Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Montag, 30. Juni 2014
Roadtrip und Kriegsgeschichte
Es ist ja erst Montag...und trotzdem war einer der beiden Filme heute sehenswert

TAMMY – VOLL ABGEFAHREN (1:1.85, DD 5.1)
OT: Tammy
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Ben Falcone
Darsteller: Melissa McCarthy, Susan Sarandon, Allison Janney
Kinostart: 03.07.2014

Wenn einem der Job gekündigt wird und man dann auch noch erfahren muss, dass man vom Ehemann schon lange hintergangen wird, dann ist das wahrlich ein harter Tag. Aber für Tammy kommt es noch schlimmer: ihr fackelt nämlich auch noch der fahrbare Untersatz ab! Nichts wie weg, denkt sich das mollige Ding und schnappt sich das Auto der Oma – mitsamt der alten Lady und ihres Whiskey-Vorrats natürlich. Und so gehen die beiden auf Tour in bester Thelma & Louise Manier. Jetzt bleibt kein Stein mehr auf dem anderen... Vergeblich versucht der deutsche Untertitel die Belanglosigkeit dieser Geschichte mit dem Slogan “Voll abgefahren” zu tarnen – es mag ihm nicht wirklich gelingen. Zumindest bei mir konnten weder die Witze mit Bezug auf den Körperumfang der Titelheldin (Melissa McCarthy) noch die geriatrischen Zoten ihrer Film-Oma (Susan Sarandon) ein Lächeln entlocken. Ganz das Gegenteil war hier der Fall: so gelangweilt habe ich mich selten wie in diesem Filmchen. Erschreckend dabei ist allerdings der Gedanke, dass es tatsächlich Zuschauer gibt, denen so etwas gefallen könnte. Hier tut Aufklärung not! Aber wie war das doch gleich mit dem Rufer in der Wüste...?

WOLFSKINDER (1:2.35, 5.1)
Verleih: Port-au-Prince (Barnsteiner)
Land/Jahr: Deutschland, Litauen 2013
Regie: Rick Ostermann
Darsteller: Levin Liam, Helena Phil, Patrick Lorenczat
Kinostart: 28.08.2014

Es ist der Sommer des Jahres 1946. Ostpreußen steht unter sowjetischer Herrschaft. Als ihre Mutter stirbt, machen sich die beiden Söhne, der 14-jährige Hans und sein jüngerer Bruder Fritz, auf den Weg nach Litauen, um damit den letzten Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen. Denn in Litauen gibt es angeblich noch Bauern, die deutsche Kinder bei sich aufnehmen. Eine Reise voller Gefahren beginnt... “Wolfskinder” – das sind anhanglose deutsche Kinder und Jugendliche, die nach 1945 dem drohenden Hungertod im nördlichen Ostpreußen zu entgehen versuchten, dabei in außerdeutsche Zusammenhänge gerieten (zumeist in Litauen) und ihre Herkunft durch die Annahme einer neuen Identität zeitweise oder gar dauerhaft verschleiern mussten. Aufgrund der widrigen Kriegsumstände waren sie nur auf die Nahrungsaufnahme reduziert und “vertiert”. Für seinen Film recherchierte Regisseur und Drehbuchautor Rick Ostermann sehr behutsam das Schicksal einiger dieser Wolfskinder und formte daraus einen Spielfilm, der so authentisch wie möglich die Geschichte wiederzugeben versucht. Dank seiner wunderbaren Kinderdarsteller sowie der eindrucksvollen Arbeit von Kamerafrau Leah Striker gelingt ihm dies außerordentlich gut. Eine sehr sparsam eingesetzte Filmmusik verzichtet auf jeglichen Pathos und versucht erst gar nicht, auf die Tränendrüse zu drücken. Die Odyssee der alleingelassenen Kinder durch tiefe Wälder, Seen und Felder, stets die Angst im Nacken, entdeckt zu werden, lässt den Zuschauer nicht kalt, sondern zieht in förmlich hinein in deren fast auswegloses Schicksal.

Freitag, 27. Juni 2014
Warum ist es am Rhein so schön...?
An einer Antwort auf diese Frage versuchte sich der erste Film heute

RHEINGOLD – GESICHTER EINES FLUSSES (1:1.85, 5.1)
Verleih: Senator
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Dr. Peter Bardehle, Lena Leonhardt
Kinostart: 21.08.2014

Wenn der Rhein etwas zu erzählen hätte, dann wohl mit der Stimme von Ben Becker. Gesagt – getan. In dem neuesten Film, der mit der revolutionären CineFlex-Kamera aufgenommen wurde, setzen seine Macher Dr. Peter Bardehle und Lena Leonhardt auf Beckers sonore Stimme als die Personifizierung jenes geschichtsträchtigen deutschen Flusses. Und dieser Fluss hat uns viel zu erzählen, während die Bilder von oben über die Leinwand rauschen. Unterbrochen werden seine Geschichten ab und an durch Erzählerin Anne Moll, die Fakten liefert. Die Bilder sind dabei wirklich spektakulär, wirken aber hin und wieder fast schon surreal durch ihre übertriebene Tiefenschärfe, speziell ganz am Anfang der Reise. Allerdings kann auch dieser “Von Oben”-Film seine TV-Herkunft nicht leugnen: das eingeschränkte Bildformat ist zwar für Flatscreens durchaus passabel, könnte im Kino jedoch sehr gerne in die ganze CinemaScope-Breite gehen. Die Verwebung des Mythos Rhein mit der Musik von Richard Wagner wird leider gebetsmühlenartig wiederholt, so dass man es nach einer gewissen Zeit einfach über hat. Wie den gesamten Film übrigens: nach 45 Minuten hat man erst die Hälfte hinter sich, aber eigentlich auch schon genug.

