Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Donnerstag, 30. April 2015
Experimentalfilm und Biopic
Die letzten beiden Pressevorführungen im April bescherten mir einen ziemlich interessanten Donnerstag

VICTORIA (1:2.35, 5.1)
Verleih: Senator
Land/Jahr: Deutschland 2015
Regie: Sebastian Schipper
Darsteller: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski
Kinostart: 11.06.2015

Nach ihrem abendlichen Disco-Besuch trifft die junge Spanierin Victoria auf ihrem Nachhauseweg Sonne und seine drei Kumpels und lässt sich dazu überreden, mit den Jungs die Nacht zum Tag zu machen. Dabei entsteht zwischen Sonne und ihr eine zarte Liebesbeziehung, die kurz darauf jedoch eine gefährliche Wendung bekommt... Operation gelungen – Patient tot. So könnte man zusammenfassend über Sebastian Schippers Experimentalfilm urteilen. Denn es ist in der Tat ein Experiment: 140 Minuten lang ohne Schnitt in Echtzeit an echten Locations in Berlin zu drehen ist wahrhaftig eine große Herausforderung! Anerkennung hat sich hier insbesondere Kameramann Sturla Brandt Grovlen verdient, der mit seiner Kamera den Darstellern ständig auf den Leib rückt, seien sie nun auf offener Straße, auf dem Dach eines Hauses oder in einem fahrenden Taxi. Diese Operation ist Schipper und seinem Team gelungen. Dass dabei die Story (der Patient) auf der Strecke bleibt, ist umso ärgerlicher. Dass sich ein junges Mädchens mitten in der Nacht an vier halbseidene Jungs förmlich heranschmeisst, ist alles andere als nachvollziehbar. Was durch Technik möglichst authentisch erscheinen soll, wird durch solche Elemente sofort wieder zunichte gemacht. Persönlich hätte ich mir noch eine ausgefeiltere Tonspur gewünscht, ein Pendant zum Echtzeit-Bild. Doch der Film nutzt hier kaum die Möglichkeiten, die eine Mehrkanalmischung heutzutage ermöglicht. Wie das geht, zeigte Kathryn Bigelow bereits 1995 in STRANGE DAYS vorbildlich.


LOVE & MERCY (1:1.85, DD 5.1)
OT: Love & Mercy
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: USA 2014
Regie: William Pohlad
Darsteller: Elizabeth Banks, Paul Dano, John Cusack, Paul Giamatti
Kinostart: 11.06.2015

“Good Vibrations” lautet der Titel eines der größten Hits der Beach Boys. Doch für das Genie hinter den Beach Boys, Brian Wilson, waren es alles andere als gute Schwingungen. Als Junge ständig auf brutalste Weise vom Vater geschlagen und später als aufstrebender Musiker vom Vater nur mit Missgunst bedacht, hört Brian Wilson schon in jungen Jahren bereits Stimmen in seinem Kopf. Doch sind es gerade diese Stimmen, die sich Bahn brechen und Wilson zu unglaublicher musikalischer Kreativität verhelfen. In reiferen Jahren gerät Wilson in die Hände des dubiosen Dr. Landy, der ihn wegen diagnostizierter Schizophrenie fast hermetisch vom Rest der Welt abschirmt. Erst durch die Begegnung mit Autoverkäuferin Melinda Ledbetter, die sich in Wilson verliebt, würde sich alles ändern... Geht man in William Pohlads Biopic über diesen Ausnahmemusiker mit der Erwartung, einen Gute-Laune-Musikfilm zu sehen, wird man vermutlich herb enttäuscht werden. Sieht man ihn jedoch als das, was er ist – nämlich ein auf einer wahren Begebenheit beruhendes Drama – so erwartet einen ein hochkarätig besetzter und virtuos inszenierter Film, der zudem noch mit einer der besten Tonspuren des Jahres aufwartet. Diese Tonspur hat die Bezeichnung “Sound Design” wirklich verdient und sollte unbedingt in einem tontechnisch exzellenten Kinosaal gehört werden! Pohlad hat seinen Film gleich zwei Mal in der Hauptrolle besetzt. Den erwachsenen Brian Wilson spielt John Cusack, den in Rückblenden auftretenden jugendlichen Wilson spielt Paul Dano. Und beide sind in ihren jeweiligen Rollen absolut brillant. Genie und Wahnsinn liegen oft sehr dicht beieinander – Cusack und Dano machen es auf fabelhafte Weise begreifbar. Fast nicht wiederzuerkennen dank vollem Haar: Paul Giamatti als der mit allen Wassern gewaschene Dr. Landy. Last but not least liefert auch Elizabeth Banks als Melinda eine hervorragende Performance ab. Seine inszenatorisch stärksten Momente spielt der Film dann aus, wenn er Wilsons kreativen Prozess in Bilder und Töne umsetzt. Ungewöhnlich ist dabei auch, dass Ohrwürmer wie “Good Vibrations” nie in ihrer finalen Version erklingen, sondern nur die einzelnen Elemente, die zusammengesetzt ein Ganzes ergeben. Genau das überlässt der Film dem Zuschauer selber. LOVE & MERCY ist packendes Kino über eine der ungewöhnlichsten Persönlichkeiten der Pop-Geschichte.
Mittwoch, 29. April 2015
David gegen Goliath
Helen Mirren in Bestform – so muss Kino.

DIE FRAU IN GOLD (1:2.35, 5.1)
OT: Woman In Gold
Verleih: SquareOne (DCM)
Land/Jahr: USA, Großbritannien 2014
Regie: Simon Curtis
Darsteller: Helen Mirren, Ryan Reynolds, Daniel Brühl, Katie Holmes
Kinostart: 04.06.2015

