Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Samstag, 30. Oktober 2010
Fäkalien fliegen dir um die Ohren!
Am Samstag nutze ich meinen Ausflug in ein Kinocenter in der Pfalz, um einen Film anzuschauen, den sich der deutsche Filmverleiher in Stuttgart nicht der Presse zu zeigen traute. Jetzt weiß ich warum!

JACKASS 3D (1:1.85, 2k Digital, 3D, PCM 5.1)
OT: Jackass 3D
Verleih: Paramount
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Jeff Tremaine
Darsteller: Johnny Knoxville, Steve-O, Jason Acuña
Kinostart: 28.10.2010

Wer die MTV-Serie JACKASS kennt und auch die bisherigen Kinofilme gesehen hat, der weiß vermutlich, worauf er sich einlässt. In loser Folge präsentieren Johnny Knoxville und seine Kumpels Stunts, bei denen es nicht darauf ankommt, unversehrt davonzukommen, sondern ganz im Gegenteil: je weher es tut, desto besser! Doch bei aller Liebe zu verrückten Leuten muss ich dringend vom Besuch dieses Films abraten. Hier wird die Grenze des guten Geschmacks auf extreme Art und Weise strapaziert. Hier wird gepinkelt, gekotzt und geschissen, dass man sich nur noch wundern kann, was heutzutage alles von der FSK abgesegnet wird! Derartige “Unterhaltung” auf unterstem Niveau würde ich als Pornographie bezeichnen. Was die 3D-Technik angeht, so wirkt die nicht immer gut. Zu vermuten ist, dass Sequenzen mit versteckter Kamera in nur in 2D aufgenommen wurden. Aber das ist angesichts des Inhalts des Films auch nicht weiter tragisch.
Freitag, 29. Oktober 2010
Lachend ins Wochenende – oder auch nicht
Das Ende der Pressewoche bescherte mir zwei vollkommen unterschiedliche amerikanische Komödien.

ICH SEHE DEN MANN DEINER TRÄUME (1:1.85, DD 3.0)
OT: You Will Meet A Tall Dark Stranger
Verleih: Concorde
Land/Jahr: USA, Spanien 2010
Regie: Woody Allen
Darsteller: Gemma Jones, Pauline Collins, Sir Anthony Hopkins, Naomi Watts, Josh Brolin, Freida Pinto
Kinostart: 02.12.2010

Während sich ihre Mutter ständig ihre Zukunft vorhersagen lässt, gerät die Ehe von Sally in eine Schieflage. Ihr Mann Roy versagt als Schriftsteller und fühlt sich zur attraktiven Nachbarin Dia hingezogen. Sally selbst findet ihren Chef, den Galleriebesitzer Greg, unwiderstehlich. Ihr geschiedener Vater hingegen will ein Call-Girl heiraten... In seinem neuesten und abermals in London angesiedelten Film zeigt uns Woody Allen sein “Business as Usual”, indem er die Dummheit der Menschen bloßstellt. Die Beziehungskonstellationen sind allesamt nicht neu und eigentlich reine Klischees, doch in jedem Klischee steckt auch ein Fünkchen Wahrheit. Sein Mikrokosmos ist wie immer äußerst amüsant anzuschauen und hat darüber hinaus eine exzellente Besetzung zu bieten.

STICHTAG (1:2.35, DD 5.1)
OT: Due Date
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Todd Phillips
Darsteller: Robert Downey Jr., Zach Galifianakis, Michelle Monaghan
Kinostart: 04.11.2010

Ein unglücklicher Zufall will es, dass ein Architekt und ein angehender Schauspieler auf dem Flughafen von Atlanta Flugverbot erteilt bekommen. Da beide so schnell wie möglich nach Los Angeles reisen müssen – der Architekt wird Vater und der Schauspieler hat ein Vorsprechen – beschließen sie gemeinsam ein Auto zu nehmen. Dumm nur, dass der Eine für den Anderen nur Verachtung empfindet – und er Weg nach LA ist sehr lange... Lose in Anlehnung an John Hughes Klassiker TRAINS, PLANES AND AUTOMOBILES erzählt Regisseur Todd Phillips die Geschichte von Feinden, die während ihrer gemeinsamen Reise zu Freunden werden. Doch lieferte Phillips mit HANGOVER noch eine richtig schöne und optisch ansprechende Komödie ab, so enttäuscht STICHTAG leider über weite Teile. Nur gelegentlich attackiert er die Lachmuskeln des Zuschauers und auch nur dann, wenn er politisch vollkommen inkorrekt wird. Mein Tipp: man greife zum Original – John Candy und Steve Martin sind unübertroffen!
Donnerstag, 28. Oktober 2010
Als John noch kein Beatle war
Die interessantesten Geschichten schreibt nach wie vor das Leben. Einen neuen Beweis dafür lieferte das heutige Screening.

NOWHERE BOY (1:2.35, DD 5.1)
OT: Nowhere Boy
Verleih: Senator
Land/Jahr: Großbritannien 2009
Regie: Sam Taylor-Wood
Darsteller: Aaron Johnson, Kristin Scott Thomas, David Threlfall
Kinostart: 08.12.2010

In den späten fünfziger Jahren wächst der junge John Lennon bei seiner gefühlskalten Tante in Liverpool auf. Eines Tages erfährt er, dass seine leibliche Mutter nur eine Meile vom Haus seiner Tante entfernt lebt und beschließt sie zu besuchen. Durch sie lernt er zwar den Rock’n Roll kennen, erfährt aber nie etwas über die gemeinsame Vergangenheit. John entwickelt sich zum Rebellen, bekommt Ärger in der Schule und muss sich schließlich zwischen seiner Mutter und seiner Tante entscheiden... In ihrem sehr liebevoll mit dem passenden Zeitkolorit ausstaffiertem Film schildert Regisseurin Sam Taylor-Wood die schwere Jugend des John Lennon, der ständig von Alpträumen gequält wird. Keine der beiden Frauen in seinem Leben – seine Tante und seine Mutter – erkennt, wie es um ihn steht, wie sehr er unter der Zerrissenheit leidet. In dieser Zeit treten Paul McCartney und George Harrison in sein Leben, mit denen er zusammen eine Band gründet. Der Film lebt von seinen guten Darstellern, von denen mich persönlich Kristin Scott Thomas in der Rolle der Tante am meisten beeindruckt hat. Beeindruckend auch die Tatsache, dass die jungen Darsteller ihre Songs selber singen. Der Film endet mit Johns Reise nach Hamburg, um dort mit der Band aufzutreten. Der Rest ist Geschichte.
Mittwoch, 27. Oktober 2010
Beziehungen
Ob im Monsterland oder auf der Highschool – in den heutigen Pressevorführungen ging es nur um das Eine: Beziehungen.

