Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Dienstag, 17. April 2018
Sympathisanten, Gartenzwerge und geräuschempfindliche Aliens
Mein Tagesmotto: hüte Dich vor der Sonne – verbringe den Tag im Kino!

SYMPATHISANTEN – UNSER DEUTSCHER HERBST (1:1.85, 5.1)
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Dr. Felix Moeller
Kinostart: 24.05.2018

In Interviews mit seiner Mutter Margarete von Trotta und seinem Steifvater Volker Schlöndorff sowie weiteren Zeitzeugen wie Marius Müller-Westernhagen oder Christof Wackernagel geht Regisseur Felix Moeller der Frage nach, welche Rolle sogenannte Sympathisanten während der Baader-Meinhoff-Ära gespielt haben. Was ist überhaupt ein Sympathisant? Woher stammt der Begriff? Antworten geben unter anderem die privaten Tagebücher Margarete von Trottas, die einen lebendigen Einblick in jene “bleierne Zeit” geben, die Moeller neben den aktuellen Interviews mit einer Fülle von Archivmaterial kombiniert und so eine spannende Rekapitulation eines der schwärzesten Kapitel des Nachkriegsdeutschlands entwirft. Wer diese Zeit nicht mehr parat hat oder gar erst viel später geboren wurde, der wird sich hier leider nicht richtig zurechtfinden, da Moeller fast vollständig auf Hintergrundinformationen zu den einzelnen Personen verzichtet.

SHERLOCK GNOMES (1:2.35, DD 5.1 + Atmos)
OT: Sherlock Gnomes
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2018
Regie: John Stevenson
Kinostart: 03.05.2018

Als in London immer mehr Gartenzwerge auf mysteriöse Weise verschwinden, ruft das den berühmten Detektiv Sherlock Gnomes un seinen Kollegen Dr. Watson auf den Plan. Auch Gnomeo und Julia wollen auf eigene Faust ermitteln – und haben prompt ihren ersten Streit... Sieben Jahre ist es bereits her, dass Kelly Asburys Computeranimationsfilm GNOMEO UND JULIA in die Kinos kam, der durch seine vielen Filmzitate und guten Pointen vortrefflich unterhielt. Mit SHERLOCK GNOMES kommt nun die Fortsetzung in die Kinos. Allerdings eine Fortsetzung, die an das Original bei Weitem nicht mehr heranreicht. So gibt es jetzt richtig witzige Einlagen nur ganz spärlich. Das Hauptaugenmerk liegt hier auf der Action, die sich jedoch recht einfallslos und geradezu beliebig gibt. Die Vielfalt der Charaktere aus dem ersten Film sucht man hier vergebens. Speziell Kinder könnten mit dem Film etwas überfordert sein, da sich ihnen die Figuren des Sherlock Gnomes und Dr. Watson ohne Vorkenntnis nicht erschließen werden. Und die extrem psychopathischen Züge eines Moriarty dürften die Kleinen ziemlich verstören.

A QUIET PLACE (1:2.35, DD 5.1 + Atmos)
OT: A Quiet Place
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2018
Regie: John Krasinski
Darsteller: Emily Blunt, John Krasinski, Noah Jupe
Kinostart: 12.04.2018

