Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Dienstag, 28. Juni 2016
Von Hinterwäldlern und Eiszeitgesellen
Da die Pressevorführungen in Stuttgart kontinuierlich zurückgefahren werden, ist man dankbar für jede einzelne Gelegenheit. Heute gab es mal wieder zwei.

CAPTAIN FANTASTIC – EINMAL WILDNIS UND ZURÜCK (1:2.35, 5.1)
OT: Captain Fantastic
Verleih: Universum Film (24 Bilder)
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Matt Ross
Darsteller: Viggo Mortensen, Frank Langella, George MacKay
Kinostart: 18.08.2016

Ben ist ein ungewöhnlicher Vater – hoch intelligent und knallhart. Seine sechs Sprösslinge werden einem harten Drill unterzogen – inmitten der Wälder im Nordwesten Amerikas, dem selbst gewählten Zuhause der Familie. Fernab der Zivilisation unterrichtet Ben seine Kinder selbst, um aus ihnen bessere Menschen zu machen. Als jedoch seine Frau stirbt, ist Ben gezwungen, sein Idyll zu verlassen, um an der Beerdigung teilzunehmen, die bei seinen Schwiegereltern stattfinden soll. Mit einem klapprigen Bus macht sich die Familie auf den Weg in die Zivilisation... Kann eine alternative Erziehungs- und Lebensweise in unserer Gesellschaft bestehen? Das ist die Frage, der Regisseur Matt Ross in seinem Drama nachspürt. Und er tut dies nicht nur dramatisch, sondern auch auf witzige Art und Weise. Da gibt es verschiedene Begegnungen zwischen den Einsiedlern und ganz normalen Bürgern, die einen schmunzeln lassen. Um beispielsweise die Neugier eines Cops im Keim zu ersticken und ihn schnellstmöglich wieder loszuwerden, zieht die Familie mit vereinten Kräften eine (einstudierte!) Religionsdarbietung aus dem Ärmel. Am Ende des Films steht die Erkenntnis, dass Ben seine Kinder zu Freaks erzogen hat, die zwar in Mathematik, Politik und Physik bestens Bescheid wissen, aber über das Leben selbst nichts gelernt haben. Die guten Absichten haben versagt.

ICE AGE – KOLLISION VORAUS! (1:2.35, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Ice Age: Collision Course
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Michael Thurmeier
Kinostart: 30.06.2016

Gerade als alles am Schönsten ist, müssen Sid und seine Freunde eine neuen Gefahr ins Auge blicken: ein Komet rast auf die Erde zu und droht, alles Leben zu vernichten. Die Freunde müssen nun alle Hebel in Bewegung setzen, um die Katastrophe zu verhindern... Im nunmehr fünften Teil der ICE AGE Serie wird erst so richtig aufgedreht! Keine Sekunde scheint zu vergehen, ohne eine Vielzahl von Gags und Aktionen zu präsentieren. Das ist schon fast schwindelerregend und könnte zur Überbeanspruchung des Publikums führen. Ruhe kehrt hier wahrhaftig keine ein, Zeit zum Reflektieren wird nicht gewährt. Doch das Feuerwerk an Gags hält sich in Grenzen: es gibt zu wenig richtig gute, wie beispielsweise der Running Gag, bei dem wir immer wieder den kleinen Scrat bei seiner verzweifelten Jagd nach seiner geliebten Eichel beobachten dürfen. Fazit: einen sechsten Teil braucht es jetzt wirklich nimmer.
Mittwoch, 22. Juni 2016
Die lustige Witwe
Die Franzosen überschwemmen die Kinos immer wieder mit Familienkomödien. Die neueste gab es heute in der Presse zu sehen.

