Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Donnerstag, 29. September 2016
Sie singt sich die Seele aus dem Leib
Nur noch zwei Pressevorführungen entfernt vom 70mm-Festival in Karlsruhe...

DIE MITTE DER WELT (1:2.35, 5.1)
Verleih: Universum Film (DCM)
Land/Jahr: Deutschland, Österreich 2016
Regie: Jakob M. Erwa
Darsteller: Louis Hofmann, Sabine Timoteo, Jannik Schümann
Kinostart: 10.11.2016

Phil ist 17 und auf der Suche. Weder er noch seine Zwillingsschwester kennen den Vater. Ihre unkonventionelle Mutter will es nicht verraten. Da lernt Phil seinen neuen Mitschüler Nicholas kennen und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Und Nicholas scheint interessiert... Jakob M. Erwa hat mit DIE MITTE DER WELT den gleichnamigen Bestseller von Andreas Steinhöfel inszeniert. Doch vielleicht hat er sich damit etwas zuviel aufgeladen. Denn die Coming-of-Age-Geschichte reisst zu viele Themen an, bleibt bei einigen lange hängen, verliert diese wieder aus den Augen, um ein neues Thema anzugehen. Der Film wird dadurch sehr inhomogen und verwirrend. Soll das jetzt eine schwule Liebesgeschichte sein oder die Geschichte der Suche nach dem leiblichen Vater? Der Film lässt den Zuschauer damit leider etwas im Dunkeln.

FLORENCE FOSTER JENKINS (1:2.35, DD 5.1)
OT: Florence Foster Jenkins
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Großbritannien, Frankreich 2016
Regie: Stephen Frears
Darsteller: Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg
Kinostart: 24.11.2016

New York in den 1940er Jahren. Florence Foster Jenkins, reiche Erbin und Exzentrikerin zugleich, ist davon überzeugt, dass sie göttlich singen kann. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Um jedoch von ihrem Reichtum zu profitieren, spielen alle mit und machen gute Mine zum bösen Spiel. Größtmögliche Unterstützung erfährt sie dabei von ihrem Mann St. Clair, der wirklich alles dafür tut, dass die Welt Florence im Glauben lässt, eine begnadete Sängerin zu sein. Als sie jedoch den kühnen Entschluss trifft, in der Carnegie Hall aufzutreten, stelt das St. Clair vor vollkommen neue Herausforderungen... Im vergangenen Jahr inszenierte Xavier Giannoli seinen Film MADAME MARGUERITE ODER DIE KUNST DER SCHIEFEN TÖNE, der nichts anderes tat, als die Geschichte der Florence Foster Jenkins aufgrund von Lizenzschwierigkeiten getarnt zu verpacken. Jetzt also liefert der britische Star-Regisseur Stephen Frears die wahre Geschichte jener vermögenden Dame, deren Gesangsdarbietungen in der Carnegie Hall der bis heute meist gewünschte Download der Website dieser weltberühmten Konzerthalle ist. Meryl Streep spielt diese tragische Figur, die von ihrer Sangeskunst überzeugt ist, aber nicht imstande ist, auch nur einen einzigen Ton zu treffen. Und Streep läuft damit zu Hochform auf wie lange nicht mehr. An ihrer Seite ein sichtlich in die Jahre gekommener Hugh Grant als Florence Foster Jenkins‘ Ehegatte, der aus Liebe zu ihr alles dafür tut, dass sie im Glauben bleibt, eine wahre Künstlerin zu sein. Mit exquisitem Zeitkolorit ausstaffiert, bringt der Film sein Publikum ebenso zum Lachen wie er es auch berührt.
Mittwoch, 28. September 2016
Juden, Mexikaner und Schweden
Mit gleich drei Langfilmen schlug die Pressewoche mal wieder unerbittlich zu. I like it!

EINE GESCHICHTE VON LIEBE UND FINSTERNIS (1;2,35, 5.1)
OT: A Tale Of Love And Darkness
Verleih: Koch Media (Filmagentinnen)
Land/Jahr: USA 2015
Regie: Natalie Portman
Darsteller: Natalie Portman, Makram Khoury, Amir Tessler
Kinostart: 03.11.2016

Jerusalem in den 1940er Jahren. Begeistert lauscht der kleine Amos den Geschichten seiner Mutter, die sein Vater, ein Bibliothekar, nicht allzu ernst nimmt. Vertrieben aus Polen wartet die jüdische Familie darauf, endlich eine rechtmäßige Heimat zu bekommen. Doch der große Traum der Mutter scheint unerfüllt zu bleiben... Slawomir Idziak liefert berauschende Bilder, Nicholas Britell unterlegt sie mit einer großartigen Filmmusik. Für ihr Regie-Debüt hat sich die in Israel geborene Schauspielerin Natalie Portman gleich mit Hochkarätern zusammengetan und zudem mit Amir Tessler eine grandiose Besetzung für den jungen Amos gefunden. Die Verfilmung des autobiographischen Romans von Amos Oz übt eine ungeheure Faszination aus, lässt den Zuschauer in die Bilder eintauchen, am Schicksal der Familie teilhaben, deren Mutter in Depressionen versinkt. Gleichzeitig schildert der Film die unheilvolle Zeit bis zur Gründung des Staates Israel und den sich daraus entwickelnden Krieg.

SOY NERO (1:1.85, 5.1)
OT: Soy Nero
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Deutschland, Frankreich, Mexiko 2016
Regie: Rafi Pitts
Darsteller: Johnny Ortiz, Rory Cochrane, Joel McKinnon Miller
Kinostart: 10.11.2016

Mit großen Hoffnungen kommt der 17jährige Soy Nero als illegaler Einwanderer von Mexiko in die USA, wo sein Bruder lebt. Einst hat er selbst dort gelebt, wurde aber abgeschoben. Die Begegnung mit seinem Bruder jedoch verläuft alles andere als gut: der macht auf großen Macker in einer Villa, in der er nur als Diener engagiert ist. Soys einzige Chance, in den USA Fuß fassen zu können: er meldet sich zum Militärdienst, um dadurch eine Green Card zu erhalten... Rafi Pitts widmet seinen Film all jenen Ausländern, die als Greencard-Soldaten für Amerika im Einsatz waren und zum Dank wieder abgeschoben wurden. Exemplarisch am Schicksal der titelgebenden Figur wird ein solcher Fall durchexerziert. Und das in nur wenigen, aber ungewöhnlich langen Sequenzen. Mit überzeugenden Darstellern, faszinierenden Bildern und eindringlichem Sounddesign gelingt ein ungemein spannender Film, der die Doppelmoral der Amerikaner entlarvt und sie als das zeigt, was sie ist: menschenverachtend. Angesichts der prekären Flüchtlingssituation auf der ganzen Welt kommt Rafi Pitts genau zur richtigen Zeit und macht klar, dass nicht nur immer mit dem Finger auf Europa gezeigt werden sollte.

