Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Mittwoch, 31. Mai 2017
Die Killer sind los im schönen Dänemark
Zur Wochenmitte habe ich mir den neuen Bornedal gegönnt

SMALL TOWN KILLERS (1:2.35, DD 5.1 + Atmos)
OT: Draeberne Fra Nibe
Verleih: DCM
Land/Jahr: Dänemark 2017
Regie: Ole Bornedal
Darsteller: Nicolas Bro, Ulrich Thomsen, Mia Lyhne, Lene Maria Christensen
Kinostart: 06.07.2017

Ib und Edward sind alles andere als zufrieden mit ihren Ehen: Sex gibt es schon lange keinen mehr. Während die beiden unlauteren Geschäften nachgehen, vergnügen sich ihre Frauen lieber im Salsa-Kurs des Schweden Malte, der von ihnen angehimmelt wird. Eine Scheidung kommt aus finanziellen Gründen nicht in Frage. Dann schon eher der plötzliche Tod ihrer Lieben! Volltrunken heuern die beiden einen russischen Auftragskiller an, der die Gattinnen beseitigen soll. Dumm nur, dass die Frauen Wind davon bekommen und ihrerseits eine britische Killerin engagieren... Eigentlich stimmen die Zutaten: schräge Charaktere in außer Kontrolle geratenden Situationen. Dass Ole Bornedals schwarze Komödie trotzdem nicht so recht vom Fleck kommen will liegt vermutlich am falschen Tempo des Films. Zu sehr werden da oft schier endlos anmutende Dialoge bemüht, anstatt den Worten flott Taten folgen zu lassen. Auch dass der russische Killer statt Blut offenbar nur Alkohol in den Venen hat, weiß man spätestens nach seinem zweiten Auftritt. Trotzdem wird immer wieder versucht, daraus witziges Kapital zu schlagen. Was natürlich irgendwann einfach nicht mehr gelingt. Als Rettung bietet sich die von den beiden Frauen engagierte Killerin an, die sich als eine Kreuzung zwischen Miss Marple und den alten Damen aus ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN entpuppt. Ihr Auftritt ist exzentrisch britisch und birgt großes Potenzial, das aber leider nur bedingt ausgeschöpft wird. Was die Besetzung angeht, so machen Nicolas Bro und Ulrich Thomsen gewohnt gute Figur als Versagergespann, das die Geister rief und sie nicht mehr los wird. Wie von Bornedal nicht anders zu erwarten hat er seinen Film zumindest optisch souverän umgesetzt und bedient sich dramatischer Orchestermusik, um den Humor auf die Spitze zu treiben.
Dienstag, 30. Mai 2017
Aufstieg und Fall eines Rappers
Ein Biopic beschäftigte mich am heutigen Morgen

ALL EYEZ ON ME (1:2.35, 5.1)
OT: All Eyez On Me
Verleih: Constantin
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Benny Boom
Darsteller: Demetrius Shipp jr., Danai Jekesai Gurira, Kate Graham
Kinostart: 15.06.2017

Der junge Farbige Tupac wächst in den Straßen von New York auf, wo er ständig mit Polizeigewalt und Drogen konfrontiert wird. Als er den Rap für sich entdeckt, um seiner Realität eine Stimme zu geben, beginnt sein unaufhaltsamer Aufstieg als Sänger, wobei er jedoch immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerät... 75 Millionen Alben hat er weltweit verkauft: Tupac Shakur, der schwarze Rapper, der ins Gefängnis musste und 1996 in Las Vegas auf offener Straße angeschossen wurde und kurze Zeit darauf verstarb. Er war gerade einmal 25 Jahre alt. Den Mörder hat man bis heute nicht gefasst. 20 Jahre nach seinem Tod lässt Regisseur Benny Boom Tupacs Leben fürs Kino Revue passieren, zeigt die vielen Stationen des Rappers (der von Demetrius Shipp jr. hervorragend dargestellt wird), seine Erfolge, seine Niederlagen, seine Liebschaften. Natürlich angereichert mit jeder Menge Gangsta-Rap, der den Subwoofern im Kinosaal viel Arbeit macht. Der Film dürfte insbesondere für Fans des Musikers von Interesse sein. Unbedarfte müssen sich auf eine Rekordzahl an “Motherf*****” einstellen.
Montag, 29. Mai 2017
Von Hochbegabten und dem Savoir Vivre
Wochenauftakt mit einem Pressedoppel

BEGABT – DIE GLEICHUNG EINES LEBENS (1:2.35, 5.1)
OT: Gifted
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Marc Webb
Darsteller: Chris Evans, Mckenna Grace, Lindsay Duncan, Octavia Spencer
Kinostart: 13.07.2017

Weil ihre Mutter kurz nach der Geburt Suizid beging, lebt Mary bei ihrem Onkel Frank. Nach ihrer Einschulung wird klar, dass es sich bei Mary um ein hochbegabtes Kind handelt, dem Frank jedoch ein ganz normales Leben bieten möchte. Doch Franks Mutter hat ihre ganz eigenen Pläne für die Enkelin und zieht gegen ihren Sohn vor Gericht, um diese durchzuboxen... In der etwas rührseligen Geschichte mit obligatorischem Happy End verdient insbesondere die kleine Hauptdarstellerin Mckenna Grace Aufmerksamkeit. Die an eine ganz junge Emma Watson erinnernde Nachwuchsschauspielerin macht ihre Sache so toll, dass man gar nicht anders kann, als mit ihr die Höhen und Tiefen eines hochbegabten Kindes emotional gefesselt durchzumachen. Das konventionell inszenierte Drama stützt sich auf eine Filmmusik, in der sich Komponist Rob Simonsen auf den Spuren eines Thomas Newman bewegt.