MONSTERS (1:2.35, DD 5.1)
OT: Monsters
Verleih: Capelight (SquareOne)
Land/Jahr: Großbritannien 2010
Regie: Gareth Edwards
Darsteller: Whitney Able, Scoot McNairy
Kinostart: 09.12.2010

Im Auftrag ihres Vaters soll ein Fotograf dessen Tochter von Mexiko wieder nach Hause bringen. Ihre Reise führt die beiden durch das mexikanisch-amerikanische Grenzgebiet, welches als “infizierte Zone” deklariert wurde, seit dort eine Sonde mit Außerirdischen gelandet ist. Ein gefährliches Abenteuer beginnt... Wer jetzt aufgrund des Titels an einen “Monster machen Jagd auf Touristen”-Film erwartet, der irrt gewaltig. Es gibt zwar furchterregende Monster in Gareth Edwards‘ Film zu sehen, doch sein Hauptaugenmerk gilt der Beziehung seiner Protagonisten. Beide haben Probleme zuhause und kommen sich während ihrer unfreiwilligen Reise näher als sie haben möchten. Warum Edwards sein Beziehungs-Road-Movie ausgerechnet mit Monstern (die mich -nebenher bemerkt – an die unheimlichen Wesen aus DER NEBEL von 2007 erinnerten) garniert, bleibt mir ein Rätsel. Weitaus interessanter finde ich die Tatsache, dass Gareth Edwards nicht nur für die Regie verantwortlich zeichnet, sondern auch das Drehbuch schrieb, selbst die Kamera führte und das Produktionsdesign entwarf. Eine reife Leistung.

EINFACH ZU HABEN (1:1.85, DD 5.1)
OT: Easy A
Verleih: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Will Gluck
Darsteller: Emma Stone, Penn Badgley, Amanda Bynes
Kinostart: 11.11.2010

Olive ist total durchschnittlich. An ihrer Highschool wird sie so gut wie nicht wahrgenommen, was ihr ziemlich zu schaffen macht. Das ändert sich spontan, als sie unfreiwillig das Gerücht in die Welt setzt, dass sie Sex mit einem Unbekannten hatte. Die Lüge verbreitet sich als Wahrheit wie ein Lauffeuer durch die gesamte Highschool und verhilft Olive damit zu einem hohen Bekanntheitsgrad. Doch eine Lüge gesellt sich zur nächsten und schon bald gilt sie als die größte Schlampe ihrer Schule... Gemessen an den unverhohlenen sexuellen Anspielungen in EINFACH ZU HABEN, waren die Teen-Movies des John Hughes, die in den 80er-Jahren durch die Kinos geisterten und seinerzeit als bahnbrechend galten in Bezug auf die Darstellung pubertierender Teenager, ziemlich harmlos. Denn Prüderie ist in diesem Film wahrlich ein Fremdwort! Das liegt freilich daran, dass sich die Zeiten seit damals sehr verändert haben und einstige Tabus heute keine mehr sind. Ist man bereit, sich darauf einzulassen, so gewinnt man dem Film sicherlich ein paar wirklich nette Pointen ab (unter anderem witzige Referenzen auf die John Hughes Filme!). Doch mit der Zeit wird man der tabulosen Verbalerotik leider überdrüssig. Weniger ist manchmal eben mehr.
Montag, 25. Oktober 2010
Die Nacht zum Tag gemacht
Passend zum Film lud uns der Filmverleih zu fast mitternächtlicher Stunde zum Horrorspektakel ein. Dass wir das Auto direkt vor der Blutzentrale geparkt haben war natürlich kein Zufall...

WIR SIND DIE NACHT (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Constantin
Land/Jahr: Deutschland 2010
Regie: Dennis Gansel
Darsteller: Karoline Herfurth, Nina Hoss, Jennifer Ulrich, Anna Fischer, Max Riemelt
Kinostart: 28.10.2010

Die Kleinkriminelle Lena gerät nachts durch Zufall in einen exklusiven Club, der von der lasziven Louise und ihren beiden Gespielinnen betrieben wird. Sie gerät in Louises Bann und wird von ihr – gebissen! Louise und ihre Mädels entpuppen sich als Vampire. Lenas Verwandlung beginnt – sie wird selbst zum Vampir. Anfangs zwar noch widerwillig, doch schon bald beginnt sie das Leben im Luxus zu genießen. Die Mädchengruppe macht die Nacht zum Tage... Dass ein deutscher Regisseur es schafft, für ein Horrorfilmprojekt Geldgeber zu finden, ist schon eine kleine Sensation an sich. Dass Dennis Gansel dann aber gleich einen so vorzüglichen Film abliefert wie diesen, das ist dann echtes Talent! Gansel und seinem Kameramann Torsten Breuer ist ein greller und richtig stylischer Genre-Film gelungen, der hippe Locations in Berlin extrem gut zu nutzen versteht. Richtig gut ist auch die Besetzung. Denn wenn die Mädels in schicken Klamotten und PS-starken Sportwagen auf Nachtstreife gehen, dann könnten die Gesichter nicht besser passen. “Wir fressen, saufen, koksen und vögeln so viel wir wollen und werden weder fett, schwanger noch süchtig” lässt Gansel seine Vampirin Nora sprechen – besser könnte man die Stimmung wahrlich nicht zusammenfassen. Ein wichtiger Bestandteil des Films ist auch die Filmmusik. Komponist Heiko Maile liefert einen atemberaubenden Score ab, der immer wieder durch stimmige Songs ergänzt wird. Fazit: handwerklich perfektes Unterhaltungskino mit einer großen Portion Blut, Erotik und Fun!
Freitag, 22. Oktober 2010
Franzosentag
Gleich zwei französische Filme hatte das Presse-Happening heute für mich im Angebot...

