Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

Wolfram Hannemann | Talstr. 11 | D-70825 Korntal | Germany | Phone: +49 (0) 711 838 06 49 | Fax: +49 (0) 711 8 38 05 18
e-mail: info (at) wolframhannemann.de

Home      Referenzen      Filmblog      Videoproduktion    Jugendschutzbeauftragter      Impressum
Filmblog Aktuell           Filmblog-Archiv           Filmtitel-Index
Samstag, 30. Juni 2012
Action pur
Eigentlich bin ich ja kein Fan von handlungsfreien Actionfilmen. Doch der hier hatte das gewisse Etwas...

THE RAID (1:1.85, DD 5.1)
OT: Serbuan Maut
Verleih: Koch Media (Constantin)
Land/Jahr: Indonesien 2011
Regie: Gareth Evans
Darsteller: Iko Uwais, Yayan Ruhian, Joe Taslim
Kinostart: 12.07.2012

Bis an die Zähne bewaffnet macht sich ein 20-köpfiges SWAT-Team auf, um einem brutalen Gangster den Garaus zu machen. Der hat sich zusammen mit einer Hundertschaft von treuen Untertanen in einem abgewrackten Hochhaus eingenistet. Kaum dort angekommen, gerät das SWAT-Team in einen Hinterhalt und wird kurzerhand auf eine Hand voll Männer reduziert. Jetzt liegt es an dem kleinen Haufen Tapferer, sich von Stockwerk zu Stockwerk durchzukämpfen... Das verwinkelte Hochhaus mit seinen unendlichen Fluren und vielen Türen ist in Gareth Evans Action-Knaller THE RAID schon fast so etwas wie ein Hauptdarsteller. Wie in einem Labyrinth lässt er in dieser heruntergekommenen Location seine Protagonisten aufeinander los. Ähnlich einem Computerspiel inszeniert Evans in den Fluren grandios choreographierte Martial-Arts-Fights. “Silat” nennt sich diese spezielle Kampfsportart, mit der sich die Guten und die Bösen das Leben schwer machen. Angesichts der mit vollem Körpereinsatz der Darsteller ausgeführten Duelle gerät die Handlung binnen Minuten zur Nebensache. Dass man als Zuschauer trotzdem am Ball bleibt ist der guten Kameraarbeit und geschuldet. Matt Flannery hat fast alle Farben auf ein Minimum reduziert, dunkle und kalte Farben dominieren und geben dem Film fast schon einen Schwarz-Weiß-Look. Unterlegt ist der Film mit einem pulsierenden Techno-Score von Mike Shikoda (Linkin Park), der dafür sorgt, dass das Adrenalin stets am Anschlag bleibt. Wie es sich für einen anständigen asiatischen Actionfilm gehört, gibt es in Sachen Gewalt und Body Count keine Grenzen. Kein Wunder also, dass die FSK diesem Film die Jugendfreigabe verwehrte. Wenn dann auch noch genüsslich demonstriert wird, welches Unheil ein kleiner Holzscheit anrichten kann, so darf man fast schon vermuten, dass das im Laufe des Jahres folgende Home-Video-Release möglicherweise keinen Segen von der FSK bekommen wird. Zweifelsohne ist THE RAID eines der Action-Highlights des Jahres. Man darf bereits jetzt gespannt sein, was Regisseur Gareth Evans noch aus dem Hut zaubern wird: es ist bereits eine Fortsetzung in Arbeit.
Donnerstag, 28. Juni 2012
Bauerntheater, schwarzer Humor und tiefe Erkenntnis
Die beiden letzten Pressevorführungen in dieser Woche waren wie so oft von ziemlich entgegengesetzter Natur.

WER’S GLAUBT, WIRD SELIG (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Marcus H. Rosenmüller
Darsteller: Christian Ulmen, Marie Leuenberger, Nikolaus Paryla
Kinostart: 16.08.2012

Alles was dem kleinen Bergdorf irgendwo in Bayern fehlt ist der Schnee. Denn seit der nicht mehr vom Himmel fällt bleiben auch die Touristen dem Örtchen fern. Sehr zum Leidwesen der kleinen Gemeinde, die vor die Hunde zu gehen droht. Als Wirt Georgs Schwiegermutter durch einen Unfall stirbt, kommt ihm ein genialer Gedanke: wenn man es schafft, die Schwiegermutter heilig sprechen zu lassen, kommen auch wieder die Touristen. Um seinen Plan in die Tat umzusetzen, reist er heimlich in den Vatikan, wo man sich dann auch tatsächlich des vermeintlichen Wunders annehmen will. Während die verschworene männliche Dorfsippschaft auf den Gutachter aus dem Vatikan wartet, denken sie darüber nach, wie man denn ein oder zwei Wunder vortäuschen könnte... Irgendwo zwischen Bauerntheater und rabenschwarzer Komödie angesiedelt, hat Marcus H. Rosenmüllers (WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOT) neueste Komödie durchaus ihre lichten Momente, bei denen man herzhaft lachen kann. Allerdings sollten tief religiöse Menschen dem Film möglichst fern bleiben, da die Kirche und im Besonderen die katholische Kirche reichlich Fett abbekommt. Da erscheint dann der Umstand, dass die Schwiegermutter ausgerechnet von einem Kreuz erschlagen wird, das aufgrund von zu heftigem Sex im Nebenzimmer in Schwingung gerät, noch als das geringste aller schwarzhumorigen Übel. Doch nicht immer passt alles in diesem Film. So wird die kleine Geschichte um einen Hund, der versehentlich vom trotteligen Dorfpolizisten erschossen und heimlich verscharrt wird, einfach nicht mehr weiterverfolgt. Sie endet im Nirwana. Die Besetzung ist gut ausgewählt (es gibt sogar einen Schwaben, der tatsächlich Schwäbisch spricht!), nur Christian Ulmen als der “reingeschmeckte” Fischkopf will nicht so recht in die Landschaft passen. Rosenmüllers Komödie sollte auf jeden Fall mit viel Publikum angeschaut werden, damit die Lacher auch richtig wirken. Leider gab es in der heutigen Pressevorführung wieder einmal nur eine unfertige Fassung zu sehen. Ob die im August in den Kinos eingesetzte Version gegenüber der heute gesichteten Fassung Unterschied aufweisen wird, bleibt abzuwarten.

