Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Mittwoch, 29. Mai 2019
Von Wunderlampen und fliegenden Teppichen
Ein Nachsitztermin, der sich nicht wirklich lohnte

ALADDIN (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Aladdin
Verleih: Walt Disney
Land/Jahr: USA 2019
Regie: Guy Ritchie
Darsteller: Will Smith, Mena Massoud, Naomi Scott
Kinostart: 23.05.2019

Der kleine Dieb Ali wird von einem Schurken dazu gezwungen, aus einer verborgenen Höhle eine Wunderlampe zu stehlen, die dem Bösen dabei helfen soll, die Macht an sich zu reißen. Stattdessen jedoch behält Ali die lampe für sich selbst als er erkennt, dass darin ein Flachengeist haust, der ihm drei Wünsche erfüllen wird. Ali sieht darin endlich seine Chance, das Herz der schönen Prinzessin Jasmin zu erobern... Mit ALADDIN kommt jetzt nach DIE SCHÖNE UND DAS BIEST die zweite “Real”-Verfilmung eines Disney-Zeichentrickklassikers auf die Kinoleinwand. Wobei das Wort “real” natürlich weder beim ersten noch beim zweiten Film passt, enthalten beide unglaublich viel CGI, dass das Ganze mehr in Richtung computeranimierter Show gerückt wird. Vermochte DIE SCHÖNE UND DAS BIEST hier noch zu überzeugen, gelingt dies ALADDIN nur bedingt. Zwar sind die visuellen Effekte freilich auf höchstem Niveau, doch dasselbe kann von den Darstellern nicht behauptet werden. Deren Charaktere sind derart platt geraten, dass sie Abziehbildern gleichen. Eine Identifikation mit den Protagonisten fällt dadurch extrem schwer, der Film verliert die erhoffte Wirkung. Alleine Will Smith in der Rolle des Flaschengeists Dschinni kann hier noch punkten, insbesondere bei seiner ersten großen Musiknummer, die auch tontechnisch alle Register zieht. Mit der Inszenierung wurde kein Geringerer als Guy Ritchie beauftragt, doch sucht man im Film vergebens nach seiner Handschrift – das hätte jeder andere Regisseur genauso abgeliefert. Fazit: enttäuschendes Märchen aus 1001 Nacht, das vermutlich im englischen Original besser daherkommt als in der eingedeutschten Fassung.
Dienstag, 28. Mai 2019
Musik geht um die Welt
Es war mal wieder an der Zeit zu streamen...

BLOWN AWAY – MUSIC, MILES AND MAGIC (1:1.78, 5.1)
Verleih: Jackhead (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Micha Schulze
Darsteller: Hannes Koch, Ben Schaschek
Kinostart: 23.05.2019

Größer, höher, weiter – private Reisefilme ins Kino zu bringen scheint gerade “in” zu sein. Was mit dem extrem erfolgreichen WEIT angefangen hat und mit Filmen wie REISS AUS oder ALLES WAS KOMMT fortgeführt wurde, findet jetzt in BLOWN AWAY eine neue Superlative. Denn der Segeltörn von Hannes Koch und Ben Schaschek dauerte über vier Jahre. Die beiden Tontechniker waren gerade mit ihrer Ausbildung fertig, als sie die spontane Idee hatten, mit einem Segelboot die Welt zu erkunden und dabei überall talentierte Musiker aufzunehmen. Ihre vierjährige Reise haben die beiden Jungs mit Videokameras dokumentiert – von Australien über Südostasien, Indien, Afrika und Südamerika bis nach Nordamerika. Dort steigt das Duo auf einen alten Schulbus um und fährt via Nashville und Woodstock bis hinauf nach Kanada. Unterwegs begegnen sie interessante Musiker, die letztlich alle ihren Teil zu Songs beitragen, die während dieser langen Reise entstehen. Genau das ist auch der wirklich spannende Teil dieser Doku, deren Reisebeschreibung ansonsten recht bruchstückhaft anmutet. “Wir glauben, dass wir mit unserem Film Menschen inspirieren können, sich auf das Unbekannte einzulassen – sich selbst und Anderen zu vertrauen – das haben wir auch getan und sind als andere Menschen zurückgekehrt..”, so Hannes Koch zusammenfassend zu ihrem Projekt. Mit knapp zwei Stunden Spielzeit zieht sich der von Micha Schulze geschnittene Film leider etwas in die Länge. Empfehlenswert insbesondere für Menschen mit Fernweh.