WILLKOMMEN IM HOTEL MAMA (1:1.85, DD 5.1)
OT: Retour Chez Ma Mère
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich 2016
Regie: Eric Lavaine
Darsteller: Alexandra Lamy, Josiane Balasko, Mathilde Seigner
Kinostart: 11.08.2016

Stéphanie ist nicht nur geschieden, sondern zudem auch noch vollkommen pleite. Der 40jährigen bleibt vorerst nichts übrig, als sich wieder bei Mama einzuquartieren. Bei der ticken die Uhren freilich noch ganz anders und Stéphanie wird schnell wieder klar, warum sie von Zuhause ausgezogen ist. Noch ahnt sie nicht, dass die seit einem Jahr als Witwe lebende Alte einen neuen Lover hat, der nur wenige Stockwerke über ihr wohnt. Um das geheimzuhalten, verstrickt sich die Frau Mama immer wieder in Widersprüche und seltsame Anwandlungen, die von der Tochter als beginnendes Alzheimer interpretiert werden. Doch Mama hat einen geheimen Plan: bei einem großen Familienessen will sie ihre Kinder einweihen... Etwa zur Mitte des Films gewinnt Eric Lavaines Komödie endlich an Fahrt. Denn wenn die liebe Mama für ihre drei Kinder samt Schwiegersohn ein typisch französisches Mehr-Gänge-Gericht auffährt, bei dem sie ihren Liebhaber vorstellen möchte, dann ist das Chaos schon vorprogrammiert. Ganz besonders dann, wenn Mama einen strikten Zeitplan einhalten möchte! Dass in dieser absolut köstlichen Sequenz von ganzen Herzen gelacht werden darf, sollte man tunlichst ausnutzen. Denn danach ergeht sich der Film leider wieder in genau jenem Vor-sich-Hin-Plätschern, mit dem er angefangen hat. Schuld daran hat wohl das Drehbuch, denn am Schauspielerensemble kann es nicht liegen. Da geben alle ihr Bestes und “Maman” Josiane Balasko sogar ihr Allerbestes! Temperamentvoll und gut im Futter ist sie der Inbegriff einer in die Jahre gekommen Mutter, die jetzt ihr Leben als lustige Witwe lebt. Ob sie nun Scrabble mit ihrer Freundin am Telefon spielt, döselige Musik zur Berieselung laufen lässt oder die Heizung immer bis zum Anschlag aufdreht – die Generation 40+ kann davon bestimmt selbst ein Lied singen. Daher ist es auch umso bedauerlicher, dass sich das Drehbuch am Ende für ein märchenhaftes Happy End entscheidet und aufgegriffene Probleme einfach so mal kurz vom Tisch fegt. Generationenkonflikt, Geschwisterbeziehungen, Arbeitslosigkeit, finanzielle Engpässe – alles löst sich hier in Wohlgefallen auf. Da lässt es sich natürlich gut danach schlafen, aber so richtig glauben kann es aber auch nicht.
Dienstag, 21. Juni 2016
Das Leben ist nicht planbar
Eine Erkenntnis, die die titelgebende Heldin der heutigen Pressevorführung lernen muss

MAGGIES PLAN (1:1.85, 5.1)
OT: Maggie’s Plan
Verleih: MFA (Filmagentinnen)
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Rebecca Miller
Darsteller: Greta Gerwig, Julianne Moore, Ethan Hawke
Kinostart: 04.08.2016

Maggie ist eine große Planerin. Nebst ihrer New Yorker Wohnung und dem Job an der Uni fehlt ihr jetzt nur noch ein Kind. Aber bitte ohne Vater, wenn’s geht. Doch das Leben lässt sich nun einmal nicht planen, wie Maggie feststellen muss, als sie den unglücklich verheirateten John kennenlernt, einen Möchte-Gern-Romanautor und Vater zweier Kinder... In der Rolle der Maggie beweist Greta Gerwig, dass man sie nicht umsonst als die weibliche Antwort auf Woody Allen bezeichnet. Wer also bislang glaubte, dass nur ein Woody derart neurotisch sein kann, dem steht eine Überraschung bevor. Die vertrackte Beziehungsgeschichte in Rebecca Millers Film ist freilich jenseits der Realität, doch bietet sie dafür viel Raum für wortreiche Auseinandersetzungen, die immer wieder gerne in Dialogpointen enden. Julianne Moore als die Ex von dem von Ethan Hawke gespielten John hat sich eigens für den Film einen Akzent antrainiert, der so seltsam ist, dass man manchmal gar nicht glauben kann, dass es sich tatsächlich um Julianne Moore handelt. Das gilt zumindest für die Originalfassung. Für den Fan dialoglastiger Komödien ist MAGGIES PLAN ganz sicher geeignete Kost.
Montag, 13. Juni 2016
Auf die Größe kommt es an
Zwar die einzige Pressevorführung in dieser Woche, dafür aber ein Spielberg. Taugt der was? Lesen Sie selbst