Ende der 1990er Jahre entdeckt die während des Zweiten Weltkrieges aus dem nationalsozialistischen Wien in die USA emigrierte Maria Altmann im Nachlass ihrer Schwester Hinweise darauf, dass sie die rechtmäßige Erbin des von Gustav Klimt gemalten Porträts ihrer Tante Adele ist. Das Gemälde sowie weitere Klimt-Arbeiten wurden damals von den Nazis geraubt und befinden sich jetzt in österreichischem Besitz. Österreich aber blockt ab, ist doch gerade die “Frau in Gold” zu einer Art Mona Lisa Österreichs geworden. Gemeinsam mit einem jungen Anwalt versucht sie mit allen juristischen Mitteln, die Gemälde wieder zu zurückzubekommen – ein Prozess, während dem sich Maria auch ihren eigenen Dämonen stellen muss... Spätestens seit dem spektakulären Fall Gurlitt ist die Restitution von Raubkunst in aller Munde, also die Rückgabe von Kunstwerken, die von den Nazis enteignet wurden, an die rechtmäßigen Eigentümer. Einen solchen auf Tatsachen beruhenden Fall schildert Simon Curtis in seinem neuen Film. Es ist die Geschichte der Maria Altmann, die 60 Jahre nach ihrer Flucht aus Nazi-Österreich gemeinsam mit dem Anwalt Randy Schoenberg (einem Enkel des berühmten Komponisten Arnold Schoenberg) damit beginnt, die Rückgabe einiger Klimt-Gemälde einzuklagen. Gespielt wird Maria von Helen Mirren in deren unnachahmlichen Art und Weise. Witzig und bewegend zugleich zeigt sie in ihrer Rolle den Schmerz, den die junge Maria erfahren hat und mit dem sie als alte Dame ein zweites Mal konfrontiert wird. Ihr zur Seite steht Ryan Reynolds als ihr Anwalt, eine Rolle, die Reynolds sehr zurückgenommen anlegt und damit genau den richtigen Ton trifft. Auf mehreren Zeitebenen (mit exzellent gestalteten Übergängen sowie perfekter Farbdramaturgie) lässt der Film nicht nur die dramatischen Ereignisse infolge Österreichs Anschluss an Nazi-Deutschland Revue passieren, sondern auch die Zeit, in welcher das berühmte Klimt-Gemälde enstand. Die Jetzt-Zeit im Film (also Ende der 1990er bis hin zum Anfang der 2000er Jahre) schildert den langwierigen Kampf von Maria und Randy um die Rückgabe der Bilder – ein Kampf von David gegen Goliath. Für große Emotionen sorgt die Filmmusik von Martin Phipps und Hans Zimmer (Vorsicht: nicht überall, wo Zimmer draufsteht, ist auch Zimmer drin!). Fazit: großes Kino mit brillanter Besetzung.
Dienstag, 28. April 2015
...wie auch wir vergeben unsern Schuldigern
Eine eindringliche Dokumentation stand heute auf dem Stundenplan

BEYOND PUNISHMENT (1:1.85, 5.1)
Verleih: Piffl
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Hubertus Siegert
Kinostart: 11.06.2015

Eines haben alle drei Verbrechen gemeinsam: sie haben nicht nur Konsequenzen für die Täter, sondern auch für die Angehörigen der Opfer. In seinem Dokumentarfilm schildert Hubertus Siegert die Schicksale, die sich aus drei Mordfällen ableiten. Bronx, New York: Leola und ihre Tochter Lisa warten noch immer darauf, dass der zu 40 Jahren Gefängnis verurteilte Mörder des 16jährigen Sohnes bzw. Bruders seine Schuld eingesteht. Norwegen: Vater Erik fühlt sich nicht mehr sicher, seit seine 16jährige Tochter Ingrid-Elisabeth in blinder Eifersucht von ihrem Freund Stiva erschossen wurde und Stiva immer wieder in Hafturlaub gehen darf. Berlin: als 18jähriger musste Patrick miterleben, wie sein Vater vor seinem Haus von einem RAF-Kommando erschossen wurde; die Frage “Warum?” treibt ihn bis heute um. Siegert lässt aber nicht nur die Hinterbliebenen vor der Kamera zu Wort kommen, sondern auch die Täter. Denn auf beiden Seiten entwickelt sich – ob bewusst oder unbewusst – der Wunsch, mit der Geschichte abzuschließen, sich womöglich auszusöhnen. Hier greift das Konzept der “Restorative Justice”, ein vollkommen neuer Ansatzpunkt, der davon ausgeht, dass es hilfreich ist, die jeweils andere Seite zu verstehen. Beispielhaft zeigt der Film den Gesprächskreis zwischen Angehörigen und Tätern, die eine ehemalige Richterin in Wisconsin ins Leben gerufen hat. Da sitzen sie alle in einem Kreis zusammen und stellen Fragen, geben Antworten, versuchen den Wunsch nach Vergebung zu erfüllen. Leola und Lisa gehen einen Schritt weiter und sprechen mit einem inhaftierten Mörder – nicht dem, der Leolas Sohn auf dem Gewissen hat, sondern einem anderen, der helfen möchte. Ähnlich ergeht es Patrick, der sich mit einem Gründungsmitglied der RAF trifft, der inzwischen seine Strafe verbüßt hat. Im Gespräch mit ihm versucht er herauszufinden, warum sein Vater sterben musste. Weit schwieriger gibt sich der norwegische Fall. Hier sucht der Täter das Gespräch mit dem Vater seines Opfers, der jedoch hadert. Siegerts Film beobachtet die drei Fälle sehr präzise und ohne Effekthascherei (es gibt beispielsweise keine Musik im Film), ja fast nüchtern. Es gibt zwar auch ein paar sehr emotionale Momente (Lisa ringt tränenreich mit sich, ob sie dem Täter tatsächlich vergeben kann oder ob sie damit nicht ihren ermordeten Bruder verrät), doch die Ruhe, die der Film trotz seines nicht leichten Themas ausstrahlt, dominiert. Letztendlich regt er dazu an darüber nachzudenken, ob eine Aussprache zwischen Tätern und Opfern (bzw. deren Angehörigen) nicht dringend gebraucht wird, um die Seele auf beiden Seiten zu entlasten und den Weg frei zu machen für ein Leben nach der Tat.

