Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Mittwoch, 30. September 2015
Eine Liebe in Kriegszeiten
Wenn ich es nicht besser wüsste, dann hätte ich darauf getippt, dass der heutige Film nach einem Roman von Nicholas Sparks entstanden ist..

SUITE FRANCAISE – MELODIE DER LIEBE (1:2.35, DD 5.1)
OT: Suite Française
Verleih: Universum Film (24 Bilder)
Land/Jahr: Großbritannien, Frankreich 2014
Regie: Saul Dibb
Darsteller: Michelle Williams, Kristin Scott Thomas, Matthias Schoenaerts, Lambert Wilson
Kinostart: 14.01.2016

Sommer 1940. Frankreich hat kapituliert. Deutsche Soldaten übernehmen die Herrschaft. Auch in dem kleinen Dorf, in dem Lucile zusammen mit ihrer dominanten Schwiegermutter wohnt. Per Dekret werden die Einwohner verpflichtet, deutsche Soldaten bei sich aufzunehmen. Offizier Bruno von Falk quartiert sich bei Lucile und ihrer Schwiegermutter ein. Als Lucile bemerkt, dass der Offizier wie auch sie selbst Klavier spielt, wird aus der anfänglichen Feindschaft ganz allmählich eine zarte Liebesbeziehung... So dramatisch die Geschichte auch ist, der Film lässt den Zuschauer irgendwie kalt. Der Inszenierung von Saul Dibb gelingt es einfach nicht, den Zuschauer emotional für sich zu gewinnen. Dabei braucht diese Liebesgeschichte gerade eine ausgeprägte emotionale Ebene um überhaupt zu funktionieren. Was genau ist es, das Lucile so an dem Nazi-Offizier Bruno von Falk fasziniert? Diese Antwort bleibt der Film leider schuldig und ergeht sich dann doch lieber in den gängigen Klischees wie den bösen Nazi mit sadistischer Ader. Kristin Scott Thomas als Luciles Schwiegermutter stiehlt Michelle Williams in der Rolle der Lucile glatt die Schau, spielt sie doch einmal mehr eine Rolle, für die sie prädestiniert zu sein scheint: eine extrem toughe, mitleidslose Frau, die (fast) über Leichen geht. Da muss ja ein solch zartes Wesen wie das von Michelle Williams zwangsläufig verblassen. Matthias Schoenaerts spielt Bruno von Falk, einen Komponisten in Offiziersuniform. Dass er von Lucile fasziniert ist leuchtet ein. Nur leider umgekehrt nicht.
Dienstag, 29. September 2015
Greenaway, Eisenstein und eine wilde Schulklasse
Während in der Klasse einer Pariser Schule eine Gemeinschaft entsteht, outet sich ein russischer Filmemacher in Mexiko: mein Kino-Dienstag.

DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE (1:2.35, DD 5.1)
OT: Les Héritiers
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Frankreich 2014
Regie: Marie-Castille Mention-Schaar
Darsteller: Ariane Ascaride, Ahmed Dramé, Noémie Merlant
Kinostart: 05.11.2015

Lehrerin Anne unterrichtet in einem Pulverfass. Ihre 11. Klasse an der Schule in einem Pariser Vorort gilt als die schlimmste. Ethnische sowie soziale Unterschiede lassen einen Klassenzusammenhalt erst gar nicht entstehen, die Klasse wird von den anderen Lehrern als Loser-Klasse eingestuft. Doch Anne wäre eine schlechte Pädagogin, würde sie so einfach aufgeben. Kurzerhand meldet sie ihre Klasse bei einem landesweiten Schülerwettbewerb an. Das Thema könnte krasser kaum sein: “Kinder und Jugendliche im System der Konzentrationslager der Nazis”. Für die Schüler beginnt eine Reise in die Vergangenheit, die sie schließlich zu einer Gemeinschaft werden lässt... Basierend auf einer wahren Geschichte erzählt Marie-Castille Mention-Schaars Film davon, wie aus einem bunt zusammengewürfelten Haufen unbezähmbarer Schüler unter den Fittichen einer weit unterschätzten Lehrerin zu einer Solidargemeinschaft zusammenwächst. Ethnische Unterschiede, zu Beginn des Schuljahres noch ein ganz großes Thema, spielen am Ende plötzlich keine Rolle mehr. Mehr noch: aus den Schülern, die nicht nur von anderen als Loser angesehen werden, sondern auch sich selbst in diese Rolle einfügen, werden junge Menschen mit einer Perspektive. Die Zukunft steht ihnen offen – für alles. Dank der jungen Darsteller und dank einer sehr zurückhaltend agierenden Ariane Ascaride in der Rolle der Lehrerin vermittelt der Film ein Gefühl von Authentizität und fühlt sich mitunter fast dokumentarisch an. Trotzdem gelingt es dem Film den Zuschauer auch auf emotionaler Ebene anzusprechen. Das funktioniert hervorragend über die sehr sparsam eingesetzte Filmmusik, die genau im richtigen Moment schweigt. DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE ist äußerst bewegendes wie mitreißendes Arthaus-Kino zum weiterempfehlen.