BFG – BIG FRIENDLY GIANT (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 +Atmos)
OT: The BFG – The Big Friendly Giant
Verleih: Constantin
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Steven Spielberg
Darsteller: Mark Rylance, Ruby Barnhill, Rebecca Hall
Kinostart: 21.07.2016

Das unter Schlafstörungen leidende Waisenmädchen Sophie beobachtet eines Nachts ganz zufällig einen Riesen, der sich vor dem Waisenhaus herumtreibt. Weil er aber unentdeckt bleiben möchte, entführt er Sophie kurzerhand ins Land der Riesen und hält sie dort in seinem Unterschlupf fest. Bald muss sie feststellen, das es noch andere, wesentlich größere Riesen gibt, die sogar ihrem Entführer Angst machen. Zwischen dem Riesen und Sophie entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft... Kein Geringerer als Road Dahl lieferte die Vorlage für Steven Spielbergs neuesten Fantasyfilm, dessen Zielpublikum hauptsächlich Kinder sein dürften. Wer Dahl kennt, der weiß, dass sich hier oft Unheimliches mit Skurrilem vermischt. So auch bei BFG, der kleinen Kindern durchaus Angst bereiten könnte. Skurril ist in dieser Geschichte nicht nur die äußere Gestalt des freundlichen Riesen, sondern vor allem dessen höchst originelle und oft unbeholfene Art zu sprechen, was für die deutsche Synchronfassung eine Herausforderung sein dürfte. Die unter Federführung von Joe Letteri produzierten visuellen Effekte sind besonders gut ausgeklügelt, um den Größenunterschied zwischen Menschen und Riesen glaubwürdig zu vermitteln. Doch da ist man bei Weta Digital bereits seit dem HOBBIT gut dafür gerüstet. Also alles perfekt in diesem Film? Leider nein. Ich jedenfalls fühlte mich nicht bestens unterhalten, sondern eher gelangweilt! Ob von Spielberg so gewollt oder nicht – dem Film fehlt einfach der richtige “Drive”. Nicht einmal die emotionale Bindung an das kleine Waisenmädchen hat bei mir funktioniert. Das ist sehr schade, weil der Meisterregisseur schon mehrfach bewiesen hat, dass er nicht nur Action, sondern auch Gefühle perfekt inszenieren kann. Last but not least konnte ich auch dem Score von John Williams nichts mehr abgewinnen. So sehr ich Williams‘ Arbeiten speziell für die Spielberg-Filme schätze, aber BFG klingt nur noch wie ein Abklatsch jener Scores. Es bleibt zu hoffen, dass BFG für Spielberg nur eine Art von Fingerübung für den nächsten, richtig guten Film ist.
Freitag, 10. Juni 2016
Kopflastig und schockierend
Noch schnell ein Double Feature vor dem Wochenende

ALLES WAS KOMMT (1:1.85, 5.1)
OT: L’Avenir
Verleih: Weltkino
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland 2016
Regie: Mia Hansen-Løve
Darsteller: Isabelle Huppert, Roman Kolinka, Edith Scob
Kinostart: 18.08.2016

