Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Dienstag, 29. Mai 2012
Ein Hippie wird zum Punker
Die erste von nur zwei Pressevorführungen in dieser Woche kam aus Norwegen.

SONS OF NORWAY (1:2.35, DD 5.1)
OT: Sønner Av Norge
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Norwegen, Schweden, Frankreich, Dänemark 2011
Regie: Jens Lien
Darsteller: Sven Nordin, Åsmund Høeg, Sonja Richter
Kinostart: 05.07.2012

Es herrschen die siebziger Jahre in einem tristen Vorort von Oslo. Wenn Teenager Nikolaj Weihnachten im Kreise seiner Familie verbringt, dann hat das einen ganz besonderen Touch. Denn statt Weihnachtskugeln hängen Bananen vom Weihnachtsbaum! Magnus, Nikolajs Vater, ist ein gestandener Alt-Hippie mit Rauschebart. Als Architekt hat er am Aufbau der Reihenhaussiedlung mitgeholfen. Nikolaj mag seine Eltern sehr. Umso schmerzhafter ist es für ihn, als seine Mutter bei einem Unfall getötet wird. Er hilft seinem Vater, durch die anschließende Depression zu kommen und unterdrückt seine eigenen Gefühle dabei. Da hört er erstmals die Musik der Sex Pistols. Gemeinsam mit seinem besten Freund beschließt er Punker zu werden... SONS OF NORWAY ist ein würdiger Vertreter des skandinavischen Films. Wie kein anderes Land versteht sich Skandinavien hervorragend darauf, seine Filme mit skurril anmutenden, aber gleichzeitig auch sensiblen und gutherzigen Charakteren zu besiedeln. In diesem Film ist es ganz besonders Sven Nording als Magnus. Wenn er die Untaten seines Sohnes vor dem Schulrektor auf das härteste verteidigt, dann hat das was. Auch bei seinem Sommerausflug ins Nudistencamp und der anschließenden Mutation vom Hippie zu einem punkigeren Punker als sein Sohn je sein wird, darf herzhaft geschmunzelt werden. Unterlegt ist der Film mit den wuchtigen Rhythmen der Sex Pistols, einer Musik, die Nikolaj hilft, seine Gefühle zu verarbeiten. Johnny Rotten, der Kopf der Sex Pistols, gibt sogar einen Gastauftritt in Jens Liens Komödie mit Tiefgang. Eine Komödie, deren Machart etwas gewöhnungsbedürftig erscheint, lässt sie doch ab und zu das große Ganze vermissen.
Freitag, 25. Mai 2012
Von Liebe, Scheidung und anderen Familienproblemen
Kurz vor dem langen Pfingstwochenende haben mich die Filmverleiher noch mit einem komödiantischen Doppel versorgt.

DAS VERFLIXTE 3. JAHR (1:2.35, DD 5.1)
OT: L' Amour Dure Trois Ans
Verleih: Prokino (Fox)
Land/Jahr: Frankreich 2011
Regie: Frédéric Beigbeder
Darsteller: Gaspard Proust, Louise Bourgoin, Joey Starr
Kinostart: 19.07.2012

Wenn er nicht gerade seine scharfe Zunge als Literaturkritiker benutzt, treibt er sich nachts als Gesellschaftskolumnist in den angesagten Pariser Clubs herum. Doch Marc Marronnier quälen private Probleme. Soeben hat er die Scheidungspapiere unterschrieben. Eine Scheidung, die seine Theorie fest untermauert, dass die wahre Liebe nur drei Jahre überstehen kann. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch fasst er den Entschluss, seine Ansichten und Theorien zur Liebe in einem Buch niederzuschreiben. Gleichzeitig beginnt er eine Affäre mit der schönen Alice, der Frau seines Cousins. Als sein Buch wider Erwarten tatsächlich veröffentlicht wird, versucht er es vor seiner neuen Flamme zu verbergen, um die Liebschaft nicht zu gefährden. Doch da platzt die Bombe: das Buch wird zum Bestseller und Marc muss sich outen. Das bekommt seiner neuen Beziehung alles andere als gut... Bereits der Titelvorspann bringt das Thema dieser mit vielen guten Regieeinfällen gespickten Komödie perfekt auf den Punkt: im Zeitraffer sehen wir Marc und seine Ex-Frau von der ersten Begegnung bis zu dem Punkt, an dem der Blick auf das Handy wichtiger ist als der Blickkontakt mit dem Partner. Im 1. Jahr kauft man Möbel ein. Im 2. Jahr stellt man die Möbel um. Im 3. Jahr teilt man die Möbel auf. So einfach stellt sich das Liebesleben des Protagonisten dar. Frédéric Beigbeder inszenierte sein Regie-Debüt nach seinem eigenen autobiographisch angehauchten Roman und beweist damit, dass man als Bestseller-Autor auch gute Filme machen kann. Seine Komödie mit Tiefgang ist frisch, frech und witzig zugleich und glänzt mit wundervollen Darstellern.

2 TAGE NEW YORK (1:1.85, DD 5.1)
OT: 2 Days In New York
Verleih: Senator
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland, Belgien 2012
Regie: Julie Delpy
Darsteller: Julie Delpy, Chris Rock, Albert Delpy
Kinostart: 05.07.2012

