Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Dienstag, 29. November 2011
Zwei wahre Geschichten
Unterschiedlicher in ihrer Dramaturgie hätten die beiden Filme heute nicht sein können. Beide beruhen auf tatsächlichen Ereignissen. Wo mich der Erste noch kalt im Regen stehen ließ, verstand sich der Zweite bestens darauf, mir menschliche Wärme zu vermitteln.

WYSSOZKI – DANKE, FÜR MEIN LEBEN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Wyssozki
Verleih: Kinostar
Land/Jahr: Russland 2011
Regie: Pyotr Buslow
Darsteller: Oksana Akinshina, Andrej Smoljakow, Ivan Urgant
Kinostart: 01.12.2011

Die Sowjetunion in den Siebzigerjahren. Wladimir Wyssozki ist einer der beliebtesten Sänger des Landes, ist jedoch aufgrund seiner gesellschaftskritischen Texte dem Regime ein Dorn im Auge. Bei einem illegalen Konzert in Usbekistan will der KGB zuschlagen und ihn wegen Steuerhinterziehung festmachen. Doch es kommt alles anders: Wyssozki ist inzwischen schwerst drogenabhängig. Mit seiner Entourage, dem auch ein Arzt angehört, reist er zwar zum Konzert, kann es jedoch wegen seines Gesundheitszustandes kaum bewältigen. Um ihm zu helfen soll seine Freundin gehortete Drogen aus der gemeinsamen Wohnung nach Usbekistan schmuggeln. Doch auch ihr ist der KGB auf den Fersen... Dumm derjenige der sich nicht vor Besuch des Films bereits mit der Person Wyssozkis auseinandersetzt. Denn Pyotr Buslows Film gibt dem Zuschauer überhaupt keine Chance dazu. Nicht einmal seine regimekritischen Liedertexte werden mittels deutschen Untertiteln verständlich gemacht (siehe Anmerkung unten)! Da muss man dann einfach hinnehmen, was einem in Russisch geboten wird. Auch auf die Übersetzung von in kyrillischer Schrift eingeblendeten Titeln (siehe Anmerkung unten) wurde verzichtet, was für das Verständnis des Films sehr abträglich ist. Sieht man einmal von diesen beiden schwerwiegenden Fehlern ab, bleibt ansonsten leider auch nicht viel Gutes übrig. Anstelle eines Biopics versteift sich der Film in Thrillermanier mit Trasheinlagen auf ein paar Tage aus dem Leben des berühmten Barden. Ärgerlich auch die deutsche Synchronfassung, die sich beim direkten Vergleich zwischen Wyssozkis in Russisch vorgetragenen Liedern und seinen deutschen Monologen als wenig werkgetreu herausstellt. Insgesamt ein überlanger, nicht befriedigendes Filmerlebnis, das zudem noch erheblich mit Bildunschärfen zu kämpfen hat.

Anmerkung: wie mir soeben vom deutschen Verleiher mitgeteilt wurde, wurde uns in der Pressevorführung keine finale Version des Films gezeigt. In den ab Starttermin in den deutschen Kinos gezeigten Kopien werden die russischen Liedertexte deutsch untertitelt sein und auch die kyrillischen Texteinblendungen deutsch übersetzt erscheinen.

ZIEMLICH BESTE FREUNDE (1:1.85, DD 5.1)
OT: Intouchables
Verleih: Senator
Land/Jahr: Frankreich 2011
Regie: Olivier Nakache, Eric Toledano
Darsteller: François Cluzet, Omar Sy, Anne Le Ny
Kinostart: 05.01.2012

Eigentlich will der gebürtige Senegalese Driss nur ein Papier unterschreiben lassen, das ihm bescheinigt, dass er sich um Arbeit bemüht hat und ihm den Weg zur Sozialhilfe frei macht, als er bei dem schwer reichen Philippe als Krankenpfleger vorspricht. Doch aus einer Laune heraus heuert der vom Hals abwärts gelähmte Mann im besten Alter den jungen Driss an. Für den ist es wie ein Freifahrschein ins Schlaraffenland, stammt er doch aus einem Armenghetto. Die anfängliche Distanz zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Männern löst sich im Laufe der Zeit – nicht zuletzt durch Driss‘ Tätigkeit als Pfleger, die sich bis in Philippes intimsten Bereiche erstreckt. Verständnis und gegenseitiger Respekt lässt aus dem Duo aufrichtige Freunde werden. Basierend auf einer wahren Geschichte erzählen die Regisseure Olivier Nakache und Eric Toledano eine sehr warmherzige und überaus menschliche Geschichte, die zu Freudentränen verführt. Das großartige Darstellerduo François Cluzet als Philippe und Omar Sy als Driss begeistert von der ersten bis zur letzten Minute mit seinem perfekten Spiel – von der ersten Begegnung der beiden Protagonisten bis hin zu deren wunderbarer Freundschaft. Als einer der Höhepunkte des Films gilt zweifelsfrei jene Szene, in der Philippe seinen Geburtstag feiert und er Driss mithilfe eines kleinen Orchesters für die klassische Musik begeistern möchte, der jedoch die anklingenden Stücke jeweils mit bestimmten Werbespots oder gar Telefonwarteschleifen in Verbindung bringt. Die Szene gipfelt dann – wie könnte es auch anders sein – darin, dass Driss auch Philippe für seine Musik begeistern möchte und zu Earth, Wind & Fire das Tanzbein schwingt. So macht Kino wirklich Spaß! Es ist ein Verdienst gerade des europäischen Kinos, aus diesem Stoff keinen allzu verkitschten, überlauten und womöglich noch in übelstem Ghettojargon vernuschelten Film zu entwickeln, sondern einen tief bewegenden und gleichzeitig extrem lebensbejahenden. Nicht auszumalen wenn die Amerikaner dieses Drehbuch in die Hände bekommen hätten!
Montag, 28. November 2011
Hier steppt der Pinguin!
Die Frage zum Beginn der Woche lautet: wieviele Pinguine passen auf eine CinemaScope-Leinwand? Die heutige Pressevorführung versuchte sich an einer Antwort.

