Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

Wolfram Hannemann | Talstr. 11 | D-70825 Korntal | Germany | Phone: +49 (0) 711 838 06 49 | Fax: +49 (0) 711 8 38 05 18
e-mail: info (at) wolframhannemann.de

Home      Referenzen      Filmblog      Videoproduktion    Jugendschutzbeauftragter      Impressum
Filmblog Aktuell           Filmblog-Archiv           Filmtitel-Index
Donnerstag, 29. März 2018
Bücher sind ihr Leben
Die letzte Pressevorführung vor Ostern hatte eine berührende Geschichte im Körbchen

DER BUCHLADEN DER FLORENCE GREEN (1:1.85, 5.1)
OT: The Bookshop
Verleih: Capelight (Central)
Land/Jahr: Spanien, Großbritannien, Deutschland 2017
Regie: Isabel Coixet
Darsteller: Emily Mortimer, Bill Nighy, Patricia Clarkson
Kinostart: 10.05.2018

Niemand liebt Bücher so sehr wie Florence Green. Kein Wunder also, dass sie sich ihren Traum vom eigenen Buchladen erfüllen möchte und sich das seit vielen Jahren leerstehende alte Haus an der Hauptstrasse des kleinen Hafenstädtchens Hardborough dafür ausgesucht hat. So steckt sie ihr gesamtes Vermögen in das Projekt, nicht ahnend, dass dies nicht allen Einwohnern des Ortes genehm ist. Allen voran Violet Gamart, die als alteingesessene, wohlhabende und vor allem tonangebende Bürgerin einen Kontrollverlust befürchtet... Mit einer wohltuenden Ruhe erzählt Regisseurin Isabel Coixet die Geschichte von Florence und ihrem “Old House Bookshop”. Die Story erinnert ein wenig an CHOCOLAT, ist aber von ganz anderer Couleur. Hier geht es um Bücher und die Menschen, die Bücher lieben. Mit perfekt eingeschnittenen Stimmungsbildern – mal ein vom Wind bewegtes Kornfeld, mal sachte auf Land treffende Wellen - bringt uns Coixet Florences Charakter näher. Die von Emily Mortimer dargestellte sensible junge Witwe liebt nicht nur ihre Bücher, sondern auch die Natur mit ihrer gesamten Schönheit. Und sie ist mutig, lässt sich nicht gleich von den ersten Schwierigkeiten unterkriegen. Eigentlich möchte sie nur an das Gute im Menschen glauben und in Harmonie mit ihnen leben. Doch einzig mit der bei ihr arbeitenden Schülerin Christine sowie mit dem zurückgezogen lebenden Eigenbrötler Edmund Brundish (superb gespielt von Bill Nighy) gelingt ihr dies. Der in herbstlichen Farben gehaltene Film erschafft trotz aller Widrigkeiten ein wahres Idyll, dessen Zentrum der gemütliche Buchladen bildet. Es gibt keine überflüssigen Dialoge, kein Stimmenwirrwarr, keine Handys (es sind die 1950er Jahre!). Alfonso de Vilallonga steuert einen altmodischen und deswegen exzellent passenden Score zum Film bei. Isabel Coixets Film richtet sich zwar vor allem an ein reiferes Publikum, dürfte aber auch jungen Menschen mit einer Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit gefallen.
Dienstag, 27. März 2018
Die Großfamilie und die Einzelkämpferin
Komödie und Action. Kino eben.

WOHNE LIEBER UNGEWÖHNLICH (1:2.35, 5.1)
OT: C'est Quoi Cette Famille?!
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Frankreich 2016
Regie: Gabriel Julien-Laferrière
Darsteller: Julie Gayet, Thierry Neuvic, Julie Dépardieu
Kinostart: 17.05.2018

Der kleine Gulliver hat genug. Mit sage und schreibe sechs Halbschwestern und –brüdern und noch mehr Erziehungsberechtigten fehlt ihm ein richtiges Zuhause. Stattdessen ist er ein kleines Rädchen im Mikrokosmos einer Patchworkfamilie und wird – wie die anderen auch – ständig herumgereicht. Der pfiffige Gulliver beschließt deshalb, den Spieß umzudrehen. Gemeinsam mit den anderen Kindern des Patchwork-Universums siedelt er sich in die riesige Wohnung einer verstorbenen Großmutter ein und entwickelt einen genialen “Betreuungsplan”, damit die Erwachsenen ihnen nicht auf die Schliche kommen... Was französische Komödien angeht, ist man inzwischen ja schon recht abgestumpft, zumal deutsche Kinos von solchen Komödien geradezu überschwemmt werden. Und schnell trennt sich das der Spreu vom Weizen. Mit dem Ergebnis, dass es in letzter Zeit immer häufiger genau diesen Spreu zu sehen gab. Ganz anders ist das bei Gabriel Julien-Laferrières Familienkomödie. Denn die ist dank eines guten Drehbuchs und einer richtig flotten Inszenierung wahrhaft herzerfrischend und beweist, dass es das gute Wohlfühlkino tatsächlich noch gibt! Mit großem Einfallsreichtum, pointiertem Witz und eines spielbegeisterten Ensembles, bei dem sich allen voran besonders die Kinder in die Herzen der Zuschauer spielen. Da bekommt man schon alleine vom Hinsehen große Lust auf Großfamilie! Der Film versteht sich bestens darauf, die grundlegenden Probleme von sogenannten Patchworkfamilien in amüsante Geschichten zu verpacken, ohne erhobenen Zeigefinger und – das ist das schöne daran – aus der Sicht der Kinder. Denn sie sind es, die am meisten unter dem Patchworkgebilde leiden. Fazit: es ist schön, wenn man das Kino auch mal wohlgelaunt mit einem Liedchen auf den Lippen verlassen kann!

TOMB RAIDER (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Tomb Raider
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Roar Uthaug
Darsteller: Alicia Vikander, Walton Goggins, Daniel Wu, Kristin Scott Thomas, Dominic West, Nick Frost
Kinostart: 15.03.2018

Lara Croft, Sprössling eines millionenschweren Abenteurer und Unternehmers, macht sich auf die Suche nach ihrem vor sieben Jahren verschollenen Vaters. Diese führt sie direkt in ein tödliches Abenteuer hinein... Der Reboot des Lara Croft Franchise lässt sich mit einem Satz beschreiben: “Indiana Jones mit Möpsen”. Die Handlung läuft hier nach altbewährtem Muster ab und es ist ganz offensichtlich, dass hier Spielbergs Indiana Jones Filme als Inspiration dienten. Dadurch wirkt leider alles so, als hätte man es schon irgendwo anders in irgendeiner Art und Weise gesehen. Wenig originell erscheint auch die Filmmusik von Tom Holkenborg, die eigentlich nur zeitgenössische Hörgewohnheiten bedient. Sprich: dem Action-Blockbuster mangelt es insgesamt an Originalität. Gewiss ist das Ganze atemberaubend in Szene gesetzt und die hübsche Hauptdarstellerin zeigt, dass sie auch mit einer körperlich extrem fordernden Rolle umgehen kann: Alicia Vikander hat fast alle Stunts selbst gemacht. Dass am Ende des Films schon gleich eine Fortsetzung in Aussicht gestellt wird, ist alles andere als überraschend. In tontechnischer Hinsicht enttäuscht der Film etwas: die Dolby Atmos Mischung ist nur durchschnittlich und kann weniger als Präsentierstück für das dreidimensionale Tonverfahren herhalten.
Montag, 26. März 2018
Hamam Hardrock
Die maue Pressewoche eröffnete eine Komödie aus deutschen Landen

