Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Freitag, 28. September 2012
Eisiger Krimi und eisiges Drama
Schnee spielte in beiden Filme heute eine große Rolle.

COLD BLOOD – KEIN AUSWEG, KEINE GNADE (1:2.35, DD 5.1)
OT: Deadfall
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Stefan Ruzowitzky
Darsteller: Eric Bana, Olivia Wilde, Charlie Hunnam
Kinostart: 22.11.2012

Während ganz Michigan von einem Blizzard heimgesucht wird, werden drei Aktionen in Gang gesetzt, die unweigerlich aufeinander zulaufen. Da sind die Geschwister Addison und Liza, die auf der Flucht nach einem Überfall mit ihrem Auto im winterlichen Niemandsland einen Unfall bauen und sich danach getrennt durchschlagen. Dann gibt es den Ex-Boxer Jay, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und sich auf dem Weg zu seinen Eltern befindet. Und schlussendlich muss sich die junge Polizistin Hanna gegen die Vorbehalte ihres Vaters, dem Oberpolizisten, wehren, was sie schließlich geradewegs in die Hände von Addison treibt... COLD BLOOD ist das US-Debüt des Österreichers Stefan Ruzowitzky, dessen Film DIE FÄLSCHER 2008 mit dem Oscar als “Bester ausländischer Film” prämiert wurde. Nicht nur die Winterlandschaft, die die Bilder dominiert, erinnert hier an den Kultfilm FARGO der Gebrüder Coen, auch gibt es hier wie dort eine ermittelnde Polizistin. Ruzowitzkys Film aber ist nur durchschnittliche Thriller-Ware und kann sich daher kaum messen mit der rabenschwarzen Komödie der Coens. Weder am Cast gibt es etwas zu mäkeln (alle Darsteller füllen ihre Rollen gut aus) noch an der Kameraarbeit von Shane Hurlbut (Blut im Schnee kommt immer gut!). Etwas störend hingegen die etwas übertriebene Gewaltdarstellung, die speziell dort ziemlich aufgesetzt wirkt, wo Eric Bana einen Finger einbüßt.

WINTERDIEB (1:1.85, DD 5.1)
OT: L’Enfant D’En Haut
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Schweiz, Frankreich 2012
Regie: Ursula Meier
Darsteller: Léa Seydoux, Kacey Mottet Klein, Martin Compston, Gillian Anderson
Kinostart: 08.11.2012

Jeden Tag fährt der zwölfjährige Simon aus dem Tal mit der Gondel hinauf in das riesige Skigebiet, in das während des Winters Touristen aus der ganzen Welt kommen. Im Schutz des ganzen Trubels auf der Bergspitze hat er leichtes Spiel, teure Skis und ebenso teures Zubehör zu klauen. Die heisse Ware verhökert er dann im Tal, vom Gewinn kauft er Nahrung für sich und seine junge Mutter. Mit ihr zusammen lebt er in einem seelenlosen Wohnblock. Anderen gegenüber gibt sich Simons Mutter immer als dessen Schwester aus. Insgeheim lehnt sie ihren kleinen Sohn ab. Der aber sehnt sich nach der Liebe der Mutter... In seiner Machart erinnert Ursula Meiers Film an die Filme der Gebrüder Dardenne. Die Regisseurin schildert auf sehr sensible Weise die unglückliche Lage, in der der kleine Simon steckt. Alles würde er für seine Mutter tun, wenn sie ihm nur ein bisschen Liebe schenken würde. Die beiden Hauptdarsteller (Léa Seydoux als die Mutter, Kacey Mottet Klein als ihr Sohn) brillieren in ihren Rollen und geben dem Film dadurch Authentizität. Vollkommen unspektakulär gibt er sich, mit wenig Filmmusik, doch dafür aber umso ergreifender seine Wirkung. Und mit einem Ende, das einem die Tränen in die Augen treibt. Sehenswert.
Donnerstag, 27. September 2012
Teenagerdrama und Roadmovie
Das heutige Pressedoppel hatte wieder viel Abwechslung zu bieten.

VIELLEICHT LIEBER MORGEN (1:1.85, DD 5.1)
OT: The Perks Of Being A Wallflower
Verleih: Capelight (Central)
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Steve Chbosky
Darsteller: Emma Watson, Nina Dobrev, Logan Lerman, Ezra Miller
Kinostart: 01.11.2012

Nach einer langen Auszeit, deren Hintergründe erst im Laufe des Films enthüllt werden, beginnt der introvertierte Charlie sein erstes Jahr an der High School. Freunde hat er keine, fristet ein Dasein als Mauerblümchen. Zufällig trifft er seinen Mitschüler Patrick und dessen Stiefschwester Sam bei einem Baseballspiel, die ihn anschließend zu einer Party mitnehmen. Dort wird der schüchterne Charlie unter dem Einfluss von Dope erstmals lockerer und auch “bemerkt”. Zwischen Charlie, Patrick und Sam entsteht eine tiefe Freundschaft. Unmerklich beginnt sich Charlie in Sam zu verlieben. Die aber hat schon einen Freund, der aber gar nicht zu ihr passt. Und auch Charlie wirft sich ein anderes Mädchen an den Hals, das er eigentlich gar nicht haben möchte. Werden die beiden unglücklich Verliebten je zusammenfinden? An dem nichtssagenden deutschen Titel darf man sich nicht stören. Frei übersetzt lautet der Originaltitel in etwa “Die Vorzüge ein Mauerblümchen zu sein”. Das passt dann doch gleich viel besser zur Situation, in der Charlie zu Beginn des Films steckt. Erst durch den Kontakt zu anderen Außenseitern an seiner High School (Patrick beispielsweise ist schwul, hatte aber noch kein Coming Out) wird er ganz allmählich aus der Reserve gelockt und entdeckt sogar die Liebe. Angesiedelt ist Steve Chboskys Film, der ihn nach seinem eigenen Roman inszenierte, in den späten siebziger oder frühen achtziger Jahren – unverkennbar an den Cassetten-Decks, mit denen Charlie Mix-Tapes für Sam anfertigt, sowie am Soundtrack des Films, der mit Hits aus dieser Zeit ausstaffiert ist. Perfekt trifft der Regisseur damit das Lebensgefühl der Teenager jener Zeit und seine äußerst talentierten jungen Darsteller sind in der Lage, dies auch darzustellen. Zu ihnen gehören Logan Lerman als Charlie, Emma Watson (nicht nur wegen der hübschen Kurzhaarfrisur weit entfernt von “Harry Potter”) als Sam und Ezra Miller (WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN) als der oft überdrehte Patrick. Just als man denkt, der Film wäre jetzt zu Ende, nimmt uns das Drehbuch an der Hand und erzählt uns, was mit Charlie vor seiner High-School-Zeit tatsächlich passiert ist. Das kommt dann so abrupt und wirkt wie eine Balkonlösung. Hier hätte man sich eine bessere Integration in den Film gewünscht.