EISENSTEIN IN GUANAJUATA (1:2.35, 5.1)
OT: Eisenstein In Guanajuata
Verleih: Salzgeber
Land/Jahr: Niederlande, Mexiko, Belgien, Finnland 2014
Regie: Peter Greenaway
Darsteller: Elmer Bäck, Luis Alberti, Rasmus Slatis
Kinostart: 12.11.2015

1931 reist der sowjetische Filmemacher Sergej Eisenstein nach Mexiko, um dort einen neuen Film zu drehen. Während seines 10tägigen Aufenthalts beginnt er eine Affäre mit seinem attraktiven Führer, der ihn dazu bringt, sich zu outen. Auch wenn einem die Filme des Peter Greenaway immer wieder gerne Bauchweh bereiten, muss man dem Künstler eines neidlos anerkennen: er versteht sich auf einnehmende Bilder. So zaubert er in seinem neuen Film (der sich auf wahre Begebenheiten stützt) ganz im Geiste eines Sergej Eisenstein wuchtige Bilder, schnelle Schnitte und jede Menge Triptychons im CinemaScope-Format (eine Referenz an Abel Gance, den Eisenstein persönlich kannte und der mit seinem NAPOLEON-Film Wegbereiter für das spätere Cinerama-Verfahren war). Greenaway wäre natürlich nicht Greenaway, wenn er den Zuschauer nicht auch ständig mit nackten Tatsachen konfrontieren würde. So gibt es hier immer wieder männliche Geschlechtsteile zu sehen, was schließlich in einen fast expliziten homosexuellen Geschlechtsakt mündet. Seinen Darstellern fordert Greenaway hier ebensoviel ab wie dem Zuschauer.
Montag, 28. September 2015
Satansbraten
Ein bisschen Horror, ein bisschen Thriller – kommt immer ganz gut am Wochenanfang.

REGRESSION (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Regression
Verleih: Tobis
Land/Jahr: Spanien, USA 2015
Regie: Alejandro Amenábar
Darsteller: Ethan Hawke, Emma Watson, David Thewlis
Kinostart: 01.10.2015

Eine Kleinstadt in den USA Anfang der 1990er Jahre. Die 17jährige Angela beschuldigt ihren Vater, sie vergewaltigt zu haben. Der aber kann sich an nichts erinnern. Detective Bruce Kenner nimmt sich des Falles an und zieht einen Psychologen hinzu. Der will mittels Regressionstherapie das verlorene Gedächtnis von Angelas Vater wieder auf Vordermann bringen. Schon bald muss Kenner gegen Satanisten ermitteln, die offenbar hinter diesem und vielen weiteren Verbrechen stecken. Die Ermittlungen ziehen den Polizisten schließlich immer tiefer in den Fall hinein und drohen ihn bald schon um seinen Verstand zu bringen... Spätestens seit seinem subtilen Geisterfilm THE OTHERS gehört der gebürtige Chilene Alejandro Amenábar zu den Großen seines Fachs. Da ist es nur allzu verständlich, dass man die Erwartungen recht hoch ansetzt, wenn die Einladung zur Vorführung des neuesten Psychothrillers dieses Regisseurs ins Haus flattert. REGRESSION beweist aufs Neue, dass Amenábar nach wie vor das gesamte Instrumentarium des Thriller- und Horror-Genres vorzüglich beherrscht. Seine düsteren, Unheil verkündenden Bilder in Kombination mit einem immersiven Sounddesign, dazu der orchestrale Score von Roque Banos – Amenábar weiß um die technischen Mittel Horror zu inszenieren. Allerdings – und das ist das große Manko des Films – lässt das Drehbuch sehr zu wünschen übrig. Viele der Elemente könnten Klassikern wie beispielsweise ROSEMARYS BABY entnommen sein und wirken damit nur wie zweite Wahl. Der Höhepunkt, auf den der Film zulaufen möchte, verpufft und entlässt den Zuschauer relativ enttäuscht aus dem Kinosaal. Zuschauern ohne viel Thriller- und Horrorerfahrung könnte REGRESSION dennoch gefallen, da sie recht unvorbelastet in die Vorführung gehen.
Donnerstag, 24. September 2015
Robinson Crusoe auf dem Mars
Unwirtliche Umgebungen gab es in beiden Filmen heute: die Antarktis und der Mars

ZWISCHEN HIMMEL UND EIS (1:1.85 & 1:1.33, 5.1)
OT: La Glace Et Le Ciel
Verleih: Weltkino
Land/Jahr: Frankreich 2015
Regie: Luc Jacquet
Kinostart: 26.11.2015

“Jetzt da ihr meine Geschichte kennt – was werdet ihr tun?”. Mit dieser Frage entlässt der 82jährige Glaziologe Claude Lorius die Zuschauer aus dem Kinosaal. Während der vorausgegangenen 85 Minuten erfährt der Zuschauer alles über das bewegte Leben eines Mannes, der sein ganzes Leben der Wissenschaft gewidmet hat. 1956 nahm er im Alter von 23 Jahren als Wissenschaftsstudent erstmals an einer Antarktis-Expedition teil – eine Zeit, die den jungen Mann prägte und seine Liebe zur Antarktis besiegelte. Es folgten viele weitere Expeditionen, die er später sogar selbst als Leiter durchführte. In unmenschlicher Kälte, alleine getrieben vom Wunsch zu forschen, machte er spektakuläre Entdeckungen im ewigen Eis. Diese Entdeckungen ließen letzten Endes keinen Zweifel daran, dass ein Klimawandel auf der Erde begonnen hat. Luc Jacquet bebildert seinen Film vornehmlich mit historischem Filmmaterial, das Lorius auf seinen Expeditionen aufgenommen hat. Jacquet montierte das gesamte Material so, dass es wirkt, als hätten die Expeditionsteilnehmer schon immer eine Dramaturgie damit verfolgt. Den fehlenden Ton der dokumentarischen Aufnahmen ließ im Studio nachproduzieren. Über das Ganze wird dann eine sehr pathetische Filmmusik gelegt. Jacquet versucht auf diese Weise, den Zuschauer auf der emotionalen Ebene anzusprechen. Das freilich wirft Fragen auf: ist es legitim, eine kleine Märchenstunde zu veranstalten, um das eigentliche Thema zu puschen? Spätestens wenn wir auf der Tonspur erfahren, dass im ersten Antarktis-Lager nur drei Personen untergebracht waren, fragen wir uns automatisch, wer denn dann die Kamera bedient hat. Neben diesem “dramatisierten” Dokumentarmaterial zeigt der Film immer wieder den alten Claude Lorius, wie er mutterseelenallein in der Arktis steht, kameratechnisch umkreist von einer Drone. Damit gelingen zwar imposante Aufnahmen, doch wirkt der alte Mann im Niemandsland irgendwie lächerlich. Fazit: als Dokumentarfilm nur mit Abstrichen empfehlenswert

