Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Freitag, 31. August 2012
Unterwegs in Afrika und Amerika
Die letzten beiden Pressevorführungen der Woche – und danach gleich ins Fantasy Filmfest!

DIE ABENTEUER DER KLEINEN GIRAFFE ZARAFA (1:2.35, DD 5.1)
OT: Zarafa
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich, Belgien 2011
Regie: Rémi Bezançon, Jean-Christophe Lie
Kinostart: 11.10.2012

Auf der Flucht vor einem skrupellosen Sklavenhändler flieht der kleine Maki in den afrikanischen Busch. Dort trifft er auf eine Giraffe und deren Junges. Als die Giraffenmutter getötet wird, verspricht Maki ihr, auf das Giraffenkind aufzupassen. Da erscheint der Nomade Hassan, der die kleine Giraffe als Geschenk für den französischen König an sich nimmt. Maki folgt ihm auf Schritt und Tritt. Ein großes Abenteuer beginnt... Rémi Bezançon und Jean-Christophe Lie haben sich mit ihrem Animationsfilm gründlich von der Friede-Freude-Eierkuchen-Welt von Disney & Co. entfernt. Themen wie Sklaverei, Krieg und Mord sind die Elemente ihrer Geschichte und damit eigentlich nichts für kleine Kinder – obgleich sie offensichtlich genau auf diese Klientel abzielen. Das verdeutlichen jene Szenen, in denen der alte Erzähler seine Geschichte vor der versammelten Dorfjugend ausbreitet. Doch was die Geschichte und deren Moral angeht, so sind diese an manchen Stellen etwas zweifelhaft. So wird beispielsweise der Zoo, in dem die junge Giraffe am Ende landet, als das Beste, was ihr je widerfahren konnte, dargestellt. Die Animation selbst ist ordentlich gemacht und steht im Kontrast zu den überzüchteten Hochglanz-Computeranimationen der jüngsten Zeit. Besonders gut gelungen sind die Wüstenszenen, die zusammen mit der Filmmusik eine Reminiszenz an LAWRENCE VON ARABIEN aufblinzeln lassen.

ON THE ROAD – UNTERWEGS (1:2.35, DD 5.1)
OT: On The Road
Verleih: Concorde
Land/Jahr: Frankreich, Großbritannien, USA 2011
Regie: Walter Salles
Darsteller: Garrett Hedlund, Sam Riley, Kristen Stewart, Amy Adams, Tom Sturridge, Danny Morgan, Alice Braga, Kirsten Dunst, Viggo Mortensen, Marie-Ginette Guay, Giovanna Zacarias, Steve Buscemi
Kinostart: 04.10.2012

USA nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Tod seines Vaters lernt der angehende Schriftsteller Sal Paradise den charismatischen Dean Moriarty kennen. Dessen Lebenshunger reisst Sal aus seiner Lethargie und er schließt sich ihm an gen Westen zu gehen. Fast immer abgebrannt taumeln die beiden fortan zwischen Frauen, Sex, Drogen und dem Jazz. Ähnlich wie in Terry Gilliams FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS geht es auch in ON THE ROAD eigentlich nur um zwei Dinge: Sex und Drogen. Die Verfilmung des Kultbuches von Jack Kerouac erweist sich damit als überlanges und langweiliges Road-Movie, in dessen Mittelpunkt die Freundschaft zweier ungleicher Männer steht. Was vielleicht noch als Stoff für einen Roman funktionieren mag, läuft als Verfilmung ziemlich schief und dürfte eigentlich nur für Kenner der Romanvorlage von Interesse sein.
Donnerstag, 30.08.2012
Woody Allen und die Liebe in Paris
Jetzt ist Woody sogar in einem französischen Film präsent!

PARIS MANHATTAN (1:1.85, DD 5.1)
OT: Paris Manhattan
Verleih: Senator
Land/Jahr: Frankreich 2012
Regie: Sophie Lellouche
Darsteller: Alice Taglioni, Patrick Bruel, Marine Delterme
Kinostart: 04.10.2012

Alice ist zwar etwas neurotisch, dafür aber gut aussehend und schlagfertig. Die Apothekerin Mitte 30 braucht keinen Mann an ihrer Seite – sie hat Woody Allen. Wann immer sie Kummer hat oder einen Rat braucht, unterhält sie sich mit dem riesigen Woody-Poster, das in ihrer Wohnung hängt. Und der Stadtneurotiker spricht sogar mit ihr – in Englisch, so wie das sich gehört. Alices Eltern versuchen ihre Tochter in schöner Regelmäßigkeit mit einem Mann zu verkuppeln. Doch Alice bleibt stets standhaft. Mit einer kleinen Ausnahme: der Alarmanlageninstallateur Victor erscheint ihr sehr interessant. Der aber ist offensichtlich auf keine Eroberung aus... Wie die Protagonistin in ihrem Film so ist auch Regisseurin Sophie Lellouche bekennender “Woody Allen”-Fan. Da wundert es nicht, dass sie Alice anstelle von Medikamenten auch gerne einmal ein paar DVDs mit den Filmen des Meisters an die Kunden verteilen lässt – einer für morgens, einer für mittags und einer für abends. Für ihre leichtfüßige Romantik-Komödie ist es Sophie Lellouche sogar gelungen, ihr Regie-Vorbild für einen Gastauftritt zu gewinnen. Ein genialer Schachzug, auf den man gar nicht gefasst ist. Und Allen wird den ganzen Film über mit Originalstimme zitiert und so seine Ansichten zum Leben und zur Liebe mit der schönen Alice teilen. Auch wenn dem Film insgesamt etwas der Pfeffer fehlt, so macht man mit den gerade einmal “Woody Allen”- konformen 80 Minuten Spielzeit nichts kaputt.
Mittwoch, 29. August 2012
Kleine Fluchten
Tier fliehen durch ganz Europa vor einer gandenlosen Häscherin, während in den USA zwei wildfremde Menschen gemeinsam versuchen, dem Ende der Welt zu entrinnen. Mein Mittwochsprogramm.