VERGISSMICHNICHT (1:2.35, DD 5.1)
OT: L' âge De Raison
Verleih: Schwarz-Weiss (Filmagentinnen)
Land/Jahr: Frankreich 2010
Regie: Yann Samuell
Darsteller: Sophie Marceau, Marton Csokas, Michel Duchaussoy
Kinostart: 23.12.2010

An ihrem 40. Geburtstag erhält Karrierefrau Margaret ungewöhnliche Post – übergeben von einem alten Notar. Obgleich sie die Briefe gar nicht lesen möchte und viel lieber in harte Verhandlungen mit Kunden gehen möchte, kann sie ihre Neugierde nicht überwinden: sie öffnet den ersten Brief und muss feststellen, dass alle übergebenen Briefe von ihr selbst stammen – geschrieben im Alter von sieben Jahren und übergeben an einen Notar mit dem Auftrag, die Briefe am 40. Geburtstag zu überreichen. Margaret taucht wieder in ihre Kindheit, die sie längst verdrängt hat und muss sich der Vergangenheit stellen... Eine gefühlvolle Komödie über eine Karrierefrau in der Midlife-Crisis – bravourös gespielt von Sophie Marceau. Der Film von Yann Samuell geht der Frage nach, ob sich die in der Kindheit gefassten Entschlüsse später im Erwachsenendasein wiederfinden oder nicht, was aus den Wünschen und Träumen der Kindheit geworden ist. Samuell findet die passenden Bilder und Geschichten dazu und sein Film sprüht dadurch nur so vor Originalität, die – ob gewollt oder nicht – an DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE erinnert. Wer Filme mag, bei denen Gefühle nicht auf Sparflamme gehalten werden, der ist bei VERGISSMICHNICHT gut aufgehoben.

SMALL WORLD (1:2.35, DD 5.1)
OT: Small World
Verleih: Majestic (Fox)
Land/Jahr: Deutschland, Frankreich 2010
Regie: Bruno Chiche
Darsteller: Gérard Depardieu, Alexandra Maria Lara, Françoise Fabian
Kinostart: 16.12.2010

Die junge Simone heiratet in eine betuchte Familie ein. Auf der Hochzeitsfeier lernt sie den etwas seltsamen Konrad kennen, einen Jugendfreund ihres Schwiegervaters. Doch die Familie macht ein großes Geheimnis um ihn. Als sie merkt, dass Konrad unter Alzheimer leidet, kümmert sie sich um ihn. Stück um Stück beginnt sich das Familiengeheimnis wie ein Puzzle zu lösen... Dreh- und Angelpunkt der Bestsellerverfilmung nach Martin Suter ist der schwergewichtige Gérard Depardieu in der Rolle des Konrad, der hier eine wahre Glanzleistung abliefert. Warum aber Alexandra Maria Lara als Simone gegen Ende des Films fast schon wegdiffundiert und damit ein großes Loch in der Geschichte hinterlässt, bleibt mir etwas schleierhaft. Genauso schleierhaft wie die Tatsache, dass uns heute wieder einmal ein unfertiges Produkt vorgeführt wurde! Unfertig in Bezug auf die Tonspur des Films, die in der uns gezeigten Fassung offensichtlich noch Archivmusik enthielt und nicht den Score von Klaus Badelt, der im Presseheft kommuniziert wird. Ergo kann ich zu diesem Film noch keine endgültige Bewertung abliefern.
Donnerstag, 21. Oktober 2010
Die zweite Begegnung mit dem Mythos
Heute nutzte ich die Gelegenheit CARLOS noch einmal anzuschauen – allerdings im Zeitraffer.

CARLOS – DER SCHAKAL (Kurzfassung) (1:2.35, DD 5.1)
OT: Carlos
Verleih: NFP (Warner)
Land/Jahr: Frankreich, Deutschland 2010
Regie: Olivier Assayas
Darsteller: Edgar Ramirez, Alexander Scheer, Nora von Waldstätten
Kinostart: 04.11.2010

Olivier Assayas hat sein großes Terroristen-Biopic über den Mythos “Carlos” nicht nur in der 330-Minuten-Fassung abgeliefert, sondern hat den Film zusätzlich noch in einer Kurzfassung hergestellt. Und die ist immerhin noch 190 Minuten lang! Und auch in dieser Kurzversion wirkt der Film nach wie vor atemlos. Jedoch werden viele kleine, aber nicht unwichtige Details, dem Zuschauer bei der kurzen Version vorenthalten, wodurch die Zusammenhänge nicht immer klar werden. Wer die Möglichkeit hat, den Film in der integralen Fassung zu sehen, sollte diese bevorzugen. Allerdings werden die Zuschauer mit Mut zur Lücke auch noch bei der Kurzfassung bestens bedient.

Die Kurzkritik zur Langfassung gibt es hier.
Dienstag, 19. Oktober 2010
Another Slumdog
Gerade mal sechzig Minuten dauerte die heutige Pressevorführung. Hat sich der lange Anfahrtsweg dafür gelohnt? Lesen Sie selbst...

SOUL BOY (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: X Verleih (Warner)
Land/Jahr: Kenia, Deutschland 2010
Regie: Hawa Essuman, Tom Tykwer
Darsteller: Nordeen Abdulghani, Christopher Abuga, Rose Adhiambo
Kinostart: 02.12.2010

Abi lebt bei seinen Eltern in einem afrikanischen Slum. Als sein Vater eines Morgens nicht mehr derselbe zu sein scheint und behauptet, dass ihm die Seele gestohlen wurde, macht sich Abi auf zur Nyawawa. Jene geheimnisvolle Geisterfrau stellt ihm sieben Aufgaben. Erfüllt er diese binnen 24 Stunden, so wird sein Vater wieder seine Seele zurückbekommen... Der 60minütige Kinderfilm entstand im Rahmen eines Entwicklungshilfeprojekts, bei dem filmbegeisterten Nachwuchskräften aus Slums in Nairobi die Gelegenheit gegeben wurde, ihr Können unter Anleitung von Profis unter Beweis zu stellen. Das jenes Projekt erfolgreich war, beweist dieser Kurz-Spielfilm. Fabelhafte Darsteller, ungewöhnliche Drehorte und die kindgerechte Aufbereitung der Story überzeugen. Es gibt zwar verbale sexuelle Anspielungen, doch werden die mit großer Wahrscheinlichkeit von Kindern hierzulande gar nicht wahrgenommen (der Film kommt mit einer Altersfreigabe ab 6 Jahren in bundesdeutsche Kinos). Gute und auch spannende Unterhaltung für Kids.
Montag, 18. Oktober 2010
Taipeh – Mon Amour!
Ein taiwanesischer Film mit französischem Flair läutete meine Presse-Woche ein.

