Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Sonntag, 29. März 2026
Geistliche und Geister
Wieder ein Tagesausflug in mein Lieblingskino um einen Film nachzusitzen

THE TESTAMENT OF ANN LEE (1:2.35, 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: The Testament Of Ann Lee
Verleih: Walt Disney Germany
Land/Jahr: USA, Großbritannien 2025
Regie: Mona Fastvold
Darsteller: Amanda Seyfried, Thomasin Mckenzie, Lewis Pullman, Tim Blake Nelson, Christopher Abbott, Stacy Martin
Kinostart: 12.03.2026

Ann Lee wächst im 18. Jahrhundert in Manchester, England, auf. Schon jung wird sie verheiratet und gebährt vier Kinder, die allesamt nicht überleben. Als die sehr gläubige junge Frau eines Tages eine göttliche Vision hat, ändert sich ihr Leben von Grund auf. Als ”Mutter Ann” gründet sie schließlich eine vollkommen neue Glaubensgemeinschaft, die sogenannten Shaker, die ihren Glauben durch ekstatischen Gesang und Bewegung – zitternde, überschwängliche und köperlich ausdrucksstarke Akte der Hingabe – ausleben. Damit jedoch eckt sie mit den alteingesessenen Glaubensrichtungen an und muss sogar zeitweise ins Gefängnis. Schließlich macht sie sich gemeinsam mit ihren Anhängern auf die große Reise in die Neue Welt, wo sie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten fruchtbaren Boden für ihren Glauben zu finden hofft... Mona Fastvold, preisgekrönte Regisseurin und Drehbuchautorin (“The World to Come”, “Der Brutalist”) hat die außergewöhnliche und wahre Geschichte von Ann Lee inszeniert, jener Frau, die die Glaubensgemeinschaft der Shaker, deren Glauben auf Enthaltsamkeit basiert. gegründet hat. Amanda Seyfried beeindruckt als willensstarke Anführerin der Shaker, die die Gleichberechtigung der Geschlechter und soziale Gleichheit predigte und von ihren Anhängern verehrt wurde. Ekstase und Seelenqual ihres Strebens nach einer Utopie entfaltet sich in grandiosen CinemaScope-Bildern (Kamera: William Rexer). Zusammen mit den mehr als ein Dutzend historischen Shaker-Hymnen - choreografiert von Celia Rowlson-Hall (“Vox Lux”) und musikalisch neu interpretiert vom Oscar-prämierten Komponisten Daniel Blumberg (“Der Brutalist”) – ergibt sich ein Gesamtkunstwerk, das zwischen historischem Drama und Musical mäandert. Einer der Höhepunkte ist eine großartig montierte Tanz- und Gesangssequenz auf dem Segelschiff, das die Shaker in ihre neue Heimat Amerika bringen soll. Wer die Möglichkeit hat, den Film auf der gekrümmten Cinerama-Bildwand der Karlsruher Schauburg im 70mm-Format zu sehen, sollte Gebrauch davon machen. Denn erst hier entfaltet sich die gesamte visuelle Kraft des Films und lässt Mona Fastvolds Biopic zu einem echten Erlebnis werden.

GHOST BASTARD (1:2.35, 5.1)
Verleih: Hadlaub Pictures
Land/Jahr: Deutschland, Schweiz 2025
Regie: Erkan Acar
Darsteller: Philippe Reinhardt, Aliyah Acar, Franziska Machens, Tara Africah Corrigan, Charleen Weiß, Thien Phuoc Nguyen
Kinostart: 09.04.2026

Der Alltag von Schülerin Elli gerät aus den Fugen, als plötzlich der zynische Geist Mike in ihrem Leben auftaucht – unsichtbar für alle anderen. Notgedrungen schließen die beiden einen Deal: Elli hilft Mike, seine verlorene Vergangenheit zu klären, während er sie bei ihren schulischen Turbulenzen unterstützt. Während ihrer ungewöhnlichen Partnerschaft kommen verdrängte Erinnerungen ans Licht, und Elli wird gezwungen, sich ihren eigenen Problemen zu stellen... In Erkan Acars Mystery-Jugend-Drama wird das zwischenmenschliche Vergeben als zentrales Thema verhandelt. Nicht subtil, sondern mit einer aus Bollywood-Filmen bekannten Intensität, die mit Hilfe großer Orchestermusik die Tränendrüsen der Zuschauenden anspricht. Das wirkt dann leider etwas aufdringlich und leicht ”over the top”. Was die Besetzung angeht, so überzeugen hier insbesondere die Jugendlichen. Philippe Reinhardt in der Rolle des nervtötenden Geistes bereitet Probleme: ihn zu verstehen gerät zur Herausforderung. Ob das an dem von mir gesichteten Screener lag oder ob sich das in der finalen Kinomischung auch so anhört kann ich leider nicht beurteilen (Anmerkung: im persönlichen Gespräch mit Philippe Reinhardt versicherte er mir, dass es kein technisches Problem sei). Formal überzeugt der Film immerhin durch seinen gelungenen Bildaufbau und die integrierten visuellen Effekte.