PETTERSSON UND FINDUS: DAS SCHÖNSTE WEIHNACHTEN ÜBERHAUPT (1:1.85, 5.1)
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Ali Samadi Ahadi
Darsteller: Stefan Kurt, Marianne Sägebrecht, Max Herbrechter
Kinostart: 03.11.2016

Weihnachten ist das Fest der Freunde. So jedenfalls versteht das der immer zu lustigen Streichen aufgelegte Findus, als ihm der alte Pettersson erklärt, dass es das Fest der Freude ist. Und Findus wünscht sich nichts sehnlicher, als dass es dieses Mal das schönste Weihnachten überhaupt wird! Mit einem großen Weihnachtsbaum, vielen Freunden und vor allen Dingen Schokoladenpudding. Dumm nur, dass sich Pettersson ausgerechnet jetzt das Bein verknackst. Also nichts mit Baum schlagen, leckere Sachen einkaufen oder Freunde einladen. Aber der Gute könnte sich doch eigentlich von seinen etwas nervenden, aber immer gutmütigen Nachbarn helfen lassen. Dafür aber braucht es erst einmal viel Überzeugungsarbeit seitens Findus... Im zweiten Live-Action-Abenteuer nach den Bilderbüchern von Sven Nordqvist gibt es viel zu lachen: eine Schneeballschlacht in der Küche, eine unfreiwillige Schlittenfahrt, streikende Hühner. Für mit musikalischem Pomp untermalte Action ist reichlich gesorgt. Aber auch an kuscheligen Momenten fehlt es nicht, etwa wenn die winzig kleinen Mucklas, die in den Hohlräumen unter den Fußbodendielen hausen, ihren Weihnachtsbaum aufstellen und ein grandioses Weihnachtsfest begehen. Da merkt man, dass die Filmemacher hier viel Liebe zum Detail an der Arbeit waren. Freilich überwiegt im Film die etwas grobschlächtigere Handlungsebene. Die wurde mit pädagogisch Wertvollem angereichert. Da geht es darum, auch mal Hilfe anzunehmen, wenn sie angeboten wird. Das hilft dann nicht nur einem selber, sondern macht auch diejenigen glücklich, die Hilfe anbieten. Die Animation des Katers Findus enttäuscht leider. Ist man es von Animationen mit hohem Budget inzwischen gewohnt, jedes einzelne Härchen bei einer Figur zu erkennen, so springt einem die Eindimensionalität dieser Computerfigur direkt ins Auge. Mit seiner Lauflänge von 80 Minuten könnte der Film zudem gerade für seine Zielgruppe – Kinder im Vorschulalter – tatsächlich etwas zu lang geraten sein. Für begleitende Eltern ist er es definitiv.
Dienstag, 27. September 2016
Topographie des Terrors
Einem Spielfilm nach einer wahren Geschichte sowie einem Dokumentarfilm widmete ich heute ein bisschen meiner Lebenszeit

DIE REISE MIT VATER (1:2.35, 5.1)
Verleih: Movienet (24 Bilder)
Land/Jahr: Deutschland, Ungarn, Rumänien 2016
Regie: Anca Miruna Lazarescu
Darsteller: Alex Margineanu, Razvan Enciu, Ovidiu Schumacher, Susanne Bormann
Kinostart: 17.11.2016

1968: Weil seinem Vater in Rumänien medizinisch nicht geholfen werden kann, beschließt Mihai, ihn gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Emil zu einem Spezialisten nach Dresden zu bringen. Doch als die Drei mit ihrem Auto in der DDR ankommen, werden sie unter einem Vorwand festgesetzt – wie viele andere Reisende auch. Erst jetzt erfahren sie, dass die Russen in der Tschechoslowakei einmarschiert sind. Mihai, fest dazu entschlossen, seinem Vater zu helfen, gibt nicht auf. Mit Hilfe des rumänischen Botschafters in der DDR erwirkt er die Ausreise nach Westdeutschland. Dort finden die Drei Unterschlupf bei Ullrike, die ebenfalls festgehalten wurde. Doch dann bricht Mihais Vater plötzlich zusammen... Angesichts der vielen dramatischen Familiengeschichten, die in den letzten Monaten in die Kinos kommen, entwickelt man ja fast schon Komplexe, dass man selbst nicht derart spannende Geschichten vorweisen kann! Jetzt also erzählt Anca Miruna Lazarescu die Geschichte ihres Vaters, der in den Wirren des Prager Frühlings auf abenteuerliche Weise den Weg in den Westen gefunden hat, nur um am Ende wieder freiwillig in die Heimat zurückzukehren. Es ist nicht nur die Geschichte einer Flucht, die eigentlich so gar nicht geplant war, sondern auch ein Rückblick in ein dunkles Kapitel der Geschichte. Der in den Hauptrollen gut besetzte Film wirkt ab und an etwas holprig in der Inszenierung, was vermutlich einem geringen Budget geschuldet ist. Die mit Susanne Bormann besetzte Rolle der Ullrike von Syberg, die den Rumänen hilft, erscheint leider etwas zu modern und passt damit nicht ganz zum Rest der Personen. Überstrapziert: das sich ständig wiederholende melancholische Klavierstück, mit dem der Film unterlegt ist.

DAS GELÄNDE (1:1.85, 5.1)
Verleih: Film Kino Text
Land/Jahr: Deutschland 2013
Regie: Martin Gressmann
Kinostart: 09.11.2016

27 Jahre lang hat Martin Gressmann das “Gelände” mit der Kamera beobachtet. Von 1987 bis 2013 dokumentierte er den stetigen Wandel dort, wo einst die Zentrale der Gestapo und der Reichsführung stand. Erst ein verwahrlostes Stück Land mitten in Berlin, später als “Topographie des Terrors” ausgerufen. Was nach 1945 unter Schutt und Asche lag, wird Stück für Stück wieder freigelegt – um zu begreifen, was dort während des Nazi-Terrors geschah. Unsichtbar über die Bilder Gressmanns gelegt, hört man Fachleute über das “Gelände” erzählen, wendet sich Gressmann in Briefen an seine Großmutter, um ihr seine Eindrücke über den zaghaften Fortschritt der vorgesehenen Nutzung zu berichten. DAS GELÄNDE ist ebenso ungewöhnlich wie unspektakulär und regt zum Nachdenken an.
Montag, 26. September 2016
Sommer, Sonne und Trauerbewältigung
Ganz sachte ging es heute mit einer prall gefüllten Pressewoche los

DIESES SOMMERGEFÜHL (1:1.85, 5.1)
OT: Ce Sentiment De L'été
Verleih: Rendezvous
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland 2015
Regie: Mikhael Hers
Darsteller: Anders Danielsen Lie, Judith Chemla, Marin Ireland
Kinostart: 03.11.2016

Der plötzliche Tod seiner Freundin Sasha wirft die Menschen in ihrem Umfeld in eine tiefe Krise. Vor allem für ihren Freund Lawrence scheint die Zeit stehen zu bleiben. Wird er jemals wieder lieben können? Erst drei Jahre später wird sich die Antwort finden... Für das, was am ehesten noch an die Filme eines Eric Rohmer erinnert, braucht es schon einen langen Atem. Trotz der noch als angenehm empfundenen Länge von 106 Minuten zieht sich der Film endlos dahin. Nicht weniger als drei Weltstädte (Berlin, Paris, New York) lässt Regisseur Mikhael Hers von seinen Protagonisten im Laufe von etwa drei Jahren bereisen, um ihre Trauerbewältigung zu absolvieren und neue Hoffnung zu schöpfen. Dabei konzentriert sich der Film mal auf den Amerikaner Lawrence, mal auf Sashas Schwester, die Französin Zoé, mäandert zwischen den Beiden hin und her, bringt deren Freunde und Freundinnen ins Spiel und verliert sie wieder aus den Augen. So etwas lässt sich durchaus mal im Rahmen einer halben Stunde anschauen, doch spätestens danach fragt man sich, wohin uns diese Reise eigentlich führen soll. Deplatziert wirkt Anders Danielsen Lie in der Rolle des Lawrence, der offenbar nicht in der Lage ist, Gefühle von der Leinwand in den Zuschauerraum zu transportieren. Es wird viel gesprochen in diesem Sommerfilm, vielleicht sogar ein bisschen zu viel. Immerhin gelingt es der Kamera (Sébstian Buchmann), die drei Weltmetropolen aus einem vollkommen ungewohnten Blickwinkel zu präsentieren. Das freilich macht noch keinen Film.
Sonntag, 25. September 2016
Ein Heldenepos
Da sich Sony beharrlich weigert, seine Produktpalette den Stuttgarter Pressevertretern zu präsentieren, war für mich mal wieder ein Nachsitzen angesagt