AU REVOIR, TAIPEH (1:1.85, DD 5.1)
OT: Yi Yè Tài Bei / Au Revoir Teipei
Verleih: Arsenal
Land/Jahr: Taiwan, USA, Deutschland 2010
Regie: Arvin Chen
Darsteller: Amber Kuo, Jack Yao, Joseph Chang
Kinostart: 25.11.2010

Kai ist traurig. Ganz alleine sitzt er jetzt in Taipeh, weil sich seine Freundin nach Paris abgesetzt hat und hilft seinen Eltern im Restaurant. Er entschließt sich, ihr nachzureisen. Im Buchladen lernt er aus einem Buch Französisch und lernt dabei die junge Susie kennen. Das notwendige Geld für das Ticket leiht er sich von seinem Onkel, einem Immobilienhai. Der fordert als Gegenleistung einen Gefallen. Das Abenteuer beginnt... Ein Hauch von Melancholie liegt in der Luft, wenn uns Regisseur Arvin Chen und sein Kameramann Michael Fimognari das nächtliche Taipeh mit all seinen Facetten und Farben vorführen. Und irgendwie fühlt man sich an französische Filme erinnert. Komödiantisch, leichtfüßig, romantisch – es scheint fast so, als wäre aus Taipeh das Paris der Liebe geworden. Die fast komplett während einer einzigen Nacht spielende Story ist unterlegt mit klassischem Jazz , der wunderbar zum Rhythmus des Films passt. Eine kleine, feine Komödie mit zarten Untertönen die anzuschauen sich lohnt.
Freitag, 15. Oktober 2010
“Machete don’t text!”
Ein perfekter No-Brainer und ein spannender Krimi rundeten eine anstrengende Filmwoche heute ab.

MACHETE (1:1.85, DD 5.1)
OT: Machete
Verleih: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Ethan Maniquis, Robert Rodriguez
Darsteller: Danny Trejo, Robert De Niro, Jessica Alba, Steven Seagal, Michelle Rodriguez
Kinostart: 04.11.2010

Weil seine Familie ausgelöscht wurde, taucht ein Ex-Cop, “Machete” genannt, unter. Als ihn ein skrupelloser Bösewicht anheuert, einen Senator zu töten und er einwilligt, gerät er in ein ausgeklügeltes Intrigenspiel. Doch “Machete” wäre nicht “Machete”, wenn er sich das gefallen lassen würde... Hier ist er also endlich: der Film zu jenem Fake-Trailer, den uns Robert Rodriguez als Bestandteil seines Grindhouse Double Features präsentierte. Danny Trejo glänzt in der Rolle des gandenlosen Rächers und lässt auch keine Gelegenheit aus, seine Lieblingsspielzeuge – Macheten und sonstige Messer – an seine Opfern auszuprobieren. Augenzwinkernd und mit jeder Menge Gore-Einlagen frönt Robert Rodriguez den achtziger Jahren “No Brainern”, die in den USA fast ausschließlich in die Autokinos verbannt wurden. Ein echtes B-Movie in 1A-Qualität, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit früher oder später auf dem Index landen wird. MACHETE mit seinen kernigen One-Linern, der grandiosen Farbgebung und seinem perfekten Cast macht richtig Spaß und hat das Zeug zum Party-Movie des Jahres!

TAKERS (1:2.35, DD 5.1)
OT: Takers
Verleih: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2010
Regie: John Luessenhop
Darsteller: Hayden Christensen, Matt Dillon, Michael Ealy
Kinostart: 28.10.2010

Kaum hat eine Gruppe von jungen Gangstern einen perfekt organisierten Banküberfall abgeliefert, bereiten sie den nächsten Coup vor. Zwei Polizisten nehmen Witterung auf. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt... Ein atemlos gehaltener Action-Krimi, bei dem der Fortgang der Geschichte zu jedem Zeitpunkt vollkommen offen bleibt und somit seine Spannung halten kann. Auch wenn die furios inszenierten Actionsequenzen mit der inzwischen genre-typischen verwackelten Handkamera (Michael Barrett) eingefangen sind, kann man sich ihrem Sog nicht entziehen. Brauchbare Kost für alle Krimifreunde.
Donnerstag, 14. Oktober 2010
Mönche, Gangster und Videospiele
Nach langer Zeit gab es heute mal wieder drei Filme in der Pressevorführung zu sehen. Den zweiten Film kannte ich zwar schon, aber warum in die Kälte stehen, wenn es im Kino kuschelig warm ist?

VON MENSCHEN UND GÖTTERN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Des Hommes Et Des Dieux
Verleih: NFP
Land/Jahr: Frankreich 2010
Regie: Xavier Beauvois
Darsteller: Lambert Wilson, Michael Lonsdale, Olivier Rabourdin
Kinostart: 16.12.2010

Algerien in de neunziger Jahren. In einem Kloster im algerischen Tibhirine leben neun Mönche im Einklang mit der Natur, ihrem Glauben und den Menschen vor Ort, denen sie helfen. Doch die Ruhe wird zerstört, als islamistische Rebellen ganz in ihrer Nähe eine Gruppe von Gastarbeitern tötet. Der Konflikt zwischen algerischen Regierungstruppen und den Rebellen kommt immer näher und schon bald stehen die Trappisten-Mönche vor einer schweren Entscheidung: weggehen oder bleiben. Xavier Beauvois extrem ruhiger Film basiert auf dem nie aufgeklärten Mord an neun Mönchen im Jahre 1996. In epischer Breite und betörenden Bildern schildert er das von Ritualen geprägte einfache Klosterleben und der sich aus dem politischen Umfeld allmählich entwickelnde Zwiespalt zwischen Glauben und einer gewalttätigen Welt. Dem hervorragenden Schauspielerensemble ist es zu verdanken, dass die Mönche authentisch wirken. Das geht sogar so weit, dass man mitunter das Gefühl hat, eine Dokumentation zu sehen. VON MENSCHEN UND GÖTTERN kann großes Kino sein, wenn man bereit ist, sich auf den langsamen Rhythmus des Films einzulassen und die innere Zerrissenheit der Mönche nachempfinden kann. Ein Geheimtipp.