PARIS KANN WARTEN (1:1.85, 5.1)
OT: Paris Can Wait
Verleih: Tobis
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Eleanor Coppola
Darsteller: Diane Lane, Alec Baldwin, Arnaud Viard
Kinostart: 13.07.2017

Eigentlich möchte Anne ihren Gatten, einen Filmproduzenten, von Cannes nach Budapest begleiten. Doch Ohrenschmerzen zwingen die attraktive Mitfünfzigerin, das Flugzeug nicht zu besteigen. Da bietet sich Jacques, ein Kollege ihres Mannes an, Anne mit dem Auto nach Paris zu fahren, wo sie sich mit ihrem Gatten treffen möchte. Anne schlägt ein, merkt aber bald schon, dass es Jacques keineswegs eilig hat, mit der schönen Fracht nach Paris zu kommen. Denn die Verlockungen auf dem Weg dorthin sind einfach viel zu groß – außerhalb und auch innerhalb des Cabriolets... Was genau verstehen die Franzosen eigentlich unter “Savoir Vivre”? In ihrem Regiedebüt zeigt uns Eleanor Coppola, Gattin des legendären Francis Ford Coppola und Mutter der soeben in Cannes für die beste Regie ausgezeichneten Sofia Coppola, was es bedeutet, das Leben wirklich zu genießen. Gutes Essen, guter Wein, perfektes Wetter, eine reizvolle Landschaft, die zum Picknick einlädt, ein Cabriolet, darin ein charmanter Franzose und eine schöne Amerikanerin, die es alles andere als eilig haben – voila!, schon entschleunigt sich alles und der Genuß tritt in den Vordergrund. In ihrer extrem leichtfüßig inszenierten Sommerromanze spürt man förmlich den leichten Fahrtwind, schmeckt fast schon die fein kredenzten Weine und ist überzeugt, die vielen Düfte der exquisiten Gaumenfreuden riechen zu können! Coppolas 92 Minuten fühlen sich an wie ein lange fälliger Urlaub inklusive der dazugehörigen Liebelei. Dem Drehbuch ist es zu verdanken, dass sich Letztere zwar über den gesamten Verlauf des Films auf einen scheinbar unausweichlichen Höhepunkt hinbewegt, sich aber letztendlich nicht die Blöße der Banalität gibt. Es knistert gehörig zwischen Anne und Jacques und das Knistern wird von Essen zu Essen stärker und macht so den Sommerausflug von der Cote D’Azur durch die Provence bis nach Lyon und noch weiter zu einem spannenden Roadtrip. Alles hält sich zurück in diesem Genußfilm – nicht nur Jacques, sondern auch die Filmmusik, die zu keiner Zeit das Ruder übernimmt, sondern stets als stiller Begleiter hervorragend funktioniert. Mit ihrem Film dürfte Eleanor Coppola insbesondere weibliches Publikum ansprechen, das dem Charme von Jacques ganz sicher genauso erliegt wie Anne. Mit Arnaud Viard und Diane Lane hat der Film eine wirklich wunderbare Besetzung gefunden. Altstar Alec Baldwin, der die Rolle von Annes Gatten übernommen hat, muss sich in diesem Film mit einer Nebenrolle begnügen. Allerdings eine, die ihm gut steht. Geduld braucht es bei dieser kulinarischen Fahrt durch Frankreich, widersetzt sich der Film doch heutigen Sehgewohnheiten. Aber genau das werden seine Zuschauer(innen) daran lieben!
Dienstag, 23. Mai 2017
Schräges Komödiendoppel
Es gibt Komödien, bei denen man lachen kann. Und solche, bei denen das nicht klappen will

MÄDELSTRIP (1:2.35, 5.1 + 7.1)
OT: Snatched
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Jonathan Levine
Darsteller: Amy Schumer, Goldie Hawn, Joan Cusack
Kinostart: 15.06.2017

Weil ihr Freund am Vorabend der Reise Schluss gemacht hat, nimmt Emily stattdessen ihre überängstliche Mutter in den Urlaub nach Ecuador mit. Kaum dort angekommen, sehen sich die beiden statt mit paradiesischen Ferien einer Entführung ausgesetzt. Wenn die Entführer nur wüssten, auf was sie sich da eingelassen haben... Diese extremst langweilige Aneinanderreihung von Peinlichkeiten ist nicht vieler Worte wert. Als Fazit nach Sichtung des Films stellen sich exakt drei Fragen: 1. Woher kommt das Geld für einen solchen Bockmist? 2. An welcher Stelle genau soll man hier lachen? 3. Wie zum Kuckuck kommt Goldie Hawn in ein solches Stück? Ich wünsche viel Vergnügen und Durchhaltevermögen bei der Beantwortung.

GREGS TAGEBUCH: BÖSE FALLE! (1:2.35, 5.1 + 7.1)
OT: Diary Of A Wimpy Kid: The Long Haul
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2017
Regie: David Bowers
Darsteller: Jason Drucker, Alicia Silverstone, Charlie Wright
Kinostart: 01.06.2017