Als sich ihr Mann nach 25 Ehejahren wegen einer Anderen von ihr trennt, ihre Mutter ins Pflegeheim kommt, der Verlag ihren Vertrag nicht verlängert, steht die Philosophielehrerin Nathalie vor dem größten Umbruch in ihrem Leben... Eigentlich ist es ja fast schon bewundernswert mit welch stoischer Ruhe Isabelle Huppert in der Rolle der Nathalie alles so hinnimmt wie es gerade kommt. Eigentlich. Doch gibt es einen solchen Menschen tatsächlich? Kaum vorstellbar. Nur ein einziges Mal zeigt die Kamera Nathalie mit der Katze auf dem Bett liegend und unglücklich weinend. Emotionale Ausbrüche, eine laute Auseinandersetzung mit ihrem fremdgehenden Mann, ein strenges Wort zu ihrer störrischen Mutter – alles Fehlanzeige in Mia Hansen-Løves leisem Drama. Kopflastiges Kino ohne Dynamik.

SEEFEUER (1:1.85, 5.1)
OT: Fuocoammare
Verleih: Weltkino
Land/Jahr: Italien, Frankreich 2016
Regie: Gianfranco Rosi
Kinostart: 28.07.2016

Seit nunmehr 20 Jahren funktioniert die italienische Insel Lampedusa als Anlaufstelle für Flüchtlinge, die unter meist ebenso erbärmlichen wie lebensgefährlichen Umständen mit Booten über das Mittelmeer nach Europa kommen wollen. Man schätzt, dass mindestens 15.000 Menschen dabei bereits ihr Leben verloren haben. Regisseur Gianfranco Rosi hat ein ganzes Jahr auf Lampedusa verbracht, um zu verstehen, wie das Leben auf Lampedusa funktioniert. In seinem mit dem Goldenen Bären auf der diesjährigen Berlinale ausgezeichneten Dokumentarfilm zeigt er den Alltag der Inselbevölkerung kontrastierend zu den tagtäglichen Flüchtlingstragödien, die für die Insel schon zur Normalität geworden sind. So idyllisch das Leben der Inselbewohner ist, so deprimierend und schockierend sind die Bilder der humanitären Katastrophen, die sich auf offener See vor der Insel abspielen. Manche dieser Bilder sind kaum zu ertragen, machen damit aber in aller Deutlichkeit die Situation der Flüchtlinge begreifbar. Kein Film zur guten Unterhaltung, sondern einer der aufrüttelt.
Donnerstag, 09. Juni 2016
Auf den Hund gekommen
Wir haben heute viel gelacht, aber niemand weiß so genau warum

WIENER-DOG (1:1.85, DD 5.1)
OT: Wiener-Dog
Verleih: Prokino (24 Bilder)
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Todd Solondz
Darsteller: Danny DeVito, Greta Gerwig, Ellen Burstyn, July Delpy
Kinostart: 28.07.2016

