Wolfram Hannemann

Filmkritiker · Freelance Journalist · Filmemacher

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Dienstag, 07. Juli 2026
Im Kopf des Träumers
Heute stand ein visuell betörendes Werk auf meinem Kinofahrplan

RESURRECTION (1:1.33, 1:1:85, 1:2.35, 5.1)
OT: Kuang Ye Shi Dai
Verleih: Plaion Pictures
Land/Jahr: China, Frankreich 2025
Regie: Bi Gan
Darsteller: Shu Qi, Jackson Yee, Mark Chao
Kinostart: 25.06.2026

Filmposter: RESURRECTION In einer Zukunft, in der die Menschen das Träumen verloren oder aufgegeben haben, bleibt ein Wesen übrig, das noch träumen kann: der Fantasmer. Eine Frau begegnet diesem Wesen und dringt in seine Träume ein, um zu verstehen, was in ihm verborgen liegt... Wodurch Bi Gans fast dreistündiger Film beeindruckt sind seine Bilder, die er gemeinsam mit Kameramann Dong Jingson erschaffen hat. Sie sind traumhaft und alptraumhaft zugleich und saugen die Betrachtenden ganz tief in sich hinein. Aufgeteilt in mehrere Kapitel mit unterschiedlichen Bildformaten und Filmstilen – vom Stummfilm bis hin zu einer beeindruckenden Plansequenz. Es ist eine Art Jahrhundertreise durch Kino, Erinnerung und chinesische Geschichte. Wer eine klare lineare Story erwartet, dürfte vermutlich eher überrascht werden; der Film setzt stark auf Atmosphäre, Bildwucht, Metaphysik und cineastische Referenzen.
Sonntag, 05. Juli 2026
Ein Klavierstimmer knackt Tresore
Heute mal wieder ein Kinoausflug der sich mehr als gelohnt hat

THE PIANO TUNER (1:1.85, 5.1 + Atmos)
OT: Tuner
Verleih: DCM
Land/Jahr: USA, Kanada 2025
Regie: Daniel Roher
Darsteller: Leo Woodall, Dustin Hoffman, Havana Rose Liu, Alisen Richmond-Peck, Jean Reno
Kinostart: 02.07.2026

Filmposter: THE PIANO TUNER Niki White ist ein hochbegabter Klavierstimmer mit absolutem Gehör. Doch er leider unter einer Krankheit, die seine Ohren überempfindlich machen und ihn alle Umweltgeräusche extrem wahrnehmen lässt. Nur mit Ohrstöpseln und Kopfhörern kann er überleben. Als gerissene Gangster zufällig sein akustisches Talent erkennen, heuern sie ihn an Tresore für sie zu öffnen. Um seinem Mentor aus einer misslichen finanziellen Lage zu helfen, lässt er sich darauf ein. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als er Musikstudentin Ruthie kennen- und lieben lernt... Dass Regisseur Daniel Roher seinen Film nur des Sounddesigns wegen realisiert hat, merkt man ihm in jeder Einstellung an. Sounddesigner Johnnie Burn hat hier ganze Arbeit geleistet. Ihm ist es zu verdanken, dass wir als Zuschauer in die akustische Welt von Niki eintauchen können und exakt so hören, wie er seine Welt wahrnimmt. Und die steht im krassen Gegensatz zu den Hörgewohnheiten anderer Menschen. Die Tonebene wechselt immer wieder zwischen diesen beiden Welten. Dabei reizt die Tonspur die Vorzüge des Dolby Atmos Verfahrens bis zur Schmerzgrenze aus. Wer die Möglichkeit hat, den Film in einem Dolby Cinema zu sehen und zu hören, sollte davon unbedingt Gebrauch machen. Optisch und akustisch ist das ein Filmerlebnis auf höchstem Niveau. Und was bietet der Film sonst? Ein tolles, originelles Drehbuch, überzeugende Darsteller, einen perfekt integrierten Jazz-Score (Will Bates, inklusive einem Kurzauftritt von Herbie Hancock), eine Hochglanz Kameraarbeit (Lowell A. Meyer) und ein atemloses Schnitttempo (Greg O'Bryant). Mit einem Satz: ein Kinoerlebnis für alle Sinne. Mein Geheimtipp für Juli.
Donnerstag, 02. Juli 2026
Sind wir noch sicher?
Heute gab es einen beklemmenden Thriller mit Realitätsbezug

STAATSSCHUTZ (1:1.85, 5.1)
Verleih: Plaion Pictures
Land/Jahr: Deutschland 2026
Regie: Faraz Shariat
Darsteller: Chen Emilie Yan, Jean Philippe Kodjo Adabra, Kathrin Angerer, Julia Jentsch
Kinostart: 27.08.2026

Filmposter: STAATSSCHUTZ Kaum tritt Seyo Kim, deutsche Staatsbürgerin mit asiastischer Abstammung, ihr Amt als Staatsanwältin an, entkommt sie nur knapp einem rechtsextremen Anschlag. Als sie selbst die Ermittlungen übernehmen will, stößt sie bei ihren Kollegen und Vorgesetzten jedoch auf eine unsichtbare Mauer. Die wollen die Geschichte als Bagatelldelikt zu den Akten legen. Doch Kim ist fest entschlossen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Mit extremen Folgen... Erweitert man den Filmtitel nur um einen einzigen Buchstaben und macht daraus STAATSSCHMUTZ, dann trifft das den Kern des Themas durchaus. Denn in Faraz Shariats Thriller geht es um die Unterwanderung der Staatsanwaltschaften sowie der Polizei durch Rechtsextreme. Dass der Thriller nicht nur ein Hirngespinst ist, belegen ähnlich gelagerte Fälle aus der jüngeren deutschen Geschichte. Auch wenn der Film an manchen Stellen etwas überspitzt wirkt, so verlässt man den Kinosaal dennoch mit einem sehr unguten Gefühl. Weil man weiß, wie fragil die deutsche Demokratie inzwischen geworden ist. Shariat inszeniert seinen Film souverän spannend. Es gibt bewusst keine ästhetischen Bilder, der Film wirkt grau, kalt und dunkel. Keine lebenswerte Welt, die hier gezeigt wird – in einem Thriller mit sehr realem Touch.