Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Dienstag, 29. November 2016
Mit harten Bandagen
Korrupte Politiker in mafiösen Strukturen – was kann da noch schief gehen?

SUBURRA (1:2.35, 5.1)
OT: Suburra
Verleih: Koch Media (24 Bilder)
Land/Jahr: Italien 2015
Regie: Stefano Sollima
Darsteller: Pierfrancesco Favino, Elio Germano, Claudio Amendola
Kinostart: 26.01.2017

Die Menage-a-Trois mit einem italienischen Parlamentsabgeordneten kostet eine minderjährige Prostituierte das Leben. Damit seine Weste weiterhin weiß bleibt, lässt er die Leiche verschwinden. Damit aber wird er erpressbar und setzt so eine Spirale aus Lügen und Gewalt in Gang, die spätestens dann zum Alptraum wird, als sich die Mafia für die Sache zu interessieren beginnt... Es ist schon ziemlich faszinierend, wie stylish doch ein brutaler Mafia-Thriller sein kann! Regisseur Stefano Sollimo, der eigentlich mehr im Fernsehen zuhause ist als im Kino, liefert mit SUBURRA einen ebenso bildgewaltigen wie blutigen Hochkaräter ab, der nicht nur die eingefleischte Fangemeinde begeistern dürfte. Die wuchtigen CinemaScope-Bilder von Kameramann Paolo Carnera fesseln durch die brillante Farbgebung, nichts bleibt hier dem Zufall überlassen. Ergänzt werden die Bilder durch eine atemberaubend fulminante Tonspur, die ganz besonders den musikalischen Klangteppich in der Dynamik voll ausreizt. Die 130 Minuten Spielzeit vergehen wie im Fluge. Der Cast ist bis in kleinste Nebenrollen sehr gut besetzt – und die meisten von ihnen werden am Filmende zum sogenannten “Body Count” gehören! SUBURRA ist gewaltbetontes, krasses Kino vom Feinsten, das sich innerhalb von sieben Tagen auf die Apokalypse zubewegt. Nicht nur der Papst wird das Handtuch werfen, auch die Regierung. Und ganz Rom droht in einer Sintflut zu ertrinken. Wohlgemerkt: kein Film für zart Besaitete! Und wer nach dem Kinofilm noch mehr davon haben möchte: für das nächste Jahr ist eine TV-Serie angedroht
Montag, 28. November 2016
Und keiner sieht dass er blind ist
Wochenauftakt mit einer Tragikomödie

MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN (1:2.35, 5.1)
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Marc Rothemund
Darsteller: Kostja Ullmann, Jacob Matschenz, Anna Maria Mühe
Kinostart: 26.01.2017

Schon seit er 14 war brennt in Sali die Leidenschaft für den Beruf des Hoteliers. Fast das Abi in der Tasche fiebert er bereits seiner Ausbildung entgegen. Doch leider wird sein Weitblick getrübt: er leidet an einer irreparablen Netzhautablösung. Gerade einmal fünf Prozent beträgt seine Sehkraft gegenüber der eines gesunden Menschen. Sali ist praktisch blind. Doch allen Unkenrufen zum Trotz beschließt er, an seinem Ziel, Hotelier zu werden, fest und bewirbt sich um einen Ausbildungsplatz in einem 5-Sterne Hotel in München – allerdings ohne zu sagen, dass er fast blind ist. Der Erfolg gibt ihm recht: Sali wird angenommen. Damit beginnt für ihn eine Gratwanderung, die ihm alle seine Kräfte abverlangt. Nur sein Azubi-Kollege Max weiß Bescheid. Mit seiner Unterstützung nimmt Sali alle Hürden. Bis er sich unsterblich in ein Mädchen verliebt... Perfekten Anschauungsunterricht zum Thema “Wie nimmt ein erblindender Mensch seine Umwelt wahr” liefert Regisseur Marc Rothemund. Mit Hilfe seines Kameramanns sowie seiner Sound Designer taucht er immer wieder in Salis Welt ein: man sieht ein unscharfes, verschwommenes Bild, das höchstens noch Umrisse abbildet; dazu gibt es ein extrem ausgeprägtes, sehr detailliertes Klangbild, das Orientierung im Raum bietet. So wird auf schöne Art und Weise vermittelt, dass bei (fast) blinden Menschen die anderen Sinne (hier: das Hören) weit ausgeprägter sind. Dazu liefert Kostja Ullmann jenen etwas abwesenden, schrägen Blick, den man von Blinden kennt und schlüpft dadurch perfekt in die Rolle des Sali, einer sehr sympathischen Figur, die von einer wahren Geschichte inspiriert wurde. Ihm zur Seite steht Max, der Typ, der nichts anbrennen lässt und auch sonst Hans Dampf in allen Gassen ist, wunderbar interpretiert von Jacob Matschenz. Die Dritte im Bunde ist Laura, die von Anna Maria Mühe mit souveräner Leichtigkeit gespielt wird. Sehr schön jene Szene, in der sich Sali (und auch der Zuschauer) nur durch den Klang von Lauras Gesangsstimme in sie verliebt. Hier zeigt uns Rothemund einmal mehr nur unscharfe Umrisse, die erst im weiteren Verlauf des Films deutlich werden. Auch die Besetzung der Nebenrollen zeugt vom richtigen Gespür. Ob Kida Khodr Ramadan als Tellerwäscher oder Johann von Bülow als arroganter Ausbilder – sie alle verleihen dem Film Glaubwürdigkeit. MEIN BLIND DATE MIT DEM LEBEN ist ein begrüßenswerter Beitrag zum Thema Inklusion und gleichzeitig ein Feel Good Movie für einen gelungenen Kinoabend zu zweit.
Samstag, 26. November 2016
Harry Potter 2.0
Heute mal wieder ein “Nachsitzer”, weil Warner den Film der Stuttgarter Presse vorenthielt

PHANTASTISCHE TIERWESEN UND WO SIE ZU FINDEN SIND (1:2.35, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Fantastic Beasts And Where To Find Them
Verleih: Warner
Land/Jahr: Großbritannien, USA 2016
Regie: David Yates
Darsteller: Eddie Redmayne, Katherine Waterston, Dan Fogler, Alison Sudol, Ezra Miller, Samantha Morton, Colin Farrell, Ron Perlman
Kinostart 17.11.2016