Montag, 27. April 2015
Der Drogenbaron und eine Oper
Den Wochenauftakt bildeten gleich zwei Filme, die unterschiedlicher nicht hätten sein können

ESCOBAR – PARADISE LOST (1:2.35, DD 5.1)
OT: Paradise Lost
Verleih: Alamode
Land/Jahr: Frankreich, Spanien, Belgien, Panama 2014
Regie: Andrea Di Stefano
Darsteller: Benicio Del Toro, Josh Hutcherson, Claudia Traisac
Kinostart: 09.07.2015

Gemeinsam mit seinem Bruder Dylan reist der Kanadier Nick Ende der 1980er Jahre ins paradiesische Kolumbien, um dort eine Surfschule aufzumachen. Doch es gibt Ärger: ein paar harte Jungs beanspruchen das idyllische Gebiet für sich. Erst als Nick mit der attraktiven Maria anbandelt und sich eine ernste Liebe daraus entwickelt, hört der Ärger auf. Man findet die harten Jungs an einem Baum – an den Füßen aufgehängt und bei lebendigem Leib verbrannt! Nick ahnt schon bald wer dahinter steckt: Pablo Escobar, Marias reicher Onkel. “El Patron” nennen sie ihn hier alle, weil er viel für ihr Land tut. Sein Reichtum allerdings kommt nicht von ungefähr – den ermöglicht ihm der Handel mit Kokain. Je tiefer Nick in die Strukturen eingeweiht wird, desto gefährlicher wird seine Situation... Regisseur Andrea Di Stefano gelingt es auf subtile Art und Weise die Spannungsschraube in diesem Thriller-Drama stetig anzuziehen. Hier gibt es keine Bilder von der brutalen Gewalt, mit der Drogenbaron Pablo Escobar (souverän gespielt von Benicio Del Toro) nicht nur seine Feinde, sondern auch jene seiner Angehörigen und deren Freunde eliminieren lässt. Alles wird hier nur andeutungsweise gezeigt, etwa wenn sich einer von Escobars harten Männern das blutverschmierte Bein säubert. Für seine Landsleute ist Escobar ein Gott. Denn aus ihrer Sicht hat er es geschafft, einen gewissen Wohlstand im Land zu etablieren. Wie das alles möglich ist, fragt man einfach nicht. Auch Escobars Nichte Maria ist da nicht anders. Sie sieht nur die guten Seiten in ihrem Onkel. Erst als der auch ihren Verlobten eliminieren lassen will, werden ihr die Augen geöffnet. Leider lässt der Film offen, ob es sich bei der Geschichte um eine wahre Geschichte handelt oder ob es reine Fiktion ist.

LILIEN IM WINTER - LA BOHEME AM KAP DER GUTEN HOFFNUNG (1:1.85, 5.1)
OT: La Boheme: Breathe Umphefumlo
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Südafrika 2015
Regie: Mark Dornford-May
Darsteller: Pauline Malefane, Mandisi Dyantyis, Busisiwe Ngejane
Kinostart: 27.08.2015

Die Studenten Mimi und Lungelo verlieben sich ineinander. Ihr tagtäglicher Überlebenskampf in Soweto macht es den beiden nicht gerade einfach, sich ihrem Glück hinzugeben. Mimi benötigt dringend medizinische Versorgung, weil sie an Tuberkulose leidet. Doch sie verschweigt ihre Krankheit. Mehr noch: als sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert, trennt sie sich von Lungelo... Im Jahre 2005 gewann er mit seiner Opern-Adaption U-CARMEN den Goldenen Bären auf der Berlinale. Jetzt präsentiert Mark Dornford-May eine weitere Opern-Adaption. Dieses Mal ist es Puccinis Oper “La Boheme”, die der Regisseur vom Paris des 19. Jahrhunderts ins Südafrika von heute verlegt. Das Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa wurde von Dornford-May gemeinsam mit Pauline Malefane, der Darstellerin der Zoleka, umgearbeitet und im Film in Xhosa gesungen. Darin geht es um den täglichen Kampf ums Essen, um Unterkunft und ausreichende medizinische Versorgung. Die Film-Oper ist damit hochaktuell und reflektiert den Ist-Zustand in Soweto. Dazu gehört auch Mimis Erkrankung an Tuberkulose. Eine Schrifttafel zu Beginn des Films weist darauf hin, dass es in dieser Region weltweit die meisten Tuberkulose-Fälle gibt. Begleitet werden die im Film von wunderbaren Stimmen dargebotenen Arien nicht etwa von einem Orchester, sondern vielmehr von einem Ensemble mit typisch afrikanischen Instrumenten. Das alles ist höchst ungewöhnlich und dürfte speziell bei eingefleischten Opernfans vermutlich zu großer Verwirrung führen. Wo genau die Zielgruppe für diesen Musikfilm zu finden ist, ist schwer zu sagen. Auch dürfte der deutsche Verleihtitel ein Übriges tun, um den Zuschauer vollends zu verwirren.
Samstag, 25. April 2015
Künstliche Intelligenz und scharfe Zähne
Endlich Wochenende – Zeit um zwei Nachzügler einzupflegen

EX MACHINA (1:2.35, DD 5.1)
OT: Ex Machina
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA, Großbritannien 2014
Regie: Alex Garland
Darsteller: Domhnall Gleeson, Oscar Isaac, Alicia Vikander
Kinostart: 23.04.2015

Ein genialer Programmierer erhält die Chance, an einem wissenschaftlichen Experiment teilzunehmen. In der hermetisch abgeschotteten Villa seines Chefs Nathan soll Caleb einen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Roboter auf dessen Menschlichkeit hin prüfen. Zu Calebs Erstaunen handelt es sich dabei um einen weiblichen Roboter mit Namen Ava. Die Zusammenarbeit der beiden erzeugt Gefühle auf beiden Seiten und schon bald bittet Ava Caleb um Hilfe... Als Kammerspiel inszenierte Alex Garland hier eine faszinierende Science-Fiction Story, in der es um Mensch und Maschine geht. Wo hört die Maschine auf, wo fängt der Mensch an? Viele der Elemente sind zwar spätestens seit Ridley Scotts epochalem BLADE RUNNER bekannt, doch vermag Garland trotzdem mit seinem minimalistischen Thriller zu fesseln. Ein geniales Produktionsdesign und eine extrem dynamische Tonspur sorgen gemeinsam mit den Hauptdarstellern für packende Kinomomente.

