Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Montag, 16. März 2020
Die Rock-Ikone
Auch wenn hier alle Kinos aufgrund des Coronavirus geschlossen bleiben – das Leben geht weiter. Und die Filme auch.

SUZI Q (1:1.85, 5.1)
OT: Suzi Q
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Australien 2019
Regie: Liam Firmager
Darsteller: Suzi Quatro
Kinostart: 04.06.2020

Eine junge Frau am Bass einer Rockband? So etwas gab es noch nie, als die aus Detroit stammende Suzi Quatro zum ersten Mal die Bühne betrat. Sie war klein und zierlich, aber mit ihrer kräftigen, rauchigen Stimme und dem extravaganten Lederoutfit wurde sie zum Vorbild einer ganzen Generation von Mädchen und Frauen. Und sie rockt heute noch! In seinem Dokumentarfilm holt Filmemacher Liam Firmager nicht nur die mittlerweile 70jährige Suzi Quatro vor die Kamera, sondern auch viele ihrer Wegbegleiter wie beispielsweise ihren Ex-Mann oder Rockgrößen wie Alice Cooper, Debbie Harry oder Joan Jett. Aber auch ihre Schwestern kommen zu Wort und lassen so das Porträt einer Frau entstehen, die es schon längst geschafft hat, der jedoch immer noch die Anerkennung durch ihre Schwestern fehlt. Firmagers Exkurs durch fast 50 Jahre Rock- und Pop-Geschichte ist originell gestaltet, macht viel Spaß und präsentiert Suzi Quatro als selbstbewusste, reflektierte, aber auch emotionale Frau, die ihren Traum immer konsequent verfolgte und sich niemals unterkriegen ließ. Eine Doku, die nicht nur für Rock- und Musikfans von Interesse sein dürfte, sondern auch perfekt zum sich stark ändernden Frauenbild in der heutigen Gesellschaft passt.

Donnerstag, 12. März 2020
Eine Lektion fürs Leben
Ausklang der Pressewoche mit einem wundervollen Kinderfilm

MEINE WUNDERBAR SELTSAME WOCHE MIT TESS (1:2.00, 5.1)
OT: Mijn Bijzonder Rare Week Met Tess / My Extraordinary Summer With Tess
Verleih: farbfilm
Land/Jahr: Niederlande, Deutschland 2019
Regie: Steven Wouterlood
Darsteller: Sonny Coops van Utteren, Josephine Arendsen, Johannes Kienast
Kinostart: tba

Während des Urlaubs mit der Familie lernt der kleine Sam die 12jährige Tess kennen, einen wahren Wirbelwind und auch irgendwie seltsam. Die beiden freunden sich an und Sam erfährt von Tess‘ Plan, die ihren Vater kennenlernen möchte, der noch gar nicht weiß, dass er eine Tochter hat. Und genau dabei soll ihr Sam helfen. Ausgerechnet. Wo der sich doch im Alleinsein üben wollte, damit er keine Probleme bekommt, wenn er als Letzter in der Familie stirbt. Doch in diesem Sommer wird Sam eine wichtige Lektion für das Leben lernen... Routiniert inszeniert Steven Wouterlood diesen wunderbaren Kinderfilm, der auf sehr einfühlsame Weise Verlustängste und Einsamkeit sowie Freundschaft thematisiert. Dank seiner beiden großartigen Kinderdarsteller gelingt ihm das auf vorzügliche Weise, so dass der Film nicht nur Kinder ansprechen dürfte, sondern Erwachsene ebenso. Sehr positiv fällt die Filmmusik von Franziska Henke auf, die dem Film seine Seele gibt. Ein Kinotipp für alle, die es annehmen können.
Mittwoch, 11. März 2020
Inside Fassbinder
Zur Wochenmitte zierte mal wieder ein Biopic die Kinoleinwand

ENFANT TERRIBLE (1:1.85, 5.1)
Verleih: Weltkino
Land/Jahr: Deutschland 2020
Regie: Oskar Roehler
Darsteller: Oliver Masucci, Katja Riemann, Hary Prinz
Kinostart: 01.10.2020