STEP UP: ALL IN (1:1.85, 3D, 5.1)
OT: Step Up: All In
Verleih: Constantin
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Trish Sie
Darsteller: Briana Evigan, Ryan Guzman, Adam Sevani
Kinostart: 07.08.2014

Um endlich die Gelegenheitsjobs an den Nagel zu hängen, bewirbt sich die Dance Crew um Sean bei “The Vortex” in Las Vegas, einem Tanzwettbewerb, bei dem den Siegern ein Engagement winkt... Gerade als man dachte, es wäre alles vorbei, geht das STEP UP Franchise in die nächste Runde. Wie schon in den Vorgänger-Filmen stört auch hier eigentlich nur das Drehbuch, das wiederkäuend dieselbe Geschichte erzählt – mit Variationen natürlich. Aber es wird auch jetzt wieder ziemlich schnell klar, dass die Rahmenstory nur Mittel zum Zweck ist. Der Zweck in diesem Fall sind natürlich die Tanznummern. Wer auf Dance Battles steht, ist hier sicher gut aufgehoben. Insbesondere der finale Show Act ist aufgrund der großen Arena sehenswert. Allerdings darf man nicht auf die Idee kommen, das Ganze zu hinterfragen (“Wie konnte die Crew innerhalb von nur ein paar Minuten eine solch ausgefeilte Choreographie ausarbeiten und einstudieren?”) – denn damit bringt man sich um den ganzen Spaß. Hinterfragt werden darf allerdings die Tatsache, dass uns in der Pressevorführung eine nicht fertige Fassung gezeigt wurde, die in Bild und Ton zu wünschen übrig ließ.
Donnerstag, 26. Juni 2014
Ein Thriller für die Großen und einer für die Kleinen
Mit dem heutigen Doppelspänner war ich zufrieden

SAG NICHT, WER DU BIST! (1:1.85 & 1:2.55, 5.1)
OT: Tom A La Ferme
Verleih: Kool
Land/Jahr: Kanada, Frankreich 2013
Regie: Xavier Dolan
Darsteller: Xavier Dolan, Pierre-Yves Cardinal, Lise Roy
Kinostart: 21.08.2014

Als er nach langer Fahrt endlich auf dem Gehöft ankommt, ist niemand da. Offensichtlich hat niemand Tom erwartet. Dabei war er der Lover des verstorbenen jüngsten Sohnes von Agathe, die zusammen mit dem älteren Sohn Francis den Bauernhof betreibt, und zu dessen Beerdigung er gekommen ist. Doch Agathe weiß nichts von Tom. Und sie weiß auch nicht, dass der Tote schwul war. Dass das auch so bleibt, macht der brutale Francis von Anfang an Tom klar. Zunehmend gerät Tom in Francis‘ Bann. Ein perfides Katz- und Mausspiel beginnt... Kanadas Regiewunderkind Xavier Dolan bezeichnet seinen neuesten Film als einen “psychosexuellen Thriller”. Und liegt mit dieser Definition genau richtig. Wobei seine Stilmittel sogar teilweise aus dem Horrorbereich geborgt sind! Mit seiner gelungenen Fotografie (Kamera: Andre Turpin) und dem suggestiven Score aus der Feder von Gabriel Yared würde Dolans Film auch Meister Hitchcock alle Ehre machen. Die Kombination aus Bild und Musik sorgen von Anfang an für einen konsequenten Spannungsaufbau, der am Ende nur eine einzige Frage in den Raum stellt: wer wird sterben? Mit Xavier Dolan, Pierre-Yves Cardinal und Lise Roy sind die Hauptrollen in diesem verfilmten Theaterstück perfekt besetzt. Insbesondere Pierre-Yves Cardinal in der Rolle von Francis beeindruckt durch sein Spiel – der Typ ist wirklich unberechenbar! Wer spannende Unterhaltung liebt, für den werden diese 105 Minuten wie im Flug vorübergehen.

