Wolfram Hannemann
Filmkritiker / Freelance Journalist / Filmemacher

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Dienstag, 23. April 2013
Fish & Chips auf griechisch
Für mich war dies heute die letzte Pressevorführung vor meiner Reise zum Widescreen Weekend in Bradford.

PAPADOPOULOS & SÖHNE (1:2.35, 5.1)
OT: Papadopoulos & Sons
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Großbritannien 2012
Regie: Markus Markou
Darsteller: Stephen Dillane, Georges Corraface, Ed Stoppard
Kinostart: 27.06.2013

Gerade als Harry, Millionär griechischer Abstammung, in London ein riesiges Kaufhaus aus dem Boden stampfen möchte, wird er von der Finanzkrise getroffen. Seine Überschuldung führt zum Bankrott seines Unternehmens, das griechische Spezialitäten herstellt. Gemeinsam mit seinen drei Kindern muss er seine Villa verlassen. Der einzige Zufluchtsort, der noch bleibt, ist das längst geschlossene Fish & Chips Restaurant, das er mit seinem Bruder Spiros betrieben hat, bevor er seine Millionen machte. Spiros ist auch jetzt wieder die treibende Kraft: er will das alte Familienunternehmen wieder auf Vordermann bringen. Nicht sonderlich davon begeistert, packt Harry mit an und kommt so seinen Kindern und auch seinem Bruder wieder näher, von denen er sich entfremdet hat... Markus Markous Tragikomödie könnte zu keiner besseren Zeit in die Kinos kommen als jetzt, thematisiert sie doch die weltweite Finanzkrise, der sein Protagonist zum Opfer fällt. Und die Aussage des Films ist dann auch umso klarer: “Back to the Roots” ist die Devise. So wird Ex-Millionär Harry durch den Bankenzusammenbruch wieder regelrecht geerdet – schwebte er doch seit langer Zeit in ganz anderen, fast unmenschlichen Sphären. Erdung bedeutet natürlich auch, dass er endlich wieder zu seiner Familie findet und den Begriff des “Erfolgs” nicht weiter am Bankkonto festmacht. Die Geschichte hat hier natürlich schon fast märchenhafte Züge, insbesondere dann, wenn man das letzte Bild vor dem Abspann sieht. Was es ist, soll natürlich hier nicht verraten werden. Trotz all der schönen Erkenntnisse in diesem Film bleibt der doch ein wenig träge in der Inszenierung. Etwas mehr Pep würde man sich hier und da dann doch wünschen.
Freitag, 19. April 2013
Soviel Dummheit ist gruselig
Die Frage am Ende der Woche: womit habe ich das verdient?

SCARY MOVIE 5 (1:1.85, DD 5.1)
OT: Scary MoVie
Verleih: Constantin
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Malcolm D. Lee
Darsteller: Ashley Tisdale, Simon Rex, Erica Ash
Kinostart: 25.04.2013

Als Jody und Dan die verwahrlosten Kinder von Dans Bruder aufnehmen, ahnen sie noch nicht, dass sie damit etwas Böses in ihr Zuhause gebracht haben: nämlich deren Mama. Die aber ist nur für die Kleinen sichtbar. Und natürlich für die Videoüberwachungskameras. Aber man müsste natürlich im richtigen Moment auf den Monitor schauen - was natürlich nicht passiert. Eine fettleibige Haushälterin mit Exorzismusambitionen, ein Geisterjäger, der in Wahrheit ein Dieb ist, eine Schar von Menschenaffen – sie alle werden Teil einer großen Dämonenjagd, an deren Ende es das Necronomicon zu finden gilt... Mit einer Eröffnung wie dieser kann der Film eigentlich nur noch zotenhaft werden: da liegen Charlie Sheen und Lindsay Lohan gemeinsam im Bett und kommen ziemlich schnell zur Sache. Die artet dann natürlich in akrobatische Kunststückchen aus. Damit geht die “Scary Movie”-Reihe in ihre fünfte Runde. Co-Autor David Zucker, Mitbegründer der extrem erfolgreichen sowie äußerst lustigen “Nackte Kanone”-Filme, nimmt auch hier wieder aktuelle (Horror)Filme auf die Schippe. So werden “Paranormal Activity”, “Mama”, “Black Swan”, “Evil Dead”, “Planet der Affen” und sogar “Inception” verulkt – allerdings ohne dabei jemals richtig lustig zu sein. Leider. Stattdessen dominiert Fäkalhumor bis zum Erbrechen (bitte wörtlich nehmen). Wie beispielsweise jene App, mit der Frau prüfen kann, ob sie schwanger ist oder nicht. Logisch, dass man dazu auf das Smartphone pinkeln muss und dieses dummerweise just in dem Moment auch noch klingelt. Der Rest muss hier nicht erläutert werden. Immerhin gibt es ein oder zwei nette Gags, die ohne die untere Hälfte der Gürtellinie auskommen. Bei einer Nettospielzeit von nur 75 Minuten ist das aber trotzdem noch zu wenig. Vorwarnung an alle Abspann-Gucker: der zieht sich wie Kaugummi.
Donnerstag, 18. April 2013
Die Lust am Töten
Herrlicher Sonnenschein, warme Temperaturen – also ab ins Kino!

