Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

Wolfram Hannemann | Talstr. 11 | D-70825 Korntal | Germany | Phone: +49 (0) 711 838 06 49 | Fax: +49 (0) 711 8 38 05 18
e-mail: info (at) wolframhannemann.de

Home      Referenzen      Filmblog      Videoproduktion    Jugendschutzbeauftragter      Impressum
Filmblog Aktuell           Filmblog-Archiv           Filmtitel-Index
Freitag, 28. Februar 2020
Irrungen und Wirrungen
Die einzige Pressevorführung in dieser Woche – dafür aber eine besonders schöne

EMMA (1:1.85, DD 5.1)
OT: Emma
Verleih: Universal
Land/Jahr: Großbritannien 2020
Regie: Autumn de Wilde
Darsteller: Anya Taylor-Joy, Josh O'Connor, Mia Goth, Bill Nighy
Kinostart: 05.03.2020

Die wohlhabende, unabhängige und gut aussehende Emma Woodhouse spielt für ihr Leben gerne Heiratsvermittlerin, ohne je selbst an eine Bindung zu denken. Derart vertieft ist sie in ihre Anbahnungsaktivitäten, dass sie gar nicht bemerkt, dass sie selbst für eine Liaison auserkoren wurde – von ihrem langjährigen Freund Knightley... Jane Austen ist nicht totzukriegen. Warum sollte sie auch? Ihre Werke geben auch heute noch verdammt gute Filmstoffe ab, wie Autumn de Wildes Neuverfilmung von EMMA unter Beweis stellt. Das höchst amüsante Sittengemälde, das den vier Jahreszeiten folgt, ist bis in kleinste Nebenrollen perfekt besetzt, meisterhaft fotografiert (Christopher Blauvelt) und mit einer sehr ungewöhnlichen, aber exquisiten Musik ausstaffiert (David Schweitzer und Isobel Waller-Bridge). Dank pointierter, feingeschliffener Dialoge, vorgetragen von einem göttlichen Ensemble, vergehen die 125 Filmminuten wie im Flug. Für Filmgourmets ein absolutes Muss!
Donnerstag, 27. Februar 2020
Lieber den Spatz in der Hand...
...als die Taube auf dem Dach? Oder doch andersherum? Die heutige Dokumentation könnte als Entscheidungshilfe dienen

HÖHENFLÜGE (1:2.35, 5.1)
Verleih: tba
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Lena Leonhardt
Kinostart: 11.03.2020

“Ganz oben ist nur Platz für Wenige”, weiß Andreas Drapa zu berichten. Als Fliesenleger hat der Schwabe aus Pforzheim angefangen, jetzt ist er der erfolgreichste und wohlhabendste Taubenzüchter Deutschlands und damit Geschäftspartner der Reichen in aller Welt. Das aber reicht dem korpulenten Unternehmer längst nicht mehr. Schneller, höher, weiter lautet die Devise. “Ich heule lieber mit den Wölfen als mich von ihnen fressen zu lassen!”. Klare Kante. In Lena Leonhardts optisch (sogar im Kinoformat!) und akustisch hervorragend gestalteten Dokumentation nimmt Drapa natürlich den größten Platz ein. Seinen Ausführungen zum Sein oder Nichtsein – stets vorgetragen mit schwäbischem Einschlag – lauscht man nur allzu gerne, allerdings nicht ohne ein gewisses Maß an Amüsement und Mitleid. Möchte man mit ihm tauschen? Eher nicht, hält er doch nichts von Freundschaften, was ihn eigentlich zu einem sehr einsamen Menschen macht. Was seine Frau und sein Sohn von all dem halten, erfährt man im Film leider nicht. Dafür widmet sich die Filmemacherin noch zwei weiteren Taubenzüchtern, die quasi den Gegenpol zu Drapa darstellen. Sie sind zufrieden mit dem, was sie haben. Während Drapa an exotischen Schauplätzen wie Dubai oder Beijing agiert, wo mit Brieftauben millionenschwere Wettgeschäfte ablaufen, erfreuen sich die anderen in deutschen Landen am Brieftaubenzüchten und dem Brieftaubensport, der für sie so etwas wie eine Therapie darstellt. In ihrem Film hält die Regisseurin damit der globalisierten Weltwirtschaft mit all ihren dubiosen Spielregeln einen Spiegel vor. Die zwei Seiten der vielen Medaillen – der Film zeigt sie alle.