MADAGASCAR 3: FLUCHT DURCH EUROPA (1:1.85, 3D, DD 5.1 & 7.1)
OT: Madagascar 3: Europe’s Most Wanted
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Eric Darnell, Tom McGrath, Conrad Vernon
Kinostart: 02.10.2012

Löwe Alex und seine Freunde sitzen in Afrika fest. Das ist zwar korrekt artgerecht, aber die Zootiere haben Heimweh nach ihrem Zoo in New York, in dem sie so viele Jahre haben leben dürfen. Da nützt dann auch die New York Attrappe nichts, die Alex zu seinem Geburtstag erhält. Also beschließen die Kameraden, sich auf den Heimweg zu machen. Dafür aber benötigen sie das Flugzeug der Pinguine, die gerade in Monaco gemeinsam mit den Äffchen die Spielbank knacken. Kaum dort angekommen, werden sie von einer besessenen Tierfängerin gejagt. Den Gejagten bleibt nichts anderes übrig, als sich bei einem Wanderzirkus zu verstecken. Wenn sie wüssten, auf was sie sich da eingelassen haben... Die Pinguine sind wieder zurück! Einmal mehr ist es der kleine Trupp schwarz-weißer Elitesoldaten, die den Film rettet. Denn wären nicht die souverän und mit technischer Raffinesse agierenden kleinen Helfer, so würde MADAGASCAR 3 ziemlich schnell absaufen. Gemeint ist damit: richtig zündende Gags hat die dritte Auflage leider nicht anzubieten. Technisch zwar gut umgesetzt, fehlt es dem Animationsfilm an grandiosen Einfällen. Hier hat man fast schon das Gefühl, dass es sich um einen fürs Fernsehen gestrickten Film handelt, den man mal eben noch durch die Kinos klatschen möchte. Um nicht falsch verstanden zu werden: kleine Zuschauer werden ganz bestimmt ihren Spaß damit haben, wenn die französische Tierfängerin in schöner Regelmäßigkeit eins auf die Mütze kriegt. Erwachsenen aber wird es schwerfallen, den ganzen Film über wach zu bleiben.

AUF DER SUCHE NACH EINEM FREUND FÜRS ENDE DER WELT (1:2.35, DD 5.1)
OT: Seeking A Friend For The End Of The World
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Lorene Scafaria
Darsteller: Keira Knightley, Steve Carell, Connie Britton
Kinostart: 20.09.2012

Es sind gerade einmal 21 Tage bis zum Weltuntergang. Sämtliche Versuche, den gigantischen Meteoriten, der auf die Erde zurast, aufzuhalten, sind gescheitert. Was also noch tun, wo das sichere Ende bereits vor der Tür steht? Während die einen sich wildem Sex hingeben, andere blindwütig alles zerstören und noch andere ihr Leben weiterleben, als gäbe es kein Ende, fast Versicherungskaufmann Dodge den Entschluss, seine alte Jugendliebe aufzusuchen. Begleitet wird er von Zufallsbekanntschaft Penny, die verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, ihre Familie in England zu besuchen, bevor es zu spät ist. Die beiden begeben sich auf einen Roadtrip durch Amerika, auf dem sie nicht nur skurrile Personen, sondern auch sich gegenseitig kennenlernen... Dass das Ende der Welt etwas ästhetisch Wunderbares sein kann, hat unlängst Lars von Trier mit MELANCHOLIA bewiesen. Dass man aber den Weltuntergang mit einer herzzerreissenden Liebesgeschichte koppeln kann, ist neu. Lorene Scafaria erzählt eine solche Geschichte. Und sie tut es so souverän, dass man am Ende des Films Mühe haben wird, Tränen zu unterdrücken. Nicht etwa, weil es so verdammt kitschig wäre. Ganz im Gegenteil: man verspürt Freude und Trauer für das von Keira Knightley und Steve Carell gespielte Paar, das sich auf ihrem Roadtrip näherkommt. Was hätte aus den beiden werden können, wenn ihnen nicht der verdammte Weltuntergang in die Quere gekommen wäre. Scafarias Film spielt aber auch einige Szenarien durch, die zeigen, wie sich Menschen im Angesicht des nahenden Weltuntergangs verändern. Man sucht nach Vergebung, will längst fällige Rechnungen begleichen und sich in kein Schema mehr pressen lassen. Automatisch beginnt man während des Films nachzudenken, was man selbst wohl in einer solchen Situation machen würde. Somit regt die tragikomische Geschichte sogar zum Denken an. Der Film ist als Date-Movie der besonderen Art bestens geeignet.
Dienstag, 28. August 2012
Die isolierte Frau
Einen Filmtag deprimierender Art habe ich heute hinter mich gebracht. Wie nur lösche ich diese Filme aus meinem Gedächtnis?

DIE WAND (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Österreich, Deutschland 2011
Regie: Julian Roman Pölsler
Darsteller: Martina Gedeck, Karlheinz Hackl, Ulrike Beimpold
Kinostart: 11.10.2012

Eine Frau reist mit einem befreundeten Paar in die österreichischen Alpen. Dort will man gemeinsam jagen. Als die Jagdhütte erreicht ist, verlässt das Paar die Hütte um zu Fuß ins Dorf zu gehen. Am nächsten Morgen sind die beiden noch immer nicht zurück. Die Frau macht sich auf die Suche und muss überrascht feststellen, dass das gesamte Gebiet von einer undurchdringbaren und unsichtbaren Wand umschlossen ist. Menschen, die sie auf der anderen Seite der Wand sieht, sind regungslos erstarrt. Eine lange Einsamkeit nimmt ihren Lauf... Den ganzen Film über lauscht man dem Bericht, den Martina Gedeck in der Rolle der isolierten Frau einsam und verlassen in der Berghütte schreibt. Zeile um Zeile erfahren wir mehr über ihr Innenleben, die Freundschaft zu dem Hund, der ihr noch geblieben ist, die weisse Katze, die sich zu ihr gesellt, die Kuh, die ein Kalb gebärt und schlussendlich auch noch der weisse Rabe, der schon immer auf sie wartete. Mit seinem Film beweist Regisseur Julian Roman Pölsler, dass die Buchvorlage von Marlen Haushofer nicht verfilmbar ist. Was sich auf der Metaebene vermutlich die dunklen Gedanken einer in Depressionen verfallenen Frau darstellt, bietet für die Kinoleinwand zu wenig Potenzial um interessant zu sein. So ergeht sich der Film in schier endlosen Monologen, die von Frau Gedeck sehr emotionslos vorgetragen werden. Will man sich damit auseinandersetzen, so empfiehlt sich der Griff zum Buch. Nur dort werden innere Monologe zu einer spannenden Sache.

