Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Mittwoch, 17. Juni 2026
Im Hinterzimmer der Angst
Der Erstlingsfilm eines YouTubers stand heute auf meinem Kino-Spielplan

BACKROOMS (1:1.85 & 1:1.37, 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Backrooms
Verleih: Constantin Film
Land/Jahr: USA, Kanada 2026
Regie: Kane Parsons
Darsteller: Renate Reinsve, Chiwetel Ejiofor, Mark Duplass
Kinostart: 18.06.2026

Ein Architekt, der als Geschäftsführer eines Möbelhauses sein tristes Dasein fristet, entdeckt enes Tages eine unsichtbare, geheime Tür, die in ein weit verzweigtes System von Hinterzimmern führt und in denen irgendetwas Angsteinflößendes vor sich geht. Als er seiner Therapeutin davon erzählt, schenkt sie ihm keinen Glauben. Bis er eines Tages spurlos verschwindet und sie selbst die geheime Tür findet... Kane Parsons surrealer Horrorfilm lässt großen Interpretationsspielraum und sorgt für hitzige Debatten nach dem Kinogang. Was als durchaus positiv zu bewerten ist. Und sein Film hat viel Potenzial. Alleine schon das klaustrophobische Produktionsdesign sorgt im Nachgang für Alpträume. Ganz zu Schweigen vom Sound Design, das alle Register zieht, um die Alpträume zu unterfüttern. Die Geschichte selbst könnte einer Episode der TWILIGHT ZONE entsprungen sein. Und darin liegt die Krux. Denn was bei einer Länge von 25 Minuten in Ordnung geht, führt bei 110 Minuten zu gewissen Wiederholungen, die den Film leicht ausbremsen. Zumindest habe ich das so empfunden. Was mich auch etwas gestört hat war die Filmmusik. Die war mir persönlich etwas zu retro. Eine kleine Warnung an die zart Besaiteten: es gibt – vollkommen unnötig – ein paar krasse Szenen, ohne die der Film sicherlich deutlich besser gewesen wäre. Man muss nicht alles zeigen, sondern darf Einiges auch der Phantasie der Zuschauer überlassen. Was deutlich stärker wirkt. Trust me on that! Mein Fazit lautet: ein sehenswertes Stück Horror mit gewissen Einschänkungen.
Mittwoch, 10. Juni 2026
Unheimliche Begegnung der vierten Art
Mit knapp 80 Jahren hat Steven Spielberg einen neuen Film abgeliefert. Ich habe ihn mir heute angesehen

DISCLOSURE DAY – DER TAG DER WAHRHEIT (1:2.35, 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Disclosure Day
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA 2026
Regie: Steven Spielberg
Darsteller: Emily Blunt, Josh O’Connor, Colin Firth, Eve Hewson, Colman Domingo
Kinostart: 10.06.2026

Gerade als die ganze Welt am Vorabend eines Krieges steht, will der Cyberspezialist Dr. Daniel Kellner hochbrisantes Material, das seit Jahrzehnten von Behörden streng gehütet wird, der Weltöffentlichkeit zugänglich machen. Ihm auf en Fersen sind Einheiten der WARDEX, die ihn von seinem Vorhaben abhalten wollen. Zur gleichen Zeit macht die TV-Moderatorin Margaret Fairchild eine unheimliche Wandlung durch: sie weiß plötzlich Dinge, die sie gar nicht wissen kann und spricht Sprachen, die sie nie gelernt hat. Auch das ruft die fiesen Typen der WARDEX auf den Plan. Noch wissen Daniel und Margaret nichts voneinander. Doch das soll sich bald ändern... 1977 brachte der damals 31jährige Steven Spielberg UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART in die Kinos und hat damit Filmgeschichte geschrieben. Jetzt, mit fast 80 Jahren, kehrt er genau dorthin zurück. Die Struktur beider Filme ist frappierend ähnlich. Damals wie heute lässt er die Geschichte zweier Menschen parallel laufen bis sie sich schließlich begegnen und der Film damit seine entscheidende Wendung nimmt. Doch im vorgerückten Alter inszeniert Spielberg seine Geschichte in fast schon gemütlichem Tempo (um das Wort ”zäh” zu vermeiden). Nun mag ich ja langsam erzählte Filme sehr, doch Spielberg drückt hier zu sehr auf die Bremse. Nichtsdestotrotz versteht er sich bestens darauf Spannung zu erzeugen – wenn auch nicht durchgehend. Er gibt dem Publikum immer wieder wohl dosierte Hinweise, was hinter all den Aktionen stecken könnte, bis er dann ganz am Ende die Sache endgültig aufklärt. Und da steht dann seine Botschaft an die Welt. Eine schöne Botschaft. Und Spielberg schafft es sogar eine Verbindung zu seinem Film von 1977 herzustellen. Der Kreis schließt sich. Bemerkenswert auch die Tatsache, dass ihm sein Hauskomponist John Williams im zarten Alter von 96 Jahren den Score zum Film lieferte. Und der ist exzellent wie immer – sogar mit Chorstimme. Meine Einschätzung: der Film wirkt bei einer Zweitsichtung vermutlich noch besser. Und was bietet sich da besser an als ihn im Oktober in Karlsruhe im 70mm-Format zu sehen.
Dienstag, 09. Juni 2026
Musik machen mit dem Vibrator
Heute stand mal wieder ein Dokumentarfilm auf dem Programm