22 BULLETS (1:2.35, DD 5.1)
OT: L’Immortel
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: Frankreich 2010
Regie: Richard Berry
Darsteller: Jean Reno, Kad Merad, Marina Foïs
Kinostart: 02.12.2010

Von 22 Kugeln niedergestreckt sinkt einer der großen Paten Marseilles, Charly Mattei, in einem Parkhaus zu Boden. Allen Unkenrufen zum Trotz überlebt er den Anschlag und beginnt nach seiner Genesung einen brutalen Rachefeldzug... Richard Berrys Film ist ein hervorragender und packender Neuzugang im Genre des knallharten französischen Gangster-Films. Jean Reno scheint die Rolle des Charly Mattei förmlich auf den Leib gescrieben zu sein. Er ist nicht nur ein erbarmungsloser Gangster, sondern gleichzeitig auch ein liebender Ehemann und Vater, der alles für seine Familie tun würde. Sein Gegenspieler Tony Zacchia wird souverän von Kad Merad verkörpert, den man eigentlich nur aus komischen Rollen wie jener aus WILLKOMMEN BEI DEN SCH’TIS kennt. Die Kameraarbeit von Thomas Hardmeier rückt die französische Metropole Marseille äußerst attraktiv ins Bild und weiß auch die vielen Action-Momente des Films optisch entsprechend umzusetzen. 22 BULLETS lief bereits in diesem Jahr während des Fantasy Filmfests mit großem Erfolg und auch die zweite Sichtung des Films hat meinen Kriterien an exzellentes Genre-Kino standgehalten. Auch hier sei weniger abgehärteten Zuschauern eine kleine Warnung ausgesprochen: der Film enthält wirklich harte Szenen. Genre-Freunde werden jedoch bestens bedient. Ebenfalls ein Geheimtipp.

SCOTT PILGRIM GEGEN DEN REST DER WELT (1:1.85, DD 5.1)
OT: Scott Pilgrim Vs. The World
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Edgar Wright
Darsteller: Michael Cera, Mary Elizabeth Winstead, Kieran Culkin
Kinostart: 21.10.2010

Der 20jährige Scott Pilgrim hat zwar keinen Job, dafür spielt er aber in einer Band. Einer vollkomme unbekannten Band. Und er geht mit der 17jährigen Schülerin Knives. Allerdings nur bis er Ramona Flowers kennenlernt, die ihm mit ihren pinkfarbenen Haaren den Kopf verdreht. Doch um sie zu erobern, muss Scott Ramonas teuflische Ex-Lover besiegen. Und derer gibt es gleich sieben! Der nach einer Comic-Vorlage entstandene Film des SHAUN OF THE DEAD Regisseurs Edgar Wright sprüht nur so vor Einfallsreichtum. Da flutschen ständig Comic-Texte ins Bild, werden Bios der Hauptakteure eingeblendet, mutiert die Handlung in ein großes Videospiel, vermischt sich Realität mit Phantasie. Der Film dürfte in seiner Gestaltung damit wohl seiner Vorlage wohl sehr nahe kommen, führt dadurch aber sehr rasch zu einer Überbeanspruchung des Zuschauers. Denn der weiß oft gar nicht, wo er eigentlich hinschauen soll. Würde der Film nur 80 Minuten dauern, ginge das sicher noch in Ordnung. Jedoch ganze 112 Minuten einen Dauerflash zu ertragen geht an die Substanz. Vielleicht liegt es aber einfach nur daran, dass ich nicht mehr zur Zielgruppe gehöre.
Mittwoch, 13. Oktober 2010
Neues aus deutschen Landen
Der beste Film, den ich heute konsumiert habe, war der Film im Anschluss an die beiden Pressevorführungen: ICH – EINFACH UNVERBESSERLICH. Aber den habe ich ja vor ein paar Wochen schon besprochen...

3 (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: X Verleih (Warner)
Land/Jahr: Deutschland 2010
Regie: Tom Tykwer
Darsteller: Devid Striesow, Sophie Rois, Sebastian Schipper
Kinostart: 23.12.2010

Seit 20 Jahren kennen sich Hanna und Simon bereits. Sie leben zwar zusammen, sind aber noch immer nicht verheiratet. Natürlich kriselt es ein bisschen in der Beziehung und die beiden vernachlässigen sich gegenseitig. Da lernt Hanna den Stammzellenforscher Adam kennen und lieben. Der Zufall will es, dass auch Simon Adam kennenlernt und mit ihm eine Affäre beginnt. Noch ahnen Hanna und Simon nicht, dass sie mit demselben Mann liiert sind... Offensichtlich zieht es Deutschlands Regie-Wunder Tom Tykwer in die Kunstfilmszene. Denn waren seine Filme bislang eigentlich sehr bodenständig, so verliert sich 3 immer wieder sehr künstlichem Ambiente. Da gibt es anfangs eine Balletteinlage, die die Menage-a-Trois thematisiert. Oder Simon unterhält sich mit seiner verstorbenen Mutter, die als Engel am Himmel erscheint. Dazwischen immer wieder Landschaftsbilder mit lustiger Musik unterlegt. Hier darf sich der Zuschauer selbst einen Reim darauf machen. Wie immer liefert Tykwers Lieblingskameramann Frank Griebe atemberaubende, das CinemaScope-Format ausnutzende Bilder. Doch die Geschichte ist zu wenig für einen abendfüllenden Film. Zumindest nicht in jener Art und Weise, wie sie uns Tykwer verkaufen möchte. Und noch eine Warnung an zart Besaitete: wenn sich Simon einer Hodenkrebsoperation unterziehen muss, dann gibt es keine Abblende. Leider.

DIE KOMMENDEN TAGE (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: Universal
Land/Jahr: Deutschland 2010
Regie: Lars Kraume
Darsteller: Bernadette Heerwagen, Daniel Brühl, August Diehl
Kinostart: 04.11.2010

Erzählt wird die Geschichte zweier ungleicher Schwestern aus gutem Hause, die in den Jahren 2012 bis 2020 ihr Leben in einer Welt meistern müssen, die zunehmend vom weltweiten Krieg um Wasser und Erdöl bestimmt wird. Laura lernt Hans kennen und verliebt sich in ihn. Doch der Wunsch nach einem gemeinsamen Kind endet tragisch. Ihre Schwester Cecilia liebt ihren langjährigen Freund Konstantin, einem Aktivisten, der sich zum Terroristen entwickelt und sie mit in den Strudel zieht... Die erste Frage, die ich mir nach Sichtung des Films stellte, war diese: “Was will uns den Regisseur mit seinem Film eigentlich sagen?” Die Vermutung liegt nahe, dass hier einfach viel zu viel in einen einzigen Film gepackt wurde und dadurch die Haupthandlung allzu oft von überflüssigen Nebenhandlungen übertüncht wird. Denn für den Film ist es vollkommen unwesentlich, dass sich die Eltern der beiden Schwestern scheiden lassen wollen und ob ihr Vater tatsächlich auch der leibliche Vater ihres Bruders ist. Und wenn sich Cecilia gerne beim Gruppensex betätigt, dann darf man das einfach als Sensationslüsternheit abtun, da es für den Fortgang der Geschichte vollkommen unerheblich ist. Leider ist Lars Kraumes Film mit zu vielen unnötigen Szenen ausstaffiert und erweckt dadurch den Eindruck, es handele sich um einen auf Kinolänge zurechtgestutzter TV-Mehrteiler. Ein Kinobesuch generiert in diesem Falle mehr Frust als Lust.
Dienstag, 12. Oktober 2010
Geldgier und Pateneltern
Nachdem gestern leider falscher Pressealarm ausgelöst wurde (die versprochene Pressevorführung wurde zu spät abgesagt!), gab es heute wieder “Business as usual”...