Martina Gedeck und Julian Roman Pölsler zu Gast in Stuttgart

LORE (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Piffl
Land/Jahr: Deutschland, Australien, Großbritannien 2012
Regie: Cate Shortland
Darsteller: Saskia Rosendahl, Nele Trebs, Kai Malina
Kinostart: 01.11.2012

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges irgendwo im Schwarzwald. Lores Eltern, überzeugte Nazis, machen sich aus dem Staub und überlassen die Kinder ihrem Schicksal. Gemeinsam mit ihren jüngeren Geschwistern macht sich die 15jährige Lore auf den Weg nach Hamburg, um dort ihre Großmutter aufzusuchen. Auf ihrer mühsamen Wanderschaft lernen die Kinder die gesamte Grausamkeit des Krieges kennen. Und Lore muss bald erkennen, dass ihre Eltern dabei nicht zu den Guten gehören... Ziemlich wirr gestaltet sich Cate Shortlands deprimierende Kriegsgeschichte. Als Zuschauer weiß man nie, wo sich die Protagonisten eigentlich befinden. Die Personen, auf die sie treffen, werden nicht weiter eingeführt und verschwinden genauso plötzlich wieder. Die Kamera interessiert sich hauptsächlich für Füße und andere skurrile Details, die sie dann großformatig ins Bild rückt und damit versucht, ihnen eine große Bedeutung zu geben. Max Richters Musik wirkt wie aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Sie sollte möglicherweise einen vollkommen missglückten Film noch retten. Leider kann sie es nicht.
Montag, 27. August 2012
Beziehungskisten
Die volle Pressewoche eröffnete bereits am heutigen Montag mit einer angenehmen Überraschung.

DREI ZIMMER / KÜCHE / BAD (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Zorro
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Dietrich Brüggemann
Darsteller: Jacob Matschenz, Katharina Spiering, Anna Brüggemann, Robert Gwisdek, Alice Dwyer, Aylin Tezel, Amelie Kiefer, Daniel Nocke, Corinna Harfouch, Herbert Knaup
Kinostart: 04.10.2012

Die Generation Praktikum hat es nicht leicht, weiß sich aber zu helfen. Denn die acht Freunde, die im Mittelpunkt von Dietrich Brüggemanns Film stehen, unterstützen sich gegenseitig beim Umziehen von der einen WG in eine andere WG. Sogar über große Distanzen hinweg wie etwa von Berlin nach Stuttgart und von Freiburg nach Berlin. Aus den unterschiedlichen WG-Konstellationen entspringen in schöner Regelmäßigkeit auch neue (Liebes)Beziehungen. Und es werden alte Beziehungen wieder neu gekittet. Beobachtet werden die Liebesturbulenzen innerhalb eines Jahres: vom Winter bis zum Sommer. Zugegeben: die Beziehungskonstellationen in dieser Komödie mit Tiefgang sind nicht immer einfach zu verfolgen. Das liegt einmal daran, dass sich junge Menschen manchmal sehr ähnlich sehen, aber auch an der oft schnellen Schnittfolge, die zwischen Berlin und Stuttgart hin- und herspringt. Doch hat man sich erst einmal an diesen Rhythmus gewöhnt, so eröffnet sich einem ein wunderbarer Film mit viel Ironie und einigen tiefschürfenden Gedanken zum Erwachsenwerden. Viele der gezeigten Situationen kennt man vermutlich aus seinem eigenen Leben und da tut es richtig gut, wenn man sieht, dass andere mit ähnlichen Problemen konfrontiert werden. Die Jugendfilme, mit denen John Hughes die 1980er-Jahre bereicherte, hatten ein ähnliches Flair wie Dietrich Brüggemanns flott inszenierter Film. Auch hier gibt es immer wieder Passagen, in der nur noch Musik die Tonspur einnimmt, während die Bilder die Geschichte weitererzählen. Zudem weiß Kameramann Alexander Sass das CinemaScope-Format vorzüglich zu nutzen: die Darsteller agieren auch links und rechts und sind nicht nur brav mittig angeordnet. Zum Lachen und Schmunzeln gibt es gleich ein ganzes Sortiment von Einfällen. Das fängt bei den fürchterlichen Weihnachtsfeiern in den Elternhäuser an (das eine Elternpaar eröffnet ihren Kindern, dass sie schon seit 20 Jahren kein Paar mehr sind und das andere Elternpaar zofft sich vor den Augen ihrer Tochter) und setzt sich fort in der deprimierendsten Silvesterfeier der Filmgeschichte. Und das handverlesene Darstellerensemble präsentiert ein ganzes Heer unterschiedlichster Charaktere, bei dem jeder Zuschauer eine eigene Identifikationsfigur finden dürfte. So macht Kino richtig Spaß.

Interview mit Regisseur Dietrich Brüggemann
Filmpremiere in der Schauburg, Karlsruhe
Freitag, 24. August 2012
American Psychos
Die letzte Pressevorführung in dieser Woche entließ mich mit großer Enttäuschung in mein Wochenende.

DIE HOCHZEIT UNSERER DICKSTEN FREUNDIN (1:2.35, 5.1)
OT: Bachelorette
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Leslye Headland
Darsteller: Kirsten Dunst, Isla Fisher, Lizzy Caplan
Kinostart: 25.10.2012

Becky ist ihre dickste Freundin – im wahrsten Sinne des Wortes. Umso unfassbarer erscheint es Regan, Katie und Gena, dass ausgerechnet sie die Erste in ihrem Bunde ist, die heiraten wird! Denn – so die Meinung der sehr unterschiedlichen, aber schlanken Geschöpfe – würde jeder von ihnen dieses Glück mehr zustehen als “Mopsgesicht” Becky. Jetzt gilt es natürlich, das Beste daraus zu machen. Ins Amerikanische übersetzt heisst das: eine Junggesellinnenabschiedsfeier. In ihrem Übermut (und einer entsprechenden Menge Alkohol intus) schlüpfen zwei der Schlanken gemeinsam in Beckys XXXL-Brautkleid. Das Ergebnis: es zerreisst! Jetzt ist guter Rat teuer: woher bekommt man nachts in New York noch einen Schneider und wie sorgt man dafür, dass Becky von all dem nichts mitbekommt? Angefangen hat alles damit, dass Leslye Headland ein ernstes Theaterstück über die moderne amerikanische Frau geschrieben hat. Das Stück aber wurde vom Publikum als Komödie aufgefasst und generierte viele Lacher. Frau Headland fand das im Nachhinein dann auch ganz prima und erkannte das komödiantische Potenzial ihres Dramas. Und so hat sie nun ihr Komödien-Drama auch für die große Leinwand adaptiert. Was dabei allerdings herausgekommen ist taugt weder als Drama noch als Komödie, sondern höchstens als Schlaftablette. Dagegen hatte sogar BRAUTALARM (vielleicht erinnern Sie sich: im Gegensatz zum Publikum mochte ich diesen Film ganz und gar nicht) noch richtige Lacher zu bieten. Die in Headlands Film gezeigten Charaktere sind viel zu uninteressant, als dass man mit ihnen Freundschaft schließen könnte. Sie können zwar gut und gerne koksen, sich ausführlich und en detail über einen “Blow Job” unterhalten und vollkommen außer Rand und Band agieren, aber es fehlt ihnen eigentlich jedwede Herzlichkeit. Woher soll die auch kommen bei soviel Oberflächlichkeit? Fazit: diese Komödie ist wahrhaftig ein Drama.
Donnerstag, 23. August 2012
Macht Schuld glücklich?
Ein gut bebildertes und gut gespieltes Drama verschaffte sich in der heutigen Pressevorführung Gehör.

