Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

Wolfram Hannemann | Talstr. 11 | D-70825 Korntal | Germany | Phone: +49 (0) 711 838 06 49 | Fax: +49 (0) 711 8 38 05 18
e-mail: info (at) wolframhannemann.de

Home      Referenzen      Filmblog      Videoproduktion    Jugendschutzbeauftragter      Impressum
Filmblog Aktuell           Filmblog-Archiv           Filmtitel-Index
Freitag, 28. November 2014
Hier wird das Horn weggeballert
Der Wochenabschluss hätte wirklich besser ausfallen können...

JOHN WICK (1:2.35, DD 5.1)
OT: John Wick
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: China, Kanada, USA 2014
Regie: Chad Stahelski, David Leitch
Darsteller: Keanu Reeves, Michael Nyqvist, Alfie Allen, Willem Dafoe
Kinostart: 29.01.2015

Als ein paar kriminelle Russen sein kleines Hündchen töten und seinen Oldtimer klauen, holt ein in Frührente gegangener Killer noch einmal zu einem großen Rundumschlag aus und produziert Leichen im Überfluss. Dass Keanu Reeves sein Action-Comeback ausgerechnet mit einem derart substanzlosen Ballerfilm gibt, ist erstaunlich. Zumal von ihm weitaus Besseres in dieser Richtung gewöhnt ist. Erinnert sei an SPEED und die MATRIX Trilogie. Der vom Gespann Chad Stahelski und David Leitch inszenierte Racheakt hat nur ein paar ganz wenige gelungene Momente: nämlich immer dann, wenn der Film sich selbst auf die Schippe nimmt. Allerdings sind Genre-Fans seit dem fulminanten THE TOURNAMENT sehr viel originellere Kost gewohnt. Da nützt es auch nichts, dass die Filmemacher eigens für JOHN WICK eine neue Kampfsportart ersonnen haben: “Gun Fu”. Viel schöner wäre es gewesen, wenigstens das zur Verfügung stehende schauspielerische Potenzial von Michael Nyqvist (er spielt den bösen Oberrussen) und Willem Dafoe (in der Rolle eines Killers) gewinnbringend einzusetzen. Fehlanzeige. So bleibt ist JOHN WICK ein tödlich langweiliges Kinoerlebnis.
Donnerstag, 27. November 2014
Klassenkampf und bäriges Vergnügen
Die Reihenfolge war goldrichtig: Film Nummer 2 belohnte mich für mein Durchhaltevermögen bei Film Nummer 1

FRÄULEIN JULIE (1:1.85, 5.1)
OT: Miss Julie
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Norwegen, Großbritannien 2014
Regie: Liv Ullmann
Darsteller: Jessica Chastain, Colin Farrell, Samantha Morton
Kinostart: 22.01.2015

Irland am Ende des 19. Jahrhunderts. Mittsommernacht. Die adelige Miss Julie flirtet heftig mit John, dem gebildeten Diener ihres Vaters. John jedoch ist mit der Köchin Kathleen liiert. Zwischen John und Julie entspinnt ein gefährliches Spiel aus Verführung und Zurückweisung... Gerne hätte Schwedens große Filmdiva Liv Ullmann in ihren jungen Jahren die Rolle der Miss Julie selbst auf der Bühne gespielt. Doch es kam leider nie dazu. Jetzt, im Alter von 75 Jahren, inszenierte sie August Strindbergs Trauerspiel über Klassen- und Geschlechterkampf höchstpersönlich für die Kinoleinwand. Das Drei-Personen-Stück, das vollständig auf Castle Coole in Nordirland gedreht wurde, brilliert insbesondere wegen der Darsteller. Speziell Jessica Chastain und Colin Farrell laufen hier zur Hochform auf. Allerdings – und das sollte nicht verschwiegen werden – können Kunstbanausen wie ich nicht sonderlich viel mit einem solchen verfilmten Theaterstück anfangen. Denn Kino kann soviel mehr sein als nur “Stage Play”. Aber so ist das eben mit der Kunst. Apropos Kunst: natürlich gibt es im Film immer wieder klassische Musik zu hören, die anstelle einer eigens komponierten Filmmusik tritt. Ein klares Zeichen dafür, dass man das bitte als Kunst zu werten hat! Für einfach gestrickte Menschen wie mich bedarf es einer gehörigen Portion Sitzfleisch, um alle 129 Minuten dieser Ullmann-Inszenierung durchzustehen. Immerhin: ich habe das Stück komplett abgesessen. Ist jetzt das Bundesverdienstkreuz fällig? Aber Spaß beiseite: wer richtiges Theater mag, der dürfte bestimmt Freude an dieser Inszenierung haben.

PADDINGTON (1:2.35, DD 5.1)
OT: Paddington
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Großbritannien, Frankreich, USA 2014
Regie: Paul King
Darsteller: Hugh Bonneville, Sally Hawkins, Nicole Kidman, Jim Broadbent
Kinostart: 04.12.2014

Mutterseelenallein reist ein kleiner Bär vom tiefsten Peru nach London, um dort ein neues Zuhause zu finden. Gegen den Willen des Vaters gewährt ihm die Familie Brown Unterschlupf in ihrem gemütlichen Häuschen. Weil sie ihn an der Paddington Station aufgelesen haben, taufen ihn die Browns kurzerhand Paddington. Während der sehr kultivierte und flauschige, aber etwas tolpatschige Bär den gesamten Haushalt durcheinander bringt, begibt sich die kaltschnäuzige Museumsdirektorin Millicent auf die Suche nach dem Bären, um ihn ihrer Sammlung exotischer Wesen einzuverleiben – ausgestopft natürlich... Mit seinem riesigen Hut sieht der kleine Paddington wirklich richtig knuffig aus. Ein Jeder wird ihn von Anfang an in sein Herz schließen. Und seine tolpatschigen Abenteuer in der Weltmetropole London animieren wahrhaftig zum lautstarken Lachen! Hier kann sich die ganze Familie köstlich amüsieren. Wirklich die ganze Familie? Wohl eher nicht. Denn (so zeigte sich in der heutigen Pressevorführung, bei der zahlreiche Kinder anwesend waren) sensiblen Kindern bereitet der Film große Probleme. Insbesondere Nicole Kidman als Femme Fatale, die den knuffigen Bären lieber heute als morgen ausstopfen will, bereitete einigen der Kinder große Angst. Gemessen an deren Reaktion wurden diese vermutlich ziemlich traumatisiert. Ob sie jemals wieder ein dunkles Filmtheater betreten werden, darf angezweifelt werden. Die FSK-Freigabe “ohne Altersbeschränkung” ist leider alles andere als zutreffend. Eine Freigabe ab 6 Jahren wäre sicherlich besser, 10 Jahre und aufwärts die wünschenswerte Zielgruppe. Der Film wurde uns in der Pressevorführung in der eingedeutschten Fassung gezeigt. Doch entgegen dem, was bereits im Trailer zu sehen war, wurden Texte auf Schildern nicht ins Deutsche übertragen, sondern im Englischen belassen. Dadurch werden gerade den Kindern leider ein paar Gags vorenthalten. Möglicherweise handelte es sich bei dieser Vorführung nur um eine vorläufige Version.
Mittwoch, 26. November 2014
Ein Kabinettstückchen
Der Blick hinter die Kulissen einer Theaterinszenierung ist einer der besten Filme des Jahres.