A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT (1:2.35, 5.1)
OT: A Girl Walks Home Alone At Night
Verleih: Capelight (Central)
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Ana Lily Amirpour
Darsteller: Sheila Vand, Arash Marandi, Marshall Manesh
Kinostart: 23.04.2015

Bad City, Iran. Arash versorgt seinen heroinabhängigen Vater so gut er kann. Dabei verliert er sein gesamtes Bargeld an einen Drogendealer, der ihm zudem noch seinen Thunderbird abnimmt. Als er den Dealer in dessen Haus aufsucht, um wenigstens sein Auto wiederzubekommen, staunt er nicht schlecht: der Böse liegt tot auf dem Boden – von einer Vampirin ausgesaugt. Ausgerechnet ihr läuft Arash über den Weg – und verliebt sich prompt in den Engel der Nacht. Eine Amour Fou mit ungewissem Ende nimmt ihren Lauf... Mit ihrem auf Persisch gedrehten Vampir-Western hat die Iranerin Ana Lily Amirpour ein kleines Meisterwerk geschaffen. In eleganten Schwarzweiß-Bildern und unter voller Ausnutzung der CinemaScope-Breite erzählt sie eine Geschichte, die vollkommen von Raum und Zeit gelöst zu sein scheint. Schon die erste Einstellung in ihrem Film suggeriert die 1950er-Jahre. Der Typ im weißen T-Shirt, der rauchend auf seine Katze wartet, schreit förmlich nach James Dean. Passend dazu fährt er sogar einen alten Edel-Sportwagen! Erst als ein Handy auftaucht, wissen wir, dass der Film in der Gegenwart spielt. Auf der Tonspur erklingen immer wieder Italo-Western-Klänge, die aus der Feder von Ennio Morricone sein könnten, es aber nicht sind. Der Ort, an dem Amirpour ihren Film spielen lässt, gleicht einer Geisterstadt. Oft bilden riesige Industrieanlagen den Hintergrund, vor dem die Protagonisten agieren. Es gibt viele skurrile Situationen (etwa wenn unser Held als Dracula verkleidet dem echten Vampirmädchen begegnet!), die einen gewissen Tarantino-Touch nicht verbergen können. A GIRL WEALKS HOME ALONE AT NIGHT hat Kultpotenzial. Wer ihn in einem guten Kino mit einer guten Tonanlage sehen kann, sollte die Gelegenheit beim Schopfe packen!
Freitag, 24. April 2015
Von Journalisten und Heimkindern
Zum Wochenausklang gab es heute eine Doppelportion deutsches Kino

DIE LÜGEN DER SIEGER (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: NFP (Warner)
Land/Jahr: Deutschland, Frankreich 2014
Regie: Christoph Hochhäusler
Darsteller: Florian David Fitz, Lilith Stangenberg, Horst Kotterba
Kinostart: 18.06.2015

Fabian Groys ist Journalist bei der “Woche”, einem Berliner Politikmagazin. Eigentlich möchte er eine Story über die Invalidenpolitik der Bundeswehr schreiben. Doch als sein Informant einknickt, muss er die Story auf Eis legen und widmet sich gemeinsam mit Volontärin Nadja einem anderen heissen Eisen: einem Giftmüllskandal. Nach kurzer Zeit schon mehren sich jedoch die Anzeichen, dass beide Geschichten zusammenhängen. Noch ahnt Groys nicht, dass er nur Teil eines ausgefeilten Ablenkungsmanövers ist, bei dem der eigentliche Drahtzieher ein Industriekonzern ist... Eigentlich hätte Christoph Hochhäuslers Journalismus-Film ein richtig guter Thriller werden können, doch leider gerät der durch bestimmte Elemente in Schieflage. Störfaktor Nummer Eins ist Lilith Stangenberg in der Rolle der Volontärin. Sie tut wahrhaftig alles dafür, dass man ihre Rolle nicht ernst nehmen kann. Mit einer solchen Naivität ist sie die falsche Frau für den Job. Störfaktor Nummer Zwei ist die Spielsucht von Fabian Groys, dargestellt von Florian David Fitz. Denn die passt überhaupt nicht zum Rest des Films. Ganz zu schweigen von den Insulinspritzen, die sich Groys immer wieder in den Körper schießen muss – sie sind für den Film vollkommen bedeutungslos. Störfaktor Nummer Drei schließlich ist die extrem aufgesetzt wirkende Liebesbeziehung zwischen Reporter und Volontärin, mit der das Drehbuch vermutlich einfach ein Klischee erfüllen wollte. Abgesehen von diesen Störfaktoren gibt es aber auch gutes zu berichten. Beispielsweise vom Protagonisten, den Florian David Fitz brillant verkörpert. Oder die sich in ständiger Bewegung befindliche Kamera (Reinhold Vorschneider), die in Kombination mit dem Schnitt (Stefan Stabenow) den unruhigen Rhythmus des Films kreiert. Zu guter Letzt dann noch die Filmmusik von Benedikt Schiefer, die dem Film ein gutes Stück Spannung einhaucht. Wer bei den Endtiteln fleissig mitliest, dem wird der Credit für die Unterwasseraufnahmen auffallen – Unterwasseraufnahmen, die es zumindest in der heutigen Pressevorführung nicht zu sehen gab.

FREISTATT (1:2.35, 5.1)
Verleih: Salzgeber (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Marc Brummund
Darsteller: Louis Hofmann, Alexander Held, Stephan Grossmann
Kinostart: 25.06.2015

Sommer 1968. Weil er seinem Stiefvater ein Dorn im Auge ist, wird der 14jährige Wolfgang kurzerhand in ein Erziehungsheim gesteckt. Dort in Freistatt erfährt der Heisssporn nicht nur Gewalt durch die Aufseher, sondern auch durch seine Kameraden. Wolfgang ist entschlossen, das Heim so schnell wie möglich zu verlassen. Doch die unberechenbare Moorlandschaft macht ihm bei der Flucht einen Strich durch die Rechnung... Zynischer könnte der Name des Ortes kaum sein: “Freistatt” steht für eine Erziehungsanstalt, die bis in die 1970er Jahre als die härteste ihrer Art in Deutschland galt. Hier wurde im Namen der Kirche brutalst geschlagen und missbraucht – eine wahre Hölle auf Erden für die minderjährigen Jungen, die dort “entsorgt” wurden. Mit verklärten, weichgezeichneten Bildern (Kamera: Judith Kaufmann) wird das grausame Schicksal der Jungen dargestellt. Wer Gewalt sät, der wird Gewalt ernten – eine Erkenntnis, für die Freistatt der beste Beweis ist. Ein harter Film mit guten Darstellern, deren Dialoge aber leider oft nicht verständlich sind. Hier wurde bei der Tonbearbeitung offensichtlich geschludert.