Aufgrund einer Sperrfristvereinbarung gibt es die Kurzkritk zu diesem Film erst ab 24.09.2020 an dieser Stelle
Dienstag, 10. März 2020
Warten auf die Männer
Bestes britisches Kino machte aus dem heutigen Regentag einen Freudentag

MRS. TAYLOR’S SINGING CLUB (1:2.35, 5.1)
OT: Military Wives
Verleih: Leonine
Land/Jahr: Großbritannien 2019
Regie: Peter Cattaneo
Darsteller: Kristin Scott Thomas, Sharon Horgan, Jason Flemyng
Kinostart: tba

Kate Taylor ist Offiziersgattin und lebt wie viele andere Soldatenfrauen in einer britischen Militärbasis. Während die Männer zum gefährlichen Kriegseinsatz nach Afghanistan geschickt werden, soll sich Kate um die moralische Unterstützung der zurückgelassenen Frauen kümmern. Jetzt sind Ideen gefragt: wie hält man Frauen bei Laune, die mit der ständigen Angst leben, dass ihre Männer nicht mehr aus dem Kriegseinsatz zurückkehren? Vielleicht mit der Gründung eines Chors? Zumindest scheint diese Idee Zuspruch zu finden – auch wenn der ein oder andere Ton kräftig danebengeht... Peter Cattaneos auf wahren Ereignissen beruhender Film versteht sich in der Tradition bester britischer Feelgood-Komödien wie KALENDER GIRLS oder GANZ ODER GAR NICHT. Ein handverlesenes Ensemble und großartige Musik sorgen dafür, dass man freiwillig das eine oder andere Tränchen der Freude und auch der Trauer heimlich im Kino vergießt. Zur Darstellerriege zählt insbesondere Kristin Scott Thomas, die mit ihrer natürlichen Unnahbarkeit die Rolle der Kate perfekt ausfüllt. Der etwas unglückliche deutsche Verleihtitel, der vermutlich an französische Erfolgskomödien anknüpfen möchte, sollte auf keinen Fall vom Kinobesuch abhalten. Meine ganz persönliche Empfehlung als Date Movie im April.
Montag, 09. März 2020
Die Frau aus dem Wasser
Geheimnisvoll und mystisch begann die neue Woche

UNDINE (1:1.85, 5.1)
Verleih: Piffl
Land/Jahr: Deutschland, Frankreich 2020
Regie: Christian Petzold
Darsteller: Paula Beer, Franz Rogowski, Maryam Zaree, Jacob Matschenz, Anne Ratte-Polle
Kinostart: 02.07.2020

Als Johannes seine Beziehung zu Undine wegen einer anderen Frau abbricht, bricht für sie eine Welt zusammen. Wenn ihre Liebe verraten wird, so heisst es in den alten Märchen, muss Undine den untreuen Mann töten und wieder ins Wasser zurückkehren aus dem sie gekommen war. Doch Undine wehrt sich gegen die Mythologie und stützt sich stattdessen in eine neue Liebesbeziehung: Christoph, ein Industrietaucher. Doch der Fluch holt die Schöne wieder ein... In seinem neuen Film rückt Regisseur Christian Petzold eine Gestalt aus einer alten Mythologie in den Fokus: Undine, die Frau, die im Wald in einem See lebt und den Mann töten muss, der ihre Liebe verrät. Petzolds Film holt die Geschichte in die Gegenwart und erzählt sie mit einer brillanten Paula Beer in der Titelrolle. Es ist eine Undine, die sich von dem alten Fluch lösen möchte, aber von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Mit atmosphärischen Bildern (Kamera: Hans Fromm) begibt sich der Film auf die Fährte des Genre-Kinos, gibt sich ihm aber (leider) nicht vollkommen hin. Warum sich der Film in aller Ausführlichkeit den stadthistorischen Vorträgen von Undine widmet, bleibt im Dunkeln. Zumindest ich habe dort keinen Bezug zur erzählten Geschichte gefunden. Filmmusik gibt es in UNDINE nur in Form eines immer wiederkehrenden Klavierstücks von Johann Sebastian Bach, das weit entfernt von jeglichem Genre-Score arbeitet, aber in seiner Wirkung zum tragischen Unterton der Erzählung passt.
Freitag, 06. März 2020
Ein Mafioso packt aus
Zum Ausklang einer vollen Pressewoche gab es heute wieder einen Film aus Bella Italia

