Filmkritiker · Freelance Journalist · Filmemacher
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Donnerstag, 10. September 2026 Lehrerin contra Systemsprenger Ein bisschen schwarzer Humor hat noch nie geschadet BAD APPLES (1:1.85, 5.1) OT: Bad Apples Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland Land/Jahr: Großbritannien 2025 Regie: Jonatan Etzler Darsteller: Saoirse Ronan, Eddie Waller, Nia Brown, Jacob Anderson, Rakie Ayola, Robert Emms, Sean Gilder Kinostart: 10.09.2026
Wie umgehen mit Systemsprengern? Grundschullehrerin Maria ist mit den Gewaltausbrüchen des 10järigen Danny
komplett überfordert. Die Schulleitung verweigert ihr aus Kostengründen Hilfe. Die nicht gerade
durchsetzungsstarke Maria wird also mit dem Problem alleingelassen. Doch der Zufall hilft ihr: Sie erwischt
Danny beim Demolieren von Autos. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Und plötzlich ist Danny bewusstlos. Ohne zu
überlegen nimmt ihn Maria mit in ihr Haus – und sperrt ihn in den Keller... Wenn das Erziehungssystem versagt,
hilft nur noch Eigeninitiative. So funktioniert das zumindest in Jonatan Etzlers schwarzhumorigem Drama, das
mit ein paar netten Plot Twists aufwartet. Getragen wird der Film von der Irin Saoirse Ronan, die in der Rolle
der Lehrerin Maria einmal mehr zu Hochform auflaufen darf. Der exzellent fotografierte (Nea Harnebrandt
Asphäll) und mit einem perfekten Score (Chris Roe) ausgestattete Film behandelt ein gesellschaftsrelevantes
Thema auf unterhaltsame Weise. Und man fragt sich instinktiv: würde ich genauso handeln wie Maria? Die Antwort
darauf dürfte sicher eine hitzige Diskussion auslösen.
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Dienstag, 08. September 2026 Geschichtsmikrokosmos und TV-Geschichte Ein packendes Double Feature wie schon lange nicht mehr HEIMSUCHUNG - EINE JAHRHUNDERTGESCHICHTE (1:1.85, 5.1 + Atmos) Verleih: Studiocanal Land/Jahr: Deutschland 2026 Regie: Volker Schlöndorff Darsteller: Martina Gedeck, Susanne Wolff, Lars Eidinger, Michael Maertens, Ulrich Matthes, Angela Winkler, Detlev Buck, Ludwig Trepte, Wigand Witting Kinostart: 15.10.2026
Ein malerisches Grundstück an einem See nahe Berlin wird zum Schauplatz wechselnder Besitzer und ihrer
Schicksale – geprägt von den historischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts. In den 1930er-Jahren erwirbt
ein jüdischer Tuchfabrikant einen Teil des Grundstücks für seine Familie, muss ihn jedoch schon bald wieder
verkaufen. Nebenan errichten ein Architekt und seine Frau ein modernes Haus. Nach dem Zweiten Weltkrieg
versucht der Architekt in Ostberlin Fuß zu fassen, scheitert jedoch am DDR-System und flieht mit seiner Frau
in den Westen. Das Haus geht daraufhin an eine Schriftstellerin und ihren Mann, die Deutschlands Nazi-Zeit im
sowjetischen Exil überlebt haben. Bis zum Mauerfall wird schließlich deren Enkelin hier ihre Sommer
verbringen... Selten hat mich in letzter Zeit ein Film so berührt wie Volker Schlöndorffs kleines Epos.
Entstanden nach dem autobiographisch angehauchten Roman von Jenny Erpenbeck wird der Film zu einem Mikrokosmos
deutscher Geschichte. Frei nach dem Motto "Wenn ein Haus erzählen könnte" lässt Schlöndorff viele Jahrzehnte
Revue passieren – stets aus der Perspektive der Menschen, deren Lebensmittelpunkt jenes Haus am See bildete.