Donnerstag, 23. April 2015
Bei solchen Familiengeheimnissen läuft man Parkour!
Zwei Filme in der Presse, aber trotzdem kein Grund zur Freude

TRACERS (1:2.35, DD 5.1)
OT: Tracers
Verleih: Senator
Land/Jahr: USA 2013
Regie: Daniel Benmayor
Darsteller: Taylor Lautner, Marie Avgeropoulos, Adam Rayner
Kinostart: 28.05.2015

Der junge Cam arbeitet als Fahrradkurier in New York, um damit seine Schulden bei dubiosen und knallharten Geldgebern zu begleichen. Doch das Geld reicht nicht aus. Als er eines Tages mit einer hübschen Parkour-Läuferin zusammenstößt, fängt er Feuer für das Mädchen und für den Sport. Schon bald gehört Cam zum Team um Bandenchef Miller, das sich auf die Ausführung von illegalen Aufgaben spezialisiert hat. Nicht nur ein gut bezahlter Job, sondern für Cam auch die Möglichkeit Nikki, das Mädchen, besser kennenzulernen... Bemerkenswert an diesem Film ist die Tatsache, dass hier bei den Parkour-Sequenzen weniger auf visuelle Effekte gesetzt wird denn auf echte Stunts. Und dafür gibt es “Hut ab”. Allerdings nur ein wenig, denn weitaus beeindruckendere Parkour-Action gab es bereits im James-Bond-Film CASINO ROYALE. Schnelle Schnitte und peitschende Rhythmen vervollständigen die Action-Einlagen. Als störend stellt sich indes (wie so oft) die Story heraus. Die ist leider etwas hanebüchen geraten und weit entfernt von Realität. Die Krone wird dem ganzen dann am Schluss aufgesetzt: da düst unser Held mit der Frau an seiner Seite im Auto in eine ungewisse Zukunft ab. Ein Happy End also. Doch Moment – darf sich ein Held einfach so aus dem Staub machen, wo er doch maßgeblich an illegalen Aktionen mitgewirkt hat? Dieses Ende suggeriert, dass alle Sünden vergeben werden, wenn man nur dafür sorgt, dass der noch größere Gauner seiner gerechten Strafe übergeben wird. Ein fatales Rechtsverständnis, das dem meist jungen Publikum hier als Happy End angeboten wird!

DIE ABHANDENE WELT (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Concorde
Land/Jahr: Deutschland 2015
Regie: Margarethe von Trotta
Darsteller: Barbara Sukowa, Katja Riemann, Matthias Habich
Kinostart: 07.05.2015

Sängerin Sophie wird von ihrem Vater nach New York geschickt, um Kontakt mit Opern-Diva Caterina Fabiani aufzunehmen, die Sophies verstorbener Mutter zum Verwechseln ähnlich sieht. Hat Sophie etwa eine Schwester, von der sie nichts wusste? Gemeinsam mit Caterina beginnt sie, die gesamte Familiengeschichte aufzuarbeiten... Ein arg gestelztes Produkt, das uns hier Deutschlands Vorzeigeregisseurin Margarethe von Trotta präsentiert! Laut eigenen Aussagen trägt die Geschichte zwar autobiographische Züge, doch wird etwas zuviel um den Kern der Story herumgebaut. Da erscheint die tote Mutter beispielsweise Sophies Vater im Traum als eine Art Femme Fatale – Gruselmusik inklusive! Oder die Liebesgeschichte zwischen Sophie und einem Amerikaner aus Caterinas Entourage, die ziemlich gekünstelt wirkt. Die Generation 70+ wird den Film vermutlich mögen, geht es doch lang gehütete Familiengeheimnisse, die am Ende des Lebens auf den Tisch kommen.
Mittwoch, 22. April 2015
Pilgerreise
Wie aus einer Pilgerreise ein Höllentrip wurde – ich habe es heute hautnah miterlebt.

CAMINO DE SANTIAGO (1:1.78, 5.1)
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Schweiz 2015
Regie: Jonas Frei, Manuel Schweizer
Kinostart: 04.06.2015

Es ist wohl der berühmteste Weg der Welt: jedes Jahr zieht der “Camino de Santiago”, besser bekannt als der Jakobsweg, Tausende von Menschen aus aller Herren Länder an. Ein jeder von ihnen hat seine ganz persönlichen Beweggründe, den Tausende Kilometer langen Weg bis ans Ende zu gehen. Was für die Einen einer spirituellen Erfahrung gleichkommt, ist für die Anderen eine Reise zu sich selbst, die helfen soll, Probleme an der Heimatfront zu lösen. Und für noch ganz Andere ist es der Ehrgeiz, alle Stempel zu sammeln, die man an den vielen Stationen bekommen kann. In ihrem unkommentierten Dokumentarfilm holen sich Jonas Frei und Manuel Schweizer viele Pilger vor die Kamera und lassen sich erzählen, warum sie diesen Weg beschreiten. Das Gesagte wird nicht weiter reflektiert, es bleibt im Raum stehen. Zwischen den Interviewsequenzen gibt es teils grandiose Landschaftsaufnahmen (oft aus der Vogelperspektive) zu bewundern. Wenn man das nun so liest, wird man vermutlich den Eindruck bekommen, es handele sich um eine eindrucksvolle Reportage. Wäre es ja auch, wenn da nicht der ungeheure Dilettantismus, mit der der Film präsentiert wird! Die Tonspur lässt insbesondere in den Interviewsequenzen sehr zu wünschen übrig. Sowohl der Direktton als auch die Tonnachbearbeitung zeugen nicht gerade von Professionalität. Gleiches gilt für die Kameraarbeit. Auch hier fallen wieder die Interviewsegmente (und es gibt viele davon!) auf Amateurniveau. Das gilt für Kameraführung als auch für die Nachbearbeitung (das Color Grading beispielsweise wechselt extrem zwischen den beiden Blickwinkeln, mit denen viele der Interviews aufgenommen wurden). Ganz im Gegensatz dazu sind die Landschaftsaufnahmen zumeist grandios geraten und man wünschte sich dafür CinemaScope (und nicht das kaschierte Breitwandformat, das hier überdeutlich von Fernsehkost zeugt). Kommen wir zu Schnitt und Montage: es gab wohl in der Filmgeschichte keinen anderen Film, der derart viele Abblendungen enthält wie dieses Machwerk! Abblendungen sowohl im Bild wie auch in der Musik. Damit gerät der Film komplett zu einem Flickenteppich und man beginnt unruhig auf die Uhr zu schauen – bei einem Film mit gerade einmal 82 Minuten Spielzeit kein gutes Zeichen. So macht Kino keinen Spaß.
Dienstag, 21. April 2015
Wo Kulturen aufeinanderprallen
Warum die Sonne genießen, wenn man auch im dunklen Kinosaal sitzen kann? Heute hätte ich allerdings den Sonnenschein wählen sollen...