Greg hat mal wieder die A****karte gezogen: in einem Schnellrestaurant landet er unfreiwillig in einem Pool voller Bälle und hat plötzlich eine gebrauchte Windel in der Hand – und landet in allen sozialen Netzwerken als der Loser ”Windelhand”. Um sein Image wieder aufzupolieren, will er sein großes Gamingidol Mac Digby auf einer Video Games Convention besuchen, um sich mit ihm fotografieren zu lassen. Dumm nur, dass seine Eltern ganz andere Pläne haben: sie wollen mit Mann und Maus per Auto zu Omas 90. Geburtstag reisen. Doch der clevere Greg weiß sich zu helfen. Schließlich kennt er sich nicht umsonst mit der Programmierung des Navi aus... Mit GREGS TAGEBUCH: BÖSE FALLE! kommt Familie Heffley bereits zum vierten Mal ins Kino. Es ist die Verfilmung des neunten Buches aus der bekannten Kinderbuchreihe von Jeff Kinney. Und die neue Verfilmung kommt auch gleich mit neuen Gesichtern. Zwar sind es dieselben Charaktere, in deren Mittelpunkt der Mittelstufenschüler Greg steht, doch die Schauspielerriege ist eine andere als bisher. Beruhigend dabei: es fällt überhaupt nicht ins Gewicht! Was sich gegenüber den bisherigen Filmen allerdings etwas geändert hat, ist der Tonfall der Erzählung, die jetzt ziemlich kräftig aus dem Fäkalhumorreservoir schöpft. Nicht dass es das vorher nicht gegeben hätte, doch in dieser Intensität ist das neu. Was mit dem Fund einer gebrauchten Windel, die sich einfach nicht mehr von Gregs Hand lösen will, beginnt, steigert sich bis hin zu jener Karussellfahrt, während der sich Gregs Bruder Rodrick nicht nur kurz übergibt, sondern das Erbrochene sich in Slow Motion auf die Kamera zubewegt, sich dann aber durch die Fliehkraft bedingt ins Gesicht seines Nebenmanns verteilt! Na dann guten Appetit! Waren die vorherigen Teile noch mit netten Animationen als Stilmittel durchsetzt, finden sich diese jetzt gerade mal am Anfang und Ende. Dazwischen gibt es dann eine Familie, die wie einst Familie Griswold im freien Fall von einem Unglück in ein noch größeres stürzt. Das ist dann freilich alles gut in Szene gesetzt und wird von einer karikierenden, übertreibenden Filmmusik untermalt, doch muss man wohl in Gregs Alter sein, um das zum Brüllen komisch zu finden. In der Metaebene dieser schrillen Komödie, in der sogar die berühmte Duschszene aus PSYCHO parodiert wird, geht es um den Zusammenhalt der Familie, jenes Gut also, das vor allem bei den Amerikanern stets hochgehalten wird. Aber ganz nebenbei versteht sich der Film bestens darauf, die Besessenheit der Kinder (und auch ihrer Eltern!) mit Smartphone & Co. treffend zu karikieren. Also Kinder, aufgepasst: da könnt ihr und auch eure Eltern noch etwas lernen!
Donnerstag, 18. Mai 2017
Heimatgefühle
Der letzte Film der Pressevorführungen in dieser Woche war gleichzeitig der schönste

SOMMERFEST (1:2.35, 5.1)
Verleih: X Verleih (Warner)
Land/Jahr: Deutschland 2017
Regie: Sönke Wortmann
Darsteller: Lucas Gregorowicz, Anna Bederke, Nicholas Bodeux, Jasna Fritzi Bauer
Kinostart: 29.06.2017

Als ihn die Nachricht vom Tod seines Vaters telefonisch erreicht, verlässt Schauspieler Stefan Zöllner Hals über Kopf die Theaterproben und fährt mit dem Zug von München zurück in seine alte Heimat Bochum. 15 Jahre lang war er nicht mehr dort. Vieles hat sich verändert, nicht aber der Kiosk an der Ecke, der von Kumpel Toto geführt wird, der ihn auch sogleich für einen kleinen Freundschaftsdienst in Beschlag nimmt. Was sich für Stefan anfangs anfühlt wie eine Trip in eine fremde Welt, wird ihm schon bald wieder sehr vertraut sein – auch Charlie, seine einstige große Liebe... Im Abspann heisst es zwar “Gewidmet allen Jugendlieben”, doch zuallererst handelt es sich bei Sönke Wortmanns Sommerkomödie um einen melancholischen und sehr berührenden Heimatfilm – ein wunderbarer Abgesang auf das Ruhrgebiet! So Mancher, der nicht “auss‘m Pott” kommt, wird vermutlich denken, dass das Figurenkabinett in Wortmanns Film stark überzeichnet sei. Doch ganz das Gegenteil ist hier der Fall: wer den Pott kennt, der weiß, dass die Typen, denen Lucas Gregorowicz alias Stefan Zöllner hier begegnet, ziemlich authentisch sind. Genauso authentisch wie die meist mit Graffiti überzogenen Locations, die im Film gezeigt werden: der Kiosk, die Trinkhalle (ja, so heissen die Kneipen im Pott tatsächlich!), die Hinterhöfe, das Stadion (nur echt mit Bratwurst!) und natürlich das Zechenmuseum inklusive funktionstüchtiger Dampfmaschine. Dass das Gelände schon bessere Zeiten gesehen hat, merkt man hier an jeder Ecke und in jedem Gespräch. Kein Wunder also, dass es Stefan weggetrieben hat nach München. “Woanders weißt Du, wer Du bist. In der Heimat wissen die Anderen, wer Du bist!” sagt er in einer Szene und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Ob er will oder nicht: hier muss sich der Schauspieler seiner Vergangenheit stellen und wird dazu noch ziemlich schnell wieder vom Heimatgefühl eingeholt. Wortmanns Film ist bis in kleinste Nebenrollen perfekt besetzt und Jasna Fritzi Bauer – dieses Mal in einer Nebenrolle zu sehen – darf sogar eine Gesangsnummer absolvieren, was sie durchaus souverän macht. Souverän auch das Handwerkliche an diesem Film, der gleich zu Beginn eine kleine Hommage an den großartigen BIRDMAN abliefert. SOMMERFEST ist unbedingt einen Gang ins Kino wert. Kleiner Tipp: beim Abspann sitzen bleiben. Es lohnt sich.