IL TRADITORE – ALS KRONZEUGE GEGEN DIE COSA NOSTRA (1:1.85, 5.1)
OT: Il Traditore
Verleih: Pandora
Land/Jahr: Italien, Frankreich, Brasilien, Deutschland 2019
Regie: Marco Bellocchio
Darsteller: Pierfrancesco Favino, Luigi Lo Cascio, Maria Fernanda Cândido
Kinostart: 13.08.2020

Anfang der 1980er Jahre setzt sich der Sizilianer Tommaso Buscetta mit seiner Familie nach Rio de Janeiro ab. Tommaso ist ein hohes Tier bei der Cosa Nostra, die zunehmend unter den Einfluss der brutalen Corleonesi gerät. Während er in Rio dem süßen Nichtstun nachgeht, werden in der Heimat alle seine Verbündeten sowie Familienmitglieder brutal umgebracht. Auch Tommaso selbst steht auf der Abschussliste. Doch die brasilianische Polizei kommt der Organisation zuvor und liefert ihn an Italien aus. Dort lässt er sich auf einen Deal mit der italienischen Justiz ein: packt er über die Mafia aus, erhält er im Gegenzug Garantien für seinen persönlichen Schutz und den seiner Familie... In seinem epischen Film greift Regisseur Marco Bellocchio eine wahre Geschichte auf, in der zum ersten Mal ein führendes Mafia-Mitglied Licht in das kriminelle Netzwerk brachte. Bellocchio konzentriert sich dabei ganz auf die Hauptfigur, jenen charismatischen Buscetta, der eine Mafia bekämpfen möchte, deren Werte nicht mehr mit den eigenen im Einklang steht. Neben den eiskalten Morden, die der Film zeigt, versteht sich Bellocchio aber auch darauf, dem Ganzen eine gewisse Ironie abzugewinnen. So inszeniert er beispielsweise den großen Schauprozess gegen gleich eine Handvoll prominenter Cosa-Nostra-Mitglieder als große Oper. Da werden die Angeklagten im Gerichtssaal wie Tiere in Käfigen gehalten, während sich die Stimmung im Saal immer tumultartiger zuspitzt und die Tonspur diese Farce auf typisch italienische Weise mit dem Gefangenenchor aus Guiseppe Verdis “Nabucco” lautstark kommentiert. Überhaupt glänzt der Film mit einer Musik, die immer wieder den tragischen Stoff karikiert. Sie stammt aus der Feder des inzwischen 74jährigen Nicola Piovani, neben Ennio Morricone eines der Urgesteine italienischer Filmmusik. Dass der Regisseur aber auch durchaus die ungeheure Dramatik der Geschichte mit filmischen Mitteln auszudrücken versteht, beweist jene Szene, in der der unerschrockene Richter Giovanni Falcone einem Attentat zum Opfer fällt. Hier zieht Bellocchio alle Register moderner Bild- und Tontechnik, um dem Zuschauer die Schreckensherrschaft der Mafia nahezubringen. Mit Pierfrancesco Favino in der Titelrolle hat der Film einen sehr charismatischen Hauptdarsteller gefunden. Wunderbar vereint der Schauspieler mit einem perfekt “mafiösen” Äußeren den harten und den weichen Kern des Tommaso Buscetta in seiner Figur. Nicht nur seiner Überlänge wegen reiht sich “Il Traditore” (auf Deutsch “Der Verräter”) nahtlos in die Serie großer Mafia-Filme ein, denen Bellocchio bereits mit seiner Eröffnungsszene, einem großen Fest mit Gesang und Tanz, huldigt.
Donnerstag, 05. März 2020
Spirituell und physikalisch
Mit zwei wahren Geschichten konfrontierten mich die heutigen Presse-Filme

EINE GRÖSSERE WELT (1:1.85, 5.1)
OT: Un Monde Plus Grand
Verleih: MFA (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich, Belgien 2019
Regie: Fabienne Berthaud
Darsteller: Cécile de France, Narantsetseg Dash, Tserendarizav Dashnyam, Ludivine Sagnier
Kinostart: tba