VERPISS DICH, SCHNEEWITTCHEN! (1:2.35, 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Cüneyt Kaya
Darsteller: Bülent Ceylan, Josefine Preuß, Paul Faßnacht
Kinostart: 29.03.2018

Eigentlich jobbt und schrubbt Deutschtürke Sammy im Hamam seines Bruders. Doch träumen tut er von einer geilen Karriere als Rockstar. Da kommt ihm der Casting-Aufruf eines Fernsehsenders gerade recht. Einziger Haken: die suchen eine Band und keinen Solo-Musiker wie Sammy. Doch Sammy hat eine Idee: zusammen mit seiner sexy Schwester Jessi und dem alten Aushilfsmasseur Wolle gründet er die “Hamam Hardrock”-Band – samt dem fettleibigem Mahmut als Trommel. Und prompt flattert die Einladung zur Castingshow ins Haus... An der Inszenierung liegt es eher nicht, dass echter Humor hier auf der Strecke bleibt. Denn Regisseur Cüneyt Kaya (bekannt für den wunderbaren Thriller UMMAH – UNTER FREUNDEN) zieht wirklich alle Register, die mit modernen Filmwerkzeugen bewerkstelligt werden können. Das reicht bis zur Split Screen Technik, die das Scope-Bild in kleinere Bilder unterteilen und so flotten Musikvideolook erzeugen. Dass vom Humor nichts im Zuschauerraum ankommt, dürfte damit am Drehbuch liegen. Es hilft halt nicht, sich nur auf Marken wie Bület Ceylan oder Olaf Schubert zu verlassen in der Hoffnung, dass sie alleine durch ihre bloße Anwesenheit lacher generieren. Das funktioniert in großen Hallen als Stand Up Comedy sicherlich ganz gut, doch für eine Filmkomödie bedarf es eines intelligenteren Drehbuchs – oder ein paar Flaschen Bier vor dem Kinobesuch. Zumindest mich hat der Film schon nach gut 30 Minuten extrem gelangweilt. Eine glatte Verschwendung von Talenten wie Kida Khodr Ramadan oder Burak Yigit, die in kleinen Nebenrollen zu sehen sind und deren wirkliches Potenzial erst gar nicht genutzt wird. Der Film stürzt sich auf sämtliche Klischees der Deutschtürken und ist damit leider alles andere als originell. Fast störend im Kontext der Komödie ist die Thematisierung der Ausländerfeindlichkeit. Trotzdem ist zu hoffen, dass der Film seine Zielgruppe begeistern wird und Geld in die Kassen spült, damit sich Cüneyt Kaya wieder an ambitioniertere Projekte wagt.
Sonntag, 25. März 2018
Von Nachhaltigkeit und Kulturwandel
Zwei aktuelle Dokus bestimmten meinen sonntäglichen Alltag

DIE STILLE REVOLUTION (1:1.78, 5.1)
Verleih: mindjazz
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Kristian Gründling
Kinostart: 22.03.2018

Jahrzehntelang galt sie als das Maß aller Dinge: die Pyramide, jene Form in Unternehmen, die sich streng hierarchisch aufstellen und den Mitarbeiter als fast schon lästigen Kostenfaktor führten. Doch jetzt ist ein Wandel im Gange. Da ist nicht mehr von Ressourcenausnutzung die Rede, sondern von Potenzialentfaltung. Am Beispiel von Upstalsboom zeigt Filmemacher Kristian Gründling, wie es auch anders gehen kann, wie der Umstieg von Unternehmensführung hin zu Menschenführung gelingt und welche Möglichkeiten sich dadurch für jeden einzelnen Mitarbeiter und in Konsequenz auch für das Unternehmen ergeben. Ausgangspunkt des Films ist dabei der Hotelunternehmer Bodo Janssen, der bei einer Mitarbeiterbefragung als ziemlich unbeliebt abgestempelt wurde und sich daraufhin eineinhalb Jahre lang immer wieder in ein Benediktinerkloster zurückzog, um von Pater Anselm Grün in neue Sichtweisen eingeführt zu werden und parallel dazu Erkenntnisse aus der positiven Psychologie sowie der Neurobiologie anzuwenden, um so einen Kulturwandel in seinem Unternehmen herbeizuführen. Leider gibt Gründlings Film nur ganz bedingt Antworten auf die brennenden Fragen und lässt schlussendlich eigentlich keinen Zweifel daran, dass es sich um einen Imagefilm für Bodo Janssen und sein Unternehmen handelt. So heisst es in der Vermarktung des Films auch konsequent “Ein Film von Kristian Gründling nach der Vision von Bodo Janssen”. Hier werden Interviewfragmente mit allerlei Upstalboom-Mitarbeitern, Psychologen, Professoren usw. mit teils suggestiven Bildern unterfüttert, die Janssen mal wortlos vor einem Baum stehend oder einsam auf einer Yacht schippernd zeigen. Frei nach dem Motto: wenn der Mann mal nicht gerade im Büro sitzt, reflektiert und meditiert er über das Wohl seiner Mitarbeiter. Passend dazu gibt es emotional angehauchte Filmmusik von Philip Fabian Kölmel, die sich um Tränen beim Zuschauer bemüht. Geht es den Menschen im Unternehmen jetzt tatsächlich besser oder werden sie jetzt auf eine wesentlich subtilere Methode an den Rand ihrer Leistung getrieben? Wie schon eingangs erwähnt: Antworten liefert Gründlings Film fast gar nicht, sondern fügt stattdessen knackige Statements und One-Liner von Machern wie Götz Werner ein. Die für einen Dokumentarfilm notwendige kritische Distanz gibt es hier nicht. Im Presseheft wird der Filmemacher wie folgt zitiert: “Leuchtkraft ist das, was ein Unternehmen wirklich erfolgreich macht. Jedes Unternehmen hütet einen Schatz, und wir bringen ihn durch unsere Filmprojekte ans Licht. Wir unterstützen Organisationen dabei, dieses Potenzial zu entfalten und dadurch echt und besonders wertvoll zu werden.”