Mittwoch, 17. Mai 2017
Wo die Bösen die Guten sind
Heute gab es adrenalintreibende Action zum Wachwerden

OVERDRIVE (1:2.35, 5.1)
OT: Overdrive
Verleih: Universum Film
Land/Jahr: Frankreich 2017
Regie: Antonio Negret
Darsteller: Scott Eastwood, Ana de Armas, Simon Abkarian
Kinostart: 29.06.2017

Die Brüder Andrew und Garrett Foster sind die besten ihres Fachs, wenn es um das Klauen von exklusiven Sportwagen geht. Als die beiden unwissentlich eine millionenschwere Karosse von Marseilles Gangster Nummer 1, Jacomo Morier, stehlen, geraten sie in dessen Fittiche. Er zwingt sie dazu, seinem Erzrivalen Max Klemp binnen einer Woche ein streng gehütetes Sammlerstück zu entwenden. Andernfalls werden sie umgelegt. Die Brüder lassen sich auf den Deal ein. Damit beginnt ein waghalsiges Unternehmen... Antonio Negret inszenierte mit OVERDRIVE so etwas wie Europas (genauer: Frankreichs) Antwort auf das “Fast & Furious” Franchise. Actionmäßig steht sein Film dem amerikanischen Vorbild in Nichts nach, sondern übertrifft dies eventuell noch im Hinblick auf die Stunts, die hier überwiegend ohne Green Screen auskommen. Fans fulminanter Auto-Action kommen hier ganz sicher auf ihre Kosten. Ihnen zuliebe verzichtet das Drehbuch auch auf komplizierte Handlungsstränge und reduziert die Charaktere auf Abziehbilder. Daran ist grundsätzlich natürlich nichts auszusetzen, ist es doch genau das, was der Zuschauer serviert bekommen möchte. Zweifelhaft allerdings ist die Moral des Films, die einmal mehr Verbrecher zu Helden stempelt frei nach dem Motto “Unter den vielen ganz Bösen in der Welt sind die weniger Bösen die Guten”. So scheuen sich die Helden von OVERDRIVE nicht davor, über Leichen zu gehen. Das wird von der Inszenierung freilich kaschiert, ändert aber nichts an der Tatsache. Und das Beste: die Jungs und Mädels werden dafür nicht einmal zur Rechenschaft gezogen. Damit hat der Film alles andere als Vorbildcharakter. Vorbildlich dagegen allerdings die Tonspur, die sämtliche Register zieht, um das Adrenalin zum Kochen zu bringen. Wenn Sie sich also unbedingt den Film anschauen wollen, dann bitte in einem tontechnisch guten Kinosaal!
Dienstag, 16. Mai 2017
Opfer gibt es auch im eigenen Land
Eine angtseinflößende Dokumentation über den amerikanischen Drohnenkrieg rüttelte mich heute morgen wach

NATIONAL BIRD – WOHIN GEHT DIE REISE, AMERIKA? (1:1.78, 5.1)
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: USA, Deutschland 2016
Regie: Sonia Kennebeck
Kinostart: 18.05.2017

Die drei Helden in ihrer Dokumentation sind allesamt sogenannte “Whistleblower”: Heather, ehemalige Drohnen Video Analystin bei der US Air Force; Daniel, externer Geheimdienstmitarbeiter und ehemaliger Spezialist für elektronische Überwachungen; Lisa, ehemalige Technikerin beim Drohnenüberwachungssystem der US Air Force. Regisseurin Sonia Kennebeck, Spezialistin für investigative Reportagen, hat sie vor ihre Kamera geholt, weil sie ihr Schweigen brechen wollen. Das Schweigen über den amerikanischen Drohnenkrieg in Afghanistan, bei dem es viele zivile Opfer zu beklagen gibt. Alle Drei haben ihren Job geschmissen, weil er sie an ihre Grenzen geführt hat und sie gezwungen waren, gegen ihre eigene Überzeugung und Moral zu handeln. Während Heather versucht, ihre posttraumatische Belastungsstörung als Masseurin loszuwerden, reist Lisa an jenen Ort, an dem es am 21. Februar 2010 zu massiven zivilen Opfern kam und hofft dort im Gespräch mit Überlebenden auf Vergebung. Daniels Versuche schließlich, mit seinen Erlebnissen fertig zu werden, rufen die Behörden auf den Plan und er sieht sich plötzlich Spionagevorwürfen ausgesetzt. Mit eindrucksvollen Bildern und ungeschminkten Interviews vermittelt Kennebeck ihren Zuschauern den Drohnenkrieg und dessen Auswirkungen hautnah. Anhand von authentischen Drohnenaufnahmen und dem dazugehörigen nachgestellten Funkverkehr wird überdeutlich, mit welchem Wahnsinn die Amerikaner im fremden Land Krieg führen. Unschuldige Opfer gibt es hier nicht nur am anderen Ende der Welt, sondern auch hinter der Fernsteuerung im eigenen Land. Wenn die Regisseurin immer wieder Bilder von oben zeigt, gibt es kaum Unterschiede zwischen Afghanistan und den USA. Und das macht zu recht Angst.

Montag, 15. Mai 2017
Im Weltall hört dich wieder niemand schreien
Deutsches Liebeskino vs. blutigem Alienschmaus: mein Montag.