Um den Tod ihres Mannes zu verkraften, stürzt sich die junge Französin Corine in ihre Arbeit. Als Tontechnikerin soll sie in der tiefsten Mongolei für eine Dokumentation Gebete von Einheimischen aufnehmen. Als sie der Zeremonie einer Schamanin beiwohnt, verfällt sie in eine Trance und hat Visionen. Die Schamanin erkennt Corines ungewöhnliche Gabe sofort und rät ihr, sich zur Schamanin ausbilden zu lassen. Doch Corine verweigert sich und geht wieder nach Frankreich zurück. Doch die Eindrücke ihrer spirituellen Reise lassen sie nicht mehr los... Gäbe es keine entsprechenden Texttafeln am Ende des Films, würde man Fabienne Berthauds Film schnurstracks in die Fantasy/Horror-Ecke schieben. Doch die Texttafeln erklären, dass die zur Schamanin gewordene Französin Corine die erste war, die dafür sorgte, dass ihre Gabe wissenschaftlich untersucht wird. Sie gab damit den Anstoß für einen ganz neuen Wissenschaftszweig, der bis heute auf dem Gebiet des Schamanismus forscht. Berthaud hat ihren Film überzeugend gestaltet. Kameraarbeit, Tonmischung und Musik sorgen dafür, dass man als Zuschauer emotional durch den Film angesprochen wird. Die wenigen inhaltlichen Schwächen lassen sich dadurch verschmerzen, so dass am Ende der positive Gesamteindruck überwiegt.

MARIE CURIE – ELEMENTE DES LEBENS (1:2.35, DD 5.1)
OT: Radioactive
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: Großbritannien, Ungarn 2019
Regie: Marjane Satrapi
Darsteller: Rosamund Pike, Sam Riley, Anya Taylor-Joy
Kinostart: 16.07.2020

Auf dem Sterbebett lässt die Physikerin Marie Curie ihr aufregendes Leben noch einmal Revue passieren... Schon 2016 brachte Marie Noëlle-Sehr ihren Film MARIE CURIE in die Kinos, der das Leben der ersten Nobelpreisträgerin schilderte. Jetzt wagt sich Marjane Satrapi an das Thema und zeigt mit Rosamund Pike in der Titelrolle das bewegte und auch tragische Leben der genialen Wissenschaftlerin, die ihrer Zeit weit voraus war. Interessanterweise weisen beide Filme eine inszenatorische Parallele auf. So wirkt der Handlungsstrang an einigen Stellen irgendwie abgehackt, so als gelte es Zeit zu sparen und sich nicht in Details zu verlieren. Doch manchmal sind es gerade diese Details, die zu erfahren interessant wären. So wird Curies Liebesbeziehung zu Paul Langevin, die sie nach dem Tode ihres Gatten eingeht, überhaupt nicht vertieft – sie ist einfach plötzlich da. Interessant wird Satrapis Curie-Biopic dadurch, dass es auch die negativen Auswirkungen ihrer wissenschaftlichen Entdeckungen thematisiert, z.B. die Hiroshima-Bombe. Rosamund Pike ist eine gute Wahl für die Hauptrolle, trägt sie doch wie Marie Curie selbst eine gewisse Arroganz nach außen. Wie schon das Biopic aus dem Jahre 2016 lässt auch der neue Film zu wünschen übrig. Beim dritten Mal wird’s dann bestimmt richtig gut.
Mittwoch, 04. März 2020
Politik und Oper
Das heutige Presse-Doppel hatte zwei besonders schöne Dokumentationen für mich parat

DIE UNBEUGSAMEN (1:1.85, 5.1)
Verleih: Majestic (Paramount)
Land/Jahr: Deutschland 2020
Regie: Torsten Körner
Kinostart: September 2020