Dienstag, 24. März 2026
Der Kranich in Nachbars Garten
Dass ich in der heutigen Pressevorführung tatsächlich der einzige Zuschauer war, habe ich sehr genossen

MEINE FREUNDIN CONNI – ABENTEUER MIT KRANICH KLAUS (1:2.35, 5.1 + Atmos)
Verleih: Wild Bunch Germany
Land/Jahr: Deutschland 2026
Regie: Dirk Hampel
Kinostart: 14.05.2026

Aufgrund einer Sperrfristvereinbarung gibt es die Kurzkritik zu diesem Film erst ab 01.05.2026 an dieser Stelle
Montag, 23. März 2026
Eine wunderbare Freundschaft
Heute ein Nachsitztermin im nächstgelegenen IMAX-Kino

DER ASTRONAUT (1:1.43 & 1:2.39, 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Project Hail Mary
Verleih: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2026
Regie: Phil Lord, Christopher Miller
Darsteller: Ryan Gosling, Sandra Hüller, Lionel Boyce, Ken Leung, Milana Vayntrub.
Kinostart: 19.03.2026

Ein Wissenschaftler wird als Astronaut wider Willen auf eine jahrelange Weltraummission geschickt, um eine immer schwächer werdende Sonne und damit die Welt zu retten. In den Tiefen des Alls nimmt ein Alien Kontakt mit ihm auf. Die anfänglichen Vorbehalte weichen, als er erkennt, dass auch die fremde Spezies dasselbe Ziel verfolgt. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft... Die Romanvorlage von Andrew Weir wurde jetzt spektakulär für die Kinoleinwand umgesetzt. Echte Kulissen statt nur Green Screens war die Devise. Eine Entscheidung, die dafür sorgt, dass das Innere des Raumschiffs für die Zuschauenden sehr überzeugend erlebbar wird. Was den Umgang mit Bildern und Musik angeht, so stand ganz offensichtlich INTERSTELLAR Pate bei dieser ungewöhnlichen E.T.-Variante mit einem großartigen Ryan Gosling in der Titelrolle. Leider ist der Film mit seinen 156 Minuten schlichtweg zu lang geraten. Der vom Gespann Phil Lord und Christopher Miller inszenierte SciFi-Film ist eine der inzwischen sehr wenigen Produktionen, die das echte IMAX-Format tatsächlich ausreizen. So füllen die Weltraumsequenzen tatsächlich die gesamte Bildwand der IMAX-Säle aus. Besonders beeindruckend natürlich in solchen Installationen, die noch das ursprüngliche IMAX 1:1.43 Bildformat projizieren können. In Deutschland ist das momentan nur in Karlsruhe und Sinsheim möglich. Die Anreise zu einem dieser Venues lohnt sich auf jeden Fall.
Freitag, 20. März 2026
Ganz Deutschland hat Rücken
Da braucht es einen Mann wie Horst Schlämmer um alles noch schlimmer zu machen.

HORST SCHLÄMMER SUCHT DAS GLÜCK (1:1.85, 5.1)
Verleih: Leonine Studios
Land/Jahr: Deutschland 2026
Regie: Sven Unterwaldt
Darsteller: Hape Kerkeling, Tahnee Schaffarczyk, Laura Thomas, Meltem Kaptan, Eva Habermann
Kinostart: 26.03.2026

Um es gleich mit drei einfachen Worten zusammenzufassen: Schlimm. Schlimmer. Schlämmer. Horst Schlämmer, stellvertretender Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatts, jene Kunstfigur, die Hape Kerkeling vor vielen Jahren fürs Privatfernsehen geschaffen hat, bekommt jetzt seinen zweiten Kinofilm. Und weil ganz Deutschland Rücken hat, und zwar im Gesicht, macht sich der Kultreporter auf, das wahre Glück zu finden. Denn – verdammt nochmal – das muss es ja irgendwo noch geben. Gemeinsam mit Anna, seiner Internet-Redakteurin, will der Wuschelkopf mit Überbiss und Schnauzer einen Kinofilm stemmen, der den Deutschen zeigt, wo das Glück noch zu finden ist. Eine schwierige Aufgabe wie sich alsbald herausstellt. Aber Schlämmer lässt nicht locker und fährt für seine Mission durch die ganze Republik... Was ursprünglich als eine Art versteckte Kamera und in Kurzform im TV noch funktionierte, erleidet beim 90-Minüter eine Bruchlandung. Schon alleine deshalb, weil die in Sven Unterwaldts gezeigten Interviewsequenzen fast alle inszeniert sind. Dadurch verliert die Grundidee ihren Reiz und man ist des ewig grunzenden Reporters sehr schnell überdrüssig. Es gibt im Film nur zwei Gesprächspartner, die zeigen, was aus dem Film hätte werden können: CSU-Chef Markus Söder und Kardinal Woelki. Alles andere im Film ist mehr als peinlich und nervtötend. Immerhin gibt es in schöner Regelmäßigkeit Ausschnitte aus Fake-Filmen und Fake-TV-Serien, in denen Kerkeling in unterschiedliche Rollen schlüpft und damit sein schauspielerisches Talent unterstreicht. Wer Horst Schlämmer mag, sollte sich nicht von meinen Ausführungen davon abhalten lassen, den Film im Kino anzuschauen. Wie immer gilt: alles was ich hier schreibe ist rein subjektiv. Also mutig sein und trotzdem reingehen!
Montag, 16. März 2026
Eine Leidensgeschichte
Mangels Pressevorführung einmal mehr ein Nachsitztermin.