Ein “Wiener Dog”, die amerikanische Bezeichnung für einen Dackel, ist Dreh- und Angelpunkt von vier ziemlich skurrilen Kurzgeschichten, die Regisseur Todd Solondz in seinem neuen Film erzählt. Da ist ein kleiner Junge, der den Wiener-Dog von seinem Vater geschenkt bekommt, als eine Art Belohnung für die überstandene Chemotherapie. Allerdings führt das Füttern des kleinen Dackels mit einem Müsli-Riegel zu einem beschissenen Problem (im wahrsten Sinne des Wortes). Als das Hundeweibchen schließlich eingeschläfert werden soll, nimmt sich ihrer die Tierarztassistentin Dawn an. Als sie im Supermarkt ein paar Leckerlis kaufen möchte, trifft sie dort ihren alten Schulkameraden Brandon, der sie zu einer Spritztour nach Ohio überredet. Dass er inzwischen zum Junkie geworden ist, ahnt sie noch nicht. Bei Brandons behindertem Bruder und dessen Frau schließlich lassen die beiden den Dackel zurück und fahren in eine ungewisse Zukunft. Passend zu den skurrilen Situationen der ersten beiden Geschichten gibt es jetzt eine Pause – unterlegt mit einem fetzigen Cowboy-Song Wiener Art, während man im Bild das Dackelweibchen halb Amerika durchstreifen sieht. Wieners nächstes Herrchen ist der abgewrackte Filmprofessor Schmerz (köstlich gespielt von Danny DeVito), der noch immer darauf hofft, dass sein neues Drehbuch in Hollywood Anklang findet. Doch weder dort noch bei seinen Studenten stellt sich Erfolg ein, so dass Schmerz zu einer Verzweiflungstat greift. Die den Dackel schließlich zu einer alten Dame bringt, die von ihrer Enkelin ausgehalten und mit ihrem verkorksten Leben konfrontiert wird. Mit viel schwarzem Humor, aberwitzigen Situationen und abgewrackten Charakteren präsentiert Solondz eine Nummernrevue, die viele Zuschauer vermutlich achselzuckend im Kinosaal zurücklassen dürfte. Ein Film nicht von dieser Welt, aber doch irgendwie verwurzelt in ihr.
Dienstag, 07. Juni 2016
Sie wollen einfach nur leben
Eine Komödie aus Israel und ein Drama aus Indien beschäftigten mich heute

ATOMIC FALAFEL (1:1.85, 5.1)
OT: Atomic Falafel
Verleih: Movienet (24 Bilder)
Land/Jahr: Israel, Neuseeland, Deutschland 2015
Regie: Dror Shaul
Darsteller: Michelle Treves, Shai Avivi, Mali Levi Gershon, Alexander Fehling
Kinostart: 14.07.2016

Während unter ihnen die israelische Armee in einer geheimen Kommadozentrale einen atomaren Schlag gegen den Iran vorbereitet, verkaufen Mimi und ihre Tochter Nofar nichtsahnend ihre leckeren Falafel an die Soldaten. Als ausgerechnet jetzt die Internationale Atomenergie-Kommission zur Kontrolle vorbeischaut, verliebt sich Mimi in den Deutschen Oliver. Den Militärs ist das ein Dorn im Auge, weil sie befürchten aufzufliegen. Dann aber gelangen Nofar und ihr Freund, ein Computer-Hacker, in den Besitz einer brisanten Daten-CD – und die Dinge nehmen ihren unvorhersehbaren Lauf... Das ist wirklich kühn, wie das neue israelische Kino die schwelende Feindschaft mit dem Iran in eine anspruchsvolle Komödie umsetzt! Natürlich sind es nur die alten Kriegsherren beider Länder, die gegenseitig einen Atomschlag planen. Die jungen Menschen interessiert das alles nicht. Sie wollen nur eins: leben! Die 15jährige Israelitin Nofar steht kurz vor ihrem ersten Mal, ihre gleichaltrige iranische Internetfreundin möchte einfach nur Rapperin werden. Feindschaft gibt es auf dieser Ebne längst nicht mehr. Dror Shaul inszeniert seinen Film als Farce mit vielen Ulk-Einlagen, ohne jedoch seine wichtige Botschaft unter den Tisch zu kehren. Sein attraktiv besetzter Film macht nach kurzen Anlaufschwierigkeiten wirklich Laune und sollte insbesondere in der mehrsprachigen Originalfassung angeschaut werden. Zu wünschen wäre, dass es noch mehr solcher Filme in Zukunft gibt.