SIDDHARTHA (1:2.35, Mono Lichtton)
OT: Siddhartha
Verleih: Movienet
Land/Jahr: USA 1972
Regie: Conrad Rooks
Darsteller: Shashi Kapoor, Simi Garewal, Romesh Sharma
Kinostart: 09.08.2012

Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss. Mit dieser Erkenntnis endet die Reise des Inders Siddhartha, der sein ganzes Leben lang nach dem Sinn des Lebens gesucht hat, ihn aber nie fand. Dabei hatte er ihn eigentlich stets vor Augen: der Weg ist das Ziel. Als junger Mann schließt er sich den wandernden Sadhus an, versucht sich am Buddhismus, an den er seinen besten Freund verliert. Schließlich lernt der die schöne Kurtisane Kamala kennen, die ihn in die Liebe einführt und ihm zu einem Job bei einem Kaufmann verhilft. Im Laufe der Jahre häuft er Reichtum an, hat im Überfluss zu essen. Doch es macht ihn nicht glücklich... Zum 50. Todestages des Nobelpreisträgers Hermann Hesse wird die Verfilmung seines berühmten Buches “Siddhartha” als Wiederaufführung in die Kinos gebracht. Der 1972 entstandene Film wurde erstmals 1997 in Deutschland aufgeführt. Das wirklich Einzigartige an diesem Film ist die CinemaScope-Fotografie von Bergmann-Kameramann Sven Nykvist. Ansonsten wirkt die Inszenierung des interessanten Stoffes ziemlich surreal und ist für heutige Sehgewohnheiten extrem gewöhnungsbedürftig. In tontechnischer Hinsicht hätte man sich eine Überarbeitung gewünscht, denn die deutsch synchronisierten Dialoge sind gegenüber Geräuschen und Musik viel zu leise abgemischt. So dürfte es SIDDHARTHA recht schwer haben, ein großes Publikum zu finden.
Mittwoch, 27. Juni 2012
Erdkunde einmal anders
Der zweite Animationsfilm in dieser Woche triumphierte ganz locker über den gestrigen. Und zum Nachtisch dann noch schnell einen Screener.

ICE AGE 4 – VOLL VERSCHOBEN (1:2.35, 3D, DD 5.1 und 7.1)
OT: Ice Age: Continental Drift
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Steve Martino, Michael Thurmeier
Kinostart: 02.07.2012

Haben Sie sich schon jemals gefragt, wie es zur Verschiebung der Kontinentalplatten gekommen ist? ICE AGE 4 räumt jetzt mit allen Gerüchten darüber auf. Aber wir hätten es uns ja längst schon denken können: Scrat ist an allem Schuld! Denn würde das kleine wuselige Tierchen nicht auf der Jagd nach einer leckeren Eichel bis zum Erdkern vordringen, so sähe die Welt heute ganz anders aus. Mit dieser wahrhaftig witzigen Idee startet das ICE AGE Franchise bereits in die vierte Runde. Erzählt wird die Geschichte von Mammut Manni und seiner Familie sowie seinen unzertrennlichen Freunden Diego und Sid. Bedingt durch die plötzliche Verschiebung von Landmassen wird Manni von Frau und Tochter getrennt und driftet zusammen mir Diego, Sid sowie Sids lästiger Großmutter auf einer Eisscholle ins offene Meer. Unterwegs treffen die unfreiwilligen Seefahrer auf eine Piratenbande unter Führung vom Affen Utan. Wird sich die Familie jemals wieder sehen? Eines gleich vorweg: hier haben wir den Sommerhit des Jahres, der Groß und Klein gleichermaßen gefallen dürfte. ICE AGE 4 hat derart viel Schwung, Witz und tolle Pointen, dass man den Kinosaal mit einem breiten Grinsen verlassen wird. Und wer Scrat ganz besonders ins Herz geschlossen hat, der darf sich ganz besonders freuen. Denn der kleine Nager läuft immer wieder durch das Bild und erlebt haarsträubende Situationen. Aber Obacht: nicht aus Versehen beim Lachen das Popcorn verschlucken! ICE AGE 4 vereint alles, was einen guten Animationsfilm ausmacht: treffende Charaktere, irrwitzige Situationen, aber auch wichtige Themen wie Freundschaft, Liebe und Familie. Und das alles in lupenreiner Computeranimation. Hier macht Kino richtig Spaß!

LUKS GLÜCK (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: RealFiction
Land/Jahr: Deutschland 2010
Regie: Ayse Polat
Darsteller: René Vaziri, Aylin Tezel, Kida Ramadan
Kinostart: 28.06.2012

Taumelnd vor Glück stürzt sich der junge Luk in ein Feld voll gelber Blüten: er hat im Lotto gewonnen! Damit soll sein tristes bisheriges Leben eine ganz andere Richtung bekommen. Doch Luk ist nicht der einzige Gewinner. Denn die ganze Familie hat als Tippgemeinschaft mitgemacht. Während seine türkisch-stämmigen Eltern vom Gewinn ein Hotel in der Türkei kaufen wollen, möchte Luk viel lieber seinen Anteil in seine Ex-Freundin Gül investieren und mit ihr zusammen einen Musik-Clip aufnehmen. Als sich die Familie aufmacht, um in der Türkei das in Frage kommende Hotel zu besichtigen, organisiert Luk mithilfe seines Cousins Cem und ohne Wissen der Eltern die Dreharbeiten für den Musik-Clip ganz in der Nähe... Ist Ayse Polats Film anfangs noch klar als eine Komödie erkennbar, mutiert das “Kleine Fernsehspiel” zu Ende hin zunehmend zu einem Drama. Dem Zuschauen wird dadurch leider nach und nach das bisschen Freude genommen, die der Film bis dahin zudem etwas zäh aufgebaut hat. Bis auf den Protagonisten sind die Figuren gut getroffen. René Vaziri in der Rolle des Luk wirkt viel zu lasch, teilweise sogar schon stoisch. Das allerdings passt zum Charakter seiner Figur eigentlich gar nicht. Das Potenzial der einfachen Geschichte wird oft nicht wirklich genutzt, Lacher werden nicht generiert. Stattdessen gibt es Nebenhandlungen, die für den Fortgang des Films vollkommen unwichtig sind (z.B. der Seitensprung des Vaters). LUKS GLÜCK ist Fernsehstoff und sollte daher auch genau dort konsumiert werden.
Dienstag, 26. Juni 2012
Eine emanzipierte junge Schottin
Heute gab es den ersten von zwei Animationsfilmen, die diese Woche in der Pressevorführung gezeigt werden. Ärgerlich finde ich allerdings den Umstand, dass das alles immer in 3D sein muss...

MERIDA – LEGENDE DER HIGHLANDS (1:2.35, 3D, DD 5.1 und 7.1)
OT: Brave
Verleih: Walt Disney
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Mark Andrews, Brenda Chapman
Kinostart: 02.08.2012

