Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Samstag, 30. Mai 2015
Overkill!
Nachdem uns der deutsche Filmverleiher weigerte, den Film in einer Pressevorführung zu zeigen, habe ich mich am Samstag zum Nachsitzen entschlossen. Natürlich in IMAX

MAD MAX: FURY ROAD (1:2.35, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Mad Max: Fury Road
Verleih: Warner
Land/Jahr: Australien, USA 2015
Regie: Dr. George Miller
Darsteller: Tom Hardy, Charlize Theron, Nicholas Hoult
Kinostart: 14.05.2015

In einer postapokalyptischen Welt haben Immortan Joe und seine brutalen Gefährten das Sagen. Sie herrschen über die Massen, indem sie den Zugang zu Wasser und Essen kontrollieren. Als Joes Verbündete, Imperator Furiosa, einen Tanklastzug nicht an dessen vorbestimmten Ort bringt, sondern stattdessen auszubrechen versucht, machen sie Jagd auf Furiosa. Was sie noch nicht wissen: die stahlharte Amazone hat Joes wertvollsten Besitz an Bord: junge Frauen, die als Gebärmaschinen herhalten müssen. Während der gnadenlosen Jagd stößt ein wortkarger Einzelgänger zu Furiosas Lastzug hinzu: Max. Anfangs noch misstrauisch ihm gegenüber merkt sie jedoch schon bald, dass sie voll und ganz auf seine Hilfe angewiesen ist... 30 Jahre ist es her, dass George Miller seine MAD MAX Trilogie mit MAD MAX JENSEITS DER DONNERKUPPEL zu ihrem furiosen Ende führte. Im zarten Alter von 70 Jahren widmet sich Miller wieder der Filmfigur, die ihn berühmt gemacht hat. Tom Hardy schlüpft jetzt in jene Rolle, die Mel Gibson damals bekannt gemacht hat: die des schweigsamen Einzelgängers Max, der zwischen den Dämonen der Vergangenheit und dem gnadenlosen Überlebenskampf in einer postapokalyptischen Welt hin und hergerissen wird. Die Story des Reboots könnte dabei nicht einfacher sein: man fahre von A nach B und danach wieder von B nach A. Aber Story ist in einem Film wie diesem eigentlich nur Luxus, den niemand braucht. Hier dreht sich alle nur um drei Dinge: Action, Action und noch mehr Action! Und die ist in diesem Film wahrhaftig adrenalintreibend! Die starken Bilder von Chefkameramann John Seale und die Montage von Cutterin Margaret Sixel sorgen dafür, dass man als Zuschauer atemlos im Kinosaal sitzt. Zumindest wenn man das Glück hat, den Film in einem IMAX-Kino zu konsumieren. Auf das 3D hätte man allerdings getrost verzichten können. Denn außer Bildverdunkelung und Farbverfälschung, bedingt durch die 3D-Brille, bringt die dritte Dimension nichts. Mit seinen 121 Minuten Spielzeit ist der Film dann doch etwas “over the top”. 85 Minuten hätten auch ausgereicht, um Schweißperlen auf die Stirn der Zuschauer zu zaubern. Besonders beeindruckend ist Charlize Theron, mit Kurzhaarfrisur und Tank Top kaum wiederzuerkennen. In der Rolle der Tanklastzugfahrerin Furiosa erinnert sie ein wenig an Sarah Connor, jener starken Frauenfigur in TERMINATOR 2: TAG DER ABRECHNUNG, die dort von Linda Hamilton verkörpert wird. Zart Besaiteten sei allerdings vom Besuch des Films abgeraten, da dieser extrem von Gewalt dominiert wird. Einer Art von Gewalt übrigens, die vor 20 Jahren nicht schon ab 16 Jahren freigegeben worden wäre und es ganz sicher auf den Index geschafft hätte.
Freitag, 29. Mai 2015
Wie wird man seine Kinder los?
Was alles passieren kann, wenn man seine Kinder nur als Karrierebremse sieht, wurde uns in der heutigen Pressevorführung vor Augen geführt

MAMA GEGEN PAPA – WER HIER VERLIERT, GEWINNT (1:2.35, 5.1)
OT: Papa Ou Maman
Verleih: Splendid (Tobis)
Land/Jahr: Frankreich, Belgien 2015
Regie: Martin Bourboulon
Darsteller: Marina Foïs, Laurent Lafitte, Alexandre Desrousseaux
Kinostart: 09.07.2015

Florence, erfolgreiche Ingenieurin, und Vincent, ebenso erfolgreicher Gynäkologe, sind sich einig: sie wollen sich scheiden lassen. Ihr größtes Problem: wie sollen sie das ihren drei Kindern beibringen? Während sie nach wie vor den richtigen Moment abpassen wollen, stehen beide kurz davor, die Karriereleiter weiter zu erklimmen. Dabei jedoch würden die Kinder ja nur stören. Also versucht jeder den anderen davon zu überzeugen, dass der andere die Kinder nehmen soll. Denkste! Die beiden Scheidungskandidaten erkennen bald schon, dass sie mit härteren Bandagen gegen das Sorgerecht kämpfen müssen. Dabei scheint jedes Mittel recht... Die Grundidee dieser französischen Komödie erscheint am Anfang eigentlich recht originell. Da streiten sich die beiden Elternteile nicht wie üblich um das Sorgerecht für ihre Kinder, sondern darum, dieses Sorgerecht möglichst aberkannt zu bekommen. Da lassen sich bestimmt ein paar witzige Situationen daraus ableiten. Doch das Drehbuch in Martin Bourboulons Komödie driftet zur Mitte des Films leider ab und macht die armen Kinder zu den Leidtragenden. Das würde ja immerhin der Wahrheit bei solchen Scheidungsfällen entsprechen, doch im vorliegenden Film müssen die Kinder auch körperlich leiden! Und das ist dann eine recht grenzwertige Unterhaltungsform, die aber immerhin nur 85 Minuten dauert und damit noch erträglich bleibt. Kleiner Tipp: wer Hamster mag, der wird diesen Film mögen – auch wenn die kleinen Nager nicht gerade politisch korrekt behandelt werden.
Donnerstag, 28. Mai 2015
Anorexie und Herzgebreche
Großkampftag: ein Triple Feature hielt mich heute mal wieder auf Trab