BIRDMAN ODER (DIE UNVERHOFFTE MACHT DER AHNUNGSLOSIGKEIT) (1:1.85, DD 5.1)
OT: Birdman Or (The Unexpected Virtue Of Ignorance)
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Alejandro González Iñárritu
Darsteller: Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone. Naomi Watts
Kinostart: 29.01.2015

Als “Birdman” begeisterte Riggan Thomson einst das Kinopublikum und füllte die Kinokassen. Doch diese Tage sind längst vorbei, seine Karriere beendet. Mit der Inszenierung eines Theaterstückes am Broadway will er jetzt noch einmal ganz groß herauskommen und vor allem sich selbst beweisen, dass der einstige Kino-Superheld noch lange nicht am Ende ist. Doch die Vorbereitungen auf die Premiere laufen etwas aus dem Ruder. Riggan muss sich nicht nur mit Schauspielerkollege Mike Shiner, einem Publikumsmagneten, herumschlagen, sondern auch mit seiner Tochter Sam, die gerade eine Entziehungskur hinter sich hat sowie mit seiner schwangeren Freundin und seiner Ex-Frau. Und dann ist da immer noch seine innere Stimme – die von “Birdman”... Mit BIRDMAN ist Regisseur Alejandro González Iñárritu ein filmisches Kabinettstückchen gelungen: ohne sichtbare Schnitte erzählt er seine Geschichte! Das ist oft derart verblüffend, dass man einfach nur mit offenem Mund vor der Leinwand sitzt. Selbst die visuellen Effekte sind nicht mehr als solche wahrnehmbar. Sogar wenn Iñárritu am Ende des Films einen ganzen Feuerzauber vom Stapel lässt, fühlt und sieht sich das vollkommen echt an. Die ruhelose, endlos filmende Kamera wird durch eine fulminante Tonspur ergänzt, die man durchaus als holographisch bezeichnen könnte. Das Ergebnis: als Zuschauer ist man mittendrin in diesem Kabinett der Eitelkeiten! Der Blick hinter die Kulissen einer Theaterinszenierung, in der alle Masken fallen, ist Kino vom Feinsten. Für mich einer der beeindruckendsten Filme des Jahres. Unbedingt anschauen (und Atmen nicht vergessen!).
Dienstag, 25. November 2014
Von Folterkellern, Skiassen und Fürzen
An Tagen wie diesen kommen Pressevorführungen im Dreierpack...

SCHÄNDUNG (1:2.35, 5.1)
OT: Fasandraeberne
Verleih: NFP (Warner)
Land/Jahr: Dänemark, Deutschland, Schweden 2014
Regie: Mikkel Nørgaard
Darsteller: Nikolaj Lie Kaas, Fares Fares, Pilou Asbæk
Kinostart: 15.01.2015

Der Doppelmord ist zwar schon 20 Jahre her und der geständige Täter schon lange wieder auf freiem Fuß, aber Carl Morck wittert dennoch einen neuen Fall für sein Sonderdezernat. Je mehr sich er und sein Team-Kollege Assad mit dem Fall beschäftigen, desto mehr Ungereimtheiten kommen ans Tageslicht. Schließlich führt eine heisse Spur bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft. Bald wird klar, dass Kimmie, damals ein junges Mädchen, die Schlüsselfigur in der Geschichte ist. Doch Kimmie ist spurlos verschwunden... Vor genau einem Jahr hat man sie uns zum ersten Mal vorgestellt: Carl Morck und Assad, die beiden Ermittler, die als “Sonderdezernat Q” ungelöste Mordfälle bearbeiten sollen. Jetzt also bekommt es das ungleiche Paar mit ihrem zweiten Fall zu tun. Was den Reiz von ERBARMEN seinerzeit ausgemacht hat, nämlich die beiden sehr verschiedenen Männer, die sich erst ganz langsam und nach vielen Anlaufschwierigkeiten zusammenraufen, tritt jetzt fast komplett in den Hintergrund. Jetzt zählt also nur noch “der Fall” – womit sich SCHÄNDUNG auf gewohnt typische ZDF-Schwedenkrimikost reduziert. Eine Kost, die leider auch oft an Logik vermissen lässt. So kann eine junge Frau beispielsweise ganz problemlos aus der Untersuchungshaft entkommen. Und nicht zu vergessen: jeder Bösewicht in Skandinavien hat natürlich einen Folterkeller im Haus. Das haben Sie nicht gewusst? Dann schauen Sie vermutlich keine Schweden-Krimis. Mikkel Nørgaards Inszenierung des Romans “Die Fasanenjäger” von Jussi Adler-Olsen lässt keinen Platz für große Überraschungen, da der Zuschauer dem Drehbuch immer ein bis zwei Schritte voraus ist. Wenn Kimmie schließlich zu einer Art Lisbeth Salander mutiert, dann darf man sogar ein wenig schmunzeln ob der Absurdität der Geschichte. Spannender Krimi geht anders.