PUPPE, ICKE UND DER DICKE (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Drei-Freunde
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Felix Stienz
Darsteller: Tobias Böttcher, Stéphanie Capetanidis, Matthias Scheuring
Kinostart: 22.11.2012

Drei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist der kleinwüchsige Bomber, der gerade seinen Job als Kurierfahrer verloren hat und mit der letzten Fuhre nach Paris durchbrennt. Dann gibt es die blinde Europe, eine gutaussehende junge Pariserin, die ihren Geliebten in Berlin wiederfinden möchte. Zu guter Letzt ist da noch der stumme und übergewichtige Bruno, der wie Europe auch von Paris nach Berlin möchte. Verschiedene Zufälle sorgen dafür, dass sich die drei plötzlich in Bombers Auto wiederfinden und gemeinsam nach Berlin fahren. Ein Road-Trip der skurrilen Art beginnt... Mit seinen Freunden zusammen hat er einen Film gemacht: Felix Stienz, ein Newcomer am deutschen Regie-Himmel. Entstanden ist ein skurriles, multilinguales Road-Movie mit Ausflügen ins Surreale. Da gibt es beispielsweise Szenen, in denen die Musiker, die den Soundtrack zur Szene spielen, einfach ins Bild stolpern und den Protagonisten umgeben. Besetzt hat Stienz seinen Film mit waschechten Originalen. Tobi B. spielt “Bomber”, den Typen mit ungehemmter Berliner Schnauze; Stephanie Capetanides als die blinde “Europe” mit “escht fronsösichem Aksont”, und Matthias Scheuring als der stumme “Bruno”, dessen voluminöser Körper dafür Bände spricht. Dass das alles dann doch nicht so ganz überzeugt, liegt vielleicht einfach nur daran, dass man skurrile Figuren schon zur Genüge über die Leinwände hat huschen sehen. Aki Kaurismäkis Filme fallen einem da sofort ein. Nicht nur wegen der Charaktere und der Situationen, in denen sie sich befinden, sondern auch im Hinblick auf die Musik. Wer auf seltsame Zeitgenossen steht, der sollte sich von meiner Besprechung nicht davon abhalten lassen, sich ein eigenes Bild vom Film zu machen. Denn der hat immerhin auf einem renommierten Filmfestival den Publikumspreis abgeräumt.
Mittwoch, 26. September 2012
Wahlkämpfer und Einzelkämpfer
Heute wurde an allen Fronten gekämpft. In North Carolina gibt es einen Wahlkampf, während in Istanbul ein Vater um das Überleben seiner Familie kämpft.

DIE QUAL DER WAHL (1:1.85, DD 5.1)
OT: The Campaign
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Jay Roach
Darsteller: Will Ferrell, Zach Galifianakis, Jason Sudeikis
Kinostart: 04.10.2012

Weil sich der Abgeordnete Cam Brady während der Wahlvorbereitungen einen überaus dummen Ausrutscher leistet, stellen zwei millionschwere Geschäftsleute einen Gegenkandidaten auf, mit dessen Hilfe sie sich die Durchsetzung ihrer Profitinteressen erhoffen. Ihre Wahl fällt auf den naiven Marty Huggins. Mit Hilfe eines knallharten Coachs scheint Marty das schier Unmögliche zu gelingen: er steigt in der Gunst der Wähle und überflügelt bald schon Brady. Jetzt kann die Schlammschlacht beginnen... Zu einem besseren Zeitpunkt hätte Jay Roachs herrliche Politsatire wohl kaum kommen können: in Amerika tobt momentan der Präsidentschaftswahlkampf und da wird mit harten Bandagen gekämpft. So wie es die beiden Kontrahenten in diesem Film tun – nur eben wesentlich witziger. Auch geht es nicht um das Präsidentenamt, sondern nur um einen Platz im Kongress. Letztendlich jedoch ist es vollkommen egal, um welches politische Amt hier gekämpft wird. Die ausufernden Folgeerscheinungen sind immer dieselben. Der filmische Wahlkampf ist hervorragend besetzt. Will Ferrell in der Rolle des skrupellosen Cam Brady, der jedes Fettnäpfchen, in das er tritt, auf dümmlich-naive Weise gewinnbringend umzuwandeln versucht, ist das Ebenbild eines schmierigen, mit allen Wassern gewaschenen Politikers, der nicht das Wohl der Bürger, sondern das eigene im Visier hat. Zach Galifianakis überzeugt als Marty Huggins, der als Joker für die Profitgier eines Konzerns zum Kandidaten gekürt wird. Sein Gang, seine Mimik und Gestik sind einfach nur köstlich und beweisen, welcher Komiker in ihm steckt. Die witzige Sprechweise, die er im Original an den Tag legt, dürfte eine Herausforderung für die deutsche Synchronfassung sein. DIE QUAL DER WAHL ist eine gelungene Politsatire, bei der kräftig gelacht werden darf. In der Tat wurde bei einer Pressevorführung schon lange nicht mehr so ausgiebig und herzlich gelacht!

96 HOURS - TAKEN 2 (1:2.35, DD 5.1 + Dolby Atmos)
OT: Taken 2
Verleih: Universum (Walt Disney)
Land/Jahr: Frankreich 2012
Regie: Olivier Megaton
Darsteller: Liam Neeson, Maggie Grace, Famke Janssen
Kinostart: 11.10.2012

Das hat er nun davon. Bryan Mills, der CIA-Agent im Ruhestand, wird von seiner blutigen Vergangenheit heimgesucht. Denn was der Gute nicht ahnen konnte: einer der Männer, die er bei seinem kleinen Privatkrieg seinerzeit in Paris getötet hat, hatte einen liebenden Vater. Und genau der lässt Bryan mitsamt Ex-Frau Lenore bei einem Urlaub in Istanbul jetzt entführen, um den Tod seines kriminellen Sohnes zu rächen. Was der Schurke allerdings nicht weiß: Bryans erwachsene Tochter eilt zu Hilfe... Ganze vier Jahre ist es bereits her, dass Liam Neeson als Ex-CIA-Agent Bryan Mills halb Paris in Schutt und Asche zerlegt hat und einer ganzen Horde albanischer Mädchenhändler gezeigt hat, wo der Bartel den Most holt. Der alte Mann und sein beachtlicher Body Count waren an der Kinokasse so erfolgreich, dass Luc Besson und Co-Autor Robert Mark Kamen jetzt eine Fortsetzung in die Kinos beamen. Durch den neuen Schauplatz Istanbul erhält der Film jetzt sogar noch ein exotisches Upgrade. Alles andere indes ist gleich geblieben. Bis auf den Filmschnitt vielleicht. Der scheint noch einen Zahn zugelegt zu haben. Liam Neeson muss sich jetzt im Zweikampf gar nicht mehr bewegen, denn die Action entsteht einzig durch die irrsinnig schnelle Bildabfolge. Nach Logik hält man auch in Istanbul vergebens Ausschau. Wenn das Töchterlein beispielsweise immer wieder Handgranaten um sich wirft, um ihrem gekidnappten Daddy akustische Signale zu geben, so scheint das die Einheimischen in keiner Art und Weise aus dem Konzept zu bringen – sie ignorieren es einfach. Business as usual eben. Aber welcher Action-Fan interessiert sich schon für Plausibilität? Hier zählt vielmehr das Wie. Und das ist durchaus gelungen. Die irrwitzige Autoverfolgungsjagd durch die kleinen Gassen Istanbuls macht in der Tat atemlos. Die Verfolgungsjagd über den Dächern der Stadt erinnert jedoch sehr an Tom Tykwers THE INTERNATIONAL (den die Filmemacher ganz sicher kennen). Fragt die Tochter ihren Vater, was er denn jetzt tun würde, da sich die Mutter noch immer in den Fängen der Albanier befindet. “Das was ich am besten kann”, erwidert der. Das Programm hat seinen Startpunkt. Und das Ende ist schon klar. Wissen wir doch alle nur allzu gut, dass gegen die amerikanische Ein-Mann-Armee ganze Heerscharen böser Männer nichts ausrichten können. Ab und zu brauchen wir eben alle dieses sichere Gefühl, das Kino unbeschadet verlassen zu können. Mission accomplished.
Dienstag, 25. September 2012
Ein Präsident und ein Killer
Der Body Count des heutigen Doppelprogramms kann sich durchaus sehen lassen...