HAPPY FEET 2 (1:2.35, 3D, DD 5.1)
OT: Happy Feet 2
Verleih: Warner
Land/Jahr: Australien 2011
Regie: Dr. George Miller
Kinostart: 01.12.2011

Königspinguin Mumble, inzwischen selbst stolzer Vater, macht sich Sorgen um seinen Sprössling Erik. Denn der mag überhaupt nicht tanzen und sieht seine Bestimmung ganz woanders: er möchte so gerne fliegen! Diesen Floh lässt er sich von dem fliegenden Pinguin Sven ins Ohr setzen, den er trifft, als er von zuhause ausbüxt. Als Mumble seinen Sohn wieder einfängt und ihn wieder in die Heimat bringen möchte, müssen sie voller Schrecken feststellen, dass ihr gesamtes Volk aufgrund einer Naturkatastrophe in einem Eistal eingekesselt festsitzt. Jetzt ist guter Rat teuer... Jetzt also geht HAPPY FEET in die zweite Runde. Und dieses Mal sogar in 3D. Keine Frage: auch Teil 2 ist in Puncto Computeranimation Spitzenklasse und steht seinem Vorgänger diesbezüglich in nichts nach – sieht man einmal von dem durch die 3D-Brille abgedunkelten Bild einmal ab. Wieder steppen und tanzen Heerscharen von Pinguinen, als gelte es den letzten Tag auf Erden zu feiern. Und es gibt natürlich ein Wiedersehen mit den Charakteren, die man bereits aus dem oscarprämierten ersten Film kennt. Doch man wird den Eindruck nicht ganz los, als müssten die breit angelegten Pinguin-Choreographien quasi als Ersatz für die etwas unterentwickelte Story herhalten. Immerhin geht es darin aber um gesellschaftliche Werte und die Erkenntnis, dass man nur in der Gemeinschaft stark ist. Da gibt es die beiden winzigen Krilltierchen Will und Bill (die im Original von Matt Damon und Brad Pitt gesprochen werden), die sich von ihrem Schwarm lösen um auf eigene Faust die Welt zu erkunden, nur um am Ende festzustellen, dass nur der Platz im riesigen Schwarm ihnen Sicherheit und Wärme gibt. Will und Krill sind im zweiten Teil der Pinguin-Saga die originellsten Charaktere und dürften für die herzhaftesten Lacher im Publikum sorgen. Auf der Ebene der Pinguine geht es um die Überwindung von Klassen- und Rassenunterschieden – Königspinguine, Zwergpinguine, Seeelefanten und sogar ein Papageitaucher ziehen hier gemeinsam an einem Strang, um den in Not Befindlichen zu helfen. Diese beiden parallel verlaufenden Handlungsstränge, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, werden verquirlt und immer wieder durch Tanznummern unterbrochen. Der Film wirkt dadurch leider etwas unausgewogen. Übrigens: Wer im Film ein bisschen Brutalität vermisst, der darf sich umso mehr am Vorfilm erfreuen.
Freitag, 25. November 2011
Ein Kater und ein Künstler
Zum Abschluss der Pressewoche gab es zwei Filme, die technisch nicht unterschiedlicher hätten sein können: farbiges CinemaScope in 3D und schwarzweißes Normalformat.

DER GESTIEFELTE KATER (1:2.35, 3D, DD 5.1)
OT: Puss In Boots
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Chris Miller
Kinostart: 08.12.2011

Was gibt es Verlockenderes für einen Dieb als magische Bohnen, deren Zauberkraft ihren Besitzer zu unschätzbaren Eiern aus Gold führen? Für den mit allen Wassern gewaschenen gestiefelten Kater jedenfalls ist das ein gefundenes Fressen. Ausgerechnet das Killerpärchen Jack und Jill haben diesen sagenumwobenen Bohnen in ihrem Besitz. Doch für den Kater ist das kein Problem. Was allerdings ein Problem ist, das ist jenes freche Kätzchen, das ihm offensichtlich zuvorkommt und ihn zu seinem alten Freund Humpty Alexander Dumpty führt, jenem Ei, mit dem er vor vielen Jahren in Feindschaft auseinandergegangen ist. Doch Humpty schlägt ihm einen Deal vor. Der Kater willigt ein. Das aber hätte er besser nicht getan... Mit Chris Millers computeranimiertem 3D-Film wird dem aus den SHREK-Filmen bekannte Charakter des gestiefelten Katers erstmals seine eigene Plattform gegeben. Der mit herrlich spanisch klingenden Akzent (im Original gesprochen von Antonio Banderas, in der deutschen Version von Benno Fürmann) ausgestattete kleine Tiger outet sich wie immer als echter Don Juan und darf einige Male wieder seinen unwiderstehlichen “Ich bin hilflos – hab mich lieb!”-Blick vom Stapel lassen – Seufzer aus dem Publikum sind dem Gestiefelten damit absolut sicher. Miller inszeniert seinen Film sehr flott und mit viel Witz und führt gleichzeitig atemberaubende Animationstechnik neuester Generation vor. Und das in bestem 3D. Doch im Mittelteil verlangsamt sich nicht nur das Tempo, sondern droht die Geschichte ins Kindliche abzustürzen. Zu seinem Glück jedoch fängt sich der Film nach diesem Exkurs wieder. Besonders gelungen sind die Tanznummern, die der gestiefelte Kater zusammen mit der durchtriebenen Katzendame Samtpfote aus Parkett legt – ole! Wer Katzen mag, auf spanischen Akzent steht und sich einfach nur gut unterhalten lassen möchte, der ist hier richtig aufgehoben.

THE ARTIST (1:1.33, DD 5.1)
OT: The Artist
Verleih: Delphi
Land/Jahr: Frankreich 2011
Regie: Michel Hazanavicius
Darsteller: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman
Kinostart: 26.01.2012

Ende der zwanziger Jahre in Hollywood. George Valentin ist der angesagteste Stummfilmstar seiner Zeit. Durch Zufall darf die junge Peppy Miller als Statistin in einem seiner Filme mitwirken. Für die beiden ist es Liebe auf den ersten Blick. Doch Valentin ist verheiratet und so gehen die beiden getrennte Wege. Als sich Valentin 1929 dem aufkommenden Tonfilm verweigert, beginnt sein unausweichlicher finanzieller Ruin. Peppy Miller, inzwischen Publikumsliebling beim Tonfilm, verehrt den einstigen Superstar nach wie vor und unterstützt Valentin ohne dessen Wissen. Da geschieht ein furchtbares Unglück... Mit THE ARTIST stimmt Regisseur Michel Hazanavicius ein auf ein Hohelied über die Glanzzeit des Kinos. Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre war die Filmindustrie in Hollywood auf ihrem Höhepunkt und feierte ihre Produktionen in riesigen Kinopalästen. Doch es war auch die Zeit des Umbruchs: der Tonfilm hielt Einzug. Und mit ihm verschwanden viele der damaligen Leinwandikonen – einzig deshalb, weil sie keine guten Stimmen hatten. Hazanavicius gelingt es mit seinem (auf Farbmaterial gedrehten) Schwarzweißfilm, der fast ausschließlich mit Musik unterlegt ist, die große Zeit der Stummfilme gebührend aufleben zu lassen. Seine grandiosen Darsteller Jean Dujardin und Bérénice Bejo verlassen sich aufgrund fehlender Dialoge voll und ganz auf ihre Gestik und das Minenspiel. Das Ergebnis ist verblüffend. Man könnte wahrhaftig meinen, die beiden seien Stars der Stummfilmära. Aber nicht nur die Darsteller, auch alles andere zeugt von Hazanavicius untrüglichem Blick für die Filme aus jener Zeit: die Ausstattung, die Kostüme, die Requisiten, die stilistischen Mittel – alles wurde hier mit viel Liebe zum Detail umgesetzt. Komponist Ludovic Bources Score weckt unentwegt Erinnerungen an die klassische Filmmusik, mit denen Komponisten wie Erich Wolfgang Korngold, Max Steiner oder Bernard Herrmann in die Analen der Filmgeschichte eingegangen sind. Das geht sogar so weit, dass Hazanavicius eine Schlüsselszene seines Films komplett mit Herrmanns Liebesthema aus VERTIGO unterlegen lässt. THE ARTIST ist eine faszinierende Liebeserklärung an die Film- und Kinogeschichte und wird speziell Filmfans in ihren Bann ziehen. Aber auch wenn man in der Filmgeschichte nicht sonderlich bewandert ist, sollte man dieses besondere Filmjuwel nicht missen. Und sei es nur, um den hierzulande zu Unrecht noch kaum beachteten Jean Dujardin in seiner Rolle als George Valentin zu sehen – eine Rolle, die ganz sicher von Douglas Fairbanks inspiriert wurde.
Donnerstag, 24. November 2011
Barbarenzähmen schwer gemacht
Kenne Sie das auch: man will eigentlich lachen, doch der Film gibt einem keine Chance dazu? Dann wissen Sie vermutlich wie es mir heute erging...