Mittwoch, 26. Februar 2020
Was hast Du im Krieg gemacht, Opa?
Eine Dokumentation am Aschermittwoch

DER KRIEG IN MIR (1:1.78, 5.1)
Verleih: Filmdisposition Wessel
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Sebastian Heinzel
Kinostart: 05.03.2020

Ausgangspunkt für Sebastian Heinzels Dokumentarfilme sind seine Träume. Warum träumt er vom Krieg und wacht schweißgebadet daraus auf, wo er doch nie selbst im Krieg war? Den Krieg kennt er eigentlich nur aus den Erzählungen seiner beiden Großväter. Und viel haben die nicht erzählt. Nicht einmal seinem Vater. Heinzel macht sich auf die Spurensuche, oft begleitet von seinem Vater, der zunehmend Interesse an der Vergangenheit seines eigenen Vaters zeigt. Sebastian Heinzel dokumentiert in seinem Film die gemeinsame Reise nach Weißrussland, wo Sebastians Großvater im Krieg gekämpft hat. Gleichzeitig versucht Heinzel, seine Kriegsträume auf wissenschaftliche Weise zu erklären. Epigenetik lautet hier das Schlüsselwort. Denn neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass extreme Stresserfahrungen genetisch weitervererbt werden können. Hierfür holt der Filmemacher unter anderem einen französische Wissenschaftlerin vor seine Kamera, die anhand von Mäuseexperimenten diese Theorie untermauern kann. Entstanden ist mit DER KRIEG IN MIR zwar ein sehr persönlicher Film, dessen Botschaft jedoch stellvertretend für die gesamte Kriegsenkelgeneration steht: Knoten in der eigenen Familiengeschichte lassen sich lösen und ermöglichen damit Versöhnung und Heilung zwischen den Generationen. Sehenswert.

Dienstag, 25. Februar 2020
Echtes Wildleder
Passend zum Faschingsdienstag gab es heute reichlich Skurriles

MONSIEUR KILLERSTYLE (1:1.85, 5.1)
OT: Le Daim
Verleih: Koch Films (Central)
Land/Jahr: Frankreich 2019
Regie: Quentin Dupieux
Darsteller: Jean Dujardin, Adèle Haenel, Albert Delpy
Kinostart: tba

Ein Mann gibt sein letztes Barvermögen für eine gebrauchte Wildlederjacke aus und zieht sich in ein abgeschiedenes Hotel zurück. Dort beginnt er mit seiner Jacke zu sprechen, gibt sich alsbald als Filmemacher aus und verfolgt einen perfiden Plan: er möchte der einzige Mensch auf Erden sein, der eine Jacke trägt. Koste es was es wolle...Wenn sich ein Mann mit seiner 100 Prozent Wildlederjacke unterhält, dann kann es nur eines bedeuten: wir befinden uns in einem Film von Quentin Dupieux. In kontrastarmen, farbentsättigten Bildern bringt Frankreichs Wunderkind sein neuestes Werk ins Kino. Seltsam, skurril, abartig. Dafür ist Dupieux Spezialist. Was er leider nicht so sehr beherrscht ist das Timing. Wie schon DIE WACHE so bringt es auch MONSIEUR KILLERSTYLE auf gerade einmal knapp 80 Minuten Spielzeit – und trotzdem ergehen sich beide Film ab einem gewissen Punkt in Langeweile. Ein sicheres Indiz dafür, dass Dupieux in beiden Fällen besser Kurzfilme gemacht hätte. Trotzdem natürlich “Chapeau!” für die andersartigen Filmideen.
Dienstag, 11. Februar 2020
Zweimal um die Welt
Die Welle persönlicher Reise-Dokus reisst nicht ab. Heute gleich im Doppelpack.