DIE GRÜNE LÜGE (1:1.85, 5.1)
Verleih: Little Dream (24 Bilder)
Land/Jahr: Österreich 2017
Regie: Werner Boote
Kinostart: 22.03.2018

Ist grün wirklich grün? Halten die auf Produkten aufgedruckten Nachhaltigkeitslabel das, was sie versprechen? Filmemacher Werner Boote will es ganz genau wissen und geht mit einer Greenwashing-Expertin auf Erkundungstour, auf der er unter anderem viel über das Palmöl-Problem oder das Erdöl-Problem im Golf von Mexiko lernt. Eine ernüchternde und gleichzeitig erschreckende Bilanz folgt... Wie schon in PLASTIC PLANET, so wählt Filmemacher Werner Boote auch dieses Mal wieder einen sehr persönlichen Ansatz, um sein Anliegen zum Publikum zu transportieren. So geht er gemeinsam mit Greewashing-Expertin Kathrin Hartmann auf eine Reise um die Welt, während der sich die beiden Investigativreporter immer wieder in Dialog treten und das Thema Nachhaltigkeit erörtern. Dabei nimmt Boote selber die Position des Unbedarften ein und stellt genau die Fragen, die man sich als Zuschauer auch stellen würde. Damit bleibt Bootes Film stets auf Augenhöhe mit seinem Publikum. Kathrin Hartmann gibt ihm entsprechende Antworten, die Denkanstöße vermitteln. Zum Paar Boote/Hartmann baut man als Zuschauer dabei fast vom Fleck weg eine hohe Sympathie auf, was bestehende Barrieren und Vorbehalte gegenüber dem Thema verschwinden lässt. Bootes Film hat trotz des heiklen Themas hohen Unterhaltungswert, was durch einen flotten Schnitt, interessante Bilder und eine ambitionierte Filmmusik unterstützt wird. Gleichzeitig mach sein Film auch betroffen, rüttelt auf und fordert dazu auf, sich eigene Gedanken zu machen.

Donnerstag, 22. März 2018
Holzhammer und Tradition
Heute noch zwei Pressevorführungen und dann ist Wochenende

WER HAT EIGENTLICH DIE LIEBE ERFUNDEN? (1:2.35, 5.1)
Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Deutschland, Schweiz 2017
Regie: Kerstin Polte
Darsteller: Corinna Harfouch, Meret Becker, Sabine Timoteo
Kinostart: 03.05.2018

Während Gott seine depressive Phase durchlebt, stellt Charlotte ihre Ehe mit Paul, der eben pensioniert wurde, auf den Prüfstand. Und Tochter Alex treibt ihre eigene Tochter aus dem Haus. Alles ist im Umbruch, ein Jeder ist auf der Suche. Doch wonach? - In ihrer Dramödie präsentiert Regisseurin Kerstin Polte zwar interessante philosophische Ansätze zum Thema Liebe, doch versucht sie diese Ansätze mit der Holzhammermethode immer und immer wieder zu verkaufen. Schätzt sie ihr Publikum tatsächlich als so dumm ein, dass es ständigem Wiederholen bedarf, bis die Zuschauer endlich die Metaebene des Films entschlüsselt haben? Dabei hat WER HAT EIGENTLICH DIE LIEBE ERFUNDEN? durchaus ein paar hübsche Einfälle zu bieten. Allerdings wirklich neu ist das alles nicht und man tut sich schwer damit, eine Zielgruppe zu finden, die sich daran noch richtig erfreuen kann.

WAS WERDEN DIE LEUTE SAGEN (1:2.35, 5.1)
OT: Hva Vil Folk Si
Verleih: Pandora
Land/Jahr: Norwegen, Deutschland, Schweden 2017
Regie: Iram Haq
Darsteller: Maria Mozhdah, Adil Hussain
Kinostart: 10.05.2018

Die 15jährige Nisha hat zwei Gesichter. Das eine ist für ihre pakistanischen Eltern bestimmt, das andere für ihre Freunde in der norwegischen Heimat. Als ihr streng an Traditionen festhaltender Vater sie mit einem Jungen erwischt, will er ein Exempel statuieren, um andere pakistanische Mädchen in Norwegen vom selben Fehler abzuhalten: er verschleppt die eigene Tochter in seine pakistanische Heimat... Iram Haqs Drama macht in gleichem Maße wütend wie traurig, stellt er doch stellvertretend für viele junge Pakistani-Frauen das Schicksal der 15jährigen Nisha in den Mittelpunkt. Ein Schicksal, an dem deutlich wird, was es bedeutet, zwar in einem westlichen Land aufzuwachsen, jedoch nach wie vor in der familiären Tradition gefangen zu sein. So wird Nishas Versuch, sich der westlichen Lebensart zu öffnen, mit brachialer Härte bestraft – und das von ihren eigenen Eltern, die in der westlichen Gesellschaft leben. Dort sind sie zwar integriert, doch halten sie weiterhin an ihren pakistanischen Traditionen fest. Schließlich kommt es ja einzig darauf an, was andere Pakistani in dieser fremden Welt von ihnen denken. Maria Mozhdah spielt die junge Nisha mit solcher Hingabe, dass die Zuschauer sofort in ihren Bann schlagen und ihr Schicksal auch lange nach Filmende noch nachhallen wird..
Mittwoch, 21. März 2018
Schokoladenchaos
Zur Wochenmitte mal wieder ein Film für junge Zuschauer

PAPA MOLL UND DIE ENTFÜHRUNG DES FLIEGENDEN HUNDES (1:2.35, 5.1)
Verleih: Polyband (24 Bilder)
Land/Jahr: Schweiz 2017
Regie: Manuel Flurin Hendry
Darsteller: Stefan Kurt, Isabella Schmid, Martin Rapold
Kinostart: 12.04.2018

Ausgerechnet die beiden bösen Kinder seines Chefs soll Papa Moll zusammen mit seinen eigenen drei Sprösslingen mit in den Zirkus nehmen. Das gefällt den Molls natürlich gar nicht, werden sie von den beiden Chef-Bratzen ständig drangsaliert. Als Papa Moll schließlich auch noch eilends in die Fabrik gerufen wird, weil dort eine Fehlfunktion vorliegt, eskaliert die Situation ziemlich schnell... Mit seiner 60er-Jahre Optik sowie der verspielten Ausstattung erinnert Manuel Flurin Hendrys Realverfilmung des Schweizer Kult-Comics an die beiden DOKTOR PROKTOR Filme. Über der gesamten Inszenierung schwebt auch hier etwas Surreales, speziell auszumachen an der Schokoladenfabrik, die auf einem Berg hoch über dem Dorf wie eine Bastion steht. Leicht unwirklich auch die Charaktere im Film, angefangen vom trotteligen Polizisten Grimm bis hin zum flegelhaften Fabrikchef Stuss. Für kleinere sowie sensiblere Kinder könnte das alles recht furchteinflößend wirken – was es in der heutigen Pressevorführung auch tat. Die Kleinen in der Reihe hinter mir fragten ihre Mama ganz ängstlich, ob denn der Film gut ausgehen würde. Ältere und etwas aufgeklärtere Kinder werden aber ihren Spaß haben mit Familie Moll und ihren actionreichen Abenteuern. Hübsch aufwändig die Filmmusik von Fabian Römer, die aus dem Vollen schöpft und mit großem Orchester antritt. Ebenso die Tonmischung, die mit viel Getöse auch die Surroundkanäle bedient. Natürlich ist auch noch Platz für etwas Pädagogik. Da geht es darum, dass Eltern auch mal ihren Kindern zuhören sollten und nicht nur umgekehrt.
Dienstag, 20. März 2018
Feuersbrunst und Fiebertraum
Das erste Pressedoppel der Woche rückte wieder einmal zwei wahre Geschichten in den Fokus