RICO, OSKAR UND DIE TIEFERSCHATTEN (1:2.35, 5.1)
Verleih: Fox
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Neele Leana Vollmar
Darsteller: Anton Petzold, Juri Winkler, Karoline Herfurth
Kinostart: 10.07.2014

Rico bezeichnet sich immer als “tiefbegabt”. Ganz Unrecht hat der etwas korpulente Junge nicht: Denken kann er nicht sonderlich gut und auch die Orientierung verliert er schon nach wenigen Schritten. Dass er keine Freunde hat, ist nicht weiter verwunderlich. Eines Tages jedoch lernt er den kleinen Oskar kennen. Auch er ist etwas sonderlich, trägt er doch stets einen Helm auf dem Kopf. Und der kleine Steppke ist nicht nur vorlaut, sondern auch hochbegabt. Da haben sich zwei gefunden....und werden dicke Freunde. Dann aber wird Oskar entführt. Jetzt ist Ricos gesamtes Können gefragt... Neele Leana Vollmar hat den ersten “Rico & Oskar”-Film (richtig: für 2015 ist bereits der nächste angekündigt!) nach den Büchern von Andreas Steinhöfel inszeniert und mit den beiden Kinderdarstellern Anton Petzold und Juri Winkler sogleich die Traumbesetzung gefunden. In dem für Kinder ab 6 Jahren geeigneten Großstadtabenteuerfilm im Stile eines Kalle Blomquist werden auf ebenso spannende wie witzige Weise Probleme wie geistige Behinderung, zerrüttete Elternhäuser und Freundschaft thematisiert und für die kleinen Zuschauer verständlich aufbereitet. Der Kinderschar, welche die heutige Pressevorführung bevölkerte, hat es zumindest gefallen – es wurde viel gelacht und am Ende gar applaudiert. Freilich können die Kleinen noch nicht alles verstehen, beispielsweise den halbseidenen Job von Ricos Mutter. Aber schließlich soll ja auch etwas für die Erwachsenen abfallen.
Dienstag, 24. Juni 2014
Zweiter Frühling und zweite Chance
Das heutige Doppel brachte unter anderem ein Wiedersehen mit der schönsten Frau Frankreichs

EIN AUGENBLICK LIEBE (1:2.35, DD 5.1)
OT: Une Rencontre
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich 2014
Regie: Lisa Azuelos
Darsteller: Sophie Marceau, François Cluzet, Lisa Azuelos
Kinostart: 07.08.2014

Elsa und Pierre lernen sich zufällig auf einer Buchmesse kennen. Sie ist erfolgreiche Autorin und alleinerziehende Mutter dreier Kinder, er ein erfolgreicher Strafverteidiger und glücklich verheiratet mit Kind. Von der ersten Sekunde an funkt es zwischen den beiden. Doch nichts passiert. Doch der Zufall will es, dass sie sich ein zweites Mal begegnen. Ihr Flirt wird intensiver... Lisa Azuelos‘ Film richtet sich an alle Romantiker im Publikum – und ganz speziell an jene mit ein bisschen Lebenserfahrung! Auf wunderbare Weise zelebriert der Film jenen Moment, in dem sich zwei Menschen gegenseitig unwiderstehlich anziehen, sich aber mit Rücksicht auf ihr bisheriges Leben einfach nicht – oder besser: noch nicht – aufeinander einlassen können. In Gedanken spinnt der Film oft fort, was wohl passieren wird, wenn sich Elsa und Pierre zueinander bekennen würden. Erst in letzter Sekunde erkennen wir als Zuschauer, dass dies nur Präventivphantasien sind, die uns der vorzüglich fotografierte Film (Kamera: Alain Duplantier; in ausgewählten Kinos in 4K-Auflösung) ab und zu serviert. Und genau in diesem Moment sind wir dankbar dafür, dass dieses “Worst Case”-Szenario nur ein Gedankenspiel ist. Der Film ist voll von solchen falschen Fährten und man verzeiht es ihm immer wieder. Denn es macht richtig Laune, dem Film immer wieder mal auf den Leim zu gehen. Das Gefühl der Verliebtheit, jenen zweiten Frühling, den die Protagonisten erleben dürfen – Azuelos‘ Film bringt ihn auf den Punkt. Mit kleinen Gesten, mit den eingespielten Songs, mit Slow Motion. Dabei bilden Sophie Marceau und François Cluzet ein absolutes Traumpaar, das es hervorragend versteht, ihre Gefühle von der Leinwand in den Zuschauerraum zu transportieren. EIN AUGENBLICK LIEBE empfiehlt sich als das perfekte Date-Movie. Probieren Sie es aus!

CAN A SONG SAVE YOUR LIFE? (1:1.85, DD 5.1)
OT: Begin Again
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: USA 2013
Regie: John Carney
Darsteller: Keira Knightley, Mark Ruffalo, Hailee Steinfeld
Kinostart: 28.08.2014

Der abgehalfterte Musikproduzent Dan lernt die junge Songschreiberin Gretta bei einem Auftritt kennen und bietet ihr an, ein Album zu produzieren. Mangels finanzieller Mittel wollen sie jeden Song an einem anderen Ort im Freien in New York aufnehmen. Das gemeinsame Unternehmen hilft jedem der beiden, ihre momentanen Lebenskrisen zu überwinden... Mit ONCE machte er von sich reden. Jetzt kommt John Carney neuer Film. Und wieder steht die Musik im Mittelpunkt der Geschichte. Einer Geschichte jedoch, die lange nicht mehr an die Qualität seines ersten Films heranreicht. Zwar gibt es gute Ansätze und alles andere als ein Larifari-Hollywood-Happy-End, doch läuft hier alles etwas zäh ab. Speziell zu Beginn, bis der Film endlich zu seinem eigenen Rhythmus findet. Auf gängige Klischees aus der Musikbranche verzichtet das Drehbuch leider auch nicht. Insgesamt nur bedingt zu empfehlen.
Montag, 23. Juni 2014
Glück – was ist das?
Eine Komödie mit philosophischen Ansätzen läutete meine recht volle Pressewoche heute ein.