STREIF – ONE HELL OF A RIDE (1:2.35, 5.1)
Verleih: Red Bull
Land/Jahr: Österreich 2014
Regie: Gerald Salmina
Kinostart: 15.01.2015

Die “Streif” gilt in Fachkreisen als die schwierigste Skiabfahrtsstrecke der Welt. Wer hier siegt ist im Olymp der Skifahrer angekommen. Doch die Strecke in Kitzbühel fordert Jahr für Jahr auch ihre Opfer. In seinem adrenalintreibenden Doku-Drama schildert Regisseur Gerald Salmina die Vorbereitungen auf die Hahnenkammabfahrt 2013 und lässt dafür einige der Ski-Asse vor der Kamera und auch aus dem Off zu Wort kommen. Was hier als Dokumentation verpackt wird, kann höchstens als Doku-Drama klassifiziert werden, da oft Szenen für die Kamera nachgestellt wurden. Unterlegt mit einem Rock-lastigen, immer vorantreibenden Score und unter Einsatz modernster Kameratechnik (u.a. Cineflex und GoPros) lässt der Film dem Zuschauer kaum eine Verschnaufpause, der sich mit dem fast zwei Stunden dauernden Film etwas überfordert fühlen dürfte.

DOKTOR PROKTORS PUPSPULVER (1:2.35, 5.1)
OT: Doktor Proktors Prompepulver
Verleih: Senator
Land/Jahr: Norwegen, Deutschland 2014
Regie: Arild Fröhlich
Darsteller: Emily Glaister, Eilif Hellum Noraker, Kristoffer Joner
Kinostart: 15.01.2015

Die kleine Lise und ihr noch kleinerer Freund Bulle freunden sich mit dem recht skurrilen, aber bislang erfolglosen Erfinder Doktor Proktor an. Als die beiden das von ihm erfundene Pupspulver entdecken, haben sie eine Idee: warum nicht das Pulver an die Kinder des Dorfes verkaufen? Hat es doch den einzigartigen Effekt, dass es extrem laute, dafür aber vollkommen geruchlose Fürze erzeugt. Gesagt, getan. Doch das Trio hat nicht mit dem skrupellosen Herrn Thrane gerechnet, der das Pupspulver für seine eigenen Zwecke haben möchte... Arild Fröhlich hat das Kinderbuch von Jo Nesbo für die große Kinoleinwand umgesetzt. Entstanden ist ein skurriles, aberwitziges Filmvergnügen für Kinder ab 6 Jahren. Allerdings könnten ein paar Szenen im Film gerade sensiblen Kindern Probleme bereiten (es gibt unter anderem eine riesige Anaconda, die in dunklen Abwasserschächten lauert!). Andere Szenen wiederum werden den begleitenden Erwachsenen nicht allzu viel Freude bereiten: es wird gefurzt und gekotzt, was das Zeug hält! Die Kleinen werden dabei ganz bestimmt ihre Freude haben. Beachtlich ist die Filmmusik: mit großem Orchester und extrem großer Dynamik geht sie ans Werk, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Und verrät an einigen Passagen sogar, mit welchen Stücken vermutlich die Rohschnittfassung des Films unterlegt war: “E.T.” und der “Darth Vader”-Marsch lassen grüßen!
Montag, 24. November 2014
Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung
Die Pressewoche begann heute mit einem interessanten Double Feature

#ZEITGEIST (1:1.85, DD 5.1)
OT: Men, Women & Children
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Jason Reitman
Darsteller: Ansel Elgort, Adam Sandler, Jennifer Garner
Kinostart: 11.12.2014

Sieben Familien in einer texanischen Kleinstadt. Und jedes Familienmitglied hat mit Problemen zu kämpfen, die von digitaler Nähe und analoger Entfremdung geprägt sind. Wie die Trubys beispielsweise. Der Papa bestellt eine Prostituierte online, um dem Ehetrott zu entkommen. Die Mama sucht ihr neues Glück in einer Partnerbörse. Der gemeinsame Sohn hat schon alles gesehen, was es an Pornos im Netz gibt und bekommt dadurch Probleme mit der eigenen Sexualität. Und seine Schulkameradin Brandy wird von ihrer Mutter auf Schritt und Tritt digital überwacht... In seinem neuesten Film zeichnet Jason Reitman ein sehr präzises Bild der heutigen Gesellschaft, die nur noch damit beschäftigt ist zu Tweeten, zu WhatsAppen, zu Facebooken. Schüler laufen wie Zombies durch die Aula der Schule und starren nur auf die Displays ihrer Smartphones, lassen sich von Websites zum Abmagern verleiten, konsumieren Porno-Videos jedweder Couleur. Aber es sind nicht nur die Jugendlichen, die sich durch digitale Medien einander entfremden, auch Erwachsene werden internethörig. Wohin sich eine solche Gesellschaft entwickelt, hat unlängst Spike Jonze in HER demonstriert. Reitmans Film spielt noch in der Gegenwart – und das ist umso erschreckender. Anders als frühere Reitman-Filme wie z.B. UP IN THE AIR ist #ZEITGEIST ein ziemlich ernster Film, der zum Nachdenken anregt. Ein Bild, das die Voyager-Sonde geschossen hat, bevor sie unsere Galaxis verlassen hat, macht uns klar, wie unwichtig derlei digitale Medien tatsächlich sind: da erscheint Mutter Erde nur als ein winzig kleiner blauer Fleck inmitten eines unendlichen Universums.

THE IMITATION GAME – EIN STRENG GEHEIMES LEBEN (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Imitation Game
Verleih: SquareOne (DCM)
Land/Jahr: USA, Großbritannien 2014
Regie: Morten Tyldum
Darsteller: Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Matthew Goode
Kinostart: 22.01.2015