Schottland irgendwann im Mittelalter. Die junge Prinzessin Merida hat alles andere im Sinn als das was ihre Mutter von ihr erwartet. Denn statt Gedichte zu rezitieren oder sich extrem gut zu benehmen, reitet sie lieber auf ihrem Gaul Angus aus, klettert riesige Felsen hoch und übt sich im Umgang mit Pfeil und Bogen. Als ihre Mutter jedoch eines Tages die drei schottischen Clans an den Hof ruft, damit einer der Erstgeborenen Merida zur Frau nehmen soll, kommt es zum Streit zwischen Merida und ihrer Mutter. In ihrer Verzweiflung wendet sich die freiheitsliebende Merida an eine Hexe, die ihre Mutter durch einen Zauber so verändern soll, dass sie ihre Tochter versteht. Doch das geht ziemlich schief: Meridas Mutter mutiert zu einem riesigen Bären... Seit etlichen Jahren stehen die Animationsfilme aus dem Hause Pixar für Innovationen. Nicht nur in technischer Hinsicht, auch was die Storys der Filme angeht. Auch bei MERIDA ist das nicht anders. Nicht nur wurde eine neue und eigens für Pixar entwickelte Animationssoftware erstmals verwendet, es dürfte auch der erste Pixar-Film mit einer weiblichen Hauptrolle sein. Ähnlich wie in Disneys wunderbarem RAPUNZEL muss sich Merida aus den Fängen ihres Elternhauses lösen, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Auch wenn die eigentliche Geschichte nunmehr nach bewährtem Schema abläuft, so ist es wieder die Umsetzung, die in diesem Film besticht. Kamerafahrten über phantastische schottische Landschaften und Meridas wallendes feuerrotes Haar lassen ab und zu tatsächlich vergessen, dass es sich um einen Animationsfilm handelt. Wie immer gibt es auch hier wieder lustige Charaktere, die den ansonsten eigentlich ernsten Fantasyfilm zu einem Spaß für Groß und Klein machen. Da wären beispielsweise die drei kleinen, aber ungeheuer gefräßigen Brüder der Protagonistin, die sich immer wieder neue Streiche ausdenken. Oder etwa die drei Erstgeborenen der drei schottischen Clans, die alles andere als gestandene Mannsbilder sind. Für die musikalische Ausgestaltung des Films zeichnet der Schotte Patrick Doyle verantwortlich, der mit seinem Score immer die richtige Stimmung trifft. Innovativ übrigens auch der Ton bei MERIDA: es ist der erste Film, der in ausgewählten Kinos mit Dolbys neuester Soundtechnologie “Dolby Atmos”, vorgeführt wird.
Montag, 25. Juni 2012
“Halt mal meine Brille, ich tanze jetzt Punk!”
Ein nettes Zitat aus dem heutigen Film, der mich einerseits ziemlich genervt hat, andererseits aber auch extrem viele Erinnerungen wachgerüttelt hat. Vermutlich gehöre ich zur Zielgruppe.

FAMILIENTREFFEN MIT HINDERNISSEN (1:1.85, 5.1)
OT: Le Skylab
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Frankreich 2011
Regie: Julie Delpy
Darsteller: Lou Alvarez, Julie Delpy, Eric Elmosnino
Kinostart: 09.08.2012

1979 irgendwo in der Bretagne. Gemeinsam mit ihren Eltern reist die 11-jährige Albertine mit dem Zug von Paris aufs Land zum großen Familientreffen, das anlässlich des Geburtstages der Großmutter abgehalten wird. Hier stoßen die verschiedensten Charaktere aufeinander: Geschwister, Schwager, Schwägerinnen, Cousins, Cousinen. Mit einem selbst geschlachteten Lamm beginnt die Veranstaltung als feucht-fröhliches Getafele vor dem Haus im Grünen. Hier ist es auch, wo die ersten Sticheleien und Prahlereien ausgetauscht werden, bevor die erhitzten Gemüter mit einem plötzlich eintretenden Regenguss abgekühlt werden, nur um dann beim nächsten Sonnenschein dem Ganzen noch eines draufzusetzen. Ausgerechnet beim versehentlichen Abstecher ihres Vaters zum FKK-Strand begegnet Albertine ihrem großen Schwarm. Und der wird am Abend in der Dorfdisco den DJ machen. Keine Frage, dass Albertine mit den anderen großen und kleinen Kindern der Familie dieser Disco einen Besuch abstattet... Julie Delpys Film fühlt sich unglaublich echt an. So als würde sie die Zeit, die man als Kind oder Teenager selbst noch miterlebt hat, Revue passieren lassen. Sie tut das mit großer Sorgfalt und achtet auf kleinste Details. So berichten die Eltern von Albertine beispielsweise von ihren Filmbesuchen in Cannes, wo sie APOCALYPSE NOW und DIE BLECHTROMMEL gesehen haben. Und am Bahnhof prangert auch schon das Plakat zu ALIEN. Auch die Kleidung und das Gehabe der Familienmitglieder ist sehr authentisch für das Ende der siebziger Jahre. Aber Delpys kleine Reise zurück in der Zeit unterhält nicht immer. Manche der kleinen Gags bleiben einem im Halse stecken, andere hingegen sind wirklich witzig (“Mama, was ist anal?”). Delpys unglaublich exakte Schilderung dieses Familientreffens beginnt aber auch nach und nach richtig zu nerven. Aber nur deshalb, weil man selbst ähnlich unangenehme Erinnerungen in sich trägt. Spätestens wenn es soweit ist, dass man das ganze Szenario fast nicht mehr ertragen kann, spürt man, dass der Film mit seinen 113 Minuten Laufzeit zu lang geraten ist. Das liegt vor allem auch daran, dass er ohne dramaturgische Höhepunkte abläuft.
Donnerstag, 21. Juni 2012
Paranormales und Köstliches
Erst ein Thriller mit Horrorelementen, dann exquisite Speisen in Großaufnahme...

RED LIGHTS (1:2.35, DD 5.1)
OT: Red Lights
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: Spanien, USA 2012
Regie: Rodrigo Cortés
Darsteller: Robert De Niro, Sigourney Weaver, Elizabeth Olsen, Cillian Murphy
Kinostart: 09.08.2012

Wo auch immer paranormale Phänomene beobachtet werden, wird sie eingeschaltet. Universitäts-Professorin Dr. Margaret Matheson gilt als Spezialistin darin, derartige Phänomene als reinen Schwindel aufzudecken. Gemeinsam mit ihrem jungen Assistenten Tom Buckley enttarnt sie Wunderheiler, Hellseher und falsche Poltergeister. Margaret glaubt nicht an übernatürliche Kräfte oder an das Leben nach dem Tode. Sonst hätte sie längst schon die Apparatur abschalten lassen, die ihren im Koma liegenden Sohn schon seit langer Zeit künstlich am Leben hält. Vor einem selbsternannten Guru jedoch scheint sie Respekt zu haben, dem blinden Simon Silver. Als der nach über 30 Jahren Abstinenz plötzlich wieder in der Öffentlichkeit erscheint, will ihm Tom das Handwerk legen. Margaret versucht abzuwiegeln, doch Tom wird immer besessener von seiner Idee. Da geschieht etwas, was sein und auch Margarets Leben von Grund auf ändern wird... Stilsicher mit den Mitteln des Horrorfilms begleitet uns Regisseur und Drehbuchautor Rodrigo Cortés (BURIED) in die Welt der scheinbar paranormalen Phänomene. Er lässt uns teilhaben an den Tricks, mit denen Menschen allzu oft Übernatürliches vortäuschen. Meist steckt reine Profitgier hinter deren Handeln. So lässt Cortés sein Team bestehend aus Sigourney Weaver (sehr überzeugend als souveräne und ungläubige Professorin) und Cillian Murphy (der perfekte Heisssporn) beispielsweise einen Wunderheiler hochnehmen, der sich mittels eines versteckten Funkkontakts zu Personen dirigieren lässt, deren Identität seine Helfershelfer bereits im Vorfeld recherchiert haben. Da ist Robert de Niro in der Rolle des blinden Simon Silver jedoch ein ganz anderes Kaliber. Hat er womöglich tatsächlich übernatürliche Fähigkeiten? Und falls nein, mit welchen Tricks arbeitet er dann? Cortés lässt die Zuschauer genauso im Dunkeln tappen wie seine Physiker und kann seinen Film dadurch bis zur letzten Minute spannend gestalten. Eine perfekt abgestimmte Filmmusik (Victor Reyes), die dunkel-düsteren Bilder (Xavi Giménez) sowie das für Gänsehaut sorgende Sounddesign beweisen, dass BURIED keine Eintagsfliege war. Ganz im Gegenteil: von Rodrigo Cortés darf man noch viel erwarten!