WALL STREET – GELD SCHLÄFT NICHT (1:2.35, DD 5.1)
OT: Wall Street 2: Money Never Sleeps
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Oliver Stone
Darsteller: Michael Douglas, Shia LaBeouf, Josh Brolin
Kinostart: 21.10.2010

Acht Jahre nachdem er wegen Steuerhinterziehung und Insiderhandels in den Knast kam, kommt Börsenspekulant Gordon Gekko wieder auf freien Fuß. Jetzt vermarktet er sein gesamtes Wissen in Buchform. Bei einer seiner Vorlesungen lernt er den jungen Börsenmakler Jake kennen. Der ist zufälligerweise mit Gordons Tochter liiert und hat eben seinen Mentor durch Selbstmord verloren. Die beiden machen einen Deal: wenn Jake Gordon wieder mit seiner Tochter zusammenbringt, erhält er im Gegenzug Informationen, die den Selbstmord von Jakes Mentor rächen... In Anbetracht der weltweiten Finanzkrise sah sich Oliver Stone wohl genötigt, eine Fortsetzung zu seinem Kinohit aus dem Jahre 1987 zu machen. Symbolisch für die platzende Immobilienblase, die zur weltweiten Krise führte, bringt er – fast schon zu aufdringlich – Seifenblasen ins Bild. Das immerhin ist meisterhaft gestaltet und strotzt nur so vor schwindelerregenden Kamerafahrten. Zumindest optisch hat Stone damit den Finanzmarkt gut eingefangen. Die Story für sich betrachtet ist nicht sonderlich originell und auch etwas zu klischeehaft besetzt. Dem Zuschauer soll der Film vermutlich vermitteln, dass Geld nicht glücklich macht – und zuviel Geld schon gar nicht. Eine Botschaft, die angesichts der wirtschaftlichen Schieflage auf der Welt sicher nicht von der Hand zu weisen ist, die jedoch auch missverstanden werden könnte als eine Beschwichtigung für den kleinen Mann auf der Straße. Ein Film, den man nicht unbedingt gesehen haben muss.

SO SPIELT DAS LEBEN (1:2.35, DD 5.1) OT: Life As We Know It
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Greg Berlanti
Darsteller: Katherine Heigl, Josh Duhamel, Josh Lucas
Kinostart: 21.10.2010

Nach dem tragischen Unfalltod ihrer besten Freunde müssen Holly und Eric feststellen, dass sie als Paten für deren kleine Tochter Sophie eingetragen wurden. Dumm nur, dass sich Eric und Holly gar nicht leiden können. Doch tapfer stellen sie sich ihrer Aufgabe für Sophie Vater und Mutter zu sein... Eine typisch amerikanische Komödie, die nur dann Gefühle zu vermitteln versteht, wenn es tragisch wird. Dazwischen gibt es das Übliche wie Fäkalhumor (der sich immerhin in Grenzen hält), Missverständnisse, Eifersüchteleien usw. Wie der Film endet, steht schon von Anfang an fest. Wer dennoch überrascht sein sollte, der war vermutlich in der Steinzeit zum letzten Mal im Kino.
Sonntag, 10. Oktober 2010
Heute schon gefacebooked?
Wenn man eine Pressevorführung aufgrund eines dringenden Zahnarzttermins ausfallen lassen muss, muss man eben den Film ganz regulär im Kino “nachsitzen”...

THE SOCIAL NETWORK (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Social Network
Verleih: Sony Pictures
Land/Jahr: USA 2010
Regie: David Fincher
Darsteller: Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake
Kinostart: 07.10.2010

Im Jahre 2003 macht sich Mark Zuckerberg, Informatik-Student an der altehrwürdigen Harvard-Universität, daran, eine Idee in die Tat umzusetzen. Innerhalb von gerade zwei Wochen realisiert er das Projekt, das sich anfangs “The Facebook”: eine Website, mit der sich Studenten miteinander online vernetzen können. Der Zuspruch zu der neuen Website entwickelt sich astronomisch und schon bald ist viel Geld im Spiel. Extrem viel Geld... Jesse Eisenberg ist die optimale Besetzung für den in die Geschichte als jüngster Milliardär eingegangenen “Facebook”-Gründer Zuckerberg. Ein etwas verschrobener, nicht an Geld interessierter Workaholic, der sich eigentlich nur in Kreise einschleichen wollte, zu denen er normalerweise keinen Zugang hat. Mit ineinander geschachtelten Szenen zeigt Fincher den genialen Kopf als Angeklagten in gleich mehreren Prozessen. Denn Kommilitonen bezichtigen ihn des Ideenklaus und sein bester (und einziger) Freund verklagt ihn, weil er ihn aus der florierenden Firma ausgebootet hat. Man muss den Dialogen im Film (und davon gibt es reichlich!) schon genau folgen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Das ist leider recht mühsam, da extrem schnell gesprochen wird (ich vermute, dass man hier in der deutschen Fassung mit elektronischen Mitteln nachgeholfen hat) und die Dialoge akustisch nicht immer perfekt zu verstehen sind. Mut zur Lücke ist hier angesagt. Insgesamt liefert Fincher einen packenden Film ab und zeigt, wie Geld vollkommen ungewollt aus Freunden Feinde werden lässt.
Samstag, 09. Oktober 2010

Touristen auf der Speisekarte
Da der Filmverleiher für sein neuestes Horrorprodukt keine Pressevorführungen angeboten hat, habe ich mir das Werk gestern abend in einer extrem schwach besuchten Preview angeschaut.