Mit einem Koffer voller magischer Tierwesen kommt Zauberer Newt Scamander im New York der 1920er Jahre an. Ein dummer Zufall will es, dass der Koffer in die falschen Hände gerät und die Tierwesen dadaurch entfleuchen können. Jetzt heisst es für Scamander die Tierwesen so schnell wie möglich wieder einzusammeln, bevor noch großes Unheil passiert. Unterstützt wird er dabei von den Schwestern Tina und Queenie sowie dem herzensguten Muggel Jacob Kowalksi... Über viele Jahre hinweg sorgten die “Harry Potter”-Verfilmungen dafür, dass dem amerikanischen Major Warner Millionen US-Dollars in die Kassen gespült wurden. Vollkommen logisch also, dass man sich dort nach Auslaufen der Original-Serie gleich um Nachschub bemühte. Schließlich sollen ja auch in den nächsten zehn Jahren wieder Millionen gescheffelt werden. Der Erfolg gibt Warner recht: die PHANTASTISCHEN TIERWESEN sorgen mal wieder für Rekordumsätze an den Kinokassen. Kaum auszumalen, was das im Nachgang für den Heimkinomedienhandel bedeutet. Die wirklich spannende Frage bleibt aber: können die TIERWESEN dem Original-Potter das Wasser reichen? Ganz sicher nicht. Das zumindest ist meine ganz persönliche Meinung. Denn storymäßig passiert nicht viel in diesen 133 Filmminuten, die Jahrzehnte vor Harry Potters Geburt angesiedelt und vorzugsweise mit Gigabytes an visuellen Effekten gefüllt sind. Wahnsinnseffekte allerdings, die dem Film einen Oscar in der entsprechenden Kategorie garantieren könnten. Den Film bereits ab sechs Jahren freizugeben halte ich für extrem grenzwertig, da der Film doch einige äußerst düstere und beängstigende Sequenzen enthält. Für die eingefleischten Filmfans sei noch erwähnt, dass der Film in seiner IMAX-Version in Schlüsselmomenten mit einem “Frame Break” einhergeht. Da “entweichen” bestimmte Effekte in die schwarze Balken des auf 1:2.39 kadrieten Hauptbildes. Freuen dürfen sich auch Fans des breitformatigen 70mm-Films: Warner hat den Film in den USA tatsächlich auch im klassischen 70mm-Format in 2D in die Kinos gebracht. Mit ein wenig Glück bekommen wir eine dieser Kopien beim Todd-AO Festival in der Karlsruher Schauburg im nächsten Oktober zu sehen. Übrigens habe ich mir den Film in einer 2D-Vorführung mit Dolby Atmos Sound angesehen bzw. angehört und muss sagen, dass insbesondere die Räumlichkeit der Orchersteraufnahmen (Toningenieur: der legendäre Shawn Murphy) in Dolbys neuem Tonformat imponiert. Die Musik selbst stammt aus der Feder von James Newton Howard, der unter Verwendung von John Williams‘ “Harry Potter”-Motiv einen fulminanten Score abliefert.
Freitag, 25. November 2016
Ein Ritter mit Rost und Tadel
Computeranimation für die Kleinen und Sci-Fi fürs Hirn für uns Große – mein Wochenausklang

RITTER ROST – DAS SCHROTTKOMPLOTT (1:1.85, 3D, 5.1)
Verleih: Universum Film (Walt Disney)
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Thomas Bodenstein, Marcus Hamann
Kinostart: 19.01.2017

Weil Schrottland pleite ist, sollen auch die Ritter den Sparmaßnahmen zum Opfer fallen. Um dem vorzubeugen, will Ritter Rost mit einem inszenierten Kampf beweisen, dass man Ritter immer braucht. Doch das geht vollkommen daneben und so tauch Rost im Erfinderlabor seines verstorbenen Vaters unter. Dort trifft er auf den Assistenten seines Erfinders, ein Gespenst, und beschließt, die Arbeit seines Vaters fortzusetzen... Ob die Zielgruppe für diesen Film, die sich altersmäßig bis sechs oder sieben Jahren bewegen dürfte, tatsächlich etwas mit Begriffen wie “Finanzkrise” und “Polizeistaat” etwas anfangen kann, darf angezweifelt werden. Nichtsdestotrotz werden diese Begriffe in diesem Fortsetzungsfilm zum erfolgreichen “Ritter Rost”-Kinodebüt von 2012 thematisiert. Das dürfte Fragen bei den kleinen Zuschauern generieren, die dann natürlich die Eltern im Nachgang zu erläutern haben. Vielleicht aber verdrängen die Kleinen derlei Thematiken auch einfach, bietet doch Thomas Bodensteins und Marcus Hamanns computeranimierter Film auch jede Menge Action. Spaßig wird’s, wenn wieder die kleinen fiesen Kolbenfresser zum Einsatz kommen, die liebend gerne Kolben fressen und damit den Bösen viel Ärger bereiten. Die allesamt aus Schrott bestehenden Figuren sind mit viel Liebe zum Detail und noch mehr Phantasie “zusammengebastelt”. Insgesamt jedoch fühlen sich die 84 Minuten Laufzeit wesentlich länger an – zumindest für Erwachsene.

ARRIVAL (1:2.35, DD 5.1)
OT: Arrival
Verleih: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Denis Villeneuve
Darsteller: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker
Kinostart: 24.11.2016

Als über die gesamte Erde verteilt insgesamt zwölf riesige, muschelartige unbekannte Flugobjekte auftauchen, ist die Menschheit in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Woher kommen die Aliens und was wollen sie? Um das herauszufinden, heuert die US-Regierung die Sprachwissenschaftlerin Louise Banks an. Zusammen mit dem Mathematiker Ian Donnelly soll sie eine Kommunikation mit den Aliens herstellen... Haben Sie schon mal ab und zu ein sogenanntes Déjà-vu gehabt? Dann könnte Denis Villeneuves Sci-Fi-Drama ARRIVAL tatsächlich etwas für Sie sein. Villeneuve liefert hier Sci-Fi fürs Hirn und gibt uns am Ende noch eine sehr berührende Botschaft mit auf den Heimweg. Diese unheimliche Begegnung der dritten Art hat nichts mit gängigen Alien Invasion Szenarien zu tun, die meist nur auf bombastische visuelle Effekte und lautstarken Sound abzielen. ARRIVAL ist spannendes, intelligentes Sci-Fi-Kino, das zumindest den Autor dieser Rezension zu Tränen gerührt hat. Ein Geheimtipp.

Donnerstag, 24. November 2016
Das Dream-Team aus dem Osten
Unglaublich, aber wahr: deutsches Kino kann witzig sein!

KUNDSCHAFTER DES FRIEDENS (1:2.35, 5.1)
Verleih: Majestic
Land/Jahr: Deutschland 2016
Regie: Robert Thalheim
Darsteller: Henry Hübchen, Michael Gwisdek, Antje Traue, Thomas Thieme, Jürgen Prochnow
Kinostart: 26.01.2017

Endlich wieder richtige Agentenluft schnuppern und dabei gleich eine alte Rechnung begleichen? Da lässt sich der einstige Top-Agent der DDR, Jochen Falk, jetzt Pensionär mit eintönigem Alltag, nicht zweimal bitten. Will ihn doch ausgerechnet der ehemalige Erzfeind BND für eine brisante Mission rekrutieren. Und Falk besteht darauf, sein eigenes Team zusammenzustellen: Jacky , der Techniker, Locke, der Logistiker und Harry, der Romeo-Agent. Gemeinsam mit der jungen wie hübschen BND-Agentin Paula zieht die Rentner-Gang in ein neues Abenteuer... Die Altherrenriege um Henry Hübchen sorgt in dieser Agentenparodie für absolut köstliche Unterhaltung! Auch wenn der Film im Jahre 2017 angesiedelt ist, verwendet Regisseur Robert Thalheim Stilmittel der 1960er-Jahre wie Split Screen in ausladendem CinemaScope und jazzorientierte Filmmusik, wie man das eben von vielen Agententhrillern aus jener Zeit kennt. Und nichts könnte perfekter passen, waren es doch genau diese Jahre, in denen Jochen Falk, Jacky, Locke und Harry ihre aufregendsten Berufsjahre als DDR-Spione erlebten. Für sie ist es immer noch so, als sei das alles erst gestern gewesen. Aber natürlich hakt es an allen Ecken und Kanten. Spätestens dann, wenn Falk einen Sprung von der Brücke auf einen fahrenden Zug ausführen möchte, sich aber beim Versuch, seinen Körper über die Brückenbrüstung zu heben, kläglich und schmerzlich scheitert. Ja ja, das Alter! Derlei Pointen gibt es immer wieder in dem von Robert Thalheim und Oliver Ziegenbalg geskripteten Film, der den beiden neben viel Liebe zum Detail auch entsprechende Genre-Kenntnis attestiert. Pointierte Seitenhiebe auf die Wiedervereinigung sowie den Ost-West-Konflikt gibt es zuhauf und es darf herzhaft gelacht werden. Und eines ist natürlich klar: die alten Ossi-Haudegen zeigen den Wessis, wie Spionage wirklich geht. Perfekte Unterhaltung der amüsanten Art.
Mittwoch, 23. November 2016
Perspektivwechsel
Nicht alles ist immer so wie es scheint – alte Filmguckerregel