Fünf Jahre sind vergangen seit Julie Delpy mit ihrer wunderbaren “Culture Clash”-Komödie 2 TAGE PARIS einen Publikumshit landete. Grund genug für die Allrounderin eine Fortsetzung anzugehen. Wieder steht Fotografin Marion im Mittelpunkt. Die Beziehung mit ihrem damaligen amerikanischen Freund ist längst vorbei. Alles was ihr von ihm blieb ist ein kleiner Sohn. Jetzt lebt sie in New York zusammen mit dem farbigen Mingus, dem Vater einer siebenjährigen Tochter. Und es kommt so wie es kommen muss: Marions französische Familie fällt in New York ein. Ihr kauziger Vater sowie ihre flippige Schwester Rose mitsamt neuem Freund Manu belagern schon bald die kleine Appartment-Wohnung mitten im Big Apple. Die Probleme sind damit praktisch schon vorprogrammiert. Und da sind die Sprachprobleme zwischen Mingus und den Franzosen das kleinste Übel. Zwischen den Schwestern wird ständig gezankt, Rose läuft splitterfasernackt in der Wohnung umher, Manu bestellt sich einen Drogendealer in die Wohnung und der Vater hat vollkommen andere Vorstellungen von einer Thai-Massage als sein Schwiegersohn in spe. Julie Delpy, die nicht nur das Drehbuch schrieb und die Musik komponierte, übernahm auch dieses Mal wieder die Hauptrolle. In ihrer Komödie handelt sie eine ganze Palette von Themen ab: Familie, Religion, Sex und Politik. Im Gegensatz zum ersten Film jedoch wirkt hier Vieles etwas aufgesetzt, fast so als wäre es ein amerikanischer Familienfilm. Aber eben nur fast. Immerhin hebt er sich durch seine Zweisprachigkeit und die gute Besetzung vom Hollywood-Kitsch ab. 2 TAGE NEW YORK ist amüsante Unterhaltung für den wohlverdienten Feierabend.
Donnerstag, 24. Mai 2012
Der Tag der fallenden Blätter
Die erste Pressevorführung der Woche gab es ausnahmsweise erst am heutigen Donnerstag.

NOCH TAUSEND WORTE (1:2.35, DD 5.1)
OT: A Thousand Words
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Brian Robbins
Darsteller: Eddie Murphy, Kerry Washington, Emanuel Ragsdale
Kinostart: 28.06.2012

Jack McCalls enormer Erfolg als Literaturagent ruht auf zwei Säulen: er nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau und er kann jeden an die Wand reden, um ihn dann über den Tisch zu ziehen. Als er jedoch seine Masche an dem spirituellen Guru Dr. Sinja anwenden will, erleidet er eine Bruchlandung. Mehr noch: plötzlich steht ein großer Baum neben seinem Pool, der bei jedem Wort, das Jack spricht, ein Blatt fallen lässt. Jack ahnt Böses. Denn wenn der Baum das letzte Blatt fallen lässt, ist Jack tot. Doch Schweigen ist schwieriger als gedacht und bringt Jack in allerlei komische Situationen... Kaum zu glauben: da soll also ausgerechnet der Mann mit der schnodderigsten Schnauze in der westlichen Hemisphäre seinen Mund halten! Kein leichtes Spiel für Eddie Murphy. Denn wenn er kaum noch eine Silbe über seine Lippen kommen lassen darf, muss er alles Weitere mit seiner Gestik darstellen. Und genau an diesem Punkt wird es verdammt eng für Murphy. Seine Gesichtsmuskelakrobatik gibt leider nicht viel her. Im Gegenteil: sie wirkt eher abstoßend. Kein schöner Anblick, wenn er die Augen zukneift, den Mund aufreisst und dazu die Arme schwingt. Mit lustig hat das dann nicht mehr viel zu tun. Schon gar nicht, wenn derlei Körpersprache überstrapaziert wird. Hinzu kommt das Drehbuch, das den Film eigentlich in zwei Teile spaltet – unfreiwillig versteht sich. Da wird die versuchte Slapstick plötzlich durch eine übertrieben sentimentale, ja fast schon pathetische Sequenz abgelöst, in der auf typisch amerikanische Weise die Familie als die größte Errungenschaft der Menschheit heraufbeschworen. Die Filmmusik von John Debney setzt dem noch die Krone auf, indem er genau dann einen Chor in seinen Score integriert. Wer aber gerne Komödien mit vielen Abstrichen verträgt, der sollte sich von dieser Rezension nicht abschrecken lassen.
Mittwoch, 24. Mai 2012
Auf der Flucht
Mit tollen Landschaftsaufnahmen habe ich mir den Vormittag gestaltet. Leider durfte ich den Film nicht auf der großen Kinoleinwand betrachten, sondern musste mir einen Screener streamen (was für ein Deutsch!).

WIE ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Prokino (Fox)
Land/Jahr: Deutschland, Schweiz 2012
Regie: Maria Blumencron
Darsteller: Hannah Herzsprung, David L. McInnis, Sangay Jäger
Kinostart: 31.05.2012

Eigentlich wollte die deutsche Rucksack-Touristin Johanna nur einen der 8000er im Himalaja besteigen. Doch sie gerät unversehens in ein Flüchtlingsdrama, als sie den kleinen Tempa kennenlernt. Bereitwillig lässt sie sich darauf ein, dem Jungen zur Flucht aus Tibet zu helfen. Organisiert wird sie von dem Paar Tashi und Meto, die auch noch weitere Flüchtlinge aufnehmen. Immer darauf vorbereitet, von der chinesischen Polizei entdeckt zu werden, finden Johanna und die Flüchtlinge Unterschlupf in einem kleinen Dorf. Doch die Polizei kennt den Unterschlupf längst und Johanna fällt in die Arme des brutalen Major Wang Bao. Wären da nicht die grandiosen Panorama-Aufnahmen, mit denen Kameramann Jörg Schmidt-Reitwein die gesamte Breite der CinemaScope-Bildwand mit spektakulären Landschaften ausfüllt, man würde den Film wohl kaum in Erinnerung behalten. Das Drehbuch lässt leider sehr zu wünschen übrig. Es fällt schwer nachzuvollziehen, warum sich eine Berlinerin ausgerechnet auf eine so waghalsige Geschichte einlässt. Dass sie beim Absturz in eine Gletscherspalte zufällig zwei erfrorene Kinderleichen fand, reicht einfach nicht aus, um ihre Entscheidung nachvollziehbar zu machen. Ziemlich aufgesetzt, fast schon plakativ, dann die Figur des bösen Chinesen Wang Bao, der zwar in Amerika Jura studiert hat, aber in der Heimat gut und gerne Foltern lässt. Was überhaupt nicht funktioniert ist zu guter Letzt die deutsche Synchronfassung dieses Abenteuerfilms. Es passt einfach nicht wenn Tibeter und Chinesen in makelloses Deutsch verfallen, während die Franzosen einer Reisegruppe weiterhin ihren deutsch-französischen Akzent pflegen.
Freitag, 18. Mai 2012
Doppelte Suche
In beiden Filmen der heutigen Pressevorführung ging es um die Suche. Die Suche nach der Vergangenheit prägte den ersten Film, die Suche nach zwei ausgebüxten 14jährigen den zweiten Film.