RONAL DER BARBAR (1:2.35, 3D, DD 5.1)
OT: Ronal Barbaren
Verleih: MFA (24 Bilder)
Land/Jahr: Dänemark 2011
Regie: Kresten Vestbjerg Andersen, Thorbjorn Christoffersen, Philip Einstein Lipski
Kinostart: 22.12.2011

Der kleine Ronal hat es richtig schwer. Er ist der Einzige der Nachkömmlinge eines Barbarengottes, der nicht mit überdimensionierten Muskeln ausgestattet wurde. Das Einzige, was an ihm überproportioniert sind, sind seine Eier. Doch damit lässt sich nicht viel Barbarisches tun und so fristet er ein Dasein im Schatten der starekn Männer. Als die jedoch von einem bösen Herrscher gefangengenommen werden und nur er den Bösen entkommen kann (weil deren Fesseln zu groß für seine dünnen Ärmchen sind!), schlägt seine große Stunde. Jetzt liegt es an ihm seine Mannen aus den Klauen des Bösen zu befreien. Mit einem hormongesteuerten Barden, einem schönen Schildmaid sowie einem Elb macht er sich auf in den Kampf... Die vielen Parallelen zu dem genialen amerikanischen Animationsfilm DRACHENZÄHMEN LEICHT GEMACHT sind einfach nicht zu übersehen. Genauso wenig die Anleihen bei SHREK oder HERR DER RINGE. Hier wird Letzterer natürlich durch den Kakao gezogen. Das ist zumindest erklärte Absicht der dänischen Filmemacher. Doch man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es den Machern ziemlich schwer gefallen ist, Satire in die ganze Geschichte zu bringen. So mutet das Resultat über weite Strecken fast schon wie ein ernster Fantasy-Film an. Mit allem was dazugehört – auch gepfählte Krieger. Derartige Brutalitäten hätte man am allerwenigsten von einem Film erwartet, der lustig und persiflierend sein möchte. Was an Persiflage übrigbleibt ist auffallend wenig – und zielt vornehmlich unter die Gürtellinie. So ist stets die Rede von den Tangas der Barbaren, die ach so gerne im Schritt kneifen. Oder das Elblein, das die mutigen Gefährten begleitet, und nie so recht weiß ob es Männlein oder Weiblein sein möchte. Ganz zu schweigen von dem bösen Barbar, der ziemlich tuntig klingt. Mit Wehmut erinnert man sich an die perfekte Art und Weise, mit der im ersten SHREK-Film das ganze Genre ad absurdum geführt wird. In RONAL DER BARBAR reduziert sich das auf niedere Instinkte und beginnt nach einer kurzen Weile furchtbar zu langweilen. Warum diese Langeweile dann auch noch mit einer erschreckend flachen dritten Dimension versehen wird bleibt ein Rätsel.
Dienstag, 22. November 2011
Die Schauspielerin und der Fahrer
Unterschiedlicher hätten die heutigen beiden Filme nicht sein können. Und trotzdem war ich mit beiden Filmen mehr als zufrieden. Mein Glückstag.

DIE UNSICHTBARE (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Falcom (24 Bilder)
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Christian Schwochow
Darsteller: Stine Fischer Christensen, Ulrich Noethen, Dagmar Manzel
Kinostart: 09.02.2012

Man nimmt sie nicht wahr, auch wenn sie auf der Bühne steht. Für viele ist Schauspielschülerin Josephine Lorentz, kurz Fine genannt, eigentlich unsichtbar. Warum Starregisseur Kaspar Friedmann ausgerechnet sie für die Hauptrolle seines ausschließlich mit Schauspielschülern besetzten Stückes “Camille” castet, bleibt allen ein Rätsel. Die unerfahrene, unsichere und mit privaten Problemen beladene Fine wird in Friedmanns Händen geformt, der sie bis an ihre psychischen und auch physischen Grenzen treibt. Fine wird ein weiteres Mal unsichtbar: sie wird eins mit der Rolle der Camille, deren Charakter gänzlich anders ist als der von Fine... Christian Schwochows Film DIE UNSICHTBARE könnte so etwas sein wie die deutsche Antwort auf BLACK SWAN. Hier wie dort geht es um ein Mädchen, das durch die Rolle, die ihr aufgetragen wird, an ihre Grenzen stößt und sogar darüber hinausgeht. War es in Darren Aronofskys Film eine Ballettschülerin, so ist es hier nun eine Schauspielschülerin, die von ihrem Regisseur durch die Hölle geschickt wird. Fine, so ihr Name, wird von der Dänin Stine Fischer Christensen (NACH DER HOCHZEIT) gespielt, die eigens für diesen Film Deutsch lernen musste. Und sie ist in ihrer Rolle absolut glaubwürdig und sehr überzeugend. In ihrem Seelenstriptease steht sie Kollegin Rachel Portman, die in BLACK SWAN überzeugte, in nichts nach. Auch Ulrich Noethen brilliert in der Rolle des besessenen Regisseurs, der Fine bis zum Äußersten antreibt. Doch nicht nur die Hauptrollen in diesem Psychogramm begeistern. Auch die Nebenrollen sind sehr authentisch angelegt, z.B. Christina Drechsler als die behinderte Schwester von Fine. Frank Lamms eindrucksvolle CinemaScope-Kamera und die sehr zurückhaltende, aber stilsicher eingesetzte Filmmusik von Can Erdogan Sus sind weitere Pluspunkte des Films, der von Anfang bis Ende für diejenigen spannend bleibt, die sich darauf einlassen können.