DIE TASCHENDIEBIN (1:2.35, 5.1)
OT: Ah-ga-ssi / The Handmaiden
Verleih: Koch Media (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Südkorea 2016
Regie: Park Chan-wook
Darsteller: Ha Jung-woo, Kim Min-hee, Jo Jin-woong
Kinostart: 05.01.2017

Korea in den 1930er Jahren. Die als Waisenkind aufgewachsene Sookee ist schon seit frühester Kindheit von ihrem kriminellen Ziehvater auf Taschendiebstähle trainiert worden. Jetzt plant er seinen größten Coup: als Graf Fujiwara will er sich die Gunst der schönen Lady Hideko erschleichen, um so an ihr Erbe heranzukommen. Hideko lebt zusammen mit ihrem dominanten Onkel in einem riesigen Haus, in dem der Onkel eine große Anzahl erotischer Literatur zusammengetragen hat. Immer wieder lässt er die Bücher von Hideko zahlungskräftigen Herren vorlesen. Als Kammerzofe getarnt soll sich Sookee bei Lady Hidekodort einquartieren, um so Fujiwaras Plan dienlich zu sein. Doch Sookee verliebt sich in ihre schöne Herrin... Was dieses ziemlich erotisch aufgeladene Drama so besonders macht, ist sein Perspektivwechsel, mit dem der Film das zweite von insgesamt drei Kapiteln (im Film als “Teile” bezeichnet) einleitet. Hier ist dann auch deutlich die Handschrift eines Park Chan-wook erkennbar, der sich bereits in seinem Rachethriller “Oldboy” ähnlicher Techniken bediente. “Plot Twist” heisst das auf Neudeutsch. DIE TASCHENDIEBIN basiert auf dem Roman “Fingersmith” von Sarah Waters, die hierzulande unter dem Titel “Solange Du lügst” erschienen ist. Für seine Leinwandadaptation verlegte Park Chan-wook den Stoff kurzerhand vom viktorianischen England in das unter japanischer Herrschaft stehende Korea der 1930er Jahre und inszenierte die Geschichte in einem koreanischen Anwesen, das europäische und japanische Architektur verbindet. Die Szenenbildnerin Ryu Seong-hee hat ganze Arbeit geleistet, was sich in den CinemaScope-Bildern von Park Chan-wooks langjährigem Kameramann Chung Chung-hoon widerspiegelt. Innerhalb dieser Mauern, in den ausladenden Gemächern, choreographiert der Regisseur äußerst stilvoll und erotisierend den gemeinsamen Liebesakt seiner beiden Hauptdarstellerinnen. Ihre Liebe wird nicht nur dem falschen Graf Fujiwara, sondern auch Hidekos dominanten Onkel und Erotomanen Kouzouki einen Strich durch die Rechnung machen. Wie nicht anders zu erwarten geschieht dies in asiatisch epischer Breite, so dass die Laufzeit von 145 Minuten für westliche Sehgewohnheiten als durchaus lange erscheinen (es gibt sogar eine noch längere Fassung des Films!). Auch an brutaler physischer Gewalt fehlt es bei einem Park Chan-wook-Film natürlich nicht. Allerdings wirkt sie im Kontext seines neuen Films etwas deplatziert, ja fast schon aufgesetzt.

NOCTURNAL ANIMALS (1:2.35, DD 5.1)
OT: Nocturnal Animals
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Tom Ford
Darsteller: Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon
Kinostart: 22.12.2016

Als Kunsthändlerin führt Susan zwar ein luxuriöses, aber unerfülltes Leben in Los Angeles. Ihr neuer Ehemann ist ständig auf Dienstreisen. Eines Tages erhält sie plötzlich Post von ihrem Ex, der ihr das Manuskript für seinen neuen Roman zuschickt, der ihr gewidmet ist. Darin wird von Tony und seiner Familie erzählt, die bei Nacht auf einer unbelebten Bundesstraße von Rowdies angegriffen werden. Die immer brutaler werdende Geschichte wühlt Susan komplett auf führt dazu, dass sie ihre eigene Lebensentscheidungen plötzlich in einem ganz neuen Licht zu sehen beginnt... Souverän inszeniert Tom Ford einen Film im Film: während Amy Adams in der Rolle der Susan das ihr zugesteckte Manuskript liest, lässt Ford daraus einen Film entstehen. Damit nicht genug gibt uns Ford immer wieder Rückblenden aus Susans Leben, die ihre Beziehung mit Edward thematisieren. Demselben Edward, der im visualisierten Manuskript als Familienvater Tony den Mord an seiner Frau und Tochter sühnen möchte. Wie ein Puzzle baut sich so Stück für Stück das gesamte Leben der Protagonistin zusammen. Durch die eingesetzte Dramaturgie (zu der auch die Herrmanneske Filmmusik von Abel Korzeniowski gehört) steuert der Film auf einen Höhepunkt zu, der sich am Ende jedoch in heisse Luft auflöst und den Zuschauer vermutlich etwas enttäuscht zurücklassen wird. Tom Fords Beziehungsthriller ist keineswegs langweilig, wurde aber mit zu vielen Vorschusslorbeeren gehypt.
Dienstag, 22. November 2016
Ein radikaler Musiker und ein rappender Brückenbauer
Mit meinem Dienstagsdoppel war ich ganz zufrieden

FRANK ZAPPA – EAT THAT QUESTION (1:1.78, 5.1)
OT: Eat That Question - Frank Zappa In His Own Words
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Deutschland, Frankreich 2016
Regie: Thorsten Schütte
Darsteller: Frank Zappa
Kinostart: 08.12.2016

Ausnahmslos aus bestehendem Film- und Videomaterial wie TV-Auftritten, Interviews für das Fernsehen und für das Radio, Proben und Konzertmitschnitten ist es Thorsten Schütte gelungen, sich dem radikalen amerikanischen Musikgenie Frank Zappa zu nähern und ihn als das zu präsentieren, was er war: ein Ausnahmekünstler. Wer sich bisher nicht mit Zappa beschäftigt hat, der wird hier einen Musiker kennenlernen, der vollkommen offen über das amerikanische Musikgeschäft redet, dabei kein Blatt vor den Mund nimmt und auch sonst eine ganz klare Stellung zur amerikanischen Gesellschaft bezieht. Dass er damit überall angeeckt ist, hat ihn keineswegs von seinem Weg abgebracht. Schade, dass er schon viel zu früh an den Folgen eines Krebsleidens gestorben ist. Von dem Mann hätte die Welt noch viel lernen können.