DIE GLORREICHEN SIEBEN (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Magnificent Seven
Verleih: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Antoine Fuqua
Darsteller: Denzel Washington, Chris Pratt, Ethan Hawke
Kinostart: 22.09.2016

Als der friedliche Ort Rose Creek von einem Großindustriellen bedroht wird, weil dieser genau dort uneingeschränkt nach Gold schürfen möchte, macht sich die Witwe Emma auf Hilfe zu holen. Diese findet sie bei dem schwarzen Kopfgeldjäger Sam Chrisolm, der einen kleinen Trupp von Revolverhelden zusammenstellt, um die Einwohner im Kampf gegen den übermächtigen Platzhirsch zu unterstützen... In Remakes von Klassikern geht man ja bekanntlich immer mit gemischten Gefühlen. Jedoch überrascht Antoine Fuquas mit seiner Interpretation der “Sieben Samurai”, jenem japanischen Klassiker, der die Vorlage zum Western von John Sturges aus dem Jahre 1960 lieferte. Natürlich enthält Fuquas Version jetzt deutlich mehr Gewalt, weil das ja inzwischen (leider) salonfähig geworden ist. Doch immerhin hat der Regisseur ein Händchen für seine Figuren, die durch die Bank gut besetzt sind. Es gibt zwar auch eine starke Frauenfigur in diesem von Männern dominierten Film, doch gibt ihr das Drehbuch kaum eine Chance auf Entfaltung. Ärgerlicher sind da die Ungereimtheiten, die sich einem während des Films aufdrängen und die man tunlichst verdrängen sollte, um sich den Spaß nicht zu verderben. Das wirklich Grandiose an diesem Remake ist Mauro Fiores Kameraarbeit. Unter ständigem Einsatz von Kamerakrans versteht er sich vorzüglich darauf, die Geschichte in die überwältigende Landschaft zu integrieren und das CinemaScope-Format perfekt dafür zu nutzen. Etwas lächerlich hingegen wirkt die Filmmusik, die es zwar tunlichst zu vermeiden versucht, Elmer Bernsteins berühmte Filmmusik zu kopieren, jedoch in der Percussion-Gruppe den “Marlboro”-Rhythmus nicht unterdrücken kann. Wenn dann beim Abspann zu ersten Mal das Bernstein-Thema aus dem 1960er-Film unverfälscht zu Gehör gebracht wird, so macht dieses “Versteckspiel” während des Films überhaupt keinen Sinn mehr. Apropos Musik: als Komponisten werden der im vergangenen Jahr bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen James Horner sowie ein gewisser Simon Franglen genannt. Letzterer dürfte vermutlich die Aufzeichnungen, die Horner noch zu Lebzeiten gemacht hat, in Orchestermusik umgesetzt haben. Man erkennt das zumindest an den Horner-typischen Klängen. Schaut man sich den Abspann des Films an, so wird auch noch Musiktonmeister Simon Rhodes als Komponist zusätzlicher Musik genannt. Rhodes hat viele Scores für Horner aufgenommen.
Donnerstag, 22. September 2016
Der Getriebene
Die dritte und letzte Pressevorführung dieser Woche versuchte sich an einem Künstlerporträt

MAPPLETHORPE: LOOK AT THE PICTURES (1:1.78, 5.1)
Verleih: Kool
Land/Jahr: Deutschland, USA 2016
Regie: Fenton Bailey, Randy Barbato
Kinostart: 03.11.2016

1988 starb er im Alter von gerade einmal 42 Jahren: der amerikanische Ausnahmefotograf Robert Mapplethorpe, berühmt-berüchtigt für seine sexuell expliziten Schwarzweißaufnahmen. In ihrem Dokumentarfilm versuchen die Regisseure Fenton Bailey und Randy Barbato dem Phänomen Mapplethorpe möglichst nahe zu kommen und zu erklären, was ihn zu einem Getriebenen gemacht hat. Dabei spielt sein ausschweifendes (homosexuelles) Sexleben eine ebenso große Rolle wie seine eigentliche Kunst – für ihn war das eine vom anderen nicht zu trennen. Wegbegleiter, Galeristen, Modelle (darunter auch Prominente wie Deborah Harry oder Brooke Shields) sowie Mapplethorpes Mutter und Geschwister erzählen, wie sie den außergewöhnlichen Künstler, der zeitlebens polarisierte, erlebt haben. Gleichzeitig versucht sich die Doku an der Beantwortung der Frage, was nun eigentlich Kunst ist und was bereits Pornographie.
Montag, 19. September 2016
Ein Amerikaner in Heidelberg
Ein Pubertätsdrama und eine Fantasy-Geschichte bestimmten meinen Tag

MORRIS AUS AMERIKA (1:1.85, 5.1)
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Deutschland, USA 2015
Regie: Chad Hartigan
Darsteller: Markees Christmas, Craig Robinson, Carla Juri
Kinostart: 03.11.2016

Mit 13 Jahren hat man es nicht leicht. Und schon gar nicht, wenn man in Deutschland als Ausländer gilt, etwas mollig ist und schwarz noch dazu. Morris lebt mit seinem Vater in Heidelberg und versucht, Freunde zu finden und sich als Gangster Rapper zu etablieren. Als er eines Tages Katrin kennenlernt, steht seine Welt plötzlich Kopf... Eine Coming-of-Age-Geschichte der besonderen Art: Morris ist nicht nur ein Amerikaner in Heidelberg, sondern auch noch schwarz. Er fühlt sich ausgeschlossen, passt nirgendwo richtig hinein und lernt zum ersten Mal die Liebe kennen. Eine Liebe allerdings, mit der er sich viele Blessuren einhandelt. Chad Hartigans mit Markees Christmas in der Titelrolle wunderbar besetzter Film gibt sich zwar manchmal etwas unbeholfen, entwickelt aber große Sympathien für seine Figuren.


DIE INSEL DER BESONDEREN KINDER (1:1.85, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Tim Burton
Darsteller: Eva Green, Asa Butterfield, Samuel L. Jackson, Judi Dench, Terence Stamp
Kinostart: 06.10.2016

Mit dem gewaltsamen Tod seines Großvaters ändert sich für Jake alles. Zusammen mit seinem Vater begibt er sich auf die Reise zu jener Insel, auf der sein Opa aufgewachsen ist. Ohne Vorwarnung steht Jake plötzlich vor einem riesigen alten Haus, dessen Bewohner allesamt Kinder mit übernatürlichen Fähigkeiten sind. Sie alle sind in der Obhut von Miss Pelegrine, die Jake offenbart, dass nur Kinder mit besonderen Fähigkeiten zu ihr finden. Das aber ist erst der Anfang des größtem Abenteuer seines Lebens... Nach dem unsäglich trögen zweiten Teil von ALICE IM WUNDERLAND gewinnt Tim Burton mit seinem neuen Film endlich mal wieder etwas Boden unter den Füßen. Die Geschichte, die der Feder eines Road Dahl hätte entspringen können, mutet zwar an wie eine Kinderversion der X-MEN, vermag aber trotzdem zumindest in der zweiten Hälfte zur Hochform auflaufen. Besonders rasant inszeniert ist eine Szene am Pier, in der sich Skelette mit Monstern einen erbitterten Kampf liefern und die man durchaus als eine Hommage an Ray Harryhausens berühmte Sequenz aus JASON UND DIE ARGONAUTEN ansehen kann. Neu bei Burton: Hauskomponist Danny Elfman wurde durch ein Komponistengespann ersetzt. Das macht den Score nicht etwa schlecht – ganz im Gegenteil. Auch hier gibt es eine ganze Menge von Referenzen zu anderen Filmmusiken, was sicherlich beabsichtigt ist. Für Fans spannender Fantasy-Unterhaltung mit einem Spritzer Romantik Pflicht.
Sonntag, 18. September 2016
Auf dem Weg in die Walachei
Weil Sudiocanal den Film in Stuttgart der Presse vorenthielt, habe ich ihn heimlich nachgesessen