DER MARSIANER – RETTET MARK WATNEY (1:2.35, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: The Martian
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Ridley Scott
Darsteller: Matt Damon, Jessica Chastain, Kristen Wiig, Jeff Daniels, Michael Peña, Sean Bean
Kinostart: 08.10.2015

Als die NASA-Basisstation auf dem Mars aufgrund eines schweren Sturms evakuiert werden muss, wird Astronaut Mark Watney fortgerissen und für tot geglaubt. Die verbleibenden Crew-Mitglieder starten mit der Landefähre zum Rückflug. Doch Watney ist nicht tot. Ganz alleine auf sich gestellt und ohne jeglichen Kontakt zur Erde beginnt für ihn ein Überlebenskampf... Robinson Crusoe auf dem Mars - inszeniert von Ridley Scott nach dem Bestseller von Andy Weir. Scott zieht natürlich alle Register, um die spektakuläre Rettung des zurückgelassenen Astronauten möglichst imposant zu inszenieren. Allerdings weckt der Film in der letzten halben Stunde Erinnerungen an GRAVITY, den weitaus spektakuläreren der beiden Filme. Scott gelingt es leider nicht überzeugend, den Zuschauer in die Geschichte hineinzuziehen. Eine emotionale Verbindung mit dem Hauptdarsteller stellt sich nicht ein, man nimmt die Geschichte einfach so hin. Wo Scott allerdings in die Emotionskiste greift ist der Patriotismus, der im Film vorherrscht. Auch wenn hier China (vermutlich im Hinblick auf eine Auswertung des Films in jenem Land!) freundlicherweise die NASA unterstützt, so sind und bleiben doch die Amerikaner einfach die Größten. Der Einsatz von 70er-Jahre Disco-Musik auf der Tonspur ist zwar ein ganz netter Einfall, der dann leider etwas überstrapaziert wird. Fazit: gutgemeintes Popcorn-Kino.
Mittwoch, 23. September 2015
Coitus interruptus
Manchmal kriegen auch Filmkritiker Pornos zu sehen. Wie heute zum Beispiel

LOVE (1:2.35, 3D, 5.1)
OT: Love
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich 2015
Regie: Gaspar Noé
Darsteller: Karl Glusman, Klara Kristin, Aomi Muyock
Kinostart: 26.11.2015

Am Neujahrsmorgen wird Murphy vom Telefon aus dem Schlaf gerissen. Es ist die besorgte Mutter von Elektra, seiner großen Liebe. Sie macht sich Sorgen, weil sie schon seit zwei Monaten nichts mehr von ihrer Tochter gehört hat. Die Nachricht versetzt Murphy in einen Schockzustand und ruft längst vergessene Erinnerungen wieder wach. Erinnerungen an die Zeit mit Elektra, die er verließ, als seine jetzige Frau von ihm schwanger wurde... Würde Terrence Malick Pornofilme drehen, dann würden sie wohl so aussehen wie Gaspar Noés LOVE. Mit einer sehr eigenwilligen Schnitttechnik, die immer und immer wieder kurze Schwarzteile zur Szenentrennung oder auch während derselben Szene einfügt, verwirrt Noés Film ziemlich. Ich zumindest habe mich immer wieder dabei ertappt, dass ich bei den Schwarzstellen zusammengezuckt bin, weil ich im ersten Moment dachte, dass die digitale Projektionsanlage defekt ist. “The Theatre Management Warns You” ist gleich zu Beginn des Films in großen Buchstaben zu lesen. Und dann steigt Noé auch sofort in die erste von gefühlten unendlich vielen Kopulationsszenen ein - und seine 3D-Kamera verheimlicht dem Betrachter nichts. Unterlegt werden diese Bilder mit Musik aus der Konserve, zumeist klassische Stücke. So also kommt jetzt der Arthaus-Kinogänger auch endlich einmal in den Genuss von Hardcore. Ein bisschen verlogen ist das Ganze schon. Denn ohne Hardcore-Einlagen würde Noés Abhandlung aller Phasen einer obsessiven Liebe genauso gut funktionieren. Und dann ist da noch das 3D, das wieder dunkle Bilder produziert. Ob man nun wirklich in drei Dimensionen erleben muss, wie ein Penis direkt in die Kamera ejakuliert? Ganz sicher nicht. Ein einfacher, etwas weniger lang (der Film läuft 135 Minuten!), aber dennoch sehr intensiver Liebesfilm hätte es auch getan. Aber das widerstrebt vermutlich Ausnahmeregisseur Gaspar Noé.
Dienstag, 22. September 2015
Gutmütiger Riese und Politikmoloch
Skurriles aus Skandinavien und dokumentarisches aus Europa – der erste Pressetag der Woche war ordentlich.