ENTRE LES BRAS – 3 STERNE. 2 GENERATIONEN. 1 KÜCHE (1:1.85, 5.1)
OT: Entre Les Bras
Verleih: mindjazz
Land/Jahr: Frankreich 2011
Regie: Paul Lacoste
Darsteller: Michel Bras, Sebastien Bras
Kinostart: 09.08.2012

Ein gutes Essen gefällig? Wie wäre es mit einem Besuch im Restaurant der Sterne-Köche Michel und Sebastian Bras. Die Teller der von Vater und Sohn geleiteten Küche mögen zwar nicht üppig bestückt sein, dafür aber umso köstlicher. Paul Lacoste macht mit seinem Film über das Traditionsrestaurant der Familie Bras wahrhaftig Appetit! Hier geht es natürlich ums Essen, aber nicht nur. Denn Vater Bras zieht sich in den Ruhestand zurück, will das Restaurant seinem Sohn Sebastian alleine überlassen. Doch so einfach geht das nicht, fühlt sich Michel doch ohne seine geliebte Küche nur wie ein halber Mensch. Lacoste zeigt die Bras gemeinsam in ihrer riesigen Küche an neuen Rezepten experimentieren, mit den Familien beim Urlaub, beim Winzerfest und auch bei einer Stippvisite in Japan, wo sie den Einheimischen ihre Sterne-Küche beibringen wollen. Das alles erstreckt sich über ein ganzes Jahr, der Film selbst ist in die vier Jahreszeiten eingeteilt. Die Kamera bleibt oft ganz dicht auf den Tellern und lässt den Zuschauer teilhaben, wenn sich der Teller nach und nach mit Exotischem füllt. Das Auge isst hier immer mit! Bleibt zu hoffen, das man nach dem Kinobesuch auf Anhieb ein gutes Restaurant findet, in dem man dann den Film mit einem guten Essen abrunden kann.
Mittwoch, 20. Juni 2012
Eine Liebe, der die Zeit davonläuft
Eine deutsch-irische Koproduktion bestritt die Pressevorführung der Wochenmitte.

AM ENDE EINES VIEL ZU KURZEN TAGES (1:1.85, DD 5.1)
OT: Death Of A Superhero
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Deutschland, Irland 2011
Regie: Ian Fitzgibbon
Darsteller: Andy Serkis, Thomas Brodie-Sangster, Aisling Loftus
Kinostart: 30.08.2012

Donald ist anders als der Rest seiner Mitschüler. Nicht nur hat der Teenager ein ausgeprägtes zeichnerisches Talent, das er gerne verheimlicht und ab und zu in riesige Graffittis umsetzt. Er ist auch einer der Wenigen in seinem Freundeskreis, der noch nie Sex mit einem Mädchen hatte. Zu allem Übel ist Donald auch noch unheilbar an Krebs erkrankt. Die Therapie hat ihm inzwischen alle Haare genommen. Weil er sich mit Selbstmordgedanken trägt, soll ihm der Psychologe Dr. Adrian King helfen. Eine Therapie, die seine mit der Situation vollkommen überforderten Eltern noch mehr gebrauchen könnten als er selbst. Erst allmählich beginnt Donald den Psychologen als seinen Freund zu akzeptieren. Und er lernt vollkommen unerwartet ein Mädchen aus seiner Klasse kennen, ebenfalls eine Außenseiterin. Doch Donalds momentanes Glück wird auf eine schwere Probe gestellt... Anders als Geoffrey Enthoven in seinem Film HASTA LA VISTA geht der Ire Ian Fitzgibbon (A FILM WITH ME IN IT) an die Geschichte über das “erste Mal” heran. Sind es im belgischen Film gleich drei körperlich behinderte Jungs, die endlich einmal Sex haben wollen, so ist in dieser deutsch-irischen Koproduktion ein mit unheilbarer Krebskrankheit bestrafter Teenager. Fitzgibbon geht sein Thema auch nicht mit dumpfem Teenager-Humor an, sondern nähert sich ihm sanft mit viel Gefühl. Wie es um das Innenleben seines Protagonisten (hervorragend gespielt von Thomas Brodie-Sangster) bestellt ist, visualisiert sein Film in Form von düsteren Animationseinlagen voller Gewalt und Sex im Comic-Stil, die oft mit den Realszenen verschmelzen. AM ENDE EINES VIEL ZU KURZEN TAGES ist eine Liebesgeschichte, der die Zeit davonläuft, schön fotografiert, mit stimmungsvoller Musik unterlegt und trotz aller Melancholie und Trauer auch wunderschön und lebensbejahend.
Dienstag, 19. Juni 2012
Von Alkohol, Skateboardern und einem Kino
Zwei Pressevorführungen und eine Screener-DVD – mein Pensum ist geschafft.

RUM DIARY (1:1.85, DD 5.1)
OT: The Rum Diary
Verleih: Wild Bunch
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Bruce Robinson
Darsteller: Johnny Depp, Aaron Eckhart, Michael Rispoli, Amber Heard
Kinostart: 02.08.2012

Schriftsteller Paul Kemp kommt 1960 nach Puerto Rico, um dort als Freier Mitarbeiter bei einer Lokalzeitung anzuheuern. Mit einem ausgeprägten Alkoholproblem fällt es Kemp nicht sonderlich schwer, sich in den Lebensrhythmus des Landes einzugliedern. Unterschlupf findet er bei seinem Kollegen, dem Fotografen Sala, einem vor vielen Jahren gestrandeten Journalisten. Der dritte im Bunde ist der extrem seltsame Moburg, der keiner Droge widerstehen kann und gerne Hitlerreden hört. Eines Tages macht Kemp Bekanntschaft mit dem skrupellosen amerikanischen Geschäftsmann Sanderson und dessen wunderschöne Freundin Chenault. Sanderson schlägt Kemp einen Deal vor, der für beide gewinnbringend sein soll. Kemp willigt ein, weiß aber nicht worauf er sich einlässt... Wenn man Johnny Depp alias Paul Kemp ständig an diversen Flaschen nuckeln sieht, fühlt man sich irgendwie erinnert an FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS. Hier wie dort mimt Depp einen Junkie, der vor lauter Drogen den Überblick verliert. Die etwas zu lang geratene Romanverfilmung nach Hunter S. Thompson (dem der Film gewidmet ist) plätschert ohne Höhen und Tiefen vor sich hin und kann auch nicht eindeutig vermitteln, ob sie als Komödie oder Drama verstanden werden möchte. Dazu zählt auch die Liebesgeschichte zwischen Kemp und Chenault, die dramaturgisch gesehen eigentlich bedeutungslos bleibt. Immerhin sind die Rollen gut besetzt. Speziell Michael Rispoli als Sala und Giovanni Ribisi als Moburg überzeugen.