TSCHICK (1:1.85, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Fatih Akin
Darsteller: Anand Batbileg, Tristan Göbel, Nicole Mercedes Müller
Kinostart: 15.09.2016

Der 14jährige Maik ist ein Außenseiter in seiner Schule – die Mutter Alkoholikerin, der Vater Choleriker. Und Maik hat sich unsterblich in das schönste Mädchen in seiner Klasse verliebt. Die aber ignoriert ihn komplett und lädt ihn als Einzigen nicht zu ihrer Party ein. Als Einzigen? Nein – auch sein Mitschüler, der Exil-Russe Tschick, wurde nicht eingeladen. Und jetzt beginnen auch noch die Sommerferien. Da steht Tschick plötzlich mit einem geklauten Lada bei Maik auf der Matte. Damit will er in die Walachei fahren und überredet Maik mitzukommen. Damit beginnt der abenteuerlichste Roadtrip seines Lebens... Um ein Mädchen zu erobern, muss man extrem cool sein. Das ist eine von vielen Lebensweisheiten, die “Tschick” seinem Kumpel Maik mit auf den Weg gibt. Fatih Akin hat den bekannten Roman von Wolfgang Herrndorf über eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen zwei Außenseitern zu einem wunderbaren Road Movie adaptiert und nimmt seine Zuschauer mit auf eine Reise, die von coolen Sprüchen, noch cooleren Aktionen und teils skurrilen Begegnungen im Osten Deutschlands geprägt wird. Da darf auch die Musikcassette von Richard Clayderman nicht fehlen, die zwar zum Stil der beiden Halbwüchsigen überhaupt nicht passt, aber trotzdem im Verlauf des Films zu ihrem Soundtrack wird. Darstellerisch ist Akins Film allererste Sahne. Seine Jungdarsteller gehen förmlich in ihren Rollen auf. Dank eines exzellenten Schnitts entstehen zudem keine Längen im Film und die dezente “Dolby Atmos”-Tonspur unterstützt den Film akustisch in perfekter Weise. TSCHICK ist uneingeschränkt zu empfehlen – und nicht nur für Jugendliche.
Freitag, 16. September 2016
Jungs gegen Mädchen
Mit einer Klassikerverfilmung ging die Woche zu Ende

BURG SCHRECKENSTEIN (1:2.35, 5.1)
Verleih: Concorde
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Ralf Huettner
Darsteller: Maurizio Magno, Chieloka Nwokolo, Benedict Glöckle, Sophie Rois, Henning Baum, Jana Pallaske
Kinostart: 20.10.2016

Nicht nur weil seine schulische Leistung zu wünschen übrig lässt, sondern insbesondere auch, weil sich seine Eltern in einer Trennungsphase befinden, soll der 11jährige Stephan aufs Internat – auf Burg Schreckenstein. Dort angekommen muss er sich erst einmal seinen Platz in der Jungengemeinschaft verdienen. Das ist nicht einfach, doch bewährt sich Stephan beim Duell mit dem benachbarten Mädcheninternat Rosenfels... Mit BURG SCHRECKENSTEIN hat sich Regisseur Ralf Huettner an die Verfilmung der erfolgreichen Kinder- und Jugendbuchreihe von Oliver Hassencamp gewagt. Natürlich wurde die Vorlage, die in den Jahren 1959 bis 1988 entstand, auf denn neuesten Stand gebracht. So gibt es jetzt beispielsweise nicht nur Handys, sondern auch Drohnen, mit denen die Jungs den Mädels einen bösen Streich spielen können. Freundschaft, Solidarität und das beginnende Interesse für das jeweils andere Geschlecht sind die großen Themen, die der Film auf unterhaltsame Weise für seine Zielgruppe, die 8- bis 12-jährigen, aufbereitet. Aber man kann auch als Erwachsener durchaus Spaß an der Geschichte haben, denn ein jeder wurde schließlich irgendwann einmal in seiner Kindheit mit genau diesen Themen konfrontiert. “Wir sind nicht auf dieser Welt, um so zu sein, wie es anderen gefällt” “rappt” es auf der Tonspur des Films, was zugleich eine klare Ansage ist und soviel bedeutet wie “Lass Dich nicht unterkriegen, sondern mach Dein Ding”. Eine wichtige Erkenntnis in Zeiten wie diesen, wo Kinder viel zu oft darauf gedrillt werden, sich unterzuordnen. Und Stephan wird sein Ding machen. Denn am Ende fasst er sich ein Herz und sagt seinen Eltern, die ihn wieder aus dem Internat nach Hause holen wollen, dass er lieber bei seinen Freunden im Internat bleiben möchte. Es ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft.
Donnerstag, 15. September 2016
Tanzen und Shredden
Sport war das verbindende Element der heutigen Filme

DIE TÄNZERIN (1:2.35, DD 5.1)
OT: La Danseuse
Verleih: Prokino (24 Bilder)
Land/Jahr: Frankreich, Belgien 2016
Regie: Stéphanie Di Giusto
Darsteller: Soko (Stéphanie Sokolinski), Lily-Rose Melody Depp, Gaspard Ulliel
Kinostart: 03.11.2016

Aufgrund einer Sperrfristvereinbarung gibt es die Kurzkritik zu diesem Film erst ab 05.10.2016 an dieser Stelle


THE FOURTH PHASE (1:1.85, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
Verleih: Studio Hamburg Enterprises
Land/Jahr: Österreich 2016
Regie: Jon Klaczkiewicz, Curt Morgan
Kinostart: 03.10.2016

Die Extremsport-Doku konzentriert sich auf den Snowboarder Travis Rice und einige seiner Kollegen, die auf eine Shredding-Tour von Japan über Russland bis nach Alaska reisen, um ihre Leidenschaft voll ausleben zu können. Dabei spielt zumindest für Rice der Kreislauf des Wassers eine bedeutende Rolle. Mit modernster Kameratechnik ausgestattet gehen die Extremsportler ans Werk, packen mitunter die Kamera mit auf ihr Board und lassen den Zuschauer so den Thrill hautnah miterleben. Dazu oft hämmernde Technomusik oder Hardrock, der die im Kino installierte Surroundsoundanlage zum Kochen bringt. Das ist alles ziemlich spektakulär, dafür aber nicht minder anstrengend. Schnelle Schnitte, brachiales Sounddesign, Voice Over – das alles erfordert höchste Konzentration. Was ein Muss für Snowboard-Fans ist, ist nur ein Kann für Normalos. Für Technikfreaks könnten die Sondereinsätze des von den Dolby Laboratories mitproduzierten Films in “Dolby Atmos”-Kinos interessant sein.
Mittwoch, 14. September 2016
Ein Vater sieht rot
Frei nach dem Motto, dass das Leben selbst die spannendsten Geschichten schreibt, gab es heute in der Presse mal wieder einen auf Tatsachen beruhenden Krimi zu sehen

IM NAMEN MEINER TOCHTER – DER FALL KALINKA (1:2.35, 5.1)
OT: Au Nom De Ma Fille
Verleih: Koch Media (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland 2016
Regie: Vincent Garenq
Darsteller: Daniel Auteuil, Marie-Josée Croze, Sebastian Koch
Kinostart: 20.10.2016