AM GRÜNEN RAND DER WELT (1:2.35, DD 5.1)
OT: Far From The Madding Crowd
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA, Großbritannien 2015
Regie: Thomas Vinterberg
Darsteller: Carey Mulligan, Matthias Schoenaerts, Michael Sheen, Tom Sturridge
Kinostart: 16.07.2015

England im Jahre 1870. Bathsheba Everdene, als Waise auf einer Farm aufgewachsen, ist eine selbstbewusste, freiheitsliebende, unabhängige und durchsetzungsstarke junge Frau, die keinen Mann braucht um glücklich zu sein. Als ihr Onkel stirbt, wird sie zur Alleinerbin seiner Ländereien, die sie weiter bewirtschaftet und dabei auch selbst kräftig mit zupackt. Ihre Schönheit und ihr Temperament lockt gleich zwei Männer an, die ihr Glück versuchen: der Farmer William Boldwood und der Schäfer Gabriel Oak. Doch die emanzipierte Bathsheba gibt keinem ihr Ja-Wort. Da taucht der Soldat Francis Troy auf und erobert sie im Sturm. Doch der unberechenbare Troy hütet ein Geheimnis... Mit AM GRÜNEN RAND DER WELT präsentiert Regisseur Thomas Vinterberg die Wiederverfilmung von Thomas Hardys Roman, der u.a. 1967 bereits unter dem deutschen Titel DIE HERRIN VON THORNHILL von John Schlesinger verfilmt wurde. Was damals 168 Minuten bestes Roadshow-Kino war (natürlich im 70mm-Format mit Ouvertüre und Pause!), dauert heuer gerade einmal 119 Minuten. Trotzdem vermag Vinterbergs Inszenierung zu punkten. Das liegt vor allem an den grandiosen Bildern, mit denen die dänische Kamerafrau Charlotte Bruus Christensen die CinemaScope-Bildwand füllt und damit die liebliche englische Landschaft in den Fokus rückt. Passend dazu gibt es sinfonische Filmmusik aus der Feder von Craig Armstrong. Mit Matthias Schoenaerts (Oak), Michael Sheen (Boldwood) und Tom Sturridge (Troy) bietet der Film eine vorzügliche Besetzung für die drei Männer, die um Bathsheba Everdene balzen. Diese wird von Carey Mulligan gespielt, einer Darstellerin also, die nicht unbedingt ein Schönheitsideal verkörpert, sondern eher eine Frau, der man durchaus zutraut, auch mal richtig zuzupacken. Also eigentlich perfekt passend für ihre Rolle. In Puncto Schönheit freilich wird sie von Julie Christie, die die Rolle der Bathsheba in der Schlesinger-Verfilmung spielt, in den Schatten gestellt. Wer auf romantische Liebesgeschichten steht, den Kitsch einer Rosamunde Pilcher aber meiden möchte, dem sei Thomas Vinterbergs Film wärmstens empfohlen.

SEHT MICH VERSCHWINDEN (1:1.78, 5.1)
OT: FEMMEfille - Die Geschichte der Isabelle Caro
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Kiki Allgeier
Kinostart: 02.07.2015

Der Fotograf Oliviero Toscani hat aus ihr eine Berühmtheit gemacht: über Nacht avancierte Isabelle Caro zum abschreckenden Beispiel dafür, wie die Modelwelt junge Frauen zerstört. Caro litt an Magersucht. Sie starb im Jahre 2010. Jetzt hat sich die Filmemacherin Kiki Allgeier daran gemacht, das Material, das sie im Laufe von drei Jahren mit dem Model aufgenommen hat, zu einer Dokumentation zusammenzustellen, die Caros Leben porträtiert und versucht zu ergründen, was zu ihrer Magersucht führte. Die Bilder, die sie zeigt, machen dabei sehr betroffen und sind alles andere als angenehm. Allerdings erweist sich die Dokumentation als relativ lückenhaft, vieles bleibt im Dunkeln. Der negative Einfluss der Modebranche auf Caro wird eigentlich nur angedeutet, der Film entwickelt sich zu einem Lobgesang auf Isabelle Caro, die ihre zweifelhafte Berühmtheit offensichtlich extrem genoss. Ein zwiespältiger, unausgegorener Film.

RICO, OSKAR UND DAS HERZGEBRECHE (1:2.35, 5.1)
Verleih: Fox
Land/Jahr: Deutschland 2015
Regie: Wolfgang Groos
Darsteller: Anton Petzold, Juri Winkler, Karoline Herfurth
Kinostart: 11.06.2015

Rico und Oskar, die beiden Berliner Jungs und beste Freunde, geraten in ein neues spannendes Abenteuer, als sie bemerken, dass Ricos Mutter offenbar erpresst wird. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach den Drahtziehern. Dass Rico keine besonders gute Orientierung und Rico immer Angst vor allem Möglichen hat, macht die Sache natürlich nicht unbedingt einfach. Ganz nebenbei scheint es auch noch zwischen Ricos Mutti und ihrem Schwarm, einem Polizisten, zu knirschen. Was für ein Herzgebreche! - Der zweite Film mit den kleinen Detektiven Rico und Oskar knüpft direkt dort an, wo der erste Kinofilm endete. An der Besetzung hat sich nichts verändert, weder bei den Kinderdarstellern noch bei den Erwachsenen. Hat sich wirklich nichts verändert? Doch: der kleinwüchsige Oskar hat seinen Sturzhelm gegen eine übergroße Sonnenbrille ausgetauscht! Damit fühlt er sich “inkognito” und versucht sich somit den Promi-Jägern zu entwischen. So einfach ist das aber nicht, wenn in Ricos Wohnhaus ziemlich nervige Zwillingsschwestern haust – eine von den wirklich netten kleinen Einfällen, mit denen der neue Film aufwartet. Und s gibt noch etwas Neues: Moritz Bleibtreu ergänzt den Cast als schmieriger Kleinkrimineller und Besitzer des Nachtclubs, in dem Ricos Mami arbeitet. Bleibtreu macht seine Sache köstlich gut – mit Stottern und Pferdeschwanz. Kleinen Zuschauern werden die neuen Abenteuer der beiden Freunde ganz bestimmt gefallen. Am Schluss gibt es dann auch noch pädagogisch Wertvolles: Rico erfährt etwas über seinen Vater, das alles andere als schön ist und klar macht, dass nicht jede Ehe ein Hort der Glückseligkeit ist. Wer nach diesem Film noch immer Lust auf mehr hat, der darf sich auf den dritten “Rico und Oskar”-Film freuen, der im nächsten Jahr ins Kino kommt.
Dienstag, 26. Mai 2015
Schaffe, schaffe, Kirche baue!
Dr schwäbische Bloggbaschdr griegt jetzt a Fordsetzung