DRIVE (1:2.35, DD 5.1)
OT: Drive
Verleih: Universum (24 Bilder)
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Nicolas Winding Refn
Darsteller: Ryan Gosling, Bryan Cranston, Carey Mulligan
Kinostart: 26.01.2012

Er gibt sich wortkarg und lebt zurückgezogen in einem Hochhaus irgendwo in Los Angeles. Tagsüber verdient sich Driver seine Brötchen als Stuntman beim Film oder arbeitet als Mechaniker in der Werkstatt seines Freundes und Mäzen. Doch in der Nacht kommt seine dunkle Seite heraus. Dann nämlich jobbt er als Fahrer für Einbrecher. Und er ist der Beste in diesem Job. Als er eines Tages seiner Nachbarin begegnet, scheint es zwischen den beiden zu funken. Irene lebt alleine mit ihrem kleinen Sohn, da ihr Ehemann im Gefängnis ist. Doch die Romanze wird jäh beendet als Irenes Mann entlassen wird. Der aber steckt in großen Schwierigkeiten. Wenn er sich weigert, ein letztes Ding durchzuziehen, drohen ihm Gangster Irene und seinem Sohn etwas anzutun. Aus Liebe zu Irene hilft ihm Driver bei dem Überfall auf einen Pfandleiher. Doch der Plan läuft schief und Driver sieht sich plötzlich einem großen Haufen von Mafia-Dollars ausgesetzt... Auch wenn Ryan Gosling alias Driver nicht sonderlich viel zu sagen hat, dann macht das gar nichts aus. Denn Kameramann Newton Thomas Sigel vermag in seinen für große CinemaScope-Leinwände konzipierten Bildern mehr auszudrücken, als man in Worte fassen kann. Nichts vermag Drivers Einsamkeit besser auszudrücken als die grandiosen, fast menschenleere Bilder des nächtlichen Los Angeles. Auch die Begegnung von Driver und Irene, das Austauschen ihrer Blicke im Fahrstuhl, drückt die Gefühle der beiden füreinander perfekt aus – auch ohne Worte. Aber auch wenn Regisseur Nicolas Winding Refn aufs Gaspedal tritt und seinen Driver bei der illegalen Arbeit zeigt, bleiben die Bilder beeindruckend. Sie prägen den ganzen Film und geben ihm seine eigenartige, teils surreal anmutende Stimmung. Aber Obacht: wenn es nach alter Mafia-Art dann getreu dem Motto “Auge um Auge, Zahn um Zahn” ans Eingemachte geht, zeigt sich der Film nicht gerade zimperlich. Dann nämlich entlädt sich die ganze Wut und Anspannung nicht nur des Protagonisten in einer brachialen Gewaltorgie, die eine Altersfreigabe nicht unter 18 Jahren mehr als rechtfertigt. In diesen Sequenzen steht Nicolas Winding Refns Film dem jüngst auf dem Fantasy Filmfest gesehenen KILL LIST in nichts nach. Wem das als Warnung noch nicht genügt, der darf sich hinterher nicht beklagen. DRIVE ist optisch und auch akustisch überzeugendes Genre-Kino.
Dienstag, 15. November 2011
Kolumbus in Bolivien und Anne im siebenten Himmel
Erst Dienstag und trotzdem bereits das Ende der Presse-Woche. Dafür aber gab es zwei gute Beiträge auf der großen Leinwand.

UND DANN DER REGEN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Tambien La Iluvia
Verleih: Piffl
Land/Jahr: Spanien, Frankreich, Mexiko 2010
Regie: Icíar Bollaín
Darsteller: Gael García Bernal, Luis Tosar, Raúl Arévalo
Kinostart: 29.12.2011

Mitten in Bolivien will der junge spanische Regisseur Sebastian seinen Großfilm über Christopher Kolumbus drehen. Besonders am Herzen liegt ihm zu zeigen, wie die Ureinwohner durch die von der Gier nach Gold getriebenen Entdecker systematisch unterjocht und versklavt wurden. Da das Budget für den Film knapp kalkuliert ist, ist die Filmcrew auf die Rekrutierung von bolivianischen Statisten angewiesen. Aufgrund herrschender Armut ist der Zustrom gigantisch. Einer der Statisten, Daniel, schafft es, die Rolle des Führers der amerikanischen Ureinwohner zu übernehmen. Was Sebastian und seine Crew noch nicht wissen: Daniel ist auch Anführer eines Aufstandes gegen die Obrigkeit, die der armen Bevölkerung das Wasser abdreht... Wie einst Kolumbus und seine Mannen bei der Entdeckung Amerikas fällt auch die spanische Filmcrew in Bolivien ein. Ihr Benehmen erinnert an die Eroberer, die sich ohne Rücksicht auf Verluste das nehmen was sie wollen. Produzent Costa zahlt den bolivianischen Statisten Hungerlöhne, die er anderswo nicht zahlen könnte. Der schlaue Daniel durchschaut das Spiel genau. Regisseur Icíar Bollaín lässt in seinem Film mehrere Handlungen parallel laufen: die Szenen für den Kolumbus-Film, die Invasion der Filmcrew und den Aufstand der Bevölkerung, die für ihr Recht auf Wasser kämpft. Eine deprimierende Erkenntnis prägt seinen Film: seit der Eroberung durch die Spanier hat sich nicht viel geändert. Dass sich am Ende ausgerechnet der skrupellose Produzent für die Menschen in Bolivien einsetzt und den Film Film sein lässt, erscheint etwas aufgesetzt. Die Wandlung vom Saulus zum Paulus nimmt man ihm nicht so recht ab. Bollains Film ist durchweg gut besetzt. Gael García Bernal mimt den besessenen Regisseur, der nur seinen Film im Kopf hat. Luis Tosar gibt einen wunderbar geldgierigen Produzenten ab. Und Newcomer Juan Carlos Aduvirir ist die perfekte Besetzung für den Kämpfer im doppelten Sinne: als Hatuey, Anführer der Ureinwohner in der Vergangenheit, sowie als Daniel, Anführer der Aufständischen in der Gegenwart.