AUF DER ANDEREN SEITE IST DAS GRAS VIEL GRÜNER (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Deutschland 2017
Regie: Pepe Danquart
Darsteller: Jessica Schwarz, Felix Klare, Christoph Letkowski
Kinostart: 13.07.2017

Ihrer Schusseligkeit beim Autofahren hat Kati es zu verdanken, dass ihr Felix begegnet. Zwischen der Chaotin und dem Assistenzarzt funkt es sofort. Doch fünf Jahre später sieht alles ganz anders aus. Die beiden sind zwar verheiratet, doch Zeit für Gemeinsamkeit gibt es nicht mehr, seit Felix Oberarzt geworden ist. Da lernt Kati zufällig den sympathischen Mathias kennen, einen Künstler mit viel Freizeit, zu dem sie sich extrem stark hingezogen fühlt. Soll sie eine Affäre mit ihm eingehen? Passt er besser zu ihr als Felix? Noch während sie mit sich am Ringen ist, passiert etwas, was Katis bisheriges Leben komplett umkrempeln wird... Eine Frau zwischen zwei Männern. Doch welcher Mann passt wirklich zu ihr? Die Antwort darauf liefert zumindest im Film – der Tod! Pepe Danquart inszenierte seine Komödie nach dem gleichnamigen Roman von Kerstin Gier. Und er teilt seinen Film in zwei Teile. Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass die Zuschauer bereits vor Teil 2 das Weite suchen angesichts eines komplett abgedroschenen Plots, dreier vollkommen überdrehter Protagonistinnen und einer einfallslosen Inszenierung. Hält man die erste Hälfte tapfer durch, wird man mit einem Plot-Twist konfrontiert, der an dieser Stelle derart erfrischend wirkt, dass man wieder Hoffnung schöpft. Nach einer Minute allerdings ist es schon wieder vorbei mit der Hoffnung und das Unglück des Zuschauers geht weiter wie gehabt. Ob sich Danquart hier streng an die Vorlage hält, kann ich leider nicht beurteilen, da ich den Roman nicht kenne. Somit kann ich nur den Kinofilm beurteilen, der frei von echten Gefühlen zu bestehen versucht. Ein Versuch, der freilich scheitert. Denn wie soll eine Liebesromanze funktionieren, wenn keine echten Gefühle transportiert werden? Taschentücher können getrost zuhause bleiben (außer man leidet an Schnupfen).

ALIEN: COVENANT (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Alien: Covenant
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Ridley Scott
Darsteller: Katherine Waterston, Michael Fassbender, James Franco
Kinostart: 18.05.2017

Auf dem Weg zu einem weit entfernten Planeten empfängt das Kolonisationsraumschiff Covenant einen Funkspruch vermeintlich menschlichen Ursprungs auf, der von einem nahe gelegenen Planeten gesendet wird. Die Mannschaft beschließt, der Sache nachzugehen und entsendet einen Suchtrupp. Kaum auf dem erdähnlichen Planeten gelandet, gerät der Trupp in eine tödliche Falle: ein äußerst aggressiver Organismus befällt die Mannschaft... Schon im allerersten ALIEN-Film hat uns Ridley Scott gelehrt, dass man keinem Androiden trauen sollte. In seiner Fortsetzung zu PROMETHEUS, jenem Prequel zum Ur-Film, gelingt ihm damit ein genialer Schachzug. Denn Michael Fassbender verkörpert hier nicht nur Walter, den Androiden an Bord der Covenant, sondern auch David, jenen Androiden, der der von Noomi Rapace gespielten Elizabeth Shaw in PROMETHEUS zur Seite stand. Neben den vielen adrenalintreibenden Action-Sequenzen des Films ist es vor allem die Frage, wem von beiden man hier tatsächlich trauen kann, die der Spannung Nahrung gibt. ALIEN: COVENANT ist souverän inszeniertes SciFi-Horror-Kino mit State-of-the-Art VFX, fulminanter Ausstattung, einer bombastischen Tonspur und der ach so vertrauten Klängen aus Jerry Goldsmiths Originalpartitur. Sehenswert.
Freitag, 12. Mai 2017
Jack Sparrow meldet sich zurück
Mit einem großen Segelschiff ging es ins Wochenende...

PIRATES OF THE CARIBBEAN: SALAZARS RACHE (1:2.35, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Pirates Of The Caribbean: Salazar's Revenge
Verleih: Walt Disney
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg
Darsteller: Johnny Depp, David Wenham, Kaya Scodelario, Orlando Bloom, Brenton Thwaites, Javier Bardem, Geoffrey Rush
Kinostart: 25.05.2017

Aus der Tiefe des Meeres tauchen Pirat Salazar und seine Besatzung als Untote wieder auf, um Rache an Jack Sparrow zu nehmen. Der ist mittlerweile damit beschäftigt einen Tresor um dessen Gold zu erleichtern, was allerdings angesichts von Jacks hohem Rumpegel eine ziemlich große Herausforderung darstellt... Man hätte es sich fast schon denken können: statt einer guten Geschichte gibt es wieder nur bomastisches CGI-Gewitter. Allerdings CGI vom Feinsten. Dafür dürfte es vermutlich wieder mindestens eine Oscar-Nominierung geben. Was den Film selbst angeht, so gibt es immerhin zwei Sequenzen, die Laune machen. Etwa die, in der Johnny Depp als Jack Sparrow unfreiwillig mit einer Guillotine Purzelbäume schlägt. Oder jene, in der unsere Helden mit Zombie-Haien konfrontiert werden. Alles andere ist leider nur kalter Kaffee. Enttäuschend übrigens die Dolby Atmos Tonspur, die zwar immer wieder die Subwoofer bedient, sich aber bei den Orchesteraufnahmen keine große Mühe gibt. Die Vermutung liegt nahe, dass hier mal wieder unter hohem Zeitdruck gearbeitet wurde, wodurch die Tonspur nicht die nötige Aufmerksamkeit erhielt.
Donnerstag, 11. Mai 2017
Die Sängerin in der Pastetenfabrik
Als wär’s ein Stück von Tati...