TÄTERÄTÄÄ – DIE KIRCHE BLEIBT IM DORF 2 (1:2.35, 5.1)
Verleih: Camino
Land/Jahr: Deutschland 2015
Regie: Ulrike Grote
Darsteller: Natalia Wörner, Karoline Eichhorn, Julia Nachtmann, Christian Pätzold
Kinostart: 25.06.2015

Nachdem das Dach der Kirche endgültig das Zeitliche gesegnet hat, stehen die Ober- und Unterrieslinger vor einem Riesenproblem: woher das Geld für ein neues Dach nehmen, wenn doch Pfarrer Schäuble die Rücklagen komplett versoffen hat! Die Rettung naht in Form eines Wettbewerbs für Musikkapellen: wer gewinnt, erhält 50.000 Euro! Die Sache hat natürlich einen Haken: für den Wettbewerb muss man nach Hamburg reisen. Und mehr noch – erst einmal müssen sich die beiden Dorfkapellen miteinander vertragen... Veränderung will niemand. Und damit sich der Erfolg von DIE KIRCHE BLEIBT IM DORF auch ein zweites Mal einstellt, sorgt das Drehbuch gleich zu Beginn des Films dafür, dass wieder alles in seine gewohnten Bahnen zurückkehrt. Das Happy End des ersten Kinofilms wird also kurzerhand außer Kraft gesetzt, damit sich die Unterrieslinger und die Oberrieslinger wieder spinnefeind sind. Mal ganz ehrlich: etwas Originelleres hätte sich die Drehbuchautorin Ulrike Grote, die auch wieder selbst Regie führt, schon einfallen lassen können. Jetzt also dürfen sich die verfeindeten Lager wieder die üblichen schwäbischen Schimpfworte gegenseitig an den Kopf werfen – und nur darauf scheint es ja wohl anzukommen. Auch wenn das Schwäbisch im Film hin und wieder etwas gekünstelt wirkt, so fällt das nicht mehr so sehr ins Gewicht wie vor zwei Jahren. Hier wäre also jetzt eine Verbesserung zu konstatieren. Doch Teil 2 hat noch etwas vollkommen Neues zu bieten: musikalische Einlagen! Die sind dann auch ganz hübsch in Szene gesetzt. So beispielsweise dann, wenn der Wiederaufbau der maroden Kirche im Rhythmus zur Musik geschieht und die verschiedenen handwerklichen Geräusche quasi die Percussion dafür liefern. Neu auch Tante Ruth, die sich als Alt-Hippie alles andere als politisch korrekt verhält und wenigstens den ein oder anderen Schmunzler generiert. Ansonsten wurde die Besetzung aus Teil 1 übernommen – mit all ihren Haken und Kanten. So richtig lustig ist das leider alles nicht sondern wirkt irgendwie gekünstelt. Die Streitigkeiten zwischen den Dorfbewohnern gehen schon nach kurzer Zeit richtig auf die Nerven. Schade eigentlich, dass das Drehbuch den Konflikt zwischen Schwaben und Hamburger Fischköpfen nicht wirklich betont. Denn da hätte man ganz sicher ein paar wirklich nette Pointen einbauen können. Wohl gemerkt: dem Erfolg des Films wird das alles keinen Abbruch tun. Erschreckend.

Freitag, 22. Mai 2015
Unheil
Die letzte Pressevorführung vor Pfingsten war leider nicht der Hit

HEIL (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
Verleih: X Verleih
Land/Jahr: Deutschland 2015
Regie: Dietrich Brüggemann
Darsteller: Benno Fürmann, Jacob Matschenz, Daniel Zillmann
Kinostart: 16.07.2015

In Prittwitz, einem Kaff am Schnittpunkt von Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, wird der farbige Autor Sebastian Klein von Neonazis entführt. Nach einem Schlag auf den Kopf plappert er alles nach, was die ihm vorsagen – in Talk Shows, Diskussionsrunden und überhaupt. Ganz Deutschland ist platt: ein Migrant der gegen Migranten redet! Gleichzeitig ist seine stets eifersüchtige und hochschwangere Freundin auf der Suche nach ihm. Gemeinsam mit einem stillgelegten Polizisten. Derweil schmiedet Sven, Anführer der Nazis, Pläne zum Einmarsch in Polen – die einzige Möglichkeit, bei Nazibraut Doreen zu punkten. Schon bald herrscht blankes Chaos... Was mit einer grandiosen Eröffnungssequenz (bestehend aus nur einer Einstellung) beginnt und in einen furiosen, höchst einfallsreichen Titelvorspann mündet, verläuft sich leider spätestens zur Hälfte des Films in ein nerviges Kasperltheater. Zwar gibt es immer wieder teils sehr lustige Einfälle und insbesondere geistreiche Wortspiele, doch hat man als Zuschauer irgendwann die Nase voll von all den grenzdebilen Nazis. Dietrich Brüggemann, als Regisseur und Drehbuchautor sehr geschätzt für Filme wie 3 ZIMMER/KÜCHE/BAD oder KREUZWEG, überspannt hier dieses Mal einfach den Bogen. Inszeniert ist die “braune Sosse” indes wie von Brüggemann nicht anders zu erwarten sehr souverän und auch mit großem Aufwand (u.a. gibt es einen Panzer und etliche Kanoneneinschläge). Allerdings wollen die vielen Toten, die es im Verlauf des Films gibt, nicht so ganz in das satirische Konzept passen.