ABRAHAM LINCOLN VAMPIRJÄGER (1:2.35, 3D, DD 5.1 + 7.1)
OT: Abraham Lincoln: Vampire Hunter
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Timur Bekmambetow
Darsteller: Benjamin Walker, Dominic Cooper, Anthony Mackie
Kinostart: 03.10.2012

Als Junge muss Abraham Lincoln mit ansehen, wie seine Mutter von einem Vampir angefallen wird und schließlich stirbt. “Abe” schwört Rache. Als aus ihm schließlich ein junger Mann geworden ist, macht er den Übeltäter ausfindig. Der aber ist recht widerstandsfähig und ist nicht so einfach umzubringen. Nur dem Eingreifen des Vampirjägers Henry Sturges ist es zu verdanken, dass Abraham nicht umgebracht wird. Der rekrutiert ihn sogleich als Vampirjäger und schickt ihn in eine kleine Stadt, wo er tagsüber in einem Laden jobbt und nachts Vampire meuchelt... Timur Bekmambetows Film ist der erste von gleich zwei Filmen über Abraham Lincoln, die in diesem Jahr ins Kino kommen. Der zweite entstand unter Regie von Steven Spielberg und wird ganz sicher kein Fantasy-Konstrukt sein wie es von Bekmambetow inszeniert wurde. Und diese Fantasy gleicht den anderen Fantasy-Filmen, die in letzter Zeit aus Hollywood über uns hereinbrechen. Schnelle Schnitte und düstere Bilder (nicht nur wegen 3D!) dominieren hier. Wenn man nicht genau aufpasst, kann man mitunter schon vergessen, in welchem der zahllosen Fantasy-Filmchen man sich befindet. Die Darsteller wirken fast alle wie aus der Retorte, keiner hat auch nur ein bisschen Charisma. Letzteres hätte aber insbesondere ein Abraham Lincoln schon gebraucht, um wenigstens einen Hauch von Wirklichkeit zu versprühen. Bekmambetow konzentriert sich ausschließlich auf die rasant inszenierte Action und vergisst dabei allzu oft, dass auch etwas Witz dem Film nicht geschadet hätte. Wer comichaft überzeichnete Fights mag, der könnte sich eventuell noch mit diesem Film anfreunden. Mir ist das jedenfalls nicht gelungen.

KILLING THEM SOFLTY (1:2.35, DD 5.1)
OT: Killing Them Softly
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Andrew Dominik
Darsteller: Brad Pitt, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, James Gandolfini
Kinostart: 29.11.2012

Angestiftet von Gangster Johnny Amato überfallen zwei nicht sonderlich intelligente Kleinkriminelle ein illegales Pokerspiel. Da die von der Unterwelt organisierten und überwachten Pokerspiele danach alle ausgesetzt werden und der Rubel nicht mehr rollt, soll Auftragskiller Jackie Cogan die Schuldigen möglichst schnell ausfindig machen. Das ist aber nicht so einfach, denn auch in der Unterwelt hat die Bürokratie inzwischen Einzug gehalten. Cogan beginnt einen nervtötenden Job... Immer wieder sind auf der Tonspur des Films Ausschnitte aus den Wahlkampfreden anlässlich der Präsidentschaftswahlen zu hören, die Amerika während der großen Finanzkrise im Jahre 2008 auf Trab halten. Das ist kein Zufall, sondern Absicht. Denn die Krise ist Symbol für jene Krise, die die Protagonisten des Films durchleben müssen. Bedingt durch den Überfall auf das illegale Pokerspiel werden alle Spiele ausgesetzt. Geld ist damit erst wieder zu verdienen, wenn die Schuldigen bestraft worden sind und wieder Normalität eingekehrt ist. Also steckt auch die Unterwelt in ihrer ganz eigenen Finanzkrise: was draußen in der Welt im großen Stil passiert, passiert hier im Kleinen. Bis in die kleinsten Rollen hat Andrew Dominik seinen humorigen Thriller mit solchen Schauspielern besetzt, die man als Kinogänger schon immer mit Unterweltlern assoziierte. Der Film bekommt dadurch einen fast schon authentischen Anstrich. James Gandolfini ist einer dieser Charaktere. Hier spielt er einen Auftragskiller, der aus New York eingeflogen wird, aber weitaus mehr an Alkohol und Nutten interessiert ist als an seinem Job. Mit Engelszungen versucht Kollege Jackie Cogan alias Brad Pitt, ihn zu seinem eigentlichen Auftrag zu bewegen. Genauso wie er mit Engelsgeduld mit seinem eigenen Auftraggeber zu verhandeln versucht. Dabei entstehen dann absurde und schwarzhumorige Dialoge, während denen nichts auf der Leinwand passiert. Minutenlang. Trotzdem bleibt man am Ball – vielleicht weil diesen Dialogen immer wieder Szenen harter Brutalität gegenüberstehen. Man weiß nicht, was als nächstes passieren wird. Um die Authentizität seines Films zu erhöhen, haben Dominiks Toningenieure dem Film ein ausgeklügeltes Sounddesign verpasst, das die Tonebene des Films in ein dreidimensionales Klangbild verwandelt. Filmmusik gibt es hier nicht, nur Geräusche jeder Art. KILLING THEM SOFTLY ist ungewöhnliches, augenzwinkerndes Gangsterkino, das einen Kinobesuch rechtfertigt.
Montag, 24. September 2012
Oma büxt aus
Endlich mal wieder ein prall gefüllter Pressekalender. Und gleich zu Beginn eine Niete. Das ist tröstlich: denn ab jetzt kann es nur noch besser werden!

OMAMAMIA (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Majestic (Fox)
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Tomy Wigand
Darsteller: Marianne Sägebrecht, Annette Frier, Miriam Stein
Kinostart: 01.11.2012

Weil ihre Tochter sie in ein Altersheim stecken möchte, büxt Oma Marguerita aus und fliegt von Kanada nach Rom, um dort nicht nur bei ihrer Enkelin Martina unterzutauchen, sondern sich auch vom Papst die Beichte abnehmen zu lassen. Sie staunt nicht schlecht, als sie sieht, dass Martina gar nicht studiert, sondern als Barkeeperin in einem Schuppen jobbt, in dem ihr italienischer Lover mit seiner Band auftritt. Auf dem Weg zur Papst-Audienz läuft ihr auch noch ein graumelierter Filou über den Weg, mit dem sie etwas widerwillig anbandelt. Dadurch aber gerät die Papst-Audienz zu einer großen Peinlichkeit... Die wunderbaren Aufnahmen aus der kanadischen Bergwelt, die zu Beginn des Films den Hintergrund bilden, vor dem Marianne Sägebrecht alias Oma agiert, machen Hoffnung auf ein wunderschönes Filmabenteuer. Das entpuppt sich jedoch äußerst schnell als eine Finte. Ehe man es sich versieht befindet sich Frau Sägebrecht mitten im pittoresken Rom, während Tochter Marie noch immer in Kanada verweilt. Warum jetzt fortlaufend zwischen Kanada und Rom hin- und hergeschnitten wird, bleibt ein Rätsel. Denn die Handlung führt das kaum weiter. Auch kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass sich bei diesem Film Drehbuch und Regie vom, Klassiker OUT OF ROSENHEIM haben inspirieren lassen – die Ähnlichkeiten sind augenfällig. Wenn beispielsweise Oma Sägebrecht vollkommen fix und fertig von ihrem Flug von Kanada nach Rom bei ihrer Enkelin eintrifft, so hat sie nichts besseres zu tun, als erst einmal die Bude auf Vordermann zu bringen. Wenn sie dann noch rein zufällig ein bayerisches Restaurant in Rom sucht und auch sofort findet (!), kann man sich schon denken, was folgen wird: Oma wird dort zukünftig in der Küche deftiges Bayernmahl zubereiten und das Restaurant zu neuen Höhen führen! Nebenbei sprüht sie dann auch noch ganz ungewollt dem Papst Pfefferspray ins Gesicht, hängt mit der Enkelin in einer Rockbar ab, erwacht mit einem Tattoo über der Brust und will sich sogar noch eben schnell verheiraten, um die Wartezeit für die Papst-Audienz zu minimieren. Tomy Wigand hat da ziemlich viel hineingepackt in seinen Film und es hätte möglicherweise auch etwa daraus werden können. Doch so lieblos wie hier mit dem Schnitt umgegangen wird, kann sich das auch gar nicht entwickeln. OMAMAMIA ist eine Komödie, bei der man einfach vergebens versucht zu lachen.
Donnerstag, 20. September 2012
Von Bienen und Hochzeiten
Die letzten beiden Screenings in dieser Woche – honigsüß und wildromantisch.