SOMEWHERE ELSE TOGETHER (1:1.78, 5.1)
Verleih: Open-Explorers (Camino)
Land/Jahr: Deutschland 2020
Regie: Daniel Rintz
Kinostart: 13.02.2020

Ihr Ziel: von Nordamerika aus bis zur südlichsten Stadt Südamerikas mit dem Motorrad reisen. Daniel und seine Partnerin Josephine haben sich ganz schön viel vorgenommen auf ihrem Selbstfindungstrip durch den amerikanischen Kontinent. Und weil das abenteuerliche Reisen süchtig macht, nehmen die beiden im Anschluss Afrika noch gleich mit! Die anstrengenden drei Jahre haben sie jetzt in einem knapp zweistündigen Film zusammengefasst. Gelungen sind ihnen dabei faszinierende Bilder, die zum Schwelgen einladen. Leider gelingt das Schwelgen aber recht selten, da der Film derart schnell geschnitten ist, dass man schon beim Zuschauen völlig außer Atem kommt. Das kommt fast schon einer Reizüberflutung gleich, mit der vielleicht noch Teens und Twens Schritt halten können, ältere Semester aber vermutlich komplett überfordert werden. Man fragt sich spontan, warum man mit einem solchen Tempo um die Welt jagen muss. Aber ist wahrscheinlich in der Biker-Natur begründet, die einfach nicht auf Rast programmiert ist. Wenn die Abenteurer tatsächlich rasten, dann liegt es eigentlich immer nur an der Technik, die versagt. Das Crowd-Funding-Projekt SOMEWHERE ELSE TOGETHER fügt sich nahtlos ein in die schier endlose Zahl persönlicher Reise-Dokus, die mit dem Überraschungserfolg WEIT ins Leben gerufen wurde. Für Abenteuersuchende und Reisewillige allemal interessant, für “Couch Potatoes” weniger empfehlenswert.

BESSER WELT ALS NIE (1:2.35, 5.1)
Verleih: Kailing Film (24 Bilder)
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Dennis Kailing
Kinostart: 13.02.2020

43600 Kilometer per Fahrrad um die Welt – geht das? Und ob. In seinem fast zweistündigen Film dokumentiert Dennis Kailing seine Reise per Zweirad mit Muskelkraft von Deutschland über Asien bis nach Australien und weiter nach Nord- und Südamerika. Zweieinhalb Jahre hat er sich dafür Zeit gelassen und liefert den Beweis dafür, dass es nicht immer nur einem Motorrad oder Kleinbus bedarf, um die Welt zu erkunden. Kailings Leistung kann man einfach nur Respekt zollen. Wie der Tatsache, dass der junge Mann dabei auch noch einen ebenso ansehnlichen wie unterhaltsamen Film im Kinoformat abgeliefert hat. Kailing beweist dabei ein gutes Gespür für das richtige Tempo und überfordert dadurch den Zuschauer nicht mit einer immensen Bilderflut. Obendrein gibt es dazu sogar noch einen passenden Score, der das professionelle Erscheinungsbild der Reise-Doku komplettiert. Ein Film für alle, die davon träumen wegzufahren um anzukommen.



Donnerstag, 06. Februar 2020
Frauenpower
Fakt und Fiktion: eine wahre Geschichte aus Hollywood und ein Märchen aus dem DC Comics Universum

JEAN SEBERG – AGAINST ALL ENEMIES (1:2.35, 5.1)
OT: Seberg
Verleih: Prokino (Studiocanal)
Land/Jahr: USA, Großbritannien 2019
Regie: Benedict Andrews
Darsteller: Kristen Stewart, Jack O'Connell, Anthony Mackie
Kinostart: 17.09.2020

Als die angesagte amerikanische Filmschauspielerin Jean Seberg offen Sympathie für die Black Panther Bewegung und deren Anliegen zeigt und sogar eine Affäre mit dem schwarzen Aktivisten Hakim Jamal beginnt, gerät sie ins Visier des FBI – mit schwerwiegenden Folgen... Mit seinem Schwarzweißfilm AUSSER ATEM machte sie Regisseur Jean-Luc Godard über Nacht zur Stilikone der “Nouvelle Vague”: Jean Seberg, die 1979 bei einem bis heute nicht aufgeklärten Autounfall starb. Sie wurde gerade einmal 40 Jahre alt. In seinem Filmdrama beleuchtet Benedict Andrews ein dunkles Kapitel im Leben der Schauspielerin, in dem sie Ende der 1960er-Jahre zur Zielperson von Edgar Hoovers FBI Schergen wurde und sie für Jahre zu Unrecht brandmarkte. Symbolisch dafür steht die Eingangsszene in Andrews‘ Film, der die Dreharbeiten zu Otto Premingers DIE HEILIGE JOHANNA, während der sie um ein Haar verbrannt wäre. Verkörpert wird die 60er-Jahre Schönheit von Kristen Stewart, bei der nicht nur der prägende, fetzige Kurzhaarschnitt ein Hingucker sind, sondern auch ihre wunderschönen Augen. Stewart ist wie geschaffen für diese Rolle einer emanzipierten Frau, die langsam aber sicher in eine Paranoia driftet, die von den unschönen Abhörmethoden des FBI ausgelöst wird. Ob Bikini, Abendkleid oder Hot Pants – Stewart macht der Stilikone Jean Seberg alle Ehre. Aufgenommen auf 35mm Negativfilm im CinemaScope-Format, kleidet Kamerafrau Rachel Morrison ihre Bilder in vorzügliches Zeitkolorit, unterstützt von einem jazzig angehauchten Score von Jed Kurzel. Ein Film, der sich nicht nur für Fans von Jean Seberg oder Kristen Stewart lohnt.

