Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Freitag, 13. Juli 2018
Ein Familientreffen geht in die Verlängerung
Schaut man auf das heutige Datum, wäre eigentlich ein Horrorfilm an der Reihe gewesen. Aber Moment: Familie kann manchmal auch der blanke Horror sein!

ZUHAUSE IST ES AM SCHÖNSTEN (1:2.35, 5.1)
OT: A Casa Tutti Bene
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: Italien 2018
Regie: Gabriele Muccino
Darsteller: Stefano Accorsi, Carolina Crescentini, Elena Cucci
Kinostart: 02.08.2018

Weil die Eltern ihre Goldene Hochzeit feierlich begehen wollen, strömt die gesamte Familie in deren Haus auf einer kleinen Mittelmeerinsel. Was eigentlich bereits nach dem Mittagessen enden sollte, erhält eine unfreiwillige Verlängerung: aufgrund schlechten Wetters gibt es vorerst keine Fähren mehr zurück aufs Festland. Die Großfamilie ist auf Gedeih und Verderben auf sich gestellt... Man liebt sie genauso sehr wie man sie fürchtet: Familienzusammenkünfte. Ein Jeder wird ein Lied davon singen können. Man trifft auf Verwandte, die man eigentlich gar nicht treffen möchte und macht gute Miene zum bösen Spiel. Oder auch umgekehrt. In Gabriele Muccinos Drama verhält sich das nicht anders. Auch hier treffen Familienmitglieder aufeinander, die sich schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Erinnerungen werden wach, brach liegende Gefühle brechen sich Bahn. Und wie könnte es bei Italienern anders zugehen als laut! Mit einem gut ausgesuchten Ensemble exerziert Muccino die Zusammenkunft durch, bei der Geheimnisse ans Tageslicht kommen und neue Liebesbande geschlossen werden. Es wird gelacht, es gibt Tränen, es wird gesungen, es wird heftig geflirtet und es wird geliebt in diesem hermetisch nach außen abgeriegelten Mikrokosmos. Am Ende werden Entscheidungen getroffen, Beziehungen beendet und neue geknüpft. Der ganz normale Wahnsinn, platziert auf einer idyllischen Mittelmeerinsel. Es ist kein großer Film, den Muccino hier inszeniert und mit Nicola Piovanis altmodisch klingenden Orchesterklängen unterlegt. Aber einer, der viel Identifikationspotenzial bietet. Und das ist doch schon was.
Dienstag, 10. Juli 2018
Abenteuer auf hoher See
Die erste von genau zwei Pressevorführungen in dieser Woche bescherte uns heute einen Animationsfilm für Kinder

KÄPT’N SHARKY (1:1.85, 5.1)
Verleih: Universum Film (Walt Disney)
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Jan Stoltz, Hubert Weiland
Kinostart: 30.08.2018

Der selbsternannte Piratenkapitän Sharky muss mal wieder vor seinen Widersachern fliehen. Gemeinsam mit dem ängstlichen Michi und der lebhaften Admiralstochter Bonnie segelt er mit seinem Schiff damit in ein großes Abenteuer... Manchmal fragt man sich schon ernsthaft, warum ein Film überhaupt ins Kino kommt. Und mit Kino meine ich jenen Erlebnisort, an dem etwas vollkommen anderes passiert als in der Fernsehstube in den heimischen vier Wänden. Kino ist nämlich genau der Ort, wo ein Film erst so richtig zur Geltung kommt. Jedenfalls wenn es die Filmemacher möchten. Bei Jan Stoltz‘ und Hubert Weilands Computeranimationsfilm KÄPT’N SHARKY lautet die berechtigte Frage: warum überhaupt erst ins Kino und nicht sofort per Stream in die Wohnzimmer? Denn die Tonspur des Films ist ohne jegliche Dynamik und Transparenz angefertigt und wurde obendrein mit viel zu geringem Pegel auf das DCP gepackt. Die Vermutung liegt nahe, dass die Macher dadurch sicherstellen wollten, dass der Film zu jeder Sekunde kindgerecht bleibt – zumindest was die Tonspur angeht. So etwas wäre beispielsweise in Amiland undenkbar. Dort nämlich gehen Groß und Klein ins Kino, um richtig was zu erleben. Da darf es durchaus auch mal laut sein und von den Surroundlautsprechern tönen! Ein solcher Spaß aber wird deutschen Kids mit KÄPT’N SHARKY leider nicht zuteil. Nicht nur die sind zu bedauern, auch der Komponist der Filmmusik, Stefan Maria Schneider, der einen ziemlich ambitionierten Score liefert, bei dem offenbar FLUCH DER KARIBIK Pate stand und nun in der Bedeutungslosigkeit irgendwo im Hintergrund untergeht. Da wird vorhandenes Potenzial einfach nicht ausgeschöpft, was sehr bedauerlich ist. Was den Film selbst angeht, so wird die Geschichte in angenehmen 73 Minuten Laufzeit weitestgehend kleinkindgerecht verpackt, auch wenn hier und da nicht immer alles aufgelöst wird (Achtung Eltern: Kinder werden Fragen stellen!). Die Animationstechnik ist einfach gehalten und damit weit entfernt vom Goldstandard der Pixar-Filme.
Freitag, 06. Juli 2018
Ein Gärtner hebt ab
Von Einem, der das Weite sucht und von Zweien, die Nähe finden – mein Freitagsdoppel.