Da wird vom Krieg erzählt, ohne ihn je zu zeigen. Von Vertreibung, von Verfolgung, von Deportation – die
Grausamkeit entwickelt sich hier allein im Kopf der Zuschauenden und wirkt dadurch um ein Vielfaches mehr.
Großen Anteil an der emotionalen Wirkung des Films hat der Score von Annette Focks, die mit ungewöhnlichen
Klängen und einem wortlosen Chor arbeitet. Die Bilder von Kameramann Axel Schneppat mit ihrer stimmigen
Farbgebung erzeugen immer wieder magische Momente. Das handverlesene Ensemble um Lars Eidinger und Martina
Gedeck geht in seinen Rollen auf und wirkt dadurch extrem authentisch – sogar Detlev Buckin in der Rolle eines
brutalen Patriarchs. HEIMSUCHUNG ist großes Kino, das einen nicht mehr loslässt. Mein Fazit: unbedingt
ansehen.
PRIMETIME (1:1.50, 5.1 + Atmos) OT: Primetime Verleih: Leonine Studios Land/Jahr: USA 2026 Regie: Lance Oppenheim Darsteller: Robert Pattinson, Skyler Gisondo, Anna Faris, Merritt Wever Kinostart: 24.09.2026 |
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Mittwoch, 02. September 2026 Müßiggänger und Zukunftsmenschen Selten genug: ein Pressedoppel. Ich hab's genossen. NICHTSNUTZE (1:1.85, 5.1) Verleih: Camino Land/Jahr: Deutschland 2026 Regie: Sedat Aslan Darsteller: Deniz Arora, Sina Tkotsch, Benito Bause, Constantin von Jascheroff Kinostart: 22.04.2027
Mit Anfang 30 sollte man eigentlich wissen, wo die Reise hingeht. Emre allerdings lässt sich lieber treiben.
Verantwortung, Karriere, Zukunft? Kann warten. Doch zwischen Freunden, Beziehungen und den Erwartungen seiner
Umwelt gerät sein entspanntes Leben zunehmend ins Wanken. Plötzlich muss sich der Heidelberger Nichtsnutz
fragen, was er eigentlich vom Leben will... Bereits in der ersten Hälfte seines Debütfilms zeigt Regisseur
Sedat Aslan, dass er sein Handwerk souverän beherrscht. Einfallsreiche Bildgestaltung, flotte Schnitte,
moderne Musik und dazu noch Mono- und Dialoge, die ebenso tiefschürfend wie originell sind. Laut eigenem
Bekunden wollte er "einen schnellen, handlungs- und musikgetriebenen Unterhaltungsfilm über junge Erwachsene,
der komisch, emotional und genreübergreifend erzählt und dabei gesellschaftliche Fragen stellt, ohne sie vor
sich herzutragen" machen. Genau das gelingt ihm auch Dank eines gut aufgelegten Casts wirklich gut. Die zweite
Hälfte des Films lässt dann aber spürbar nach. Da wird es plötzlich brutal und gefährlich und die Story wird
als Drehbuch entlarvt. Will heissen: die Stimmung kippt und die Handlung wirkt zu konstruiert. Das ist
freilich sehr schade, zumal der Anfang wirklich rundum gelungen ist. Doch gemessen daran, dass es ein
Debütfilm ist, darf man trotzdem schon jetzt auf Aslans nächsten Film gespannt sein.