GNADE (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Deutschland, Norwegen 2012
Regie: Matthias Glasner
Darsteller: Jürgen Vogel, Birgit Minichmayr, Henry Stange
Kinostart: 18.10.2012

Niels und Maria wagen einen kompletten Neuanfang: gemeinsam mit Sohn Markus wandern sie nach Norwegen aus, wo Niels einen gut bezahlten Job in einem Gasverflüssigungswerk annimmt, während Maria auf der Sterbestation eines Krankenhauses jobbt und Markus seinen Platz in der Schule erst noch erkämpfen muss. Nur die andauernde Dunkelheit und Kälte des Landes macht ihnen allen zu schaffen. Was eigentlich als neue Chance für die Beziehung zwischen Niels und Maria gedacht war, entzweit die Eheleute nur noch mehr. Niels beginnt eine Affäre mit einer Kollegin. Doch dann ereignet sich ein Unfall: in pechschwarzer Nacht kollidiert etwas mit Marias Auto. War es ein Tier oder gar ein Mensch? Maria fährt weiter. Und nichts wird mehr so sein wie es einmal war. Matthias Glasners beeindruckend fotografierter Film geht der Frage nach, ob Schuld dazu gehört, um glücklich zu werden. Je weiter seine Protagonisten in Schuld versinken, desto näher kommen sie sich wieder. Gemeinsam ist man stark. Doch wird ihre Schuld jemals Vergebung erfahren? Es braucht Geduld, bis klar wird, in welche Richtung Glasner seinen Film entwickeln möchte. Es gibt zu viele Nebenhandlungen, wie etwa jene, in der Markus und sein Schulkamerad mit einer echten Waffe hantieren. Neben den Bildern aber beeindruckt auch der imposante Soundtrack des Films, auf dem dynamische, fast schon sakrale Chöre erklingen. Und last but not least bietet der Film mit Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr zwei äußerst überzeugende Hauptdarsteller, die einen Großteil ihrer Dialoge sogar tapfer in Norwegisch absolvieren.

Jürgen Vogel und Matthias Glasner zu Gast in Stuttgart
Mittwoch, 22. August 2012
Der alte Mann und sein Pflegeroboter
Nur drei Pressevorführungen diese Woche – und die erste gab es heute.

ROBOT & FRANK (1:2.35, DD 5.1)
OT: Robot And Frank
Verleih: Senator
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Jake Schreier
Darsteller: Frank Langella, James Marsden, Liv Tyler, Susan Sarandon
Kinostart: 25.10.2012

Seine Karriere hat Frank in der Juwelenbranche gemacht – als Dieb. Dafür hat er über zehn Jahre lang im Knast gesessen. Jetzt ist er Rentner und schon leicht vergesslich geworden, was er jedoch gerne ignoriert. Nicht jedoch seine Kinder. Sohn Hunter steht eines Tages plötzlich mit einem Pflegeroboter vor Franks Tür. Widerwillig nimmt er die Maschine an. Immerhin kann sie kochen und putzen. Erst ganz allmählich gewöhnt sich Frank an seinen neuen Freund. Schließlich hat er eine zündende Idee: der Roboter soll mit ihm auf Bruch gehen. Dazu erhält der kleine Kerl eine Schnellbleiche in Sachen Schlösser knacken. Und das perfekte Opfer hat Frank auch schon auserkoren... Jake Schreiers Spielfilmdebüt spielt zwar in der Zukunft, doch angesichts der enormen Fortschritte in der Robotik dürfte diese Zukunft nicht mehr sehr weit entfernt sein. Frank fühlt sich in dieser Zukunft wie ein Fossil – und wird auch als solches behandelt. Er weiß noch, was ein auf Papier gedrucktes Buch ist. Mit dem ganzen modernen Kram kann er sich nicht anfreunden. Und Frank Langella spielt diesen Frank einfach grandios. Man kann richtig mit ihm mitfühlen und versteht, wie es ihm geht, wenn er den Eindruck hat, dass man ihn einfach nur abschieben möchte. Der Gesellschaft eines Roboters zieht er doch jene einer gut aussehenden Bibliothekarin aus Fleisch und Blut vor! Die Interaktion zwischen Langella und dem Roboter funktioniert so gut, dass man sogar Gefühle für diese Maschine aufbauen kann. Mit Susan Sarandon als Bibliothekarin, Liv Tyler als Franks Tochter Madison und James Marsden als Sohn Hunter ist der Film auch in den Nebenrollen gut besetzt. Und wer da glaubt das Ende der Geschichte bereits zu kennen, dem darf verraten werden, dass das Drehbuch von Christopher D. Ford noch eine Überraschung bereithält.
Sonntag, 19. August 2012
Ein Fall wird aufgerollt
Einen beklemmenden Dokumentarfilm habe ich mir für den heutigen Hitzerekordtag aufgehoben.