EIN CHANSON FÜR DICH (1:2.35, 5.1)
OT: Souvenir
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich, Belgien, Luxemburg 2016
Regie: Bavo Defurne
Darsteller: Isabelle Huppert, Kévin Azaïs, Johan Leysen
Kinostart: 06.07.2017

Zufällig lernt der 22jährige Boxer Jean die reife Liliane kennen, die er sofort als den einstigen Gesangsstar Laura wiedererkennt. Laura, die es damals sogar in den Eurovision Song Contest schaffte, aber gegen ABBA verlor, hat ihre Gesangskarriere aufgegeben und arbeitet in einer eintönigen Pastetenfabrik. Nach einem etwas holprigen Anlauf bemerken die beiden ihre gegenseitige Anziehungskraft und gehen eine heimliche Affäre ein. Zudem überredet Jean Liliane wieder zu singen. Als ihr Manager will er sie zu neuem Ruhm führen... Es ist schon alles irgendwie schräg in Bavo Defurnes Dramödie. Was er dem Zuschauer als Einstieg in den Film serviert, könnte fast schon einem Film von Jacques Tati entsprungen sein. Da sieht man Isabelle Huppert bei ihrer Arbeit in einer Pastetenfabrik, die mit ihrem grün-bläulichen Licht die Sterilität der Arbeitsumgebung noch überhöht. Der Chef spricht immer nur zwei Worte, wenn er Neuzugänge einlernt und die Pasteten, die die Huppert mit grünen Blättern verziert, sehen recht unappetitlich aus. Tatis PLAYTIME schießt einem beim Anblick solcher CinemaScope-Bilder unweigerlich in den Kopf. Wenn dann im Verlauf des Films die große Charakterdarstellerin des französischen Kinos zum Gesang anstimmt, möchte man eigentlich am liebsten vor Scham in den Boden versinken. Denn singen kann die Dame nicht sonderlich gut. Aber das gehört möglicherweise zu Defurnes Konzept. Wenn der Boxer und die Sängerin schließlich eine Liaison eingehen, zu der zuallererst auch Sex gehört, sträuben sich einem schon ein bisschen die Nackenhaare: dass sich ausgerechnet ein 22jähriges Muttersöhnchen mit einer reifen Frau einlässt und schließlich noch zu ihrem Manager wird, scheint doch ziemlich abstrus zu sein. Aber wie gesagt: es gehört wohl zum Konzept dieses Films, der sich zwischen Komödie und Tragödie bewegt und auch ein paar wirklich nette Momente offenbart. Doch spätestens mit dem zweiten Teil des Films, in dem Huppert alias Laura ihr Comeback einläutet, verliert man auch irgendwie die Lust an der Geschichte.
Dienstag, 09. Mai 2017
Lobbyisten und Rettungsschwimmer
Einmal mehr lebte das heutige Pressedoppel von Kontrasten

DIE ERFINDUNG DER WAHRHEIT (1:2.35, DD 5.1)
OT: Miss Sloane
Verleih: Universum Film (Central)
Land/Jahr: USA 2016
Regie: John Madden
Darsteller: Jessica Chastain, Mark Strong, Gugu Mbatha-Raw
Kinostart: 06.07.2017

Elizabeth Sloane ist brillant, selbstsicher und absolut skrupellos. Kein Wunder zählt sie zu den talentiertesten Lobbyisten in Washington. Um ein unliebsames Waffengesetz zu verhindern, wird sie von der mächtigen Waffenlobby angeheuert. Doch nach einem Streit mit ihrem Arbeitgeber wechselt sie die Seiten und die Waffenlobby sieht sich plötzlich einer unberechenbaren Gegnerin gegenüber... Regisseur John Madden (BEST EXOTIC MARIGOLD HOTEL) hat mit DIE ERFINDUNG DER WAHRHEIT (im Original schlicht MISS SLOANE) einen spannungsgeladenen Politthriller inszeniert, der die Arbeit der Lobbyisten in den USA beleuchtet. Mit seinen Hochbeschleunigungsdialogen lässt der Film den Zuschauer kaum zur Ruhe kommen. Jessica Chastainm liefert in der Rolle von Lobbyistin Elizabeth Sloane einmal mehr eine Powerperformance ab, die sämtliche Facetten einer eiskalten Frau abdeckt, die bereit ist, für den Sieg alles zu opfern. Wer intelligentes, forderndes Kino mit nachhaltiger Wirkung mag, sollte diesen Film nicht verpassen.

BAYWATCH(1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Baywatch
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Seth Gordon
Darsteller: Dwayne Johnson, Zac Efron, Alexandra Daddario
Kinostart: 01.06.2017