DIE WOHNUNG (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Salzgeber
Land/Jahr: Israel, Deutschland 2011
Regie: Arnon Goldfinger
Kinostart: 14.06.2012

Eine Wohnung in Tel Aviv wird leergeräumt. Es ist die Wohnung der verstorbenen Gerda Tuchler, einer deutschen Jüdin, der Großmutter des Dokumentarfilmers Arnon Goldfinger. Mit Mikrofon und Kamera bewaffnet will er die mit Büchern, Fotos, Koffern, Kleidern und sonstigem Schnickschnack vollgestopfte Wohnung zur Erinnerung auf Film festhalten. Gerda Tuchlers Wohnung war eigentlich ein kleines Stück Deutschland. Denn zusammen mit ihrem Mann musste sie in den dreißiger Jahren Deutschland verlassen, als die Nazis an die Macht kamen. Ihre Erinnerungen an die deutsche Heimat versuchten die Tuchlers innerhalb ihrer eigenen vier Wänden aufrecht zu erhalten. Während der Enkel hilft, alles zu sortieren und auszumisten, stößt er auf eine Zeitung, die ihn verwirrt: “Ein Nazi in Palästina” liest sich die Titelseite des nationalsozialistischen Propaganda-Blattes “Angriff”. Goldfinger wird stutzig und fragt sich, was diese Zeitung im Nachlass seiner Großeltern zu suchen hat. Er begibt sich auf Spurensuche und entdeckt Ungeheuerliches. Offenbar waren seine Großeltern mit Nazis befreundet. Eine Freundschaft, die sogar nach dem Ende des Krieges noch aufrecht erhalten wurde... Mit seinem Film DIE WOHNUNG beweist Arnon Goldfinger, dass das Aufarbeiten von Geschichte so spannend wie ein Krimi sein kann. Angeblich wusste nicht einmal seine Mutter von der dubiosen Freundschaft zwischen den Großeltern und den Nazis. Wohl auch deshalb, weil sie nie Fragen gestellt hat. Goldfinger zeigt ganz deutlich in seinem Film, dass es erst die dritte Generation ist, die damit beginnt, Fragen zu stellen. Antworten gibt es nicht immer. Und wenn es Antworten gibt, so müssen diese noch längst nicht stimmen. Die Angst davor, dass es in der eigenen Familie während des Zweiten Weltkriegs politisch nicht immer koscher zuging, lässt Menschen oftmals lieber schweigen. Selbst mit stichfesten Beweisen konfrontiert, versuchen Menschen noch abzumildern oder zu beschönigen. Die ganze Wahrheit würde das sorgsam aufgebaute Kartenhaus im Nu zu Fall bringen. Goldfinger hält alles in Bild und Ton fest. Sein Film ist beklemmend und befreiend zugleich. In einem Wort: atemberaubend.

MOONRISE KINGDOM (1:1.85, DD 5.1)
OT: Moonrise Kingdom
Verleih: Tobis
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Wes Anderson
Darsteller: Bruce Willis, Edward Norton, Bill Murray
Kinostart: 24.05.2012

Ein kleiner Ort vor der Küste Neuenglands im Jahre 1965. Als der junge Pfadfinder Sam spurlos aus dem Sommercamp verschwindet, spielt bald der ganze Ort verrückt. Der Sheriff muss erfahren, dass Sams Adoptiveltern ihren Sohn nicht mehr aufnehmen wollen, falls er gefunden wird. Der Oberpfadfinder leitet eine großangelegte Suchaktion ein – jedoch vollkommen ohne Konzept. Und die neurotischen Bishops melden plötzlich ihr Töchterchen Suzy als vermisst. Was bislang noch niemand weiß: Sam und Suzy sind ein Paar und wollen gemeinsam durchbrennen. Zu allem Überfluss steht auch noch ein gigantischer Sturm in den Startlöchern... Die Filme von Wes Anderson zu mögen bedeutet skurrile Charaktere und noch skurrilere Situationen zu mögen. Auch erfordern Andersons extrem schnelle Schnitte und seine ausgeprägte Liebe zum Detail eine rasche Auffassungsgabe, wenn man den Überblick über seinen Mikrokosmos nicht verlieren will. Ist man jedoch auf die Anderson’sche Welt vorbereitet, so wird man wie mit allen seinen Filmen auch mit MOONRISE KINGDOM seinen Spaß haben. Das fängt an mit dem in den Film integrierten Erzähler, der fast wie ein Relikt aus LIFE AQUATIC wirkt, und der in schneller Schnittfolge den Zuschauer mit der näheren Umgebung der Film Location bekannt macht, und setzt sich fort in den von Sam praktizierten Pfadfinder-Überlebensweisheiten, die eigentlich Keinem nützen und endet mit dem Haus der Bishops, in dem sich Andersons Kameramann Robert Yeoman nach Herzenslust und gegen jede Physik austoben kann. Bleibt noch zu erwähnen, dass Tilda Swinton einen glänzenden Auftritt als Jugendamt aufs Podest legt und der Film mit einer sehr dynamischen Tonspur aufwartet. Aber Obacht: mit nur einer einzigen Sichtung des Films hat man längst noch nicht alles erfasst.
Mittwoch, 16. Mai 2012
Kollektive Schwangerschaft und eine Pilgerreise
Da ich starke Frauen und auch starke Mädchen sehr schätze, musste mir der erste Film des heutigen Doppels einfach gefallen!