MORE THAN HONEY (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Senator
Land/Jahr: Schweiz, Deutschland, Österreich 2012
Regie: Markus Imhoof
Kinostart: 08.11.2012

Bienen sind ein ganz persönliches Anliegen von Markus Imhoof. Schon sein Großvater nannte 150 Bienenvölker sein Eigen und verdiente Geld mit ihnen. Doch die Nachrichten der jüngsten Zeit sind beunruhigend. Vom großen Bienensterben ist da die Rede. Was sind die Ursachen, was die Folgen und was die Lösungen? Imhoof holt zweit vollkommen entgegengesetzte Ansichten vor die Kameralinse. Dem einfachen Schweizer Bergmann mit Rauschebart, der seine Bienen ohne Schutzanzug hegt und pflegt, steht der knallharte amerikanische Geschäftsmann entgegen. “Hören Sie das?”, fragt er in die Kamera und meint damit das Summen der Bienen. “Das ist der Klang von Geld!” Seine fast 5000 Bienenvölker lässt er die Sträucher einer riesigen Mandelplantage bestäuben. Und er tut alles, damit der Rubel rollt. Dazu gehören auch Antibiotika, mit denen er seine Bienen wettbewerbsfähig “tuned”. Bereits dieser krasse Gegensatz zwischen Schweizer Bergwelt und amerikanischer Mega-Plantage macht deutlich, dass hier etwas aus dem Ruder läuft. Und da schon seit langer Zeit. Mit beeindruckenden Bildern (dazu gehören auch spektakuläre Makroaufnahmen) schildert Imhoof das Leben der Bienen, begibt sich mit der Kamera hinein in die Bienenstöcke. Einleuchtend erklärt er dem Zuschauer den Biorhythmus, dem die Bienen unterliegen, und zeigt sehr deutlich auf, wo die Stellschrauben sind, die überdreht wurden. Und er zitiert passen dazu Einstein: “Wenn die Bienen aussterben, dann sterben vier Jahre später auch die Menschen aus”. Imhoof entlässt seine Zuschauer am Ende des Films mit einem Funken Hoffnung, den er in Australien aufspürte. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

LOVE IS ALL YOU NEED (1:2.35, DD 5.1)
OT: Den Skaldede Frisør
Verleih: Prokino (Fox)
Land/Jahr: Dänemark, Schweden, Italien 2012
Regie: Susanne Bier
Darsteller: Trine Dyrholm, Pierce Brosnan, Kim Bodnia, Paprika Steen
Kinostart: 22.11.2012

Eigentlich hätte Ida allen Grund um glücklich zu sein. Ihre Chemotherapie ist mit positivem Resultat beendet und ihre Tochter Astrid heiratet in ein paar Tagen ihren Verlobten Patrick in Italien. Ausgerechnet jetzt ertappt sie ihren Mann Leif in flagranti mit seiner Buchhalterin. Vollkommen geschockt reist Ida alleine nach Italien, rammt aber dummerweise noch auf dem Flugplatz das Auto von Patricks Vater Philip. Der aalglatte Geschäftsmann behandelt Ida ganz von oben herab. Zunächst jedenfalls. Denn auf der ausgelassenen Hochzeitsfeier, auf der auch Leif samt Buchhalterin aufkreuzt, kommen sich Schwiegermutter und Schwiegervater näher... Einmal mehr hat Anders Thomas Jensen, Dänemarks bester Drehbuchschreiber, Susanne Bier dabei geholfen, das Drehbuch für ihren neuen Film zu stemmen. Bier, sonst eher eine Regisseurin dramatischer Stoffe, versucht sich hier nun an einer romantischen Komödie, was ihr auch durchaus gelingt. Das liegt vor allem an der Chemie, die sich zwischen Trine Dyrholm und Pierce Brosnan entwickelt – sie stimmt einfach und die beiden geben ein wundervolles Paar ab. Aber auch die anderen Figuren in ihrem Spiel sind gut ausgewählt, wie beispielsweise Kim Bodnia als naiver Leif, der gerne Elefant im Porzellanladen spielt, oder Paprika Stehen als die total nervende Schwägerin von Philip. Mit wundervollen Bildern von der italienischen Küste sorgt Kameramann Morten Soborg für die perfekte Stimmung. Dass die Hochzeit letztendlich vollkommen anders verläuft, als das geplant war, kann man als Zuschauer zwar erahnen, aber das Drehbuch hält dennoch ein paar nette Überraschungen parat. LOVE IS ALL YOU NEED funktioniert bestens als ein Date-Movie mit Anspruch.
Mittwoch, 19. September 2012
Gruppentherapie und Männer in Liebesnöten
Eine Pressevorführung morgens um 10 Uhr, die zweite erst um 19 Uhr – da hätten noch locker drei weitere Filme dazwischengepasst!

ALLES WIRD GUT (1:1.78, DD 5.1)
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Niko von Glasow
Darsteller: Jana Zöll, Nico Randel, Mirco Monshausen
Kinostart: 01.11.2012

Es ist ein unkonventionelles Experiment: da bringt ein Regisseur körperlich behinderte und auch nicht behinderte Menschen zusammen auf eine Bühne, um mit ihnen gemeinsam ein Theaterstück zu entwickeln. Darunter ein junger Mann mit Down Syndrom, eine Kleinwüchsige im Rollstuhl, eine Blinde, ein Mädchen mit Tourette Syndrom. Die meisten von ihnen Laiendarsteller. Nur die nicht Behinderten sind Profis. Aber sind sie tatsächlich nicht behindert? Regisseur Niko von Glasow ist eigentlich mehr Psychologe denn Regisseur und weiß darum, in das Innerste seiner Schauspieler zu schauen. In der Tat haben auch die äußerlich nicht behinderten Darsteller ihre ganz eigenen, inneren Behinderungen. Während der Arbeit an dem Stück, in dem es um ein Casting geht, zu dem auch Behinderte vorsprechen, ließ von Glasow Kameras mitlaufen, um den Fortschritt zu dokumentieren. Dass jetzt daraus ein Film entstanden ist, war reiner Zufall. Schade wäre es allerdings gewesen, hätte es den Film nie gegeben. Denn die ohne Kommentar zusammengefügten Szenen geben tiefe psychologische Einblicke in die Welt der behinderten Laienschauspieler. Wie ein guter Therapeut versteht sich von Glasow darauf, die Rollen den tatsächlichen (vor allem persönlichen) Gegebenheiten der Darsteller anzupassen. Die Theaterproben geraten damit zu einer äußerst spannenden Gruppentherapie. Nicht umsonst erklärt der Regisseur seinen Darstellern zu Beginn der Proben: “Ihr werdet gestärkt aus diesem Projekt hervorgehen”. Die “Therapie” enthält aber auch bewegende und humorvolle Passagen, wenn etwa eine der Protagonistinnen vollkommen in ihrer Rolle aufgeht und die Realität vergisst. Oder wenn sich die blinde Leslie mit dem Regisseur überwirft, weil er, der Contergangeschädigte, sich überhaupt nicht in die Situation eines blinden Menschen hineinversetzen könne. Auch wenn ALLES WIRD GUT vollkommen unspektakulär, geradezu nüchtern daherkommt, weiß der Film den Zuschauer zu fesseln und ist gleichzeitig ein gelungener Beitrag zum würdevollen Umgang mit körperlich Behinderten.