Nachtrag vom 20.07.2015:

Ergänzend sei noch angemerkt, dass es vom künstlerischen Konzept des Films ganz sicher gewollt ist, dass einem so mancher Lacher im Halse stecken bleibt. Und es bekommt hier jeder sein Fett ab - Verfassungsschutz, Politiker und Neonazis. Letztere nicht als Monster dargestellt, sondern als "fehlgeleitete" Menschen, die das, was sie tun, nicht hinterfragen. Damit begibt sich der Film natürlich auf dünnes Eis und die Frage wird immer lauter, ob man einen solchen Film in Deutschland "überhaupt machen darf" oder ob dies nicht zwangsläufig zur Verharmlosung des Problems führt. Dietrich Brüggemann hatte den Mut, einen solchen Film zu machen. Dass genau das im Ausland honoriert wird, beweist der Satz eines Kritikers auf indiewire.com, der das Problem wunderbar auf den Punkt bringt: "Es ist exakt die Art von Komödie, die Deutschland braucht, auch wenn es sie nicht notwendigerweise lieben wird".


Donnerstag, 21. Mai 2015
Wieder jung
Man ist immer so alt wie man sich fühlt – oder doch nicht? Der heutige Film versucht sich an einer Antwort

GEFÜHLT MITTE ZWANZIG (1:1.85, DD 5.1)
OT: While We’re Young
Verleih: SquareOne/Universum (DCM)
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Noah Baumbach
Darsteller: Ben Stiller, Naomi Watts, Adam Driver, Amanda Seyfried
Kinostart: 30.07.2015

Die Srebnicks – Er Dokumentarfilmer, Sie Produzentin und Tochter eines bekannten Filmemachers – sind eigentlich glücklich verheiratet, kinderlos und bereits in den Mittvierzigern. Alle ihre Freunde um sie herum jedoch haben schon Kinder und damit einen neuen Lebensinhalt gefunden. Ein Lebensinhalt, von dem die Srebnicks ausgeschlossen werden. Da lernen die beiden zufällig Jamie und Darby kennen, ein Hipster-Pärchen Mitte Zwanzig: er Filmemacher mit Ambitionen, sie Eiscreme-Designerin. Man freundet sich an und die Srebnicks erfahren dadurch plötzlich neuen Schwung in ihrem Leben. Die beiden fühlen sich plötzlich wieder wie Mitte Zwanzig! Doch die Uhr lässt sich nicht einfach so wieder zurückdrehen. Eine Erfahrung, die die Mittvierziger bald schon machen werden... Scharfsinnig und mit gewitzten Dialogen präsentiert Regisseur Noah Baumbach diese herzerfrischende Komödie über das Älterwerden. Oder besser: über die Weigerung erwachsen zu werden. Ben Stiller und Naomi Watts spielen die Srebnicks, jene Mittvierziger also, die technisch auf dem neuesten Stand sind. Ohne Smartphone oder CDs läuft da gar nichts mehr. Ihr Gegenpol wird von Adam Driver und Amanda Seyfried dargestellt, das Mitzwanziger-Paar, das längst schon wieder zu den Wurzeln zurückgekehrt ist: keine Tablets oder derlei Kram, dafür jede Menge Schallplatten. Und die Nummer 1 Hits aus den guten Jahren der Srebnicks sind bei Jamie und Darby der letzte Schrei. Mit seinem neuen Film etabliert sich Baumbach einmal mehr als Woody Allen der nächsten (um das Wort neu zu vermeiden) Generation. Seine feinen Beobachtungen montiert er geschickt mit passenden Vivaldi-Stücken zu einem Dialogfilm, der vor allem der älteren Zuschauergeneration jede Menge Identifikationspotenzial bietet. Man lernt viel über sich selbst und wird dabei innerlich schmunzeln. Der Film empfiehlt sich als kleine vergnügliche Therapie für kinderlose Paare.
Dienstag, 19. Mai 2015
Algerischer Western
Eine ungewöhnliche Männerfreundschaft stand im Mittelpunkt meines Vormittags.

DEN MENSCHEN SO FERN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Loin Des Hommes
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Frankreich 2014
Regie: David Oelhoffen
Darsteller: Viggo Mortensen, Reda Kateb, Antoine Laurent
Kinostart: 09.07.2015

Algerien 1954. Der Franzose Daru unterrichtet algerische Schulkinder in einer kleinen Schule. Eines Tages wird ein Gefangener in seine Obhut gegeben mit dem Befehl, diesen an die Polizeibehörde in der nächsten Stadt auszuliefern. Der Bauer Mohamed wird beschuldigt, seinen Cousin ermordet zu haben. Anfangs weigert sich Daru den Befehl auszuführen. Erst als ihm Mohamed erklärt, warum er an die Polizei übergeben werden will, macht er sich mit ihm auf den gefahrvollen Weg. Ein Weg, auf dem die beiden Männer zusammenwachsen. Das nach einer Vorlage von Marcel Camus entstandene Drama hat Regisseur David Oelhoffen in der grandiosen Landschaft Algeriens inszeniert und daraus einen Neuzeit-Western gemacht. Der Film über eine ungewöhnliche Männerfreundschaft zu Zeiten des Algerienkrieges ist mit Viggo Mortensen in der Rolle des Lehrers und Reda Kateb in der Rolle des Mörders gut besetzt. Für Freunde der Originalfassung sei noch verraten, dass Mortensen exzellentes Französisch von sich gibt!
Montag, 18. Mai 2015
Unter dem Bett
Ein minimalistisches (Thriller)Drama stand heute auf meinem Filmfahrplan

DAS ZIMMERMÄDCHEN LYNN (1:2.35, 5.1)
Verleih: Movienet
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Ingo Haeb
Darsteller: Vicky Krieps, Lena Lauzemis, Steffen Münster
Kinostart: 28.05.2015