TOUR DE FRANCE (1:1.85, 5.1)
OT: Tour De France
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Frankreich 2016
Regie: Rachid Djaïdani
Darsteller: Gérard Depardieu, Sadek, Louise Grinberg
Kinostart: 02.03.2017

Rap-Star Far’Hook hat Zoff mit einer rivalisierenden Gang und muss deshalb untertauchen. Sein Freund und Manager Bilal schickt ihn auf eine Reise durch Frankreich: als Chauffeur für seinen mürrischen Vater Serge. Der will sein Versprechen einlösen, das er seiner verstorbenen Frau gegeben hat: sämtliche Hafenbilder des französischen Landschaftsmalers Joseph Vernet an den Originalschauplätzen nachzumalen. So brechen der muslimische Rapper und der reaktionäre Rentner zu einem Trip auf, der beider Leben verändern wird... Als Handwerker hat er einst angefangen, mit 20 erhielt er seine erste Filmrolle in LA HAINE von Mathieu Kassovitz: Rachid Djaïdani, französischer Regisseur mit nordafrikanischen Wurzeln. In seinem neuen Film schickt er ein wunderbares Gespann auf die “Tour de France” entlang der französischen Küste, von einem Hafen zum nächsten. Gérard Depardieu mimt den Hobbymaler, der in seinem Leben schon lange nicht mehr zurecht kommt und alle Einwanderern die Schuld an seinem Schicksal gibt. Da muss dann schon einer wie Far’Hook kommen, der dem miesepetrigen Fettwanst klar vor Augen führt, dass es jenen, die er nur allzu gerne für seine eigene Lage verantwortlich macht, nicht anders ergeht als ihm selber. Gespielt wird Far’Hook (oder eigentlich Faroug) von dem angesagten französischen Rapper Sadek, der hier in seiner ersten Filmrolle brilliert. Während ihrer gemeinsamen unfreiwilligen Reise entwickelt sich zwischen den beiden Männern eine Art Freundschaft. Für Serge wird Far’Hook ganz allmählich zum Ersatzsohn, der ihm quasi eine zweite Chance gibt, seine Fehler die er bei seinem eigenen Sohn gemacht hat, auszubügeln. Das geht dann nicht derart lautstark und derb vonstatten, wie das in amerikanischen Filmen gerne gemacht wird, sondern ganz subtil. Gestalterisch verzichtet Djaïdani auf allzu viel Schnickschnack und konzentriert sich ganz auf seine Protagonisten. Ob wir Serge beim Malen im Hafen sehen oder Far’Hook beim spontanen Rappen zu einem Beat beobachten dürfen – in solchen Momenten sind die Meinungsverschiedenheiten des Duos begraben und die beiden Männer verdienen sich den Respekt des jeweils anderen. Und am Ende erweist sich Far’Hook gar als Brückenbauer. Denn erst durch ihn werden Serge und sein Sohn Bilal wieder zusammenfinden – wortlos zwar, aber man ahnt bereits, dass sich irgendwann in der nahen Zukunft auch noch geben wird.

Montag, 21. November 2016
Makabre Sommerfrische
Zum Montag gleich ein Wechselbad der Gefühle

DIE FEINE GESELLSCHAFT (1:2.35, 5.1)
OT: Ma Loute
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland 2016
Regie: Bruno Dumont
Darsteller: Juliette Binoche, Fabrice Luchini, Valeria Bruni Tedeschi
Kinostart: 26.01.2017

Um die Sommerfrische zu genießen zieht es den Landadel immer wieder an die idyllische Küste der Normandie, an der die einheimischen Muschelfischer zusätzlich ein pittoreskes Bild liefern. Doch im Sommer des Jahres 1910 geht Seltsames vor: Touristen verschwinden spurlos... Ganz normal ist in Bruno Dumonts Mikrokosmos eigentlich gar niemand: die Reichen sind vom Inzest geprägt, die Armen vom Kannibalismus. Und der sich dazwischen befindende Inspektor ist extrem fettleibig und dumpfbackig. Mit diesem durchgeknallten Ensemble sowie den sorgfältig ausgewählten Geräuschen könnte man den Film durchaus für eine Schöpfung von Jacques Tati halten. Doch wäre es von Tati, so würden die Darsteller höchstwahrscheinlich nur ein Kauderwelsch von sich geben. Dumonts Charaktere jedoch sprechen mehr oder weniger normal – oder einfach nur so gut wie sie können. Surreal und grotesk wirkt nicht nur die grandiose Landschaft in dieser bissigen Komödie, sondern auch die Menschen. Die Mischung lässt daraus einen Alptraum entstehen, der irgendwie fasziniert, auf Dauer jedoch etwas zu lange anmutet.

DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ (1:1.85, 3D, 5.1)
OT: Les Beaux Jours D'Aranjuez
Verleih: NFP (Warner)
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland 2016
Regie: Wim Wenders
Darsteller: Reda Kateb, Sophie Semin, Jens Harzer
Kinostart: 26.01.2017

Ein Schriftsteller sitzt an seinem Schreibtisch und ersinnt auf seiner Schreibmaschine ein Gespräch zwischen einem Mann und einer Frau, die nicht näher beschrieben werden. Die geöffneten Türen des Büros führen direkt in den Garten, wo sich das ersonnene Paar befindet. Es ist ein schöner Sommertag und die beiden reden über Liebe und Sex... - Sagen wir mal so: ein Theaterstück wird nicht besser dadurch, indem man es mit aller Gewalt als 3D-Film umsetzt. Denn die realitätsferne, absurden Dialoge und Monologe bleiben ja erhalten. Man muss Peter Handke mögen, um Wim Wenders neuen Film zu mögen. Denn Handke lieferte das Theaterstück, dem sich Wenders nun mit 3D-Technik zu nähern versucht. Warum überhaupt 3D? Vielleicht einzig aus der Überlegung heraus, weil das Stück im anderen Fall wohl wesentlich besser auf der Theaterbühne aufgehoben wäre. Die Künstlichkeit der gesamten Inszenierung wird noch durch die deutsche Synchronisation verstärkt. Mein Fazit: Kino zum Abgewöhnen.
Donnerstag, 17. November 2016
Auschwitz, Weihnachten und ein Roboter
Die letzten drei Pressevorführungen in dieser Woche gab es heute gleich als Dreierpack gebündelt

DIE BLUMEN VON GESTERN (1:2.35, 5.1)
Verleih: Piffl
Land/Jahr: Deutschland, Österreich 2016
Regie: Chris Kraus
Darsteller: Lars Eidinger, Adèle Haenel, Hannah Herzsprung
Kinostart: 12.01.2017