8 NAMEN FÜR DIE LIEBE (1:1.85, DD 5.1)
OT: Ocho Apellidos Vascos
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Spanien 2014
Regie: Emilio Martinez Lázaro
Darsteller: Clara Lago, Dani Rovira, Carmen Machi
Kinostart: 11.06.2015

Ein Spanier verliebt sich bis über beide Ohren in den erklärten Feind - eine hübsche Baskin. Als er ihr in ihre baskische Heimat folgt sieht er sich alsbald damit konfrontiert, seine wahre Identität zu verheimlichen und gibt sich als Baske aus. Als dann auch noch plötzlich der Vater der Braut in spe auftaucht, nehmen die Irrungen und Wirrungen neue Dimensionen an... Emilio Martinez Lázaros Film orientiert sich inhaltlich an bewährten Culture Clash Komödien wie WILLKOMMEN BEI DEN SCH’TIS, ohne leider je deren Witz und Esprit zu erreichen. Über weite Strecken dümpelt der Film vor sich hin, es fehlt an schmackhaften Gewürzen. Da die Geschichte ziemlich vorhersehbar ist, hätte es da schon etwas mehr an Pfeffer und Salz bedurft. Dass ausgerechnet dieser Film in Spanien zur erfolgreichsten Komödie aller Zeiten avancierte ist ein Phänomen.

HOT TUB TIME MACHINE 2 (1:1.85, DD 5.1)
OT: Hot Tub Time Machine 2
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Steve Pink
Darsteller: Rob Corddry, Adam Scott, Craig Robinson
Kinostart: 07.05.2015

Mittels ihrer Hot Tub Zeitmaschine reisen Nick, Jacob und Lou in die Zukunft, um ein tödliches Attentat auf Lou zu verhindern... Mit Sch***** lässt sich Geld verdienen. Und Steve Pinks Film ist der Beweis dafür. Damit ist nicht etwa gemeint, dass im Film gezeigt wird, wie man zu Geld kommt. Ganz im Gegenteil: der Film ist so fürchterlich schlecht, dass man sich geradezu wundern muss, dass hierfür Produzenten gewonnen werden konnten! Glaubt man Kollegen, die den ersten Teil bereits gesehen haben, so steht dieser Fortsetzungsfilm in Puncto Langeweile und Schlägen weit unter die Gürtellinie offensichtlich in nichts nach. Die vielen verbalen Referenzen zu anderen Filmen fallen erst gar nicht mehr ins Gewicht. Stattdessen dominieren Designerdrogen und Fäkalhumor. Klares Fazit: vergeudete Lebenszeit!
Donnerstag, 16. April 2015
David Lynch Reloaded
Ryan Gosling wandelt auf den Spuren eines David Lynch und Eran Riklis beleuchtet die Beziehungen zwischen Juden und Arabern – mein Donnerstagsmenü.

MEIN HERZ TANZT (1:2.35, 5.1)
OT: Dancing Arabs
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Israel, Frankreich, Deutschland 2014
Regie: Eran Riklis
Darsteller: Tawfeek Barhum, Yaël Abecassis, Michael Mushonov
Kinostart: 21.05.2015

Ein aufgeweckter Junge war Eyad schon immer. Der Palästinenser ist ein schlaues Bürschchen und sein Vater, ein desillusionierter Revolutionär, setzt seine ganze Hoffnung in den Sprössling. 1988 wird Eyad als erster Palästinenser an einem Elite-Internat in Jerusalem aufgenommen. Doch er fühlt sich fremd unter all den Israelis. Erst die Freundschaft mit dem gelähmten Mitschüler Yonatan und die Liebe zu seiner jüdischen Klassenkameradin Naomi ändert alles... Eran Riklis, der insbesondere 2008 mit dem wunderbaren LEMON TREE begeisterte, nimmt sich einmal mehr der bizarren Situation seiner Heimat an, die geprägt ist von dem ständigen Streit zwischen Israelis und Palästinensern. Mit seine neuen Film baut er eine Brücke zwischen den beiden Völkern, indem er seinen jungen arabischen Helden nicht nur mit einem israelischen Studenten Freundschaft schließen lässt, sondern ihn auch mit der Liebe zu einer Jüdin konfrontiert. Für Eyad beginnt damit eine Suche nach seiner eigenen Identität. Die Geschichte ist interessant, die Darsteller sind gut, aber dennoch entwickelt der neue Film von Riklis nicht die Intensität eines LEMON TREE. Als etwas verwirrend könnte man die schnellen Zeitsprünge, die hin und wieder passieren, empfinden. Insgesamt jedoch passable Unterhaltung mit Mehrwert.