VIRGIN MOUNTAIN (1:2.35, 5.1)
OT: Fusi
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Island, Dänemark 2015
Regie: Dagur Kári
Darsteller: Gunnar Jónsson, Ilmur Kristjánsdóttir, Sigurjón Kjartansson
Kinostart: 12.11.2015

Fusi, Mitte Vierzig, ist ein extrem gutmütiger Mensch ohne große Ansprüche. Noch nie war er im Ausland, noch nie hatte er eine Freundin. Und immer noch wohnt er bei Mutti. Seine große Leidenschaft ist das Nachstellen von Kriegsschlachten im Miniaturformat. Als jedoch seine Mutter einen neuen Verehrer hat und er deswegen öfters die Wohnung meiden muss, beginnt sich einiges zu ändern. Nicht nur freundet er sich mit dem kleinen Mädchen von nebenan an, sondern lernt tatsächlich noch eine junge Frau kennen, die ihn sympathisch zu finden scheint. Doch Überraschungen und Komplikationen brechen sich Bahn, die Fusi geradezu dazu zwingen, aus seinem Trott auszubrechen... Passend zum tristen Alltag seines Helden liefert Regisseur Dagur Kári auch entsprechend triste Bilder. Es scheint fast so, als habe Fusis kleine Welt noch nie einen Sonnenstrahl gesehen. Da wundert es nicht weiter, dass er alles andere als extrovertiert ist. Doch der einsilbige Riese ist ein herzensguter Mensch. Und Gunnar Jónsson spielt ihn genau so. Damit haben wir als Zuschauer keine Chance, ihn nicht von Anfang an ins Herz zu schließen. Selbst für jene, die ihm übel mitspielen, legt er noch ein gutes Wort ein. Dagur Káris Film ist eine Tragikomödie, die den Zuschauer am Ende mit einem kleinen Funken Hoffnung aus dem Kinosaal entlässt. Arthaus-Kino zum Weiterempfehlen. Zum Kopfschütteln allerdings der deutsche Verleihtitel.

DEMOCRACY – IM RAUSCH DER DATEN (1:2.35, 5.1)
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Deutschland, Frankreich, Niederlande, Belgien 2015
Regie: David Bernet
Kinostart: 12.11.2015

Spätestens seit dem uns Edward Snowden die Augen geöffnet hat, mit welchen Methoden und in welchem Umfang Geheimdienste in Zusammenarbeit mit Internet-Diensten über Jahre hinweg Daten von Millionen von Bürgern unrechtmäßig gesammelt haben, ist das Bewusstsein in der Bevölkerung dafür geschärft worden, dass es eines umfassenden Datenschutzgesetzes bedarf, um solche Missbrauchsfälle zu unterbinden. Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts – dieser Satz steht am Anfang eines Dokumentarfilms, der den langwierigen Gesetzgebungsprozess für ein europäisches Datenschutzgesetz in Bild und Ton begleitet. Zu Wort kommen nicht nur Befürworter wie der ambitionierte Grünen-Abgeordnete Philipp Albrecht oder EU-Kommissarin Vivian Reding, sondern auch Vertreter großer Konzerne, die versuchen, das Gesetz auszuhebeln. Mit seiner Schwarzweiß-Technik (farbig sind nur die Titeleinblendungen) und mit CinemaScope-Format bietet David Bernets Langzeitdokumentation eine sehr ungewöhnliche Bildästhetik. Ganz bewusst verzichtet sein Film auf den uns allen aus TV-Bildern hinlänglich bekannten “Brüssel-Look” im Hochglanzformat. Hier geht es darum zu zeigen, welcher Kraftakt sich hinter dem Europäischen Datenschutzgesetz verbirgt und welcher Anstrengung es bedurfte, um es möglichst unverwässert durchzubringen. Entstanden ist dabei ein ebenso faszinierender wie spannender Einblick in die verzwickte Welt des Europäischen Parlaments in Straßburg, wo sich die zahlreichen Abgeordneten gegen eine Überzahl von Lobbyisten behaupten müssen. Das gelingt natürlich nicht immer – sehr zum Nachteil der Bürger. Anmerkung: der Film wurde uns in der heutigen Pressevorführung nur von Blu-ray gezeigt. Von einer 5.1-Tonmischung war da nichts zu hören und einige der Titeleinblendungen waren kaum zu lesen. Ob dies auch im finalen DCP so sein wird, lässt sich leider nicht sagen.
Donnerstag, 17. September 2015
Schiefe Töne, traurige Momente und ein Ritter ohne Furcht und Tadel
Gleich drei Filme wurden uns heute in den Pressevorführungen präsentiert. Und die Ausbeute war recht ordentlich.

MADAME MARGUERITE ODER DIE KUNST DER SCHIEFEN TÖNE (1:2.35, 5.1)
OT: Marguerite
Verleih: Concorde
Land/Jahr: Frankreich, Tschechien, Belgien 2015
Regie: Xavier Giannoli
Darsteller: Catherine Frot, André Marcon, Michel Fau
Kinostart: 29.10.2015