Als seine minderjährige Tochter Kalinka während ihrer Ferien in Deutschland im Jahre 1982 unter merkwürdigen Umständen zu Tode kommt, bricht für André Bamberski die Welt zusammen. Der nächste Schock ereilt den Vater, als er den Obduktionsbericht übersetzen lässt. Denn die darin enthaltenen Ungereimtheiten legen eine schlimmen Verdacht nahe: hat der Arzt und Stiefvater Kalinkas, Dieter Krombach, etwas mit dem Tod des Mädchens zu tun? Bamberski ist fest entschlossen, die Wahrheit herauszufinden und erwirkt eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Das jedoch ist erst der Beginn eines zermürbenden Kampfes um Gerechtigkeit, der auch den gesamten Justizapparat in Frage stellt und letztendlich die Frage aufwirft, ob Selbstjustiz zulässig sein sollte... In gerade einmal 87 Minuten lässt Regisseur Vincent Garenq diesen Kriminalfall, der seinerzeit für große Wellen sorgte, Revue passieren. Gezeigt werden damit eigentlich nur Momentaufnahmen dieses sich über fast 30 Jahre erstreckenden Falls, der für den Protagonisten zur Obsession wurde. Das ist zwar für die Darstellung der vielen Justizetappen dienlich, gibt aber dafür der psychologischen Entwicklung des Vaters zu wenig Spielraum, um diese genügend zu vertiefen. Nur gelegentlich darf Hauptdarsteller Daniel Auteuil dem ihn antreibenden Schmerz Ausdruck verleihen. Alles andere beherrscht Frankreichs Star freilich souverän. Als sein Antagonist steht ihm Sebastian Koch gegenüber, der als der böse Deutsche zu punkten versteht. Als besonders störend erweist sich die emotionslose deutsche Synchronisation, die zwar geschickt die Zweisprachigkeit des Originals zu kaschieren versucht, damit jedoch stellenweise ziemlich verwirrt.
Dienstag, 13. September 2016
Sex am Dienstag
An Erotik hat es bei den heutigen Pressevorführungen wahrhaftig nicht gemangelt

EGON SCHIELE – TOD UND MÄDCHEN (1:2.35, 5.1)
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Österreich, Luxemburg 2016
Regie: Dieter Berner
Darsteller: Noah Saavedra, Maresi Riegner, Valerie Pachner
Kinostart: 17.11.2016

Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der junge Künstler Egon Schiele hat die Kunstakademie geschmissen und versucht sich als freischaffender Maler. Sein Augenmerk gilt nackten Frauenkörpern und viele der Schönen stehen ihm Modell. Dazu gehören auch Minderjährige, unter anderem seine Schwester Gerti, was von der Bevölkerung argwöhnisch beobachtet wird. Doch Schiele arbeitet unbeirrt weiter – bis ihm eines Tages der Prozess gemacht wird... Der österreichische Maler Egon Schiele war zeitlebens ein Besessener und leidenschaftlicher Verfechter der Kunst, eckte aber aufgrund seiner erotisch expliziten Bilder sowie seines Lebensstils immer wieder mit der Obrigkeit an. Regisseur Dieter Berner hat sein Biopic nach dem Roman von Hilde Berger inszeniert und rückt in Rückblenden Schieles Beziehungen zu den Frauen in seinem Leben in den Mittelpunkt. Sein künstlerisches Werk, Dreh- und Angelpunkt seiner Liebesbeziehungen, wird dabei eigentlich nur gestreift. Was die Besetzung angeht, so überzeugen hier insbesondere Maresi Riegner als Schieles kleine Schwester Gerti sowie Valerie Pachner als seine Geliebte Wally Neuzil. Die Kameraarbeit sowie die Farbgestaltung überzeugen, einzig die Filmmusik stört etwas.

GLEISSENDES GLÜCK (1:2.35, 5.1)
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Sven Taddicken
Darsteller: Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Johannes Krisch
Kinostart: 20.10.2016

Helen kann nicht mehr schlafen. Nicht nur steht es um ihre Ehe mehr schlecht als recht, auch hat sie ihren Glauben verloren. Durch eine Radiosendung gerät sie an den Ratgeberautor Eduard Gluck, dessen Theorien über das Glück ihr imponieren. Sie beschließt, ihn aufzusuchen. Die Begegnung mit ihm wird nicht nur ihr Leben, sondern auch das seine radikal verändern... Der in Kapitel eingeteilte Film ist leider zäh wie Kaugummi und verstörend dazu. Was genau treibt diese beiden Seelen um, die sich immer wieder finden und verlieren? Sie tief religiös, Er von abartigem Sex besessen. Warum die beiden überhaupt miteinander wollen, bleibt mir zumindest ein kleines Rätsel. Immerhin ist es keine dieser Nullachtfünfzehn Liebesgeschichten, sondern eine höchst ungewöhnliche. Martina Gedeck und Ulrich Tukur füllen ihre Rollen gut aus, wobei sich Frau Gedeck ganz offensichtlich mit Nacktheit etwas schwer tut. Aber das passt durchaus zu dem von ihr gespielten Charakter. Ein Film ganz sicher nicht für Jedermann.
Montag, 12. September 2016
Herzlos und kaltblütig
Die volle Pressewoche startete mit einem deutsch-amerikanischen Doppelprogramm

DAS KALTE HERZ (1:2.35, 5.1)
Verleih: Weltkino
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Johannes Naber
Darsteller: Frederick Lau, Henriette Confurius, David Schütter
Kinostart: 20.10.2016

Ein Köhler geht ein Bündnis mit der Geisterwelt ein, um auch endlich einmal Ansehen und Wohlstand genießen zu dürfen. Als er schließlich auch noch sein Herz den Geistern überlässt, wird er zu einem Mensch ohne jegliches Mitgefühl... Äußerst düster inszeniert Johannes Naber seine Version des bekannten Märchens von Wilhelm Hauff und lässt sogar Horrorelemente in die Geschichte einfließen (die FSK-Freigabe ab 12 ist gerechtfertigt). Dazu gehört auch eine ziemlich imposante, lautstarke Filmmusik von Oli Biehler, die mit großem Orchester sowie Solostimme und einer extra Portion Trommeln dem Film einen fast schon überdimensionalen Charakter verleihen. Leider hat man uns in der heutigen Pressevorführung keine fertige Version des Films gezeigt, so dass ein abschließendes Urteil nicht möglich ist.

THE INFILTRATOR (1:2.35, 5.1)
OT: The Infiltrator
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Brad Furman
Darsteller: Bryan Cranston, John Leguizamo, Diane Kruger
Kinostart: 29.09.2016

Mitte der 1980er Jahre übernimmt Special Agent Robert Mazur seinen bislang gefährlichsten Undercover-Auftrag an: er soll als Geschäftsmann getarnt das mächtige Drogenkartell des Pablo Escobar unterwandern... Der nach dem Tatsachenbuch von Robert Mazur entstandene Film schildert in sehr packender Weise die lebensgefährliche Arbeit von Undercover-Agenten im Umfeld der südamerikanischen Drogenkartelle. Regisseur Brad Furman zeigt in seinem Thriller beide Seiten der Medaille. Denn durch die intensiven Beziehungen, die Agenten zu den Drogenbossen aufbauen, lassen auch Freundschaften entstehen, die sogar abgebrühte Agenten wie Mazur in Gewissensnöte stürzen. Spannend inszenierter Krimi.
Freitag, 09. September 2016
Saukomisch
Zum Wochenausklang gab es mal wieder schwäbische Hausmannskost

DIE LETZTE SAU (1:2.35, 5.1)
Verleih: Drei-Freunde (Neue Visionen)
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Aron Lehmann
Darsteller: Golo Euler, Rosalie Thomass, Thorsten Merten
Kinostart: 29.09.2016