REVISION (1:1.85, Stereo)
Verleih: RealFiction
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Philip Scheffner
Kinostart: 13.09.2012

1992 finden Bauern auf einem Ackerland in Mecklenburg-Vorpommern zwei männliche Leichen. Als sie Hilfe holen wollen, sehen sie hinter sich das Ackerland in Brand geraten. Was ist passiert? Erste Ermittlungen ergeben, dass es ich um zwei rumänische Staatsbürger handelte, die bei Nacht über die polnische Grenze nach Deutschland kommen wollten. Mit Wildschweinen verwechselt, seien sie versehentlich von Hobby-Jägern erschossen worden. Doch es gibt Ungereimtheiten. Handelte es sich womöglich um einen Doppelmord mit rassistischem Hintergrund? Auf die Frage, wie sie denn einen Film über die beiden getöteten Rumänen beginnen würden, erhält Filmemacher Philip Scheffner die unterschiedlichsten Antworten. Diese reichen von “Mit etwas Schönem” (Antwort der Hinterbliebenen) bis hin zu “Mit der Tatnacht” (ein in die Ermittlung Involvierter). Genauso unterschiedlich sind auch die Ergebnisse der mit dem Fall beauftragten Ermittler. In seinem Dokumentarfilm enthüllt der Regisseur erst ganz allmählich das wahre Ausmaß des Verbrechens. Sein Film verdichtet sich zunehmend zu einer beklemmenden Bestandsaufnahme über unhaltbare Zustände im Rechtsstaat Deutschland. Nicht nur werden grobe Schlampereien bei den Untersuchungen aufgedeckt (Parallelen zu den jüngsten Neo-Nazi-Verbrechen sind erkennbar!), auch die Art und Weise, wie mit den Hinterbliebenen verfahren wurde, spottet jeder Beschreibung: kein Einziger wurde über die Strafprozesse informiert geschweige denn dazu eingeladen. Durch die eigenwillige Bild- und Tongestaltung, in der oftmals die Interviewpartner gezeigt werden, während diese sich das bisher Aufgenommene ansehen und anhören, erhält der Film selbst den Anstrich eines Ermittlungsverfahrens. Mit REVISION ist ein interessanter und beeindruckender Dokumentarfilm zur aktuellen deutschen Zeitgeschichte gelungen, der zur Diskussion auffordert.
Samstag, 18. August 2012
Das merkel ich mir
Wenn die Angie mit dem Udo auftritt, dann kann das nur ein Double sein. Der heutige Dokumentarfilm beweist es.

DOPPELLEBEN (1:2.35, 5.1)
Verleih: Camino (Neue Visionen)
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Douglas Wolfsperger
Darsteller: Susanne Knoll, Marianne Schätzle, Lothar Wunderlich
Kinostart: 30.08.2012

Auf den ersten Blick ist sie kaum von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu unterscheiden. Gestik, Körperhaltung, Mimik, Kleidung – Susanne Knoll hat allen Grund Stolz zu sein. Sie ist das erste Merkel-Double, sozusagen das Original unter den Doppelgängern. In seinem Dokumentarfilm erzählt Douglas Wolfsperger davon, wie es überhaupt dazu kam und zeigt auch Szenen aus ihrem (Berufs)Alltag. Denn Susanne Knoll war nicht immer Merkel Nummer 2. Das ergab sich rein zufällig während einer Party, auf der sie ein Event-Manger entdeckte und in ihr die Idee weckte, als “Angie” aufzutreten. Knoll, damals in einer Art von Lebenskrise, nutzte die sich bietende Chance und war schon bald bei einem Künstleragenten unter Vertrag, der sich auf Doubles spezialisiert. Inzwischen agiert sie bereits im Auftrag des Originals. Wolfsperger zeigt auch, dass sich Knolls “Merkel”-Zeit inzwischen sogar auf ihr Privatleben abfärbt. Entscheidungen fallen ihr persönlich viel leichter denn je zuvor. Sie hat ein ganzes Stück Angela in sich aufgesaugt und will in der großen Politik mitmischen. Wolfsperger zeigt aber auch, dass es noch eine Konkurrentin gibt. Eine aus dem Schwabenland, die das Ganze nur aus Spaß macht: Marianne Schätzle. Es verwundert auch nicht weiter, dass Frau Knoll auf ihre unliebsame Konkurrentin nicht gut zu sprechen ist – denn schließlich ist sie das Original! Immer wieder zeigt uns Wolfsperger die Doubles – bewacht von Bodyguards, damit es auch echt wirkt – vor Berliner Kulisse posierend oder das Bad in der Menge genießend oder sich mit dem aus Leipzig stammenden Clinton-Double präsentiert. Und nicht zu vergessen: das Video, das Frau Knoll mit Udo Lindenberg aufgenommen hat: “Das merkel ich mir”. Wirklich überraschend jedoch ist die Offenherzigkeit von Knolls Agenten, der kein Blatt vor den Mund nimmt und in seiner Arroganz und überheblichen Art am Ende nicht nur Knolls Konkurrentin platt macht, sondern auch Knoll selbst. Glaube nicht alles was Du siehst – das könnte die Quintessenz aus Wolfspergers Film sein, die man mit nach Hause nehmen kann.
Donnerstag, 16. August 2012
Alptraum Sommerferien und Auftrag Rache
Diese Woche gab es leider nur ganze zwei Pressevorführungen. Da muss man dann eben das Beste daraus machen...

GREGS TAGEBUCH – ICH WAR’S NICHT (1:2.35, DD 5.1)
OT: Diary Of A Wimpy Kid 3 – Dog Days
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2012
Regie: David Bowers
Darsteller: Zachary Gordon, Devon Bostick, Rachael Harris, Steve Zahn
Kinostart: 20.09.2012

Alptraum Sommerferien! Eigentlich freut sich Greg schon lange darauf, jetzt endlich ungestört jede Menge an Videogames spielen zu können. Doch sein Daddy hat ganz anderes mit ihm im Sinn: Aktivitäten an der frischen Luft! Dem muss Greg natürlich durch List einen Riegel vorschieben und gibt vor, im Country Club einen Ferienjob angenommen zu haben. Es klappt – sein Vater ist begeistert von Gregs scheinbarer Eigeninitiative. In Wirklichkeit jedoch hängt Greg mit seinem Kumpel gemeinsam im Country Club ab und schiebt eine ruhige Kugel mit eindeutiger Absicht: seine Angebetete Holly Hills arbeitet dort... Bereits zum dritten Male und mit stets gleicher Besetzung verrät uns sein Tagebuch, womit sich Greg tagtäglich herumschlagen muss. Denn so ein Pennäler-Leben ist geprägt von extremen Peinlichkeiten. Da wird schon der Gang durch die Umkleidekabinen eines Freibads zu einem wahren Spießrutenlauf – unterstützt von einer Filmmusik, die den Ernst der Lage vortrefflich erkennt und damit Gregs Innenleben nach außen kehrt! Noch peinlicher die Aktivitäten, mit denen Gregs Vater sein Verhältnis zu seinem Sohn intensivieren möchte: ein Pfadfinderlehrgang! Und dabei haben die beiden absolut nichts gemeinsam – bis auf die Abneigung des öde langweiligen Comic, der jeden Morgen in der Tageszeitung erscheint. Und hier haben wir dann auch das eigentliche Thema des dritten Teils, in dem es um die Vater-Sohn-Beziehung geht. Das wird dann erfreulicherweise nicht so extrem peinlich behandelt wie in den AMERICAN PIE Geschichten, sondern immer so, dass man gerne darüber schmunzelt. Bis sich die beiden zusammenraufen, ist aber noch viel zu tun. Denn neben der Schmusedecke von Gregs kleinem Bruder, die ständig gegen den Familienhund verteidigt werden muss, den Epressungsversuchen durch Gregs großen Bruder und der nicht so recht in Gang kommen wollenden Liebesgeschichte mit Holly, wird auch noch die Freundschaft zwischen Greg und seinem besten Kumpel auf die Probe gestellt. Teil 3 der Geschichte hat sein Klassenziel damit erreicht: er unterhält kurzweilig.