NO WAY OUT – GEGEN DIE FLAMMEN (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: No Way Out
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Joseph Kosinski
Darsteller: Josh Brolin, Miles Teller, Jennifer Connelly, Jeff Bridges, Taylor Kitsch, Andie MacDowell
Kinostart: 03.05.2018

An vorderster Front gegen die Flammen zu kämpfen war schon immer der Traum von Eric Marsh. Dem passionierten Feuerwehrmann ist daher viel daran gelegen, sein 19köpfiges Team in ein “Hotshot”-Elite-Team zu verwandeln. Auch gefallenen Individuen wie Brandon McDonough, der seinem Drogenproblem entsagen möchte, gibt Marsh eine Chance in seinem Team. Tatsächlich avanciert sein Trupp in die “Hotshot”-Riege. Als ein Blitzschlag einen Waldbrand auf dem Yarnell Hill in Arizona auslöst, sieht es für Marsh und seine eingeschworene Truppe zunächst wie ein Routineeinsatz aus. Doch als sich der Wind dreht, dreht sich auch das Schicksal der Männer... Joseph Kosinkis Blockbuster-Film ist ein Helden-Epos par excellence. Basierend auf einem wahren Ereignis erzählt er von mutigen Amerikanern, die sich als eine Art schneller Einsatztrupp für Brandbekämpfung, die “Granite Mountain Hotshots”, in einem von vielen Waldbränden heimgesuchten Landstrich der USA etablierten und am 28. Juni 2013 ihren Tod in den Flammen fanden. Mit der sehr effektvollen CinemaScope-Kameraarbeit von Claudio Miranda, die gekonnt die außergewöhnlichen Landschaftspanoramen einbezieht, bleibt man als Zuschauer hautnah am Geschehen und kann sich sehr gut vorstellen, in welch gefährliche Situationen sich die zumeist jungen Männer begeben. Unterstützt wird dies durch eine überzeugende Tricktechnik, die dieses Mal nicht Aliens oder Transformers auf die Leinwand zaubert, sondern ein ganzes Flammenmeer, das sich mit unsäglicher Geschwindigkeit seine Bahn bricht. Die behutsam eingeführten Charaktere bieten reichlich Identifikationspotenzial, so dass ihr Schicksal niemandem im Kinosaal kalt lassen wird. Bild- und tontechnisch dürfte der Film sein gesamtes Potenzial erst richtig in IMAX-Kinos oder in Sälen mit Dolby-Atmos-Sound entfalten.

THE HAPPY PRINCE (1:2.35, 5.1)
OT: The Happy Prince
Verleih: Concorde
Land/Jahr: Deutschland, Belgien, Italien, Großbritannien 2018
Regie: Rupert Everett
Darsteller: Rupert Everett, Colin Firth, Edwin Thomas, Emily Watson, Tom Wilkinson, Miranda Richardson, Béatrice Dalle, John Standing, Edward Fox
Kinostart: 24.05.2018

Nach zwei Jahren Gefängnis und Zwangsarbeit wird der wegen seiner Homosexualität verurteilte Oscar Wilde entlassen. Mittellos setzt er sich nach Frankreich unter fremdem Namen ab, trifft sich mit seinen Liebschaften und versucht sein ausschweifendes Leben wieder aufzunehmen. Doch seine Tage sind bereits gezählt... Der von Rupert Everett mit sich selbst in der Hauptrolle inszenierte Film konzentriert sich auf die Zeit nach Oscar Wildes Entlassung aus dem Gefängnis, die ihn als gebrochenen und an Syphilis leidenden Mann zeigt. Erinnerung und Gegenwart vermischen sich, während Wilde versucht, die ihm noch verbleibende Zeit mit den drei wichtigsten Liebhabern in seinem Leben zu verbringen. Als roter Faden durch den Film dient die von Wilde häppchenweise erzählte Geschichte vom glücklichen Prinz und der Schwalbe. Der etwas konfus geratene Film ist von depressiver Grundstimmung und hat weniger mit dem von Oscar Wilde gewohnten sarkastischen Blick auf die damalige Gesellschaft zu tun, was eingefleischte Fans des Bühnenautors enttäuschen könnte. Schauspielerisch zumindest bis in kleinste Nebenrollen perfekt besetzt.
Donnerstag, 15. März 2018
David gegen Goliath
Wenn für mich bereits am Donnerstag schon Freitag ist, kann das nur eines bedeuten: es war die letzte Pressevorführung in dieser Woche

ELEANOR & COLETTE (1:2.35, 5.1)
OT: 55 Steps
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA, Deutschland, Belgien 2017
Regie: Bille August
Darsteller: Helena Bonham Carter, Hilary Swank, Jeffrey Tambor
Kinostart: 03.05.2018

San Francisco 1985. Die Anwältin Colette Hughes, spezialisiert auf Patientenrechte, wird von Eleanor Riese angeheuert, die psychiatrische Klinik zu verklagen, in der ihr ohne ihre Zustimmung Medikamente verabreicht wurden und dies zudem in überhöhter Dosis. Schon bald muss Colette erkennen, dass es hier um einen Kampf David gegen Goliath geht. Eine Herausforderung, die sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringen und mit der sie Geschichte schreiben wird... Bille August erzählt in seinem neuesten Film die wahre Geschichte der Eleanor Riese, die mit Hilfe ihrer Anwältin Colette Hughes in den 1980er Jahren in den USA Rechte für Patienten in psychiatrischen Kliniken erkämpfte. Es ist gleichzeitig auch die Geschichte einer Freundschaft und ein Appell an die heutige Gesellschaft, psychisch labile Menschen nicht einfach zu ignorieren oder sie der Einfachheit halber einfach ruhig zu stellen, sondern ihnen unvoreingenommen zu begegnen. Denn nur so hat man die Chance, den Menschen in ihnen zu erkennen. August inszeniert seinen Film eher bieder und fast ohne Pathos, was sich auch in Annette Focks‘ zurückhaltender Musik widerspiegelt. Von den beiden Hauptdarstellerinnen gut gespielt, enttäuscht wie so oft alleine die deutsche Synchronisation, die auch in technischer Hinsicht nicht zu überzeugen vermag.
Montag, 12. März 2018
Einer entführt sich selbst
Die sehr übersichtliche Pressewoche wurde heute von einer Action-Komödie eingeläutet