Das Schaufelblatt löst sich vom Stiel, die Schubkarre hat einen Platten, die Dusche gibt kein Wasser mehr. Kleinbauer Huber hat die Nase voll. Als dann auch noch ein Meteorit seinen ohnehin schon maroden und überschuldeten Hof in Schutt und Asche legt, hat er endgültig genug. Er packt seine letzte Sau in den Beifahrersitz seines klapprigen Dreirad-Motorrads und fährt los, um Front gegen die Großbauern zu machen, die Betriebe wie den seinen ruinieren... An den Kernaussagen dieser melancholischen Komödie gibt es nichts zu rütteln. Da geht es um den Überlebenskampf der Kleinbauern, die sich angesichts riesiger Mastbetriebe nicht mehr halten können. Und es geht um artgerechte Haltung, die bei den Kleinbauern groß geschrieben wird, bei den Großunternehmern aber mit Füßen getreten wird. Zu recht sagt Bauer Huber “So geht es nicht weiter!”. Leider aber werden diese wichtigen Themen durch den in Schwäbisch eingesprochenen Off-Kommentar derart pädagogisch “begleitet”, das man sich als Zuschauer die Frage stellt, ob denn die Filmemacher ihr Publikum für (um es passend zu formulieren) “saudoof” halten. Dass Regisseur Aron Lehmann aus der German Mumblecore Szene stammt, merkt man dem Film hin und wieder recht gut an. Speziell dann, wenn man das Gefühl hat, dass Dialoge improvisiert werden. Oder wenn Rosalie Thomass in der Rolle der Birgit ein Lied zum Besten gibt. Dann nämlich wirkt das ziemlich unbeholfen in Szene gesetzt. Nicht ganz in das Gesamtkonzept passt ein Banküberfall, bei dem es aufgrund des schwäbisch-hochdeutschen Wortwechsels zu wirklich witzigen Irrtümern und Missverständnissen kommt, der aber mit einer Splatter-Einlage endet. Hier erscheint der Film als etwas unausbalanciert. In handwerklicher Hinsicht jedoch hat sich Lehmann jetzt weit von Mumblecore entfernt. Nicht nur ein Kamerakran kommt zum Einsatz, auch die Tonebene weiß das 5.1-Audioformat gut zu nutzen. Freilich ist der Film letzten Endes nicht viel mehr als ein Märchen. Ein Märchen allerdings, in dem sich der Wunsch eines großen Teils der Bevölkerung manifestiert. Wie schön wäre es, wenn dieses Märchen wahr werden würde.

Donnerstag, 08. September 2016
Von Wildenten, Babys und Fischen
Film satt - das zweite Presse-Triple in dieser Woche!

DIE WILDENTE (1:2.35, 5.1)
OT: The Daughter
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Australien 2015
Regie: Simon Stone
Darsteller: Geoffrey Rush, Ewen Leslie, Paul Schneider, Sam Neill
Kinostart: 27.10.2016

Als der Sohn eines Industriellen nach vielen Jahren wieder in seine alte Heimat zurückkehrt, um an der Hochzeit seines Vaters teilzunehmen, flammen nicht nur alte Freundschaften wieder auf, sondern brechen sich auch Familiengeheimnisse ganz allmählich Bahn... Frei nach dem Stück von Henrik Ibsen inszeniert Regisseur Simon Stone sein in die Jetzt-Zeit projiziertes Drama, bei dem am Ende kein Stein mehr auf dem anderen bleibt und das auf einer Lüge aufgebaute Leben zweier Familien wie ein Kartenhaus zusammenfallen lässt. Mit ungewöhnlichen Stilmitteln und einem hervorragenden Ensemble gelingt es dem Film, den Zuschauer immer weiter in seinen Bann zu ziehen, um ihn dann schließlich mit einem offenen Ende wieder freizugeben.

BRIDGET JONES’ BABY (1:2.35, DD 5.1)
OT: Bridget Jones’s Baby
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Großbritannien 2016
Regie: Sharon Maguire
Darsteller: Renée Zellweger, Colin Firth, Patrick Dempsey
Kinostart: 20.10.2016

Bridget Jones, Nachrichtenmacherin bei einem TV-Sender, ist mittlerweile 43 – und noch immer Single! Das muss sich ändern, denkt die Gestresste, und flüchtet sich nicht nur in einen One Night Stand mit einem Milliardär, sondern auch mit ihrem Mr. Darcy. Prompt wird sie schwanger. Doch wer von den beiden Verehrern ist der Vater? - Die letzte Einstellung im Film verrät uns, dass der dritte Teil der Bridget Jones Reihe womöglich noch nicht der letzte sein wird. Ein schrecklicher Gedanke in Anbetracht des neuen Films, der vergeblich versucht, in einer Länge von über zwei Stunden seine Gags an den Zuschauer zu bringen. Eine sehr ermüdende Angelegenheit und ein todsicheres Zeichen dafür, dass das Thema schon längst ausgelutscht ist. Als Gegenpol zur vollkommen überdrehten Renée Zellweger gibt es immerhin den wie immer sehr souverän agierenden Colin Firth. Wohltuend auch Emma Thompson in einer Nebenrolle als Frauenärztin, die mit typisch britischem Witz zu punkten versteht. Dennoch: wer sich nicht unbedingt langweilen möchte, der sollte den Film meiden.

FINDET DORIE (1:1.85, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Finding Dory
Verleih: Walt Disney
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Andrew Stanton, Angus MacLane
Kinostart: 29.09.2016

Schon seit ihrer Kindheit leidet Dorie, ein herrlich blau-gelb leuchtendes Fischweibchen, unter Gedächtnisschwund. Als sie noch klein ist, hat sie die starke Strömung mitgerissen und Dorie findet nicht mehr nach Hause. Eine lange Zeit ist vergangen, Dorie ist jetzt erwachsen – und erinnert sich plötzlich wieder an ihre Eltern. Unerschrocken und mutig beschließt sie, ihre Eltern zu suchen. Damit beginnt das Abenteuer ihres Lebens, bei dem ihr der kleine Nemo und sein Vater zur Seite stehen... Wenn wir in Dories Unterwasserwelt abtauchen, dann scheint die Bildwand buchstäblich mit Farben zu explodieren! So einen Farbenrausch gab es schon lange nicht mehr im Kino zu sehen. IMAX Laserprojektionen sowie Dolby Cinemas könnten hier dank des erweiterten Farb- und Kontrastumfangs sogar noch eine Schippe drauflegen. Hier zeigt sich Pixar einmal mehr von seiner besten Seite – technisch gibt es an der Fortsetzung zu FINDET NEMO nichts zu meckern. Was allerdings für die Geschichte nicht ganz stimmt. Denn die transportiert weit weniger Gefühle in den Zuschauerraum als der Vorgängerfilm. Zudem wird Dories Unvermögen, sich Dinge zu merken, auf Dauer etwas überstrapaziert. Trotzdem wartet der computeranimierte Film von Andrew Stanton und Angus MacLane mit vielen witzigen Ideen und Charakteren auf, allen voran ein Oktopus mit nur sieben Tentakeln und der Fähigkeit, sich seiner Umgebung anzupassen. Kleiner Tipp für alle Frühaufsteher (gemeint sind jene Kinogänger, die bereits beim ersten Aufflammen des Abspanns das Kino fluchtartig verlassen): es gibt nach dem Abspann noch eine ziemlich lange Bonus-Sequenz, die sich anzuschauen lohnt. Also: dranbleiben!
Dienstag, 06. September 2016
Zwei Killer und eine furzende Leiche
Schwarzer Humor dominierte die heutigen Screenings

SCHNEIDER VS. BAX (1:2.35, 5.1)
OT: Schneider Vs. Bax
Verleih: Pandastorm (Neue Visionen)
Land/Jahr: Niederlande, Belgien, Dänemark 2015
Regie: Alex van Warmerdam
Darsteller: Tom Dewispelaere, Alex van Warmerdam, Maria Kraakman
Kinostart: 20.10.2016