PIRANHA 3D (1:2.35, 2k Digital, 3D, PCM 5.1)
OT: Piranha 3D
Verleih: Kinowelt
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Alexandre Aja
Darsteller: Elisabeth Shue, Jessica Szohr, Steven R. McQueen, Christopher Lloyd, Richard Dreyfuss, Ving Rhames
Kinostart: 14.10.2010

Nach einem Beben in einem See in Arizona werden hungrige Urzeit-Piranhas freigesetzt, die sich über die Badegäste eines kleinen Städtchens hermachen... Wenn man nicht genau wüsste, dass der Film in der Gegenwart spielt, könnte man darauf wetten, dass es sich um die achtziger Jahre handelt. Alexandre Aja versteht es auf das Vortrefflichste, in seinem Remake eines Kult-Klassikers von 1978, den damaligen Zeitgeist neu zu erfinden. Der natürlich wird aufgepeppt mit reichlich nackter Haut. “Spring Break” ist gerade angesagt und so tummeln sich zahllose Schönheiten mit XXL-Format im Piranha-bestückten See. Und die XXL-Formate der jungen Mädels dürfen jetzt sogar in 3D bestaunt werden – was der Regisseur offensichtlich gerne ausnutzt. Sogar so sehr, dass man meinen möchte, dass nur ein europäischer Regisseur den sich ansonsten sehr prüde gebenden Amerikanern eine derartige Nabelschau in Kino präsentieren darf. Trotz all den Klischees, die einen Horrorfilm wie diesen ausmachen, gelingt es Aja, seinen Film konsequent spannend zu inszenieren. Was relativ harmlos beginnt, endet in einem Blubad gewaltigen Ausmaßes – im wahrsten Sinne des Wortes. Doch geschehen die grausigsten Verstümmelungen immer mit einem gewissen Augenzwinkern, was den Film äußerst sympathisch macht. Natürlich nur für jene Zuschauer, die sich auf krassen schwarzen Humor einlassen können. Ebenfalls sympatisch ist die Begegnung mit Schauspielern, die lange nicht mehr im Kino zu sehen waren, da ihre Glanzzeiten Mitte der siebziger und Anfang der achtziger Jahre waren: Elisabeth Shue, Richard Dreyfuss (in seinem JAWS Outfit!) und Christoper Lloyd (einmal mehr als ein etwas vertrottelter Wissenschaftler). Übrigens schaut sogar Eli Roth auf einen Sprung vorbei. Die 3D-Technik überzeugt leider nicht richtig und hat große Schärfeprobleme. Das könnte das Resultat einer nachträglichen Konvertierung von 2D auf 3D sein. Überzeugend hingegen gestaltet sich die Tonebene des Films, die gekonnt alle Register der Spannungssteigerung zieht. Mein Tipp: Anschauen lohnt!
Freitag, 08. Oktober 2010
Die längste Exposition der Welt
Zum offiziellen Abschluss meiner Pressewoche gab es mal wieder einen Durchhaltefilm. Doch einer geht noch – den gibt’s aber erst heute Abend. Und die Kurzkritik dazu deshalb erst morgen im Laufe des Tages.

HOUSE OF BOYS (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Filmlichter (RealFiction)
Land/Jahr: Deutschland, Luxemburg 2009
Regie: Jean-Claude Schlim
Darsteller: Layke Anderson, Benn Northover, Udo Kier
Kinostart: 02.12.2010

Amsterdam in den achtziger Jahren. Frank, von zuhause ausgerissen, jung, gutaussehend und schwul, heuert in einem Schwulenclub, dem “House of Boys”, als Tänzer an. Dort verliebt er sich Hals über Kopf in Jake. Doch ausgerechnet der ist hetero – behauptet er zumindest. Doch als es zwischen Jake und dessen Freundin aus ist, entflammt seine Leidenschaft für Frank. Doch ein Unglück wartet auf die frisch Verliebten: Jake hat AIDS... Man muss schon sehr viel Geduld haben in diesem Film. Denn sein eigentliches Thema AIDS geht Regisseur Jean-Claude Schlim erst nach gut 90 Minuten an. Bis dahin widmet er sich ausschließlich dem ausschweifenden Leben seiner homosexuellen Charaktere und dem bunten Treiben auf der Bühne des Clubs. Der Film dürfte damit in den ersten 90 Minuten fast ausschließlich für die Gay Community von Interesse sein. Die letzte halbe Stunde dann wird der Film sehr ergreifend – und zwar für alle Zuschauer. Doch viele werden diese wichtigen 30 Minuten schon gar nicht mehr erleben, da sie das Kino schon frühzeitig verlassen haben.
Donnerstag, 07. Oktober 2010
Auf Augenhöhe mit dem Publikum
Heute gewährte uns die Pressevorführung einen komödiantischen Einblick in eine handelsübliche Beziehungsgeschichte...

DER LETZTE SCHÖNE HERBSTTAG (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: X Verleih (Warner)
Land/Jahr: Deutschland 2010
Regie: Ralf Westhoff
Darsteller: Felix Hellmann, Julia Koschitz, Walter Hess
Kinostart: 11.11.2010

Claire und Leo sind ein Paar. Und das seit zwei Jahren. Jetzt kriselt es – und zwar heftig. Claire trennt sich von Leo... Die beiden sympathischen Darsteller erzählen ihre Geschichte direkt in die Kamera und sind damit auf Augenhöhe mit dem Publikum. Der Zuschauer wird zum Psychoanalytiker. So erfahren wir alles von den beiden – vom Kennenlernen beim Fahrradplatten bis hin zu den tagtäglichen Auseinandersetzungen. In Sachen Beziehung sind beide nicht leicht – und liefern genau deshalb perfekte Identifikationsfiguren. Die Dialoge und auch die Monologe sind unglaublich witzig und gleichzeitig tiefschürfend. Nichts für Zuschauer, die noch nie in einer Beziehung gelebt haben! Ich für meinen Teil habe da sehr viel wiedererkannt und konnte mich auf das Köstlichste amüsieren. Vielleicht gelingt ja Regisseur Ralf Westhoff nach seinem Debüt SHOPPEN mit diesem Film ein weiterer Kult-Hit. Es sei ihm gegönnt.
Mittwoch, 06. Oktober 2010
Von Spermien und Eulen
Film Nummer 2 heute bewies einen Satz aus David Lynchs TWIN PEAKS: die Eulen sind nicht was sie scheinen. Und Film 1 passte perfekt zum aktuell vergebenen Nobel-Preis (künstliche Befruchtung).