Irgendwann, irgendwo in einem wenig besiedelten Gebiet der USA. Aggressive Aliens haben das Land heimgesucht und erhaschen jeden, der ein Geräusch produziert. So hat sich die vierköpfige Familie Abbott penibelst darauf gedrillt, keine Geräusche zu verursachen und sich nur per Gebärdensprache mitzuteilen. Dass Teenager-Tochter Regan taub ist, ist dabei eher unvorteilhaft. Und durch die Schwangerschaft ihrer Mutter ist ein hohes Risiko, von den Aliens entdeckt zu werden, bereits vorprogrammiert... John Krasinkis Alien-Horror-Thriller ist ein exzellentes Beispiel dafür, dass man mit nur wenigen Mitteln spannungsgeladenes Kino inszenieren kann. Auch wenn der Film fast über gar keine Dialoge verfügt und große Teile der Handlung mit einer mörderisch stillen Tonkulisse unterlegt sind, bildet gerade die Tonspur den dramaturgischen Dreh- und Angelpunkt. Die Platzierung von Geräuschen im Kinoraum, das dumpfe Grummeln, wenn die Tonspur die Perspektive der tauben Regan einnimmt oder die punktuell aufflammende Dynamik sind das A und O in diesem Film. Ergänzt wird die Tonebene durch eine exzellente Filmmusik von Marco Beltrami. Allerdings hätte man sich beim Drehbuch ein paar wenige Nachbesserungen gewünscht. So sind einige Ereignisse recht schnell vorhersehbar, was insbesondere bei einem Thriller natürlich zu Lasten der Spannung geht. Dennoch: Chapeau für diesen nicht langweilenden Neunzigminüter.
Freitag, 13. April 2018
Ein Staplerfahrer verliebt sich
Zum Abschluss der Pressewoche gab es intime Einblicke in die Motorik eines Großmarktes

IN DEN GÄNGEN (1:1.78, 5.1)
Verleih: Zorro (24 Bilder)
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Thomas Stuber
Darsteller: Sandra Hüller, Franz Rogowski, Peter Kurth
Kinostart: 24.05.2018

Der introvertierte, wortkarge Christian kommt als “Frischling” in die Mannschaft, die einen Großmarkt am Laufen hält. Eingewiesen wird er von Bruno, der nach außen etwas schroff wirkt, jedoch einen gütigen Kern hat. Zum Team gehört auch Marion, die es dem Neuling gleich von Anfang angetan hat. Und so sucht der Schüchterne zwischen Süßwaren und Getränkekisten den Kontakt zu seiner Flamme... Der Mikrokosmos des Großmarktes bedeutet für die Protagonisten in Thomas Stubers Drama die ganze Welt. Hier sind sie sicher, fühlen sich geborgen, sind unter ihres Gleichen. Die endlosen Gänge inmitten der Hochregale ist für Christian, Marion und Bruno zur Heimat geworden. Zuhause schlägt sich jeder von ihnen mit seinen ganz eigenen Problemen herum, über die aber niemand spricht. Wenn zu Beginn des Films “An der schönen blauen Donau” auf der Tonspur erklingt und die Gabelstapler wie in einem Ballett durch die frühmorgendlichen Gänge schweben, denkt man instinktiv an jene Szene aus Kubricks 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM, in der sich Raumschiffe zu eben dieser Musik in den unendlichen Weiten des Weltalls bewegen. Auch ein Hinweis darauf, dass die Angestellten hier ihr ganz persönliches Universum eingerichtet haben. Stubers Drama enthält neben diesem hübschen Einfall auch noch andere komödiantische Einfälle, wenn auch nur sehr wenige. So kommt in einer Szene, in der Christian die Schulbank drückt, um den Gabelstaplerschein zu machen, der Splatter-Klassiker STAPLERFAHRER KLAUS zum Einsatz, der den Schülern zum Abschluss vom Lehrer gezeigt wird (was im Übrigen in mancher Staplerschule tatsächlich so gemacht wird!). Optisch dominiert im Film die Einsamkeit: leere Gänge im Halbdunkel, in sich gekehrte Menschen. Doch genau hier entsteht etwas, das man als Menschlichkeit bezeichnen könnte. IN DEN GÄNGEN ist ein Film der leisen Töne mit exzellenten Darstellern bis in die Nebenrollen.
Donnerstag, 12. April 2018
Die Frau, die keine Diva sein wollte
Zur heutigen Pressematinee gab es mal wieder eine interessante Dokumentation

MARIA BY CALLAS (1:1.85, 5.1)
OT: Maria By Callas
Verleih: Prokino (24 Bilder)
Land/Jahr: Frankreich 2017
Regie: Tom Volf
Darsteller: Maria Callas
Kinostart: 17.05.2018