BIRDS OF PREY: THE EMANCIPATION OF HARLEY QUINN (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Birds Of Prey: And The Fantabulous Emancipation Of One Harley Quinn
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2020
Regie: Cathy Yan
Darsteller: Margot Robbie, Mary Elizabeth Winstead, Ewan McGregor
Kinostart: 06.02.2020

Um ihrem Kummer über die zerbrochene Beziehung zum “Joker” Luft zu verschaffen, stürzt sich Goth-Girl Harley Quinn Hals über Kopf in die Suche nach einen Diamanten, der geheime Informationen über den Verbleib von Mafia-Geldern enthält. Doch Blondzöpfchen Harley ist nicht die Einzige, die Interesse an dem Stein hat... Mit BIRDS OF PREY kehrt Margot Robbie in ihrer bislang körperbetontesten Rolle auf die große Leinwand zurück: als die durchgeknallte “Ex” des Jokers – Harley Quinn. In ihrer Figur, die sie zum ersten Mal in SUICIDE SQUAD spielte, spiegeln sich Komik und Tragik sowohl nach innen wie nach außen wider. Und diese Frau hat echten Wumms! In wunderbar choreographierten Fights darf sie der Männerwelt von Gotham kräftig zwischen die Eier treten. Ihr zur Seite stehen drei weitere toughe Mädels, die Gothams testosterongetränkte Bevölkerung aufmischen. Matthew Libatiques neonfarbene CinemaScope-Bilder kreieren den passenden Look für die actionreiche DC Comics Verfilmung, die mit einer sehr dynamische Tonspur auftrumpfen darf – hier gibt es speziell in “Dolby Atmos”-Häusern was auf die Ohren! BIRDS OF PREY – das ist zwar “Style over Substance”, aber trotzdem irgendwie cool. Kopfschütteln bereitet allerdings einmal mehr die Altersfreigabe. Wenn das, was hier an Gewalt gezeigt wird, bereits ab 16 freigegeben ist, dann will man gar nicht wissen, was einen in einem Film ab 18 Jahren erwartet!
Dienstag, 04. Februar 2020
Fern der Heimat
Eine Jugendfreundschaft und ein Vater-Tochter-Konflikt beherrschten heute meinen Filmkonsum

ZU WEIT WEG – ABER FREUNDE FÜR IMMER! (1:2.35, 5.1)
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Sarah Winkenstette
Darsteller: Yoran Leicher, Sobhi Awad, Anna König
Kinostart: 12.03.2020

In seinem Heimatdorf war der 12jährige Ben als Stürmer der Star seines Fußballclubs. Doch das ist jetzt alles vorbei, da die Familie umsiedeln muss, um dem Braunkohletagebau zu weichen. In der neuen Schulklasse wird Ben gemobbt und bei der neuen Mannschaft darf er die Ersatzbank hüten. Erst als der 11jährige Tariq, ein Flüchtling aus Sysrien, ebenfalls neu in die Klasse kommt, schöpft Ben wieder Hoffnung und freundet sich mit ihm an. Doch die zarte Freundschaft wird von Tariqs Kriegstrauma überschattet... Thematisch erinnert Sarah Winkenstettes Jugenddrama an den kürzlich in die Kinos gebrachten ZOROS SOLO. Hier wie dort geht es um die Freundschaft zwischen einem Deutschen und einem Flüchtlingskind. Genau bei Letzterem versagt ZOROS SOLO, indem Zoro als ziemlich überheblich und dadurch wenig sympathisch dargestellt wird Und hier gewinnt Winkenstettes Film: Tariq ist ein zurückhaltender und traumatisierter Junge, dem Überheblichkeit zu keiner Sekunde anhaftet. Ganz im Gegenteil: seiner Figur gelingt es Sympathien auf sich zu ziehen und Verständnis für seine prekäre Lage zu entwickeln. ZU WEIT WEG ist insgesamt ein schöner Film zu den Themenkomplexen Heimat sowie länderübergreifende Freundschaft, der allerdings etwas zu stark die Filmmusik bemüht und dem ein etwas flotterer Inszenierungsstil nicht geschadet hätte.