GRINGO (1:2.35, 5.1)
OT: Gringo
Verleih: Tobis
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Nash Edgerton
Darsteller: David Oyelowo, Charlize Theron, Joel Edgerton, Amanda Seyfried
Kinostart: 05.04.2018

Harold Soyinka ist ein lieber Kerl, der nichts Böses im Schilde führt und an das Gute im Menschen glaubt. So auch an seinen Freund und Boss Richard. Für den steht Harold aber auf der Abschussliste bei der im Geheimen geplanten Fusion mit einer anderen Firma. Zudem geht Richard mit Harolds Frau fremd. Als der Ahnungslose merkt, wie übel ihm mitgespielt wird, setzt er bei einer Dienstreise nach Mexiko alles auf eine Karte: er inszeniert seine eigene Entführung, um so an eine Millionensumme aus Richards Vermögen zu gelangen. Doch als Pechvogel, der er nun mal ist, führt das zu ein paar ungewollten Nebenwirkungen... Filme wie Nash Edgertons Action-Komödie gibt es inzwischen haufenweise. Allerdings liegt bei den anderen Filmen stets der Fokus auf der Komödie. Im vorliegenden Film verschiebt sich dieser Fokus leider in Richtung Drama. Gerne möchte man über Pechvogel Harold lachen oder auch über die Handlanger des mexikanischen Drogenkartells, aber es gelingt nicht sonderlich gut. Charlize Theron (Mitproduzentin des Films) in der Rolle der Elaine, eine Bitch wie sie im Buche steht, ist leider auch gar nicht lustig, auch wenn sie es noch so gern wäre. Sie gibt sich viel zu ordinär. Amanda Seyfried wirkt im Film komplett unterfordert. Die hübsche junge Dame kann wesentlich mehr als in die Kamera zu lächeln! Mit einer Spielzeit von knapp zwei Stunden wird der Film irgendwann langweilig und man verliert die Lust, sich um das Schicksal von Harold Sorgen zu machen. Immerhin: David Oyelowo spielt ihn wirklich überzeugend. GRINGO ist nicht mehr als ein Film “zwischendurch”, den man nach kurzer Zeit auch schon wieder vergessen hat. Vollkommen unnötig: ein paar explizite Gewaltspitzen.
Freitag, 09. März 2018
Ein Vögelchen wird flügge
Wunderschönes Independent-Kino zum Wochenausklang

LADY BIRD (1:1.85, 5.1)
OT: Lady Bird
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Greta Gerwig
Darsteller: Saoirse Ronan, Laurie Metcalf, Lucas Hedges
Kinostart: 19.04.2018

Eigentlich heisst sie Christine, doch warum den Namen annehmen, der einem von den Eltern aufgedrückt wurde? Also nennt sich die 17jährige ab sofort “Lady Bird”. Lady Bird wohnt mit ihren Eltern und Bruder samt Verlobter im weniger angesagten Stadtteil Sacramentos, jenem jenseits der Bahngleise. Dort gehört man definitiv nicht zur Upper Class, zu der man aber gerne gehören möchte. Lady Bird hat das alles genauso satt wie die ständigen Diskussionen mit ihrer Mutter, die es dem Teenager nicht gerade einfach macht, flügge zu werden... Greta Gerwigs Regiedebüt ist eine Liebeserklärung an ihre Heimat Sacramento und eine Ode an die wunderbare Zeit des Erwachsenwerdens – auch wenn man das zu diesem Zeitpunkt gar nicht so empfindet. Diese Erkenntnis hat man meist erst im reiferen Alter. Gerwig rast mit einem Wahnsinnstempo durch diese letzten Jahre des Highschool-Daseins, zeigt Manches gar nur in ganz kurzen Einstellungen, verlangsamt bei besonderen Episoden. Viele Schnittbilder erinnern beim Zuschauen an die eigene Schulzeit und das ganze Drumherum mit erster Liebe und so. Ein melancholisch wehmütiger Flair zieht sich durch den ganzen Film, in dem ganz besonders Saoirse Ronan in der Rolle von Lady Bird zur Hochform aufläuft. Tolle Dialoge, mal heiter, mal ernst, prägen den Film. Independent-Kino vom Feinsten.
Donnerstag, 08. März 2018
Von Zweien, die sich nicht unterkriegen lassen
Wahre Geschichten gab es heute gleich im Doppelpack

SOLANGE ICH ATME (1:2.76, 5.1)
OT: Breathe
Verleih: SquareOne/Universum (Fox)
Land/Jahr: Großbritannien 2017
Regie: Andy Serkis
Darsteller: Andrew Garfield, Claire Foy, Diana Rigg
Kinostart: 19.04.2018

Die späten 1950er Jahre. Für Robin Cavendish könnte das Leben nicht schöner sein. Als Teeeinkäufer arbeitet der Engländer in Afrika, ist mit der wundervollen Diana verheiratet und wird bald schon Vater. Doch da schlägt das Schicksal unerwartet brutal zu: Robin erkrankt an Polio und ist fortan vom Hals abwärts gelähmt, Atmen kann er nur noch mittels einer Maschine... Warum Andy Serkis, eigentlich bekannt für seine revolutionären Motion Capture Performances in Filmen wie der HERR DER RINGE Trilogie oder den neuen PLANET DER AFFEN Inszenierungen, sein Regiedebüt im Ultra Panavision Aspect Ratio von 1:2.76 in die Kinos bringt, bleibt ein Rätsel. Einen großen Gefallen tut er sich nicht damit, wird sein Film auf allen digitale Leinwänden dadurch mit reduzierter Bildgröße gezeigt. Vermutlich hat ihm aber genau dieser Aspekt bei Tarantinos HATEFUL 8 gefallen. Eines Tages werden wir vielleicht erfahren, was die künstlerische Entscheidung dahinter war. Zum Film selbst: der basiert auf einer wahren Geschichte, nämlich die des vom Hals abwärts gelähmten Robin Cavendish, der sich selbst schon komplett aufgegeben hatte, sich aber durch die Unterstützung und Fürsorge seiner Frau Diana nicht hat unterkriegen lassen. Seinem starken Lebenswillen ist es zu verdanken, dass mobile Beatmungsgeräte für Schwerstbehinderte überhaupt erst entwickelt wurden. Andrew Garfield mimt den Mann im Rollstuhl und künstlicher Beatmung, der trotz seiner Misere immer noch einen witzigen Spruch auf Lager hat. Claire Foy in der Rolle seiner Frau präsentiert sich nach dem gestern gesehenen UNSANE wieder als willensstarke Frau, wenn auch mit einer ganz anderen Aura. Serkis wechselt zwischen humorvollen Einlagen (wie beispielsweise die Reise nach Spanien, bei der mitten in der Landschaft das Beatmungsgerät kaputt geht und sich das ganze zu einer Fiesta entwickelt) und ergreifenden Momenten und zeigt damit, dass auch Schwerstbehinderte die gesamte Spannbreite an Gefühlen für sich in Anspruch nehmen dürfen. Allerdings drückt der Film am Ende dann doch zu sehr auf die Tränendrüse, statt den Schlusspunkt zu einem etwas früheren Zeitpunkt zu setzen. Wohl dem der Taschentücher zur Hand hat.

