.2011

Es ist wohl das berühmteste Restaurant der Welt: das “El Bulli” an der spanischen Küste bei Barcelona. Inhaber und 3-Sterne-Koch Ferran Adria wurde für seine experimentierfreudige Molekularküche bereits mehrfach prämiert. Der eigentliche Clou bei der Geschichte: das “El Bulli” hat nur sechs Monate im Jahr geöffnet, nämlich von Juni bis Oktober. Die verbleibenden Monate zieht sich der Meister mit seiner Crew in ein hochmodernes Küchenlabor in Barcelona zurück, wo sie gemeinsam neue Kreationen entwickeln. Ob es nun sich auflösende Ravioli sind oder Cocktails aus Wasser und Haselnussöl – nichts scheint hier unmöglich zu sein. Regisseur Gereon Wetzel hat den gesamten Kreislauf - von der ersten Idee im Labor bis hin zum Betrieb des Restaurants – über den Zeitraum von einem Jahr mit seinem Filmteam beobachtet. Meister Adria lässt sich und seinem Team ungehemmt über die Schulter schauen. Egal, ob ein Essensexperiment misslingt oder von den Köchen sogar als genial eingestuft wird – die Kamera ist stets dabei. Sie ist auch dann dabei, wenn Adria seine etwa 70-köpfige Mannschaft auf die neue Restaurantsaison einschwört und seine Philosophie erläutert. Der Film bleibt dabei vollkommen unkommentiert. Das ist einerseits gut, um die Stimmung im Küchenlabor und unter Realbedingungen während des laufenden Betriebs möglichst unverfälscht zu präsentieren. Auf der anderen Seite jedoch hätte man sich etwas tiefere Einblicke in die Philosophie der Molekularküche gewünscht und auch gerne etwas über die Hauptakteure hinter den Kulissen erfahren. Beim Betrachten der exotischen 20- oder gar 35-Gänge-Menüs kann einem dabei aber trotzdem das Wasser im Munde zusammenlaufen, auch wenn man angesichts der winzigen Portionen fast schon davon ausgehen kann, dass man davon nicht satt werden wird. Aber darum geht es in der Küche des Ferran Adria ja auch gar nicht.

GIANNI UND DIE FRAUEN (1:1.85, DD 5.1)
OT: Gianni E Le Donne
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Italien 2011
Regie: Gianni Di Gregorio
Darsteller: Gianni Di Gregorio, Valeria De Franciscis Bendoni, Alfonso Santagata
Kinostart: 22.09.2011

Sein Tagesablauf ist immer derselbe. Seit Gianni schon mit 50 Jahren in den Ruhestand gegangen ist, verbringt der Ehemann und Vater einer studierenden Tochter seine Zeit damit, seinen Hund und den der Nachbarin Gassi zu führen, einzukaufen, Rechnungen zu bezahlen und vor allem für die Eskapaden seiner alten Mutter aufzukommen. Eigentlich ist sein Leben schon gelaufen. Als ihm sein Kumpel jedoch steckt, dass das Leben mit Ende 50 noch lange nicht gelaufen ist, sieht er plötzlich auf Schritt und Tritt schöne Frauen um ihn herum. Denn das ist es, was er am meisten vermisst: Eine Affäre muss her! Doch für den gutmütigen Gianni ist das gar nicht so einfach mit der Liebe. Als ihm jedoch plötzlich wieder seine Jugendliebe über den Weg läuft, ist es um ihn geschehen... Man muss ihn einfach mögen, wenn er schmachtenden Blickes schönen Frauen jeden Alters hinterherschaut. Hauptdarsteller und Regisseur Gianni Di Gregorio verkörpert die Figur des äußerlich zwar alternden, aber innerlich noch immer von der heimlichen Liebe träumenden Gianni wirklich perfekt. Das gilt aber auch für den Rest des Ensembles. Valeria De Franciscis Bendoni als Giannis Mutter, eine steinalte Aristokratin, die gerne Poker spielt und sich das Fernsehgerät zu jeder Tages- und Nachtzeit vom Sohnemann justieren lässt, ist einfach köstlich. Passend zur Liebe fängt die Kamera von Gogo Bianchi das leicht beschwingte Sommerflair des Bella Italia großartig ein. Ein schöner Sommerfilm zum Träumen und Schmunzeln.
Dienstag, 02. August 2011
Motherf***ing Aliens!
Als erster Film dieser Woche schaffte es der letzte Film des kommenden Fantasy Filmfests in die Pressevorführung.

ATTACK THE BLOCK (1:2.35, DD 5.1)
OT: Attack The Block
Verleih: Wild Bunch
Land/Jahr: Großbritannien 2011
Regie: Joe Cornish
Darsteller: Nick Frost, Jodie Whittaker, Luke Treadaway
Kinostart: 22.09.2011

Was als ein ganz gewöhnlicher Straßenraub einer Jugendgang beginnt, entwickelt sich binnen Minuten zu einem Kampf auf Leben und Tod. Denn gleich nachdem die frechen Kids Krankenschwester Sam auf ihrem Nachhauseweg um ihr Geld und um ihren Ring erleichtert haben, fällt etwas Schweres vom Himmel und durchbohrt mit ohrenbetäubendem Lärm das Dach des Autos, das jemand in dem Londoner Ghetto abgestellt hatte. Als sich Moses, der Anführer der coolen Gang, die Sache etwas genauer ansieht, wird er von einem affenartigen Wesen gebissen. Wutentbrannt machen die Jugendlichen Jagd auf das Wesen mit allem, was sie aufzubieten haben: Messer, Schlagstöcke und Feuerwerkskörper. Mit der Trophäe auf dem Rücken kehren sie in ihren Block zurück. Doch das seltsame Wesen war nicht alleine. Die Ghettobewohner sehen sich plötzlich mit einer Invasion von Außerirdischen konfrontiert... “Wenn uns schon Aliens heimsuchen, warum dann ausgerechnet an einem Ort wie diesem?” fragt eines der Gang-Mitglieder im Verlauf des Films und bringt den Reiz des Films damit auf den Punkt. Denn nichts könnte trostloser sein als jenes Slumviertel im zeitgenössischen London, das schon für Filme wie SHANK oder HARRY BROWN Pate stand. Im vorliegenden Film wird das Ganze natürlich mit bösem britischen Witz ironisch präsentiert. Was können einer schlagkräftigen Truppe schon ein paar Marsmännchen anhaben? Wobei diese Marsmännchen einer vollkommen brutalen Spezies angehören, auf vier Beinen gehen und ein leuchtendes Gebiss haben. Dass die fiesen Kreaturen damit böse Wunden anrichten können, wird im Film mit reichlich Blut demonstriert. Alles natürlich mit bestem Ghetto-Slang garniert, der vermutlich in der deutschen Fassung einfach wegsynchronisiert wird. Immerhin wird ATTACK THE BLOCK einer der ganz wenigen Filme des Fantasy Filmfests (er wird dort als Abschlussfilm laufen) sein, denen ein regulärer Kinostart zuteil wird. Die im Presseheft suggerierten Vergleiche mit SHAUN OF THE DEAD allerdings sind etwas hochgegriffen. Dessen Qualitäten erreicht Joe Cornishs Regiedebüt nicht, doch dürfte er sich hervorragend als Partyfilm eignen. Schon alleine der Monster wegen, unter deren wuscheligen Kostümen Zweibeiner stecken.

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