THE EXPENDABLES 2 (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Expendables 2
Verleih: Splendid (Fox)
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Simon West
Darsteller: Sylvester Stallone, Jason Statham, Jet Li, Dolph Lundgren, Terry Crews, Randy Couture, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Liam Hemsworth, Chuck Norris, Jean-Claude van Damme, Scott Adkins, Yu Nan
Kinostart: 30.08.2012

Um eine alte Rechnung zu begleichen, werden Barney Ross und sein kleines Söldnerheer auf den Oberschurken Vilain angesetzt. Der nämlich will an ein ganzes Arsenal von Plutonium herankommen, das in einer längst vergessenen Mine irgendwo auf dem Balkan gebunkert liegt. Als Vilain jedoch Ross und seine Mannen stellt und den jungen Billy the Kid vor ihren Augen sadistisch ermordet, lautet der Auftrag: Rache! Waren im ersten Teil noch fast alle Action-Szenen derart dunkel inszeniert, dass man gar nichts sehen konnte, erfreut sich die Fortsetzung des Tageslichts. Und mehr noch. Nahm sich der erste Teil noch weitgehend ernst, so hat Simon West in Teil 2 jetzt die Notbremse gezogen und dem Film einen ironischen Anstrich verpasst, der unmissverständlich klar macht, dass dies eine Persiflage sein soll. Angesichts des extrem hohen Body Counts ist ihm dies aber nicht komplett gelungen. Doch immerhin gibt es bei diesem Rentnerausflug in die Ostgebiete ein paar gelungene Szenen, aufgepeppt mit markigen Sprüchen. Zu den besten Sprücheklopfern mausert sich ex-Gouvernator Arnold Schwarzenegger, der tatsächlich mehr als nur einen Auftritt hat. “I need a big gun!”, sagt er und betont “big”. Was auch sonst? Oder er sagt herrlich selbstironisch “I am back!”, als er sich mit schwerem Gerät Zugang zu einer verschütteten Mine verschafft und seine Kumpels befreit. Als kleinen Farbtupfer schickt Regisseur West dann den “Lone Wolf” Chuck Norris ins Gefecht – als Ein-Mann-Armee und immer begleitet von Ennio Morricones bekanntestem Western-Thema “The Good, The Bad and the Ugly”. Hauptakteur Sylvester Stallone freilich frönt nach wie vor den 1980er-Jahren Action-Film-Klischees, die keiner so gut beherrscht wie Ex-Rambo. Seine Fans dürfen sich auf das all entscheidende Handgemenge zwischen ihm und dem bösen Buben Jean-Claude Van Damme freuen: zwei Rentner unter sich – aber leider ohne jeglichen Witz. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass EXPENDABLES 2 de ersten Teil locker wegsteckt, aber trotzdem noch mehr Ironie und Selbstpersiflage verträgt. Wie wäre es mit Stallone am Rollator?
Donnerstag, 09. August 2012
Ein Pelikan und vier Poetry Slammer
Endspurt: die heutigen Pressevorführungen waren die letzten beiden in dieser Woche.

EIN GRIECHISCHER SOMMER (1:2.35, DD 5.1)
OT: Nicostratos Le Pélican
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Frankreich, Griechenland 2011
Regie: Olivier Horlait
Darsteller: Emir Kusturica, Thibault Le Guellec, François-Xavier Demaison, Jade-Rose Parker
Kinostart: 11.10.2012

Gemeinsam mit seinem Vater lebt der kleine Yannis auf einer idyllischen griechischen Insel. Während der Vater auf dem Meer Fische fängt, verkauft Yannis Ziegenkäse auf dem Markt. Das Geschäft läuft mehr schlecht als recht. Eines Tages entdeckt er einen kleinen Pelikan auf einem der großen Schiffe, den er gegen das Goldkreuz eintauscht, welches er als Erinnerung an seine verstorbene Mutter um den Hals trägt. Yannis nimmt sich des Pelikans an, muss diesen jedoch vor seinem Vater verstecken. Doch das Tier wird immer größer und lässt sich bald nicht mehr verbergen. Sehr zum Gefallen der Touristen und Angeliki, der Nichte des Bistrobesitzers... Mit seiner Grundkonstellation – Junge findet krankes Tier, pflegt es, schließt Freundschaft mit ihm und rettet damit eine ganze Insel – erinnert der Film an Kinderfilme aus den sechziger Jahren. Und er versteht es vortrefflich, dieses Gefühl von Jugend und Abenteuer wieder aufleben zu lassen. Mit seiner guten Besetzung (Thibault Le Guellec als Yannis, Jade-Rose Parker als temperamentvolle Angeliki) schafft er nicht nur Identifikationsfiguren für Jungen und Mädchen, sondern auch für Erwachsene, die sich an ihre eigene Kindheit und die erste Liebe erinnern werden. Filmregisseur Emir Kusturica spielt Yannis‘ Vater sehr überzeugend, einen armen Fischer, der nach dem Tod seiner Frau keine liebevolle Beziehung mehr zu seinem Sohn aufbauen kann. Dazu kommen grandiose CinemaScope-Bilder von Kameramann Michel Amathieu, der die Schönheit der griechischen Inseln perfekt in den Fokus rückt und eine eigene “Blaue Lagune” erschafft. Trotz seines verunglückten deutschen Titels empfiehlt sich der Film als gute Unterhaltung für Kinder und deren erwachsene Begleitpersonen.