Er wirkt auf andere Menschen zwar ziemlich arrogant und herablassend, doch ist er ohne jeden Zweifel ein Mathematik-Genie. Grund genug für den britischen Geheimdienst, den Mathematiker Alan Turing währen des Zweiten Weltkriegs für ein streng geheimes Projekt zu verpflichten. Gemeinsam mit einem kleinen Team soll er den Enigma-Code knacken, mit dem sämtliche Nachrichten der Nazis verschlüsselt werden. Keine leichte Aufgabe für Turing, zumal er sich durch seine überhebliche Art jeden zum Feind macht und obendrein mit seiner unterdrückten Homosexualität zu kämpfen hat... Wenn jemand in diesem spannend inszenierten Weltkriegs-Thriller brilliert, dann ist es Benedict Cumberbatch. In der Rolle des weltfremden und authistisch wirkenden Mathematikers Alan Turing läuft der Mann zur Hochform auf! Neben ihm verblasst sogar eine blonde Erscheinung wie Keira Knightley, deren Figur allerdings auch nicht viel an Substanz abwirft. Der nach einer wahren Geschichte entstandene und auf verschiedenen Zeitebenen erzählte Film ist nicht nur ein Stück packende Zeitgeschichte, sondern gleichzeitig auch ein Plädoyer für Toleranz. Der im Alter von 41 Jahren nach einer Hormontherapie verstorbene Turing wurde erst 2013 vom britischen Königshaus rehabilitiert. Ohne seine unorthodoxe Arbeitsweise bei der Entschlüsselung des Enigma-Codes hätte der Zweite Weltkrieg noch länger gedauert und hätte noch mehr Menschenleben gefordert. Neben den guten Darstellerleistungen überzeugt einmal mehr die Filmmusik von Alexandre Desplat, der mit seinem vom London Symphony Orchestra eingespielten Score die emotionale Ebene des Films bestens bedient.
Samstag, 22. November 2014
Gruppentherapie
Heute ausnahmsweise mal wieder ein Griff zu einer Screener-DVD

FAMILIENFIEBER (1:2.35, 5.1)
Verleih: Daredo Media
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Nico Sommer
Darsteller: Kathrin Waligura, Peter Trabner, Deborah Kaufmann, Jörg Witte, Anais Urban, Jan Amazigh Si
Kinostart: 15.01.2015

Der Ausflug der Roths zu den Ohnsorgs, den Eltern des Freundes ihrer Tochter, gerät für alle Beteiligten aus den Fugen, als sich Papa Ohnsorg als heimlicher Geliebter von Mama Roth entpuppt. Zwei ganz normale Familien sind die Protagonisten in Nico Sommers tragikomischem, in verschiedene Kapitel unterteilte Film. Zwei Familien mit unterschiedlich finanzieller Ausstattung zwar, aber mit demselben Problem: sowohl die Ehe der Roths als auch die der Ohnsorgs ist vom Alltag eingeholt worden, verschwunden sind die gegenseitige Anziehungskraft und die Liebe. Während sich die beiden Paare kennenlernen (nicht nur das jeweils andere Paar, sondern auch wieder sich gegenseitig), keimt zwischen ihren Sprösslingen eine neue Liebe, die alle am Ende des Films vor eine ganz neue Aufgabe stellt. Trotz seinen nur knapp 80 Minuten Spielzeit offenbart der Film leider ein paar Längen, die vom Zuschauer mit Langeweile belohnt werden dürften. Etwas seltsam mutet die “Therapie” an, bei der sich die zwei erwachsenen Paare gegenseitig vor laufender Videokamera verzeihen und aussprechen sollen. Immerhin macht das Ensemble Spaß. Die Darsteller füllen ihre Rollen hervorragend aus, insbesondere Jörg Witte als impulsiver Vater gefällt. Weiterer Pluspunkt: die Kameraarbeit von Eugen Gritschneder.
Donnerstag, 20. November 2014
Von Moneydrops, Hells Angels und Pinguinen
Das heutige Presse-Triple hatte alles im Korb: Krimi, Doku und Kinderfilm

THE DROP – BARGELD (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Drop
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Michaël R. Roskam
Darsteller: Tom Hardy, Noomi Rapace, James Gandolfini
Kinostart: 04.12.2014

Der sensible Bob arbeitet als Barkeeper in der Kneipe seines Cousins Marv. Der wiederum arbeitet für tschetschenische Unterweltler. Als die Marvs Kneipe zur sogenannten “Moneydrop”, also einer Art Gelddepot deklarieren, sieht Marv seine große Chance: er will einen großen Coup landen – in der eigenen Kneipe und ohne das Wissen von Bob... Regisseur Michaël R. Roskam lässt sich in seinem nach einer Kurzgeschichte von Dennis Lehane entstandenen Krimi sehr viel Zeit. So entwickelt sich die Story ohne harte, schnelle Schnitte und auch ohne lautstarke Wortduelle erst ganz allmählich, bis Roskam dann schließlich die Spannungsschraube ziemlich kräftig anzieht und seine Zuschauer damit für ihre Geduld bestens belohnt. Aufgrund der Bierruhe seines Films können sich auch die Figuren entwickeln und wirken dadurch weit realistischer als in konventionellen Thrillern. THE DROP – BARGELD empfiehlt sich für Krimifreunde, die das Besondere lieben.

EIN HELLS ANGEL UNTER BRÜDERN (1:1.85, 5.1)
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Deutschland 2013
Regie: Marcel Wehn
Kinostart: 15.01.2015

In seinem Dokumentarfilm geht Regisseur Marcel Wehn der Frage nach, ob die Hells Angels tatsächlich so sind wie der Ruf, der ihnen vorauseilt. Frage und Antwort dabei steht ihm insbesondere der Vorsitzende des Stuttgarter Hells Angels Clubs, Lutz Schelhorn. Der Fotograf erweist sich als sehr charismatische, selbstbewusste Persönlichkeit, die versucht, das Image des Clubs aufzupolieren. Kriminelle gibt es hier keine. So die Quintessenz des Lutz Schelhorn. Man achte auf innere Werte bei den Mitgliedern. Doch Wehn zeigt auch die andere Seite, zu der er unter anderem einen Stuttgarter Kriminalbeamten zu Wort kommen lässt. Doch erliegt Wehn in seinem Film irgendwann offenbar dem Charisma seines Protagonisten und wahrt nicht mehr die notwendige Distanz. So bleibt es am Ende jedem Zuschauer selbst überlassen, das zu glauben, was Schelhorn erzählt oder auch nicht. Insgesamt ein recht amüsanter Dokumentarfilm.