ANNE LIEBT PHILIPP (1:2.35, DD 5.1)
OT: Jørgen + Anne = Sant
Verleih: farbfilm (24 Bilder)
Land/Jahr: Norwegen, Deutschland 2011
Regie: Anne Sewitsky
Darsteller: Maria Tandero Berglyd, Otto Garli, Aurora Bach Rodal
Kinostart: 12.01.2012

Anne war schon immer ein bisschen anders. Nie tut sie das, was man von ihr erwartet. Das “Wikinger und Prinzessinnen”-Spiel hat sie schon im Alter von fünf Jahren nicht gemocht. Jetzt ist Anne zehn und in der fünften Klasse. Ihre Freizeit verbringt sie mit ihrer besten Freundin Beate, ihrem Bruder Ole und mit ein paar Jungs aus der Schule. Ihre Klassenkameradinnen haben alle schon einen Freund. Doch bei ihr hat noch kein Junge ein Kribbeln ausgelöst. Das ändert sich schlagartig, als Philipp mit seinen Eltern in die Nachbarschaft zieht. Ausgerechnet in jenes Haus, von dem ihr Bruder behauptet, dass es dort spukt. Zusammen mit Beate schmiedet Anna einen Plan, um ihre Erzrivalin Ellen bei Philipp auszustechen... Dieser Jugendfilm sprüht nur so vor grandiosen Regieeinfällen! Das Abscannen eines Klassenfotos inklusive der Schilderung wer mit wem verbandelt ist oder verbandelt sein möchte ist da nur einer von vielen. Anne Sewitsky inszenierte die Verfilmung eines sehr bekannten Kinderbuches über die erste Liebe einfach grandios. Zusammen mit Kamerafrau Anna Myking führt sie den Zuschauer virtuos durch den Mikrokosmos der kleinen Anne (vorzüglich gespielt von Maria Tandero Berglyd), die sich unsterblich verliebt und gegen Modepüppchen Ellen durchsetzen muss. Das hat nicht nur einen Bruch mit ihrer besten Freundin zur Folge, sondern gipfelt auch in einer Demütigung, die sie Ellen antut. Kein Jugendfilm ohne Moral. Und hier gibt es dann gleich mehrere. “Jeder macht mal einen Fehler. Wichtig ist nur, was man danach tut”, sagt Annes Mutter zu ihrer verliebten Tochter. Aber es geht nicht nur um das Bereuen und das “Um-Entschuldigung-bitten” sowie das Verzeihen, auch darum, nicht alles zu glauben, was die Erwachsenen erzählen. Und es geht auch darum, zu sich selbst zu stehen. Anne möchte nicht nur deshalb geliebt werden, weil sie sich hübsch anzieht (was sie hasst!), sondern um ihrer selbst Willen. Der in Bild und Ton hervorragend gestaltete Film ist ein wunderbarer Film über die allererste Liebe, könnte jedoch aufgrund einiger gruseliger Momente für kleinere Zuschauer etwas zu heftig sein.
Freitag, 11. November 2011
Wie der Vater zu seiner Tochter kam
Eine nette kleine Komödie aus dem hohen Norden rundete meine Pressewoche an diesem Freitag ab. Ein schöner Ausklang.

ICH REISE ALLEIN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Jeg Reiser Alene
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Norwegen 2011
Regie: Stian Kristiansen
Darsteller: Rolf Kristian Larsen, Amina Eleonora Bergrem, Pål Sverre Valheim Hagen
Kinostart: 29.12.2011

Jarle ist 25, studiert Literaturwissenschaft an der Universität, hat seine eigene Bude und genießt sein Leben in vollen Zügen. Wenn er nicht gerade in der Vorlesung sitzt, hängt er auf Partys ab und vergnügt sich mit schönen Mädchen. In einem Wort: Jarle fühlt sich pudelwohl. Doch ein kurzer handgeschriebener Brief bereitet all dem ein jähes Ende. Jarle muss erfahren, dass sein One-Night-Stand vor genau sieben Jahren und neun Monaten zu einem hübschen Ergebnis geführt hat, das sich Charlotte Isabel nennt und von der Mutter für eine ganze Woche in die Obhut des leiblichen Vaters gegeben wird. Dem lebenslustigen Jarle passt das gar nicht und auch die kleine “Lotte” ist nicht gerade angetan von Jarles verwahrloster Studentenbude geschweige denn davon, plötzlich einen neuen Papa zu haben. Doch im Verlaufe dieser einen Woche weicht die anfängliche Distanz zwischen den beiden und verändert Jarles bisheriges Leben radikal... Die norwegische Komödie ICH REISE ALLEIN (eine Anspielung auf das Schild, das Lotte bei sich trägt, während sie ganz alleine mit dem Flugzeug zu ihrem Papa reist) behandelt zwar kein neues Thema, doch sie erzählt es dafür umso rührender. Auch wenn sich anfangs der Eindruck ergibt, dass Stian Kristiansens Inszenierung ein bisschen der Pfeffer fehlt, so schließt man als Zuschauer doch zusehends die kleine Lotte (wunderbar gespielt von der kleinen Amina Eleonora Bergrem) ins Herz und kann damit die Gefühle verstehen, die den Protagonisten mehr und mehr dazu veranlassen, sein bisheriges Leben zu überdenken. Wohltuend anders als in Hollywood-Komödien gibt sich dann auch das Ende des Films – realistisch und dennoch versöhnlich, aber trotzdem tränenreich. So muss Kino sein.
Donnerstag, 10. November 2011
Orientalisches Liebesmärchen
Der Titel der heutigen Pressevorführung lässt einem bereits das Wasser im Munde zusammenlaufen. Tut’s der Film selber auch?

HUHN MIT PFLAUMEN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Poulet Aux Prunes
Verleih: Prokino (Fox)
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland, Belgien 2011
Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud
Darsteller: Mathieu Amalric, Edouard Baer, Maria de Medeiros
Kinostart: 05.01.2012

Nasser-Ali Khan ist ein begnadeter Künstler im Teheran des Jahres 1958. Keiner spielt die Geige so wie er. Doch sein geliebtes Instrument ist bei einem Ehestreit zu Bruch gegangen. Weil er keine gleichwertige Violine finden kann, beschließt Nasser-Ali zu sterben. Im Verlaufe von acht Tagen lässt er nochmals sein ganzes Leben Revue passieren... Visuell eindrucksvoll und mit vielen unterschiedlichen Stilmitteln haben die PERSEPOLIS-Macher Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud eine Graphic Novel von Satrapi als Realfilm umgesetzt. Der allerdings wirkt fast so, als sei er ein Animationsfilm, den ein Hauch von orientalischem Märchen umgibt. Es gibt viele surreale Bilder, dazwischen sogar eine Zeichentricksequenz. Nach und nach erfahren wir, warum der Musiker so sehr an seiner Geige gehangen hat, warum seine große Liebe unerfüllt blieb und warum er eine Frau ehelichte, die er gar nicht liebte. Die Geschichte einer großen Liebe, die keine Erfüllung findet, jedoch durch die Kunst lebendig wird, hat zweifelsfrei ihre Starken Momente, wie z.B. die von Musik getragene Schlusssequenz, doch kippt das Interesse an dem Film zwischendurch immer wieder. Die Darsteller indes sind gut ausgewählt und passen sich ihren Rollen sehr gut an. Irreführend ist der Titel des Films, der eine kulinarisch-sinnliche Reise suggeriert.
Mittwoch, 09. November 2011
Ey, mach mal den Beat, Alter!
Von Zweien die auszogen um zu Rappen – die heutige Pressevorführung bot viel Musik.