Die 1977 im Alter von gerade einmal 53 Jahren verstorbene Maria Callas zählt auch heute noch zu den besten Opern-Sängerinnen der Welt. In seinem ausschließlich mit historischen Filmaufnahmen bebilderter Dokumentation nähert sich Regisseur Tom Volf jener Frau mit den zwei Gesichtern – einem für die Operndiva Callas und einem für die ganz normale Maria. Als roter Faden durch den Film, der insgesamt 10 Arien der Callas in voller Länger präsentiert, dient ein Fernsehinterview, in dem die Sängerin sehr persönliche Auskünfte zu ihrem Leben gibt – einem Leben, das sie als Frau so nie wollte, aber als Operndiva genoss. Anfangs zumindest. Denn sie wurde von Publikum und Presse angegriffen, als sie eines Tages ein ausverkauftes Konzert in Rom aufgrund einer Bronchitis absagen musste. Seit jenem Tag schien nichts mehr so wie es einmal war. Volf gelingt ein sehr intimes Porträt einer Frau, die zwischen Privatleben und Karriere hin- und hergerissen war. Ein Film, der nicht nur für Opernfreunde von Interesse sein dürfte.
Dienstag, 10. April 2018
Flugzeugentführer und Romanautorin
Der Titel des zweiten Films heute passte eigentlich ganz gut zum ersten Film

7 TAGE IN ENTEBBE (1:2.35, DD 5.1)
OT: 7 Days In Entebbe
Verleih: Entertainment One (Fox)
Land/Jahr: USA, Großbritannien 2018
Regie: José Padilha
Darsteller: Daniel Brühl, Rosamund Pike, Eddie Marsan
Kinostart: 03.05.2018

Im Juli 1976 entführen Deutsche und Palästinenser eine Air France Maschine mit über 200 Passagieren an Bord, um so die Freilassung inhaftierter Genossen zu erzwingen. Während die Entführer mit ihren Geiseln in Entebba ausharren, bereitet Israel einen Befreiungsschlag vor... Die Stärke von José Padilhas Film liegt darin, dass er die wahre Geschichte, die sich 1976 ereignete und die Welt in Atem hielt, nicht etwa als reißerisches Actionkino inszeniert, sondern lotet die Ereignisse jener Zeit psychologisch aus. Sowohl die Entführer als auch die Männer vom israelischen Militärkommando werden differenziert betrachtet und nicht als bloße Schablonen präsentiert.

NACH EINER WAHREN GESCHICHTE (1:2.35, 5.1)
OT: D'Après Une Histoire Vraie
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Frankreich, Belgien, Polen 2017
Regie: Roman Polanski
Darsteller: Emmanuelle Seigner, Eva Green, Vincent Perez
Kinostart: 17.05.2018

Aufgrund einer Sperrfristvereinbarung gibt es die Kurzkritik zu diesem Film erst ab 14.05.2018 an dieser Stelle

Montag, 09. April 2018
Von Hunden und Tibetern
Mein Montagsdoppel hatte immerhin ein Highlight zu bieten

ISLE OF DOGS – ATARIS REISE (1:2.35, 5.1)
OT: Isle Of Dogs
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA, Deutschland 2018
Regie: Wes Anderson
Kinostart: 10.05.2018