MANN TUT WAS MANN KANN (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Warner
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Marc Rothemund
Darsteller: Wotan Wilke Möhring, Jasmin Gerat, Jan Josef Liefers
Kinostart: 11.10.2012

Zu jedem Topf gibt es den passenden Deckel. Die Kunst ist nur, ihn zu finden. Dr. Paul Schuberth, erfolgreicher Bürohengst, hat seinen Deckel jedenfalls noch nicht gefunden. Trotz intensiver Bemühungen. Die aber führen immer schnurstracks ins Bett zum One-Night-Stand. Vielleicht hilft ja ein Hund gegen die Einsamkeit? Paul will es probieren und wird Pate eines Vierbeiners im Tierheim. Dort lernt er die attraktive Veterinärin Iris Jasper kennen – und verliebt sich spontan in sie. Der Haken: Iris steht kurz vor ihrer Hochzeit... Endlich einmal eine Komödie aus deutschen Landen, die wenigstens eine richtig gute Besetzung aufweisen kann. Wotan Wilke Möhring spielt den smarten und sanftmütigen und dazu noch gutaussehenden Paul, dessen riesiges Single-Reich nach und nach mit seinen an Beziehungen gescheiterten Freunden bevölkert wird. Dazu gehören Jan Josef Liefers alias Guido, sein Kollege, perfekt hässlich gestylt mit schmierigen Haaren und einem Porsche drum herum. Er kann sich nicht zwischen seiner Frau und der Geliebten entscheiden. Auch Günther gehört zu der Männer-WG, ein Computerfreak, perfekt verkörpert vom hageren Oliver Korittke. Der ist zwar unsterblich in die Barfrau Iggy verliebt, ist aber unfähig, ihr seine Liebe zu gestehen. Jasmin Gerat verkörpert die Veterinärin, der sie auch noch einen Hauch Halle Berry verleiht. Bei einem Film wie diesem versteht es sich fast von selbst, dass der Fortgang der Geschichte vorprogrammiert ist und so kaum Überraschungen parat hat. Ein paar witzige Regieeinfälle (z.B. die Liebeserklärung des Computerfreaks) und die Spielfreude des Ensembles machen das aber schnell wieder wett. Etwas störend und fast schon fehlplatziert allerdings die Episode, die Pauls 16-jährige Stieftochter ins Spiel bringt. Die hat dramaturgisch eigentlich im Film gar nichts zu suchen, muss aber letztendlich wohl eine Quote erfüllen (die Tochter outet sich als lesbisch). Eine weitere Hauptrolle in dem Film kommt der Stadt Berlin zu. Martin Langer fängt die Metropole mit sicherem Blick für gute Perspektiven ein und bringt diese formatfüllend auf die CinemaScope-Bildwand. MANN TUT WAS MANN KANN ist passable Kinounterhaltung mit Happy-End-Garantie.
Dienstag, 18. September 2012
Alice...who the f*** is Alice?
Mal wieder ein “No-Brainer” – genau die richtige Kost für eine Pressevorführung in der Abendstunde!

RESIDENT EVIL: RETRIBUTION (1:2.35, 3D, DD 5.1)
OT: Resident Evil: Retribution
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Großbritannien, Deutschland, USA 2012
Regie: Paul W.S. Anderson
Darsteller: Milla Jovovich, Sienna Guillory, Michelle Rodriguez
Kinostart: 20.09.2012

Aus einem tiefen Schlaf erwacht Alice. Sie ist fast nackt und sitzt in einem High-Tech-Gefängnis. Ausgerechnet ihre einstige Freundin führt ein schmerzhaftes Verhör mit ihr – im Auftrag der Umbrella Corporation, jenes Konzerns also, der das Verderben über die Menschheit brachte. Da weist ihr ein plötzlicher Stromausfall den Weg in die vermeintliche Freiheit. Alice nimmt den Kampf wieder auf – gemeinsam mit ihren alten Feinden. Und sie muss erkennen, dass sie offenbar nicht die einzige Alice ist... Als plötzlich vor ihr eine Vitrine aus dem Nichts erscheint und ein ganzes Arsenal an Waffen freilegt, bringt es Action-Ikone Alice mit nur einem einzigen Wort freudestrahlend auf den Punkt: “Geil!” – Vermutlich werden Hardcore-Gamer exakt dasselbe Wort benutzen, um den fünften Teil des erfolgreichen RESIDENT EVIL Franchise zu beschreiben. Das wundert auch nicht, denn irgendwie scheint der Film jetzt wieder im Game anzukommen. Die Akteure müssen verschiedene Räume (oder besser: Simulationskammern) durchlaufen, um an ihr Ziel zu kommen. Und jeder Raum wartet mit unliebsamen Überraschungen auf – seien es Zombies, die bösen Buben und Mädels der Umbrella Corporation oder ein riesiges echsenähnliches Untier. Der Auftritt dieser unliebsamen Erscheinungen verfolgt freilich nur ein einziges Ziel: es darf nach Herzenslust geballert oder auch mal gedolcht werden! Wie immer spielt Milla Jovovich die eiskalte und unkaputtbare Heldin, die sich in hautenge Sado-Maso-Kleidung zwängt (und damit sicherlich die Herzen männlicher Gamer höher schlagen lässt) und alles unter Kontrolle hat. Aber nicht nur Milla überzeugt zumindest visuell – auch die teilweise gelackten Bilder sind grandios und wirken sogar in 3D. Wenn Alice zu Beginn in einer Art High-Tech-Verließ erwacht, erinnert die Szene irgendwie an Bilder, die Kubrick für 2001 erschaffen hat. Dessen Tiefgang erreicht Paul W.S. Andersons Film natürlich nicht – hier bleibt alles im Trivialen. So trivial, dass die Handlung vollkommen nebensächlich wird. Hier interessiert nur noch der Stil. Slow-Motion, fliegende Menschen und Schwertkämpfe bestimmen über weite Strecken den Film. Leider bleibt am Ende nicht mehr als Langeweile und die Androhung eines sechsten Teils – als ob man das nicht schon geahnt hätte.
Montag, 17. September 2012
Von Einem, der durch das Leben driftet
Filme in Schwarz-Weiß sind eine Rarität geworden. Die Pressewoche begann heute mit einer solchen Rarität.

OH BOY (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: X Verleih (Warner)
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Jan Ole Gerster
Darsteller: Tom Schilling, Marc Hosemann, Friederike Kempter
Kinostart: 01.11.2012