DIE PINGUINE AUS MADAGASCAR (1:1.85, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos, Auro 11.1)
OT: The Penguins Of Madagascar
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Eric Darnell, Simon J. Smith
Kinostart: 27.11.2014

Skipper, Kowalsky und Rico haben genug von Mutter Natur. Die drei Pinguine wollen richtige Abenteuer erleben. Die Chance dazu bekommen sie, als sie einem Pinguinei hinterherjagen, das einen Abhang hinunterrollt. In letzter Sekunde können sie es retten, befinden sich dadurch aber auf einer im Meer treibenden Eisscholle. Als das Ei berstet, wird aus dem Trio ein Quartett: Private ist der Neue, der sich erst einmal bewähren muss. Und genau dazu gibt es im vor ihnen liegenden Abenteuer, bei dem die Pinguine gegen eine fiese Krake kämpfen müssen, mehr als genug Möglichkeiten... Jetzt also bekommen die heimlichen Stars aus MADAGASCAR ihren eigenen richtigen Kinofilm. Skipper, Kowalsky, Rico und Private sind die schnuckeligsten Pinguine der Animationsfilmgeschichte. Sie selbst verstehen sich als Elite-Trupp, können aber ihren Fun-Trieb nie unterdrücken – zum Glück! Eric Darnell und Simon J. Smith geben den Quartett im vorliegenden Film immer wieder Gelegenheit, ihre kindlichen Triebe auszuleben. Da gerät beispielsweise die in letzter Minute geglückte Rettung beim Sturz aus einem Flugzeug mittels einer in Sekundenschnelle aufgeblasenen Hüpfburg nach erfolgreicher Landung zu einem stundenlangen Hüpfvergnügen der vier kleinen Pinguine. Neben Anspielungen auf viele andere Kinofilme gibt es dann auch ab und zu gelungene “Inside Jokes” wie jener, in der die Kamera plötzlich eine andere Perspektive einnimmt und man ein menschliches Filmteam sieht, das Pinguine am Nordpol aufnimmt. Im Original wird der Regisseur übrigens von keinem Geringeren als Werner Herzog gesprochen. DIE PINGUINE AUS MADAGASCAR ist rasantes und höchst humorvolles Kino für die ganze Familie
Dienstag, 18. November 2014
Das Leben ist kein Scherzartikel
Heute gab es Bilder wie Gemälde und eine Geschichte zum Davonlaufen

EINE TAUBE SITZT AUF EINEM ZWEIG UND DENKT ÜBER DAS LEBEN NACH (1:1.85, 5.1)
OT: En Duva Satt På En Gren Och Funderade På Tillvaron
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Schweden, Frankreich, Norwegen, Deutschland 2014
Regie: Roy Andersson
Darsteller: Holger Andersson, Nils Westblom, Charlotta Larsson
Kinostart: 01.01.2015

Sam und Jonathan versuchen sich mehr schlecht als recht mit dem Verkauf von Scherzartikeln über Wasser zu halten. Doch die extra langen Vampirzähne, der Lachsack sowie eine Horrormaske Marke “Gevatter Einzahn” will niemand haben und so verschulden sich die beiden bis über beide Ohren. So nehmen uns die beiden tragischen Gestalten mit auf eine märchenhafte Reise durch Menschliches und allzu Menschliches... Der Schwede Roy Andersson inszenierte seinen Film konsequent in statischen Einstellungen. Der Einsatz der digitalen Kameras machte es möglich, dass diese statischen Bilder, die im Grunde genommen Gemälde sein könnten, über detaillierte Tiefe verfügen. Hier zählt also nicht nur der Vordergrund, der Hintergrund ist genauso wichtig. Dass vereinzelt Szenen offenbar in keinem Zusammenhang mit dem Rest des Films stehen, gehört dabei auch zu Anderssons Konzept. Alles ist in Sepiatöne getaucht und von beeindruckender Skurrilität, was den Film zweifelsfrei zu einem der ungewöhnlichsten Filme des Jahres macht. Andersson versteht seinen Film als den dritten Teil einer Trilogie über das Menschsein, an dessen Anfang er drei besonders skurrile Begegnungen mit dem Tod stellt. Bei aller Absurdität in seinen Geschichten und Bildern steckt allerdings auch ein gehöriges Stück an Kritik. Kritik an der Menschheit, die schon längst nicht mehr weiß, wohin sie sich entwickeln soll. Und so bleibt einem bei dem ein oder anderen Tableau das Lachen im Halse stecken. Fazit: kein Film für die Massen, aber einer für Gourmets.

KILL THE BOSS 2 (1:2.35, DD 5.1)
OT: Horrible Bosses 2
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Sean Anders
Darsteller: Jason Bateman, Charlie Day, Jason Sudeikis, Jennifer Aniston, Jamie Foxx, Chris Pine, Christoph Waltz, Kevin Spacey
Kinostart: 27.11.2014

Nick, Dale und Kurt glauben sich am Ende ihrer Träume, als der Boss eines großen Sanitärausstatters den von ihnen entwickelten Duschkopf in großer Stückzahl ordert. Die drei etablieren eine eigene Fabrik und produzieren was das Zeug hält. Doch dann wird der Auftrag storniert und die drei Jungunternehmer stehen vor der Pleite. Doch ungestraft soll der Boss nicht davonkommen: sie wollen seinen Sohn kidnappen und ein hohes Lösegeld erpressen. Leider sind die drei Jungs aber alles andere als clever... Als ob man es nicht schon geahnt hätte: wieder soll ein langweiliges Drehbuch durch ein Bombardement an Anzüglichkeiten und “Unter-die-Gürtellinie”-Schlägen kaschiert werden. Dass so etwas nicht gelingen kann, haben viele Filme schon demonstriert. KILL THE BOSS 2 will also jetzt das Rad neu erfinden und erleidet natürlich Schiffbruch. Einzig die männlichen Fans von Jennifer Aniston werden auf ihre Kosten kommen, wenn sie als Nymphomanin das gesamte Repertoire an sexuellen Ausschweifungen durchexerziert – allerdings nur verbal. KILL THE BOSS 2 kommt auf meine Liste der Filme, ohne die es sich wesentlich besser leben lässt.
Montag, 17. November 2014
Die Tribute des Kommerz
Die Pressewoche wurde heute von einem Blockbuster eingeläutet, auf den wir alle schon lange gewartet haben