Torsten Körners Dokumentarfilm kommt genau zur richtigen Zeit. Denn die weltweite #Metoo-Debatte hat dafür gesorgt, dass die Menschen endlich für Frauenrechte und –belange extrem sensibilisiert wurden. Gleichsam hat sie aber auch aufgezeigt, dass hier längst noch nicht alles in trockenen Tüchern ist. Dass das Geschlecht darüber entscheidet, wer wieviel für dieselbe Arbeit bekommt, ist einer der nach wie vor existierenden Skandale. Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte aber haben Frauen schon extrem viel erreicht. Zum Beispiel sind sie in die Politik gegangen und mischen (oder mischten) kräftig mit. Körner holt ein gutes Dutzend deutscher Politikerinnen vor seine Kamera und lässt die inzwischen in Rente gegangenen Frauen davon erzählen, wie es war, als sie damals im Bundestag Einzug hielten. Es sind teils unglaubliche Geschichten, die hier erzählt werden, die Körner aber dank guter Recherchearbeit mit Bildmaterial belegen kann. Augenzwinkern flicht er dazu immer wieder kurze Ausschnitte aus Werbefilmen u.ä. ein, die das damals “geltende” Frauenbild verdeutlichen und die Absurdität desselben herausarbeiten. Das sich das grundlegend geändert hat, ist der Emanzipation der Frauen zu verdanken. Dass dies freilich nicht jedem Mann gefällt, versucht der Film erst gar nicht zu verschweigen. Dass der Frauenanteil in der deutschen Politik inzwischen wieder zurückgeht, wie der Film am Ende verrät, verheißt nichts Gutes. Den porträtierten Damen jedenfalls zollt Körners Film Respekt – und das vollkommen zu recht. Körners Film ist gleichzeitig eine bestens unterhaltende und perfekt bebilderte Reise zurück in der Zeit, die viele längst vergangene Ereignisse noch einmal Revue passieren lässt. Unbedingt sehenswert.

DAS HAUS DER GUTEN GEISTER (1:1.78, 5.1)
Verleih: mindjazz
Land/Jahr: Deutschland 2019
Regie: Marcus Richardt, Lillian Rosa
Kinostart: 02.04.2020

Schon einmal war die Stuttgarter Oper Hauptdarsteller in einem Dokumentarfilm. DIE SINGENDE STADT aus dem Jahre 2010 hieß der Film, in dem Vadim Jendreyko die Proben für eine moderne Version des “Parsifal” mit seiner Kamera begleitete. Jetzt widmen sich Marcus Richardt und Lillian Rosa den Vorbereitungen zu Tschaikowskis “Pique Dame” und damit der letzten Oper unter Federführung des scheidenden Intendanten und Regisseurs Jossi Wieler. Unkommentiert nehmen uns die Filmemacher in den Mikrokosmos jener Staatsoper hinein, die bereits siebenmal die von Kritikern weltweit verliehene Auszeichnung “Opernhaus des Jahres” erhielt. Warum das so ist, versuchen sie zu ergründen, und lassen nicht nur Wieler zu Wort kommen, sondern auch andere seiner Mitstreiter. Dabei spannt der Film den gesamten Bogen von der ersten Pressekonferenz, auf der das neue Projekt angekündigt wird, bis hin zum Premierenabend und sorgt damit für Spannung von der ersten bis zur letzten Minute. Der Blick hinter die Kulissen ist wahnsinnig interessant und wird von der Kamera brillant eingefangen. Auch wenn ich nach wie vor bekennender Opernmuffel bin – diese Doku hat mich fasziniert.
Dienstag, 03. März 2020
Vom Regen in die Traufe
Frisch von der Berlinale direkt in unsere Pressevorführung

BERLIN ALEXANDERPLATZ (1:2.35, 5.1)
Verleih: Entertainment One
Land/Jahr: Deutschland 2020
Regie: Burhan Qurbani
Darsteller: Welket Bungué, Jella Haase, Albrecht Schuch, Joachim Król
Kinostart: 30.07.2020