THE CHRONOLOGY OF WATER (1:1.66, 5.1)
OT: The Chronology Of Water
Verleih: Eksystent Filmverleih
Land/Jahr: USA, Frankreich, Lettland 2025
Regie: Kristen Stewart
Darsteller: Imogen Poots, Thora Birch, Tom Sturridge, Jim Belushi, Earl Cave, Susannah Flood, Kim Gordon
Kinostart: 05.03.2026

Oregon in den 1970er Jahren. Lidia wächst in einem von Gewalt und Alkohol geprägten Umfeld auf, aus dem die begabte Schwimmerin Zuflucht im Wasser sucht. Doch erst im Schreiben beginnt sie, sich ihre eigene Geschichte anzueignen und Erfahrungen von Verletzung und Verlust in Sprache zu verwandeln... Für ihr Regiedebüt hat sich Schauspielerin Kristen Stewart an die Verfilmung eines schwierigen Buches gemacht: die Autobiographie der Schwimmerin Lidia Yuknavitch, deren Leben geprägt wurde von sexuellem Missbrauch, Alkohol und Drogen. Stewarts Film entzieht sich üblichen Sehgewohnheiten, liefert oft nur Fragmente und erzählt nichtlinear. Gleichzeitig nutzt sie alle Möglichkeiten der Tonebene, kombiniert sie mit einer vibrierenden Optik und schafft dadurch ein immersives, das Publikum forderndes Gesamtkunstwerk. So wird das aus dem Ruder gelaufene Leben von Lidia erfahrbar und spürbar gemacht. Keine leichte Kost, aber eine, die sich ins Gedächtnis brennt. Im Zenith der Geschichte steht dabei Hauptdarstellerin Imogen Poots, die als Lidia eine wahrhaftige Tour-de-Force Performance abliefert. Chapeau.
Freitag, 13. März 2026
Kommt ein Mann aus der Zukunft...
Nachsitztermin am Nachmittag

GOOD LUCK, HAVE FUN, DON’T DIE (1:2.35, 5.1 + 7.1 +Atmos)
OT: Good Luck, Have Fun, Don’t Die
Verleih: Constantin Film
Land/Jahr: Deutschland, USA 2026
Regie: Gore Verbinski
Darsteller: Sam Rockwell, Haley Lu Richardson, Michael Peña, Zazie Beetz, Juno Temple
Kinostart: 12.03.2026

Ein Mann aus der Zukunft kreuzt am Abend in einem typisch amerikanischen Diner auf und versucht aus den anwesenden Gästen eine Mannschaft zu rekrutieren, die ihm helfen soll, eine in der Zukunft außer Rand und Band geratene KI auszuschalten... Verwunderlich wäre es wohl nicht, wenn in einem SciFi-Film, der das Thema KI aufgreift, beim Schreiben des Drehbuchs möglicherweise selbst eine KI eingesetzt wurde. So zumindest fühlte es sich bei Gore Verbinskis augenzwinkernder Zeitreisegeschichte an, die eigentlich nur Material für 90 Minuten liefert, aber auf 134 Minuten aufgebläht wurde. Dadurch wird das Timing sträflich vernachlässigt und führt konsequenterweise zur Ermüdung des Publikums. Dabei sind die gesellschaftskritischen Aspekte in Verbinskis Film rundum gelungen, alleine die in Endlosschleife laufenden Dialoge werden zum Problem. Verbinski nutzt auch etwas zuviel VFX Magie frei nach dem Moto ”Schaut mal was wir alles machen können!”. Was die Besetzung angeht, so gibt Sam Rockwell einmal mehr einen total abgehalfterten Charakter. Hat man einfach schon zu oft auf diese Weise gesehen. Pluspunkte im Film sind die sehr effektvolle Dolby Atmos Tonmischung sowie die Filmmusik von Geoff Zanelli (inklusive einer Variation von Jerry Goldsmiths PATTON Thema). Sollte der Film wider Erwarten erfolgreich sein, sind unzählige Fortsetzungen bereits vorprogrammiert – Zeitreisen sei Dank.

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