DIE TRIBUTE VON PANEM: MOCKINJAY TEIL 1 (1:2.35, DD 5.1 + Atmos)
OT: The Hunger Games: Mockingjay Part 1
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Francis Lawrence
Darsteller: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Liam Hemsworth, Woody Harrelson, Elizabeth Banks, Julianne Moore, Donald Sutherland, Philip Seymour Hoffman, Jeffrey Wright, Stanley Tucci
Kinostart: 20.11.2014

Katniss ist im Untergrund angekommen: im verloren geglaubten 13. Distrikt verschanzt sie sich mit Hunderten anderer Rebellen tief unter der Erde. Der Gedanke, dass sich Peeta in den Händen von Präsident Snow befindet, quält sie Tag und Nacht. Unter Leitung von Rebellen-Präsidentin Coin soll Katniss zur Ikone des Widerstands aufgebaut werden. Zunächst noch zögernd, lässt sich Katniss schließlich darauf ein und nimmt ein kleines Filmteam mit an den Kriegsschauplatz. Ein gefährliches Unterfangen... Der kommerzielle Gedanke (oder soll man besser sagen: der Profitgier) ist Schuld daran, dass der dritte und letzte Teil der PANEM-Saga in zwei Teilen ins Kino geliefert wird: Teil 3.1 jetzt, Teil 3.2 erst in einem Jahr! Genau diese willkürliche Zerstückelung aber führt dazu, dass Fans der ersten beiden Teile aus MOCKINGJAY TEIL 1 vermutlich enttäuscht aus dem Kino kommen werden, ist dieser Teil doch weder Fisch noch Fleisch. Der Film fühlt sich zurecht so an, als ob man ihn um seinen Höhepunkt betrogen hätte. Hier gibt es weit weniger Action als in den beiden ersten Filmen, in denen es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Weiterspinnen der Geschichte und spektakulären Sequenzen gibt. Spektakuläres gibt es hier nicht viel zu sehen. Stattdessen wird Kriegspropaganda recht eindringlich demonstriert. Alles endet natürlich – wie könnte es auch anders sein – mit einem “Cliffhanger”. Mein Tipp: bitte nicht mit zu hohen Erwartungen in MOCKINGJAY TEIL 1 gehen, sondern gleich die Hoffnung auf Teil 2 lenken.
Donnerstag, 13. November 2014
Mit Vollgas in den Wahnsinn
Zum Wochenabschluss gab es Aberwitziges aus Argentinien

WILD TALES - JEDER DREHT MAL DURCH! (1:2.35, DD 5.1 + 7.1)
OT: Relatos Salvajes
Verleih: Prokino (Fox)
Land/Jahr: Argentinien, Spanien 2014
Regie: Damian Szifron
Darsteller: Ricardo Darín, Leonardo Sbaraglia, Dario Grandinetti
Kinostart: 08.01.2015

Jeder Mensch hat sie: die Schwelle, bis zu der man noch Mensch bleibt. Doch wehe sie wird überschritten – dann Gnade Gott! In seinem Episodenfilm führt Regisseur Damian Szifron insgesamt sechs solcher Fälle vor, bei denen es zur Explosion kommt – auf unterschiedlichste Weise. Szifron hat mit seinem Thriller-Drama voll schwarzen Humors gleichzeitig Argentiniens erfolgreichsten Film überhaupt geschaffen. Einen Film, der von seinem Land jetzt offiziell ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt wurde. Die sechs voneinander vollkommen unabhängigen Geschichten erzählt er dabei vollkommen nüchtern, ohne viel Pathos und ohne aufbrausende Filmmusik. Leider kann man nicht alle der Episoden als gelungen bezeichnen. Wesentlich zu lang fühlt sich die letzte Episode an, in der ein Paar die eigene Hochzeit ins Chaos stürzt. Weit überzeugender und vollkommen unvorhersehbar ist ihm der Einstieg in seinen Film gelungen: da entpuppen sich alle Passagiere an Bord eines Flugzeugs als alte Weggefährten desselben Losers, einem Typ namens Pasternak. Und keiner von ihnen hat dabei eine besonders gute Meinung von dem Kerl. Zu spät erst merken die Passagiere, dass kein Geringerer als Pasternak selbst im verschlossenen Cockpit sitzt und zum Harakiri-Flug ansetzt. Andere Geschichten umfassen einen nächtlichen Gast in einem Restaurant, den die Bedienung als jenen Mann wiedererkennt, der ihre Familie in ihr Unglück stürzte. Soll sie ihm Rattengift in die Eier mit Pommes mischen? Dann haben wir da jenen Sprengmeister, der sich vom argentinischen Abschleppdienst ungerecht behandelt sieht und schließlich eine bombige Idee hat – im wahrsten Sinne des Wortes. Oder die beiden Autofahrer, die sich auf einsamer Landstraße ein regelrechtes Duell bis zum bitteren Ende liefern. Ganz zu schweigen von dem Millionär, der seinen Sohn schützen will, indem er ihn von einem Verbrechen freikaufen möchte und sich dadurch jedoch plötzlich der unersättlichen Gier anderer Menschen ausgesetzt sieht. Jede der sechs Geschichten liefert Identifikationspotenzial, da man in genau so einer oder einer ähnlichen Situation selbst schon einmal war. Und es macht Spaß zuzuschauen, wenn sich Andere fallen lassen und sich ganz ihrer ohnmächtigen Wut hingeben. Ein Gefühl, das man in unserer Zivilisation stets unterdrücken muss.
Mittwoch, 12. November 2014
Eine Herzenssache
Einen Schmachtfetzen zur Wochenmitte, bitte. Danke!