17 MÄDCHEN (1:1.85, DD 5.1)
OT: 17 Filles
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Frankreich, Belgien 2011
Regie: Delphine Coulin, Muriel Coulin
Darsteller: Louise Grinberg, Juliette Darche, Roxane Duran
Kinostart: 14.06.2012

Eine kleine Küstenstadt irgendwo in der Bretagne. Hier gibt es zwar unendlich viel Horizont, aber kaum Perspektiven. Schülerin Camille geht es nicht anders als ihren Freundinnen – alle haben das Leben in dem Kaff satt, wollen endlich aufbrechen in eine bessere Zukunft und der Enge des Elternhauses entfliehen. Als Camille plötzlich schwanger wird, löst das eine kleine Sensation aus. Ganz besonders in ihrer Mädchen-Clique. “Wäre es nicht total cool, wenn wir alle gleichzeitig schwanger würden?” sagt eine. Der Funke springt über. Und es dauert nicht lange, bis die nächsten Mädchen schwanger werden. Was Eltern und Lehrer gleichermaßen beunruhigend finden, schweißt die Mädchen nur noch enger zusammen... “Ein Mädchen, das träumt, kann man nicht aufhalten” heisst es am Ende des Films. Und die beiden Regisseurinnen Delphine und Muriel Coulin beweisen mit ihrem Debütfilm, dass es tatsächlich so ist. Inspiriert von einem wahren Vorfall, der sich in den USA ereignete, ist ihr Film eine kraftvolle und zugleich bewegende Parabel über das Erwachsenwerden sowie eine Hymne an Freiheit und Freundschaft. Mit einem überwiegend aus Laiendarstellerinnen bestehenden Cast demonstrieren die Coulins in ihrem handwerklich überzeugend gestalteten Film, was man unter Girl-Power zu verstehen hat. Gemeinsam ist man stark und strotzt allen Widrigkeiten – eine Erkenntnis, die hier perfekt auf den Punkt gebracht wird.

DEIN WEG (1:1.85, DD 5.1)
OT: The Way
Verleih: Koch Media (Neue Visionen)
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Emilio Estevez
Darsteller: Martin Sheen, Deborah Unger, James Nesbitt
Kinostart: 21.06.2012

Mitten auf dem Golfplatz im sonnigen Kalifornien ereilt den verwitweten Augenarzt Tom Avery eine Hiobsbotschaft: sein einziger Sohn Daniel ist in Frankreich ums Leben gekommen. Der Vierzigjährige wurde während seiner Pilgerwanderung auf dem “Camino” von einem Blitz erschlagen. Hals über Kopf bricht Tom auf, um die sterblichen Überreste seines Sohnes, der einst seine Doktorarbeit sausen ließ, um die Welt zu entdecken, in die Heimat zu holen. In Frankreich angekommen entscheidet sich der Vater jedoch dazu, seinen Sohn vor Ort einäschern zu lassen und stattdessen in dessen Fußstapfen zu treten. Mit dem Rucksack seines Sohnes und der Asche im Gepäck macht sich Tom auf den Weg nach Santiago de Compostela. Unterwegs trifft er auf eine Kanadierin, einen Holländer und einen Iren, die alle ihre eigenen Gründe für die Pilgerwanderung haben... Der Weg ist das Ziel. Doch scheinen alle außer Tom ihr Ziel bereits zu kennen. Sarah aus Kanada will mit dem Rauchen aufhören, Joost aus Holland möchte sein Übergewicht loswerden und der Ire Jack möchte seine Schreibblockade beenden. Die vier ungleichen Charaktere, die einen gemeinsamen Weg bestreiten, lernen sich erst nach und nach besser kennen. Je länger der Weg ist, umso deutlicher treten auch die wahren Gründe ihrer Pilgerschaft hervor. Ganz im Sinne der Jakobswanderschaft bedarf es zwar eines langen Atems, um Emilio Estevez‘ Film durchzuhalten, doch auch hier ist der Weg das Ziel. Wenn das Quartett am vermeintlichen Ziel angekommen ist, hat man sie als Zuschauer bereits fest ins Herz geschlossen und freut sich gemeinsam mit ihnen über jeden ihrer kleinen Siege, die sie damit errungen haben. Nur unterlegt von Tyler Bates' einfühlsamer Musik wird man mit dem gemeinschaftlichen Besuch der Protagonisten in der berühmten Wallfahrtskirche belohnt und stellt überrascht fest, dass man quasi selbst eine erleuchtende sowie emotional bewegende Pilgerreise hinter sich hat.
Dienstag, 15. Mai 2012
Vogelperspektive und Pommesbude
Heute durfte ich erst meinen Landsleuten aufs Haupt schauen und mir anschließend bei Pommes mit Currywurst Appetit holen.

DEUTSCHLAND VON OBEN (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Universum (Walt Disney)
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Petra Höfer, Freddie Röckenhaus
Kinostart: 07.06.2012

Ein ganzes Jahr lang, Monat für Monat, haben Petra Höfer und Freddie Röckenhaus sowie deren Filmteams Deutschland aus der Vogelperspektive gefilmt. Ob den Hamburger Container-Hafen, Schloss Neuschwanstein, das Wattenmeer, den Watzmann, Staus auf der Autobahn, Bergsteiger, Wildgänse, Kraniche usw. – alles erscheint Dank CinemaScope und ohne 3-D zum Greifen nah und eröffnet gleichzeitig Perspektiven, die dem Normalbürger sonst verborgen bleiben. Deutschland von oben? Ganz konsequent haben es die beiden Filmemacher Petra Höfer und Freddie Röckenhaus dann doch nicht durchgehalten. Denn es gibt im Film durchaus auch Aufnahmen, die nicht aus der Vogelperspektive entstanden sind. Doch das stört nicht weiter angesichts der oft doch recht spektakulären Bilder. Allerdings beschränkt man sich dann doch auf eine Auswahl an Locations, die man immer wieder zu verschiedenen Jahreszeiten präsentiert. Ganz Deutschland in 110 Minuten Film zu bannen wäre dann aber auch etwas zu verwegen gewesen. Doch bei so manchen Bildern stellt man sich ganz zwangsläufig die Frage, ob sie überhaupt zum Thema des Films passen. Da gibt es beispielsweise zwei Fallschirmspringer, die sich von einem Hochhaus der Frankfurter Skyline in die Tiefe stürzen. Repräsentieren sie etwa Deutschland? Vielleicht ist das ja auch als Seitenhieb auf die bösen Banker zu verstehen. Wer weiß... Dann gibt es historische Luftaufnahmen von der Bombardierung Deutschlands durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Was haben denn solche Bilder hier zu suchen? Der Unterhaltungswert erscheint an dieser Stelle doch mehr als grenzwertig. Grenzwertig auch die Kommentierung des Films, die der Film eigentlich gar nicht brauchen würde, man dies aber inzwischen aus Fernseh-Dokus so gewohnt ist. Untermalt wird das alles mit einem teilweise brachialen Klangteppich, der oft den Verdacht aufkommen lässt, dass hier sehr viel mit Samples gearbeitet wurde. Zu hoffen bleibt wenigstens, dass die bescheidene Bild- und Tonqualität (in Mono!) der uns heute präsentierten Blu-ray Disc dem zahlenden Publikum erspart bleibt.