Donnerstag, 23. Mai 2019
Zombies auf dem Fußballfeld
Zum Wochenausklang ein in Bezug auf die Zusammenstellung interessantes Double Feature

TONI KROOS (1:2.35, 5.1)
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Dr. Manfred Oldenburg
Darsteller: Toni Kroos
Kinostart: 04.07.2019

Regisseur Manfred Oldenburg porträtiert in seinem Dokumentarfilm den Werdegang des Ausnahmefußballspielers Toni Kroos. Unkommentiert überlässt er die Charakterisierung Weggefährten von Kroos wie Trainer, Spieler, Bruder, Eltern und lässt natürlich auch den Meister selbst zu Wort kommen. Mit seiner Länge von 113 Minuten eignet sich der Film ausschließlich für Fanboys des Spielers sowie für Fußballfans allgemein. Wer nichts mit Fußball am Hut hat, dem könnte das Saubermann-Porträt allerdings auf die Nerven gehen.

THE DEAD DON’T DIE (1:1.85, 5.1)
OT: The Dead Don’t Die
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA, Schweden 2019
Regie: Jim Jarmusch
Darsteller: Bill Murray, Adam Driver, Chloë Sevigny
Kinostart: 13.06.2019

Ein kleines, verschlafenes Dorf irgendwo in Amerika wird unversehens mit einer Zombie-Apokalypse konfrontiert. “Das nimmt alles ein böses Ende”, sagt der Hilfssheriff Ronald Peterson (Adam Driver) zu seinem Boss Clifford Robertson (Bill Murray), worauf der fragt “Woher weißt Du das?” – “Ich habe das Drehbuch gelesen!” antwortet der Hilfssheriff. Das ist einer von viel zu wenigen Gags in Jim Jarmuschs Zombie-Komödie, die im Juni vor allem Arthouse-Publikum ansprechen will. Inhaltlich gibt der Film nicht viel her. Da geht es mehr um die skurrilen Typen, die sich in einem winzig kleinen Kaff in den USA einer Zombie-Invasion stellen müssen. Jarmusch flicht jede Menge Referenzen zu anderen (Zombie)Filmen ein, was speziell Filmfans gefallen dürfte. Auch die Besetzung ist klasse, insbesondere Bill Murray in gewohnt trübseliger Laune. Leider hat man nach etwa der Hälfte des Films Jarmuschs Prinzip verstanden und hofft auf eine Weiterentwicklung. Doch die bleibt aus. Der Film dreht sich im Kreis und schürt Erwartungen, die einfach nicht erfüllt werden. Trotzdem: THE DEAD DON’T DIE ist kein schlechter Film (er hätte aber viel besser werden können), hebt er sich doch wohltuend vom ermüdenden Mainstream ab.
Freitag, 17. Mai 2019
I‘m still Standing
Ein Musiker-Biopic hat mich heute in seinen Bann geschlagen

ROCKETMAN (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Rocketman
Verleih: Paramount
Land/Jahr: Großbritannien, USA 2019
Regie: Dexter Fletcher
Darsteller: Taron Egerton, Jamie Bell, Bryce Dallas Howard
Kinostart: 30.05.2019