DICHTER UND KÄMPFER – DAS LEBEN ALS POETRY SLAMMER IN DEUTSCHLAND (1:1.78, 5.1)
Verleih: MFA (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Marion Hütter
Darsteller: Philipp "Scharri" Scharrenberg, Sebastian23, Julius Fischer
Kinostart: 06.09.2012

“Poetry Slam” – das ist angesagter Zeitgeist. Man stellt sich auf die Bühne und rezitiert eigene Gedichte vor einem großen Publikum. Für Außenstehende hört sich das an wie Rap ohne Musik, für Eingeweihte ist es die Offenbarung. Ein Filmteam hat sich an die Fersen von vier der bekanntesten “Slammer” geheftet und diese bei ihren Auftritten und in ihrer Freizeit begleitet. Dabei handelt es sich fast ausnahmslos um junge Menschen, die zudem teilweise – bewusst – an der “Hartz IV”-Grenze leben. Ihnen geht es nicht primär darum, einen Slam zu gewinnen. Dabeisein ist alles. Es ist der Moment, der zählt. Der Moment, wenn man das Publikum für einen kurzen Augenblick ganz für sich einnehmen kann. Marion Hütter lässt ihren Film unkommentiert. Kommentare gibt es nur von ihren auserkorenen Protagonisten. Leider erschöpfen sich diese regelmäßig in der Erkenntnis, das man das alles nicht mache, um zu gewinnen. Mehr scheint es offensichtlich nicht zu geben. Der Film lässt insgesamt keine Dramaturgie erkennen. Die Kamera hält einfach nur auf ihre Objekte und fängt Momentaufnahmen ein. Als Betrachter nimmt man das alles dann ziemlich emotionslos auf, kann sich weder über Niederlagen noch über Siege der Slammer freuen. Das aber wäre wichtig gewesen, um den Film für ein breiteres Publikum interessant zu machen. DICHTER UND KÄMPFER indes fängt irgendwo an und hört irgendwo auf – ohne erkennbaren Grund. Immerhin: es gibt ein paar tiefschürfende Gedichte zu hören – zumindest ausschnittsweise.

Hier gibt es das Video zur Stuttgarter Premiere des Films
Dienstag, 07. August 2012
Behinderte und Todkranke
Der heutige Kinotag konnte mich nicht so recht für sich gewinnen.

DIE KUNST, SICH DIE SCHUHE ZU BINDEN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Hur Många Lingon Finns Det I Världen?
Verleih: MFA (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Schweden 2011
Regie: Lena Koppel
Darsteller: Sverrir Gudnason, Bosse Östlin, David Gustafsson
Kinostart: 20.09.2012

Nichtsnutz Alex lebt schon lange auf Kosten seiner Freundin. Als die ihn schließlich auf die Straße setzt, muss er sich einen Job suchen. Die Aussicht auf eine Dienstwohnung macht ihm die Stelle als Betreuer einer kleinen Gruppe geistig behinderter Erwachsener äußerst schmackhaft. Als er den Job bekommt, entwickelt er innerhalb kurzer Zeit ein sehr herzliches Verhältnis zu seinen Schützlingen. Als die auch noch ungeahnte Talente aufweisen, entschließt sich Alex, die Gruppe bei einer Talentshow anzumelden... Lose basierend auf einer wahren Geschichte möchte Regisseurin Lena Koppel mit ihrem Film eine Lanze brechen für geistig behinderte Menschen. Denn jeder Mensch hat eine Begabung – so ein Zitat aus dem Film. Doch ihr Anliegen kann leider keinen Fuß fassen. Nicht nur ist ihr Film überaus langweilig inszeniert, auch der Blickwinkel, von dem sie ihre Protagonisten beobachtet, erscheint mehr als fragwürdig. Da soll klar vermittelt werden, dass die gesunden Menschen eigentlich die Krüppel sind und umgekehrt. Das ist etwas zu einfach gedacht. Fragwürdig auch die Rolle des Alex, der als Ungelernter die kleine Gruppe von Behinderten zu neuen Ufern führt. Die Frage nach Verantwortung bleibt hier vollkommen unbeantwortet. Der überwiegend konventionell fotografierte Film verwendet zum Ende hin plötzlich Split-Screen-Technik. Das wirkt dann wie ein Fremdkörper im Gesamtkonzept.

HEITER BIS WOLKIG (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Marco Petry
Darsteller: Max Riemelt, Anna Fischer, Jessica Schwarz, Elyas M‘Barek
Kinostart: 06.09.2012

Tagsüber verdienen sich Tim und Can ihre Brötchen als Köche in einer Großkantine. Nachts gehen sie auf die Pirsch. Um bei den Mädels auch wirklich landen zu können, haben die beiden die Mitleidsmasche perfekt einstudiert: einer spielt den Todkranken, der andere dessen besten Kumpel, der dem Todgeweihten seinen letzten Wunsch erfüllen möchte. So landet Tim im Bett der feschen Marie. Doch die Stimmung wird jäh zerstört, als er Maries Schwester Edda kennenlernt: sie hat Krebs und nicht mehr lange zu leben. Unfähig sich vor Marie als Simulant zu outen, spielt Tim das Spiel weiter und verliebt sich in Marie... Ein gefühlvoller Score, wohl platzierte Kuschelrockmusik und Hochglanz-Protagonisten – in seinem Film überlässt Regisseur Marco Petry nichts dem Zufall. Seine Strategie spricht für sich: im vollbesetzten Kinosaal dürften zur richtigen Zeit die Tränchen aus den Augen kullern. Das alles hat freilich nichts mit dem wirklichen Sterben zu tun, sondern ist wohlkalkuliertes Kino mit Wohlfühleffekt. Man muss das schon mögen, wenn es einem gefallen soll. Denn sonst erleidet man bei diesem Film als Kinogänger Schiffbruch. Schauspielerischer Lichtblick im Film ist die von Jessica Schwarz gespielte Ebba. Ihre vermeintliche Stärke und die unkonventionelle Art, mit dem lauernden Tod umzugehen, faszinieren.
Freitag, 03. August 2012
Zeit ist Geld
Ein Leitspruch, der den zweiten Film heute dominierte und von dem die Zielgruppe des ersten Films noch gar nichts weiß.