GRÜNER WIRD’S NICHT, SAGTE DER GÄRTNER UND FLOG DAVON (1:2.35, 5.1)
Verleih: Majestic (Fox)
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Florian Gallenberger
Darsteller: Elmar Wepper, Emma Bading, Ulrich Tukur
Kinostart: 30.08.2018

Tag für Tag rackert sich Gärtner Georg “Schorsch” Kempter für nichts und wieder nichts ab. Nicht nur die abstrusen Wünsche seiner Kunden plagen ihn, auch lässt deren Zahlungsmoral sehr zu wünschen übrig. So sehr, dass sein innig geliebtes Sportflugzeug plötzlich vom “Pleitegeier” geziert wird. Da packt den Bayer der ganze Frust und die Wut und er macht sich mit dem Flugzeug auf gen Norden, um das Nordkap zu sehen. Unterwegs begegnet er ganz besonderen Menschen wie der jungen Philomena, Tochter reicher Eltern, die sich im Flugzeug einnistet und ihn auf seiner Reise begleitet... Mit exzellenten Kinobildern präsentiert Florian Gallenberger seine Verfilmung des Romans von Jockel Tschiersch über einen alten Gärtner, der aus seinem bisherigen Leben ausbricht und durch viele Begegnungen am Ende sein Herz für das Glück öffnet. Elmar Wepper spielt den Griesgram, der sich mit seinem Motorsegler auf und davon macht, sehr überzeugend. Für seine Figur entwickelt man sehr schnell viel Sympathie und Mitgefühl. Das funktioniert auch hervorragend im Zusammenspiel mit der burschikosen Emma Bading, die als Philomena den Flieger aus seiner Lethargie lockt. Erwähnenswert ist auch die Filmmusik von Enis Rotthoff, die dem Film den perfekten emotionalen Unterbau liefert. Durch sein überraschendes Ende verzeiht man der Geschichte sogar ihren kleinen Kitschfaktor. Fazit: deutsches Unterhaltungskino, das sich auf der großen Leinwand anzuschauen lohnt.

DESTINATION WEDDING (1:2.35, 5.1)
OT: Destination Wedding
Verleih: Ascot Elite (24 Bilder)
Land/Jahr: USA 2018
Regie: Victor Levin
Darsteller: Keanu Reeves, Winona Ryder, Dj Dallenbach
Kinostart: 02.08.2018