Als ein japanischer Diktator alle Hunde auf eine unzugängliche und als Mülldeponie genutzte Insel verbannen lässt, macht sich dessen 12jähriges Mündel Atari auf die Suche nach seinem geliebten Hund Spots, der einst sein Leibwächter war und der erste Hund, der in die Verbannung geschickt wurde... Wer die Filme von Wes Anderson mag, der wird von diesem Stop-Motion-Film absolut begeistert sein. Wie immer ist Andersons Stil unverkennbar: der Mann hat eine große Schwäche für Strukturen! So ist ISLE OF DOGS von Anfang bis Ende durchstrukturiert und wirkt schon alleine dadurch höchst skurril. Alles andere ergibt sich natürlich durch die abstruse Handlung, die als Metapher für autoritäre Staaten verstanden werden kann. Mit hanebüchenem Witz und jeder Menge absonderlicher Einfälle (so wird etwa in einer Sequenz eine Nierentransplantation aus der Vogelperspektive gezeigt oder – und dies aus der Perspektive des Kochs – ein quicklebendiges Sushi zubereitet!) erweist sich der in Handarbeit entstandene Film zu keiner Sekunde langweilig. Strukturiert auch die Filmmusik von Alexandre Desplat, der seinen Fokus auf asiatisches Percussion legt und so den Rhythmus des Films vorgibt. Fazit: unbedingt anschauen!
Noch ein Hinweis zur heutigen Vorführung: gezeigt wurde uns ein DCP, bei dem das Original-Filmbild im Format 1:2.35 in einem sogenannten “Flat-Container” verstaut wurde, um die deutschen Untertitel in einem schwarzen Balken unterhalb des Filmbilds präsentieren zu können. Das hat zwar bei den Untertiteln zu einer erhöhten Lesbarkeit geführt, war jedoch für die künstlerische Intention kontraproduktiv, da das 1:2.35-Bild auf der Leinwand nach oben geschoben und nicht mittig war.

PAWO (1:2.35, 5.1)
Verleih: Busch Media Group (Camino)
Land/Jahr: Deutschland, Indien 2016
Regie: Marvin Litwak
Darsteller: Shavo Dorjee, Rinchen Palzom, Tenzin Gyaltsen
Kinostart: 19.04.2018

Nach dem Tod seines Vaters schließt sich der junge Tibeter Dorjee der Protestbewegung an, die gegen die chinesische Vorherrschaft in Tibet aufbegehren. Als er von der Polizei verhaftet wird und ins Gefängnis kommt, wird er durch seine Mutter freigekauft. Die Familie hinter sich lassend verlässt er auf abenteuerliche Weise das Land – eine Reise, die ihn über das Himalaya-Gebirge bis nach Indien führt. Während sich andere Tibeter mit ihrem Schicksal im Exil arrangieren, kann Dorjee jedoch seine Heimat nicht vergessen... “Pawo” bedeutet auf Tibetisch soviel wie “Held”. Marvin Litwaks Film basiert auf dem Leben des Tibeters Jamphel Yeshi, der sich im Jahre 2012 selbst verbrannte, um gegen die chinesischen Invasoren zu protestieren. Was am Ende von Litwaks Epos wirklich im Gedächtnis bleibt, sind die gewaltigen Bilder seines Kameramanns Amin Oussar, die auf spektakuläre Weise die atemberaubende Landschaft Tibets und der angrenzenden Länder auf die CinemaScope-Bildwand zaubern. Der Film selbst wirkt leider recht zäh in seiner Inszenierung. Auch fällt es schwer, als Zuschauer eine Verbindung zum Protagonisten aufzubauen, da er meist wie nicht von dieser Welt wirkt. Viele der Kommentare, die Dorjee aus dem Off gibt, beschreiben zudem genau das, was bereits im Bild zu sehen ist, so dass sich hier eine Redundanz ergibt. Durch die fehlende emotionale Bindung an den Helden lässt auch sein selbstgewählter Tod recht gleichgültig.

Freitag, 06. April 2018
Abtauchen in die virtuelle Welt
Was gibt es Besseres, als bei schönem Wetter einen Betriebsausflug ins Kino zu machen

READY PLAYER ONE (1:2.35, 3D, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Ready Player One
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Steven Spielberg
Darsteller: Tye Sheridan, Olivia Cooke, Simon Pegg, Ben Mendelsohn, Mark Rylance
Kinostart: 05.04.2018