THE BEST OF ME – MEIN WEG ZU DIR (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Best Of Me
Verleih: Senator
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Michael Hoffman
Darsteller: Michelle Monaghan, James Marsden, Luke Bracey
Kinostart: 08.01.2015

Wie durch ein Wunder überlebt Dawson Cole eine Explosion auf einer Ölbohrinsel vollkommen unbeschadet. Er ist sich sicher, dass er nur deshalb vor dem Tod bewahrt wurde, weil er noch eine ganz besondere Aufgabe zu erfüllen hat. Als er wenig später seine alte Liebe Amanda Collier wieder trifft, weiß er allerdings noch nicht, dass er sein Schicksal getroffen hat. Die einstige Liebe, durch die äußeren Umstände vor mehr als 20 Jahren auf Eis gelegt, beginnt wieder zu sprießen. Doch dunkle Wolken am Horizont verheissen nichts Gutes... Wer Nicholas Sparks kennt, der weiß bereits, was auf sie bzw. ihn zukommen wird. Denn der erfolgreiche Romanautor ist bekannt für seine Herz- und Schmerz-Geschichten, die durchaus den Pfaden einer Rosamunde Pilcher folgen. Auch die Story in THE BEST OF ME ist einmal mehr ziemlich einfach gestrickt und lässt sich relativ schnell vorhersagen – zumindest für etwas geübte Kinoaugen. Alle Anderen werden vermutlich durch das Hin- und Herspringen zwischen Gegenwart und Vergangenheit so gefordert, dass ihnen die Einfachheit der Geschichte gar nicht erst auffallen wird. Auch optisch ist hier alles sehr einfach gestrickt. Die Protagonisten – ob in der Gegenwart oder 21 Jahre zuvor – sehen immer gut aus und das kleine Häuschen mit traumhaftem Garten wirkt wie nicht von dieser Welt. In diese Heile-Welt-Idylle werden sodann ein paar Störfaktoren geworfen, damit so etwas wie Spannung aufkommen soll und sich die Dramatik entwickeln kann. Ganz am Schluss holt der Film dann zu seinem größten Schlag aus: den auf die Tränendrüsen! Als ob wir es nicht schon hätten kommen sehen. Mein persönlicher Tipp: ersparen Sie Ihrem Date diesen Film – es könnte nach hinten losgehen. Übrigens möchte ich jede Wette eingehen, dass die Rohschnittfassung des Films unter anderem mit Rachel Portmans faszinierendem Hauptthema aus GOTTES WERK UND TEUFELS BEITRAG unterlegt war. Komponist Aaron Zigman kann einem da schon irgendwie leid tun...
Dienstag, 11. November 2014
Von Geldgier und Feuergras
Das einzige Double Feature in dieser Woche – bestritten von Italien und Deutschland

DIE SÜSSE GIER (1:2.35, DD 5.1)
OT: Il Capitale Umano
Verleih: Movienet (24 Bilder)
Land/Jahr: Italien, Frankreich 2013
Regie: Paolo Virzì
Darsteller: Valeria Bruni-Tedeschi, Valeria Golino, Fabrizio Bentivoglio
Kinostart: 08.01.2015

Weil seine Tochter mit dem Sohn einer der reichsten Familien des Landes liiert ist, sieht sich ein kleiner Immobilienmakler auf der Gewinnerseite. Er biedert sich dem Hausherrn förmlich in der Absicht an, an dessen gewinnträchtigem Fond beteiligt zu werden. Sein Plan geht auf. Doch dann überstürzen sich die Ereignisse: der Fond sackt ab und das Geld scheint verloren. Ausgerechnet in dieser schwierigen Lage wird dann auch noch die Tochter in einen Unfall mit Fahrerflucht verwickelt... Paolo Virzis Thriller-Drama ist in vier Kapitel unterteilt. In den ersten drei Kapiteln schildert er einen bestimmten Zeitraum aus der Sicht der drei Protagonisten, wobei es hier immer wieder zu Überkreuzungen kommt. Das letzte Kapitel schließlich ist dem “menschlichen Kapital” gewidmet, das in die Waagschale geworfen wird und die Geschichte zu einem Abschluss bringt. Durch diese Strukturierung gelingt es dem Regisseur, seinen Film interessant zu gestalten. Langeweile kommt nicht auf. Zudem sind die Hauptrollen gut besetzt. DIE SÜSSE GIER basiert auf dem Roman “Human Capital” von Stephen Amidon, der in Deutschland unter dem Titel “Der Sündenfall” erschienen ist und dessen Handlung für den Film von den USA nach Italien verlegt wurde.

DER KLEINE DRACHE KOKOSNUSS – FEUERFESTE FREUNDE (1:1.85, 3D, 5.1)
Verleih: Universum Film (Walt Disney)
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Nina Weis, Hubert Weiland
Kinostart: 18.12.2014

Gemeinsam mit seinen beiden Freunden, dem vegetarischen Fressdrachen Oskar und dem Stachelschwein Matilda, macht sich der kleine Feuerdrache Kokosnuss auf den Weg, das gestohlene Feuergras wieder zu finden. Erstmals von zu Hause weg und ganz auf sich gestellt, beginnt für die Freunde ein großes, gefährliches Abenteuer... Ein Animationsfilm für die ganz kleinen Zuschauer, frei nach den Kinderbüchern von Ingo Siegner. Die unspannende Geschichte und die fehlende Detailtiefe in der visuellen Umsetzung dürften nur Zuschauer bis maximal sechs Jahre ansprechen. Auch ist der Unterschied zwischen der 2D- und 3D-Fassung recht unerheblich, wodurch die Frage “Warum denn dann überhaupt 3D?” durchaus berechtigt ist.
Freitag, 07. November 2014
Ziemlich beste Freunde
Zum Abschluss der Pressewoche gab es eine zarte Liebesgeschichte aus Frankreich

HEUTE BIN ICH SAMBA (1:1.85, DD 5.1)
OT: Samba
Verleih: Senator
Land/Jahr: Frankreich 2014
Regie: Olivier Nakache, Eric Toledano
Darsteller: Omar Sy, Charlotte Gainsbourg, Tahar Rahim
Kinostart: 26.02.2015