LOST RIVER (1:2.35, DD 5.1)
OT: Lost River
Verleih: Tiberius Film (24 Bilder)
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Ryan Gosling
Darsteller: Christina Hendricks, Saoirse Ronan, Iain De Caestecker, Barbara Steele, Eva Mendes
Kinostart: 28.05.2015

Lost River, eine abgewirtschaftete Stadt irgendwo und irgendwann in den USA. Billy, Mutter zweier Söhne, versucht verzweifelt ihr Haus gegen die Bank zu verteidigen. Dabei lässt sie sich auf einen Deal mit dem zwielichtigen Banker Dave ein, in dessen morbidem Nachtclub sie anheuert. Ihr älterer Sohn Bones sitzt fest, repariert schon ewig lange an seinem Auto herum und hält sich mit dem Verkauf von Schrott, den er in leerstehenden Gebäuden sammelt, über Wasser. Das aber gefällt Bully, dem selbsternannten Herrscher der Stadt, ein Psychopath, überhaupt nicht und er macht immer wieder Jagd auf Bones. Von dem Nachbarsmädchen Ratte, das alleine mit ihrer Großmutter wohnt, die in Endlosschleife Filmaufnahmen aus ihrer guten Zeit inhaliert, erfährt Bones von einer Unterwasserstadt und einem Fluch, den man brechen kann. Bald wird Bones‘ Auto fahrtüchtig sein und dann soll sich alles ändern... Gespenstische Szenerie: der Protagonist läuft vorbei an verlassenen Gebäuden, Tausende von Graffittis zieren die Betonwände. Parallel mit ihm bewegt sich die Kamera. Die unterlegte Musik komplettiert die surreale Stimmung. Es ist nur eine von vielen Parallelfahrten, die Ryan Goslings erste Regiearbeit durchziehen. Gosling, der als Schauspieler bei Regisseuren wie Nicolas Winding Refn (DRIVE, ONLY GOD FORGIVES) und Derek Cianfrance (THE PLACE BEYOND THE PINES) gelernt hat, hat sich mit Benoit Debie einen erstklassigen Kameramann für sein Regiedebüt geangelt. Gemeinsam erarbeiteten die beiden ein faszinierendes visuelles Konzept für diesen Film, der Endzeitdrama mit Film Noir vermischt und nicht ohne Grund an die frühen Werke von David Lynch erinnert. Insbesondere BLUE VELVET kommt einem hier sofort in den Sinn, wenn wir zum ersten Mal den Amüsiertempel des Bankers betreten und alsbald in dessen neonfarbene Untiefen abtauchen. Auch die 50er-Jahre-Songs, die auf der Tonspur erklingen, sind eine Gemeinsamkeit mit Lynchs Universum. Last but not least könnte Ben Mendelsohn in der Rolle des schwerhörigen und extrem perversen Bankers Dave eine Neuauflage von Dennis Hoppers Frank Booth sein. Die starken Bilder, die sich in einer der dramatischen Sequenzen sogar um 90 Grad drehen, nutzen das CinemaScope-Bildformat gekonnt aus. Zu den starken Bildern gesellt sich ein Sounddesign, das diese Bezeichnung wirklich verdient hat. Oft sind die Dialoge von den Bildern entkoppelt und fordern den Betrachter auf, sie selbst wieder zusammenzusetzen. Die atmosphärische Musik, deren Hauptthema eine Mischung aus SUSPIRIA und “Tubular Bells” darstellt, fügt dem Ganzen perfekt die notwendige Portion Spannung hinzu. Passend zu diesem surrealen Kosmos tragen die Rollen Namen wie “Bones”, “Rat”, “Cat” oder “Bully”, allesamt mehr Typen als Charaktere. Ausgefüllt werden diese Rollen von ihren jeweiligen Darstellern hervorragend. Dass Bones alias Iain De Caestecker nicht nur optisch eine gewisse Ähnlichkeit mit Ryan Gosling aufweist, sondern geradezu an seine oft wortkargen Charaktere erinnert, ist dabei ganz sicher kein Zufall. LOST RIVER ist ein atmosphärisch dichter Mystery-Thriller und ein brillantes Regiedebüt, das man wärmstens empfehlen kann.

P.K. (1:2.35, 5.1)
OT: P.K.
Verleih: Rapid Eye Movies
Land/Jahr: Indien 2014
Regie: Rajkumar Hirani
Darsteller: Aamir Khan, Anushka Sharma, Sanjay Dutt
Kinostart: 16.04.2015

Ein Alien in Menschengestalt landet mit dem Raumschiff in Indien und schwups wird ihm sein Kommunikationsinstrument gestohlen. Damit hat er keine Möglichkeit mehr nach Hause zu kommen. Mit unorthodoxen Methoden beginnt er eine verzweifelte Suche nach dem Gerät und zieht dadurch die Aufmerksamkeit einer TV-Reporterin auf sich... Für mich war dies der beste Bollywood-Film, den ich seit langer Zeit gesehen habe! Und das nicht nur wegen der farbenprächtigen “Song & Dance”-Einlagen, sondern insbesondere wegen der recht tiefschürfenden Geschichte. Was anfängt wie die indische Version eines E.T., entwickelt sich zu einer respektablen Betrachtung der Weltreligionen, deren Führern und ihren oft seltsamen Ritualen. Nur ein Außenstehender (hier: ein Alien!) vermag offenbar objektiv zu beurteilen, was gut und schlecht für die Menschen ist. Niemand kommt mit einem Religionsstempel auf die Welt – nackt sind wir alle gleich. Erst durch die Einflussnahme der verschiedenen Religionen wird unser Bild von Gott geprägt. Dass aber genau das der falsche Ansatzpunkt ist, beweist P.K. alias Aamir Khan augenkullernd und mit Segelohren auf verblüffende Art und Weise.
Mittwoch, 15. April 2015
Wie die Avengers mal wieder die Welt retten
Mein Tag war Marvel-lous – und damit meine ich das schöne Wetter...

AVENGERS: AGE OF ULTRON (1:2.35, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Avengers: Age Of Ultron
Verleih: Walt Disney
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Joss Whedon
Darsteller: Robert Downey Jr., Chris Hemsworth, Mark Ruffalo, Chris Evans, Scarlett Johansson, Jeremy Renner, Don Cheadle
Kinostart: 23.04.2015

Als Milliardär Tony Stark alias Iron Man ein Friedensprogramm reaktiviert, tut er der Menschheit damit leider keinen Dienst. Denn die Situation gerät außer Kontrolle und eine Materie gewordene Software namens Ultron beschließt den Untergang der Menschheit. Deren einzige Chance: die Avengers... Die Avengers tun wieder einmal genau das, was sie am besten können: die Welt retten! Logisch, dass genau dieses Vorhaben in einer beispiellosen Materialschlacht endet. Joss Whedon liefert mit Teil 2 der Avengers-Saga typisch amerikanisches Bombast-Kino ab, das mit (sehr guten!) visuellen Effekten derart überladen ist, dass leider die Geschichte in den Hintergrund tritt. Und von Spannung kann keine Rede sein. Wozu auch wenn es atemlose Action gibt? Immerhin gelingt es Whedon einen interessanten Subplot einzubauen: die Liebe zwischen Black Widow und dem Hulk, die natürlich nur scheitern kann. Ansonsten werden hin und wieder ein paar Dialogpointen platziert, nur um dann wieder von ungeheurem Getöse auf der subbassreichen Tonspur hinweggepustet zu werden. Man muss schon ein Hardcore-Marvel-Fan sein, um diese Art von Film genießen zu können. Und da ich keine solcher bin habe ich direkt nach dem Film schon wieder fast alles vergessen und mich gegruselt, als im Abspann zu lesen war: “The Avengers will return”.
Dienstag, 14. April 2015
Auf dem Rücken der Pferde...
...liegt das Glück der Erde. Und so holt Katja von Garnier ein zweites Mal ihr bestes Pferd aus dem Stall. Zu sehen gab es das in der heutigen Pressevorführung