BLUTZBRÜDAZ (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Özgür Yildirim
Darsteller: Sido, B-Tight, Tim Wilde
Kinostart: 29.12.2011

Otis und Eddy haben nur eines im Kopf: Rappen was das Zeug hält. Gemeinsam träumen die beiden Berliner Kumpels davon, im Musikgeschäft Fuß zu fassen und groß herauszukommen. Mit einem geklauten Mikrophon und der Unterstützung einiger Freunde nehmen sie ihre ersten Tracks auf. Die einfach produzierte Musikcassette findet im Plattenladen eines Bekannten reißenden Absatz und die beiden bekommen ihr erstes Gig. Dort wird ein Sony-Manager auf sie aufmerksam. Die beiden gehen einen Deal mit ihm ein. Doch mit wachsendem Erfolg scheint sich das Duo zu entzweien... Der sicherlich autobiographisch angehauchte Musikfilm (“Otis” liest sich rückwärts fast “Sido”!) zeigt den harten Kampf zweier Deutsch-Rapper im Jahre 2000, die von einer großen Karriere träumen und letztendlich von der mächtigen Musikindustrie kaputtgemacht werden. Eine Industrie, die so mächtig ist, dass sie sogar Jahrzehnte lange Freundschaften zerstören kann. Der in perfektem Rapper-Gossen-Slang inszenierte Film dürfte für Zuschauer, die sich in dieser Szene nicht auskennen, etwas gewöhnungsbedürtig sein, wirkt dafür aber recht authentisch. Oder fühlt sich zumindest so an. Es gibt ein paar coole Sprüche, die im Publikum ganz sicher für schallendes Gelächter sorgen werden. Nicht alles im Drehbuch ist allerdings zu End gedacht. So beginnt der sich in festen Händen befindende Otis eine Affäre mit einer Musikmanagerin, die jedoch ebenso wenig weitergeführt wird wie die feste Beziehung. Beides bleibt in der Luft hängen und wird nicht aufgelöst. Dafür bietet der Film natürlich eine ganze Reihe von scheinbar aus dem Stegreif entwickelter Rap-Nummern, deren Texte amerikanische Jugendschützer vermutlich auf die Barrikaden treiben würde. Der Film wurde uns in der heutigen Pressevorführung leider in einer nicht finalen Version gezeigt. Mein Urteil kann daher auch nicht als final betrachtet werden.
Dienstag, 08. November 2011
Aller guten Dinge sind drei
Und da Leitsprüche immer ernst genommen werden sollten, gab es auch gleich drei Pressevorführungen heute.

ATMEN (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: ThimFilm (24 Bilder)
Land/Jahr: Österreich 2011
Regie: Karl Markovics
Darsteller: Thomas Schubert, Karin Lischka, Gerhard Liebmann, Georg Friedrich
Kinostart: 08.12.2011

Mit 14 Jahren tötete er einen Menschen. Seither fristet Roman sein Leben im Jugendknast. Jetzt, mit 19, ist er Freigänger und auf der Suche nach einem Job. Den geeigneten Job für ihn zu finden, ist für den in sich gekehrten und kontaktarmen Roman nicht einfach. Nur seinem Bewährungshelfer ist es zu verdanken, dass er nochmals eine Chance bekommt. Die will er bei einem Bestattungsunternehmen nutzen. Das vollkommen neue Umfeld, die Berührung mit Toten und der vorurteilsbehaftete Kollege machen es dem jungen Mann schwer, sich zurecht zu finden. Schafft er es nicht, sich zu integrieren, wird dies die Aussicht auf frühzeitige Entlassung schmälern... Erst nach und nach füttert Regisseur Karl Markovics den Zuschauer mit der Lebensgeschichte seines Protagonisten. Dass er von seiner Mutter bereits als Baby dem Jugendamt übergeben wurde und er seither nur in Heimen aufgewachsen ist, schafft Verständnis für Romans Verhaltensweisen und macht den Außenseiter mehr und mehr sympathisch. So sehr, dass man ihm unweigerlich helfen möchte. Der exzellent fotografierte (Kamera: Martin Gschlacht) und mit perfekter Filmmusik (Herbert Tucmandl) ausgestattete Film wartet mit einem überzeugenden Ensemble auf und sollte auf einer möglichst großen Leinwand konsumiert werden.

THE IDES OF MARCH – TAGE DES VERRATS (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Ides Of March
Verleih: Tobis
Land/Jahr: USA 2011
Regie: George Clooney
Darsteller: Ryan Gosling, George Clooney, Evan Rachel Wood
Kinostart: 22.12.2011

Stephen Meyers steht voll zu seinem Gouverneur Mike Morris, für den er als unersetzlicher Polit-Berater tätig ist. Der Wahlkampf zwischen Morris und seinem Erzrivalen ist auf dem Höhepunkt. Jetzt zählt jede Stimme. Nichts darf mehr schiefgehen. Als sich Meyers jedoch mit der jungen Praktikantin Molly, die ebenfalls für Morris arbeitet, einlässt, macht er eine folgenschwere Entdeckung: Molly wurde von Morris geschwängert. Meyers versucht zu retten was noch zu retten ist... Mit einem durchweg guten Ensemble verfilmte George Clooney ein Theaterstück von Beau Willimon. Und das macht er so perfekt, dass dem Film das theaterhafte nicht mehr anzusehen ist. So ist ein spannender Film über Loyalität und Verrat entstanden, der von Anfang bis Ende fesselt und tiefe Einblicke in amerikanische Wahlkämpfe gibt, bei denen stets dreckige Wäsche gewaschen wird – unter Ausschluss der Öffentlichkeit versteht sich. Ein ambitionierter Polit-Thriller mit einem eindrucksvollen Score von Alexandre Desplat.