Zwei Auftragskiller werden vom selben Auftraggeber beauftragt, den jeweils anderen zu liquidieren. Der große Showdown soll in einem Sumpfgebiete vonstatten gehen. Allerdings sehen sich beide Killer bald schon mit unvorhergesehenen Situationen konfrontiert, die das gesamte Unternehmen aus dem Ruder laufen lassen... Einmal mehr sind es bei Alex van Warmerdam ganz normale Menschen, die einem ungewöhnlichen Gewerbe nachgehen und in vollkommen absurde Situationen gesteckt werden. Beide Auftragskiller in dieser rabenschwarzen Komödie sind Familienväter, deren Frauen und Kinder von ihrem Doppelleben nichts ahnen. Und so gehen sie ihrem tödlichen Beruf mit großem Eifer nach und Töten, als wäre es das Normalste auf dieser Welt. Da wundert es nicht weiter, dass das Töten irgendwann auch auf die Familienangehörigen abfärbt. Fazit: skurriles Kino aus Holland, wohltuend anders als Mainstream

SWISS ARMY MAN (1:2.35, DD 5.1 + Atmos)
OT: Swiss Army Man
Verleih: Capelight (Koch Media)
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Dan Kwan, Daniel Scheinert
Darsteller: Paul Dano, Daniel Radcliffe, Mary Elizabeth Winstead
Kinostart: 13.10.2016

Just in dem Moment, als er sich erhängen möchte, wird eine Leiche an den Strand der Insel gespült, auf der Hank schon seit Wochen festsitzt. Hank nimmt sich der Leiche an, die in seinen Augen immer lebendiger wird und ihm ungeahnte Möglichkeiten bietet, sich aus seiner Misere zu befreien. Für Hank wird der tote Manny zu einem richtigen Freund, mit dem er schließlich sein ganzes Leben teilt. - Eines ist ganz sicher: mit diesem Film streift Daniel Radcliffe endgültig sein Harry Potter Image ab. Als ständig pupsende Leiche geistert er durch die rabenschwarze, teils melancholische Komödie der beiden “Daniels” Dan Kwan und Daniel Scheinert. Die beiden Newcomer zeigen gekonnt, wofür man eine Leiche einsetzen kann, wenn man auf einer einsamen Insel gestrandet ist. Was dem Einen sein Schweizer Taschenmesser ist, das ist dem Anderen eben seine wassergetränkte Leiche. Mit einigen wirklich großartigen und tief berührenden Szenen sowie vielen neuen Ideen spielt sich der Film ziemlich schnell in die Herzen der Zuschauer. Paul Dano in der Rolle des Gestrandeten, der beginnt, mit der angeschwemmten Leiche zu kommunizieren und dadurch Stück für Stück von seinem Seelenleben preisgibt, ist hervorragend besetzt und erinnert in gewisser Weise an seine Rolle, mit der er bereits in LOVE & MERCY begeisterte.
Montag, 05. September 2016
Ostfriesisch? Nein Danke!
Das erste Pressetriple in dieser Woche konfrontierte mich unter anderem mit Plattdeutsch

SNOWDEN(1:2.35, DD 5.1)
OT: Snowden
Verleih: Universum Film (Walt Disney)
Land/Jahr: USA, Deutschland 2016
Regie: Oliver Stone
Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Melissa Leo, Nicolas Cage, Tom Wilkinson
Kinostart: 22.09.2016

Vor zwei Jahren kann Laura Poitras‘ Dokumentarfilm CITIZENFOUR in die Kinos, der die Geschichte des Whistleblowers Edward Snowden erzählte. Jetzt hat sich Oliver Stone daran gemacht, Snowdens Geschichte als Spielfilm zu inszenieren. Dreh- und Angelpunkt bildet dabei die Entstehung von Poitras‘ Doku, die in einem Hotelzimmer in Hong Kong aufgenommen wurde. In Rückblenden schildert Stone die wichtigsten Stationen von Snowden bis hin zu seiner schicksalhaften Entscheidung, mit seinem Wissen über die NSA-Aktivitäten an die Öffentlichkeit zu treten. Mit Joseph Gordon-Levitt in der Titelrolle perfekt besetzt, entwickelt sich Stones Film zu einem spannenden Polit-Thriller, der ein nach wie vor hoch brisantes Thema aufarbeitet.

OSTFRIESISCH FÜR ANFÄNGER (1:1.85, 5.1)
Verleih: Universum Film (DCM)
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Gregory Kirchhoff
Darsteller: Dieter Hallervorden, Victoria Trauttmansdorff, Holger Stockhaus
Kinostart: 27.10.2016

Als eine Gruppe bunt zusammengewürfelter arbeitswilliger Migranten in einem kleinen Dorf in Ostfriesland einen Integrationskurs erhalten soll, sieht der eigenbrötlerische Witwer Uwe die Chance, sein zwangsversteigertes Haus wieder zurückzubekommen: er soll dafür den Ausländern Deutsch beibringen. Dafür aber müsste Uwe selbst erst Deutsch können... Wat mutt, dat mutt. Alles klar? Man muss schon genau hinhören, wenn man Dieter Hallervorden im plattdeutschen Dialekt richtig verstehen möchte – sein bemühtes Platt kommt ohne deutsche Untertitel! Aber das tut gar nichts zur Sache. Denn die von Gregory Kirchhoff inszenierte Komödie ist derart platt, dass es schon richtig wehtut. Deren Figuren sind mehr Karikatur als Charakter, die “Gags” zünden einfach nicht, auch wenn sie holzhammermäßig wiederholt werden. Dass diese unterirdisch schlechte TV-Kost tatsächlich Kinosäle in Beschlag nehmen soll, ist ziemlich grenzwertig. Gute Unterhaltung geht anders.

THE LIGHT BETWEEN OCEANS (1:2.35, DD 5.1 + 7.1)
OT: The Light Between Oceans
Verleih: Constantin
Land/Jahr: USA, Neuseeland 2015
Regie: Derek Cianfrance
Darsteller: Michael Fassbender, Alicia Vikander, Rachel Weisz
Kinostart: 08.09.2016

Australien kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Der traumatisierte Kriegsveteran Tom heuert als Leuchtturmwärter auf Janus Rock an und heiratet schließlich die junge Isabel, die mit ihm auf die einsame Insel zieht. Doch der Kinderwunsch des Paares bleibt erfolglos: Isabel hat eine Fehlgeburt nach der anderen. Eines Tages entdecken die beiden in einem Ruderboot, das ziellos vor der Küste treibt, einen toten Mann und ein lebendes Baby. Isabel überredet Tom, das Kind als das ihre auszugeben. Diese Lebenslüge nimmt eine dramatische Wendung, als Tom zufällig die tatsächliche Mutter kennenlernt... Mit dieser Romanverfilmung nach M.L. Stedman liefert Derek Cianfrance, der mit THE PLACE BEYOND THE PINES einen beeindruckenden Film realisierte, einen ziemlichen Schmachtfetzen ab. Zwar mit schönen Bildern, dafür aber überlang, erzählt er eine dramatisch-tragische Geschichte, die auch aus der Feder einer Rosamunde Pilcher hätte stammen können. Leider mangelt es hier bei der Grundidee (der Vater im Boot ist tot, das Baby nicht?) an der notwendigen Logik, um die Story glaubhaft zu verkaufen. Alexandre Desplat liefert passend dazu eine große Orchestermusik, die bei dieser Art von Film natürlich nicht fehlen darf.
Freitag, 02. September 2016
Ein Justizskandal und ein Date Movie
Das Freitagsdoppel hatte es in sich

DAS VERSPRECHEN – ERSTE LIEBE LEBENSLÄNGLICH (1:2.35, 5.1)
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Deutschland, USA 2016
Regie: Marcus Vetter
Kinostart: 27.10.2016

Nach THE FORECASTER widmet sich Marcus Vetter in seinem neuen Dokumentarfilm wieder einem interessanten Thema. Jetzt geht es nicht um den undurchschaubaren Finanzmarkt, sondern um die amerikanische Justiz, die sich allem Anschein nach nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Seit mehr als 20 Jahren sitzt der Deutsche Jens Söring in den USA wegen Doppelmordes hinter Gittern. Und das obwohl er möglicherweise vollkommen unschuldig ist. In einer Kombination aus Dokumentarmaterial vom Gerichtsprozess sowie aktuellen Interviews mit Söring selbst sowie den seinerzeit ermittelnden FBI Agenten rollt Vetter den Fall erneut auf und hinterfragt viele Dinge, die bis heute nicht eindeutig geklärt wurden. Mit Hilfe eines Privatdetektivs nimmt er sogar die Fährte eines Mannes auf, der offenbar direkt in den Fall verwickelt ist, aber von den Behörden komplett ignoriert wurde. DAS VERSPRECHEN ist eine spannende Dokumentation, die viele Fragen aufwirft und dem Fall Jens Söring eine neue Wendung geben könnte.