Seit er vor zwei Jahren sein Jura-Studium geschmissen hat, lebt Niko Fischer nur in den Tag hinein. Ohne festes Ziel tingelt er durch die Straßen Berlins. Doch der heutige Tag meint es nicht besonders gut mit ihm. Erst gibt ihm seine Freundin den Laufpass, dann will es ihm einfach nicht gelingen, eine ordentliche Tasse Kaffee zu bekommen. Als Krönung verschwindet auch noch seine EC-Karte im Bankomaten. Seine letzte Hoffnung: sein Vater. Doch das Projekt scheitert kläglich. Gemeinsam mit Matze, einem Schauspieler, hängt er ab, besucht Dreharbeiten zu einem Nazi-Film (Zitat: “Der Film beruht aber hoffentlich auf Tatsachen?” – “Ja, klar, eben Zweiter Weltkrieg!”) und trifft eine alte Schulkameradin wieder. Niko kommt ins Grübeln. Sollte er womöglich tatsächlich sein Leben ändern? Atmosphärische Schwarz-Weiß-Bilder einer großen Stadt, unterlegt mit angenehmen Jazz-Klängen – Jan Ole Gersters Debütfilm erinnert unweigerlich an die Filme von Woody Allen und an MANHATTAN im Speziellen. Das hat der Regisseur so zwar nie beabsichtigt, aber die Filme von Allen gefallen auch ihm. Die große Stadt bei ihm ist natürlich nicht New York, sondern Berlin, durch die er seinen Protagonisten Niko alias Tom Schilling einen ganzen Tag und eine Nacht driften lässt. Niko ist ein junger Mann, der nicht agiert, sondern reagiert. Und er ist ein guter Zuhörer, dem die Menschen ihr Herz ausschütten. Ob es nun der Nachbar von oben ist, der Niko bei Schnaps und Buletten detailliert seine Ehekrise schildert oder seine ehemalige Klassenkameradin Julika, die von ihm wegen ihrer Fettleibigkeit in der Schule immer gehänselt wurde. Zu Nikos Alltag gehören aber auch Begegnungen mit hartnäckigen Straßenbahnkontrolleuren und Macht ausübenden Psychologen. Ganz zu schweigen von seinem Vater, einem etablierten Anwalt, der seinem Sprössling nach einer Partie Golf den Geldhahn abdreht. Gersters Film ist bis in die kleinsten Nebenrollen hinein grandios besetzt. Justus von Dohnanyi als fußballbegeisterter Nachbar etwa, oder Michael Gwisdek als die von Erinnerungen an eine schlimme Zeit heimgesuchte Tresenbekannschaft. OH BOY ist eine gelungene Mischung aus Melancholie und Humor, der es gelingt, das Lebensgefühl des Protagonisten perfekt wiederzugeben.

DIE FEE (1.1.85, DD 5.1)
OT: La Fée
Verleih: Pandastorm Pictures (Kinostar)
Land/Jahr: Frankreich, Belgien 2011
Regie: Dominique Abel, Fiona Gordon, Bruno Romy
Darsteller: Dominique Abel, Fiona Gordon, Philippe Martz
Kinostart: 06.09.2012

Der hagere Dom arbeitet als Nachtportier in einem abgelegenen Hotel. Und das nicht gerade erfolgreich, hat er doch stets mit der Tücke des Objekts zu kämpfen. Eines Nachts steht plötzlich Fiona vor ihm, die ihm sagt, dass sie eine Fee sei und er drei Wünsche frei habe. Zwei Wünsche fallen ihm spontan ein: er will einen Roller und kostenloses Benzin auf Lebenszeit. Fiona verschwindet in ihrem Zimmer und kurze Zeit später steht tatsächlich ein Roller in der Rezeption... Unweigerlich fühlt man sich beim Betrachten der skurrilen Situationen, die sich Dominique Abel, Fiona Gordon und Bruno Romy für ihren Film ausgedacht haben, an die Filme von Jacques Tati erinnert. Aber auch Laurel und Hardy könnten Pate gestanden haben bei dieser aberwitzigen Burleske, mit der die Regisseure, deren vorheriger Film RUMBA vor vier Jahren im Kino zu sehen war, doch so einige Lachmuskeln in Bewegung setzten können. Das Timing ist zwar nicht immer geglückt (so ist jene Szene, in der Dom von Fiona eine Fußmassage verpasst bekommt, definitiv zu lang geraten!) und an die zusammenhangslos erscheinenden Tanz- und auch Gesangseinlagen muss man sich erst einmal gewöhnen, doch beeindruckt der Film durch seine unkonventionelle Art und Weise. Damit freilich ist das Werk weitab vom Mainstream und wird sich vermutlich nur einen kleinen Zuschauerkreis erarbeiten. Doch wer Absurditäten mag, dem wird dieser kleine in Le Havre angesiedelte Mikrokosmos eine diebische Freude bereiten.
Donnerstag, 13. September 2012
Von den Eltern zurückgelassen
Wie ein roter Faden zog sich heute ein wichtiges Thema durch die beiden Presse-Screenings: der Verlust der Eltern im Kindesalter und dessen schwerwiegende Folgen.

DER VERDINGBUB (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Ascot Elite (24 Bilder)
Land/Jahr: Schweiz, Deutschland 2011
Regie: Markus Imboden
Darsteller: Max Hubacher, Katja Riemann, Stefan Kurt, Lisa Brand
Kinostart: 25.10.2012

Ein Schweizer Bergdorf in den fünfziger Jahren. Als Waisenkind wird der junge Max auf den “Schattenhof” geschickt, um fortan dort gegen Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf seinen Dienst zu verrichten. Max kann die extrem harte Arbeit unter dem Patriarchen Bösiger nur durch seine Liebe zur Musik ertragen. Als die 15jährige Berteli, Tochter aus einer Scheidungsehe, ebenfalls dort untergebracht wird, entwickelt sich zwischen den beiden aus einer anfänglichen Abneigung eine innige Freundschaft. Doch Jakob, der erwachsene Sohn der Bösigers, hat ebenfalls ein Auge auf Berteli geworfen. Und kein zartfühlendes dazu... Stellvertretend für viele hunderttausende von Waisen-, Scheidungs- und unehelich geborenen Kindern, die bis in die 1950er-Jahre in der Schweiz durch die Behörden als sogenannte Verdingkinder den Bauern als billige Arbeitskräfte überlassen wurden, schildert Regisseur Markus Imboden das Schicksal von Max und Berteli. In düsteren Bildern fängt Kameramann Peter von Haller den von harter Arbeit und Gewalt dominierten “Schattenhof” ein, der zwar idyllisch gelegen, doch selbst alles andere als ein Idyll ist. Hier regieren die Bösigers (gut gespielt von Stefan Kurt und Katja Riemann) mit harter Hand. Den Frust, den sie tagtäglich mit dem drohenden Niedergang ihres Bauernhofes erleben müssen, reagieren sie auf ihre Weise an den Verdingkindern ab. Max Hubacher und Lisa Brand überzeugen hier als Max und Berteli. Auch wenn er darstellerisch und atmosphärisch überzeugt, leidet der Film insgesamt an gewissen Längen. So hätte manche Szene von einer Straffung durchaus profitiert, kann man doch allzu gut schon erahnen, wie sich die Geschichte fortsetzen wird.

SAG, DASS DU MICH LIEBST (1:2.35, DD 5.1)
OT: Parlez-moi De Vous
Verleih: Alpenrepublik (Barnsteiner)
Land/Jahr: Frankreich 2011
Regie: Pierre Pinaud
Darsteller: Karin Viard, Nicolas Duvauchelle, Nadia Barentin
Kinostart: 01.11.2012

Tagsüber schottet sich die attraktive Vierzigerin Claire Martin ganz von ihrer Außenwelt ab. Nachts aber wird sie zu Frankreichs bekanntester Radiomoderatorin Mélina, der viele Zuhörerinnen ihr Herz am Telefon ausschütten und mit ihrem Rat belohnt werden. Dabei hat Claire selbst mit großen Problemen zu kämpfen. Als kleines Kind wurde sie von ihrer Mutter im Stich gelassen. Durch eine Detektei lässt Claire nach ihr suchen, um sie nach 40 Jahren endlich zur Rede stellen zu können. Zu ihrer Überraschung lebt die Mutter nicht unweit von Paris entfernt. Claire will sie aufsuchen. Doch es kommt anders... Hat meine Mutter mich nicht geliebt? Oder warum sonst hat sie mich als Kind einfach zurückgelassen? Diese Frage treibt die Protagonistin in dem von Pierre Pinaud geschriebenen und inszenierten Film um. Und Karin Viard spielt sie großartig. Ihre Berührungsängste und Neurosen, die aus dem Verlust der Mutterliebe resultieren, sprechen hier Bände. Claire ist vollkommen unfähig eine Liebesbeziehung eingehen, solange sie nicht geklärt hat, ob ihre Mutter sie je geliebt hat. Darunter leidet ihre Beziehung zu dem wesentlich jüngeren Lucas, jenem ältesten Sohn der Schwiegertochter ihrer Mutter, der sich Hals über Kopf in sie verliebt. Sehr sensibel und mit einem Schuss Humor inszeniert Pinaud seine Dramödie, die leider manchmal etwas auf der Stelle tritt, aber dennoch große Gefühle transportieren kann.
Mittwoch, 12. September 2012
Rätselhaft
Wenn ich einen Film nicht verstehe, dann kann es dafür zwei Gründe geben: entweder bin ich dafür nicht intellektuell genug oder der Regisseur will nicht, dass man seinen Film versteht. Ich glaube im vorliegenden Fall hat der Regisseur gewonnen.