Ein Mensch im Dämonengewand samt Hörnern auf dem Kopf schreitet einen langen Flur entlang, geht in ein großes Zimmer, setzt sich auf einen noch freien der im Kreis aufgestellten Stühle und beginnt aus seinem Leben zu erzählen. Es ist Elton John – alkoholkrank, drogensüchtig, sexgierig. Er steht an einem Wendepunkt in seinem Leben, das er nach und nach in der Gruppentherapie vor den Anderen ausbreitet. Als musikalisches Frühtalent in einem Elternhaus aufgewachsen, das ihm die notwendige Liebe nie zukommen lässt, muss er schon von klein an seinen ganz eigenen Weg gehen – einen Weg voller Höhen und noch mehr Tiefen... Nach BOHEMIAN RHAPSODY, der die Lebensgeschichte des Freddie Mercury nacherzählte, kommt mit Dexter Fletchers ROCKETMAN die nächste Musikerbiographie auf die Leinwand. Während im Freddie Mercury Biopic die Musiknummern von Queen ausschließlich als separate Musikeinlagen integriert wurden, wählte Fletcher einen anderen Ansatz. Denn sein Biopic über Musikerlegende Elton John ist tatsächlich ein Musical. Viele der eingängigen Songs des britischen Künstlers werden (ähnlich wie in MOULIN ROUGE) zu wesentlichen Bestandteilen der erzählten Geschichte, unterstützen und kommentieren diese. Entstanden sind dabei einige vorzügliche Musicalnummern, die in Choreographie und Musikdarbietung keine Wünsche offen lassen. Diese Musik geht in die Beine! Auch was den Gesang angeht, hat man in ROCKETMAN eine anderen Weg eingeschlagen. Während in BOHEMIAN RHAPSODY immer Freddie Mercury selbst auf der Tonspur zu hören ist, singt Taron Egerton in der Rolle des Elton John alle Lieder selbst. Und nicht nur das – auch sind dadurch Duette und sogar Quartette möglich. Mit 122 Minuten keineswegs zu lang geraten, unterhält der Film von der ersten bis zur letzten Sekunde auf höchstem Niveau und lässt Elton Johns bewegtes Leben einmal Revue passieren – von frühester Kindheit bis hin zu seiner Entlassung aus der Entzugsanstalt, die der Film konsequent mit “I’m Still Standing” zelebriert. Taron Egertons Darstellung des jungen Elton überzeugt restlos und man kann die Oscar-Nominierung schon förmlich riechen. Überzeugend auch die Dolby Atmos Tonmischung, die speziell bei den Musikeinlagen ihr gesamtes Potenzial ausspielen kann. ROCKETMAN sollte unbedingt in einem tontechnisch herausragenden Kinosaal konsumiert werden! Der von Sir Elton John persönlich produzierte Film ist großes Kino: emotional, bewegend, begeisternd!
Montag, 13. Mai 2019
Beim nächsten Geräusch bist Du tot!
Die erste und einzige Pressevorführung in dieser Woche brachte mich mit tödlichen Wesen zusammen

THE SILENCE (1:2.35, 5.1)
OT: The Silence
Verleih: Constantin
Land/Jahr: USA, Deutschland 2019
Regie: John R. Leonetti
Darsteller: Kiernan Shipka, Stanley Tucci, Miranda Otto
Kinostart: 16.05.2019

Als Forscher eine noch unentdeckte Kammer eines Höhlenlabyrinths freilegen, treten extrem tödliche Flugwesen ans Tageslicht, die sich über weite Teil des amerikanischen Kontinents hermachen und Menschen töten. Schnell ist klar, dass die fledermausartigen Wesen nichts sehen, sondern nur hören können. Wer ein Geräusch erzeugt, ist dem Tode geweiht. Hugh versucht mit seiner Familie an einen sicheren Ort zu fliehen, doch die garstigen Biester lauern überall. Der Überlebenskampf nimmt seinen Lauf... Der vom renommierten Kameramann John R. Leonetti inszenierte Horrorfilm mutet wie der Pilotfilm zu einer projektierten Serie an. Dass Netflix als Koproduzent mit an Bord war und die ganze Sache genau 90 Minuten dauert, unterstreicht dieses Gefühl. THE SILENCE hat durchaus seine kleinen Momente, in denen mit wenigen Mitteln Spannung erzeugt wird. Allerdings gibt es in der Geschichte etliche Logikfehler, die dem geneigten Horrorfan den Genuss des Werks etwas verdirbt. Um nur ein Beispiel zu nennen: wenn über sämtliche Medien hinausposaunt wird, dass man keine Geräusche erzeugen soll, wenn man überleben möchte, warum fahren dann ausgerechnet die Polizeiautos mit ohrenbetäubendem Alarmsignal durch die Gegend? Inspiriert wurde der Film ganz offensichtlich vom recht erfolgreichen A QUIET PLACE und dem Klassiker DIE VÖGEL. Wer die Vorbilder kennt, der muss sich Leonettis Film nicht unbedingt anschauen. Wer damit noch keine Berührung hatte, dem könnte der Film vielleicht zu der ein oder anderen Schrecksekunde verhelfen. Negativ fällt allerdings die deutsche Synchro auf, die von bescheidener Tonqualität ist und damit suggeriert, dass billigst hergestellt wurde. Echtes Kino-Grusel-Feeling geht anders.
Freitag, 10. Mai 2019
Wo die Liebe mit der Politik spielt
Ist es politisch korrekt, wenn sich eine Staatssekretärin in ihren Redenschreiber verliebt? Die Antwort gab es in der heutigen Pressevorführung

LONG SHOT – UNWAHRSCHEINLICH, ABER NICHT MÖGLICH (1:2.35, DD 5.1 + Atmos)
OT: Long Shot
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: USA 2019
Regie: Jonathan Levine
Darsteller: Seth Rogen, Charlize Theron, Alexander Skarsgård, Andy Serkis
Kinostart: 20.06.2019