STRONGER (1:2.35, DD 5.1)
OT: Stronger
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: USA 2017
Regie: David Gordon Green
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Tatiana Maslany, Miranda Richardson
Kinostart: 19.04.2018

Jeff ist ein einfach gestrickter Typ, ein netter Kerl, aber alles andere als pünktlich und zuverlässig. Das ist der Grund, warum sich seine Freundin Erin mal wieder von ihm getrennt hat. Als Erin sich dazu entschließt, beim Boston Marathon mitzulaufen, wittert Jeff seine Chance auf Versöhnung: mit einem großen Transparent erwartet er sie an der Ziellinie. Da geschieht das Unvorstellbare: ein Terroranschlag kostet Jeff beide Beine... Alle Achtung, was Jake Gyllenhaal hier leistet: als Anschlagsopfer Jeff Bauman liefert er eine Oscar-würdige Rolle ab! Das Auf und Ab während seiner Rehabilitation zeigt er auf eindringliche Weise und zieht den Zuschauer damit in seinen Bann. Dass es sich hierbei um eine wahre Geschichte handelt, macht die Sache gleich noch viel ergreifender. David Gordon Green hat ein kleines Heldenepos geschaffen, an dessen Ende die Hoffnung siegt und damit nicht nur Leidensgenossen Mut macht, sondern allen Menschen gleichermaßen. Kleiner Tipp: Taschentuch nicht vergessen.
Mittwoch, 07. März 2018
Der Stalker und sein Opfer
Thrillerstunde zur Wochenmitte – habe ich gerne genommen

UNSANE – AUSGELIEFERT (1:1.56, 5.1)
OT: Unsane
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Steven Soderbergh
Darsteller: Claire Foy, Joshua Leonard, Jay Pharoah, Juno Temple
Kinostart: 29.03.2018

Wegen eines höchst unangenehmen Stalkers musste die hübsche Sawyer Valentini nicht nur ihren Job, sondern auch ihren Wohnort wechseln. Trotzdem lassen sie die Gedanken an den Stalker nicht mehr los. Als sie psychische Hilfe in einer darauf spezialisierten Klinik sucht, landet sie unfreiwillig in der geschlossenen Anstalt. Zu allem Übel muss sie feststellen, dass ihr Stalker dort zum Personal gehört... Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass Steven Soderbergh seit seiner Ankündigung, sich aus dem Filmgeschäft zurückzuziehen, mehr Filme realisiert als je zuvor. Aber das ist auch gut so, erweist sich UNSANE – AUSGELIEFERT einmal mehr als ein wirklich gelungener Psychothriller mit extrem reizvoller Optik. Die Bilder, mit einem iPhone 7 Plus in bestem 4K eingefangen, weisen trotz reduzierter Bildbreite stets einen Weitwinkellook auf, der suggeriert, dass es sich um Aufnahmen von Überwachungs- oder Spionagekameras handelt. Damit wird das ständige Gefühl der Bedrohung, der Soderberghs Protagonistin ausgesetzt ist, visuell perfekt untermauert. Soderbergh spielt zumindest anfangs mit dem Zuschauer, lässt er ihn doch im Unklaren darüber, ob die Protagonistin (hervorragend: Claire Foy) unter Wahnvorstellungen leidet oder ob ihre Bedrohung tatsächlich real ist. Dadurch übernimmt der Zuschauer zumindest eine Zeitlang die Sicht des Klinikpersonals auf ihre Patientin und macht gleichzeitig deutlich, wie leicht man als hilfesuchende Person in einer geschlossenen Anstalt landen kann. UNSANE ist klaustrophobisch albtraumhaftes Kino, das gegen Ende sogar noch unerwartete Härten zeigt. Ein Film der nachwirkt.
Dienstag, 06. März 2018
Langeweile, Spannung und viele Lacher
Ein bunt gemischtes Presse-Triple hatte für jede Gefühlslage etwas im Körbchen

DIE PARISERIN – AUFTRAG BASKENLAND (1:2.35, 5.1)
OT: Mission Pays Basque
Verleih: X Verleih (Warner)
Land/Jahr: Frankreich 2017
Regie: Ludovic Bernard
Darsteller: Elodie Fontan, Florent Peyre, Daniel Prévost
Kinostart: 19.04.2018

Im Auftrag ihrer Firma, einer Lebensmittelsupermarktkette, soll die attraktive Pariserin Sibylle im Baskenland neue Verkaufsräume aquirieren. Als sie deswegen einen alteingesessenen Familienbetrieb zu einem Dumpingpreis aufkaufen möchte, machen ihr die widerspenstigen Dorfbewohner einen Strich durch die Rechnung. Insbesondere Ramuntxo, der örtliche Espadrilles-Hersteller, durchschaut die Schöne und ihre Pläne und nutzt sie für die Interessen des Dorfes aus – und macht der Schönen schöne Augen... Was für eine Schlaftablette von einem Film! Eine vollkommen uninteressante Geschichte, die zudem nur mäßig witzig ist. Dass dann auch noch Ramun von seiner ETA-Vergangenheit eingeholt wird, will so ganz und gar nicht in das Gesamtpaket passen, da viel zu ernst geraten. Da bleiben dann nur noch Elodie Fontan und Florent Peyre, die ein wirklich hübsches Paar abgeben und sich am Ende – natürlich – finden. Ludovic Bernards Film wirkt extrem bemüht in seiner Absicht, die kulturellen Unterschiede zwischen den Franzosen und den Basken humoristisch aufzuarbeiten, mit der er letztlich scheitert. Ein Film, der nicht wehtut, aber für den der Gang ins Kino ganz sicher nicht lohnt.

STEIG.NICHT.AUS! (1:2.35, 5.1)
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Christian Alvart
Darsteller: Wotan Wilke Möhring, Hannah Herzsprung, Christiane Paul
Kinostart: 12.04.2018

Der Berliner Bauunternehmer Karl Brendt erhält auf der Fahrt zur Arbeit einen Anruf von einem Unbekannten. Der droht damit, dass er das Auto samt den beiden Kindern auf dem Rücksitz in die Luft jagt, wenn er nicht so schnell wie möglich Brendts gesamtes Barvermögen auf sein Off-Shore-Konto überwiesen bekommt. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt... Genre-Kino aus deutschen Landen – das ist selten genug. Dass das aber durchaus realisierbar ist, stellt Christian Alvart mit seinem Thriller unter Beweis. Basierend auf dem spanischen Thriller ANRUFER UNBEKANNT zieht Alvart alle Register des Action-Thrillers, um das Publikum spannend zu unterhalten. Dass sich hier und da ein paar Ungereimtheiten einschleichen, gehört fast schon zum Konzept einer solchen Produktion. Dafür zeigt Alvart ein sicheres Gespür für Timing, mit dem er die Spannungsschraube kontinuierlich bis zum Ende anzieht. Angereichert wird das Werk durch einige verblüffende Plansequenzen, die mit entfesselter Kamera eingefangen werden und so ohne Schnitt den Zuschauer in ihren Bann ziehen.