DAS FREIWILLIGE JAHR (1:1.85, 5.1)
Verleih: Grandfilm
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Ulrich Köhler, Henner Winckler
Darsteller: Maj-Britt Klenke, Sebastian Rudolph, Thomas Schubert
Kinostart: 06.02.2020

Eigentlich will ihr Papa Urs sie nur zum Flughafen fahren, damit Abiturientin Jette ihren Flieger nach Costa Rica rechtzeitig erwischt, um ein freiwilliges soziales Jahr zu absolvieren. Doch der Zwischenstopp bei Urs‘ Bruder bringt den gesamten Zeitplan gehörig durcheinander. Eine zertrümmerte Wohnungstür und eine aufgeschlitzte Autodachbox sind die Folgen... Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, dass das titelgebende freiwillige Jahr in Ulrich Köhlers und Henner Wincklers scharf beobachtetem Drama gar nicht zustande kommt. Mit einem exzellenten Ensemble beleuchten die Regisseure eine spannende Vater-Tochter-Beziehung, die sich erst im Verlauf des Films dem Zuschauer vollständig erschließt. Ihr Inszenierungsstil setzt dabei auf Authentizität und bindet den Zuschauer sozusagen als stillen Beobachter in die Geschichte mit ein. Zur Steigerung der Authentizität trägt auch das Fehlen jeglicher Filmmusik bei. DAS FREIWILLIGE JAHR ist ein intensives Drama, dessen Sogwirkung man sich nicht entziehen kann.

Samstag, 01. Februar 2020
Vier Schwestern
Ein zeitloser Klassiker war heute an der Reihe

LITTLE WOMEN (1:1.85, DD 5.1 + Atmos)
OT: Little Women
Verleih: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2019
Regie: Greta Gerwig
Darsteller: Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh, Eliza Scanlen, Meryl Streep, Laura Dern
Kinostart: 30.01.2020

Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts. Während ihr Vater noch im Bürgerkrieg kämpft, wachsen die vier March-Schwestern in ärmlichen Verhältnissen bei ihrer Mutter auf. Jede von ihnen hat Träume, die sie gerne verwirklichen möchte, doch sind die Möglichkeiten für Frauen zu jener Zeit sehr eingeschränkt... Der Roman von Louisa May Alcott ist ein echter Klassiker und dürfte wohl zu den am öftesten verfilmten amerikanischen Büchern zählen. Jetzt hat sich Multi-Talent Greta Gerwig an eine Neuinterpretation des Werks gewagt. Sie inszeniert die Geschichte der vier ungleichen Schwestern nicht chronologisch, sondern bedient mehrere Zeitebenen. Das ist für den Zuschauer anfangs etwas schwierig, weil die Übergänge teils recht abrupt kommen, doch mit der Zeit lernt man dies zu verstehen. Hilfreich dabei ist die Farbgestaltung, die die Vergangenheit und die Gegenwart deutlich voneinander trennt. Überhaupt sind die Bilder des französischen Kameramanns Yorick Le Saux, der schon Filme wie PERSONAL SHOPPER oder DIE WOLKEN VON SILS MARIA fotografierte, von auserlesener Schönheit. Seine Bilder in Kombination mit Alexandre Desplats dynamischer Filmmusik machen den eigentlichen Reiz des Films aus. Natürlich darf man auch das brillante Ensemble nicht vergessen, das seinen Teil zum Gelingen des Films beiträgt. Gerwigs Film ist zutiefst menschlich und liefert damit genau das, was in unserer Zeit so sehr vermisst wird: menschliche Wärme und gegenseitige Hilfe. Sehenswert (aber Taschentuch nicht vergessen!).

© 2009-2020 Wolfram Hannemann
Datenschutzerklärung
All displayed Logos and Product Names may be ©, TM or ® by their respective rights holding companies.
No infringement intended.