Sie singt zwar von ganzem Herzen, dafür aber vollkommen schräg. Und das Schlimmste: sie merkt es nicht einmal! Das heuchlerische Publikum, für das Baronin Marguerite Dumont 1920 in privaten Benefizkonzerten singt, lässt es sie nicht wissen, dass ihr Gesang furchtbar ist. Als ein junger Journalist einen provokant-überschwänglichen Artikel über sie verfasst, verleiht dies der Möchtegern-Diva, ihren großen Plan in die Tat umzusetzen: sie will ein Konzert in der Pariser Oper geben. Ein abgehalfterter Opernstar soll ihr helfen, sich darauf vorzubereiten... Inspiration für seinen Film holte sich Regisseur Xavier Giannoli von einer Frau, die es wirklich gegeben hat: Florence Foster Jenkins, eine Amerikanerin, die in den 1940er-Jahren starb. Sie war reich und liebte die Oper leidenschaftlich, hatte aber keinen Schimmer, wie wahnsinnig schräg ihre Stimme klang. Und niemand in ihrer Entourage sagte ihr das. Giannoli hat seine Geschichte jetzt nach Frankreich verlegt, an der Person selbst jedoch nicht viel geändert. Auch Marguerite Dumont ist steinreich und liebt die Oper über alles und ist der festen Meinung, dass sie eine begnadete Diva sei. Mit großer Inbrunst wird sie von Catherine Frot gespielt, so gut, dass es einem schon als Zuschauer peinlich ist, ihren verkorksten Arien zu lauschen. Nichts passt besser zu diesem Film als der Begriff der Tragikomödie. Komisch ist die Geschichte allemal, wenn nicht gar zum lautstarken Lachen. Doch ebenso zutiefst tragisch, weil niemand den Mumm hat, ihr zu sagen, dass sie nicht singen kann. Nicht einmal ihr Ehemann bringt den Mut dazu auf – und das obwohl Marguerite eigentlich immer nur für ihn singt.

MIA MADRE (1:1.85, 5.1)
OT: Mia Madre
Verleih: Koch Media
Land/Jahr: Italien, Frankreich 2015
Regie: Nanni Moretti
Darsteller: Margherita Buy, John Turturro, Giulia Lazzarini
Kinostart: 19.11.2015

Filmregisseurin Margherita steckt mitten im Chaos. Die Dreharbeiten zu einem sozialkritischen Film werden durch den Hollywood-Star Barry und seinen Starallüren ausgebremst, ihre beim Vater lebende Tochter steckt mitten in der Pubertät und die Trennung von Margherita und ihrem Freund ist gerade erst passiert. Zu allem Überfluss kommt auch noch ihre Mutter ins Krankenhaus und die Ärztin gibt ihr zu verstehen, dass sie sich langsam verabschieden müsse. Zwischen Drehorten und Krankenhaus wird ihr langsam klar, was im Leben wirklich zählt... Nanni Moretti, Regisseur von Filmen wie DER ITALIENER und HABEMUS PAPAM, gilt als einer der wichtigsten italienischen Regisseure unserer Zeit. Mit MIA MADRE hat er jetzt einen Film geschaffen, der ganz offenkundig autobiographische Züge trägt und damit sein wohl persönlichster Film sein dürfte. Nicht von ungefähr ist seine Protagonistin Filmregisseurin, die sich mit vielen Problemen am Set herumschlagen muss, während ihre Mutter im Krankenhausbett dem Tode entgegen geht. Die bedrückende Atmosphäre im Krankenhaus und das Durcheinander am Set werden mit Margheritas Erinnerungen und Träumen vermischt. MIA MADRE ist ein sehr bewegendes Stück Kino, mit dem Moretti seiner verstorbenen Mutter gedenkt und damit gleichzeitig das Unbehagen thematisiert, wenn es um das Sterben geht. Moretti spart allerdings auch nicht an heiteren Momenten in seinem Film. So gibt John Turturro einen Hollywood-Star, der mehr Allüren hat als Haare auf dem Kopf und von den Zeiten schwärmt, in denen er mit Kubrick gearbeitet hat – was natürlich nicht stimmt. Sehenswert.

RITTER TRENK (1:1.85, 5.1)
Verleih: Universum Film (Walt Disney)
Land/Jahr: Deutschland, Österreich 2015
Regie: Anthony Power
Kinostart: 05.11.2015

Trenk Tausendschlag ist ein aufgeweckter Junge. Nur allzu gerne spielt für seine kleine Schwester den edlen Ritter. Doch Trenks Familie sind Leibeigene. Alles was sie mühsam erwirtschaften, nimmt sich der böse Ritter Wertholt. Als der schließlich sogar Trenks Vater in den Kerker sperren lässt, fasst Trenk einen Entschluss: er will der Misere seiner Familie ein Ende bereiten, indem er sich zum Ritter ausbilden lässt... Die von Kirsten Boie erdachten Geschichten um den kleinen Ritter Trenk haben bei jungen Lesern schon viele Fans gefunden. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis Trenk hoch zu Ross auch über die große Kinoleinwand galoppiert. Der unter Regie von Anthony Power entstandene Animationsfilm wurde dieses Mal nicht als dreidimensionale Computeranimation entwickelt, sondern orientiert sich viel mehr am klassischen zweidimensionalen Zeichentrickfilm. Das verleiht der ganzen Sache einen gewissen nostalgischen Charme, der ganz bestimmt auch die Zielgruppe der Kinder bis acht Jahren verzücken dürfte. Die Figuren sind gut getroffen und Gut und Böse sind problemlos erkennbar. Gruselige Szenen halten sich in engen Grenzen (z.B. im dunklen Wald, wo ein Drache lauert) und werden ganz sicher keine Traumata auslösen, so dass die Kinder auch bedenkenlos ihre Eltern mitnehmen können. Etwas störend: die musikalische Untermalung, die auch dann noch tönt, wenn sie längst schweigen könnte.
Dienstag, 15. September 2015
Von Träumen und Hoffnung
Der Eröffnungsfilm des diesjährigen Bollywood-Festivals wurde uns heute ein einer Pressevorführung gezeigt