EARLY MAN – STEINZEIT BEREIT (1:1.85, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Early Man
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Großbritannien, Frankreich 2018
Regie: Nick Park
Kinostart: 26.04.2018

Als ein kleines Volk von Steinzeitmenschen durch ein ihnen überlegenes Volk aus der Bronzezeit aus ihrem geliebten Tal vertrieben wird, wollen sich die Steinzeitler ihr Tal wieder zurückholen: durch ein Fußballspiel gegen die Bronzemannschaft. Dumm nur, dass die Steinzeitler bislang keine Ahnung von Fußball haben... Schon gleich zu Beginn machen die WALLACE & GROMIT Schöpfer klar, dass sie mit ihrer neuesten Produktion wieder herrlich anarchischen Witz abliefern: während sich in der Steinzeit Urweltgiganten bekämpfen und Neandertaler gegenseitig mit der Keule bearbeiten, während im Hintergrund Vulkane ihr Feuer speien, erscheint die Titeleinblendung “In der Nähe von Manchester”. In liebevoller “Claymation”-Handarbeit lässt Nick Park und sein Team dann eine herrlich skurrile und witzige Persiflage auf den Fussball vom Stapel. Es gibt viel zu lachen und zu Schmunzeln, wenn die Steinzeitmenschen und die Bronzezeitmenschen sich beim Fussball-Derby gegenüberstehen. Da gibt es beispielsweise das Replay nach einem Tor – bewerkstelligt durch zweidimensionales Papierfigurentheater! Oder die zwei königlichen Kommentatoren, die das Spiel mit amüsanten Wortspielen begleiten. Ganz zu schweigen vom Nachrichtenvogel, mit dem die Bronzeianer Kommunikation machen. Dass zur Mannschaft der Steinzeitmenschen auch ein sehr engagiertes Wildschwein gehört, ist einer der vielen weiteren extrem witzigen Bausteine eines gekneteten Puppentrickfilms, der sich nicht ausschließlich an Kinder richtet, sondern insbesondere auch Erwachsenen einen gelungen Kinobesuch garantiert
Montag, 05. März 2018
Architektur und Familienchronik
Zum Wochenstart wenig Erbauliches

VOM BAUEN DER ZUKUNFT – 100 JAHRE BAUHAUS (1:2.35, 5.1)
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Niels Bolbrinker, Thomas Tielsch
Kinostart: 26.04.2018

Das Bauhaus feiert runden Geburtstag. Deshalb gehen die Regisseure Niels Bolbrinker und Thomas Tielsch der rage nach, welche Bedeutung der Bauhaus-Gedanke in unserer heutigen Welt noch spielt und lassen dafür auch die Vergangenheit Revue passieren. Mit unterstützenden Animationen veranschaulichen sie dabei auch das Prinzip des Bauhauses, das eine Symbiose aus Technik und Kunst darstellt. Die Dokumentation ist speziell für Architekturbegeisterte zu empfehlen.

ZWEI HERREN IM ANZUG (1:1.85, 5.1)
Verleih: X Verleih (Warner)
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Josef Bierbichler
Darsteller: Josef Bierbichler, Martina Gedeck, Simon Donatz
Kinostart: 22.03.2018

Nach der Beerdigung seiner Mutter kommt es zur längst überfälligen Aussprache zwischen Semi und seinem Vater, dem Wirt und Bauern Pankraz, in dessen Verlauf die gesamte Chronik der Familie Revue passiert... Die von Josef Bierbichler nach seinem eigene Roman “Mittelreich” inszenierte epische Familienchronik spielt gleich auf mehreren Zeitebenen, die durch die Farbdramaturgie (von Schwarzweiß über Sepia bis hin zu voller Farbe) voneinander unterschieden werden. Allerdings ist das Werk mehr als verwirrend und teils extrem grotesk. Bierbichler dominiert den Film und spielt wie immer brillant urbayerisch. Hier und da würde man sich deshalb eine hochdeutsche Untertitelung wünschen.
Freitag, 02. März 2018
Ein grantiger Schotte und noch mehr Flüchtlinge
Das Ende einer vollen Pressewoche kam gleich im Doppelpack

DAS ETRUSKISCHE LÄCHELN (1:2.35, 5.1)
OT: The Etruscan Smile
Verleih: Constantin
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Oded Binnun, Mihal Brezis
Darsteller: Brian Cox, JJ Feild, Thora Birch, Rosanna Arquette
Kinostart: 12.04.2018

Seit 15 Jahren hat der grantige Schotte Rory seinen Sohn nicht mehr gesehen geschweige denn sein Enkelkind in Augenschein genommen. Denn der lebt inzwischen in San Francisco, während Rory nach wie vor in seinem Steinhäuschen auf den Hebriden haust. Doch ein gesundheitliches Problem zwingt Rory dazu, einen Spezialisten in den USA aufzusuchen und so packt er widerwillig die Gelegenheit beim Schopfe, bei Sohnemann und Familie vorbeizuschauen. Einst im Streit auseinandergegangen, ist das Vater-Sohn-Verhältnis nach wie vor frostig. Doch sein kleiner Enkel bringt langsam aber sicher das Herz des Opas zum Erweichen... Gewiss gab es in der Vergangenheit immer wieder Filme wie den von Oded Binnun und Mihal Brezis, in der ein zerrüttetes Familienverhältnis durch ein neugeborenes Baby quasi gekittet wird. Doch solche Stoffe sind immer wieder schön anzuschauen, weil sie uns zu Tränen rühren. Auch wenn im vorliegenden Fall vieles schon ziemlich schnell vorhersehbar ist, kann man nicht anders als den Film zu mögen. Das liegt insbesondere an dem großartigen Brian Cox, der den Großvater mit gälischem Einschlag absolut überzeugend mimt. Hier sei dringend geraten, sich den Film im englischen Original (und deutschen Untertiteln!) anzuschauen – es lohnt alleine des schottischen Dialekts wegen. Und Schottland-Fans - aufgepasst: seit LOCAL HERO gab es wohl keine idyllischeren Bilder von dem faszinierenden Land zu bestaunen. DAS ETRUSKISCHE LÄCHELN ist wunderbares Wohlfühlkino mit viel Witz und noch mehr Emotionen.