HECTORS REISE ODER DIE SUCHE NACH DEM GLÜCK (1:2.35, DD 5.1)
OT: Hector And The Search For Happiness
Verleih: Wild Bunch
Land/Jahr: Deutschland, Kanada 2014
Regie: Peter Chelsom
Darsteller: Simon Pegg, Rosamund Pike, Christopher Plummer
Kinostart: 14.08.2014

Hector ist ratlos. Als Psychiater in London will es ihm einfach nicht mehr gelingen, seine Patienten glücklich zu machen. Aber ist er denn überhaupt selber glücklich? In der Beziehung mit seiner Freundin jedenfalls läuft alles nach Plan – jeder Handgriff sitzt. Aber genau das ist vielleicht ja zuviel des Guten. Hector zieht die Notbremse und beschließt, die Welt zu bereisen und nach dem Glück zu suchen. Sein Weg führt ihn nach China, Afrika und Los Angeles. Und überall findet er Menschen, die glücklich sind... Ähnlich wie Ben Stiller als WALTER MITTY zu Jahresbeginn begibt sich auch Simon Pegg in der Rolle des etwas exzentrischen Psychiaters Hector auf eine Reise in entlegene Länder. War es bei Stiller noch eine Sinnsuche, ist es bei Pegg die Suche nach einer Definition für Glück. Im Laufe seiner Reise wird Hector eine Vielzahl von Glücksmomenten finden, die er fein säuberlich in sein Tagebuch schreibt. Und es sind ganz unterschiedliche Varianten des Glücks, die ihm begegnen. Man könnte fast sagen, es sind genauso viele Arten von Glück wie es Menschen auf der Welt gibt. Am Ende freilich wird es den verschrobenen Sonderling natürlich zu seinem ganz eigenen Glück führen. Das kommt dann zwar nicht ganz unerwartet, wird aber gerne angenommen. Weit weniger angenommen werden kann dagegen die Mixtur aus an Slapstick grenzendem Humor und beinharter Realität, so wie in jener Episode, in der Hector in Afrika entführt und gefangengehalten wird. Mit einem solch krassen Gegensatz rechnet man ganz gewiss nicht und so wundert es nicht, dass diese Episode als störend empfunden wird. Dank der flotten Inszenierung und der guten Darsteller aber überwiegt der positive Eindruck, der allenfalls durch die sich in den Vordergrund spielende Filmmusik etwas getrübt wird.
Freitag, 20. Juni 2014
Aus dem Leben von Ökoterroristen
Den Abschluss der Pressewoche bildete eine terroristische Keimzelle inmitten von Biobauern.

NIGHT MOVES (1:1.85, 5.1)
OT: Night Moves
Verleih: MFA (Filmagentinnen)
Land/Jahr: USA 2013
Regie: Kelly Reichardt
Darsteller: Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard
Kinostart: 14.08.2014

Josh, Dena und Harmon sind Ököterroristen mit einem riskanten Plan: gemeinsam wollen sie einen Staudamm sprengen, um ein Zeichen in Sachen Umwelt zu setzen. Die Tat gelingt, doch hat sie ein unerwartetes Nachspiel, das die Drei aus der Bahn werfen wird... Mit großer Präzision schildert Filmemacherin Kelly Reichardt nicht nur Vorbereitung und Durchführung der Tat der drei Ökoterroristen, sondern insbesondere auch ihre psychischen Probleme, nachdem der Anschlag eine unerwartete Wendung nimmt. Mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning und Peter Sarsgaard hat der Film die perfekte Besetzung gewonnen. Das Trio spielt seine Rollen sehr authentisch, fast so, als wäre vieles einfach improvisiert, wodurch der Film dann auch seine ganz eigene Spannung erhält. Nichtsdestotrotz bleibt es ein kleiner Film, der seine Wurzeln auch im Fernsehen haben könnte.
Mittwoch, 18. Juni 2014
Wenn Schiller gewusst hätte, was sich in Paris tat
Das heutige Pressedoppel konfrontierte mich mit deutscher Geschichte

DIPLOMATIE (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Koch Media (Neue Visionen)
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland 2014
Regie: Volker Schlöndorff
Darsteller: Niels Arestrup, André Dussollier, Robert Stadlober, Burghart Klaußner
Kinostart: 28.08.2014

In der Nacht vom 24. auf den 25. August 1944 erhält General von Choltiz von Hitler den Befehl, Paris dem Erdboden gleich zu machen. Während seine Männer in der ganzen Stadt bereits Sprengsätze anbringen, unternimmt der schwedische Konsul Nordling den verzweifelten Versuch, den General von der Ausführung des wahnwitzigen Befehls abzuhalten... Regisseur Volker Schlöndorff hat gemeinsam mit Autor Cyril Gely dessen Theaterstück “Diplomatie” für die Kinoleinwand adaptiert. Um den Kammerspielcharakter zu kaschieren, gibt es immer wieder eingestreute kurze Szenen, die sich außerhalb des Hauptschauplatzes, einem Hotelzimmers, abspielen. Das ist leider kontraproduktiv. Vielmehr verstärkt es den Eindruck, dass es sich hier um ein verfilmtes Theaterstück handelt! Dabei hätte der Film diese künstlich generierten Sequenzen gar nicht nötig, ist das Rededuell zwischen den beiden Protagonisten alleine schon spannend genug. Andre Dussollier als Konsul Raoul Nordling und Niels Arestrup als General Dietrich von Choltiz brillieren in ihren Rollen