EINE DUNKLE BEGIERDE (1:1.85, DD 5.1)
OT: A Dangerous Method
Verleih: Universal
Land/Jahr: Deutschland, Kanada, Großbritannien, Schweiz 2011
Regie: David Cronenberg
Darsteller: Michael Fassbender, Keira Knightley, Viggo Mortensen
Kinostart: 10.11.2011

Anfang des 19. Jahrhunderts wird der Psychoanalytiker Carl Jung durch eine seiner Patientinnen in eine Sadomaso-Beziehung verstrickt. Zur selben Zeit beginnt der Wissenschaftler eine Freundschaft mit Sigmund Freud, die jedoch durch dessen Übermächtigkeit schon bald in eine Rivalität zwischen den beiden umschlägt...
Mit seinem Ausflug in die Geschichte der Psychoanalyse liefert der für harte Stoffe bekannte Kanadier David Cronenberg eine eher konventionelle Geschichte ab. Und nicht nur die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte ist konventionell – auch die Inszenierung selbst ist es. Das Ganze erinnert irgendwie an einen Fernsehfilm ohne Werbeunterbrechung. Pikante Szenen wie etwa die sado-masochistischen Sexszenen zwischen Michael Fassbender und Keira Knightley sind extrem zurückhaltend inszeniert und damit auch für eine Nachmittagsausstrahlung geeignet. Immerhin hat der Meisterregisseur ein Auge für exquisite Locations (Vieles wurde am Bodensee gefilmt) und für stimmiges Dekor, das Kameramann Peter Suschitzky sehr souverän einfängt. Im krassen Gegensatz dazu allerdings stehen die visuellen Effekte, die als solche leider problemlos erkannt werden können. An den Darstellern gibt es hingegen nichts auszusetzen. Insbesondere Keira Knightley überzeugt in ihrer Rolle als Sabina Spielrein. Den Wahn, den sie anfangs zur Schau stellt, nimmt man ihr problemlos ab. Fazit: für einen Film wie diesen braucht es keinen Regisseur vom Kaliber eines David Cronenberg.
Montag, 07. November 2011
Drama und Thriller
Der langweiligste Film der Saison und ein brauchbarer Thriller aus dem deutschsprachigen Nachbarland gaben sich heute die Klinke in die Hand.

FAUST (1:1.33, DD 5.1)
OT: Faust
Verleih: MFA (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Russland 2011
Regie: Alexander Sokurow
Darsteller: Johannes Zeiler, Anton Adasinskiy, Isolda Dychauk
Kinostart: 19.01.2012

Der Gelehrte Faust will endlich wissen, wie das Leben wirklich ist. Die Wissenschaft jedenfalls gibt ihm darauf keine ausreichende Antwort. In seinem Drang nach Wissen schließt er einen verhängnisvollen Pakt mit Mephisto, dem Gegenspieler Gottes, der ihn seine moralischen und ethischen Werte vergessen lässt... Frei nach Johann Wolfgang von Goethe inszenierte der russische Regisseur Alexander Sokurow seine 12-Millionen-Euro teure Interpretation des Stoffes. Herausgekommen ist dabei eine extrem eigenwillige Inszenierung, die von ihrer Bildästhetik sehr an alte Stummfilme erinnert. Im ältesten aller Bildformate, dem fast quadratischen 1:1.33, und mit surrealer Farbgestaltung, teils anamorphotisch verzerrten Einstellungen und (gewollten?) Bildunschärfen liefert Sokurow einen “Faust” ab, der extrem gewöhnungsbedürftig ist und schon aufgrund seiner Lauflänge von fast zweieinhalb Stunden kein großes Publikum wird erschließen können. Ich persönlich fühlte mich von diesem Film gleichzeitig überfordert und gelangweilt. Fazit: es muss sich um ein Kunstwerk handeln. Und von Kunst verstehe ich bekanntermaßen nichts.

BRAND (1:2.35, DD 5.1)
OT: Brand – Eine Totengeschichte
Verleih: Zorro
Land/Jahr: Österreich, Deutschland 2010
Regie: Thomas Roth
Darsteller: Josef Bierbichler, Angela Gregovic, Erika Deutinger
Kinostart: 01.12.2011

Die attraktive junge Krankenschwester mit dem ausländischen Akzent hat es ihm angetan. Hals über Kopf beginnt der wesentlich ältere und prominente Schriftsteller Brand eine Affäre mit der schwarzhaarigen Angela. Dabei hat er eigentlich schon genug Ärger am Hals. Zum Einen liegt seine langjährige Ehefrau, eine bekannte Schauspielerin, im Krankenhaus und ringt mit dem Tode. Zum Anderen plagen den Künstler Geldsorgen. Sein neues, im Entstehen begriffenes Buch soll ihm aus der Patsche helfen. Dumm nur, dass Angela mit einem türkisch-stämmigen Kriminalbeamten verheiratet ist. Und der ist extrem eifersüchtig. Mehr und mehr wird Brand in einen Strudel aus Eifersucht, Hass und Gewalt gerissen... Souverän wie immer trägt Josef Bierbichler in der Rolle des ständig fotografierenden Schriftstellers den ganzen Film. Sein “Brand” ist sehr überzeugend. Nicht minder überzeugend ist seine attraktive Kollegin Angela Gregovic, die eine verängstigte und auch sehr leidenschaftliche “Angela” mimt. Thomas Roth inszeniert seinen Thriller mit sicherer Hand durchweg spannend. Einzig der in Erscheinung tretende Krankenhausseelsorger, der Brand mit bohrendem Blick eine Beichte abverlangt, wirkt etwas weltfremd. Aber das muss in einem österreichischen Krimi vielleicht so sein.
Freitag, 04. November 2011
Tödliche Schicksale
Mit zwei gelungen Produktionen endete meine Pressewoche heute.

LONDON BOULEVARD (1:1.85, DD 5.1)
OT: London Boulevard
Verleih: Wild Bunch
Land/Jahr: Großbritannien, USA 2010
Regie: William Monahan
Darsteller: Colin Farrell, Keira Knightley, David Thewlis
Kinostart: 01.12.2011