UMSTÄNDLICH VERLIEBT (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Switch
Verleih: Constantin
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Josh Gordon, Will Speck
Darsteller: Jennifer Aniston, Jason Bateman, Patrick Wilson
Kinostart: 11.11.2010

Wally der Neurotiker und die schöne Kassie die sind schon seit Jahren beste Freunde. Als Kassie eines Tages beschließt, durch künstliche Befruchtung schwanger zu werden und Wally als Samensprender erst gar nicht in Frage kommt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Auf Kassies Schwangerschaftsparty wird ihm der smarte Roland als Samenspender vorgestellt. In angeheitertem Zustand jedoch ersetzt Wally den Spenderamen durch seinen eigenen... Wie die Geschichte ausgeht, dürfte jedem eigentlich klar sein. Schon deshalb, weil wir es hier mit einer amerikanischen Komödie zu tun haben. Und eine verhalten lustige dazu. Denn was da an Dialogen abgeht, das könnte eigentlich einer TV-Soap entsprungen sein und gehört nicht auf die große Kinoleinwand. Jason Bateman in der Rolle des Wally tut sein Bestes, um auszusehen wie Colin Firth, der in diese Rolle vermutlich wesentlich besser gepasst hätte. Und Jennifer Aniston spielt....Jennifer Aniston. Bei ihr habe ich immer das Gefühl, dass sie seit Jahren schon in immer demselben Film agiert. Wer keine Alternative hat, der soll sich den Film anschauen. Aber zum Glück gibt es immer Alternativen!

DIE LEGENDE DER WÄCHTER (1:2.35, 2k Digital, 3D, PCM 5.1)
OT: Legends of the Guardians: The Owls of Ga’Hoole
Verleih: Warner
Land/Jahr: USA, Australien 2010
Regie: Zack Snyder
Kinostart: 14.10.2010

DER HERR DER RINGE trifft auf STAR WARS! In Zack Snyders perfekt computeranimiertem Fantasy-Spektakel gibt es leider nichts Neues. Einzige Ausnahme: bei allen Protagonisten handelt es sich um Federvieh. Da will die eine Rasse die andere unterjochen und das Schicksal liegt in den Krallen einer tapferen kleinen Eulentruppe (nein, der Held heisst ausnahmsweise nicht Frodo!). Letztendlich langweilt man sich bei diesem konfusen Animationsfilm recht prächtig und stellt sich berechtigterweise die Frage, ob denn die Altersfreigabe ab 6 Jahren sinnvoll ist. Ich meine ganz klar nein. Nicht wegen der teilweise gruseligen Atmosphäre, sondern wegen der vielen Namen und der Verworrenheit der Geschichte. Aber vielleicht erschließt sich die Geschichte ja gerade kleinen Kindern.
Dienstag, 05. Oktober 2010
Habermanns Liste und noch eine Rentner-Gang
Nach einem phantastischen Wochenende im Glanz des 70mm-Films ging es heute zurück in die harte Realität zeitgenössischer Filmkunst – oder was sich dafür hält.

HABERMANN (1:2.35, DD 5.1)
Verleih: farbfilm (24 Bilder)
Land/Jahr: Deutschland, Österreich, Tschechien 2009
Regie: Juraj Herz
Darsteller: Karel Roden, Mark Waschke, Hannah Herzsprung
Kinostart: 25.11.2010

August Habermann, stolzer Besitzer eines bereits in vierter Generation im Familienbesitz befindlichen Mühlen- und Sägewerkes im Sudetenland, heiratet 1937 die Halbjüdin Jana. Ein Jahr später fallen die Nazis in dem kleinen tschechischen Dorf ein. Der Deutsche Habermann sieht sich plötzlich mit einem Geflecht von Hass, Neid und Intrigen konfrontiert... Laut Pressemitteilung ist Juraj Herz‘ Film der erste Spielfilm, der sich mit der Thematik der Vertreibung der Sudetendeutschen befasst. Umso mehr hätte man sich gewünscht, dass sich der Film nicht gängiger Klischees bedient – was er leider tut. So ist Obersturmbandführer Koslowski (Ben Becker) der grundsätzlich böse Nazi, Habermanns Ehefrau (Hannah Herzsprung) eine Halbjüdin (vermutlich nur um den Thrill des Films hochzutreiben), Habermanns kleiner Bruder (Wilson Gonzales Ochsenknecht sollte endlich einmal Schauspielunterricht nehmen!) ein fanatischer Nazi-Anhänger, usw. Mark Waschke in der Titelrolle des historisch überlieferten Unternehmers spielt auffallend emotionslos, sogar als er mit dem Ober-Nazi um das Leben von ein paar Tschechen feilschen muss! Spätestens hier wird klar, dass der Film seine Nähe zu SCHINDLERS LISTE sucht. Allerdings wirkt alles hier sehr aufgesetzt und auch die melodramatische Musik von Elja Cmral wirkt wie eine Low Budget Version von John Williams‘ SCHINDLER-Musik. Und um alles noch schlimmer zu machen, gibt es Szenen im Film, die vollkommen Fehl am Platz sind. Wenn am Ende des Films eine Tschechin zusammen mit ihrem Sohn nach der Safe-Kombination der Habermanns suchen, wirkt das wie eine Szene aus einer Komödie. Thema verfehlt. Was dem Film jedoch zugute zu halten ist: er verfällt nicht in Schwarzweißmalerei, sondern zeigt sowohl Deutsche als auch Tschechen differenziert. Denn Gute und Böse gibt es auf beiden Seiten.

R.E.D. – ÄLTER, HÄRTER, BESSER (1:2.35, DD 5.1)
OT: R.E.D.
Verleih: Concorde
Land/Jahr: USA 2010
Regie: Robert Schwentke
Darsteller: Bruce Willis, Karl Urban, Morgan Freeman, John Malkovich, Helen Mirren
Kinostart: 28.10.2010

Ein in den Ruhestand geschickter Ex-CIA-Agent muss sich plötzlich gegen eine fiese Truppe wehren, die ihm nach dem Leben trachtet. Zusammen mit seinem Telefonflirt, jener jungen Frau, die seine Rentenanfragen bearbeitet, sucht er bei seinen alten Kollegen um Hilfe. Bald schon befindet sich die Rentner-Gang mitten in einem Kleinkrieg... Die nach einer Comicvorlage entstandene Action-Komödie lässt keine Chance ungenutzt, ihren Helden Bruce Willis in übermenschlichem Action-Einsatz zu präsentieren. Doch es mag ihr einfach nicht gelingen, über die ganze Länge des Films zu unterhalten. Bereits nach der Hälfte stellt sich Langeweile ein. Der Film ohne richtige Höhepunkte plätschert einfach so vor sich hin. Immerhin gibt John Malkovich in der Rolle eines paranoiden Ex-CIA-Mannes eine recht gute Figur ab, die zum Schmunzeln anregt.

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