POMMES ESSEN (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: farbfilm (24 Bilder)
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Tina von Traben
Darsteller: Luise Risch, Anneke Kim Sarnau, Thekla Carola Wied, Smudo
Kinostart: 12.07.2012

Als das Ruhrgebiet noch auf der Höhe seines Schaffens war, eröffnete Opa Frey seine Pommes-Bude und fuhr satte Gewinne ein. Doch der Opa ist schon lange tot und seine Tochter Frieda versucht sich und ihre drei schulpflichtigen Töchter mehr schlecht als recht mit dem kargen Verdienst aus dem Würstchenverkauf durchzubringen. Als ihr Arzt sie in eine Kur schickt, müssen ihre Töchter aushelfen. Patty, mit 16 Jahren die älteste, träumt aber von einer Karriere als Starköchin, lässt die Schule sausen und jobbt in der Küche eines Sterne-Restaurants. Ihre beiden jüngeren Schwestern müssen sich nach der Schule um die Pommes-Bude kümmern – mit dem Ergebnis, dass die Bude abfackelt. Jetzt ist guter Rat teuer. Und der geschäftstüchtige Onkel wittert seine große Chance... Endlich ein Film über das Nationalgericht des Ruhrpotts: Currywurst mit Pommes! Tina von Traben ist mit POMMES ESSEN ein recht netter Kinderfilm gelungen, der leider etwas an der Talentlosigkeit seiner Kinderdarsteller leidet. Denn die sind offensichtlich mit dem, was das Drehbuch von ihnen verlangt, etwas überfordert. Der Film wirkt dadurch in der Inszenierung recht holprig. Doch daran dürften sich nur die Erwachsenen stören. Den kleinen Zuschauern wird die Komödie sicherlich viel Spaß bereiten. Am besten mit einer großen Portion Pommes goutieren!

Montag, 14. Mai 2012
Der Workaholic
40 Filme und kein bisschen müde: ein Dokumentarfilm über Woody Allen startete die neue Pressewoche.

WOODY ALLEN: A DOCUMENTARY (1:1.85, 5.1)
OT: Woody Allen: A Documentary
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Robert B. Weide
Darsteller: Woody Allen, Letty Aronson, Marshall Brickman
Kinostart: 05.07.2012

Mit nunmehr 40 Filmen in seinem Portfolio dürfte Woody Allen einer der fleißigsten amerikanischen Filmemacher sein. Kaum ein Jahr vergeht ohne einen neuen Woody Allen Film im Kino zu sehen. Doch wer ist eigentlich dieser unermüdliche Woody Allen? In seinem Dokumentarfilm widmet sich Regisseur Robert B. Weide jenem einst extrem schüchternen Männlein, das schon als Schüler damit begann, als Witzlieferant für namhafte Zeitungskolumnen zu fungieren. Alsbald kam ein Engagement als Stand-Up Komödiant in New York, das Allens Popularität katapultierte. Jetzt holten ihn viele TV-Shows in ihre Sendung und die ersten Filmangebote ließen nicht auf sich warten. Nachdem ihm sein erster Film BANANAS jedoch aus der Hand genommen wurde und der Film am Ende nicht mehr seinen Vorstellungen entsprach, schwor er sich, keinen Film mehr zu machen, bei dem er nicht die volle künstlerische Verantwortung hat. Gesagt – getan. Und der Erfolg gab Allen Recht. Solche und viele andere Details erfährt der Zuschauer durch Interviews mit vielen von Allens Wegbegleitern: Schauspieler, Produzenten, Autoren, Talkmaster, Kameramänner. Auch Allen selbst kommt oft zu Wort und zeigt dem Filmteam sogar seine Arbeitsweise beim Schreiben: auf einer deutschen Olympia-Schreibmaschine, die er sich vor Jahrzehnten gekauft hatte und bis zum heutigen Tag benutzt! Daneben erfährt man – wenn auch nur sehr spärlich – etwas über Allen als Privatmann. Immerhin verschweigt der Film nicht Allens Sex-Skandal, in welchem ihn seine damalige Ehefrau Mia Farrow der Verführung seiner Stieftochter bezichtigte. Zu guter Letzt ist der fast zweistündige Film gespickt mit Ausschnitten aus den Filmen und Sketchen von Woody Allen. Das anzuschauen macht so viel Spaß, dass man danach am liebsten gleich wieder ein paar seiner Meisterwerke anschauen möchte! Robert B. Weides Film ist speziell für Filmfreunde Pflichtprogramm.
Freitag, 11. Mai 2012
Von Köchen und Diktatoren
Heute wurden wir erst zu Tisch gebeten, bevor wir dann vor einen Diktator zitiert wurden.