BITTERE KIRSCHEN (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Filmlichter (Barnsteiner)
Land/Jahr: Deutschland 2011
Regie: Didi Danquart
Darsteller: Anna Stieblich, Martin Lüttge, Wolfram Koch
Kinostart: 13.09.2012

Gerade als sie vom Theaterleiter gekündigt wird, muss eine Schauspielerin erfahren, dass ihre Mutter verstorben ist. Die Reise zu ihrem Heimatort weckt alte Erinnerungen wieder. Sie trifft sich mit ihrer Jugendliebe, mietet sich beim Ex-Freund ihrer Mutter ein und macht sich schließlich auf die Reise nach Auschwitz. Dort will sie der Geschichte ihrer Eltern nachspüren... Der Wechsel zwischen den verschiedenen Zeitebenen geschieht in Didi Danquarts Film fast unmerklich. Das geht sogar so weit, dass der Film ab einem gewissen Punkt ins Surreale abgleitet. Wenn sich die drei Protagonisten bei ihrer Rückfahrt aus Polen zu einer verlassenen Tankstelle verirren und jeder für sich durch die vielen Räume wandelt, dann hat das vermutlich alles symbolhafte Bedeutung. Die aber erschließt sich dem Betrachter leider nur sehr schwer. Ist es Traum oder Realität? Was hat es zu bedeuten? Am Ende des Films wird man sich relativ verstört im Kinosaal wiederfinden und sich fragen, warum man sich ausgerechnet diesen Film angeschaut hat. Die Antwort bleibt der Regisseur schuldig.

Didi Danquart und Anna Stieblich zu Gast in Stuttgart
Dienstag, 11. September 2012
Wahre Geschichten
Gaumenfreuden in der DDR und Depressionen in der Türkei – der heutige Tag hatte für mich beides im Programm.

SUSHI IN SUHL (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Movienet (24 Bilder)
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Carsten Fiebeler
Darsteller: Uwe Steimle, Julia Richter, Ina Paule Klink
Kinostart: 18.10.2012

Suhl in der DDR in den siebziger Jahren. Gemeinsam mit seiner Gattin betreibt Rolf Anschütz den “Waffenschmied”, ein Restaurant mit thüringer Küche. Doch der gelernte Koch hat weitaus größere Ambitionen. “Aus Nichts etwas machen” ist sein erklärtes Ziel. Und die japanische Küche hat es ihm angetan. Mit List und Tücke sowie wahrhafter Improvisationskunst und gegen alle Regeln des Staatsapparates macht er sich an die Realisierung seines Traums: ein Sushi-Lokal. Und das ausgerechnet in der Ostzone! Allen Unkenrufen zum Trotz gelingt es ihm, aus dem “Waffenschmied” ein weltbekanntes Lokal mit traditioneller japanischer Küche zu machen. Doch sein geschäftlicher Erfolg bekommt seiner Ehe alles andere als gut... “Frei nach einer wahren Geschichte”, wie es im Vorspann heisst, inszenierte Carsten Fiebeler die Geschichte des Rolf Anschütz, der in die Annalen der Kochgeschichte einging. Mit Uwe Steimle und seinem herrlich sächsischen Akzent hat er auch gleich die Idealbesetzung gefunden. Der porträtiert den Mann mit Träumen augenzwinkernd und mit einer Wahnsinnsruhe. Mangels Verfügbarkeit in der DDR werden in seinen Händen Eierbecher zu Trinkschalen, alte Vasen zu Getränkebehältern oder Judo-Anzüge zu Kimonos. Mit hochgesteckten Haaren verwandelt er sogar seine fleissige Bedienung in eine waschechte Geisha. Die Mechanismen des DDR-Regimes, in dem jeder jeden überwacht und sich keiner eine Blöße geben möchte, bringt der Film mehr als nur einmal auf den Punkt und karikiert es köstlich. Köstlich auch die fast schon naive Unerschrockenheit, mit der der Protagonist seinen Individualismus auslebt. Da sagt er beispielsweise zu einem hohen Funktionär, der meint, er müsse auch mal das Sushi-Lokal besuchen: “Falls sie einen Platz bekommen!”. Warum der Regisseur den Film aus dem Off durch Anschützs Sohn kommentieren lässt, bleibt indes etwas rätselhaft. Weder ergänzen die Kommentare die Szenen, noch spielt der Sohn eine Rolle in der Geschichte. Auch Anschützs Besuch in Japan verwirrt eher als dass er zum Film dramaturgisch beiträgt. Von diesen etwas unglücklichen Holprigkeiten einmal abgesehen, vermag der Film dennoch gut zu unterhalten.

DIE STIMME MEINES VATERS – BABAMIN SESI (1:1.85, DD 5.1)
OT: Babamin Sesi
Verleih: Aries Images
Land/Jahr: Türkei, Deutschland 2011
Regie: Orhan Eskiköy, Zeynel Dogan
Darsteller: Zeynel Dogan, Basê Dogan, Gülizar Dogan
Kinostart: 15.11.2012

Als alte Frau schaut die Mutter auf ein bewegtes Leben zurück. Ihr Mann verdiente den Lebensunterhalt für die Familie weit weg von zuhause. Die beiden Söhne musste sie alleine großziehen und sich auch noch um ihre Schwiegereltern kümmern. Weil sie Analphabetin war, kommunizierte sie mittels Tonbandbriefen mit ihrem Mann. Ihr ältester Sohn schloss sich dem kurdischen Widerstand an, ihr jüngerer Sohn gründete eine eigene Familie. Bei seinem Besuch bei der Mutter versucht er nun, alles über seinen Vater, den er nicht kannte, zu erfahren. Ganz langsam und mit Hilfe der Tonbänder gelingt es ihm, seiner Mutter die ganze Wahrheit zu entlocken... Der auf wahren Begebenheiten beruhende Film, in dem die betroffenen Personen selbst vor die Kamera treten, ist im Grunde genommen eine Art von Familientherapie. Hier wird die Vergangenheit einer in der Türkei lebenden kurdischen Familie aufgearbeitet, deren Vater die Kinder praktisch nicht kannten und mit dem sie nur per Tonband kommunizierten. Ein wichtiges Thema – die türkisch-kurdischen Beziehungen – wird leider extrem sperrig inszeniert, mit vielen langen Einstellungen und wenig Dialogen. Ein großes Publikum dürfte der Film dadurch wohl kaum erreichen.
Montag, 10. September 2012
Ein Schlückchen in Ehren...
Die Pressewoche fängt schon richtig gut an – mit einem Film, in dem mein Lieblingswhisky verkostet wird!