7 GÖTTINNEN (1:2.35, 5.1)
OT: Angry Indian Goddesses
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Indien, Deutschland 2015
Regie: Pan Nalin
Darsteller: Sarah-Jane Dias, Sandhya Mridul, Amrit Maghera, Rajshri Deshpande, Pavleen Gujral, Tannishtha Chatterjee
Kinostart: 16.06.2016

Freida lädt ihre sechs besten Freundinnen nach Goa ein, um gemeinsam ihre Hochzeit zu feiern. Wen sie heiratet bleibt zunächst ein Geheimnis und gibt den sehr unterschiedlichen Frauen Zeit, über den Bräutigam zu rätseln sowie über Gott und die Welt zu philosophieren. Doch die anfangs ausgelassene Stimmung kippt, je mehr Geheimnisse gelüftet und Lebenslügen enttarnt werden... Wer jetzt glaubt, dass Pan Nalins Ensemblefilm Indiens Antwort auf den amerikanischen BRAUTALARM ist, der liegt falsch. Was anfangs noch recht amüsant anmutet, wird ziemlich schnell ein tiefschürfender Film, in dem die Frauenrechte in Indien thematisiert werden. Da geht es um sexuelle Übergriffe, Homosexualität, die Rolle der Frau in der Ehe – wahrhaftig nicht die Themen gängiger Bollywood-Ware. Dafür aber ein Film, der schon längst überfällig war. Möglicherweise hätte es ihn nie gegeben, wäre nicht auch Geld aus Deutschland mit in die Produktion eingeflossen. 7 GÖTTINNEN ist an westlichen Standards inszeniertes Arthaus-Kino, bei dem zusammen mit dem spielfreudigen Ensemble gelacht und geweint werden darf und das am Ende Betroffenheit auslöst. Ein Ende allerdings, das sich anfühlt wie ein Wunschtraum. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Freitag, 03. Juni 2016
Der alte Mann und das Mädchen
Nach dem Besuch in einer Pariser Stadtwohnung ging es auf die Tanzfläche nach New York

FRÜHSTÜCK BEI MONSIEUR HENRI (1:2.35, DD 5.1)
OT: L' Etudiante Et Monsieur Henri
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Frankreich 2015
Regie: Ivan Calbérac
Darsteller: Claude Brasseur, Guillaume de Tonquedec, Noémie Schmidt
Kinostart: 21.07.2016

Monsieur Henri, ein grantiger alter Mann, der ganz alleine in einer riesigen Pariser Stadtwohnung lebt, erhält auf Wunsch seines Sohnes eine Untermieterin. Studentin Constance soll sich etwas um den Alten kümmern. Tatsächlich gelingt es ihr, Henri Paroli zu bieten. Doch ihre Finanzen sind alles andere als erfreulich. Henri macht ihr ein unwiderstehliches Angebot: falls es ihr gelingt, seinen Sohn von der verhassten Schwiegertochter zu trennen, muss sie keine Miete mehr zahlen... Der alte Mann und das Mädchen – Claude Brasseur (im Original mit herrlich kratzender Stimme) und Noémie Schmidt geben ein nettes Gespann ab, das da in der riesigen Pariser Altbauwohnung lebt. Erst mit der Zeit öffnet sich Monsieur Henri, verliert sein grantiges Wesen und wird so für Constance zu einem Ersatzvater. FRÜHSTÜCK BEI MONSIEUR HENRI ist eine leichte französische Komödie mit melancholischem Touch. Kein großer Wurf, dafür aber viel Wohlfühleffekt.


STREETDANCE NEW YORK (1:2.35, 5.1)
OT: High Strung
Verleih: SquareOne/Universum (Walt Disney)
Land/Jahr: USA, Rumänien 2016
Regie: Michael Damian
Darsteller: Keenan Kampa, Nicholas Galitzine, Sonoya Mizuno, Jane Seymour
Kinostart: 14.07.2016