KOCHEN IST CHEFSACHE (1:2.35, DD 5.1)
OT: Comme Un Chef
Verleih: Senator
Land/Jahr: Frankreich 2012
Regie: Daniel Cohen
Darsteller: Jean Reno, Michaël Youn, Raphaëlle Agogué
Kinostart: 07.06.2012

Jacky Bonnot jobbt bislang zwar nur in ganz normalen Feld-, Wald- und Wiesenrestaurants, doch seine Ambitionen sind gigantisch: warum nicht die Kantine eines Altenheims oder auch die Fressbude um die Ecke in einen kulinarischen Tempel verwandeln? Sein Ehrgeiz kostet ihn schon nach kurzer Zeit stets den Job. Sehr zum Leidwesen seiner schwangeren Frau. Ihr zuliebe nimmt der ambitionierte Koch eine Stelle als Anstreicher an. Die aber führt ihn schnurstracks in die Arme des Sterne-Kochs Alexandere Lagarde, seinem großen Vorbild. Der hat augenblicklich zwar genügend andere Probleme, lässt sich aber auf eine Probezeit mit Jacky ein. Nur seine Frau darf davon nichts wissen. Der Supergau ist vorprogrammiert... Daniel Cohens Film lässt einem im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser im Munde zusammenfließen. Denn was in seiner frischen Komödie an kulinarischen Köstlichkeiten auf der CinemaScope-Bildwand serviert wird, macht wirklich Appetit. Auch wenn man es selber nicht so mit dem Kochen hat, wird man seinen Spaß mit dem Männer-Duo haben, das von Jean Reno als Sterne-Koch und Michaël Youn als dessen Beikoch gespielt wird. Und wenn dann ein windiger Spanier importiert wird, um neue Gerichte zu generieren, wird die Schlacht in der Küche herrlich: Molekularküche ist hier das Stichwort. Unfreiwillige chemische Reaktionen mit eingeschlossen. Trotz seiner angenehmen Länge von nur 84 Minuten enthält der Film allerdings eine Person, die etwas verloren wirkt in dieser Geschichte: Lagardes Tochter, die sich mit ihrer Doktorarbeit herumschlägt. Vielleicht wurde ihr Part im Nachhinein etwas zusammengekürzt, denn die Rolle ergibt für die Dramaturgie des Gesamtfilms keinen Sinn. Trotzdem darf man konstatieren: KOCHEN IST CHEFSACHE ist ein Film, bei dem man sich auf amüsante Weise Appetit holen kann.

DER DIKTATOR (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Dictator
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Larry Charles
Darsteller: Sacha Baron Cohen, Anna Faris, Sir Ben Kingsley
Kinostart: 17.05.2012

Schon immer steht Oberst General Aladeen an der Spitze des kleinen Staates Wadiya, über den er als Diktator herrscht und mit all seiner Kraft gegen die Demokratie verteidigt. Als er vor die UN nach New York geladen wird, um das Nuklearprogramm seines Landes zu rechtfertigen, wird er gekidnappt. An seiner Stelle landet ein Double bei der UN, er selbst findet sich unerkannt auf der Straße wieder. Dort nimmt sich die kämpferische Besitzer eines Öko-Ladens seiner an. Mit ihrer Hilfe will Aladeen ins UN-Gebäude eindringen, um eine flammende Rede zu halten... Weit aufwändiger als noch zu Zeiten von BORAT gibt sich der von Larry Charles inszenierte Film mit Sacha Baron Cohen. War dieser zuletzt noch als Bahnhofsvorsteher in Martin Scorseses HUGO CABRET zu bewundern, schlüpft er jetzt wieder in eine Rolle, mit der sämtliche Geschmacklosigkeiten dieser Welt auf einmal loswerden kann. Als despotischer Herrscher mit arabischem Akzent brilliert Cohen und nimmt damit alle Diktatoren dieser Welt gleichermaßen auf die Schippe. Wie nicht anders zu erwarten gibt es keine Grenzen zwischen richtig guten Witzen und provozierenden, oft ekelhaften Geschmacklosigkeiten. Wenn der Diktator unfreiwillig zum Geburtshelfer wird und sein Handy in der Vagina der Schwangeren vergisst und danach das Baby zur Welt bringt und es fast mit der Nabelschnur zusammen aus dem Mutterleib reißt, überschreitet dies bei Weitem die Grenzen des guten Geschmacks. Ganz im Gegensatz zu derart derben Szenen gibt es rabenschwarze Witze, die im Rahmen bleiben. So zum Beispiel wenn er seine schwangere Frau fragt, ob es ein Junge wird oder eine Abtreibung. Nur eines der Beispiele, in denen sich der Diktator als extrem frauenfeindlich outet – und das, obwohl seine Leibwache nur aus (gutaussehenden) Frauen besteht. Es bedarf schon einer großen Portion anarchischen Humors sowie eine hohe Toleranz, um DER DIKTATOR von Anfang bis Ende lachend zu genießen. Zart Besaiteten wird sicherlich der eine oder andere Lacher im Halse stecken bleiben. Mit seiner Widmung ganz zu Beginn des Films jedoch machen die Filmemacher eindeutig klar, dass man als Zuschauer auf der Hut sein sollte: “In Loving Memory of Kim Jong-ils”
Dienstag, 08. Mai 2012
Pakistanis und ein Wolfsjunge
Mit einer netten Komödie wurde das heutige Doppelprogramm eingeläutet, um es dann mit einem etwas trägen Abenteuerfilm zu beenden.

WEST IS WEST (1:1.85, DD 5.1)
OT: West Is West
Verleih: Kool (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Großbritannien 2010
Regie: Andy DeEmmony
Darsteller: Om Puri, Linda Bassett, Aqib Khan
Kinostart: 14.06.2012

1976: Teenager Sajid ist eigentlich Engländer. Die pakistanische Heimat seines Vaters, einem Imbissbudenbetreiber, hat er noch nie gesehen. Dennoch wird er von seinen Mitschülern auf das Übelste malträtiert und als Paki-Schwein deklariert. Da beschließt sein Vater eines Tages, dem Sohn endlich mal seine Wurzeln zu zeigen. Gemeinsam reisen sie nach Pakistan – zu Sajids Verwandtschaft. Und nicht nur das. Denn der Vater hat dort noch eine andere Ehefrau, die er für England und Sajids Mutter sitzen ließ. Die komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse sowie die primitive Lebensweise machen Sajid zu schaffen. Erst ein Gelehrter öffnet dem Jungen die Augen... WEST IS WEST ist die auf wahren Begebenheiten beruhende Fortsetzung zu EAST IS EAST und dürfte mit seinem feinen Humor, der hervorragenden Besetzung und der gut gewählten Bollywood-Musik allen Fans indischer Filme gefallen. Natürlich geht es in dieser britischen Produktion nicht so schnulzig zu wie in so manchem Bollywood-Film, aber die Grundkonstellation ist dieselbe (hier ist es der Vater, der zwischen zwei Frauen steht). Und es geht auch hier wie immer um die Familie. An einer Stelle im Film wird Sajid von den Mädchen im Dorf gefragt, wo er denn herkomme. “Salford”, meint er. Keine Reaktion bei den Damen. “In der Nähe von Bradford”, sagt Sajid. “Ah! Bradford!” staunt die Damenwelt. Dass mir persönlich diese Passage extrem gut gefallen hat, brauche ich vermutlich nicht zu erwähnen.