Mit einem Flüchtlingsboot kam er aus Afrika – jetzt ist er in Berlin gestrandet: Francis hat beschlossen, ein guter Mensch zu werden. Dumm nur dass er auf den Falschen trifft. Denn der Drogendealer Reinhold, der ihn für kriminelle Zwecke anheuert, ist alles andere als ein Menschenfreund. So beginnt für den jungen Afrikaner nur vermeintlich ein gesellschaftlicher Aufstieg, der ihn jedoch in Wirklichkeit in ein immer tieferes Loch zieht... Regisseur Burhan Qurbani wagt sich an eine Neuninterpretation des Erfolgsromans von Alfred Döblin aus dem Jahre 1929. Man könnte auch sagen, Qurbani inszeniert “Berlin Alexanderplatz 2.0”. Aus der Hauptfigur des Romans, einem einfachen Lohnarbeiter der 1920er Jahre, wird bei Qurbani ein dunkelhäutiger Flüchtling der Gegenwart. Als Francis durchlebt er wie die Romanfigur Franz Biberkopf schlimme Zeiten, weil er sich mit dem Falschen einlässt – und das immer wieder von Neuem. Qurbanis Film hat einen extrem depressiven Grundcharakter, der nur sehr schwer zu ertragen ist. Und das auf einer Länger von 183 Minuten! Visuell überzeugend gestaltet und mit einem tollen Ensemble besetzt, eignet sich das Werk ganz sicher nicht als gemütlicher Feierabendfilm, sondern eher für ein problembewusstes, diskussionsfreudiges Publikum.
Montag, 02. März 2020
Lolle zwischen den Männern und ein David gegen den Goliath
Eröffnung einer vollen Pressewoche mit einem gemischten Doppel

BERLIN, BERLIN – DER KINOFILM (1:2.35, 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2020
Regie: Franziska Meyer Price
Darsteller: Felicitas Woll, Janina Uhse, Jan Sosniok, Matthias Klimsa, Detlev Buck, Armin Rohde, Christian Tramitz
Kinostart: entfällt wegen Corona-Krise

Gerade als Lolle ihren Freund Hart heiraten möchte, platzt Sven in die Hochzeit und lässt diese platzen. Lolle ist komplett durch den Wind und wird über Umwege von einem Richter zu Sozialstunden in einer Schule verdonnert. Dort lern sie die junge Dana kennen. Nach einer durchzechten Partynacht in einem Club wacht Lolle mitten im Harz wieder auf und hat nicht nur Problem mit der Polizei, sondern auch mit Dana, einem Drogenproduzenten, einer Hippie-Kommune und ihren beiden Freunden, die sich auf die Suche nach ihr machen... Jetzt kommt also endlich die erfolgreiche Vorabend-TV-Soap auf die ganz große Kinoleinwand und wirft bei Nicht-Kennern der TV-Serie eine wichtige Frage auf: war denn die Serie genauso schlimm wie der Kinofilm? Gewiss: Regisseurin Franziska Meyer Price zeigt, dass sie moderne Technik beherrscht. Oft teilt sich das CinemaScope-Bild im Rhythmus der Musik in Split-Screen Collagen und verwandeln sich handelnde Figuren in Computeranimationsfiguren jeder Größe. Doch Technik macht noch keinen Film. “Drehbuch, Drehbuch, Drehbuch!” warnte schon Altmeister Billy Wilder all jene, die meinten, sie könnten einfach so mal kurz einen abendfüllenden Film abliefern. Die Handlung in BERLIN, BERLIN ist vollkommen absurd (um nicht hanebüchen zu sagen) und nach einiger Zeit nervt das Dilemma der Hauptdarstellerin, sich zwischen zwei Männern entscheiden zu müssen, einfach nur noch. Immerhin: dieses Problem löst das Drehbuch am Ende auf originelle Weise. Natürlich möchte der Film einfach nur eine Komödie sein, doch tut er sich mit richtigen Lachern ziemlich schwer. Da genügen die witzig gemeinten Kommentare der Hauptdarstellerin aus dem Off nicht – sie wirken sehr berechnend, eben so, als würden sie in einem Drehbuch stehen. Wo ist die Zielgruppe für dieses überdrehte Stück Kino? Für junges Publikum sind die Darsteller zu alt, für älteres Publikum zu jung. Etwa für die Fans der TV-Serie? Vermutlich. Aber finden die den Weg ins Kino? Wohl kaum...