UMRIKA (1:2.35, 5.1)
OT: Umrika
Verleih: Ascot Elite (Camino)
Land/Jahr: Indien 2015
Regie: Prashant Nair
Darsteller: Suraj Sharma, Tony Revolori, Prateik Babbar
Kinostart: 19.11.2015

“Umrika” ist das indische Wort für Amerika. Und Amerika galt zumindest zu jener Zeit, zu der der Film spielt (Ende der 1970 bis Ende der 1980er-Jahre), für die Armen als das verheißungsvolle Land, in dem alles möglich ist. Jeder, der einmal dort war, hat es zu etwas gebracht. Auch Udai, Ramakants großer Bruder, der sich eines Tages von seinem Dorf aufmacht, um in Amerika einen Job zu finden. Für seine Mutter beginnt damit jedoch eine schwere Zeit. Wochenlang wartet sie auf Nachricht von ihrem Sohn, will wissen, ob er sein Glück gefunden hat. Als sie ihn von Depressionen geplagt bereits verloren glaubt, trifft plötzlich ein Brief aus dem fernen Land ein. Es ist der erste einer ganzen Reihe von Briefen, mit denen Udai aus der Ferne über Jahre hinweg über seine neue Heimat berichtet, in der alles schöner, größer und besser ist und damit dem gesamten Dorf Hoffnung schenkt. Als die Briefe jedoch ausbleiben, beschließt Ramakant, inzwischen zum jungen Mann herangewachsen, es seinem Bruder gleichzutun und macht sich auf den Weg. Ein Weg allerdings, der ihm bald schon die Augen öffnen und sein idealisiertes Bild vom Schlaraffenland endgültig zerstören wird. In diesem schmerzhaften Prozess wird er schließlich seinen eigenen Weg finden. Mit den Shooting Stars Suraj Sharma (LIFE OF PI) und Tony Revolori (THE GRAND BUDAPEST HOTEL) in den Hauptrollen prominent besetzt, ist Prashant Nairs Film alles andere als farbenprächtiges Bollywood-Kino, aber nicht weniger emotional. Es geht darum, wie wichtig Träume sind und dass sie Hoffnung geben können, wenn man sie mit anderen teilt. Unspektakulär erzählt, aber auf den Punkt gebracht.
Montag, 07. September 2015
Herr Müller muss weg!
Eine deutsche Komödie, bei der ich nicht lachen konnte, bildete den Auftrakt einer sehr knappen Pressewoche

FACK JU GÖHTE 2 (1:2.35, 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2015
Regie: Bora Dagtekin
Darsteller: Elyas M'Barek, Jella Haase, Karoline Herfurth, Katja Riemann
Kinostart: 10.09.2015

Ausgerechnet jenes Kuscheltier, in dem Zeki Müller ein Säckchen mit gestohlenen Diamanten versteckt, landet im Spendencontainer für Kinder in Thailand. Um die Beute wieder zu bekommen, organisiert Zeki eine Klassenfahrt nach Thailand, die allerdings dank der grenzdebilen Schüler schon sehr bald aus dem Ruder läuft... Deutschlands erfolgreichster Film 2013 kriegt Nachwuchs: die Komödie um Lehrer Müller, seine Freundin Lisi Schnabelstedt und die IQ-freie Schülerin Chantal geht in die nächste Runde und möchte ganz sicher auch 2015 wieder die Spitzenposition an der Kinokasse übernehmen. Das Zeug dafür hat der Film auf jeden Fall – er ist vollkommen öde. Und Humor ist wenn man trotzdem lacht. Sorry – hat bei mir nicht funktioniert. Hat auch schon beim ersten Teil nicht funktioniert. Wirklich witzig wird es leider erst beim Abspann – wenn uns die Outtakes präsentiert werden und sich eine der Darstellerinnen wohl vollkommen in ihrer Rolle verliert. Mit seinen 115 Minuten Spielzeit ist der Film zudem weit über das Ziel hinausgeschossen. Viele der Gags zielen leider auf Bereiche unterhalb der Gürtellinie (z.B. die Szene, in der es um einen Ping-Pong-Ball geht) und man ist kann schon froh sein, dass es dieses Mal wenigstens sehr lange dauert, bevor jemand seinen Darm über den Mund entleert. Kinounterhaltung für Anspruchslose und solche, die gerne Herrn M’Bareks durchtrainierten Oberkörper bestaunen wollen.
Freitag, 04. September 2015
Im mittelalterlichen Schottland und auf hoher See
Ein Doppelprogramm als Abschluss einer randvollen Pressewoche

MACBETH (1:2.35, DD 5.1)
OT: Macbeth
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Großbritannien 2015
Regie: Justin Kurzel
Darsteller: Michael Fassbender, Marion Cotillard, Jack Reynor
Kinostart: 29.10.2015

Schottland im Mittelalter. Getrieben von einer Prophezeiung und aufgestachelt von seiner Frau, ermordet der machthungrige Macbeth seinen König und erklimmt selbst den Thron. Doch die Dämonen seiner Schuld holen ihn und seine Frau bald ein... Wer glaubt, Shakespeare mit der Schule hinter sich gelassen zu haben, der irrt. Jetzt kommt Justin Kurzels Neuinszenierung des bereits von Roman Polanski in den 1960er Jahren auf die große Kinoleinwand gebrachten MACBETH. Und eine ganz düstere dazu, die sich am liebsten in rot-orangenen Schlachtengemälde ergeht. Dazu natürlich der Originaltext der literarischen Vorlage, der für viele ziemlich kryptisch anmuten wird. Die Bilder (Kamera: Adam Arkapaw) beeindrucken, der Film selber tut es leider nicht.