Mehrere Jahre saß der ebenso mitfühlende wie gewalttätige Mitchel wegen schwerer Körperverletzung hinter Gittern. Jetzt ist er wieder auf freiem Fuß. Kaum draußen wartet schon wieder sein Kumpel Billy auf ihn, ein skrupelloser Geldverleiher. Der überredet Mitchel für ihn zu arbeiten. Halbherzig willigt er ein. In Wahrheit jedoch möchte er der Unterwelt den Rücken kehren. Durch Zufall wird ihm ein Job als Hausmeister und Bodyguard eines zurückgezogen lebenden Filmstars angeboten. Die schöne und junge Charlotte ist vor Paparazzis nirgends sicher. Im Lauf der Zeit beginnt Mitchel sich in Charlotte zu verlieben. Gleichzeitig macht ihm aber einer der mächtigsten Gangster Londons das Leben schwer... Chris Menges Kameraarbeit rückt sowohl die heruntergekommensten Ecken Londons wie auch dessen noble Viertel stets ins rechte Licht und schafft damit den visuell beeindruckenden Stil dieses Film Noir. Inszeniert hat ihn kein Geringerer als William Monahan, der für sein Drehbuch zu Martin Scorseses DEPARTED den Oscar einheimste. Mit seinem Regiedebüt beweist Monahan sehr eindrucksvoll, dass er auch dieses Handwerk aufs Vortrefflichste beherrscht. Und er beweist darüber hinaus, das er auch ein Händchen für die Besetzung hat. Colin Farrell überzeugt von der ersten bis zur letzten Minute nicht nur als gefühlvoller Freund, Bruder und auch Liebhaber, sondern auch als ein Gangster, dem man lieber nicht begegnen möchte. Vollkommen gefühlskalt dagegen ist Ray Winstone in der Rolle seines Kontrahenten – eine ebenfalls herausragende Leistung. Keira Knightley hat in der Rolle der zu Beschützenden eigentlich nur eine Nebenrolle, füllt diese aber mit ihrer androgynen Erscheinung perfekt aus. Damit zu den düsteren Bildern auch die richtige Stimmung aufkommt, dafür sorgt der Score von Sergio Pizzomo, die mit handverlesenen Songs ergänzt wird. Wer stilsicher inszeniertes britisches Gangsterkino mag und auch einen hohen Bodycount nicht scheut, der darf getrost in ein Ticket für diesen Film investieren.

SARAHS SCHLÜSSEL (1:2.35, DD 5.1)
OT: Elle S’Appelait Sarah
Verleih: Camino (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich 2010
Regie: Gilles Paquet-Brenner
Darsteller: Kristin Scott Thomas, Mélusine Mayance, Niels Arestrup
Kinostart: 15.12.2011

Paris im Juli 1942. Auf Druck der Nazis macht die französische Regierung eine Razzia auf alle französischen Juden. Auch die Familie der kleinen Sarah soll ins Velodrome gesperrt werden. Geistesgegenwärtig schließt Sarah ihren kleinen Bruder in den geheimen Wandschrank der Wohnung ein, um ihn vor den Häschern zu schützen. Zu spät wird ihr jedoch bewusst, dass es aus dem Velodrome kein Entrinnen mehr gibt. Als sie schließlich getrennt von ihren Eltern in ein Deportationscamp umgesiedelt wird, fasst sie den Entschluss zu fliehen. Ihr einziger Gedanke gilt ihrem kleinen Bruder, den sie aus dem Wandschrank befreien möchte. Den Schlüssel dafür führt sie noch immer bei sich. Die Flucht gelingt...Wie bereits Rose Boschs Film DIE KINDER VON PARIS nimmt sich auch Gilles Paquet-Brenners Film einem dunklen Kapitel in Frankreichs Geschichte an: der Deportation französischer Juden durch die französische Staatsgewalt im Juli 1942. Auf zwei Zeitebenen schildert der Film die tragische Geschichte der kleinen Sarah, deren Leben Auswirkungen bis in die Gegenwart hat. SARAHS SCHLÜSSEL wirft dabei nicht nur die Frage der Schuld auf, die die französischen Behörden trifft, sondern auch jene Schuld, die jene Franzosen trifft, die – bewusst oder unbewusst - von der grausamen Deportation profitiert haben. Hier sind es die Großeltern und Eltern von Julias Verlobtem, die im Kriegsjahr 1942 die Wohnung von Sarahs Familie bezogen haben. Ohne Schmalz und Rührseligkeit und daher umso ergreifender erfährt der Zuschauer alles über Sarahs Schicksal. Es ist nur eine von vielen Geschichten (wenn auch fiktional), die erzählt werden müssen, um die Grausamkeit jener Zeit in ihrer Gesamtheit begreifbar zu machen. Auch wenn SARAHS SCHLÜSSEL mit einem versöhnlichen Ende aufwartet, so wird die Begegnung mit ihrer Geschichte noch lange nach dem Ende des Films nachwirken.
Donnerstag, 03. November 2011
Herzerwärmender Roadtrip
Die erste von nur drei Pressevorführungen in dieser Woche wartete mit einer skurril-komischen Geschichte auf.

DIE REISE DES PERSONALMANAGERS (1:1.85, DD 5.1)
OT: The Human Resources Manager
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Israel, Deutschland, Frankreich, Rumänien 2010
Regie: Eran Riklis
Darsteller: Mark Ivanir, Guri Alfi, Noah Silver
Kinostart: 01.12.2011

Der Personalmanager einer Großbäckerei in Jerusalem steckt in der Klemme. Weil er nichts davon wusste, dass eine seiner Angestellten, die Ausländerin Julia, bei einem Selbstmordattentat getötet wurde, soll er mittels einer PR-Kampagne die Wogen wieder glätten, die ein findiger Reporter aufgewühlt hat. Seine Chefin, genannt “Die Witwe”, verdonnert ihn dazu, sich um Julias Leichnam zu kümmern und ihn in deren Heimatland zu überführen. Dem in Scheidung lebenden Personalmanager passt das überhaupt nicht. Nur widerwillig beugt er sich der Entscheidung seiner Vorgesetzten. Verfolgt vom Reporter “Wiesel” macht er sich mit dem Sarg auf nach Rumänien... Warum im Film nicht in einer Silbe das Heimatland der Julia erwähnt wird, bleibt ein Rätsel. Dass es sich um Rumänien handelt, erkennt der Zuschauer nur durch genaue Beobachtung von Nummernschildern und Flaggen. Doch das soll hier nicht als Makel des Films herausgestellt werden, handelt es sich doch um einen berührenden, sehr menschlichen Film. Die Reise entwickelt sich für den Protagonisten zu einem echten Roadtrip, auf dem er den seltsamsten Menschen begegnet. Da sind die israelische Konsulin und ihr Mann, der Vizekonsul, die alles andere sind als weltmännisch. Oder der Fahrer, der den Manager in einem abgewrackten Auto mitsamt dem Sarg zum Zielort bringen soll. Dass der schon seit fünf Jahren keinen Führerschein mehr hat und er liebend gerne säuft, stellt sich erst noch heraus. Dann gibt es noch den Sohn der Verstorbenen, ein 14jähriger, aufsässiger Teenager. Und zu guter Letzt noch den stets nervenden “Wiesel”, der immer nur darauf aus ist, den Manager bloßzustellen. Alle diese Rollen sind grandios besetzt. Die unwirtliche Landschaft, die Sprachprobleme und ein aufziehender Sturm schweißt die ungleiche Mannschaft im Verlaufe des Films zusammen. Die aberwitzige Reise durch ein unbekanntes Land führt den Personalmanager am Ende aber auch zurück zu sich selbst, lässt ihn seine Beziehung zu seiner Ex-Frau und seiner Teenager-Tochter neu überdenken. Damit ist die Reise sogar in doppelter Hinsicht nicht umsonst. Eine Reise, auf die man sich als Zuschauer sehr gerne einlässt.

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