WOLFSBRÜDER (1:1.85, DD 5.1)
OT: Entrelobos
Verleih: Polyband (24 Bilder)
Land/Jahr: Spanien, Deutschland 2010
Regie: Gerardo Olivares
Darsteller: Juan José Ballesta, Manuel Camacho, Sancho Gracia
Kinostart: 07.06.2012

1954 ist Spanien unter der Franco-Diktatur verarmt. Insbesondere die Landbevölkerung hat darunter zu leiden. Es gibt nicht viel zu essen und das Geld ist knapp. In ihrer Not beschließen die Eltern des siebenjährigen Marcos, ihn ihrem Lehnsherrn zu überlassen, damit sie weiterhin wohnen dürfen. Marcos wird in die Obhut des alten Einsiedlers Atanasio gegeben, um ihm als Ziegenhirt zu helfen. Der Alte bringt ihm bei, in der Natur zu überleben. Schließlich freundet sich Marcos sogar mit einem jungen Wolf an. Als Atanasio stirbt und Marcos vollkommen alleine in der Wildnis zurücklässt, geschieht etwas Unglaubliches: der Wolf bringt ihm zu Essen. Jahre später tauchen jedoch plötzlich die Männer des Lehnsherrn auf. Für Marcos wird es gefährlich... Nach einer wahren Begebenheit inszenierte Gerardo Olivares seinen Abenteuerfilm über das Überleben in der Wildnis. Sein Hauptaugenmerk gilt dabei den Tieren. Ob Frettchen, Geier, Hasen, Ziegen oder Wölfe – sie alle werden zu Marcos Gefährten und er der ihrige. Leider vergisst der Regisseur bei all seiner Liebe zu den tierischen Details seinem Film Spannung zu verleihen. Der läuft geradewegs so ab, als wäre es eine Fernsehproduktion ohne richtige Höhepunkte, ja sogar ohne echte Gefühle. Die Einsamkeit des kleinen Marcos – man spürt sie als Zuschauer leider nicht. Klaus Badelts Musik für sich alleine betrachtet ist sehr schön, doch im Zusammenspiel mit dem Film gibt sie diesem einen gewissen kitschigen Anstrich. Zu guter Letzt wirkt sich die Tatsache, dass man den im Film auftretenden Wölfen ansieht, dass sie trainiert wurden, desillusionierend aus.
Montag, 07. Mai 2012
Gefühlskalt
Den Auftakt zur neuen Pressewoche machte heute der neue Film von Tim Burton. Was für eine Enttäuschung!

DARK SHADOWS (1:1.85, DD 5.1)
OT: Dark Shadows
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Tim Burton
Darsteller: Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Helena Bonham Carter
Kinostart: 10.05.2012

Weil er Angelique verschmäht und sich einer Anderen zuwendet, beschwört die Verschmähte dunkle Kräfte herauf, um den reichen Unternehmersohn Barnabas in einen Vampir zu verwandeln und ihn lebendig zu begraben. Zwei Jahrhunderte später wird er durch Zufall wieder ausgegraben. Man schreibt das Jahr 1972 und Barnabas hat großen Durst – nicht nur nach Liebe, sondern vor allem nach Blut... Der nach einer bekannten amerikanischen TV-Serie entstandene Film dürfte vermutlich genau darunter leiden, dass das Original eine TV-Serie ist. Also eine sich über viele Wochen und Monate entwickelnde Geschichte, die dem Zuschauer Zeit lässt, Sympathien für die Figuren aufzubauen. Tim Burtons Kinoversion hingegen versucht, das alles im Zeitrafferstil abzuhandeln – und scheitert damit kläglich. Dem Zuschauer wird hier keine Zeit gegeben, sich mit den Figuren anzufreunden. Das fällt auch gerade darum extrem schwer, weil es in seinem Film kaum wahre Gefühle gibt. Die große Liebe zwischen Barnabas und Victoria wird zwar stets erwähnt, aber man sieht sie nicht auf der Leinwand. Die Leidenschaft fehlt – es gibt sie nur zwischen Barnabas und seiner Kontrahentin Angelique. Das Einzige, was Burtons Film am Leben erhält, sind die netten kleinen Witze, die sehr sparsam eingebaut werden. Insbesondere wenn Vampir Barnabas mit der Zeit der 1970er-Jahre Tuchfühlung aufnehmen muss. Dazwischen jedoch klafft ein großes schwarzes Loch, das man im Allgemeinen als Langeweile bezeichnet. Nicht einmal Danny Elfmans Musik vermag dieses Mal den Film zu verbessern. Stattdessen lässt der Regisseur Pop-Songs aus den Siebzigern einspielen, die seltsamerweise nur stets an die Fünfziger erinnern. DARK SHADOWS hat bei Weitem nicht die von Tim Burton gewohnte Qualität – in jeder Hinsicht. Schade darum.
Donnerstag, 03. Mai 2012
Seichte Salsa-Sauce
Rein pressetechnisch ist die Woche bereits gelaufen. Den letzten Film gab es heute. Ein hartes Stück Arbeit.