Lynn arbeitet als Putzkraft in einem Hotel. Privat hat die junge Frau offensichtlich viele Probleme, von denen ihr Putzfimmel noch das geringste ist. Und sie hat eine heimliche Obsession: nicht nur schlüpft sie gerne in die Kleider der Hotelgäste und durchforscht deren persönliches Hab und Gut, sie legt sich auch unter deren Betten und lauscht. Dabei lernt sie das Callgirl Chiara kennen und ist so fasziniert von ihr, dass sie schließlich Kontakt mit ihr aufnimmt... Liebe erfährt die junge Frau in Ingo Haebs Film anfangs nicht. Der Sex mit ihrem Chef ist rein mechanischer Natur, Umarmungen von ihrer Mutter gibt es nicht. Einem Psychiater erzählt sie von ihren bizarren Träumen. Vicky Krieps spielt sie, jene junge Frau, die sich irgendwann verloren hat. Und sie spielt sie so vorzüglich, dass es großen Spaß macht, ihr beim Lauschen zuzuhören und ihr beim Zuschauen zuzuschauen. Erst die Begegnung mit Chiara bringt Zärtlichkeit und Liebe in ihr Leben. Ingo Haeb hat sein minimalistisches Kammerspiel nach einem Roman von Markus Orths inszeniert – und das trotz der meist begrenzten Räume in ausladendem CinemaScope (Kamera: Sophie Maintigneux). “Das Schöne am Putzen ist, dass es immer wieder dreckig wird” hören wir Lynn aus dem Off Sprechen. Abblende. Endtitel.

Mittwoch, 13. Mai 2015
Der Präsident in der Kühltruhe
Die letzte Pressevorführung in dieser Woche bescherte mir einen abenteuerlichen Action-Film.

BIG GAME (1:2.35, 5.1)
OT: Big Game
Verleih: Ascot Elite (24 Bilder)
Land/Jahr: Finnland, Deutschland, Großbritannien 2014
Regie: Jalmari Helander
Darsteller: Samuel L. Jackson, Onni Tommila, Ray Stevenson
Kinostart: 18.06.2015

Als das Flugzeug des amerikanischen Präsidenten von Terroristen über finnischem Waldgebiet abgeschossen wird und er sich mit einer Kapsel retten kann, ist seine einzige Überlebenschance ein 13jähriger Junge, der auf Wunsch seines Vaters dort im Wald auf sich alleine gestellt ein großer Jäger und damit zum Mann werden soll. Für den Präsidenten und seinen jungen Gefährten beginnt jetzt ein Kampf auf Leben und Tod... Wenn bereits zu Filmbeginn der bombastische Klangkörper des Bratislava Symphony Orchestras die Tonspur des Films ganz für sich einnimmt und damit die Felsen und Gebirgsschluchten Finnlands (dargestellt von den Alpen!) zu etwas Großem und Erhabenem werden lässt, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass hier ein wenig übertrieben wird. Dieser Eindruck wird im Laufe des Films dann auch noch zementiert: Regisseur Jalmari Helander ist einer der klotzt und nicht kleckert! Allerdings wird er mit diesem Film sein Portfolio auch nicht gerade mit Ruhm bekleckern. Denn BIG GAME gehört zu jenen Filmen, die vor allem in den 1980er Jahren haufenweise die Regale in den Videotheken füllten: Trash. Das ist freilich nichts Verwerfliches. Ganz im Gegenteil – Trash kann ganz wunderbar sein. Insbesondere in guter Gesellschaft sowie einem Kasten Bier. Was man jedoch Helander hier vorwerfen kann ist die Tatsache, dass er alles offenbar ernst meint! In einem auf Trash angelegten Film hätte der kleine Junge am Ende aus Versehen den Präsidenten mit Pfeil und Bogen getötet und das gesamte Publikum hätte sich vor Freude auf die Schenkel geklatscht. Das passiert hier leider nicht. Helander zieht sein Ding durch. Mit allem, was er für wenig Geld haben konnte (der mit EUR 500.000 bezifferte Film ist der bislang teuerste Film Finnlands!): ein B-Film Star (Samuel L. Jackson), ein untalentierter Jungstar (Onni Tommila), ein auf Alan Rickman getrimmter Psychopath mit Migrationshintergrund (Mehmet Kurtulus) und jede Menge Feuerwerk. Die Geschichte selbst könnte dabei nicht hanebüchener sein (z.B. stürzen der Präsident und sein kleiner Begleiter gemeinsam in einer Kühltruhe aus großer Höhe in den Abgrund, ohne sich dabei etwas zu tun) und man würde es kaum glauben, hätte man es nicht mit eigenen Augen gesehen. Trotz seiner 90 Minuten Spielzeit fühlt sich das Machwerk wie zweieinhalb Stunden an. Mein Tipp: meiden Sie diesen Film – es ist vergeudete Lebenszeit.
Dienstag, 12. Mai 2015
Zukunft und Vergangenheit
Erst bildgewaltiges Sci-Fi, dann ergreifende Doku. Tag Zwei der Pressewoche.

A WORLD BEYOND (1:1.9 (IMAX), 1:2.20, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Tomorrowland
Verleih: Walt Disney
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Brad Bird
Darsteller: George Clooney, Hugh Laurie, Britt Robertson
Kinostart: 21.05.2015

Casey, ein aufgewecktes Teenager-Mädchen, kommt in den Besitz eines Ansteck-Pins, der sie durch bloßes Berühren in eine andere Dimension katapultiert. Dort begegnet sie Frank, einem desillusionierten Wissenschaftler, der einst als Wunderkind in diese mysteriöse Welt kam um sich für ein besseres Leben einzusetzen. Längst schon hat der undurchsichtige Wissenschaftler David Nix das Ende der Welt angekündigt. Gemeinsam mit Frank macht sich Casey daran, zu retten was noch zu retten ist... Einst realisierte er Animationsfilme wie DIE UNGLAUBLICHEN oder RATATOUILLE, doch spätestens seit MISSION IMPOSSIBLE – PHANTOM PROTOKOLL darf man bei Brad Bird auch mit Live-Action-Filmen gerechnet werden. Und doch ist seine Animationsvergangenheit an ihm haften geblieben. So scheint es jedenfalls, wenn man die Bilderfluten sowie die überbordenden Ideen in A WORLD BEYOND zum ersten Mal sieht. Was da auf den Betrachter einströmt hat das Tempo eines Animationsfilms. Die visuellen Effekte sind hier genauso erstklassig wie die dynamische Tonspur, die jeden Subwoofer im Kinosaal aufspürt und aus dem Tiefschlaf rüttelt. Wer die Möglichkeit hat, den Film in einem Dolby Atmos Kino zu erleben, sollte nicht darauf verzichten. Auch die Bildqualität überzeugt, insbesondere in einer 4K-Vorführung oder sogar noch besser: in “Dolby Vision” in ausgewählten “Dolby Cinemas”. Die musikalische Untermalung aus der Feder von Michael Giacchino orientiert sich sehr stark an den bombastischen Scores eines John Williams und so meint man immer wieder einmal gewisse Klänge aus STAR WARS zu erhaschen. Dass in einer Sequenz dann tatsächlich das originale STAR WARS Thema ertönt, ist damit nur konsequent. Dass in eben jener Szene auch noch viele andere Elemente aus STAR WARS zu sehen sind, soll vermutlich dem Betrachter unmissverständlich klar machen, dass das gesamte STAR WARS Imperium inzwischen zum Disney-Konzern gehört, also jenem Konzern, der A WORLD BEYOND in die Kinos bringt. Nach 130 Minuten Spielzeit (die zugegebenermaßen wie im Flug vergehen) bleibt dann aber am Ende des Films doch ein “Gschmäckle”, wie man im Schwäbischen zu sagen pflegt. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass wir es im Film mit einer Sekte zu tun haben, die mit den Intelligenten eine Art subtiles Brainwashing durchführt, um eigene Interessen durchzusetzen. Damit darf die Botschaft dieses Films als recht zweifelhaft eingestuft werden.