Frank und Lindsay sind wie Hund und Katze. Die beiden treffen sich zufällig am Flughafen, noch nicht ahnend, dass sie beide zur selben Hochzeit eingeladen sind. Und sie haben viele Gemeinsamkeiten: beide hassen die Braut, den Bräutigam und sich selber. Was sie noch nicht wissen: sie werden nicht mehr voneinander lassen können... Welchen Sinn macht es, ein Zwei-Personen-Theaterstück auf die CinemaScope-Bildwand zu bringen? Victor Levins Komödie über zwei Zyniker, die sich nach großen Anlaufschwierigkeiten dann doch noch finden, ist ganz sicher nicht der Stoff, aus dem Filme gemacht werden. Die zumeist statischen Bilder erinnern zu sehr an inszeniertes Theater. Und das lebt natürlich von den Darstellern. Keanu Reeves und Winona Ryder liefern sich hier zwar exzellente Wortgefechte, haben aber außer einem Fick in freier Natur nicht viel anderes zu tun. Die Zwischenräume zwischen zwei Szenen werden mit belanglosen Bildern aufgefüllt, die von noch belangloserer Filmmusik (Stichwort: mexikanische Fahrstuhlmusik) unterlegt sind. DESTINATION WEDDING reiht sich irgendwo zwischen Woody Allen und Eric Rohmer ein, allerdings nicht in deren Qualität. Wer Reeves und Ryder gerne beim gegenseitigen Bekappeln zusieht, kommt sicherlich auf seine Kosten. Wer etwas mehr vom Kino erwartet, wird enttäuscht.
Donnerstag, 05. Juli 2018
Der jüdische Violinist
Für Musikliebhaber war die heutige Pressevorführung Pflichttermin

ITZHAK (1:1.85, 5.1)
OT: Itzhak
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Israel, USA 2017
Regie: Alison Chernick
Darsteller: Itzhak Perlman
Kinostart: 09.08.2018

In seiner 83minütigen Dokumentation porträtiert Filmemacherin Alison Chernick einen der bedeutendsten Violinvirtuosen unserer Zeit – den in die USA immigrierten Israeliten Itzhak Perlman. Unkommentiert zeigt sie Bilder aus seinem Leben, das sich zwischen Konzerten, Tonaufnahmen und Unterrichten dreht. Aber auch sehr persönliche Dinge werden gezeigt: Feiern mit der Familie, traute Zweisamkeit mit seiner Frau und seinem Hund oder ein Treffen mit dem Schauspieler Alan Alda, für den Perlman kocht. Alda erzählt ihm, dass auch er wie Perlman früher an Polio litt. Doch im Gegensatz zu ihm fand bei Perlman keine Heilung statt. Seither sitzt der Musiker im Rollstuhl oder bewegt sich mühsam auf Krücken. Dass ihm seine Violine unglaublichen Spaß macht, erkennt man im Funkeln seiner Augen, wenn er voll in seinem Element ist. Natürlich gibt es in Chernicks Porträt auch jede Menge musikalischer Kostproben, die verdeutlichen, warum Perlman zu den besten seines Faches gehört. Seine Begeisterung für Musik versucht er in seiner eigenen Musikschule seinen Schülern weiterzugeben, ihnen die Augen zu öffnen für Kultur und einen Weg zu zeigen, wie man sein Instrument entdeckt. Denn, so Perlman, ein Instrument oder ein bestimmter Klang schlummert in jedem. Ergänzt werden die zeitgenössischen Bilder durch Archivmaterial, das die Laufbahn des Künstlers nachzeichnet.
Mittwoch, 04. Juli 2018
Rache für die Schwester
Es ist wirklich interessant, welche Art von Filmen das “Kleine Fernsehspiel” in sein Portfolio aufnimmt

IN THE MIDDLE OF THE RIVER (1:1.85, 5.1)
OT: In The Middle Of The River
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: USA, Deutschland 2018
Regie: Damian John Harper
Darsteller: Eric Hunter, Max Thayer, Nikki Lowe
Kinostart: 16.08.2018

Nach dem rätselhaften Tod seiner Schwester kehrt der Irak-Veteran Gabriel nach Hause zurück. Getrieben von dem Gedanken, sein brutaler Großvater habe sie auf dem Gewissen, fasst er den Entschluss, ihn zu töten. Doch seine Pläne werden durchkreuzt... Damian John Harpers Sozialdrama im Thriller-Format ist richtig anstrengend. Das liegt vor allem an den vielen Szenen, die fast ohne Schnitte auskommen und in denen die Kamera die Protagonisten auf Schritt und Tritt begleitet. Das bringt natürlich gewollt Unruhe in die Bilder, die durch ein entsprechendes Sounddesign unterstützt werden. Man muss da schon genau aufpassen, wer da wer ist und in welcher Beziehung die verschiedenen Personen zueinander stehen. Gewalt ist hier ein dominierender Faktor, was den Film zwar ziemlich realistisch wirken lässt, aber für den Zuschauer letztendlich fast schon zu einer Art von Psychoterror wird. Ganz sicher nicht der Film für den entspannten Feierabend.
Dienstag, 03. Juli 2018
Die Leibwächterin und der Biker
Eine Mossad-Agentin, die eine Informantin schützen soll, und ein Motorradfreak, der die Freiheit sucht – das alles im heutigen Presse-Doppel