STREETDANCE 2 3D (1:1.85, 3D, DD 5.1)
OT: StreetDance 2 3D
Verleih: Universum (SquareOne)
Land/Jahr: Großbritannien, Deutschland, Italien 2012
Regie: Max Giwa, Dania Pasquini
Darsteller: Falk Hentschel, Sofia Boutella, George Sampson, Tom Conti
Kinostart: 07.06.2012

Ash ist StreetDancer mit Leib und Seele. Doch er schafft es einfach nicht, bei den angesagten Dance Battles auf einen grünen Zweig zu kommen. Da läuft ihm der junge Eddie über den Weg und bietet sich als sein Manager an. Die beiden machen sich auf in die Hauptstädte Europas, um eine StreetDance-Crew zusammenzustellen, mit der Ash gemeinsam beim großen Finale in Paris der rivalisierenden Crew “Invincible” entgegentreten kann. In Paris lernt er Eva kennen, die im Club ihres Onkels als Salsa-Tänzerin arbeitet. Ash hat eine Idee: warum nicht StreetDance und Salsa kombinieren? Jetzt muss er nur noch Eva von seiner Idee überzeugen... Schmunzelnd habe ich im Presseheft gelesen, dass sich die Macher vom ersten STREETDANCE 3D nach wie vor wundern, warum das Teil so enorm erfolgreich war. Und wundern darf man sich hier vollkommen zu Recht. Denn bereits die extrem einfache Strickweise des ersten Teils bot kein echtes Jubelpotenzial. Doch gerade als man dachte es gäbe nichts Schlechteres danach...kommt der zweite Teil. Die Story ist hier derart dünn, dass man sie glattweg als neuen Maßstab für seichte Sujets nehmen könnte. Aber es ist nicht nur die Story – auch die Darsteller sind extrem eindimensional. Der gebürtige Deutsche Falk Hentschel in der Rolle des Ash gibt ein derart farbloses Bild ab, dass man sich nur darüber wundern kann, welche Qualitäten seine Partnerin (die immerhin etwas Temperament zeigt!) wohl in ihm sieht und die die Kamera offensichtlich dem Zuschauer vorenthält. Der Mann ist eine echte Schlaftablette! Einzig noch Tom Conti in der Rolle eines französischen Club-Besitzers beweist, dass die Produktion tatsächlich auch ein kleines Etat für die Schauspieler gehabt haben muss. Auffallend: während des ganzen Films über machen sich die jungen Tänzer keine Gedanken über Geld. Finanzielle Probleme gibt es in diesem Film nicht. Wozu auch wenn man den ganzen Tag tanzen darf?
Mittwoch, 02. Mai 2012
Ausnahmekünstler trifft auf Familiendrama
Warum nur habe ich nach meiner Rückkehr aus Bradford stets das Gefühl, dass wir hierzulande nur Kino im Briefmarkenformat haben?

AI WEIWEI: NEVER SORRY (1:1.85, Stereo)
OT: Ai Weiwei: Never Sorry
Verleih: DCM
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Alison Klayman
Kinostart: 14.06.2012

Er ist so etwas wie Chinas Antwort auf Joseph Beuys: Ausnahmekünstler Ai Weiwei. Mit seinen teils spektakulären und extrem einfallsreichen Kreationen verblüfft er die Kunstwelt und feiert in allen Kunsthallen der Welt große Erfolge. Doch als chinesischer Staatsbürger hat er es nicht einfach. Schon gar nicht, wenn er seine Kunst für politische Aussagen verwendet. Aussagen, die sich gegen das totalitäre Regime im eigenen Land richten. Regisseurin Alison Klayman hat über einen Zeitraum von zwei Jahren den Künstler beobachtet. Sowohl bei seiner Arbeit wie auch als Privatmann sowie als politischer Aktivist. So ist ein interessantes Porträt des Menschen entstanden, der im vergangenen Jahr plötzlich wie vom Erdboden verschwunden war um nach einiger Zeit wieder aufzutauchen – jetzt allerdings mundtot. Die Dokumentation, in der sich Weggefährten, Kuratoren, Galeristen, Mitarbeiter und Freunde äußern, zeigt an seinem Beispiel auch gleichzeitig die Macht des Internets. Als das Regime seinen Blog stoppte, wich er auf Twitter aus, um seine Botschaften mittels seiner großen Zahl von Anhängern zu verbreiten.

SIMON (1:2.35, DD 5.1)
OT: Simon Och Ekarna / Simon And The Oaks
Verleih: farbfilm (24 Bilder)
Land/Jahr: Schweden, Dänemark, Deutschland, Norwegen 2011
Regie: Lisa Ohlin
Darsteller: Bill Skarsgård, Helen Sjöholm, Stefan Gödicke
Kinostart: 28.06.2012

1939 in Schweden. Der kleine Simon ist ein Träumer, der sich am liebsten in seinem Baumhaus in einer alten Eiche versteckt und seiner Phantasie freien Lauf lässt. Seinem Vater ist das ein Dorn im Auge, will er ihn doch lieber zu einer praktischen Tätigkeit erziehen. Nur seiner Mutter verdankt er es, dass er auf eine höhere Schule gehen darf. Dort schließt er Freundschaft mit Isak, der aus einer reichen jüdischen Familie stammt. In Isaks Haus fühlt sich Simon viel wohler als zuhause, ermuntert ihn doch Iaks Vater sogar, sich für Musik zu interessieren. Während Simon noch grübelt, warum er eigentlich gar nicht in seinen Familie passt, bricht der Zweite Weltkrieg aus und fördert als Folge ein Geheimnis ans Tageslicht: Simon wurde adoptiert und ist eigentlich der Sohn eines deutschen Juden... Lisa Ohlin verfilmte den Bestseller Marianne Fredriksson zwar mit teilweise wunderschönen Bildern (Kamera: Dan Laustsen), aber leider ziemlich sperrig. Das Familienepos macht nicht ganz klar, worauf es eigentlich hinaus möchte. Dafür werden Personen eingeführt, die zur Geschichte nichts beitragen und alsbald wieder verschwunden sind (z.B. Katharina Schüttler als Iza). Hier verwirrt das Drama den Zuschauer erheblich. Anzunehmen ist, dass sich Lesern des Romans möglicherweise die Zusammenhänge besser erschließen als dem Kinogänger. Immerhin darf der Film einen wunderbaren Score von Annette Focks auf seiner Habenseite buchen.


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