Totila Blumen hat sich so sehr in seinen Job verbissen, dass er an schweren psychischen Störungen leidet. Eigentlich kein Wunder, wenn man sich tagtäglich mit dem Holocaust befasst. Unter seinen Ausrastern leidet nicht nur seine Frau, sondern auch die Kollegen, die einen große Auschwitz-Kongress stemmen wollen. Mitten in die Vorbereitungen platzt die Französin Zazie, die als Praktikantin die ganze Sache unterstützen soll. Dass sie mit dem Chef liiert ist, macht das Ganze etwas kompliziert. Ausgerechnet Zazie soll Totila helfen, Redner für den Kongress zu rekrutieren. Die beiden begeben sich auf eine Reise, die sie auch in ihre eigene Vergangenheit führen wird... Egal wie einem der Film auch gefällt – in einem Punkt dürften sich alle einig sein: Adèle Haenel in der Rolle der Zazie ist eine Frau, in die man sich einfach verlieben muss! Mit ihrem charmanten Wesen, dem französischen Akzent, ihrem Humor und ob mit oder ohne Brille – diese Frau zaubert Leben auf die Leinwand. Damit passt sie hervorragend zu dem von Lars Eidinger gespielten, extrem verbissenen Holocaust-Forscher, der jeglichen Lebensmut verloren hat. Was aus dieser Konstellation entsteht ist eine Amour Fou der ganz besonderen Art, eine Liebelei, die wahrhaftig Lust darauf macht, sich selbst noch einmal zu verlieben. Gemessen an diesen beiden großartigen Hauptakteuren tut einem Hanna Herzsprung in der Rolle der Ehefrau fast schon ein wenig leid, da sie zu einer Nebenfigur degradiert wurde. Was die überlagerte Geschichte mitsamt ihrer Holocaust-Thematik angeht, so kann man sich darüber streiten, ob dies nun tatsächlich der geeignete Stoff für eine Komödie mit teils schwarzem Anstrich ist. Insbesondere das Ende des Films, das fast schon ein wenig surreal, um nicht zu sagen deplatziert wirkt, darf kritisiert werden. Nichtsdestotrotz kann man Chris Kraus‘ Film seinen vorzüglichen Unterhaltungswert nicht abstreiten.


EINE SCHÖNE BESCHERUNG (1:2.35, 5.1)
OT: En Underbar Jävla Jul
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Schweden 2015
Regie: Helena Bergström
Darsteller: Robert Gustafsson, Maria Lundquist, Anton Lundqvist
Kinostart: 22.12.2016

Ausgerechnet am Weihnachtsabend wollen Simon und Oscar, ein schwules Paar, das mit ihrer gemeinsamen Freundin Cissi vor kurzem ein abgewohntes Haus bezogen haben, vor den versammelten Familien ein wichtige Ansage machen. Denn Cissi ist schwanger – und Simone und Oscar sind die Väter. Jetzt gilt es allerdings, den richtigen Moment abzupassen. Angesichts der alles andere als harmonisierenden Familien ein schier unlösbares Problem... In Deutschland sind es die Hoppenstedts, in Amerika die Criswolds und in Schweden eben Oscar und Simon und ihre Familien, die dafür sorgen, dass das Weihnachtsfest alles andere als beschaulich wird. Wie in den anderen Filmen so darf auch in Helena Bergströms Weihnachtschaos herzlich gelacht werden. Da prallen zwei Familien aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein können und die zudem noch mit einem “Gay Christmas” – im wahrsten Sinne des Wortes – konfrontiert werden. Natürlich gibt es auch hier am Ende kurz vor Mord und Totschlag versöhnliche Worte und alle fallen sich in die Arme. Aber so muss das auch sein bei einem Weihnachtsfilm, auch wenn er sich noch so alternativ gibt. Das Ensemble dürfte beim Dreh genauso viel Spaß gehabt haben wie jetzt die Zuschauer im Kinosaal. Störend allerdings ist der Musikeinsatz im Film, der fast endlos anzudauern scheint. Weniger ist manchmal mehr.

ROBBI, TOBBI UND DAS FLIEWATÜÜT (1:1.85, 5.1)
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Deutschland, Belgien 2016
Regie: Wolfgang Groos
Darsteller: Arsseni Bultmann, Alexandra Maria Lara, Sam Riley, Friedrich Mücke, Jördis Triebel, Bjarne Mädel,
Kinostart: 01.12.2016

Tobbi, introvertiert und technisch hochbegabt, wird von seinen Schulkameraden aufs Schlimmste gemobbt. Das ändert sich jedoch, als direkt neben ihm ein unbekanntes metallenes Etwas vom Himmel auf dem Boden einschlägt. Was Tobbi zunächst für einen Satelliten hält, entpuppt sich als ein Roboter aus dem Weltall. Und der zeigt ihm, wie man sich gegen die Mobber behaupten kann... Was in den 1970er Jahren als erfolgreich als TV-Serie über die Bildschirme flimmerte, kommt jetzt als Live-Action-Verfilmung auf die große Leinwand. Gemessen an den Reaktionen der vielen kleinen Zuschauer, die zur Pressevorführung mit eingeladen waren, macht der Film der Zielgruppe offensichtlich großen Spaß. Leider wurde uns das Werk nur in einer vorläufigen Fassung gezeigt, so dass mir schwerfällt, hier ein abschließendes Urteil zu fällen. Viele der Dialoge wirkten holprig, die Musik war teils aus Konserve und die visuellen Effekte waren wohl noch nicht finalisiert. Das Presseheft gibt das Bildformat zwar mit 1:2.35 an, doch gezeigt wurde uns eine 1:1.85 Version. Ob hier das Presseheft lügt oder die vorläufige Filmfassung anders kadriert wurde, kann ich nicht beurteilen. Was ich zu sehen und zu hören bekam, empfand ich leider nur als ziemlich mittelmäßig.
Dienstag, 15. November 2016
Traumata
Ein Trauma jagt das nächste – auch eine Art, den Dienstag zu verbringen

THE SALESMAN (1:1.85, 5.1)
OT: Forushande
Verleih: Prokino (24 Bilder)
Land/Jahr: Frankreich, Iran 2016
Regie: Asghar Farhadi
Darsteller: Shahab Hosseini, Taraneh Alidoosti, Babak Karimi
Kinostart: 02.02.2017

Weil das Haus, in dem Emad und Rana wohnen, einzustürzen droht, muss sich das kinderlose Paar eine neue Bleibe suchen – ein Ding der Unmöglichkeit im dicht besiedelten Teheran. Doch sie haben Glück: ein Freund bietet ihnen eine Wohnung an, die er bislang an eine Frau vermietet hatte. Dass diese einen sehr zweifelhaften Ruf hatte, verschweigt er jedoch. Als Rana eines Tages von einem Unbekannten im Bad überfallen wird und sich weigert, die Polizei einzuschalten, stellt Emad auf eigene Faust Recherchen an... Kunstvoll verflicht der iranische Regisseur Asghar Farhadi Arthur Millers Theaterstück “Tod eines Handlungsreisenden” und das Schicksal von Emad und Rana in seinem Film zu einem (zumeist) kammerspielartigen Drama. Ohne Filmmusik, mit ungeschönten Bildern und einem überzeugenden Ensemble inszeniert er einen spannenden Thriller, in dem die Beziehung eines Ehepaares im modernen Teheran an Scham und Schuldzuweisungen zu zerbrechen droht.