ELDORADO (1:1.85, 5.1)
Verleih: Majestic (Fox)
Land/Jahr: Schweiz, Deutschland, Österreich 2018
Regie: Markus Imhoof
Kinostart: 26.04.2018

Sinnbildlich erscheint während des Titelvorspanns zu Markus Imhoofs bedrückender Dokumentation ein golden glänzende Fläche, die sich wie Wellen auf dem Wasser bewegt. Das also könnte das Eldorado des Filmtitels sein, jenen Zufluchtsort, den Flüchtlinge vermutlich als das Paradies bezeichnen würden. Wenig später im Film wird jedoch klar, um was es sich bei diesem goldenen Vlies handelt: es sind die Iso-Decken, die die in Italien ankommenden Flüchtlinge zum Schutz gegen die Kälte umgelegt bekommen. Und da sind wir dann auch schon mittendrin in Imhoofs Film, der die aktuelle Flüchtlingskrise mit einer sehr persönlichen Flüchtlingserfahrung des Regisseurs kongenial verknüpft. Als er noch ein kleiner Junge war, nahm seine in der Schweiz lebende Familie ein Flüchtlingskind aus Italien auf. Das war zwar schon während des Zweiten Weltkriegs, doch sind die Fragen, die sich an solch ein Schicksal knüpfen, nach wie vor dieselben. Aus dem Off hören wir die Stimmen von Imhoof und seiner italienischen Flüchtlingsfreundin, die tiefschürfende Gedanken über Flüchtlingsschicksale austauschen. Das alleine schon ist sehr bewegend in Szene gesetzt, doch wird es noch weit übertroffen von den Bildern, die Imhoof von der aktuellen Flüchtlingskrise vor der Küste Italiens einfängt. Als Beobachter auf einem der Auffangschiffe lässt er den Zuschauer hautnah teilhaben an der menschlichen Tragödie, deren Ausmaß über alles Vorstellbare hinausgeht. Er zeigt auch Bilder von den Ghettos, die sich in Süditalien etabliert haben. Dort leben die Flüchtlinge aus Afrika unter menschenunwürdigen Zuständen in der Illegalität und geraten in mafiöse Strukturen, in der die Arbeitskraft der Afrikaner schamlos ausgenutzt wird. ELDORADO macht betroffen, weil Imhoof Schicksale nicht nur anonym präsentiert, sondern ihnen auch ganz konkrete Namen und Gesichter gibt. Keine einfache Doku, aber eine immens wichtige.


Donnerstag, 01. März 2018
Berlinale-Doppel
Für alle, die in diesem Jahr nicht auf der Berlinale waren, gab es heute quasi eine Nachschau

3 TAGE IN QUIBERON (1:2.35, 5.1)
Verleih: Prokino (Fox)
Land/Jahr: Deutschland 2017
Regie: Emily Atef
Darsteller: Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Charly Hübner, Robert Gwisdek
Kinostart: 12.04.2018

Man schreibt das Jahr 1981. Weltstar Romy Schneider gönnt sich eine Ruhepause vor dem nächsten Filmprojekt und nistet sich in dem kleinen bretonischen Kurort Quiberon ein. Dort erhält sie drei Tage lang Besuch von ihrer besten Freundin Hilde sowie zwei Reportern, die für den “Stern” ein Interview und Fotos mit ihr machen sollen. Die drei Tage werden zu einem entscheidenden Ereignis in Romys letzter Lebensphase... Regisseurin Emily Atef ließ sich zu ihrem Film durch die Schwarzweiß-Fotografien inspirieren, die der von Romy Schneider sehr geschätzte Robert Lebeck in Quiberon von der Ausnahmeschauspielerin geschossen hat. Folgerichtig präsentiert sie ihren Film ebenfalls in Schwarzweiß (was leider auf den meisten digitalen Projektionsanlagen nicht richtig dargestellt werden kann!) und Kameramann Thomas Kiennast liefert diese sogar im CinemaScope-Format. Der eigentliche Clou in diesem Film über das Katz- und Maus-Spiel, das sich während des Interviews entwickelt, ist die Besetzung Marie Bäumers als Romy. Da ist man selbst als alter Filmkenner geneigt zu glauben, dass man hier wahrhaftig Romy vor der Kamera hat – die Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend! Aber nicht nur Bäumer spielt hier brillant, auch ihre Mitstreiter verdienen Erwähnung: Robert Gwisdek begeistert als widerlicher Promi-Reporter Michael Jürgs, Charly Hübner gibt den höchst sympathischen Fotografen und Birgit Minichmayr (mit Lockenkopf!) überzeugt als Freundin Hilde. Der vordergründig vor allem Romy-Fans ansprechende Film beschäftigt sich auf einer zweiten Ebene mit der Frage, ob und wie Persönlichkeiten von den sie umgebenden Menschen für ganz eigene Zwecke ausgenutzt werden.


TRANSIT (1:2.35, 5.1)
Verleih: Piffl
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Christian Petzold
Darsteller: Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese
Kinostart: 05.04.2018

Flüchtling Georg entgeht den deutschen Truppen in Paris in letzter Sekunde und kann sich nach Marseille retten. Durch Zufall in den Besitz der Hinterlassenschaft des Schriftstellers Weidel gelangt, hält Georg auch die Zusicherung eines Visums durch die mexikanischen Behörden in Händen. Georg sieht seine Chance und nimmt die Identität Weidels an, nicht ahnend, dass dessen Frau Marie in Marseille nach ihm sucht... Christian Petzolds klaustrophobisch düsteres Thriller-Drama entführt den Zuschauer zwar in eine nahe Zukunft, jedoch mit hochaktuellen Bezügen zur gegenwärtigen Flüchtlingskrise. Das Setting irritiert zu Beginn etwas, weil Petzold sein Publikum vollkommen unvorbereitet in eine “alternative Gegenwart” katapultiert, in der von Säuberungen in Frankreich die Rede ist und deutsche Staatsbürger zum Gegenstand einer solchen Säuberung werden. Petzold verpflanzt damit praktisch die NS-Zeit in die Gegenwart. Daran muss man sich beim Sehen erst einmal gewöhnen. Anhand des persönlichen Schicksals von Georg schildert der Film die vielen Irrwege, die er gehen muss, um seine Haut mittels einer Schiffspassage zu retten. Geprägt sind diese Irrwege von kurzen Bekanntschaften mit anderen Flüchtlingen, an deren Schicksal Georg unmittelbar beteiligt wird. Die farbgesättigten CinemaScope-Bilder von Kameramann Hans Fromm unterstreichen die Unbestimmtheit der Zeit, zu der der Film spielt. Solche Farben passen am ehesten noch zu einer längst vergangenen Zeit, doch die Bilder zeigen unsere Gegenwart, allerdings um Handys bereinigt. Eine unaufdringliche männliche Stimme aus dem Off begleitet kommentierend einen Großteil der Szenen, so als würde ein Schriftsteller aus seinem Roman zitieren. Der formal ungewöhnliche Film gewinnt vor allem zum Ende hin an Fahrt. Dank seines großartigen Darstellerensembles bietet er zudem Identifikationsfiguren, die im Nachgang zum Film ganz sicher noch zu Diskussionen animieren.

© 2009-2018 Wolfram Hannemann
Datenschutzerklärung
All displayed Logos and Product Names may be ©, TM or ® by their respective rights holding companies.
No infringement intended.