Rettungsschwimmer Mitch Buchannon und sein Team haben am Strand von Miami Beach alle Hände voll zu tun. Nicht nur gilt es, Touristen aus dem Wasser zu retten, sondern auch einer verruchten reichen Lady deren böses Spiel auszutreiben. Und dann sind da noch ein paar Nachwuchstalente zu betreuen, die unbedingt in die Lifeguard-Liga aufgenommen werden wollen. Dazu gehören die männliche Jungfrau Ronnie sowie der sehr von sich überzeugte Medaillengewinner Matt Brody... Silicon Valley auf Slow Motion – so könnte man Seth Gordons Kinoversion der bekannten amerikanischen TV-Serie der ausgehenden 1980er Jahre titulieren. Da bewegen sich gebräunte Körper in knappen, signalroten und an den richtigen Stellen üppig gefüllten Badeanzügen vornehmlich in Zeitlupe wippend über den Sandstrand eines beliebten Baderessorts. Und heuer ist es nicht David Hasselhoff, der in 220 Episoden der Serie den Rettungsschwimmer Mitch Buchannon mimt, sondern kein Geringerer als Dwayne Johnson, der stets einen coolen Spruch auf den Lippen und Stahl in den Armen hat. Doch ganz ohne Ikone Hasselhoff kommt der Film natürlich nicht aus: er ist es, der dem neuen Mitch Buchannon zumindest im Geiste zu neuer Kraft verhilft. Natürlich wurde auch die seinerzeit von Pamela Anderson verkörperte (im wahrsten Sinne des Wortes!) CJ Parker verjüngt: Kelly Rohrbach schlüpft nun in ihre Rolle. Doch kein BAYWATCH ohne Pamela. Und so erhält auch das einstige Sex-Symbol einen kurzen Gastauftritt – wenn auch nur ganz am Ende des Films. Der ist mit seinen 119 Minuten leider etwas über sein Ziel hinausgeschossen. Und nicht nur das. Der als augenzwinkerndes Spoof auf die Serie konzipierte Blockbuster setzt zu oft auf Gags unterhalb der Gürtellinie. Ob nun der von John Bass dargestellte Ronnie sein Gehänge in einen Bretterzaun klemmt oder sich Zac Efron alias Matt Brody am entblößten Schniedel einer Leiche (!) im Leichenschauhaus zu schaffen macht – lustig ist das keinesfalls mehr, höchstens ekelig. Seine besten Momente jedoch erlebt der Film, wenn er grandios übertreibt, wozu gleich schon die Eröffnungssequenz inklusive des sich wie ein Tsunami aus dem Meer erhebende Titel gehört. Es ist schade, dass solche Sequenzen extrem rar gestreut sind. Bleibt noch zu erwähnen, dass die Handlung des Films wirklich vernachlässigbar ist und dafür soundmäßig voll auf die Tube gedrückt wird. Für Dolby Atmos Häuser ganz sicher ein Gewinn.
Montag, 08. Mai 2017
Intensives Kammerspiel
Sehr positive Eindrücke vom heutigen gemischten Doppel

INNEN LEBEN (1:1.78, 5.1)
OT: Insyriated
Verleih: Weltkino
Land/Jahr: Belgien, Frankreich, Libanon 2017
Regie: Philippe Van Leeuw
Darsteller: Hiam Abbass, Diamand Abou Abboud, Juliette Navis
Kinostart: 22.06.2017

Während draußen ein Krieg tobt, versucht die resolute Oum Yazan ihrer Familie sowie ein paar Gästen in ihrer Wohnung Geborgenheit und Sicherheit zu geben. Doch die Kanoneneinschläge rücken näher, Scharfschützen gehen in Position. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Feind auch vor ihrer Türe steht... Philippe Van Leeuws INNEN LEBEN ist ein äußerst beklemmender Film, der Dank seiner großartigen Darsteller, des extrem eingeschränkten Schauplatzes, der behutsam platzierten Filmmusik und des effektvollen Sounddesigns zu einem intensiven Kinoerlebnis wird. Der Film zeigt in deutlicher und ungeschminkter Weise die Ängste, denen Menschen in einem unter Dauerbeschuss stehenden Land tagtäglich ausgesetzt sind. Da erhält das Retten der eigenen Haut plötzlich die allerhöchste Priorität, auch wenn dafür andere liebe Menschen geopfert werden müssen. INNEN LEBEN ist exzellentes Anti-Kriegs-Kino.

ICH WÜNSCHE DIR EIN SCHÖNES LEBEN (1:1.85, 5.1)
OT: Je Vous Souhaite D'être Follement Aimée
Verleih: Film Kino Text (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich 2015
Regie: Ounie Lecomte
Darsteller: Céline Sallette, Anne Benoît, Elyes Aguis
Kinostart: 15.06.2017

Elisa, in Trennung lebende Mutter eines 10jährigen Sohnes, treibt nur ein Gedanke um: warum wurde sie direkt nach der Geburt von ihrer eigenen Mutter zur Adoption freigegeben? Und so sucht die Physiotherapeutin schon lange Zeit nach ihrer leiblichen Mutter, um endlich alle Fragen klären zu können. Die Behörden sind nicht ermächtigt, ihr Auskünfte zu erteilen. Was Elisa nicht weiß: ihre Mutter lebt und arbeitet wie sie in Dünkirchen – sogar an derselben Schule, auf die ihr Sohn geht. Der Zufall will es, dass die Mutter als Patientin bei Elisa vorstellig wird. Ohne voneinander zu wissen, kommen sich die beiden Frauen während der Therapiestunden sehr nahe... Der Titel des Films könnte sich auf einen Brief beziehen, den der unbekannte Vater seiner 16jährigen Tochter schreibt. Ganz im Sinne der letzten Worte im Film, die der Vater aus dem Off an seine Tochter richtet. Ihn wird die inzwischen erwachsenen Elisa wohl nie sehen, dafür aber begegnet sie ihrer Mutter, nach der sie schon so lange gesucht hat. Fragen wie “Warum hast Du mich damals weggegeben?” treiben die junge Frau um, die bereits selbst einen 10jährigen Sohn hat und mit einem zweiten Kind schwanger ist, von dem der Vater nichts weiß, weil sie sich von ihm trennen möchte. Soll sie das Kind behalten oder abtreiben? Letztendlich steckt sie in einer ähnlichen Lage wie ihre Mutter, als sie mit Elisa schwanger war. Ounie Lecomte hat ein bewegendes, vielschichtiges Drama inszeniert, das von zwei großartigen Darstellerinnen getragen wird. Ab und zu verliert sich zwar die Kamera (die übrigens die Unschärfe gekonnt als Stilmittel einsetzt!) in belanglosen Bildern und verschafft dem Film selbst sowie der Filmmusik damit etwas mehr Zeit, doch fällt das angesichts der ansonsten sehr souveränen Inszenierung kaum ins Gewicht.
Freitag, 05. Mai 2017
Liebe in Hochglanzoptik
Zum Abschluss der Pressewoche wurde uns heute der neue Film von Ausnahmeregisseur Terrence Malick kredenzt