Schon seit 10 Jahren jobbt Samba als Hilfskraft in der Pariser Gastronomieszene. Eines Tages aber wird der aus dem Senegal stammende Samba von den Behörden aufgrund der nicht vorhandenen Aufenthaltsgenehmigung dingfest gemacht und es droht die Abschiebung. Ausgerechnet der nach einem Burn-Out im Sozialdienst ehrenamtlich arbeitende Karrierefrau Alice wird sein Fall anvertraut. Je näher die beiden sich kennenlernen, desto stärker wird ihre gegenseitige Anziehungskraft. Eine zarte Liebesgeschichte, die es so eigentlich nicht geben darf, nimmt ihren Lauf... Mit ZIEMLICH BESTE FREUNDE haben Olivier Nakache und Eric Toledano einen Überraschungshit gelandet. Die Erwartungen an den neuen Film der beiden Franzosen sind daher naturgemäß sehr hoch. Da wundert es nicht, dass sich die Regisseure wieder jenen Darsteller in ihre Besetzung holen, der ihren Erstlingsfilm zum Erfolg werden ließ: Omar Sy. Auch in HEUTE BIN ICH SAMBA dominiert er mit seinem unwiderstehlichen Charme die Bildfläche und ergibt damit das passende Gegenstück zu Charlotte Gainsbourg als extrem unsichere, oft hilflose Ex-Karrierefrau. Die Chemie zwischen den beiden passt. Als Dritter im Bunde liefert auch Tahar Rahim als Sambas Kumpel Wilson eine überzeugende Performance. Den mit seinen fast 120 Minuten etwas zu lang geratenen Film könnte man am ehesten noch als eine Tragikomödie bezeichnen, deren Protagonisten versuchen, das Beste aus ihren komplizierten Lebensumständen zu machen. Ein bisschen Gefühl gibt es dabei dann auch, jedoch in schwächerer Dosierung als bei ZIEMLICH BESTE FREUNDE. Kritisch anzumerken wäre, dass es nicht so recht nachvollziehbar ist, dass man ausgerechnet eine psychisch labile Person als Betreuerin für Abschiebekandidaten einstellt – auch wenn es nur ehrenamtlich ist. Aber die Filmwelt tickt nun einmal anders als das wahre Leben – auch wenn das so Mancher nicht wahrhaben will. Als winzig kleine Randbemerkung sei noch erwähnt, dass mich das von Ludovico Einaudi komponierte Liebesthema (gespielt auf einer Gitarre) sehr stark an den Anfang von Alex Norths Liebesthema aus SPARTACUS erinnert hat.
Donnerstag, 06. November 2014
Weggehen um anzukommen
Oder: anderswo ist es auch nicht besser

ANDERSWO (1:1.85, 5.1)
Verleih: Film Kino Text
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Ester Amrami
Darsteller: Neta Riskin, Golo Euler, Hana Laszlo
Kinostart: 29.01.2015

Die Israelin Noa studiert schon seit acht Jahren in Berlin. Gerade ist sie mit ihrem deutschen Freund zusammengezogen. Doch nach wie vor fühlt sie sich fremd in der großen Stadt. Als jetzt auch noch ihre Abschlussarbeit – ein Lexikon nicht übersetzbarer Worte – abgelehnt wird, flieht sie in ihre Heimat zurück. Dort aber fällt sie gleich wieder in die Rolle der aufmüpfigen Tochter zurück... Tragikomisch gibt sich Ester Amramis Debütfilm über eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst. Heimatlosigkeit ist das Thema ihres Films. Ein Thema, das sie immer wieder anhand von kurzen Interview-Segmenten “globalisiert”, in denen es um Worte geht, die man nicht ins Deutsche übersetzen kann. Amramis Film ist kurzweilig und mit der Israelin Neta Riskin nicht nur attraktiv, sondern auch stimmig besetzt.
Dienstag, 04. November 2014
Die Magie des Kinos
Im ersten Film entdeckt die Heldin einen magischen Ort, im zweiten Film macht ein Magier eine Entdeckung.

CAFE OLYMPIQUE – EIN GEBURTSTAG IN MARSEILLE (1:1.85, 5.1)
OT: Au Fil D’Ariane
Verleih: Schwarz-Weiss (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich 2014
Regie: Robert Guédiguian
Darsteller: Ariane Ascaride, Gérard Meylan, Jean-Pierre Darroussin
Kinostart: 25.12.2014

Alle ihre Geburtstagsvorbereitungen werden jäh zunichte gemacht, als Ariane von allen Eingeladenen nur Absagen erhält. Kurz entschlossen verlässt sie ihre Wohnung und macht sich auf den Weg nach Marseille, wo sie einen Mopedfahrer trifft, der sie zum Cafe Olympique mitnimmt – ein Mikrokosmos skurriler Menschen, derer sie sich annimmt... Im Titelvorspann ist nicht etwa zu lesen “Ein Film von Robert Guédiguian”, sondern ganz bewusst “Eine Phantasie von Robert Guédiguian”. Der Regisseur nimmt seine Zuschauer mit auf eine ebenso phantastische wie skurrile Reise, in der es schon mal passieren kann, dass sich eine Szene plötzlich in eine nette Musiknummer verwandelt oder Schildkröten zu sprechen beginnen. Sein Film erinnert ab und zu an die Werke eines Jacques Tati, ohne jedoch je dessen Qualitäten zu erreichen. Warum auch – es ist ein ganz anderer Film. Einer, den man ein bisschen mögen wird, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.

MAGIC IN THE MOONLIGHT (1:2.35, DD 5.1)
OT: Magic In The Moonlight
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Woody Allen
Darsteller: Dame Eileen Atkins, Colin Firth, Marcia Gay Harden, Emma Stone
Kinostart: 04.12.2014

Anfang des 20. Jahrhunderts soll ein weltbekannter Illusionist auf Wunsch eines Freundes ein vermeintliches Medium als Betrügerin entlarven. Unversehens gerät er nicht nur in den Bann der Schönen, sondern muss auch noch feststellen, dass sie offenbar tatsächlich hellseherische Fähigkeiten besitzt... Es ist erst Woody Allens vierter Film im CinemaScope-Format, dafür aber wohl der erste mit CGI-Effekten. Und der Ton darf dieses Mal sogar ein bisschen stereophoner sein als bisher. Das alles freilich kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass MAGIC IN THE MOONLIGHT ein ziemlich geschwätziger Film ist. Der Cast ist wie immer bei Woody vom Feinsten, insbesondere Colin Firth läuft als zynischer Magier zur Hochform auf. Doch letztendlich ist es ein recht banales Stück Kino, das uns Woody hier mit brillanter Optik und erlesener Ausstattung präsentiert. Es ist fast so als wäre der ganze Schwung aus dem Film verschwunden. Es ist kein schlechter Film, aber von Woody Allen hätte man einfach mehr erwartet.

© 2009-2018 Wolfram Hannemann
All displayed Logos and Product Names may be ©, TM or ® by their respective rights holding companies.
No infringement intended.