THIS AIN’T CALIFORNIA (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Marten Persiel
Kinostart: 16.08.2012

Ihre Freundschaft war einst unzertrennlich. Dennoch haben sich die Kumpels aus den Augen verloren. Als im Jahre 2011 einer von ihnen bei einem Einsatz in Afghanistan getötet wird, trifft sich der Rest der Kumpels zusammen mit anderen Wegbegleitern des Verstorbenen, um noch einmal ihr eigenes Stück Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte der “Rollbrettfahrer” in der ehemaligen DDR. Marten Persiel dokumentiert in seinem collagenhaft zusammengestellten Film eine Subkultur in der Ostzone, die sich Anfang der achtziger Jahre entwickelte. Was mit selbstgebastelten Skateboards anfing, wurde im Lauf der Zeit zu einem Phänomen, auf das sogar die Stasi aufmerksam wurde. “Panik” nannte sich der coolste Typ der Ost-Skater, dessen Tod die Kumpels betrauern. Wenn es nach dem Willen seines Vaters gegangen wäre, so hätte “Panik” Karriere als Leistungsschwimmer gemacht. Den übergroßen Druck durch das harte Training versuchte er durch das Skateboard-Fahren auszugleichen. Es war ein kleines Stück Freiheit. “Panik” wurde zum besten und gleichzeitig unerschrockensten Skater der DDR und führte dort sogar den “Ollie” ein (ein Move, bei dem man das Board unter sich fliegen lässt). “Das war wie Mondlandung ohne Mond” – seine Kumpels zollen ihm heute noch Respekt. THIS AIN’T CALIFORNIA ist ein Stück moderner Zeitgeschichte, die heute nicht mehr viele kennen. Persiels Film ist angereichert mit einer großer Menge an teils authentischem Bildmaterial, das um der Dramaturgie Willen allerdings mit nachgestellten Szenen ergänzt wurde. Passend zum Thema ist der Film mit einem fetzigen Soundtrack unterlegt, der mit seinem Rhythmus die ausgelassene Stimmung der Skater auf den Punkt bringt und damit für den Zuschauer erlebbar macht.

CINEMA JENIN(1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Senator
Land/Jahr: Israel, Deutschland 2012
Regie: Marcus Vetter
Kinostart: 28.06.2012

1987 flimmerten zum letzten Male Bilder über die Leinwand des 400-Platz-Kinos im palästinensischen Jenin. Die dann folgenden Kriege und die Besetzung durch Israel führten zur Schließung des wichtigsten Lichtspielhauses Palästinas. Im Jahre 2010 initiierte der deutsche Filmemacher Marcus Vetter die Wiedereröffnung des “Cinema Jenin”. Seit seinem ergreifenden Dokumentarfilm “Das Herz von Jenin” hat Vetter eine besondere Beziehung zu Jenin. In seinem neuen Film dokumentiert er die vielen kleinen und großen Schritte, die notwendig waren, um das Kino wieder eröffnen zu können. Dabei ging es nicht nur darum, das Projekt zu finanzieren, sondern auch um die ganz besondere Situation, der dieses Projekt ausgesetzt war. Denn nicht nur Palästinenser waren beteiligt, auch Israelis und Araber sollten integriert werden, um aus dem Kino eine Art friedlicher Begegnungsstätte der Völker zu machen. Vetter lässt seine Kamera laufen, wenn mit potentiellen Geldgebern und Sponsoren verhandelt wird, wenn mit der Verwaltung von Jenin diskutiert wird, aber auch wenn er mit seinen einheimischen Freunden über die politische Dimension des Projekts spricht: dürfen Israelis das Kino ebenfalls besuchen? Dabei stand das Projekt nicht nur einmal auf der Kippe. Der Widerstand der Eigentümer des Objekts, die ihre Felle davonschwimmen sahen, war nur eine der Hürden. Ohne die Mitarbeit freiwilliger Helfer aus aller Welt hätte das Projekt nicht realisiert werden können. Zwischen die unermüdlichen Verhandlungen mit Verwaltungen und Einzelpersonen schneidet Vetter immer wieder faszinierende Bilder vom Wiederaufbau des komplett verwahrlosten Kinos. Wahre Kinofreunde werden strahlen, wenn sie den alten und äußerst gewieften Filmvorführer dabei beobachten dürfen, wie er die altern Kohlebogenlampen wieder in Gang setzt. Mit dem “Cinema Jenin”-Projekt haben Marcus Vetter und seine Verbündeten einen großen Teil zur Rückkehr zur Normalität in Jenin beigetragen. Darüber hinaus gelingt es Vetter, mit seinem Dokumentarfilm einen Funken Hoffnung zu versprühen, dass es irgendwann einmal Frieden in Palästina geben wird.

*) Anmerkung zum Bildformat (nach Rücksprache mit Regisseur Marcus Vetter): der Film wurde mit einem Aspect Ratio von 1:2.35 aufgenommen. Um die Untertitel besser lesbar zu machen, wurden diese nicht in den Bildbereich integriert, sondern in einen schwarzen Balken unterhalb des Bildes. Dadurch ist es nicht möglich, den Film im CinemaScope-Format zu zeigen, da sonst die Untertitel verloren gehen. Das korrekte Projektionsformat ist in diesem Fall 1:1.85.
Montag, 18. Juni 2012
Globale Interaktionen
Ein Episodendrama stand zu Beginn einer recht üppigen Filmwoche auf dem Programm.

360 (1:2.35, DD 5.1)
OT: 360
Verleih: Prokino (Fox)
Land/Jahr: Großbritannien, Österreich, Brasilien, Frankreich 2011
Regie: Fernando Meirelles
Darsteller: Rachel Weisz, Jude Law, Sir Anthony Hopkins
Kinostart: 16.08.2012

Alles beginnt mit der jungen und schönen Mirka, die sich in Wien in die Hände eines schmierigen Zuhälters begibt, um endlich an das ganz große Geld zu kommen. Als Call-Girl Blanka soll sie einem Geschäftsmann in einem noblen Hotel zu Diensten sein. Dem aber macht ein Geschäftspartner einen Strich durch die Rechnung. Das Date platzt, der Manager besinnt sich wieder auf seine Frau Rose. Die aber ist selbst gerade dabei, ihre heisse Affäre mit einem brasilianischen Fotografen im kühlen London zu beenden. Der wiederum wird von seiner Freundin heimlich in flagranti erwischt, worauf sie sich in den nächsten Flieger in ihre südamerikanische Heimat setzt. Die in sich verflochtenen Geschichten sind damit noch längst nicht zu Ende. Regisseur Fernando Meirelles (“City of God”) interessierte sich ganz besonders für die Frage, wie Handlungen und Entscheidungen von Anderen die eigenen Handlungen beeinflussen. Und das ganz speziell in einer immer näher zusammenwachsenden Welt. So spielt sein Film nicht nur in Wien und London, sondern auch in Paris, Bratislava, Denver und Phoenix. Und alles nimmt seinen Ausgangspunkt bei Mirkas Fotosession in Wien. Meirelles ist sicher nicht der beste Film zum Thema ineinandergreifender Handlungsstränge gelungen, dafür aber ein gut besetzter, mit dem sich der Regisseur vor Arthur Schnitzlers “Reigen” respektvoll verneigen will. Sein fließender Erzählstil leidet allerdings etwas darunter, dass keine richtige Spannung aufgebaut wird. Nur ein einziges Mal, wenn eine der Protagonistinnen fast zum Opfer eines auf freien Fuß gesetzten Sexualstraftäters wird, wird etwas Adrenalin erzeugt. Sonst bleibt alles immer schön ruhig und bedeckt und plätschert so vor sich hin.
Sonntag, 17. Juni 2012
Elektrakomplex
Da es ja sonntags grundsätzlich keine Pressevorführungen gibt, musste heute mal wieder eine Screener-DVD herhalten.