Im Jahre 2045 ist das wirkliche Leben fast unerträglich geworden und so flüchten sich die meisten Menschen in die “Oasis”, eine Virtual Reality Welt. Auch der junge Wade mag die künstliche Welt viel lieber als die Wirklichkeit und verbringt Stunden in ihr. Als der Erfinder von “Oasis” stirbt, hinterlässt er allen Spielern eine Aufgabe: wer zuerst alle drei in der virtuellen Welt versteckten Schlüssel findet, erhält sein millionenschweres gesamtes Vermögen. Wade nimmt die Herausforderung an – und bekommt es bald schon mit einem mächtigen Gegenspieler zu tun... Man mag Steven Spielbergs Verfilmung des Bestsellers von Ernest Cline vielleicht vorwerfen, dass er bestimmten Klischees erliegt (beispielsweise stellt sich Wades virtuelle Freundin auch in der Realität hübsch!), doch macht ihn das keinesfalls zu einem schlechten Film. Ganz das Gegenteil ist der Fall: READY PLAYER ONE ist fulminantes Popcorn-Kino vom Feinsten und leistet einen diskussionswürdigen Beitrag zur stetig zunehmenden Virtualisierung unseres Lebens. Eine entfesselte Kamera (Janusz Kaminski), die orchestrale Filmmusik, spektakuläre visuelle Effekte und ein bombastischer Sound halten den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute auf Trab und überwältigen insbesondere in der IMAX-Fassung. Spielbergs Film spielt gekonnt mit den Möglichkeiten einer “Virtual Reality”, in der jeder sein kann was er will. Dort gibt es keine Grenzen – weder beim Geschlecht noch beim Aussehen und schon gar nicht bei den atemberaubenden Spielen. Der Film ist auch ein wahres Fest für Filmfans, baut er doch ständig Referenzen zu Klassikern der 1980er Jahre auf. Als ein Höhepunkt ist zweifelsfrei jene Sequenz zu betrachten, in der die Protagonisten in der virtuellen Welt Teil des Kubrick-Films SHINING werden. Wer also sein Wissen über die Filme jener Zeit auf die Probe stellen möchte, der sollte die READY PLAYER ONE Challenge ergreifen und sich den Film anschauen. Aber auch allen Anderen, die sich für ganze 140 Minuten aus der Realität ausklinken wollen, sei Spielbergs Blockbuster wärmstens empfohlen.
Donnerstag, 05. April 2018
Wenn das Leben zum Gefängnis wird
Die einzige Pressevorführung in dieser Woche

EIN LEBEN (1:1.33, 1.0)
OT: Une Vie
Verleih: Film Kino Text (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich, Belgien 2016
Regie: Stéphane Brizé
Darsteller: Judith Chemla, Jean-Pierre Darroussin, Yolande Moreau
Kinostart: 24.05.2018

Die Normandie zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Jeanne wächst als Tochter wohlhabender Eltern in wohlbehüteten Verhältnissen auf. Ihnen zuliebe heiratet sie den mittellosen Nachbarn Julien und bezieht mit ihm das Landgut ihrer Eltern. Doch ihr Gatte hintergeht Jeanne schon nach kurzer Zeit mit der Magd. Jeanne muss erkennen wie naiv sie die Welt bisher gesehen hat... Frei nach dem gleichnamigen Roman von Guy de Maupassant erzählt Regisseur Stéphane Brizé die tragische Geschichte einer Frau, die nicht länger mit all den Lügen um sie herum leben kann und der keine wahre Liebe zuteil wird. Der mit einem handverlesenen Ensemble besetzte Film vermischt geschickt Gegenwart und Vergangenheit und visualisiert immer wieder Jeannes Erinnerungen an glückliche Tage. Brizé setzt dabei ganz bewusst auf das beengende Stummfilmformat 1:1.33 und unterstreicht damit Jeannes Welt, die ihr wie ein Gefängnis erscheint. Ihr fast ohne Ausnahme freudloses Leben spiegelt sich auch in der Tonspur wider, die entgegen modernen Hörgewohnheiten nicht stereophon, sondern ausschließlich monophon ertönt. EIN LEBEN ist ein sehr ruhiger, dafür aber umso deprimierender Film, nach dessen Besuch man die eigene Misere vermutlich als Lappalie abtun wird.
Sonntag, 01. April 2018
Einmal quer durch Amerika und von Lummerland ans Ende der Welt
Meine Strategie, um Aprilscherzen nicht auf den Leim zu gehen: eisern Filme schauen