ENSEMBLE MODERN – WHY WE PLAY (1:1.85, 5.1)
Verleih: Arsenal Filmverleih
Land/Jahr: Deutschland 2026
Regie: Thorsten Schütte
Kinostart: 11.06.2026

Sie sind weltberühmt, doch niemand kennt sie. 18 Musiker, die zusammen das ”Ensemble Modern” bilden, ein Orchester, das sich der zeitgenössischen Musik verschrieben hat. In seinem Dokumentarfilm gibt Thorsten Schütte tiefe Einblicke in die Arbeitsweise des seit Jahrzehnten agierenden Ensembles und lässt viele der Mitglieder zu Wort kommen. Der Film beobachtet die Zusammenarbeit des Kollektivs mit modernen Komponist:innen beim Einstudieren neuer Werke. Der Klangvielfalt scheinen dabei keine Grenzen gesetzt. Mal sind es sphärische Klänge, mal unangenehme Geräuschkulissen, die die Musiker aus ihren Instrumenten zaubern. Da wundert es nicht, wenn im ”Werkzeugkasten” eines der Musiker auch ein alter Vibrator zu finden ist, mit dem man ungewöhnliche Klänge erzeugen kann. Was ist die Motivation der Musiker? Wie gehen sie mit dem Alter um? Fragen, die sich Schütte beantworten lässt, während er parallel Proben und Diskussionen mit den Komponist:innen schneiden lässt. So entsteht ein extrem unterhaltsamer Film, der gleichzeitig zeitgenössische Musik nahe bringt und ungewöhnliche Menschen porträtiert.

Dienstag, 02. Juni 2026
Es geht um den Höhepunkt
Hurra – endlich mal wieder eine Pressevorführung!

CHÉRI, ICH KOMME! – DIE ERFINDUNG DER LUST (1:1.85, 5.1)
OT: Pour Le Plaisir
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Frankreich 2026
Regie: Reem Kherici
Darsteller: Alexandra Lamy, François Cluzet, Reem Kherici
Kinostart: 23.07.2026

Nach 20 Ehejahren und etlichen Stunden bei ihrer Sex-Therapeutin gesteht Fanny ihrem Mann Thomas, dass sie noch nie einen Orgasmus hatte. Der ist freilich vollkommen perplex und weiß gar nicht wie ihm geschieht. Da macht sich der arbeitslose Bastler und Tüftler daran, seiner Frau einen Orgasmus zu bereiten – mit Lötkolben, Servomotor und allem was die Werkstatt hergibt... Was im Original ganz dezent ”Für die Lust” oder ”Für das Vergnügen” heisst, wurde für den deutschen Markt etwas reisserisch mit ”Chéri, ich komme!” übersetzt. Damit man auch gleich weiß was Sache ist. Inszeniert wurde der Film über die Erfindung eines revolutionären Sex Toys von Regisseurin Reem Kherici nach wahren Begebenheiten – natürlich mit allen künstlerischen Freiheiten, die den Stoff kinotauglich machen sollen. Das gelingt sogar recht ordentlich und artet nicht derart aus, wie man es von thematisch ähnlichen US-Filmen kennt. Freilich wird auch hier an der ein oder anderen Stelle der Bogen etwas überspannt. Aber wirklich nur ein klein wenig. Großer Pluspunkt: an einer Stelle im Film musste ich tatsächlich lachen! Das hatte aber nichts mit dem Thema des Films zu tun, sondern vielmehr mit ein paar Fischen und ihrem düsteren Schicksal. Immerhin. Alexandra Lamy und François Cluzet spielen das Paar, das sich dem weiblichen Orgasmus annimmt und man schaut ihnen gerne dabei zu. Nicht was Sie denken! Alles in allem hat Kherici die ganze Sache als Komödie inszeniert. Eine, die im Nachgang nach dem Kinobesuch vielleicht für ein paar heise Diskussionen sorgen könnte.


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