MARIEKE UND DIE MÄNNER (1:1.85, DD 5.1)
OT: Marieke Marieke
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Belgien, Deutschland 2010
Regie: Sophie Schoukens
Darsteller: Hande Kodja, Jan Decleir, Barbara Sarafian
Kinostart: 28.06.2012

Marieke ist 20 Jahre alt, arbeitet in einer Pralinenfabrik und lebt bei ihrer Mutter. Doch seit ihr Vater vor zwölf Jahren gestorben ist, ist nichts mehr so wie es einst war. Ihre Mutter ist zur gefühlskalten Frau mutiert und Marieke selber gibt sich älteren Männern hin, ständig auf der Suche nach Geborgenheit. Eines Tages trifft sie den Verleger Jacoby, den Jugendfreund ihres Vaters, mit dem sie eine Affäre beginnt. Im Lauf der Zeit aber lernt sie durch Jacoby ihren Vater besser kennen und lüftet schließlich das Geheimnis um dessen Tod... Sophie Schoukens Debütfilm widmet sich einer jungen Frau, die ihre Sehnsucht nach ihrem Vater, den sie bereits in jungen Jahren verloren hat, beim Sex mit wesentlich älteren Männern zu stillen versucht. Alain Marcoens exzellente Kameraarbeit spiegelt mit ihrer subtilen Farbdramaturgie die kalte Gefühlswelt von Mutter und Tochter wider. Kleine Farbtupfer gibt es nur in den wenigen Rückblenden, die die kleine Marieke glücklich mit ihrem Vater zeigen. Das Drama über einen Elektrakomplex, also der überstarken Bindung der Tochter an den Vater bei gleichzeitiger Feindseligkeit gegenüber der Mutter, ist sowohl in den Haupt- wie auch in den Nebenrollen mit hervorragenden Schauspielern besetzt. Sie geben dem Film einen authentischen Anstrich und machen die Geschichte für den Zuschauer dadurch zugänglich. Der Regisseurin ist damit ein psychologisch interessanter Film gelungen, der nicht langweilt, sondern fesselt.
Freitag, 15. Juni 2012
Ein Schwein im Schafspelz
Eines stand schon von vornherein fest: nach dem Debakel de4r gestrigen Pressevorführungen konnte der heutige Film eigentlich nur gut sein. In der Tat!

DAS SCHWEIN VON GAZA (1:1.85, DD 5.1)
OT: Le Cochon De Gaza / When Pigs Have Wings
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland, Belgien 2011
Regie: Sylvain Estibal
Darsteller: Sasson Gabai, Baya Belal, Myriam Tekaïa
Kinostart: 02.08.2012

Jaffar ist ein erfolgloser kleiner Fischer. Zusammen mit seiner Frau lebt er in einem Haus in Gaza, das mehr einer Ruine gleicht denn einer Behausung. Zudem haben sich israelische Soldaten oben im Turm einquartiert. Um den Lebensunterhalt zu bestreiten fährt Jaffar tagtäglich aufs Meer hinaus um zu fischen. Doch mehr als Unrat holt er nie aus dem Wasser. Eines Tages jedoch angelt er ein lebendes Schwein aus der See. Ausgerechnet ein Schwein! Da dieses Tier auf beiden Seiten der Grenze als unrein gilt, Jaffar aber damit unbedingt Geld verdienen möchte, muss er zu allerlei Tricks greifen. Da ist dann das Schafsfell, das er dem Schwein überzieht, nur einer dieser Tricks... Wenn es nach Regisseur und Drehbuchautor Sylvain Estibal geht, dann sind Friedenstauben schon lange “out”. Jetzt muss ein Schwein her! Und das nicht ohne Grund. Denn das Schwein scheint das einzige Bindeglied zwischen Palästinensern und Israelis zu sein, über das Einigkeit herrscht: für beide Völker ist es tabu, da es als unrein gilt. Wenn also Estibal seinen Helden Jaffar mit einem Schwein auf eine Odyssee schickt, dann ist damit auch gleichzeitig eine politische Aussage verknüpft. Und die ist sogar sehr ausgewogen, vermeidet sie doch tunlichst Partei für eines der beiden Lager zu ergreifen. Der skurrile Film mit seinem großartigen Hauptdarsteller Sasson Gabai (DIE BAND VON NEBENAN) ist ebenso herzerfrischend wie intelligent und wartet mit einem gar surreal-märchenhaften Ende auf. Ein Kinobesuch weitab vom Mainstream und umso lohnenswerter.
Donnerstag, 14. Juni 2012
Rentner im Himmel und Zocker in Vegas
Die beiden ersten von nur drei Pressevorführungen in dieser Woche könnten den für morgen angesetzten Film schlichtweg zum Meisterwerk machen...

BIS ZUM HORIZONT, DANN LINKS! (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Bernd Böhlich
Darsteller: Otto Sander, Angelica Domröse, Ralf Wolter
Kinostart: 12.07.2012

Annegret Simon, Seniorin im besten Alter, wird von ihrer Familie in ein Altersheim “entsorgt”. Sie fühlt sich alles andere als wohl dabei, ab jetzt ständig mit einem ganzen Heer von anderen “Insassen” den Lebensabend zu verbringen. Eckehardt Tiedgen, einer der Mitbewohner, sieht das ganz genau so. Und so beschließt er, einen gemeinsamen Rundflug der Seniorenschar dazu zu nutzen, das Flugzeug zu entführen. Mit der zufällig gefundenen Pistole zwingt er die Piloten, die Maschine ans Mittelmeer zu fliegen. Nicht jeder der Rentner ist davon begeistert, wohl aber Frau Simon... Bernd Böhlichs Film hat gleich eine ganze Reihe namhafter deutscher Schauspieler aus dem wohlverdienten Ruhestand zurückgeholt. Otto Sander und Ralf Wolter sind nur zwei davon. Und trotz dem prominenten Aufgebot funktioniert der Film überhaupt nicht. Zum Einen hat er mit ziemlich vielen Längen zu kämpfen, zum Anderen versteht er es nicht, einmal aufgegriffene Handlungselemente nicht zu Ende zu führen. So läuft beispielsweise eine Zwischenlandung in Wien, wo auf eine ganz wichtige Delegation aus Russland gewartet wird, sang- und klanglos ins Leere. Oder der Appell des Sohnes von Frau Simon an die vermeintlich arabischen Entführer, der per TV ausgestrahlt wird, bleibt ohne weitere Bedeutung. Das reife Ensemble gibt zwar sein Bestes, um den Film bei der Stange zu halten, doch sind nicht alle Rollen perfekt besetzt. So tut man sich als Zuschauer ziemlich schwer damit, Angelica Domröse als Bewohnerin eines Altenheims zu akzeptieren. Insgesamt ein Film zum Fortbleiben.