STOKER (1:2.35, DD 5.1)
OT: Stoker
Verleih: Fox
Land/Jahr: USA 2013
Regie: Park Chan-wook
Darsteller: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, David Alford, Matthew Goode
Kinostart: 09.05.2013

Die Zweitsichtung im Rahmen einer Pressevorführung konnte meine Meinung zu diesem Thriller nur untermauern: unbedingt anschauen! Die Kurzrezension nach der Erstsichtung während der “Fantasy Filmfest Nights” gibt es hier.
Mittwoch, 17. April 2013
Ein Mann wird zur Frau
Dass wahre Liebe nicht an ein Geschlecht gebunden ist, demonstrierte der heutige Spielfilm.

LAURENCE ANYWAYS (1:1.33, DD 5.1)
OT: Laurence Anyways
Verleih: NFP (Filmwelt)
Land/Jahr: Kanada, Frankreich 2012
Regie: Xavier Dolan
Darsteller: Melvil Poupaud, Suzanne Clément, Nathalie Baye
Kinostart: 27.06.2013

Kanada zu Beginn der 1990er-Jahre. Laurence, Literaturdozent, und Fred, Assistentin beim Film, sind bis über beide Ohren ineinander verliebt. Um alles in der Welt wollen sie keinesfalls zum Spießbürgertum gehören. Ein paar Monate später sorgt Laurence unfreiwillig dafür, dass dies auch niemals der Fall sein wird: er gesteht Fred, dass er lieber Frau als Mann sein möchte! Zunächst schockiert, gewöhnt sich die junge Fred an den Gedanken und unterstützt Laurence aktiv bei seinem Frauwerden. Doch das Umfeld der beiden Liebenden reagiert mit Abneigung. Laurence verliert seinen Job, Fred verheimlicht ihre Schwangerschaft und treibt ab. Das aber ist erst der Anfang einer ungewöhnlichen Liebe, die noch ein ganzes Jahrzehnt vor sich hat... Sein Film soll eine “Hommage an die ultimative Liebesgeschichte” sein, sagt Regisseur und Drehbuchautor Xavier Dolan, jener Kanadier, der bereits mit seinem Film HERZENSBRECHER so manches Herz gebrochen hat. Dolan geht bei seiner ultimativen Liebesgeschichte sogar so weit, dass diese in keiner Art und Weise an ein Geschlecht gebunden sein muss. Wenn Laurence viel lieber Frau als Mann sein möchte, dann soll dies seine Liebe zu der rothaarigen Fred keineswegs beeinträchtigen. Auch wenn die ganze Umwelt verstört darauf reagiert, es ändert nichts an der Liebe zwischen den beiden Ungleichen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren schildert Dolan das Auf und Ab dieser ungewöhnlichen Beziehung, deren Tiefpunkte alleine durch eine intolerante Gesellschaft ausgelöst werden. Exzessive Bilder, pulsierende Rhythmen und immer wieder Close Ups prägen den fast dreistündigen Film, der gerne auch etwas kürzer hätte ausfallen dürfen. Die Darsteller sind grandios und allesamt schillernde – wenn auch schräge – Persönlichkeiten. Ziemlich gewöhnungsbedürftig allerdings ist das vom Regisseur gewählte Bildformat: kein CinemaScope, kein kaschiertes Breitwand – sondern das alte Academy-Format mit fast quadratischem Bild. Die Dramaturgie dahinter hat sich zumindest mir nicht erschlossen.
Dienstag, 16. April 2013
Die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte
In der ersten Pressevorführung der Woche ging es ums Schreiben und Abschreiben.