Video: DIPLOMATIE - Filmpremiere in Stuttgart

DIE GELIEBTEN SCHWESTERN (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Senator
Land/Jahr: Deutschland, Österreich 2013
Regie: Dominik Graf
Darsteller: Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Henriette Confurius
Kinostart: 31.07.2014

Der junge Friedrich Schiller lernt Ende des 17. Jahrhunderts die beiden Schwestern Caroline und Charlotte kennen und lieben. Die “Menage a Trois” jedoch treibt mit der Zeit einen Keil zwischen die beiden Schwestern... Was am Ende von diesem Film übrigbleibt, sind seine ästhetisch atemberaubenden Bilder von Kameramann Michael Wiesweg. Was alles andere angeht, so wird viel Sitzfleisch benötigt! Und das obwohl der Film für seine Kinoauswertung von 170 auf 138 Minuten gekürzt wurde. Um der auf Mutmaßungen und Tratsch basierenden Geschichte folgen zu können, empfiehlt es sich, sich schon vorab mit dem Stoff auseinanderzusetzen. Denn sonst dürfte man sich schon ein bisschen in diesem Mikrokosmos von Figuren verlieren, die uns Regisseur und Drehbuchautor Dominik Graf hier serviert und darüber hinaus von einem exzellenten Ensemble spielen lässt.
Dienstag, 17. Juni 2014
Lachen, bis der Arzt kommt
Zum Auftakt der neuen Pressewoche gab es grandioses aus Kanada

DIE GROSSE VERSUCHUNG – LÜGEN, BIS DER ARZT KOMMT (1:1.85, DD 5.1)
OT: The Grand Seduction
Verleih: Wild Bunch
Land/Jahr: Kanada 2013
Regie: Don McKellar
Darsteller: Brendan Gleeson, Taylor Kitsch, Gordon Pinsent
Kinostart: 10.07.2014

Tickle Head hat schon weitaus bessere Tage gesehen. Seit es mit dem Fischen vorbei ist, ist das kleine Hafenstädtchen auf einer Insel vor Neufundland ziemlich heruntergekommen und seine Einwohner leben einzig von der Sozialhilfe. Da kommt das Interesse einer Firma, genau dort eine Fabrik zu errichten, einer Erlösung gleich. Doch die Fabrik soll nur gebaut werden, falls es gelingt, einen Arzt vor Ort anzusiedeln. Als ein potenzieller Kandidat gefunden wird, lässt sich das gesamte Dorf auf den ausgekochten Plan des alten Murray ein: das Dorf soll sich von seiner besten Seite zeigen, um Dr. Lewis zu halten. Und da darf man ruhig etwas flunkern... In Don McKellars melancholischer Komödie trifft LOCAL HERO auf NED DEVINE – und hat damit die perfekte Mischung für einen perfekten Kinoabend! Einen besseren Hauptdarsteller als Brendan Gleeson könnte man sich hier kaum wünschen. Er repräsentiert den gewitzten Kerl mit gutem Herz wie kein Anderer. Und sein bärtiges Gesicht passt – wie die Gesichter des gesamten Ensembles – auf wunderbare Weise zu der rauhen Landschaft Neufundlands. Von wegen Lügen, bis der Arzt kommt – hier darf gelacht wer5den, bis der Arzt kommt. Etwa wenn die Dorfgemeinschaft in ihrer Not aus dem nicht sonderlich repräsentativen Haus direkt am Anlegesteg per Schild zum Weltkulturerbe deklariert. Oder wenn die beiden alten Ladies sämtliche Telefonate von Dr. Lewis überwachen und dabei zum ersten Mal Berührung mit Telefonsex bekommen. Abgerundet wird der überaus positive Eindruck durch stimmungsvolle Bilder und einen wehmütigen Soundtrack. Schöner kann kaum ein Kinoabend sein. Ein Geheimtipp!

BESSER ALS NIX (1:2.35, 5.1)
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Ute Wieland
Darsteller: François Goeske, Wotan Wilke Möhring, Anna Fischer, Hannelore Elsner
Kinostart: 21.08.2014