MANCHESTER BY THE SEA (1:1.85, 5.1)
OT: Manchester By The Sea
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Kenneth Lonergan
Darsteller: Casey Affleck, Lucas Hedges, Michelle Williams
Kinostart: 19.01.2017

Der Tod seines geschiedenen Bruders führt Lee Chandler wieder zurück in seine alte Heimat. Dort soll er nicht nur die Vormundschaft für seinen halbwüchsigen Neffen übernehmen, sondern muss sich auch den Dämonen seiner Vergangenheit stellen, die ihn vor vielen Jahren fortgehen ließen... Ehrlich gesagt habe ich bei diesem Film jede seiner 137 Minuten Spielzeit gespürt! Kenneth Lonergan inszeniert sein Drama um Trauma- und Trauerbewältigung zäh wie Kaugummi. Dazu gesellt sich eine Filmmusik, die so gar nicht zu den Bildern auf der Leinwand passt und damit als komplett willkürlich empfunden wird. Unvermitteltes Springen zwischen Gegenwart und Vergangenheit führt mehr als nur einmal zu Verwirrung. Und Casey Affleck steuert leider auch nicht mehr als den ständig gleichen Gesichtsausdruck bei. Eine um 30 Minuten kürzere Fassung käme dem Ziel bestimmt näher.
Montag, 14. November 2016
Ziemlich bester Vater
Neue Woche, neues Spiel. Eine Tragikomödie eröffnete heute den Pressereigen

PLÖTZLICH PAPA! (1:2.35, 5.1)
OT: Demain Tout Commence
Verleih: Tobis
Land/Jahr: Frankreich 2015
Regie: Hugo Gélin
Darsteller: Omar Sy, Clémence Poésy, Antoine Bertrand, Gloria Colston
Kinostart: 05.01.2017

Da glotzt er ganz schön dumm aus der Wäsche, als Kristin dem Lebemann Samuel vollkommen unerwartet ein Baby in die Arme drückt und meint, dass es seine Tochter sei. Genauso schnell wie sie ihm das Baby aufs Auge drückt ist sie dann auch wieder verschwunden – und zwar spurlos. In seiner Not reist Samuel, der eigentlich selber noch nicht ganz erwachsen ist, mit der kleinen Gloria nach London, dem letzten bekannten Aufenthaltsort der Mutter. Von der fehlt natürlich jede Spur. Dafür trifft er zufällig den gutmütigen Bernie, einen Filmproduzenten, der sofort Samuels Talent als Stuntman erkennt. Die Jahre vergehen und Samuel mausert sich zu einem liebevollen und phantasievollen Vater. Vielleicht sogar etwas zu phantasievoll: weil er ihr nicht die Wahrheit sagen möchte, erzählt Samuel seiner Tochter, dass ihre Mutter als Agentin in aller Herren Länder unterwegs sei... Basierend auf dem Drehbuch eines mexikanischen Films inszenierte Hugo Gélin diese Vater-Tochter-Geschichte, die vor allem durch seine Darsteller glänzt. Omar Sy gibt einmal mehr den coolen Lebemann, der auch tiefe Gefühle zeigen darf. Ihm zur Seite steht die kleine Gloria Colston als seine Filmtochter. Mit ihrem üppigen Afrolook und dem bezaubernden Lächeln nimmt sie von Anfang an die Herzen der Zuschauer in Beschlag. Wenn es nur der Film selber auch täte. Der aber gibt sich ziemlich holprig und inhomogen. So mutiert der Film von einer typisch überdrehten französischen Komödie der seichten Art immer wieder zu einem vollkommen ernsten Drama. Dieser plötzliche Übergang kann einem beim Zuschauen durchaus einen Strich durch die gute Laune machen. Hinzu kommt, dass zu viel im Unklaren bleibt und Nebenhandlungen nicht weiter verfolgt werden. So erfahren wir nie die Beweggründe der Mutter (zurückgenommen gespielt von Clémence Poésy), warum sie ihr Baby einfach zurückließ und acht Jahre später wieder auftaucht. Als Running Gag fungiert Antoine Bertrand in der Rolle des Bernie, einem schwulen Filmproduzenten. Doch der “Running Gag” kommt gar nicht erst richtig in die Gänge, beschränkt er sich doch darauf, dass Bernie immer wieder versucht, Hetero-Männer anzumachen – ohne Ergebnis sowohl für Bernie als auch für den Gag. Gegen Ende tritt Hugo Gélin dann nochmal so richtig auf die Tube, indem er seinem Film eine fast 180-Grad-Wende verpasst. Wehe dem, der sein Taschentuch zuhause vergessen hat! Das ist dann natürlich zwar sehr bewegend, passt aber nicht zum Rest des Films. Die Inhomogenität lässt grüßen.
Freitag, 11. November 2016
Eine tierische Casting-Show
Jetzt sind die Casting-Shows also auch im Animationsfilm gelandet

SING (1:1.85, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos, Auro 11.1, DTS X)
OT: Sing
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Garth Jennings
Kinostart: 08.12.2016

Buster Moon ist ein Koala der besonderen Art: er leitet das imposante Theater, das ihm sein Vater vererbt hat. Aber leider ohne Erfolg. Da hat er die zündende Idee: mit einem Talentwettbewerb will er die klamme Kasse wieder füllen. Und an Talenten mangelt es wahrlich nicht: ein Mäuserich, der gut singen kann und gerne den großen Macker mimt; eine Elefantendame mit Wahnsinnsstimme, aber extremem Lampenfieber: ein Stachelschweinmädchen mit Faible für Punk Rock und Liebesproblemen; ein Schweinemama mit 25 Ferkeln und Gesangstalent; ein Gangster-Gorilla der lieber Klavier spielt als seinem Papa bei krummen Touren zu helfen. Sie alle hoffen auf das hohe Preisgeld – das es eigentlich gar nicht gibt... Mit ganzen 110 Minuten Spielzeit fordert der neue Film aus Universals Computeranimationsschmiede Illumination schon ein wenig Sitzfleisch. Insbesondere weil er (leider) eine ganz Zeit braucht, um endlich so richtig in Fahrt zu kommen. “Wenn Du erst einmal ganz unten bist, kann es nur noch aufwärts gehen!” ist eine der Botschaften, die Garth Jennings‘ Film an seine Zuschauer bringen möchte. Wie schon beim erfolgreichen ZOOMANIA wurden auch hier sämtliche Menschen durch adäquate Tiere jeder Größe und Couleur ersetzt. Erstaunlich dabei ist besonders die Mimik der Protagonisten, die besonders gelungen ist. Als interessante optische Elemente gibt es rasante Fahrten mit einer entfesselten Kamera sowie eine Zeitrafferaufnahme, in Animationsfilmen eine Rarität. Bei den im Film verwendeten Songs handelt es sich fast ausschließlich um alte und neue Hits, so dass man als Zuschauer durchaus mit anstimmen könnte. Nicht gerade der große Hit, aber insgesamt passable Unterhaltung.
Dienstag, 08. November 2016
Ein Held wird geboren
Einmal mehr wurde der Kinosaal zum Schlachtfeld

HACKSAW RIDGE – DIE ENTSCHEIDUNG (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 +Atmos)
OT: Hacksaw Ridge
Verleih: Universum Film
Land/Jahr: USA, Australien 2016
Regie: Mel Gibson
Darsteller: Andrew Garfield, Sam Worthington, Vince Vaughn
Kinostart: 26.01.2017