VERLIEBT, VERLOBT, VERLOREN (1:1.78, 5.1)
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Deutschland 2015
Regie: Cho Sung-Hyung
Kinostart: 25.06.2015

In den 1950er-Jahren schickte Nordkorea ausgewählte Studenten zum Studium in die DDR. Dort sollten sie eine Ausbildung erhalten, die ihnen beim Aufbau des durch den Koreakrieg zerstörten Vaterlandes helfen sollte. Viele der Studenten bandelten damals mit deutschen Mädchen an und gründeten sogar Familien. Doch Anfang der 1960er Jahre wurden die Koreaner wieder zurück in die Heimat beordert. Viele von ihnen mussten ihre frisch gegründeten Familien für immer zurücklassen. Die in Südkorea geborene Dokumentarfilmerin Cho Sung-Hyung (FULL METAL VILLAGE) ist einigen solcher Schicksale nachgegangen. In Interviews lässt sie die deutschen Frauen – jetzt allesamt im Rentenalter – davon erzählen, wie alles begann, wie man sich kennenlernte, wo man sich traf. Auch die inzwischen erwachsenen Kinder, die ihre Väter noch nie gesehen haben, erzählen der Filmemacherin, wie sie als Kinder mit dieser Situation umgehen. Einige haben sich in einem Verein organisiert und versuchen über Universitätsarchive etwas über die Väter zu erfahren. Informationen direkt aus Nordkorea gibt es so gut wie keine und wenn doch: stimmen diese auch? Der teilweise recht ergreifende Dokumentarfilm überzeugt nicht nur inhaltlich, sondern auch formal. So werden beispielsweise immer wieder animierte Zeichnungen eingesetzt, um die Vergangenheit zu visualisieren. Videoaufnahmen (teilweise heimlich gefilmt) der Nordkorea-Reise von dreien der Kinder ergänzen den Film und ermöglichen so einen Blick auf ein Land, das sich vom Rest der Welt abschottet und das für die unschönen Schicksale vieler Familien in Deutschland verantwortlich ist.
Montag, 11. Mai 2015
Der junge Mann und das Meer
Zum Wochenauftakt gab es heute optisch faszinierendes Arthaus-Kino.

ATLANTIC. (1:2.35, 5.1)
OT: Atlantic.
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Niederlande, Belgien, Deutschland, Marokko 2014
Regie: Jan-Willem van Ewijk
Darsteller: Fettah Lamara, Thekla Reuten, Mohamed Majid
Kinostart: 25.06.2015

Fettah lebt zusammen mit seinem Vater an der marokkanischen Küste. Die beiden halten sich mit Fischen gerade so über Wasser. Richtiges Geld gibt es von den Touristen, die zum Windsurfen kommen und eine Unterkunft brauchen. Fettah, selbst begeisterter Surfer, hat im Laufe der Jahre viele Freundschaften mit den Touristen geschlossen. Doch sind sie erst einmal wieder weg, bleibt für ihn nur eine Leere zurück. Eine Leere, die weder seine in ihn verliebte Cousine noch die kleine Wisal, für die er väterliche Gefühle hegt, wirklich füllen können. Als sein Freund aus Holland die blonde Alexandra zum Surfen mitbringt, verliebt sich der einfühlsame Fettah in die junge Frau. Als sie wieder in ihre Heimat reist, fasst Fettah einen Entschluss: mit seinem Surfbrett will er ihr über die offene See nach Europa folgen... Spektakulärer wurde das Meer schon lange nicht mehr für einen Film eingefangen. Kameramann Jasper Wolfs Bilder sind atemberaubend und poetisch zugleich und offenbaren speziell aus der Vogelperspektive grandiose Muster, wenn sich beispielsweise die Wellen am Strand verlaufen. Die Kraft der Bilder setzt gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht frei, jene Sehnsucht, die Fettah antreibt, sein Dorf zu verlassen und seiner Liebe nach Europa zu folgen. Immer wieder hören wir Fettahs Stimme aus dem Off. Eine Stimme, die mit sich selbst hadert, ob er denn das Richtige getan hat oder nicht. Der Film wird dabei auf zwei Zeitebenen erzählt: jene die uns die Vorgeschichte zu Fettahs Entscheidung zeigt und jene, die ihn bei der Durchführung seines Vorhabens als Surfer gegen die gnadenlose See ankämpfend präsentiert. Genau hier spielt der Film seine stärksten Momente aus und erinnert an DER ALTE MANN UND DAS MEER oder ALL IS LOST. Wird Fettah es am Ende schaffen, nach Europa zu surfen? Eine Frage, die der Film im Grunde genommen offen lässt. Oder vielleicht auch nicht? Hier kann sich der Zuschauer seine eigenen Gedanken dazu machen. Fettah Lamara spielt die Rolle des Fettah faszinierend authentisch – was möglicherweise dem Umstand geschuldet ist, dass der mehrfach ausgezeichnete marokkanische Windsurfer und Restaurantbesitzer nur ein Laiendarsteller ist. Vieles spricht dafür, dass auch die anderen Marokkaner keine professionellen Schauspieler sind, sondern Laiendarsteller, die ihre Sache allerdings ausgezeichnet machen. Mit Thekla Reuten in der Rolle der Alexandra schließlich hat Regisseur und Drehbuchautor Jan-Willem van Ewijk dann doch noch einen Profi in seinem Cast. Sie legt ihre Rolle sehr zurückhaltend, fast schüchtern an und hat auch nicht viel zu sagen. Doch man kann sehr gut nachvollziehen, welche Sehnsucht sie bei Fettah auslöst. Grandiose Bilder, gute Darsteller, packende Geschichte.