SONG TO SONG (1:2.35, DD 5.1 + 7.1)
OT: Song To Song
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: USA 2016
Regie: Terrence Malick
Darsteller: Ryan Gosling, Rooney Mara, Michael Fassbender, Natalie Portman, Cate Blanchett, Holly Hunter, Bérénice Marlohe, Val Kilmer, Lykke Li, Christian Bale, Tom Sturridge
Kinostart: 25.05.2017

Für ihre Karriere als Musikerin lässt sich Faye mit dem exzentrischen Musikproduzenten Cook ein. Doch dann lernt sie den jungen Songwriter BV kennen, der nicht nur von Cook protegiert, sondern auch geschäftsmäßig betrogen wird. Eine explosive Menage-a-Trois nimmt ihren Lauf... Seit nunmehr zehn Jahren inszeniert der Amerikaner Terrence Malick gefühlt immer wieder denselben Film. Ob TREE OF LIFE, TO THE WONDER und KNIGHT OF CUPS – Filmdialoge im üblichen Sinn gibt es bei Malick nicht. Dafür Hochglanzbilder mit Kommentaren aus dem Off. Das können einfach nur Gedanken der Protagonisten sein, aber auch Dialogfetzen. Dazu gibt es eine ganze Bilderflut, die die Protagonisten in meist stylischem Ambiente zeigen, oft in Großaufnahme, oft mit Weitwinkelverzerrung. Das ist dann zwar alles wunderschön anzuschauen, verwirrt gleichzeitig jedoch ungemein und ermüdet bei einer Lauflänge von 129 Minuten! Mit herkömmlichen Sehgewohnheiten lässt sich Malicks neuer Film nicht entschlüsseln. Da geht es um Liebe, Sex, Elternhaus, Träume, Affären (sogar lesbische!), Betrug und Karriere. Laut Inhaltsangabe im Presseheft spielt der Film in der “berüchtigten Musikszene von Austin, Texas”. Im Film selbst wird der Ort nie erwähnt; der Zuschauer muss es einfach wissen. Wie er auch viele andere Dinge wissen muss, die ihm Malick anhand seiner Bilder und Töne in nicht linearer Weise erzählen will. Wieder einmal gebe ich mich geschlagen und unterstelle dem Film, Filmkunst sein zu wollen. Nicht meine Welt.
Donnerstag, 04. Mai 2017
Es darf wieder geraucht werden
Beim heutigen Presse-Doppel gaben sich Spiel- und Dokumentarfilm mal wieder die Klinke in die Hand

AXOLOTL OVERKILL (1:2.35, 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2017
Regie: Helene Hegemann
Darsteller: Jasna Fritzi Bauer, Arly Jover, Mavie Hörbiger, Julius Feldmeier, Tom Lass, Laura Tonke
Kinostart: 29.06.2017

Seit ihre Mutter gestorben ist, driftet die 16jährige Mifti ziellos durch das Leben. Sie lässt die Schule hinter sich, pfeift auf gesellschaftliche Normen und stürzt sich in wilden Sex... Die Regisseurin ist zugleich die Autorin der Romanvorlage: Helene Hegemann hat ihren eigenen Bestseller verfilmt. Zum Roman kann ich leider nichts sagen, da ich ihn nicht kenne. Der Film jedoch erschien mir wie eine Art Film zum selber zusammenbauen. Die nicht lineare Erzählweise führt zu ganz großem Wirrwarr und lässt die Aufmerksamkeitskurve schon ziemlich schnell in den Keller fallen. Wenn am Ende gar noch ein kleiner Pinguin durchs Wohnzimmer trippelt, schwebt vermutlich ein riesiges Fragezeichen über den Köpfen der Zuschauer im Kinosaal. Einziger Lichtblick in diesem chaotischen Universum ist die 28jährige Jasna Fritzi Bauer, die einmal mehr als Teenager gecastet wurde, aber die Rolle der Mifti sehr überzeugend spielt. Schade nur, dass sie im Film wie ein Schlot rauchen muss – was eigentlich sogar für den ganzen Film gilt. Denn schon lange wurde nicht mehr so massiv in einem Film geraucht wie hier. Das ist aber vermutlich den gestörten Charakteren geschuldet, die der Feder von Frau Hegemann entsprungen sind.

GANZ GROSSE OPER (1:2.35, 5.1)
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Deutschland 2017
Regie: Toni Schmid
Darsteller: Jonas Kaufmann, Anja Harteros, Kirill Petrenko
Kinostart: 01.06.2017

In seinem faszinierenden Dokumentarfilm taucht Regisseur Toni Schmid ganz tief in die Bayerische Staatsoper ein, lässt Intendanten, Sänger, Musiker, Bühnenbilder und sogar eine Garderobiere zu Wort kommen. Unkommentiert lässt er die Bilder von Proben, Schuhmacherei, Kostümfundus usw. ihren Weg auf die Leinwand finden und bringt den Zuschauer zum Staunen und auch Schmunzeln. Dabei war er gut beraten, seine Dokumentation im CinemaScope-Format einzufangen. Denn das wesentlich breitere Format wird dem grandiosen Element, das dem Opernhaus innewohnt, sehr viel gerechter als nur kaschiertes Breitwand. GANZ GROSSE OPER ist gleichzeitig auch ganz grosses Kino selbst für selbst für diejenigen, die mit Oper nicht viel anfangen können (ich spreche hier aus eigener Erfahrung!). Sehenswert.

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