DER KLEINE RABE SOCKE (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Universum (Walt Disney)
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Ute von Münchow-Pohl, Sandor Jesse
Kinostart: 06.09.2012

Er ist klein, frech und nie um Ausreden verlegen, wenn es um seinen Vorteil geht: Socke, der kleine Rabe Socke (benannt nach seiner Socke, die er an einem seiner beiden Füße trägt). Als er in seinem ungestümen Übermut nicht nur das Dreirad seines besten Freundes Eddi-Bär zerlegt, sondern auch noch den Staudamm, der den Lebensraum von Socke und seinen Freunden schützt, mit Rissen versieht, muss er aufbrechen, um Hilfe zu holen. Die hofft er bei den Bibern zu finden, die den Damm gebaut haben. Und weil er alleine Angst hat dorthin zu gehen (was er natürlich nie zugeben würde), nimmt er seine Freunde Wolle (ein Schaf) und Eddi mit auf die abenteuerliche Reise, die für ihn sehr lehrreich werden wird. DER KLEINE RABE SOCKE richtet sich an die ganz kleinen Kinozuschauer, die hier etwas darüber lernen können, wie man Freunde richtig behandelt und dass Lügen nicht sonderlich fein ist. Gezeichnet und animiert ist das Ganze im “Janosch”-Stil – alles ist sehr einfach und überschaubar gehalten und der Film dauert gerade einmal 78 Minuten. Unterlegt ist der Zeichentrickfilm mit einer ambitionierten Filmmusik aus der Feder von Alex Komlew, die vom Slowakischen Sinfonierorchester eingespielt wurde.

SPEED – AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT (1:1.85, 5.1)
Verleih: Camino (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Florian Opitz
Kinostart: 27.09.2012

Wer kennt nicht das Problem: trotz neuester Technik wie Smartphones und Tablet-PCs scheint man noch weniger Zeit zu haben als ohne diese Spielzeuge. Ein Fakt, das den Dokumentarfilmer Florian Opitz dazu bewegt, hinaus in die Welt zu ziehen und die angeblich verlorene Zeit zu finden. Erste Anlaufstationen dabei sind ein Zeitmanagement-Guru, ein Burnout-Therapeut und sogar ein Zeitforscher. Selbstkritisch hinterfragt Opitz sein eigenes “digitales” Verhalten. Leidet er etwa schon unter einem Burn-Out, weil er sich oft nicht mehr auf die Familie konzentrieren kann und ständig auf sein iPhone schielt? Seine ersten Anlaufstellen bringen ihm erste Erkenntnisse. Diese münden in die Theorie, dass sich die Menschen inzwischen dem Takt der Maschinen untergeordnet haben und nicht mehr dem Rhythmus des Lebens lauschen. Ein sehr prekäres Beispiel dafür findet der Filmemacher bei Reuters in London, die Finanzhäuser mit Informationen versorgt, die sich auf Börsenkurse auswirken könnten. Das ganze System ist dort inzwischen derart fortgeschritten, dass nur noch Computer in der Lage sind, darauf blitzschnell zu reagieren. Die ganze Hektik, die das städtische Leben im Laufe der letzten Jahre entwickelt hat, demonstriert Opitz mit dem virtuosen Einsatz audio-visueller Gestaltungsmittel wie Multi Screen, Zeitraffersequenzen und aggressives Ausnutzen des 5.1-Tonformates und bombardiert den Zuschauer regelrecht damit. Dass es auch anders geht zeigt Opitz anhand von Aussteigern, die er im zweiten Teil seines Films vorstellt, der auch sogleich einen wesentlich langsameren Rhythmus anschlägt. Auch wenn der Film letztendlich am Ende keine Lösung für das Zeitproblem bereithält, so macht er dennoch auf ein Problem aufmerksam, das Viele möglicherweise noch gar nicht verinnerlicht haben. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre, das Smartphone vor Filmbeginn abzuschalten und erst am nächsten Tag wieder einzuschalten.

Video von der Premiere in Stuttgart
Donnerstag, 02. August 2012
Der Wald und die Liebe
Erst die Schönheit der Natur und dann das Siechtum im Alter – das geht nur im Kino.

DAS GRÜNE WUNDER – UNSER WALD (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Polyband (24 Bilder)
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Jan Haft
Sprecher: Benno Fürmann
Kinostart: 13.09.2012

Riesige Bäume, Pilze, Blumen, Käfer, Füchse, Wildschweine, Hornissen, Erdhummeln – was da im Laufe eines Jahres alles an Leben im europäischen Wald kreucht und fleucht ist höchst erstaunlich. Mit atemberaubenden Bildern bringt Regisseur Jan Haft dem Zuschauer einen Lebensraum nahe, der von vielen komplett unterschätzt wird. Der Wald – das ist ein gigantischer Kosmos, in dem nichts verschwendet wird. Ein sich fortwährend neu erschaffendes Fleckchen Erde. Durch den Einsatz neuester Technik (unter anderem mit Schnorchel- und Endoskopie-Objektven) und unter Zuhilfenahme modernster Zeitraffertechnologie gelangen Bilder, die so noch niemand gesehen haben dürfte. Ganze fünf Jahre und insgesamt 70 Drehorte waren dafür notwendig. Der Aufwand hat sich gelohnt. Auch die Off-Texte, eingesprochen von Benno Fürmann, sind äußerst passend und nicht so pathetisch wie in manchen TV-Dokus. Dazu gesellt sich ein anspruchsvolles Sounddesign und eine atmosphärische Filmmusik.

LIEBE (1:1.85, DD 5.1)
OT: Amour
Verleih: X Verleih (Warner)
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland, Österreich 2012
Regie: Michael Haneke
Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert
Kinostart: 20.09.2012

Georges glaubt zunächst, dass ihm seine Frau Anne einen Streich spielt, als sie während des gemeinsamen Frühstücks einfach nicht mehr reagiert. Doch es ist ernst: Annes Zustand verlangt nach einer Operation. Ein Unglück kommt selten allein – die Operation misslingt. Anne wird einseitig gelähmt aus dem Krankenhaus entlassen. Jetzt wird die Liebe der beiden alten Menschen auf eine schwere Probe gestellt. Liest man den Namen des Regisseurs, weiß man sofort, das dies alles andere als ein Feel-Good-Movie werden wird. Ob FUNNY GAMES, DAS WEISSE BAND oder CACHE – Haneke weiß wie er sein Publikum gleichzeitig fesseln und provozieren kann. LIEBE ist in dieser Hinsicht nicht anders. Dank den herausragenden Leistungen von Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva gelingt es ihm, ein aktuelles Thema sehr authentisch zu präsentieren. Angesichts des sich stetig verschlechternden Zustands von Anne, die sich sogar an einem Suizid versucht, drängt sich dem Betrachter unweigerlich die Frage auf, wie man wohl selbst mit einer solchen Situation umgehen würde. Ist es Liebe, wenn man für den Leidenden sorgt oder ist es Liebe, wenn man dem Leiden ein Ende setzt? Hanekes Film wird mit Sicherheit für viele Diskussionen sorgen – allerdings erst in sicherem Abstand vom Kinosaal. Noch nie war es im Anschluss an eine Pressevorführung so schweigsam wie nach diesem Film. Der musste erst einmal verdaut werden.

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