Freitag, 08. Mai 2015
Voller Symbole
Japanisches Arthaus-Kino verabschiedete mich ins Wochenende

STILL THE WATER (1:2.35, 5.1)
OT: Futatsume No Mado
Verleih: Film Kino Text (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Japan, Spanien, Frankreich 2014
Regie: Naomi Kawase
Darsteller: Makiko Watanabe, Hideo Sakaki, Miyuki Matsuda
Kinostart: 30.07.2015

Seit der Trennung seiner Eltern lebt der introvertierte Kaito mit seiner Mutter auf einer japanischen Insel. Dass sich seine Eltern getrennt haben, hat er noch immer nicht verarbeitet. Seine Freundin Kyoko muss sich mit dem nahenden Tod ihrer Mutter, einer Schamanin, auseinandersetzen... Leben, Liebe, Tod und Wiedergeburt sind die Themenkomplexe, die die japanische Filmemacherin Naomi Kawase in ihrem Coming-of-Age Drama verarbeitet. Dabei bedient sie sich einer intensiven Symbolsprache, die einerseits viel Raum für Interpretationen lässt, andererseits aber auch recht anstrengend ist. Aber so ist das nun einmal im asiatischen Kino: statt bestimmte Dinge direkt anzusprechen wird kunstvoll verklausuliert.
Donnerstag, 07. Mai 2015
Eine Agentin mit vielen Pfunden
Ein Eisenbahnfreak stellt sich seiner Vergangenheit und eine mollige Büromaus wird zur Superagentin. Ein interessanter Donnerstag.

DIE LIEBE SEINES LEBENS (1:2.35, 5.1)
OT: The Railway Man
Verleih: Koch Media (Studiocanal)
Land/Jahr: Australien, Großbritannien 2013
Regie: Jonathan Teplitzky
Darsteller: Colin Firth, Nicole Kidman, Jeremy Irvine
Kinostart: 25.06.2015

1980: Kriegsveteran Eric Lomax, ein passionierter Eisenbahnfan, lernt bei einer Zugfahrt die Krankenschwester Patti kennen und verliebt sich Hals über Kopf in die warmherzige Frau. Seine Gefühle blieben nicht unerwidert und so heiratet er seine Patti schon nach kurzer Zeit. Bald jedoch muss Patti feststellen, dass Eric offenbar schwere psychische Kriegswunden aus seiner Zeit als Gefangener in einem japanischen Straflager während des Zweiten Weltkriegs davongetragen hat. Vergebens versucht sie ihm zu helfen. Erst die schicksalhafte Entscheidung eines Kriegskameraden bewegt ihn dazu, sich seiner Vergangenheit ein für alle Mal zu stellen... Was im Original schlicht und ergreifend “Der Eisenbahnmann” lautet, wurde vom deutschen Filmverleih mit DIE LIEBE SEINES LEBENS betitelt. Und genau deswegen könnte der Film in Deutschland eine Bruchlandung erleben. Denn anders als der deutsche Titel vermuten lässt, handelt es sich bei dem auf einer wahren Geschichte beruhenden Film nicht etwa um eine Romanze, sondern um harte Kost. Die Romanze, auf die der deutsche Titel anspielt, findet eigentlich nur in der Nebenhandlung statt. Und so bleibt selbst Nicole Kidman in diesem Film nur eine Nebendarstellerin. Ihre Rolle ist es zwar, die Eric Lomax dazu anstößt, sich seinen Dämonen zu stellen, doch eben auch nicht mehr. Die tragende Figur in diesem Film ist ganz klar Colin Firth als jener Eisenbahnfreak, dem während des Zweiten Weltkrieges in japanischer Gefangenschaft Schlimmes widerfahren ist und ihn bis 1980 nicht zur Ruhe kommen lässt. Jonathan Teplitzkys Film weckt Erinnerungen an DIE BRÜCKE AM KWAI. Und das nicht nur, weil jene Brücke, vor der wir Lomax zum ersten Mal sehen, jener Brücke aus David Leans Film ziemlich gleicht sieht. Auch die Szenerie des japanischen Straflagers mit all ihren Folterungen erinnern an den KWAI-Film. Allerdings wundert man sich schon ein wenig, wenn endlich enthüllt wird, was Lomax so Schlimmes erleiden musste, dass er nicht darüber sprechen kann. Da bauscht der Film etwas zuviel auf und hinterlässt gerade deswegen wohl auch keine besonders nachhaltige Wirkung.

SPY – SUSAN COOPER UNDERCOVER (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Spy
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Paul Feig
Darsteller: Melissa McCarthy, Jude Law, Jason Statham
Kinostart: 04.06.2015