Gerade hat er seinen Job als Investigativjournalist verloren und will auf einer Party dem Alkohol frönen, als Fred seine Jugendliebe entdeckt: Charlotte, die ihn als Babysitterin betreute, ist inzwischen Staatssekretärin mit Ambitionen auf das Präsidentenamt. Der Zufall will es, dass Charlotte gerade einen fähigen Redenschreiber sucht, der möglichst viel Witz in die Reden packt – und bietet Fred entgegen allen Bedenken ihrer Berater den Job an. Der schlägt begeistert ein, kann er doch so immer in der Nähe der Angebeteten sein. Und tatsächlich kommen sich die beiden während einer Politi-Tournee näher... In seinen romantischen Szenen könnte die von Jonathan Levine inszenierte Liebeskomödie so etwas sein wie ein Gegenentwurf zu HALLO, MR. PRESIDENT, in de es um eine Affäre zwischen dem amerikanischen Präsidenten und einer Lobbyistin geht. In Levins Film ändern sich die Geschlechter: satt eines Präsidenten ist es eine Präsidentschaftskandidation, statt einer Lobbyistin ein Journalist. Das hätte durchaus alles perfekt harmonieren können, würde der Lobbyist nicht ausgerechnet von Seth Rogen gespielt. Hört man seinen Namen, weiß man eigentlich schon, was einen erwartet: die Gags zielen bevorzugt unter die Gürtellinie. Man gewinnt fast schon den Eindruck, dass sich die Amis darin gefallen, unverblümt das F-Wort aussprechen zu dürfen und auch vor bösen Worten wie Masturbation und Ejakulation nicht Halt machen zu müssen. Weil man das ja alles in einer Komödie sagen darf, weil es dann lustig ist. Das Gegenteil ist der Fall. Aber vielleicht sieht man das in einem aufgeklärten Land wie Europa einfach komplett anders als im verklemmten Amerika. Außer den erwähnten Anzüglichkeiten versucht sich der Film mit Wortwitzen über die US-Filmindustrie. Aber auch die sind eigentlich nur halbgar und ringen dem Zuschauer nur ein müdes Lächeln ab. Auch Andy Serkis‘ Auftritt als raffgieriger Medienmogul hält das Schiff nicht vom Untergehen ab. Schade um die 125 Filmminuten, die gut und gerne auf 80 Minuten hätten getrimmt werden können.
Donnerstag, 09. Mai 2019
Von Fußball und Gefährten
Gemischtes Doppel heute in der Presse

BRITT-MARIE WAR HIER (1:2.35, 5.1)
OT: Britt-Marie Var Här
Verleih: Prokino (Studiocanal)
Land/Jahr: Schweden 2019
Regie: Tuva Novotny
Darsteller: Pernilla August, Peter Haber, Anders Mossling
Kinostart: 13.06.2019

Britt-Marie ist 63 und hat die Schnauze voll. Zeitlebens hat sie geschruppt, Fenster geputzt, Besteck in die Schublade einsortiert und gekocht, um ihrem schwer arbeitenden Mann ein schönes Zuhause zu bieten. Als ihr Gatte nach einer Herzattacke im Krankenhaus liegt und ihm eine jüngere Frau mit praller Oberweite zur Seite sitzt, weiß sie endlich, von wem das Parfüm auf den Hemden ihres Gemahls stammt. Sie packt die Koffer, legt den Ehering ab und verschwindet in ein Kaff, in dem sie eine Stelle als Jugendbetreuerin antritt. Doch davon hat sie ebenso wenig Ahnung wie von Fußball. Aber ausgerechnet sie soll als Coach die Kinderfußballmannschaft des Örtchens zum Sieg führen... Tuva Novotnys Romanverfilmung überzeugt leider nicht ganz. Zu sehr überwiegt hier das Gefühl, dass die Geschichte nach vordefiniertem Muster zusammengenäht wurde. Das Drehbuch gibt sich nicht einmal die Mühe, etwas zu hinterfragen, sondern bedient offenbar nur die Erwartungshaltung des Zuschauers. Die Gedanken der Protagonistin, die immer wieder kommentierend aus dem Off zu hören sind, könnten ein Indiz dafür sein, dass die Romanvorlage stark vom Innenleben der Hauptfigur lebt. Das zu verfilmen stellt gewiss eine Herausforderung dar, aber keine, die nicht gelöst werden könnte. Im vorliegenden Fall ist das allerdings nicht sonderlich gut geglückt.