Der frühe Tod seiner Mutter hat den 19jährigen Tom aus der Bahn geworfen und seinen Vater in den Alkohol getrieben. Kein Wunder dass Tom die Schule geschmissen hat. Doch das Arbeitsamt findet den passenden Job für den Jungen im Gothik-Look: er soll als Bestattungsfachkraft bei Firma “Heimkehr” anfangen. Anfangs extrem ungewohnt, findet sich Tom bald schon in seinem neuen Job zurecht. Bis ihn ein weiterer schwerer Schicksalsschlag wieder aus der Bahn wirft... Wenn diese Produktion aus deutschen Landen mit etwas zu kämpfen hat, dann ist es ihre Unausgewogenheit. Denn Slapstick a la Addams Family und tiefgreifendes Jugenddrama wollen einfach nicht zusammenpassen. Ganz zu schweigen von der Rolle der Sarah (gespielt von Anna Fischer), die als Referendarin Tom anbaggert. Sie passt in dieses heillose Durcheinander überhaupt nicht hinein, sondern macht es fast noch schlimmer. Und was soll der siebte Sinn von Hans, der immer schon vorher weiß, wo als nächstes Gestorben wird? Hier besteht Klärungsbedarf. Aber Fehlanzeige. Der Film hat dazu leider nicht mehr zu sagen. Vielleicht weiß die Romanvorlage von Nina Purlak dazu mehr (Frau Purlak hat übrigens einen Gastauftritt im Film), doch das nützt dem Kinogänger natürlich nicht viel. Ein Film sollte unabhängig von seiner Vorlage funktionieren. Aber wie heisst es doch schon so schön im Titel: BESSER ALS NIX.
Freitag, 13. Juni 2014
Sie schlagen und sie küssen sich
Unaussprechlich der Filmtitel, unausstehlich die Filmkomödie – die traurige Bilanz der letzten Pressevorführung in dieser Woche

EYJAFJALLAJÖKULL – DER UNAUSSPRECHLICHE VULKANFILM (1:2.35, DD 5.1)
OT: Eyjafjallajökull
Verleih: SquareOne/Universum
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland 2013
Regie: Alexandre Coffre
Darsteller: Dany Boon, Valérie Bonneton, Denis Ménochet
Kinostart: 31.07.2014

Der Asche speiende isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen ist schuld daran, dass sich die geschiedenen Eheleute Alain und Valerie notgedrungen zusammenraufen müssen, um rechtzeitig zur Hochzeit ihrer gemeinsamen Tochter auf die griechische Insel Korfu zu kommen. Denn das Flugzeug, das sie von Frankreich dorthin bringen sollte, muss in Deutschland landen. Die Beiden sind sich jedoch derart spinnefeind, dass sie keine Gelegenheit auslassen, den jeweils Anderen in die Pfanne zu hauen. Das erste Opfer dabei ist der nagelneue Porsche, mit dem sie von Deutschland nach Österreich fahren... Ein Film wie ein Vulkan? Wohl eher ein Film wie eine Schlaftablette, der vor allem der Tourismusbranche in die Hände spielen soll. So zumindest war mein Eindruck nach Sichtung der neuesten Komödie mit Frankreichs Superkomiker Dany Boon. Doch seit den SCHTI’S hat der Franzose offenbar ein schlechtes Händchen für Drehbuchstoffe. Vermutlich wird er das in ein paar Jahren mit dem abgedroschenen Kommentar “Ich brauchte das Geld!” abtun. Woran diese Möchtegernkomödie krankt sind die witzigen Einfälle. Die kann man an weniger als fünf Fingern abzählen – für etwas über 90 Minuten Spielzeit sicherlich viel zu wenig. Da sticht dann jenes “Jesus-Mobil” schon richtig heraus, mit dem ein Ex-Knacki die Lande bereist und die beiden Ex-Eheleute mitnimmt – Weihwasser- und Hostienspender inklusive. Ganz zu schweigen vom Dornenkranz, den der Freak auf Knopfdruck über sein Haupt stülpen kann, um nicht vollkommen auszurasten. Dass der viel geläuterte Alain am Ende dann sogar von dessen Armbrust frontal in die linke Schulter harpuniert wird, ist dann allerdings alles andere als lustig. So zieht sich der Film leider wie Kaugummi über gefühlte zwei Stunden und man sehnt sich nach einem baldigen Aus – egal wie. Regisseur Alexandre Coffre freilich ist taub für derlei Fürbitten. Wer diesem Film fernbleiben kann, sollte dies auch ausnutzen und dafür einen richtig guten Film anschauen. Alternativ bietet sich an, sich an der Kinokasse zu postieren und zu lauschen, wenn potentielle Kinogänger versuchen, den Filmtitel auszusprechen. Das ist ganz bestimmt richtig lustig!
Dienstag, 10. Juni 2014
Der Sommer hat seinen Kinohit!
Nur drei Presse-Screenings in dieser Woche – und zwei davon gab es gleich heute im Doppelpack

MONSIEUR CLAUDE UND SEINE TÖCHTER (1:1.85, DD 5.1)
OT: Qu'est-ce Qu'on A Fait Au Bon Dieu?
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Frankreich 2014
Regie: Philippe de Chauveron
Darsteller: Christian Clavier, Chantal Lauby, Ary Abittan
Kinostart: 24.07.2014