UNTER FREUNDEN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Entre Amis
Verleih: Weltkino
Land/Jahr: Frankreich 2015
Regie: Olivier Baroux
Darsteller: Daniel Auteuil, Gérard Jugnot, François Berléand
Kinostart: 31.12.2015

Drei alte Freunde heuern eine Yacht an und stechen gemeinsam mit ihren Frauen in See. Durch das enge Aufeinander liegen bald schon die Nerven blank. Die Beziehungen zu ihren Frauen werden genauso hinterfragt wie auch die fast 50jährige Freundschaft der Männer... Was amüsant und witzig beginnt, entwickelt sich im Verlauf des Films zum nackten Überlebenskampf, nur um dann am Ende wieder amüsant zu werden. Der dramatische Mittelteil passt nicht zum Rest, fühlt sich an wie ein Fremdkörper. Das Ensemble indes ist sehr gut und der Film aufwändig in Szene gesetzt. Fazit: nicht Fisch, nicht Fleisch.
Donnerstag, 03. September 2015
Maria, ihm schmeckt’s schon wieder nicht!
Wie eine Komödie Schiffbruch erleiden kann, demonstrierte uns heute Christian Ulmen

MACHO MAN (1:2.35, 5.1)
Verleih: Universum Film (Walt Disney)
Land/Jahr: Deutschland 2014
Regie: Christof Wahl
Darsteller: Christian Ulmen, Aylin Tezel, Gitta Schweighöfer
Kinostart: 29.10.2015

Sensibelchen Daniel verliebt sich im Türkeiurlaub Hals über Kopf in die Türkin Aylin, die zufälligerweise auch in seiner Heimatstadt Köln wohnt. Zurück in der Heimat startet das Weichei eine Offensive, um Aylin für sich zu gewinnen: mit großem Erfolg. Als sie ihn schließlich ihrer Familie vorstellt, wird die nicht warm mit Daniel, weil man in türkischen Kulturkreisen eben auf Machos abfährt. Kurzentschlossen bittet Daniel Aylins Bruder um Hilfe: er soll aus Daniel einen richtigen Mann machen. Bald schon schießt Daniel weit über das Ziel hinaus... Maria, ihm schmeckt’s schon wieder nicht! Mit MACHO MAN begibt sich Christian Ulmen wieder in gewohntes Terrain: die Komödie, die viel und gerne unterhalb der Gürtellinie ansetzt. Das kann ja durchaus seine Reize haben, wenn man diese Art Humor wohl dosiert einsetzt. Was hier jedoch passiert, schlägt dem Fass den Boden aus: Gags werden künstlich verlängert! Es nervt gehörig und man ist versucht lauthals zu rufen “Ich habe den Gag verstanden – können wir jetzt bitte zum nächsten übergehen!”. Erhören tut einen freilich niemand. Also Maul halten und durch. Aber da bricht sich dann schon der nächste Nervtöter seine Bahn: die dumpfbackige Musikberieselung! Es ist zum wahnsinnig werden, wenn immer und immer wieder die gleichen Takte ertönen. Jemand sollte dem oder den Komponisten Einhalt gebieten. Zudem scheint Regisseur Christof Wahl (der hier auch für die Kamera zuständig ist) ziemlich verliebt zu sein in die Möglichkeiten digitaler Schnitt- und Bildbearbeitung, was ständig wieder aufs Neue präsentiert wird. Anzumerken wäre noch, dass es sich bei der heutigen Pressevorführung um eine Arbeitsfassung handelte, die sowohl im Bild als auch im Ton erhebliche Mängel aufwies. Diese Kurzrezension muss damit auch als eine Arbeitsversion gewertet werden.
Mittwoch, 02. September 2015
Tapferes Mädchen und Bruderzwist
In Pakistan legt sich eine Schülerin mit den Taliban an, während es an der französischen Atlantikküste zu einem Bruderzwist kommt – mein Kino-Mittwoch.

MALALA – IHR RECHT AUF BILDUNG (1:1.85, DD 5.1)
OT: He Named Me Malala
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Davis Guggenheim
Darsteller: Malala Yousafzai
Kinostart: 22.10.2015

Sie ist die jüngste Friedensnobelpreisträgerin der Welt und wurde zum Symbol für den Widerstand gegen die Taliban: Malala Yousafzai. Das Attentat der Taliban auf ihr Leben in ihrer pakistanischen Heimat hat sie nur knapp überlebt, jetzt lebt sie mit Eltern und Geschwister in England. In Anlehnung an ihr autobiografisches Buch “Ich bin Malala” hat Davis Guggenheim ihre Lebensgeschichte jetzt in einem bewegenden Dokumentarfilm verarbeitet. Er beobachtet Malala im Kreise ihrer Familie, auf Reisen in fremde Länder, wo sie Kindern zu ihrem Recht auf Bildung verhelfen möchte, und bei vielen anderen Tätigkeiten. Er lässt sie und auch ihren Vater davon erzählen, wie es war, unter dem Taliban-Regime zu leben. Erinnerungen werden dabei nicht nur in Form alter Fotos bebildert, sondern auch mit beeindruckenden Animationen. Für die Filmmusik hat Guggenheim keinen Geringeren als Thomas Newman verpflichtet, dessen Score die perfekte emotionale Ebene schafft. “Call to Action” (Tun Sie etwas!) steht am Ende des Films in großen Buchstaben eine kleine Ewigkeit lang auf der Kinoleinwand. Ein Aufruf, der hoffentlich viel Gehör finden wird. Wenn schon ein kleines Mädchen einem Terrorregime die Stirn bieten kann, dann wir Erwachsenen doch auch. Sehenswert.