ANGELS‘ SHARE – EIN SCHLUCK FÜR DIE ENGEL (1:1.85, DD 5.1)
OT: The Angels‘ Share
Verleih: Prokino (Fox)
Land/Jahr: Großbritannien, Frankreich 2012
Regie: Ken Loach
Darsteller: Paul Brannigan, Siobhan Reilly, John Henshaw
Kinostart: 18.10.2012

Zusammen mit weiteren Gestrauchelten wurde Robbie zu gemeinnütziger Arbeit in Glasgow verdonnert. Weil seine Freundin Leonie ein Kind von ihm erwartet, möchte er seiner kleinkriminellen Vergangenheit abschwören. Doch die Familie seiner Freundin lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Die will partout und mit viel Gewalt die Beziehung zu Leonie verhindern. Da nimmt sich Sozialarbeiter Harry dem jungen Mann an. Bei einem Ausflug in die Highlands eröffnen sich Robbie neue Perspektiven: er findet Gefallen am Whisky und dessen Kultur. Um Startkapital für ein neues Leben zu bekommen, beschließt er, einen extrem seltenen Whisky zu stehlen, um ihn gewinnbringend zu verkaufen. Drei Freunde aus seiner Sozialstundengruppe sollen ihm dabei helfen... Bis es soweit ist, dass Robbie und seine Freunde in Kilts gekleidet den weiten Weg zu einer Destillerie in den schottischen Highlands antreten, gestaltet sich Ken Loachs Film wie viele seiner früheren Filme: als reines Sozialdrama. Hier gibt es für die Protagonisten kaum ein Entkommen. Doch wenn das Quartett zum Bruch aufbricht, unterlegt mit “I’m Gonna Be (500 Miles)”, wandelt sich der Film auf märchenhafte Weise in eine Komödie. Das ist so wohltuend lebensbejahend, dass man es kaum fassen kann! Und man kann es den jungen Dieben letztendlich auch gar nicht übel nehmen, dass sie ein Unrecht begehen. Schließlich entwenden sie praktisch nur den “Angels‘ Share”, jenen verschwindend geringen Fassanteil, der auf mysteriöse Art und Weise bei der Reifung verschwindet. Ken Loachs herzerwärmender Film macht großen Spaß und dürfte ganz besonders Whisky-Feunden gefallen. Na dann Prost!
Donnerstag, 06. September 2012
Andere Länder, andere Sitten
Ende der Fahnenstange: das Fantasy Filmfest ist vorbei und die heutige Pressevorführung war gleichzeitig die letzte in dieser Woche.

STILLE SEELEN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Ovsyanki
Verleih: Film Kino Text
Land/Jahr: Russland 2010
Regie: Alexei Fedorchenko
Darsteller: Yuliya Aug, Igor Sergeyev, Viktor Sukhorukov
Kinostart: 15.11.2012

Eines Morgens wird Aist zu Miron, dem Direktor der Papierfabrik, in der er arbeitet, gerufen. Dieser eröffnet ihm, dass seine geliebte Frau Tanja in der vergangenen Nacht verstorben ist. Miron bittet Aist, ihm zu helfen, Tanja nach alter Merja-Tradition zu beerdigen. Gemeinsam machen sich die beiden Männer auf, Tanja zu ihrer Ruhestätte zu bringen... In extrem ruhigen Bildern und sehr langen Einstellungen nimmt uns Regisseur Alexei Fedorchenko mit auf eine Reise, auf der er uns mit der vom Aussterben bedrohten Merja-Kultur bekanntmacht. Dabei handelt es sich um eine etwa 400 Jahre alte ethnische Gemeinschaft, deren Rituale und Traditionen im modernen Russland nicht mehr viele Menschen kennen. Zu diesen Traditionen gehört auch das “Rauchen”. Damit ist nicht etwa der Genuss von Tabak gemeint, sondern das Teilen der intimsten Geheimnisse nach dem Tode eines geliebten Menschen. Das freilich ist für Europäer sehr gewöhnungsbedürftig, wie auch der gesamte Film, der sich europäischen Sehgewohnheiten vollkommen entzieht. Die herbstlich düstere Farbgebung der CinemaScope-Bilder erinnert an typischen Orwocolor-Look. Wer ein Faible für fremde Kulturen hat, dem könnte dieses ungewöhnliche Road-Movie gefallen.
Dienstag, 04. September 2012
Telenovelas gibt es auch im Kino
Nicht jeder Film kann ein Meisterwerk sein. Und das ist auch gut so. Sonst könnte man ja Meisterwerke nicht mehr erkennen.

DER DEUTSCHE FREUND (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Deutschland, Argentinien 2012
Regie: Prof. Jeanine Meerapfel
Darsteller: Max Riemelt, Celeste Cid, Benjamin Sadler
Kinostart: 01.11.2012

Sulamit wächst als Tochter jüdischer Emigranten aus Deutschland im Buenos Aires der fünfziger Jahre auf. Ausgerechnet mit Friedrich, dem Sprössling der Nachbarn, verbindet sie eine innige Freundschaft. Selbst der Umstand, dass Friedrichs Vater ein deutscher Nazi ist, beeinträchtigt ihre Freundschaft nicht. Im Laufe der Jahre entwickelt sich daraus eine große Liebe, die in den Zeiten des politischen Umbruchs einer großen Prüfung unterzogen wird... Mit einer irren Geschwindigkeit hechelt Regisseurin Jeanine Meerapfel durch ihren Film. Oft werden Szenen fast stakkatoartig aneinander montiert, zwischen denen lange Zeiträume liegen. So fällt es nicht immer leicht, sich als Zuschauer im Film zurechtzufinden. Es gibt weder Einblendungen von Jahreszahlen noch gibt es konkrete Informationen zur politischen Lage in Argentinien. Diese wären aber zum Verständnis des Films wichtig gewesen. Ohne sie reduziert sich Meerapfels Film auf eine Telenovela, was durch die schwülstige Filmmusik noch unterstrichen wird. Insgesamt wird man den Eindruck nicht los, dass es sich bei diesem Drama um einen auf Kinolänge gekürzten Advents-Vierteiler handeln könnte.
Montag, 03. September 2012
Der Gestank sitzt mit am Tisch
Neben dem “Fantasy Filmfest” auch noch Pressevorführungen? Klar, geht alles!

MÜLL IM GARTEN EDEN (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Pandora
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Fatih Akin
Kinostart: 06.12.2012

Camburnu ist ein kleines Bergdorf in der Türkei. Idyllisch gelegen am Schwarzen Meer betreiben seine Bewohner schon immer den Teeanbau. Als jedoch im Jahre 2007 von der Regierung beschlossen wurde, dort in unmittelbarer Nähe eine Mülldeponie zu errichten, ist es mit der Idylle vorbei. Über einen Zeitraum von fünf Jahren dokumentierte der Filmemacher Fatih Akin den Kampf der Dorfbewohner gegen diese Mülldeponie. Entstanden ist dadurch ein Film, der ein weiteres Beispiel dafür zeigt, wie Behördenwillkür Leben zerstören kann. Er lässt dabei viele der Betroffenen zu Wort kommen. So beispielsweise den Bürgermeister des Ortes, der den Bau verhindern wollte und deshalb von den Behörden angeklagt wurde. Oder eine einfache Frau, deren Teeernte durch den Kot der durch die Deponie angelockten Vögel verunreinigt wird. Auch der zuständige Ingenieur der Umweltbehörde kommt zu Wort, wiegelt aber nur ab. “Der Gestank sitzt mit am Tisch”, sagt eine Dorfbewohnerin. Inzwischen ist die Mülldeponie zu einem echten Politikum herangereift. Die durch sie entstandenen Umweltschäden (Verunreinigung des Trinkwassers) nehmen immer größere Dimensionen an. Am Ende von Akins Dokumentarfilm sieht man den Dorfchronisten mit seiner Kamera losziehen, um einmal mehr die Katastrophe zu dokumentieren. Ein Symbol dafür, dass der Kampf der Einwohner weitergeht.

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