Was hat er nur Gott angetan, dass er derart bestraft wird? Monsieur Claude, Vater von vier Töchtern, kann es nicht fassen: drei seiner Töchter sind bereits unter der Haube. Aber nicht etwa unter der von ordentlichen Katholiken, sondern unter der eines Juden, eines Araber und eines Chinesen! Als ob das nicht schon genügend Zündstoff für rassistische Äußerungen aller Art nach sich zieht, angelt sich die jüngste Tochter zum Schrecken aller auch noch einen Farbigen... Hier ist sie endlich, die Feel-Good-Komödie dieses Sommers! Es darf gelacht werden, was das Zeug hält. Und ein jeder kriegt sein Fett ab. Denn nicht nur der Herr Papa macht Front gegen die angeheirateten, vollkommen andersartigen Kulturkreise, auch die Schwiegersöhne selbst hacken sich gegenseitig die Augen aus – im übertragenen Sinn zumindest. Regisseur Philippe de Chauveron geht in seinem Film vollkommen unverkrampft, ja fast schon liebenswert mit den gegenseitigen Vorurteilen um und bleibt dabei stets respektvoll gegenüber allen Religionen. Und Hand aufs Herz: jeder wird sich hier in einer der Figuren wiedererkennen und damit über sich selbst schmunzeln. Ob nun die Vorhaut seines Enkels, die Monsieur Claude im Vorgarten rituell begraben soll (aber damit natürlich scheitert!) oder der Priester, der im Beichtstuhl auf seinem Tablet surft – Humor unterscheidet nicht zwischen den unterschiedlichen Religionen. Gerade deshalb macht diese Komödie mit einem großartigen Christian Clavier in der Titelrolle auch so viel Spaß. Dieser Kinogang ist Pflicht!

WIE DER WIND SICH HEBT (1:1.85, Mono)
OT: Kaze Tachinu
Verleih: Universum Film (24 Bilder)
Land/Jahr: Japan 2013
Regie: Hayao Miyazaki
Kinostart: 17.07.2014

Jiro ist von Flugzeugen begeistert. Da er kurzsichtig ist, kann er zwar kein Pilot werden, entscheidet sich aber für eine Laufbahn als Ingenieur, um so Flugzeuge zu konstruieren. 1927 tritt er eine Stelle in einem renommierten japanischen Ingenieursbüro an und revolutioniert den Flugzeugbau nachhaltig. Während dieser Zeit begegnet er auch wieder der schönen Nahoko, der er während des großen Erdbebens von Kanto im Jahre 1923 geholfen hatte, und verlobt sich mit ihr. Doch das Schicksal hat andere Pläne für das junge Paar... “Das Leben ist wie ein Kondensstreifen” heisst es in dem Song, der über den Abspann gelegt ist. Regisseur Hayao Miyazaki, der sich mit diesem Film offiziell aus dem Filmgeschäft verabschiedet, will uns damit sagen, dass wir das Leben genießen sollten, solange es noch möglich ist. Die wahre Geschichte von Jiro und Nahoko verdeutlicht diese Kernaussage seines Films. Denn der von seiner Arbeit voll und ganz eingenommen Jiro vernachlässigt seine Frau Nahoko, die an einer unheilbaren Tuberkulose leidet. Viel Zeit bleibt den beiden nicht für ihre gemeinsame Liebe – eine Erkenntnis, die für Jiro leider zu spät kommt. Auch wenn alles wunderbar gezeichnet ist, bleibt es rätselhaft, warum Miyazaki ausgerechnet die Form des Animationsfilms für seine Geschichte wählt. Ebenso rätselhaft bleibt, warum dem Film kein adäquater Stereoton spendiert wurde und er nur monophon ertönen darf.
Freitag, 06. Juni 2014
Alt gegen jung
Wo Generationen aufeinanderprallen fliegen die Fetzen.

WIR SIND DIE NEUEN (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: X Verleih (Warner)
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Ralf Westhoff
Darsteller: Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn
Kinostart: 17.07.2014

Warum nicht die alte Studenten-WG wiederbeleben? Angesichts der Tatsache, dass Anne soeben ihre schöne Mietwohnung räumen muss eine verlockende Idee, die vor allem jede Menge Kosten spart. In Eddi und Johannes findet sie zwei ihrer damaligen Mitbewohner, die gewillt sind, die WG neu zu gründen. Dass alle schon jenseits der 50 sind sollte ja wohl kein Hinderungsgrund sein. Gesagt, getan. Doch das eigentliche Problem sind die Nachbarn über der Senioren-WG: waschechte Studenten, die sich als spießiger erweisen als es die drei ehemaligen Studenten jemals waren... Nach seiner herrlich witzigen Beziehungskomödie DER LETZTE SCHÖNE HERBSTTAG nimmt sich Drehbuchautor und Regisseur Ralf Westhoff dem Generationenkonflikt an. Und auch das mit viel augenzwinkerndem Witz, der stets auch ein oder sogar mehrere Körnchen Wahrheit in sich trägt. Da mag der ein oder andere Gag etwas überzeichnet erscheinen, doch treffen sie regelmäßig voll ins Schwarze. Die Erkenntnis, dass jede Generation etwas von der anderen Generation lernen kann und dies keine Einbahnstraße ist, müssen sich die verfeindeten WGs in mühseliger Kleinarbeit erarbeiten. Dass das Publikum dabei großartig unterhalten wird, liegt vor allem auch an dem sehr spielfreudigen Ensemble, das sich aus Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach und Michael Wittenborn als Senioren-WG und Claudia Eisinger, Karoline Schuch und Patrick Güldenberg als Studenten-WG zusammensetzt. Wer Lust auf witzig-intelligentes Kino hat, der liegt hier genau richtig.
Mittwoch, 04. Juni 2014
Eine Familie findet sich wieder
Ein neuer Film vom AMELIE-Regisseur...ich war gespannt!