Amerika 1945. Den Dienst an der Waffe verweigert Desmond Doss zwar beharrlich, will aber trotzdem seinen Teil an der Kriegsfront beitragen. Von seinen Kameraden auf das Übelste gemobbt, schlägt seine große Stunde bei der Schlacht auf der japanischen Insel Okinawa, wo er unzähligen Kameraden als Sanitäter das Leben rettet und damit zum Helden wird... Menschenkörper fliegen durch die Luft, Schüsse peitschen von links und rechts und von hinten nach vorn, Kanonensalven schlagen ein, Feuerwerfer lassen Soldaten lichterloh in Flammen aufgehen. Seit Spielbergs DER SOLDAT JAMES RYAN hat es im Kino wohl keine solch krassen Kriegsszenerien gegeben wie in Mel Gibsons Heldenepos HACKSAW RIDGE. Mit ausgefeilter Pyrotechnik und brachialem Klanggewitter inszeniert Gibson die Entscheidungsschlacht am Hacksaw Ridge auf Okinawa. Derart realistisch in Szene gesetztes Schlachtengetümmel erfüllt seinen Zweck: Abschreckung. Nie wieder darf es einen solch bestialischen Krieg geben. Doch es geht Gibson weniger um diese Abschreckung, sondern vielmehr um den Mann, der aus dieser Schlacht als amerikanischer Held hervorging. Mit extrem viel Pathos (dazu gehört auch der Score von Rupert Gregson-Williams) geht Gibson hier zu Werke, lässt seinen “James Ryan” am Ende gar noch quasi in den Himmel schweben und lässt kurz vor dem Abspann die überlebenden Soldaten dieser Schlacht persönlich zu Wort kommen. Ein bisschen grenzwertig ist diese Heroisierung schon, zeigt sie doch ganz klar, dass man insbesondere im Krieg zum Helden werden kann. Das dürfte Balsam für die amerikanische Seele sein. In Europa sieht man das (hoffentlich) etwas differenzierter.
Montag, 07. November 2016
Schon wieder Frühstück bei einem Monsieur
Eine leichte Komödie am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen

GEMEINSAM WOHNT MAN BESSER (1:2.35, DD 5.1)
OT: Adopte Un Veuf
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich 2016
Regie: François Desagnat
Darsteller: André Dussollier, Bérengère Krief, Arnaud Ducret
Kinostart: 22.12.2016

Huberts trister Alltag wird ganz schön aufgewirbelt, als eine junge Studentin in eines der Zimmer der riesigen Stadtwohnung des verwitweten Pensionärs zur Untermiete einzieht. Nach einer gemeinsam durchzechten Nacht überredet sie ihn schließlich dazu, auch die anderen freien Zimmer unterzuvermieten. Schon bald entsteht eine sympathische WG, deren Mitglieder ihre ganz eigenen Probleme haben... Würde Hubert mit Familiennamen nicht Jacquin heissen, so könnte man den Film durchaus als “Zweites Frühstück bei Monsieur Henri” titulieren. Wer nun die Idee von wem geklaut hat ist dabei vollkommen egal. Wichtig ist einzig die Frage: welcher ist der bessere Film? Hier geht die volle Punktzahl an FRÜHSTÜCK BEI MONSIEUR HENRI. François Desagnats Komödie ist zwar nett anzuschauen ob des spielfreudigen Ensembles, doch insgesamt ist sie leider viel zu weichgespült, um echte Emotionen beim Zuschauer hervorzurufen. André Dussollier in der Rolle des kauzigen Alten macht zwar durchaus Spaß, hat aber längst nichts vom Biss des Monsieur Henri. Schade – es hätte so schön sein können.

GIRL ON THE TRAIN (1:2.35, DD 5.1 + 7.1)
OT: The Girl On The Train
Verleih: Constantin
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Tate Taylor
Darsteller: Emily Blunt, Rebecca Ferguson, Haley Bennett
Kinostart: 27.10.2016

Als die junge Megan spurlos verschwindet, gerät die Alkoholikerin Rachel in das Visier der Ermittlungen. Sie selbst hat nur noch bruchstückhafte Erinnerungen an jene Nacht, in der die junge Frau verschwand. Und sie hat einen schlimmen Verdacht: hat sie etwa Megan umgebracht? - Was diesem Thriller ein wenig die Luft aus den Segeln nimmt, ist das sichere Gefühl, einem Plot-Twist entgegenzusteuern. Ansonsten ist Tate Taylors Verfilmung des Romans von Paula Hawkins souverän in Szene gesetzt und fordert seine Zuschauer sogar durch das Einschalten verschiedener Zeitebenen. Neben der wie immer brillant spielenden Emily Blunt beeindruckt im Darstellerensemble vor allem Haley Bennett, die von ihrem äußeren Erscheinungsbild stark an Jennifer Lawrence erinnert. GIRL ON THE TRAIN ist ein solider Thriller für zwischendurch.
Samstag, 05. November 2016
Termin beim Doktor
Heute habe ich mal wieder einen Film nachgesessen, weil der Disney-Konzern seinen neuesten Blockbuster nicht der Stuttgarter Presse zeigen wollte.

DOCTOR STRANGE (1:2.35 & 1:1.90, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Doctor Strange
Verleih: Walt Disney
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Scott Derrickson
Darsteller: Benedict Cumberbatch, Chiwetel Ejiofor, Tilda Swinton
Kinostart: 27.10.2016

Weil er nach einem folgenschweren Unfall nicht mehr operieren kann, sucht der arrogante Chirurg Stephen Strange Hilfe bei fernöstlicher Medizin. Unter der Anleitung einer weisen Frau wird er in Katmandu in die Geheimnisse unbekannter Universen eingeweiht. Als schließlich drei abtrünnige Schüler unter Führung eines dunklen Herrschers die ihnen gegebene Macht missbrauchen wollen, um die Erde Untertan zu machen, wird Strange zu einem Umdenken gezwungen... Mit einer großen Portion Selbstironie “marvelt” es sich deutlich besser. Zumindest beweist das Scott Derrickson mit seiner Inszenierung des Comicbuchs von Stan Lee (der natürlich im Film selber wieder einen Gastauftritt absolviert), die es immer wieder versteht, das Ernste in dieser Fantasy-Geschichte mit großartigem Humor aufzupeppen. Es gibt zwar zwischendurch ein paar Längen zu beklagen, doch werden die ganz schnell wieder mit fulminanten Passagen wettgemacht. Was die visuellen Effekte angehen, so hat Christopher Nolans INCEPTION mit DOCTOR STRANGE einen würdigen Nachfolger gefunden. Hier scheint nichts mehr unmöglich zu sein, Raum und Zeit werden aus den Angeln gehoben und sie Schwerkraft außer Kraft gesetzt. Es gehört schon jede Menge Kreativität (und Computerpower!) dazu, sich solche Bilder auszudenken. Um sich kopfüber in diese grandiosen Bilderwelten zu stürzen, bedarf es schon einer IMAX-Präsentation. Wer in den Genuss einer solchen Vorführung kommt, der darf sich freuen: sehr viele Schlüsselszenen wurden eigens für die IMAX-Version angepasst und liefern etwa 30 Prozent mehr Bildinhalt gegenüber der 1:2:35-Kadrage. Wünschenswert wäre natürlich die Öffnung des Bildes auf volle IMAX-Größe (1:1.44), aber was nicht ist kann ja noch werden. Die Hoffnung stirbt jedenfalls zuletzt. Mit Benedict Cumberbatch in der Titelrolle hat der Film übrigens den perfekten Doktor Strange gefunden: man nimmt ihm diesen arroganten, selbstverliebten Chirurg einfach ab. Noch ein Hinweis an die ganz Eiligen: es gibt nicht nur eine zusätzliche Szene nach den Hauptcredits im Abspann, sondern auch noch eine sehr entscheidende Szene im Anschluss an die Endtitel. In der Vorführung, welcher ich beiwohnte, hat nur etwa die Hälfte der Zuschauer diese Szene zu sehen bekommen. Fazit: gute Unterhaltung, die besonders im IMAX-Format begeistert.
Freitag, 04. November 2016
Warten auf ein Zeichen
Wochenabschluss mit etwas Geisterstunde