Mitten im hektischen New York treffen sie aufeinander: Johnnie, ein begnadeter Geiger ohne Visum und ohne Geld, und Ruby, die hier ihren Traum verfolgt, Tänzerin zu werden. Beide spüren eine tiefe Verbundenheit miteinander, doch lassen die Probleme nicht auf sich warten. Johnnies wertvolle Geige wird gestohlen und Ruby muss sich gegen eine Diva behaupten. Ein Hoffnungsschimmer: das Preisgeld eines Wettbewerbs, das alle Probleme beseitigen könnte. Gemeinsam wollen Ruby, Johnnie und eine Street Dance Crew ihr Glück versuchen. Doch die Konkurrenz ist stark... Der mit einem recht unglücklich gewählten deutschen Titel versehene Film folgt hinlänglich bekannten Mustern ähnlicher Filme. Da wird eine Liebesgeschichte zum zentralen Bestandteil eines Musik- und Tanzwettbewerbs, dessen Ende natürlich ganz im Sinne der Zuschauer ausfällt. Dazwischen werden immer wieder Tanznummern aus teils alltäglichen Situationen heraus entwickelt. Wie beispielsweise ein Dance Battle zwischen zwei rivalisierenden Street Dance Crews, der in einer New Yorker U-Bahn-Station inszeniert wird und für den Rest des Films keine weitere Bedeutung mehr hat. Abgesehen von ein paar typischen Hip-Hop-Einlagen liegt der Schwerpunkt der musikalisch-tänzerischen Darbietungen im Gegensatz zu anderen “Street Dance”-Filmen eher im klassischen Bereich, was dem Ganzen damit zumindest eine ganz neue Perspektive gibt. Filmkenner werden in Michael Damians Film sogar eine Hommage an Alan Parkers FAME entdecken: wenn sich Ruby und Jazzy während des Ballettunterrichts unterhalten, werden ganze Kameraeinstellungen aus dem Klassiker übernommen. Der als amerikanisch-rumänische Coproduktion entstandene Film (Außenaufnahmen in New York, Studioaufnahmen in Bukarest) stellt aber trotzdem kurzweilige Unterhaltung dar. Mit seiner ebenso jungen wie gutaussehenden Besetzung dürfte er tanzbegeisterte Teenager ansprechen.
Mittwoch, 01. Juni 2016
Glücklich in der Diktatur
Zur Wochenmitte mal wieder eine interessante Dokumentation

MEINE BRÜDER UND SCHWESTERN IM NORDEN (1:1.78, 5.1)
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Deutschland, Nordkorea 2016
Regie: Cho Sung-hyung
Kinostart: 14.07.2016

Die Filmemacherin Cho Sung-hyung stammt zwar aus Südkorea, doch besitzt sie inzwischen einen deutschen Pass. Als Südkoreanerin hätte sie niemals nach Nordkorea einreisen dürfen, da die beiden Länder in Feindschaft Grenze an Grenze leben. Der deutsche Pass jedoch ermöglichte es Cho, in den diktatorischen Norden einzureisen und einen Dokumentarfilm zu drehen. Natürlich nur an Stellen, die von den Regierenden abgesegnet wurden. Doch gewährt ihr Film gerade deshalb tiefe Einblicke in ein sozialistisches Land, in dem zumindest die Vorzeigebürger an das glauben was ihnen von oben gesagt wird. Die Dokumentation nimmt spätestens dann beängstigende Züge an, wenn ein Kindergarten gezeigt wird, in dem die Kleinen bereits Lobeshymnen auf ihren Führer einstudieren. Immer wieder fragt Cho ihre Interviewpartner, was denn ihre größten Wünsche sind. Doch Wünsche existieren in diesem Land offenbar nicht mehr – man weicht aus. Jedoch nicht, weil man ausweichen muss, sondern weil die Ideologie des Regimes schon derart in den Köpfen der Einwohner verwurzelt ist, dass diese schon gar nicht auf die Idee kommen, eine gesunde Portion Egoismus zu entwickeln. Das Wohl aller steht hier immer im Vordergrund. Wobei mit “aller” eigentlich nur der von allen geliebte Diktator ist. Man ist erstaunt ob der Naivität, mit der die sorgfältig ausgewählten Personen ihr Leben leben. Sei es eine Arbeiterin in einer Textilfabrik, ein Kunstmaler oder eine Bauernfamilie. Cho Sung-hyung liefert einen äußerst interessanten Film über ein Land und seinen ideologischen Zustand. Sehenswert.

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