DIE KARTE MEINER TRÄUME (1:2.35, 3D, DD 5.1 + 7.1)
OT: The Young And Prodigious T. S. Spivet
Verleih: DCM
Land/Jahr: Frankreich, Kanada 2013
Regie: Jean-Pierre Jeunet
Darsteller: Helena Bonham Carter, Judy Davis, Callum Keith Rennie
Kinostart: 10.07.2014

Der Unfalltod seines ungleichen Zwillingsbruders wirft die Familie des 10jährigen T.S. komplett aus der Bahn, Kommunikation findet kaum noch statt. Als der hochbegabte T.S. ins Smithsonian Institute nach Washington eingeladen wird, um dort einen renommierten Preis für das von ihm erfundene Perpetuum Mobile entgegenzunehmen, macht er sich ganz heimlich, still und leise auf die abenteuerliche Reise vom fernen Montana in die amerikanische Hauptstadt... Im Vergleich mit Jean-Pierre Jeunets bisherigen Filmen wie AMELIE oder MICMACS könnte man DIE KARTE MEINER TRÄUME (über Sinn und Unsinn dieses deutschen Verleihtitels darf man gerne diskutieren!) fast schon als “normal” zu bezeichnen. Denn waren wir bislang von ihm visuell völlig überbordende Filme gewohnt, so schaltet Jeunet in seinem neuen Film mindestens zwei Gänge zurück was das Tempo angeht. Das ist dann zwar immer noch schnell, aber es hält sich in Grenzen. Anders wäre der Film vermutlich in 3D vollkommen undenkbar, da das Auge ja stets zuerst an das Dreidimensionale gewöhnt werden muss – und das in jeder Szene aufs Neue. Keinesfalls eingebüßt aber hat Jeunet seinen Einfallsreichtum in der Inszenierung oder den Charakteren. Letztere sind skurril wie immer. Ob nun der von Callum Keith Rennie gespielte wortkarge Vater oder die von Helena Bonham Carter dargestellte, von wissenschaftlichem Ehrgeiz angetriebene Mutter. Eine grandiose Neuentdeckung ist der kleine Kyle Catlett in der Rolle des T.S. Dank ihm wird der Road-Trip des kleinen Erfinders durch halb Amerika zu einem sehr bewegenden Erlebnis. Lobend zu erwähnen ist auch die Kameraarbeit von Thomas Hardmeier, der mit seinem CinemaScope Amerika von seiner besten Seite zeigt und darüber hinaus auch 3D sehr effektvoll einzusetzen versteht. Nicht dass der Film unbedingt 3D brauchen würde – aber wenn schon, denn schon. Wenn sich am Ende des Films schließlich eine Familie wiederfindet, die sich längst aus den Augen verloren hat, ergibt vieles von dem, was uns Jeunet gezeigt hat, einen Sinn und macht den Film damit zu einem ungewöhnlichen und sehr emotionalen Erlebnis.
Dienstag, 03. Juni 2014
Jetzt wird Depardieu auch noch Algerier!
Nach über einer Woche Presse-Abstinenz gab es heute eine Komödie mit sozialkritischem Touch.

EINE GANZ RUHIGE KUGEL (1:2.35, DD 5.1)
OT: Les Invincibles
Verleih: Universum Film (24 Bilder)
Land/Jahr: Frankreich 2013
Regie: Frédéric Berthe
Darsteller: Gérard Depardieu, Atmen Kelif, Virginie Efira
Kinostart: 03.07.2014

Momo, Sohn algerischer Einwanderer, und sein bester Freund Jacky verdienen ihre Kröten auf nicht so ganz legale Weise beim Boule-Spiel. Da wundert es nicht, dass Jacky bei ein paar Ganoven ziemlich tief in der Kreide steckt und seine Frau sich von ihm trennen möchte. Als plötzlich in Frankreich Boule-Weltmeisterschaften ins Leben gerufen werden, sehen Momo und Jacky ihre große Chance. Momo kommt tatsächlich in die Mannschaft, Jacky bleibt außen vor. Die Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt... Wenn Gérard Depardieu im Verlauf des Films plötzlich die algerische Staatsbürgerschaft beantragt, dann ist das einer der wenigen wirklich gelungenen Gags in dieser Komödie mit Sozialdrama-Komponente. Letztere ist es auch, die den Film davon abhält, witzig zu sein. Themenkomplexe wie Einwanderung, Integration, Freundschaft und der nackte Überlebenskampf innerhalb der Gesellschaft wiegen zu schwer gegenüber den komödiantischen Einlagen. Immerhin hat der Film mit seinem Gespann Depardieu/Kelif ein brauchbares Protagonistenpaar auf die Beine gestellt. Durch ihr sehr gegensätzliches Spiel halten sie den Film am Leben. Wem dazu noch das Boule-Spiel gefällt, den dürften die “Unbezwingbaren”, wie der Film im Original betitelt ist, durchaus gut unterhalten.

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