AUS NÄCHSTER DISTANZ (1:2.35, 5.1)
OT: Shelter
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Deutschland, Israel, Frankreich 2017
Regie: Eran Riklis
Darsteller: Golshifteh Farahani, Neta Riskin, Yehuda Almagor
Kinostart: 09.08.2018

Die israelische Mossad-Agentin Naomi soll die libanesische Informantin Mona, die sich nach einer Gesichtsoperation in einer geheimen Hamburger Wohnung ausruht, beschützen. Während der zwei Wochen kommen sich die beiden Frauen, die zum Spielball politischer Machtinteressen werden, näher... Immer wieder versucht Regisseur Eran Riklis das Publikum auf eine falsche Fährte zu locken. Sei es in Form des Arabers, der von seinem Kiosk aus immer wieder beobachtende Blicke auf Naomi wirft, oder in Form eines Interessenten, der angeblich eine Wohnung besichtigen will, oder in Form des ständig klingelnden Telefons, an dessen anderem Ende sich offensichtlich jemand verwählt hat, usw. Eben falsche Fährten, um die Spannung zu erhöhen. Doch diese Ablenkungsmanöver sind derart leicht als solche zu durchschauen, dass sie fast schon wieder ärgerlich sind. Hinzu kommen ziemlich viele Logikfehler, durch die die Glaubwürdigkeit der Geschichte deutlich abfällt. Und das Ende? Nun, darüber darf man sich den Kopf etwas zermartern. Insgesamt etwas unbefriedigende Kinounterhaltung.

EGAL WAS KOMMT (1:2.35, 5.1)
Verleih: Busch Media Group (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Deutschland 2018
Regie: Christian Vogel
Kinostart: 02.08.2018

Von Einem der auszog, die Freiheit zu finden – so oder ähnlich könnte man Christian Vogels (fast) Alleingang titulieren. Der junge Biker entschließt sich, einmal um die ganze Welt mit seinem Motorrad zu reisen. Dafür lässt er den Job sausen, macht Pause von der Freundin und stürzt sich Hals über Kopf in sein bislang wohl größtes Abenteuer. Die Kamera ist dabei natürlich sein ständiger Begleiter. Denn schließlich soll sich die Mühe ja lohnen und mit einem abendfüllenden Kinofilm belohnt werden. So wandelt der Jungfilmer auf den Spuren des Überraschungshits WEIT, der sich im Eigenverleih zum Publikumsliebling mauserte. Vogel jagt von den USA über Kanada bis nach Alaska, über die Mongolei nach Indien, dann Pakistan, Türkei, Österreich, Spanien und schließlich wieder in die Heimat Deutschland. Und jagen ist das richtige Wort. Denn der Schnitt lässt dem Zuschauer kaum Zeit zum Durchatmen, so schnell wechseln Bilder und Locations in diesem Film. Ein Höllenritt ohne Pause quasi. Das muss man mögen, denn sonst artet es in Stress aus. Etwas überbeansprucht: die Filmmusik, die kaum einmal zur Ruhe kommt und zudem Abschieds- und Wiedersehensszenen emotional überfrachtet. Die vielen Menschen und Helfer, die Vogel während seiner zigtausend Kilometern trifft, werden nur kurz angerissen – “Hello” und “Goodbye” liegen hier verdammt dicht beieinander. Ruhe kehrt nicht einmal ein, wenn Vogel unfallbedingt ein paar Wochen in Indien verweilen muss. Denn jetzt geht der Stress los, um die wichtigen Ersatzteile aus Deutschland möglichst kostengünstig nach Indien einzuführen – eine Aufgabe, bei der Vogels Freundin das Ruder übernimmt. Neben seiner Mutter ist sie die einzige Person, die immer wieder mit Interviewsegmenten eingestreut wird und die Sachlage aus ihrer Sicht schildert. Mit 122 Minuten Spielzeit überstrapaziert der Filmemacher am Ende sein Publikum, das immerhin eine wichtige Erkenntnis mit nach Hause nehmen kann. Denn um die Kinder festzuhalten, so Mama Vogel, muss man sie loslassen.

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