LADY VEGAS (1:1.85, DD 5.1)
OT: Lay The Favorite
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: USA, Großbritannien 2012
Regie: Stephen Frears
Darsteller: Bruce Willis, Rebecca Hall, Catherine Zeta-Jones
Kinostart: 19.07.2012

Sie ist jung, schlank, sexy und strotzt vor Optimismus: Beth Raymer hat die Schnauze voll vom Strippen und möchte stattdessen viel lieber als Kellnerin in einer Cocktailbar in Las Vegas jobben. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Denn als sie bei ihrer Jobsuche auf den alten Zocker Dink trifft, macht sie Bekanntschaft mit Sportwetten und wird zu so etwas wie Dinks Glücksbringer. Allerdings nur solange, bis Dinks eifersüchtige Ehefrau Tulip dem ein Ende macht. Beth wendet sich an den Buchmacher Rosie, der in New York mit illegalen Wetten das große Geschäft macht – und sitzt alsbald tief in der Tinte... Man muss schon ziemlich viel Ahnung vom Sportwettengeschäft haben, um der Handlung von Stephen Frears neuem Film folgen zu können. Wer hier wen wie abzockt, hat sich zumindest mir nicht erschlossen. So hat der Film außer seinen guten Darstellern (Bruce Willis mit eingeschlossen!) und den Schauwerten (Rebecca Hall als Beth ist stets mit knappen Shorts oder Mikrominis bekleidet!) leider nicht viel zu bieten. Dabei hätte man gerade von einem Regisseur wie Frears ganz Anderes erwartet. Schade eigentlich.
Freitag, 08. Juni 2012
Das Mädchen und der Mörder
Ein deutsches Drama und ein amerikanisches Musical ließen eine doch recht spärliche Pressewoche ausklingen.

TÖTE MICH (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Deutschland, Schweiz, Frankreich 2011
Regie: Emily Atef
Darsteller: Maria-Victoria Dragus, Roeland Wiesnekker, Wolfram Koch
Kinostart: 05.07.2012

Seit dem Unfalltod ihres Bruders lebt Adele alleine mit den Eltern auf einem Bauernhof. Die Arbeit ist hart. Adele ist gerade einmal 15 Jahre alt und hat beschlossen zu sterben. Einsam steht sie an einem tiefen Abgrund, wagt den tödlichen Sprung jedoch nicht. Als eines Tages der Mittvierziger Timo, ein entflohener Mörder, Schutz bei ihr sucht, schlägt sie ihm einen ungewöhnlichen Deal vor. Sie hilft ihm bei der Flucht und im Gegenzug muss er sie umbringen. Zögerlich geht Timo auf den Deal ein. Für die beiden beginnt eine lange Reise... Das eindrucksvoll im CinemaScope-Format eingefangene Bild, mit dem der Film beginnt, macht große Hoffnung. Sie zeigt die junge Protagonistin bei ihrem vergeblichen Versuch, sich in die Tiefe zu stürzen. Je weiter jedoch der Film fortschreitet, desto mehr wird die Hoffnung zerschlagen. Das liegt weniger am Kameramann Stephane Kuthy, der durchweg kinogerechte Bilder abliefert, als am Drehbuch des Films. Warum sich Adele unbedingt das Leben nehmen möchte, wird nie richtig erklärt. Der Unfalltod des Bruders alleine kann es kaum sein. Auch die Konstellation von Mädchen und Mörder zueinander wirkt ziemlich künstlich. Wie vieles andere auch. Da gibt es beispielsweise die Szene, in der Timo zusammen mit Adele seinen Bruder in Marseille aufsuchen, um Geld zu bekommen. Obwohl das Haus des Bruders von der Polizei überwacht wird, haben ein Kampf oder sonstige lautstarke Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern keinerlei Auswirkungen. Derlei Szenarien machen es dem Zuschauer nicht gerade einfach, den Film ernst zu nehmen. Immerhin geben die Hauptdarsteller ihr Bestes, um ihre Rollen möglichst authentisch zu spielen. Besonders Nachwuchstalent Maria Dragus als Adele verdient hier Erwähnung.

ROCK OF AGES (1:2.35, DD 5.1)
OT: Rock Of Ages
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Adam Shankman
Darsteller: Julianne Hough, Diego Boneta, Paul Giamatti, Russell Brand, Mary J. Blige, Malin Akerman, Bryan Cranston, Catherine Zeta-Jones, Alec Baldwin, Tom Cruise
Kinostart: 14.06.2012

Ein Mädchen aus der Provinz kommt Ende der achtziger Jahre nach Los Angeles, um eine Karriere als Sängerin zu starten. Dort lernt sie einen netten Kerl kennen, der ihr sogar einen Job als Bedienung im angesagten Rock-Club “The Bourbon Room” besorgt. Die beiden verlieben sich ineinander. Doch die Romanze endet jäh, als Er einem Irrtum unterliegt und meint, Sie hätte ein Nummer mit Stacee Jaxx geschoben, jenem Ober-Rocker, dem alle Mädels zu Füßen liegen... ROCK OF AGES ist die typisch (amerikanische) “Boy meets Girl”-Geschichte, die schon in so vielen Filmen durchexerziert wurde. Dieses Mal eben als Musical. Angesiedelt im Jahre 1987 werden auf der Tonspur des Films zahllose Evergreens der Rock-Geschichte rezitiert. Ein Erfolgsrezept, das bereits mit MAMMA MIA die Kassen klingeln ließ. Für mich persönlich jedoch gelang es nur einem einzigen Film bzw. Musical, die bereits vorhandenen Songs überzeugend zu einem großen Ganzen zu verbinden: MOULIN ROUGE. Davon ist ROCK OF AGES Meilen entfernt und muss sich darüber hinaus auch noch mit der ein oder anderen Fehlbesetzung herumschlagen. Catherine Zeta-Jones etwa, die als Frau des Bürgermeisters für die Schließung des Rock-Tempels “Bourbon Room” kämpft, beweist einfach nur, dass sie für eine Musical-Rolle vollkommen ungeeignet ist. Tom Cruise als überdimensionale Rock’n Roll Sex-Maschine mit ständig entblößtem Oberkörper erinnert in seiner Rolle irgendwie an den Guru, den er in MAGNOLIA spielte. Das sich findende und wieder trennende Liebespaar wird von Julianne Hough und Diego Boneta gespielt, beides Nachwuchsstars aus der Retorte könnte man fast meinen: jung, schön, oberflächlich. Identifikationspotenzial? Fehlanzeige. Da sind dann Schwergewichte wie Paul Giamatti als schmieriger Manager und Alec Baldwin als langhaariger und bärtiger Club-Besitzer schon ganz andere Kaliber. ROCK OF AGES ist zwar gut fotografiert, dafür aber weniger gut choreographiert. Irgendwie haben es die Amerikaner verlernt ihren Musicals das gewisse Etwas mitzugeben. Vielleicht lag es aber auch einfach nur daran, dass der Film wesentlich lauter hätte vorgeführt werden sollen. Denn Rock-Musik sollte man nicht nur hören, sondern auch spüren!
Mittwoch, 06. Juni 2012
Mehr als nur ein Handicap
Heute stand schon wieder eine belgische Produktion auf dem Menü-Plan...