OSTWIND 2 (1:2.35, 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2015
Regie: Katja von Garnier
Darsteller: Hanna Höppner, Amber Bongard, Jannis Niewöhner, Cornelia Froboess, Jürgen Vogel
Kinostart: 14.05.2015

Als Filmkritiker muss ich mich nach der heutigen Vorführung fragen, ob ich diesen Film überhaupt rezensieren kann oder besser: darf. Denn was wir in der heutigen Pressevorführung zu sehen bekommen haben war nichts anderes als ein unfertiges Produkt. So fehlten beispielsweise jede Menge Geräusche in der Tonspur (die Pferde bewegten sich vollkommen lautlos, ob im Galopp oder trabend!), die Musik war bei lauten Passagen übersteuert und klang zudem sehr eindimensional (es war fast keine Surround-Information vorhanden!). Das wiederum wirft die berechtigte Frage auf, ob das überhaupt die Musik war, die später in der Endfassung enthalten sein wird. Darf ich also einen Film rezensieren, der noch gar nicht fertiggestellt ist? Tun wir einfach mal so als laute die Antwort “Ja, das darf man” und fahren fort im Text. OSTWIND 2 schließt thematisch genau da an, wo OSTWIND aufhörte. Als der jungen Mika im Traum ihr Lieblingspferd Ostwind erscheint, ahnt sie, dass etwas nicht stimmt. Kurzfristig beschließt sie, ihre Ferien nicht etwa in Paris zu verbringen, sondern auf dem Gestüt ihrer Großmutter. Schon bald erfährt sie, dass es finanziell um den Hof sehr schlecht steht. Mehr noch: Ostwind weist eigenartige Verletzungen auf und man erzählt sich, dass sich ein Einhorn im Wald herumtreiben soll. Bei einem Ausritt mit Ostwind entdeckt Mika nicht nur eine weiße Stute, in die sich Ostwind offenbar verliebt hat, sondern auch den jungen, etwas zwielichtigen Milan, der die Stute einfangen will... Wieder unter Regie von Katja von Garnier und mit derselben Besetzung wie im ersten Film werden sämtliche Register aufgefahren, um der Zielgruppe von kleinen Mädchen ein spannendes und gleichsam romantisches Abenteuer zu kredenzen. Allerdings tut man als Erwachsener gut daran, über viele Handlungselemente einfach hinwegzusehen und die ganze Geschichte durch die Brille eines jungen Mädchens zu betrachten. Freundschaft, beginnende Liebe, Solidarität und die (Dank Slow Motion) wunderschönen Pferde sind die Zutaten dieser Geschichte, die trotz teils holpriger Schnitte für die Zielgruppe bestens funktionieren dürfte.
Montag, 13. April 2015
Ein Paradies wird dem Wohlstand geopfert
Nach vierwöchiger krankheitsbedingter Abstinenz war ich heute erstmals wieder in einer Pressevorführung. Oh wie habe ich das vermisst!

LA BUENA VIDA – DAS GUTE LEBEN (1:1.85, 5.1)
Verleih: Camino
Land/Jahr: Deutschland, Schweiz 2015
Regie: Jens Schanze
Kinostart: 14.05.2015

In der Ferne ist ein Donnern zu hören. Tagtäglich wird auf dem größten Kohletagebau der Welt gesprengt, um so an die Kohleschichten unter der Erde zu gelangen. Den Einwohnern des kleinen kolumbianischen Dorfes Tamaquito macht es Angst. Nur noch vier Kilometer ist der Kohletagebau vom Dorf entfernt – und er rückt immer näher. Das Dorf ist der Betreiberfirma ein Dorn im Auge und so sollen alle Einwohner umgesiedelt werden. Weit entfernt wurde das Dorf bereits neu errichtet. Doch gibt es dort genügend Wasser, um den Ackerbau so zu betreiben, wie es die Menschen in Tamaquito schon immer machen? Beispielhaft für viele Dörfer in Kolumbien zeigt Jens Schanze in seinem Dokumentarfilm das Schicksal von Tamaquito und seiner Einwohner. Ohne jeden Kommentar zeigt uns der Filmemacher das Paradies, in dem die Einwohner schon seit Jahrzehnten von der Jagd und vom Ackerbau leben. Die Betreiberfirma, ein multinationaler Konzern, macht den friedliebenden Menschen Druck. Und sie versprechen Ihnen gar das Blaue vom Himmel. Wenn es um den Wohlstand in Europa geht, dann geht das halt nicht ohne Kollateralschäden. Denn die Kohle, die abgebaut wird, ist für die europäischen Kohlekraftwerke bestimmt. Umso höhnischer erscheint in diesem Zusammenhang jener Betriebsleiter, der dem Dokumentarfilmer voller Stolz die herrlichen Behausungen der Tagebaumitarbeiter zeigt – inklusive einem Golfplatz und jeder Menge Wasser. Dass die Einwohner von Tamaquito nach ihrer Umsiedlung auf dem Trockenen sitzen, interessiert niemanden. Die nette Dame vom Konzern, die so behilflich bei der Umsiedlung war, meldet sich nicht mehr auf ihrem Telefon. Schanzes Film lässt den Zuschauer nicht kalt, lässt ihn direkt teilhaben am Schicksal der Dorfeinwohner. Nur der Boykott der importierten Kohle könnte ähnliche Schicksale verhindern. Das freilich erscheint vollkommen illusorisch. Es ist Zeit sich zu schämen.

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