THE KING – MIT ELVIS DURCH AMERIKA (1:2.35, 5.1)
OT: The King
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: USA 2017
Regie: Eugene Jarecki
Kinostart: 19.04.2018

Was ist aus dem amerikanischen Traum geworden? Ist aus dem Traum vielleicht schon ein Alptraum geworden? In seinem dokumentarischen Roadtrip quer durch die Vereinigten Staaten versucht Filmemacher Eugene Jarecki Amerika zu entdecken – im Rolls Royce von Elvis, der Rock’n Roll Legende, der wie kein anderer vor ihm dieses Land geprägt hat. Auf der Rückbank der Nobelkarosse nehmen nicht nur Promis wie Alec Baldwin oder Ethan Hawke Platz, sondern auch Weggefährten des “King” und sinnieren über Elvis und über das Land, in dem er zu dem wurde was er war. Mit einem wahren Füllhorn an Archivmaterial und Filmausschnitten lässt Jarecki noch einmal Aufstieg und Fall des Elvis Presley Revue passieren und etabliert damit eine Metapher für den gegenwärtigen Zustand seines Landes, das mit der Ära Trump in eine ziemlich prekäre Zukunft abzudriften droht. Mit wuchtigen Bildern wie geschaffen für die CinemaScope-Bildwand und einer Auswahl an musikalischen Darbietungen auf dem Rücksitz von Elvis‘ Royce lässt Jarecki noch einmal die vergangenen 70 Jahre im Schnelldurchlauf aufleben. Sein Dokumentarfilm hat echte Power, bietet viel Emotionen und bereitet dadurch großen Spaß. Unbedingt im Kino anschauen!



JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
Verleih: Warner
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Dennis Gansel
Darsteller: Solomon Gordon, Henning Baum, Annette Frier, Christoph Maria Herbst, Uwe Ochsenknecht, Rick Kavanian
Kinostart: 29.03.2018

Das dunkelhäutige Findelkind Jim Knopf macht sich gemeinsam mit Lukas und dessen Lokomotive Emma auf den Weg, um das Geheimnis um Jims Herkunft zu lüften... “Wenn das zwei Lokomotivführer nicht fertigbringen, wer dann?” fragt der kleine Jim Knopf seinen großen Freund Lukas, den Lokomotivführer – und schon stecken die beiden im größten Abenteuer ihres Lebens! Ach was haben wir als Kinder in den 1960er Jahren mitgefiebert, als die Augsburger Puppenkiste sich daran machte, Michael Endes Fantasyroman in kleinen Portionen über die deutschen Bildschirme zu jagen. Grund genug, sich jetzt die Live Action Verfilmung reinzuziehen. Dennis Gansel, bekannt für deutsches Genre-Kino a la WIR SIND DIE NACHT, hat sie groß in Szene gesetzt – in Deutschland, Australien und Südafrika – und wird der Vorlage im Kern gerecht. Mit erheblichem tricktechnischen Aufwand sind so Lummerland, Mandala, Kummerland oder auch Drachendame Frau Mahlzahn entstanden – zum Greifen nah. Natürlich ist das jetzt so viel realistischer (und daher vielleicht für kleine Kinder manchmal fast schon zu gruselig!), aber für Phantasie, wie sie bei der Inszenierung mit den Augsburger Marionetten gefordert wird, ist sehr viel weniger Platz. Mit 110 Filmminuten schießt das Werk am Ende gar übers Ziel hinaus. Der Film beginnt extrem behäbig zu werden, es fehlt ihm an Pep. Mit Solomon Gordon und Henning Baum hat Gansel aber auf jeden Fall ein tolles Protagonistenduo gefunden, das den Film trägt. In technischer Hinsicht enttäuscht die Tonspur leider ein wenig. Sie nutzt viel zu selten die Möglichkeiten, die das neue Dolby Atmos Tonsystem bietet. Insbesondere auszumachen an der Filmmusik, der die räumliche Plastizität fehlt. Aber vielleicht war dies auch erklärte Absicht, um die zumeist jungen Zuschauer nicht zu überfordern.

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