TOLKIEN (1:2.35, 5.1)
OT: Tolkien
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2019
Regie: Dome Karukoski
Darsteller: Nicholas Hoult, Lily Collins, Colm Meaney
Kinostart: 20.06.2019

Schon früh verlieren die beiden Tolkien-Brüder ihre Eltern und werden in die Obhut einer alten Dame im englischen Birmingham gegeben. Der ältere von ihnen, J.R.R., findet nach anfänglichen Schwierigkeiten gute Freunde an der dortigen Schule. Gemeinsam gründen sie einen geheimen Club, T.C.B.S., in dem sie sich bei Gesprächen gegenseitig inspirieren – ob in der Kunst oder in der Liebe. Es ist der Vorabend des Ersten Weltkriegs... Auf sehr bewegende Art und Weise beleuchtet Regisseur Dome Karukoski (TOM OF FINLAND) den Werdegang von J.R.R. Tolkien, dem Schöpfer der “Herr der Ringe”-Fantasyromane. Während Tolkien im Ersten Weltkrieg im Schützengraben verzweifelt nach seinem besten Freund sucht, holen ihn seine Erinnerungen ein: an die “Gefährten”, mit denen er während des Studiums einen geheimen Club gründete, in dem über Gott und die Welt, aber insbesondere über die Künste debattiert wurde und an seine große Liebe Edith, die ein jähes Ende zu nehmen drohte. In beeindruckenden Bildern (Kamera: Lasse Frank Johannessen) entwirft Karukoski den Nährboden für Tolkiens Jahre später folgende Fantasy-Romane: die grausamen Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. Als Sahnehäubchen im Film erweist sich einmal mehr Thomas Newmans Score, der in perfekt unaufdringlicher Weise musikalisch Gefühle sprechen lässt.
Dienstag, 07. Mai 2019
Gut behütet dem Untergang entgegen
Auf faszinierende Weise vom drohenden Untergang erzählen – nicht jedem Film gelingt das. Dem heutigen allerdings schon.

SUNSET (1:1.85, DD 5.1)
OT: Napszállta
Verleih: MFA (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Ungarn, Frankreich 2018
Regie: Laszlo Nemes
Darsteller: Juli Jakab, Vlad Ivanov, Susanne Wuest
Kinostart: 13.06.2019