PERSONAL SHOPPER (1:2.35, DD 5.1)
OT: Personal Shopper
Verleih: Weltkino
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland 2016
Regie: Olivier Assayas
Darsteller: Lars Eidinger, Kristen Stewart, Nora von Waldstätten
Kinostart: 19.01.2017

Vor ein paar Monaten hat Maureen ihren Zwillingsbruder Lewis durch einen Herzinfarkt verloren. Die beiden standen sich sehr nahe und hatten dieselbe Gabe: sie waren Medien für die Geisterwelt und hatten einander versprochen, dass wer zuerst stirbt dem jeweils anderen Zwilling ein Zeichen schickt. Seither wartet Maureen, die in Paris als persönliche Einkäuferin für einen großen Star arbeitet, auf dieses Zeichen. In der riesigen Villa, in der Lewis zuletzt wohnte, glaubt sie fündig zu werden... In seinem neuen Film macht Regisseur Olivier Assayas einen Ausflug ins Horrormetier. Die Gruselstimmung fängt er sogar ziemlich gut in Bild und Ton ein. Im krassen Gegensatz dazu hat sein Film aber auch mit extremen Längen zu kämpfen. So gibt es eine recht ausgedehnte Sequenz, in der Kristen Stewart nach London reist und auch wieder zurück. Während dieser Sequenz chattet sie die ganze Zeit mit einem Unbekannten, der sie offenbar beobachtet und auch sonst viel über sie zu wissen scheint. Hier treten an die Stelle von Dialogen kurze Nachrichten auf dem Display ihres Smartphones. Das geht so lange, bis man das Gefühl hat, ein Buch zu lesen! Mit Kino hat das so eigentlich nichts mehr zu tun. Und zum Ende des Film sei nur soviel gesagt: Assayas wird seine Zuschauer mit Fragezeichen in den Augen aus dem Film entlassen. Insgesamt ist das alles zwar etwas unbefriedigend, aber trotzdem irgendwie interessant. Vielleicht liegt es auch einfach nur an Kristen Stewart, die ihre Rolle nicht nur sehr freizügig, sondern auch durchaus überzeugend vermittelt.
Donnerstag, 03. November 2016
Eine Frau auf der Suche
Zwei der insgesamt drei Pressevorführungen in dieser Woche gab es gleich heute im Doppelpack

BADEN BADEN (1:1.85, 5.1)
OT: Baden Baden
Verleih: Film Kino Text
Land/Jahr: Belgien, Frankreich 2016
Regie: Rachel Lang
Darsteller: Salomé Richard, Claude Gensac, Swann Arlaud
Kinostart: 29.12.2016

Ihr Versuch im Ausland auf einem Filmset zu arbeiten schlägt grandios fehl. Frustriert treibt es die 26jährige wieder in ihre Heimatstadt Straßburg zurück. Dort findet sie Unterschlupf bei ihrer Oma. Als die stürzt und ins Krankenhaus muss, beschließt Ana, Omas Badezimmer zu sanieren. Doch nicht nur das bereitet ihr große Probleme – auch die Begegnung mit ihren alten Lieben lässt das Mädchen nicht zur Ruhe kommen... Gleich zu Beginn von Rachel Langs Drama ist die von Salomé Richard gespielte Ana minutenlang in Großaufnahme zu sehen. Die kurzen zerzausten Haare und ihr irgendwie verlorener Blick machen schnell klar, dass die Protagonistin nicht sie selber ist, sondern eher eine Getriebene oder gar Vertriebene. Und trotzdem mag man die junge Frau von der ersten Minute an. Erst im Verlauf des Films erfahren wir als Zuschauer mehr von diesem Wesen, das einer unglücklichen Liebe zu entkommen versuchte und im Ausland gestrandet ist. Salomé Richard spielt Ana sehr authentisch und mit großer Hingabe. Stück um Stück lernen wir die Vergangenheit dieser Ana kennen. Doch das Drehbuch lässt durchaus ein paar Lücken bestehen, wodurch natürlich das Interesse an der Figur noch stärker wird und man als Zuschauer bei diesem Film stets am Ball bleibt. Man möchte einfach wissen, ob Ana ihren Weg im Leben (oder ins Leben) finden wird. Wir dürfen uns Hoffnung machen.

SHUT IN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Shut In
Verleih: Universum Film
Land/Jahr: USA, Kanada, Frankreich 2016
Regie: Farren Blackburn
Darsteller: Naomi Watts, Oliver Platt, Jacob Tremblay
Kinostart: 15.12.2016

Das plötzliche Verschwinden eines ihrer kleinen Patienten beschert der Kinderpsychologin Mary viele Alpträume und in ihrem mitten im amerikanischen Nirgendwo gelegenen Haus hört sie nächtens seltsame Geräusche. Als sie auch noch Kratzspuren auf der Wange ihres pflegebedürftigen Stiefsohns entdeckt, ist sie davon überzeugt, dass noch jemand im Haus ist... Wer an Schlafstörungen leidet, der könnte es ja einfach mal mit diesem Film probieren. Ich jedenfalls konnte gut dabei schlafen. Natürlich immer mit einem wachen Auge, um meiner Verpflichtung als Filmkritiker nachzukommen. Es ist halt immer schlecht, wenn man als Zuschauer dem Drehbuchschreiber (oder in diesem Fall der Schreiberin) um zwei oder drei Seiten voraus ist. Da geht Spannung flöten und die vornehmlich auf der Tonspur inszenierten Schrecksekunden verpuffen wirkungslos. Gehört man allerdings zu jener Gruppe von Zuschauern, die noch nie im Leben einen Thriller gesehen haben, hat man gewonnen. Dann nämlich ist nichts mit Schlafen und so, sondern dann ist Nägelkauen angesagt. Jedoch glaube ich ehrlich gesagt nicht an diese Gruppe von Zuschauern. Wenn Farren Blackburn dann irgendwann im Verlaufe des Films seinen Plot Twist lanciert, verliert der Film auch noch seinen letzten Funken an Glaubwürdigkeit. Fazit: ein Durchschnittsthriller für den sich der Gang ins Kino gewiss nicht lohnt.

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