Bekanntlich steckt hinter jedem erfolgreichen Mann eine Frau, die ihm den Rücken freihält. Im Fall von Susan Cooper und Bradley Fine stimmt das sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn während Bradley im Auftrag des CIA an vorderster Front gegen böse Buben kämpft, gibt Susan ihm von der Leitstelle im Untergeschoss des CIA aus mit Hilfe modernster Technik exakte Anweisungen, wo er den nächsten Gangster abwehren muss. Dabei träumt Susan schon lange davon, selbst einmal als Agentin im Feld eingesetzt zu werden. Einziges Problem: ihr äußeres Erscheinungsbild ist alles andere als jenes einer selbstbewussten, raffinierten und attraktiven Agentin! Das Schicksal jedoch sieht das ganz anders. Und so wird Susan tatsächlich als Agentin eingesetzt... Was an dieser Komödie von BRAUTALARM-Regisseur Paul Feig wirklich gefällt, ist der Stil des Films. Denn hier wird voller Ehrfurcht den James-Bond-Filmen gehuldigt – sei es mit der Filmmusik, den exotischen Locations oder den attraktiven Menschen, die selbige bevölkern. Als Kontrast dazu darf die üppig-mollige Melissa McCarthy in der Rolle der Susan Cooper den Laden einmal so richtig aufmischen. Und das gelingt in der Mehrzahl der Fälle richtig gut. Wenn sich die korpulente Agentin mit ihrer superschlanken Gegnerin mittels Bratpfannen und Schneidemessern in der Küche eines Restaurants ein Duell auf Leben und Tod liefert, dann darf herzhaft gelacht werden. Weit weniger lustig allerdings ist die Brutalität, mit der die Agentenkomödie durchzogen ist. Köstlich dagegen Jason Statham als Macho-Agent, der auch mal bei seinem Überraschungsauftritt mit seinem Jackenärmel an der Türklinke hängen bleibt und sich damit selbst austrickst. Fazit: brauchbare Persiflage, die gut unterhält.
Dienstag, 05. Mai 2015
Forever Young
Romantischer Liebesfilm trifft auf abgewichste Teenie-Komödie. Ich nenne das Dienstagskino.

FÜR IMMER ADALINE (1:2.35, DD 5.1 + Atmos, Auro 11.1)
OT: The Age Of Adaline
Verleih: Universum Film (Walt Disney)
Land/Jahr: USA 2014
Regie: Lee Toland Krieger
Darsteller: Blake Lively, Michiel Huisman, Kathy Baker, Harrison Ford, Ellen Bustyn
Kinostart: 09.07.2015

Seit die damals 29jährige Adaline 1935 einen schweren Autounfall hatte, altert sie nicht mehr. Ein Umstand, den sie streng geheim hält, um nicht Opfer wissenschaftlicher Untersuchungen zu werden. Nur ihre Tochter ist in das Geheimnis eingeweiht. Alle zehn Jahre legt sich Adaline eine neue Identität zu, damit ihr Geheimnis bewahrt bleibt. Auch Liebesbeziehungen geht sie deshalb aus dem Weg. Das ändert sich jedoch, als sie in der Gegenwart dem charismatischen Ellis begegnet, der sie im Sturm erobert. Als der unwissende Ellis schließlich die junge Frau, die er als Jenny kennen und lieben lernte, seinen Eltern vorstellt, droht ihr jahrzehntelang wohlgehütetes Geheimnis ans Licht zu kommen: Ellis‘ Vater erkennt Adaline... Die Stimme aus dem Off erklärt uns vollkommen nüchtern und wissenschaftlich wohl begründet, was da genau mit der Heldin passiert, als sie 1935 ihr Auto in den Abgrund steuert. Man fühlt sich leicht an Rod Serlings TWILIGHT ZONE erinnert, doch schafft dieser Off-Kommentar gleichzeitig eine große Distanz zwischen Film und Publikum. So dauert es dann auch ein ganzes Weilchen, bis man sich in diese romantische Geschichte hineinfindet. Ab diesem Punkt gewinnt das Drama und lässt uns als Zuschauer mit der Protagonistin (sehr sympathisch verkörpert von Blake Lively) auch mental mitleiden. Wie geht man mit dem nicht Altern können um, welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Sehr deutlich schildert Lee Toland Kriegers Film dies an der Beziehung von Adaline zu ihrer Tochter, die im Gegensatz zu ihr natürlich altert und zur Greisin wird, während Adaline weiterhin das Äußere einer 29jährigen hat. Gut besetzt sind auch die beiden männlichen Hauptrollen: Michiel Huisman als charismatischer Ellis Jones und Harrison Ford als sein alter Vater – damit endlich wieder eine Rolle, die Ford angesichts seines Alters auch ausfüllen kann! Am Ende allerdings lässt uns das Drehbuch etwas im Stich. Da hat Adaline zwar ihre große Liebe in Ellis gefunden, dass er jedoch der Sohn ihrer einstigen großen Liebe ist, wird einfach unter den Tisch gekehrt. Hier handelt es schließlich um einen ziemlichen Konflikt, der nicht aufgelöst wird. Alles andere ist leider ziemlich vorhersehbar. Damit dürfte FÜR IMMER ADALINE zwar nicht alle Fans märchenhaft-romantischer Liebesfilme zufriedenstellen, doch die Mehrheit wird’s mögen.

ABSCHUSSFAHRT – VIER IST EINER ZU VOLL (1:2.35, 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2015
Regie: Tim Trachte
Darsteller: Tilman Pörzgen, Chris Tall, Max von der Groeben
Kinostart: 21.05.2015

Paul, Benny und Max gelten als Außenseiter in ihrer Schulklasse. Das soll sich auf der Klassenfahrt nach Prag ein für alle Mal ändern, beschließt das Trio. Und so schleichen sich die Drei zusammen mit dem etwas autistischen Magnus nachts aus dem Hotel, um im angesagtesten Club der Stadt Frauen aufzureißen. Dass das Quartett stattdessen jedoch im heruntergekommensten Puff landet, hätte niemand ahnen können... Tim Trachtes zeitgenössische Pennäler-Komödie gehört zu jener Gattung von Filmversuchen, bei denen das einzig Spannende ist, wie lange es dauert, bis im Film zum ersten Mal der Mageninhalt über den Mund entleert wird. Und hier hat der Film gute Chancen, bei den Top 5 dabei zu sein. Nach gefühlten acht Minuten wird die erste Kotztüte im Reisebus gefüllt. Was dann folgt ist auch nicht viel besser. Da wird das wunderschöne Prag optisch zu einer abgewrackten Ostblockstadt degradiert, in der es nur wortkarge Kriminelle, leichte Mädels und Ziegenficker gibt! Das soll der Zuschauer natürlich extrem lustig finden, doch wird das nicht allen gelingen. Es ist oft schon mehr als peinlich, was sich das Drehbuch hier für die pubertierenden Jungs einfallen lässt. Könnte durchaus sein, dass so etwas bei männlichen Zuschauern mitten in der Pubertät als Lachkatalysator wirken könnte, älteren Filmfans sei dringend vom Konsum des Films abgeraten.

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