1913 kommt die schüchtern wirkende Iris Leiter nach Budapest in der Hoffnung, im berühmten Hutmachergeschäft ihrer verstorbenen Eltern eine Stelle antreten zu können. Doch ihre Hoffnungen werden enttäuscht. Stattdessen erfährt sie, dass sie angeblich noch einen Bruder hat, der unlängst eine Bluttat verübt haben soll und seither untergetaucht ist. Für Iris wird es zur fixen Idee, ihren unbekannten Bruder zu finden. Dabei kommt sie einem Geheimnis auf die Spur, das sie bis in höchste Kreise der österreichisch-ungarischen Gesellschaft führt... Regisseur Laszlo Nemes, der für SON OF SAUL mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, räumt in seinem neuen Film mit liebgewonnenen Sehgewohnheiten auf. Fast ständig ist die Kamera in Bewegung, folgt der Protagonistin auf Schritt und Tritt und schaut ihr dabei stets in den wunderschönen Nacken. Es gibt keine digitalen Effekte und gedreht wurde auf Negativfilm (teilweise sogar auf 65mm). “Mein Ziel war es immer, neue Wege zu finden, wie ich dem Publikum eine subjektive Erfahrung von Ungewissheit und Zerbrechlichkeit vermitteln kann”, kommentiert Nemes. “Ich finde die Standardisierung von Film und Fernsehen zweifelhaft und ich bleibe entschlossen, neue Wege zu finden, Bilder und Geschichten zu erzählen. Dabei verlasse ich mich nicht auf Methoden, die eine Geschichte übererzählen und alles in einen übergeordneten Kontext bringen müssen. Das heißt auch, dass ich Risiken eingehe. Ich habe das Gefühl, die Erfahrungen, die das Publikum heutzutage im Kino macht, werden zunehmend unbefriedigender. Filme werden, um ein leichteres Verständnis zu gewährleisten, auf eine industrialisierte Sprache reduziert, wobei die eigene innere Reise des Zuschauers komplett ignoriert wird. Filme weigern sich, dem Publikum zu vertrauen. Ich habe SUNSET auf eine Art inszeniert, die auf diejenigen seltsam wirken wird, die die gängige Filmpraxis begeistert annehmen. Aber ich wollte, dass die Zuschauer sich auch wieder auf das abenteuerliche Wesen von Film einlassen können.” – Zu den flirrenden Bildern, die den Film prägen, gesellt sich ein ebenso flirrendes Sounddesign, das seine Geräusche und Sprachen auf alle fünf Tonkanäle verteilt und damit akustisch immersives Kino generiert (Anmerkung: Dolby Atmos würde dem Film gut bekommen!). Für seinen Film ließ Nemes dreidimensionale Sets bauen und verzichtete auf Green Screens. Dadurch entwickelt der Film eine ungeheure Sogkraft. Mit 142 Minuten Spielzeit wird dies allerdings zum Ende hin doch recht ermüdend. Auch dürfte sich Nemes‘ Anliegen, das er mit seinem Film bezweckt, nicht allen Zuschauern erschließen. Der Regisseur sagt dazu: “Vor einem Jahrhundert beging Europa, als es auf seinem Zenit stand, Selbstmord. Dieser Selbstmord bleibt für mich bis heute ein Rätsel. Es ist, als würde eine Gesellschaft, die auf ihrem Höhepunkt steht, bereits das Gift produzieren, das sie zu Fall bringt. Die Beschäftigung mit diesem Rätsel wurde zum Herzstück des Films. SUNSET spielt vor dem Ersten Weltkrieg in der Zeit der Habsburger Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, einem scheinbar prosperierenden Vielvölkerstaat mit einem Dutzend verschiedener Sprachen und vielen Menschen, mit ihren blühenden Hauptstädten Wien und Budapest, den kulturellen Zentren der Welt. Dennoch bildet dies alles nur den glanzvollen Vordergrund für verborgene Kräfte, die in Wahrheit dabei sind, das Reich zu zerstören. Ich glaube, wir leben in einer Welt, die nicht viel anders ist, als die kurz vor dem Ersten Weltkrieg 1914. Es ist eine Welt, die so gut wie blind für die Kräfte der Zerstörung ist, die sie selbst aus ihrem Inneren heraus nährt. Wir sind nicht weit entfernt von den Vorgängen, wie sie in der österreichisch-ungarischen Monarchie stattgefunden haben. Geschichte passiert jetzt, und zwar in Mitteleuropa.” – Wer den Kinobesuch nicht scheut, der wird mit einem intensiven, nachhaltig wirkenden Erlebnis belohnt
Donnerstag, 02. Mai 2019
Ein Arzt fühlt sich schuldig
Schuld, Verantwortung, Ehre, Gewissen und Trauer – große Themen in einem großartigen Film

EINE MORALISCHE ENTSCHEIDUNG (1:1.85, 5.1)
OT: Bedoone Tarikh, Bedoone Emza
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Iran 2017
Regie: Vahid Jalilvand
Darsteller: Navid Mohammadzadeh, Amir Aghaee
Kinostart: 20.06.2019

Der Gerichtsmediziner Kaveh Nariman rammt bei einem nächtlichen Verkehrsunfall das Motorrad einer vierköpfigen Familie, dessen achtjähriger Sohn dabei eine leichte Kopfverletzung erleidet. Nariman bittet den Vater eindringlich, den Sohn im Krankenhaus untersuchen zu lassen. Am nächsten Morgen liegt der Leichnam des Jungen auf dem Seziertisch zur Autopsie. Nariman glaubt schuld am Tod des Jungen zu haben, schweigt aber. Seine Kollegin diagnostiziert bei der Autopsie eine Lebensmittelvergiftung als Todesursache. Während Nariman Zweifel an der Diagnose quälen, sinnt der Vater des Jungen auf Rache... Mit seinem spannenden und zutiefst menschlichen Film beweist Regisseur Vahid Jalilvand auf hervorragende Weise, dass das iranische Kino längst keine Randerscheinung mehr darstellt. Mit seinen farbentsätigten Bildern, den überzeugenden Darstellern, dem Verzicht auf suggestive Filmmusik sowie einem Drehbuch, das es sich alles andere als leicht macht, ist EINE MORALISCHE ENTSCHEIDUNG perfektes Arthouse-Kino für anspruchsvolle Zuschauer. Antworten auf die drängenden Fragen gibt der Film nicht. Vieles bleibt am Ende offen – so wie im wahren Leben. Jalilvands Film lädt zur Diskussion ein.

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