VERGIFTETE WAHRHEIT (1:2.35, DD 5.1)
OT: Dark Waters
Verleih: Tobis
Land/Jahr: USA 2019
Regie: Todd Haynes
Darsteller: Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins, Bill Pullman
Kinostart: 16.04.2020

Eigentlich ist Rob Bilott Wirtschaftsanwalt, der als Partner in einer Kanzlei die Interessen von Konzernen wahrnehmen soll. Doch als ihn ein um Hilfe suchender Bauer aus seiner Heimatstadt in West Virginia aufsucht, der die gegenüber seiner Farm gelegene Mülldeponie des DuPont-Konzerns dafür verantwortlich macht, dass alle seine Kühe sterben, nimmt er sich des Falles an. Noch weiß er nicht, dass ihn die Sache über mehrere Jahrzehnte in Atem halten wird und er sich damit viele Feinde schaffen wird – nicht nur in der Konzernspitze, sondern auch bei den Beschäftigten... In seinem Film greift Regisseur Todd Haynes den spektakulären Kampf eines Anwalts gegen den Chemie-Riesen DuPont auf, der einem Kampf Davids gegen Goliath gleicht. Es ist die wahre Geschichte des Wirtschaftsanwalts Rob Bilott, der 1998 den Kampf gegen den Umweltsünder DuPont aufnahm und damit für viele seiner Mandanten, die durch das Gift des Konzerns erkrankten, hohe Schadensersatzzahlungen erreichen konnte. Ein Prozess, der sich noch bis zum heutigen Tag hinzieht und weitergeht. Mark Ruffalo spielt diese Galionsfigur, die sich unermüdlich und beharrlich für die Menschen einsetzt, die durch den Konzern geschädigt wurden. Mit großem Understatement geht er seine Rolle an und verkörpert den Unerschrockenen damit sehr überzeugend. Inszenatorisch bleibt der Film sehr nüchtern und gibt sich nur ganz punktuell auch mal etwas reisserischer – ein Stil, der dem Anliegen des Films entgegenkommt. Der Fall DuPont steht dabei stellvertretend für viele ähnlich gelagerte Fälle, in denen ein Chemie-Konzern seine Machtstrukturen dafür nutzt, Umweltauflagen zu umgehen, um milliardenschwere Gewinne einzustreichen.
Sonntag, 01. März 2020
Unsere Welt braucht wieder Magie
Meinen Sonntagnachmittag habe ich in einem fast leeres Kinosaal verbracht

ONWARD – KEINE HALBEN SACHEN (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Onward
Verleih: Walt Disney
Land/Jahr: USA 2020
Regie: Dan Scanlon
Kinostart: 05.03.2020

Ian und Barley sind zwei ungleiche Brüder. Während der jüngere Ian noch voller Selbstzweifel steckt, ist der ältere Barley ziemlich furchtlos. Beide wachsen bei ihrer alleinerziehenden Mom auf, der Vater ist schon vor langer Zeit gestorben. Ihr kleines Häuschen steht inmitten eines Ortes, der einmal ein magischer Ort voller Wunder und Zauberei war. Diese Zeiten sind jedoch längst vorbei. Als Ian jedoch zu seinem 16. Geburtstag den Zauberstab seines Vaters geschenkt bekommt, beginnt für die beiden Brüder das größte Abenteuer ihres bisherigen Lebens... “Bringt wieder etwas mehr Magie in Euer Leben!” – so die subtile Botschaft des neuesten Computeranimationsfilms aus dem Hause Pixar. Die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die sich bei Abenteuer ihre Lebens bewähren müssen, steckt voller kleiner Seitenhiebe auf unsere doch recht verkorkste Gesellschaft. Und wenn am Ende dann der kleine Bruder die Erkenntnis hat, dass er all das, was er zu finden hoffte, eigentlich schon immer hatte, ist das eine sehr schöne Interpretation des Sprichworts “Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah”. Kinder werden diese feine Meta-Ebene vermutlich gar nicht wahrnehmen, weil ihnen der Film natürlich jede Menge Action und Spaß bietet, doch richtet sie sich insbesondere an die Erwachsenen, die nickend zustimmen werden. Die technische Umsetzung des animierten Films indes enttäuscht etwas, wirkt sie doch gegenüber anderen Pixar-Produktionen relativ plump.

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