IM SOMMER WOHNT ER UNTEN (1:2.35, 5.1)
Verleih: Kinostar
Land/Jahr: Deutschland, Frankreich 2015
Regie: Tom Sommerlatte
Darsteller: Sebastian Fräsdorf, Godehard Giese, Alice Pehlivanyan
Kinostart: 29.10.2015

Eine ganze Woche früher als erwartet platzt David samt Frau in die Idylle, die sein Bruder Matthias zusammen mit Freundin Camille und deren Sohn Etienne gerade genießt: Davids Ferienhaus an der französischen Atlantikküste. Schnell wird klar, wer hier das sagen hat: David, erfolgreicher Bankier, reißt das Ruder an sich und schickt Etienne weg, weil er sich durch dessen lautes Spielen gestört fühlt. Matthias, der Loser der Familie, kneift, lässt ihn gewähren. Was Camille wiederum auf die Palme bringt. Und dann ist da noch Davids Freundin, die endlich die Gelegenheit nutzen möchte, um mit ihm ein Kind zu zeugen. Perfekte Voraussetzungen für keinen sonderlich vergnüglichen Urlaub... Tom Sommerlattes Film erinnert an Maren Ades ALLE ANDEREN, der 2009 in die deutschen Kinos kam. Die Ausgangssituation ist auch hier dieselbe Extremsituation: der Urlaub! Hier sind es die beiden Brüder, durch deren Zwist die Lage eskaliert und dazu führt, dass auch die Beziehungen zu ihren Frauen auf den Prüfstand gestellt werden. Die psychologische Entwicklung des Vierer-Gespanns ist sehr präzise beobachtet. So präzise, dass es dem ein oder anderen Zuschauer mit Sicherheit zuviel wird und sich angestaute Wut Bahn brechen könnte. Sommerlattes Film wirkt sehr authentisch und man hat das Gefühl – entsprechende Erfahrungen vorausgesetzt – dass einem das alles schon selbst einmal passiert ist. Sehenswert für jene, die mehr als Popcorn-Kino erwarten.

Dienstag, 01. September 2015
Eineinhalb Schlaftabletten
Wenn der Kinoschlaf der gesündeste wäre, hätte ich heute viel für meine Gesundheit getan

AMERICAN ULTRA (1:1.85, DD 5.1 + Atmos)
OT: American Ultra
Verleih: Concorde
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Nima Nourizadeh
Darsteller: Kristen Stewart, Jesse Eisenberg, Connie Britton
Kinostart: 15.10.2015

Vom Kiffen versteht Mike sehr viel. Und er mag seine Freundin Phoebe wirklich sehr. Was er aber nicht weiß: er gehörte einst zum “American Ultra” Programm, mit dem die CIA Elitekämpfer ausbilden. Als er jetzt plötzlich abserviert werden soll, reaktiviert ihn seine Betreuerin wieder. Der Überlebenskampf kann beginnen... Was für ein öder Action-Streifen: unterforderte Schauspieler und eine minimalistische Handlung ergeben nach wie vor keinen großen Kinofilm! Aus dem Stoff hätte sich mit Sicherheit mehr machen lassen, hätte man ihn mit einer großen Portion Humor aufgepeppt. Im jetzigen Stadium jedenfalls kann man den Film höchstens als Schlaftablette verabreichen – leider nicht auf Rezept.

SINISTER 2 (1:2.35, 5.1)
OT: Sinister 2
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Ciaran Foy
Darsteller: Shannyn Sossamon, James Ransone, Robert Sloan
Kinostart: 17.09.2015

Um den tödlichen Fluch des Bughuul, des Kinderfressers, zu unterbrechen, will ein Ex-Deputy jenes Haus niederbrennen, in dem das Böse gemordet hatte. Doch er kommt zu spät: Courtney hat sich dort nichtsahnend mit ihren Zwillingen niedergelassen, um sich vor ihrem gewalttätigen Ehemann zu verstecken. Was weder Courtenay noch der Ex-Deputy wissen: den Zwillingen erscheinen tote Kinder, die sie zwingen, sich im Keller alte Filmrollen anzuschauen. Was dort zu sehen ist, ist wahrhaft erschreckend: der Bughuul geht ans Werk... Die düster gehaltenen Bilder, insbesondere jene im Inneren der Kirche oder auch im Keller des Hauses, prägen die Stimmung von Ciaran Foys Fortsetzungsfilm zum Horrorstreifen SINISTER. Wer diesen nicht kennt, dem gibt der neue Film leider nicht genügend Hinweise, um ihn ganz zu verstehen. Mut zur Lücke ist also angesagt, wenn man einfach das Grauen auf sich wirken lassen möchte. Die Story entpuppt sich als relativ abgedroschen und verarbeitet gängige Muster. So erinnert etwa eine Szene im Maisfeld deutlich an KINDER DES ZORNS. Angst und Schrecken verbreitet in SINISTER 2 eigentlich nur das Sounddesign, das mit auf Stille folgender brachialer Lautstärke in den Kinosessel drückt – mit Erfolg. Die Rahmengeschichte mit einem gewalttätigen Ehegatten, der das Sorgerecht für die beiden Kinder möchte, hat mit der eigentlichen Horrormär absolut nichts zu tun und stört nur. Fazit: richtig guter Horror geht definitiv anders.

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