CORPUS DELICTI (1:2.35, 5.1) Verleih: Leonine Studios Land/Jahr: Deutschland 2026 Regie: Lena Stahl Darsteller: Hannah Herzsprung, Damian Hardung, Alexander Fehling, Haley Louise Jones, Christian Friedel Kinostart: 01.10.2026 |
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Dienstag, 01. September 2026 Blutwurst mit Wiener Schmäh Heute gab sich Isabelle Huppert als Vampirgräfin die Ehre in der Pressevorführung DIE BLUTGRÄFIN (1:1.85, 5.1) Verleih: Neue Visionen Land/Jahr: Österreich, Luxemburg, Deutschland 2026 Regie: Ulrike Ottinger Darsteller: Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Thomas Schubert, Lars Eidinger, André Jung Kinostart: 29.10.2026
Alle 25 Jahre taucht sie in Wien auf – die Blutgräfin Elizabeth Bathory, deren Appettit auf das Blut junger
Mädchen legendär ist. Jetzt ist es wieder soweit und so hat die Bathory ihren großen Auftritt im Wien der
Gegenwart. Nicht nur ihren blutigen Hunger will sie stillen, sondern auch ein mysteriöses Buch finden, bei
dessen Lektüre Vampire wieder menschlich werden – und das darf freilich nicht sein! – Ziemlich opulent gibt
sich Ulrike Ottingers Vampirgroteske. Das zumeist nächtliche Wien als imposante Kulisse, Isabelle Huppert als
Grande Dame in wallenden Gewändern, dazu alles gewürzt mit einer großen Prise Wiener Schmäh. Dass die Bilder
so beeindruckend sind, wundert nicht weiter. Schließlich hat sie einer der besten Kameramänner Österreichs
eingefangen: Martin Gschlacht. Sein Spiel mit Licht und Farben hebt den Film auf ein hohes Niveau. Was das
Drehbuch angeht, das Regisseurin Ulrike Ottinger gemeinsam mit Elfriede Jelinek geschrieben hat, so darf man
durchaus mit den Achseln zucken. Das ist freilich alles weder ernst noch böse gemeint, wird sich aber
vermutlich vielen Zuschauenden nicht so recht erschließen – mich mit eingeschlossen. Man hat fast den
Eindruck, Huppert wollte endlich mal Blut lecken und Ottinger ist bereitwillig aufgesprungen. Sie serviert
nicht nur Blutwurst, sondern gibt auch noch Conchita Wurst dazu – samt Gesangseinlage. Mit fast zwei Stunden
ist der Film auf jeden Fall zu lang, zumal die morbiden Scherze in Dauerschleife laufen. In die Tonspur wird
dann auch noch schwülstige Orchestermusik gegossen – der Tanz der Vampire kann beginnen. Ach was war Polanskis
Ausflug ins Vampirgenre dagegen noch großartig!
WHERE THE WAVES TOOK HER (1:2.35, 5.1) Verleih: UCM.ONE GmbH Land/Jahr: Deutschland 2025 Regie: Jana Stallein Kinostart: 03.09.2026
In ihrem visuell beeindruckenden Dokumentarfilm begleitet Regisseurin Jana Stallein die Berliner Hebamme
Anne-Katrin bei ihrer ersten Mission auf einem Seenotrettungsschiff. Ihr Einsatz ist im Mittelmeer, über das
unzählige Menschen vom afrikanischen Kontinent nach Europa flüchten. Stallein dokumentiert Einsätze, bei denen
Menschen aus überfüllten Schlauchbooten bei Tag und Nacht gerettet werden. Unterbrochen werden die hektischen
Rettungssequenzen, die mittels Langzeitbelichtung aufgenommen wurden, um die Anonymität der Flüchtlinge zu
wahren, von Studioaufnahmen mit Frauen, denen die gefährliche Flucht übers Mittelmeer gelang. Sie erzählen aus
dem Off von den Traumata, die sie bei ihrer Flucht erfahren haben. Auf der Bildebene sitzen sie auf einem
Stuhl inmitten eines dunklen, wassergefüllten Beckens vor einer Rückproleinwand, auf der Meereswellen oder
auch der Nachthimmel zu sehen sind. Während sie aus dem Off erzählen, können die Zuschauenden ihre
eindringlichen Gesichter studieren. Aus den Erzählungen wird klar, warum diese Frauen, die stellvertretend für
unzählige andere Frauen sprechen, die gefährliche Flucht überhaupt angetreten haben. Insbesondere was es
bedeutet, als schwangere Frau fliehen zu müssen. Wenn Anne-Katrin und der Rest der Bootsbesatzung am Ende der
ersten Mission 200 Flüchtlinge gerettet hat, wird schnell klar, dass dies nur ein Tropfen auf dem heissen
Stein sein kann. Großen Anteil an der Wirkung des Films, der emotional aufrüttelt, hat die Filmmusik
(Komponist: Henric Schleiner).
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