SMS FÜR DICH (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Warner
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Karoline Herfurth
Darsteller: Karoline Herfurth, Friedrich Mücke, Nora Tschirner
Kinostart: 15.09.2016

Seit Clara Sommerfeld, eine begabte Bilderbuchdesignerin, ihren Verlobten durch einen Unfall verloren hat, wollen auch ihre Zeichnungen nicht mehr fröhlich sein. Daran ändern auch die zwei Jahre Auszeit bei ihren Eltern nichts. Schließlich besinnt sich die junge Frau wieder nach Berlin zu ziehen. Doch auch dort will ihre Trauerphase nicht enden. Ihre beste Freundin rät ihr, sich einfach mit ihrem Verlobten zu “unterhalten”, um so endlich loslassen zu können. Weil ihr das Reden nicht leicht fällt, versucht sie es per SMS an die alte Mobilnummer ihres Verlobten. Doch die SMS landet auf dem Handy des Sportredakteurs Mark Zimmermann, der von den romantischen Kurzbotschaften sehr angetan ist... Mit SMS FÜR DICH legt Schauspielerin Karoline Herfurth ein bemerkenswertes Regiedebüt hin. Mit einem wundervollen und sehr sympathischen Cast (herrlich: Katja Riemann spielt sich quasi selbst!), der bis in die Nebenrollen perfekt besetzt ist, erzählt sie davon, wie wichtig das Loslassen ist, um wieder für eine neue Liebe bereit zu sein. Wenn sie sich selbst in der Rolle der Clara in Anlehnung an deren Kinderbücher ganz allmählich von der kleinen Raupe in einen Schmetterling verwandelt, nimmt sie die Zuschauer mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Im einen Moment gibt es was zu lachen, im nächsten schon möchte man zum Taschentuch greifen. Mit vielen großartig platzierten Songs und einem sehr einfühlsamen Score von Annette Focks zieht die weiträumige Tonspur des Films alle Register, um den Zuschauer emotional förmlich in den Film hineinzuziehen. Auch wenn wir alle bereits am Anfang ahnen, wie diese Liebesgeschichte enden wird, so macht dieses ständige Auf und Ab richtig Spaß. Und der ist von einem ganz anderen Kaliber als bei Schweighöfer & Co – nur ganz leicht überdreht, aber niemals unterhalb der Gürtellinie. SMS FÜR DICH empfiehlt sich als das perfekte Date Movie – probieren Sie es aus!

Donnerstag, 01. September 2016
Euthanasie und Menschlichkeit
Große Themen – große Filme. Einmal mehr im Doppelpack.

NEBEL IM AUGUST (1:2.35, 5.1)
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Deutschland, Österreich 2016
Regie: Kai Wessel
Darsteller: Ivo Pietzcker, Sebastian Koch, Thomas Schubert
Kinostart: 29.09.2016

Anfang der 1940er Jahre kommt der 13jährige Ernst Lossa aufgrund seiner rebellischen Art in die Obhut von Dr. Walter Veithausen, der im Süden der Republik eine Nervenheilanstalt leitet. Der aufgeweckte Junge, Sohn fahrender Eltern und Halbwaise, bemerkt schon nach kurzer Zeit, dass etwas nicht stimmt und hat eine grauenvolle Vermutung: behinderte Patienten werden umgebracht. Ernst stellt sich ihnen zur Seite und plant schließlich zusammen mit Nandl, seiner ersten Liebe, die gemeinsame Flucht... Wieder wird ein düsteres Kapitel der Nazi-Herrschaft in einem packenden Spielfilm thematisiert: das Euthanasie-Programm, im Rahmen dessen etwa 200.000 Menschen in Nervenheilanstalten ermordet wurden. Den 13jährigen Ernst Lossa, der von Ivo Pietzcker bravourös gespielt wird, gab es tatsächlich. Und dies ist seine Geschichte. Die Geschichte seines Kampfes gegen die grauenvollen Machenschaften in jener Klinik in Süddeutschland, in der er untergebracht war. Die farbreduzierten Breitformatbilder von Kameramann Hagen Bogdanski fangen perfekt die bedrückende Stimmung ein, die in der von Dr. Walter Veithausen geleiteten Klinik herrscht. “Wir schlagen hier nicht”, sagt er eingangs zu Ernst. Erst später erfahren wir als Zuschauer die wahre Bedeutung dieser Worte. Sebastian Koch spielt diesen Todesengel derart überzeugend, dass es einem eiskalt über den Rücken läuft. NEBEL IM AUGUST ist hochkarätiges Kino jenseits des Wohlfühlfaktors.

HUMAN – DIE MENSCHHEIT (1:1.78, 5.1)
OT: Human
Verleih: Polyband (24 Bilder)
Land/Jahr: Frankreich 2015
Regie: Yann Arthus-Bertrand
Kinostart: 20.10.2016

Was genau ist es, was den Menschen zu dem macht, was er ist? Yann Arthus-Bertrand hat Menschen aus ellen Teilen der Erde vor die Kamera geholt – arme, reiche, gebildete, ungebildete – und stellt ihnen Fragen zu großen Themenkomplexen: was ist Liebe? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Warum töten Menschen? Die Antworten sind frappierend und setzen Denkprozesse in Gang. - Die grandiosen Bilder aus der Vogelperspektive, mit denen Regisseur Yann Arthus-Bertrand die Interview-Segmente seines Films immer wieder trennt, erinnern an die Bilder aus Filme wie BARAKA, SAMSARA oder KOYAANISQATSI. Wer diese Filme nie gesehen hat, darf sich freuen. Wer diese Filme jedoch kennt, der könnte dem Filmemacher hier allerdings eine Kopie unterstellen. Letztendlich sind es aber weit weniger die Bilder von Menschen in atemberaubenden Landschaften, die den Film ausmachen. Es sind vielmehr die Menschen, die vor der Kamera vollkommen ohne Scham Auskunft über ihr Leben geben, über ihre größten Schmerzen sprechen, ihre Definition von Liebe preisgeben. Angesichts der oft bewegenden Geschichten halten sie immer wieder inne und kämpfen gegen Tränen an. Ob dieser Offenheit dürften auch im Kinosaal ein paar Tränen fließen. Arthus-Betrands Dokumentarfilm dauert in seiner Originalfassung über drei Stunden. In deutschen Kinos wird eine Fassung zu sehen sein, die knapp zweieinhalb Stunden läuft. Der überwältigenden Emotionalität des Films tut dies keinen Abbruch. Selbst eine noch kürzere Version hätte vermutlich dieselbe Wirkung. Immerhin: die Überlänge des Films bemerkt man kaum. Die Zeit vergeht wie im Flug. Am Ende entlässt der Film seine Zuschauer mit ebenso tiefgründigen wie auch ganz banalen Gedanken über den Sinn des Lebens, die menschliche Gemeinschaft und das was danach noch kommen könnte.

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