HASTA LA VISTA (1:2.35, DD 5.1)
OT: Hasta La Vista
Verleih: Ascot Elite
Land/Jahr: Belgien 2011
Regie: Geoffrey Enthoven
Darsteller: Robrecht Vanden Thoren, Gilles De Schryver, Tom Audenaert
Kinostart: 12.07.2012

Lars, Philip und Jozef verbindet eine ganz besondere Freundschaft. Nicht nur sind sie alle etwa Anfang bis Mitte 20, sie haben alle auch ein Handicap. Lars ist von einer voranschreitenden Krankheit an den Rollstuhl gefesselt, Philip ist vom Hals abwärts gelähmt und der scheue Jozef ist fast vollkommen blind. Und noch eine Sache vereint das Trio: keiner von ihnen hatte bisher Sex! Und genau das soll sich jetzt ändern. Das “El Cielo” in Spanien ist ihr Traumziel – ein Bordell, das auf behinderte Klientel eingestellt ist. Der Urlaub muss natürlich den fürsorglichen Eltern gegenüber als Wein-Tour getarnt werden. Dass die drei Freunde entgegen ihren Plänen aber plötzlich in einem heruntergekommenen Kleinbus kutschiert werden, dessen Fahrer sich auch noch als übergewichtige Frau entpuppt, sind nur ein paar der Probleme... Geoffrey Enthoven erzählt in seinem Film von der Liebe und von Freundschaft, aber auch von Humor, mit dem sich jede schmerzvolle Erfahrung meistern lässt. Doch es ist auch gerade der Humor, der in diesem Film nicht so recht zündet. Dabei wäre das aber sehr wichtig gewesen, um die Melancholie und Trauer, die hier immer mitschwingt, im Zaum zu halten. Dafür sind aber die vier Protagonisten dieses Road-Movies gut ausgewählt, insbesondere Tom Audenaert als der extrem sehbehinderte Jozef. Eine kleine Warnung: wer hier einen Film wie ZIEMLICH BESTE FREUNDE gemischt mit SEX ON THE BEACH erwartet, läuft große Gefahr, enttäuscht zu werden.
Dienstag, 05. Juni 2012
Eine Frau bricht auf
Gegenüber der vorigen Woche erleben wir in dieser Woche eine hundertprozentige Steigerung der Pressevorführungsaktivitäten in Stuttgart – vier statt nur zwei!

DAS HAUS AUF KORSIKA (1:2.35, DTS Stereo)
OT: Au Cul Du Loup
Verleih: Schwarz-Weiss (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Belgien 2011
Regie: Pierre Duculot
Darsteller: Christelle Cornil, François Vincentelli, Jean-Jaques Rausin
Kinostart: 12.07.2012

Bis zum Schluss pflegte sie ihre Großmutter liebevoll. Jetzt hat Christine mit gerade einmal 30 Jahren ein Haus von ihr geerbt. Aber es ist nicht etwa ein Haus in Charleroi, jener kleinen belgischen Stadt, in der Christine mit ihrem Freund zusammen wohnt und jobbt. Das Haus, von dem die ganze Familie nichts wusste, steht in einem kleinen Kaff auf Korsika! Obwohl alle ihr raten, das Haus so schnell wie möglich zu verkaufen, will Christine es sich erst einmal ansehen. Das führt zum Streit mit ihrem Freund, den sie darauf einfach sitzen lässt und Hals über Kopf nach Korsika fährt. Bald schon kommt die Ernüchterung: das Haus ist vollkommen renovierungsbedürftig, die Bewohner des 12-Seelen-Dorfes gewöhnungsbedürftig. Doch die phantastische Natur und die Begegnung mit einem Ziegenhirten ändern alles... Pierre Duculot, schon immer von Korsika fasziniert, erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die es tatsächlich wagt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich ihrem Schicksal zu stellen. Eine Entscheidung, die nur Wenige treffen und stattdessen ein wenig befriedigendes und angepasstes Leben führen. Die Oma wird sich schon etwas dabei gedacht haben, als sie ihr das Haus vermachte, vermutet die Protagonistin. Und es stimmt. Je länger sich Christine auf Korsika aufhält, umso mehr dringt sie in ihre Familiengeschichte vor und lernt dabei auch die unglaubliche Natur zu lieben. Und die wird Dank Hichame Alaouie großartig in CinemaScope-Bildern eingefangen. Christelle Cornil in der Rolle der Christine ist sehr authentisch und gewinnt die Sympathie des Publikums. Perfekt gesetzte musikalische Akzente runden den Film ab.
Freitag, 01. Juni 2012
Wagner, seine Musik und die Nazis
Die zweite und letzte Pressevorführung dieser Woche gab es leider nur von DVD zu sehen. Zu hoffen ist, dass die in den Kinos eingesetzten DCPs von besserer Güte sein werden.

WAGNER & ME (1:1.85, Stereo)
OT: Wagner & Me
Verleih: Film Kino Text
Land/Jahr: Großbritannien 2010
Regie: Patrick McGrady
Darsteller: Stephen Fry
Kinostart: 21.06.2012

Für Stephen Fry, den britischen Charakterdarsteller und begeisterten Richard Wagner Fan, geht ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung: er hat nicht nur nach Jahren des Wartens eine der begehrten Eintrittskarten zu den Bayreuther Festspielen in der Tasche, er darf auch zusätzlich noch mehrere Tage lang hinter die Kulissen der dieser pompösen Veranstaltung blicken. Dabei treibt ihn persönlich eine ganz spezielle Frage um. Darf er als Jude, dessen Verwandte im Konzentrationslager umgekommen sind, überhaupt die Musik des Richard Wagner genießen? Die Frage ist durchaus berechtigt. Denn nicht nur galt Wagner als der Lieblingskomponist des “Führers”, sondern bekannte sich zu Lebzeiten selbst zum Antisemitismus. Um alles zu verstehen schickt Regisseur Patrick McGrady seinen Star Stephen Fry nicht nur nach Bayreuth. Auch St. Petersburg, London und Nürnberg sowie die Schweiz sind Frys Reiseziele auf der Suche nach einer Antwort. Auch wenn man Wagners Musik nicht mag, so lässt man sich bereitwillig von Frys diebischer Freude, die er angesichts des Besuches in Bayreuth empfindet, wahrhaftig anstecken. Dazu gibt der Film in sehr unterhaltsamer Weise einen Einblick in das Schaffen Richard Wagners, seine Bedeutung in der Musikgeschichte und sein Privatleben, das von ständigen Schulden geprägt war. WAGNER & ME ist eine tolle Musikdokumentation mit politischem Anspruch. Sehenswert.


© 2009-2018 Wolfram Hannemann
Datenschutzerklärung
All displayed Logos and Product Names may be ©, TM or ® by their respective rights holding companies.
No infringement intended.