DER DIEB DER WORTE (1:1.85, DD 5.1)
OT: The Words
Verleih: Wild Bunch (Central)
Land/Jahr: USA 2011
Regie: Brian Klugman, Lee Sternthal
Darsteller : Bradley Cooper, Zoe Saldana, Jeremy Irons, Dennis Quaid, Olivia Wilde
Kinostart: 23.05.2013

Ein erfolgreicher Romanautor liest aus seinem neuen Buch, in dem es um einen erfolglosen Schriftsteller geht, der zufällig auf ein unveröffentlichtes Manuskript stößt. Diese fesselt ihn dermaßen, dass er es kurzerhand als sein eigenes Werk ausgiebt und damit sensationellen Erfolg hat. Nicht einmal seiner Ehefrau erzählt er die Wahrheit. Doch eines Tages wird er beim Spaziergang im Central Park von einem alten Mann angesprochen, der offensichtlich die ganze Wahrheit kennt: er ist der tatsächliche Autor der Geschichte... Was man in Brian Klugmans und Lee Sternthals Film zu sehen bekommt, ist die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Die erste Geschichte ist die von Clay Hammond (Dennis Quaid), der in einem Hörsaal aus seinem Roman vorliest. Dieser Roman ist die zweite Ebene des Films, in dem Bradley Cooper als Rory Jansen zu sehen ist, der das gefundene Manuskript als das seine ausgibt. Ebene drei ist die Geschichte innerhalb des Romans, in der der alte Mann (Jeremy Irons) schildert, was es mit dem geheimnisvollen Manuskript auf sich hat. Die letztere Ebene ist gleichzeitig die inszenatorisch am besten gelungene. Mit reduzierten Farben führt sie zurück in das Nachkriegs-Paris, wo sich ein amerikanischer Ex-Soldat in eine Französin verliebt. Das Glück des Paares jedoch wird einer schweren Prüfung unterzogen, deren Resultat ein unveröffentlichter Roman ist. In dem auf mehreren Zeitebenen spielenden Drama geht es um Wahrheit und Fälschung und die Schritte, die ein Schriftsteller bereit ist zu gehen, um Erfolg zu haben. Mag sein, dass das Drehbuch das eine oder andere Detail der Handlung einfach unterschlägt, aber es stört nicht weiter. Könnte es nicht vielmehr darauf hindeuten, dass alles (also auch die allererste Ebene) einfach nur erfunden ist? Wirklich störend hingegen ist die musikalische Untermalung des Films. Die ist oft etwas übertrieben und insgesamt einfach zu viel. Auch hier gilt der Leitspruch: weniger ist manchmal mehr. Insgesamt aber bietet DER DIEB DER WORTE passable Kinounterhaltung.
Freitag, 12. April 2013
Folterthriller
Mit der Verfilmung einer wahren Geschichte endete die Pressewoche heute Vormittag.

5 JAHRE LEBEN (1:2.35, 5.1)
Verleih: Zorro
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Stefan Schaller
Darsteller: Sascha Gersak, Ben Miles, Timur Isik
Kinostart: 23.05.2013

Der Deutsch-Türke Murat Kurnaz weiß gar nicht wie ihm geschieht: eingesperrt in einen Käfig und umgeben von schwer bewaffneten Militärs harrt er voller Angst seinem Schicksal entgegen. Noch weiß er nicht, dass sein Martyrium ganze fünf Jahre dauern wird. Und das, obgleich er unschuldig ist. Das aber will ihm dort in diesem Gefängnis im Niemandsland keiner glauben. Gail Holford, ein Amerikaner in weißem Hemd und mit Krawatte, verhört ihn. Wo psychologische Methoden nicht mehr weiterhelfen, setzen Schläge und andere physische Bestrafungen ein. Holford will ein Geständnis aus dem jungen Mann holen – koste es was es wolle... Der Fall des über fünf Jahre unschuldig inhaftierten Murat Kurnaz sorgte nach seiner Rückkehr nach Deutschland vor ein paar Jahren für großes Aufsehen. Erstmals wurden der breiten Masse die Augen geöffnet, auf welche Art und Weise US-Militärs in ihrem Geheimgefängnis in Guantanamo wüten. Die Mittel des Terrors, den die Amerikaner um jeden Preis bekämpfen wollen, werden dort ohne mit der Wimper zu zucken gegen die Gefangenen angewendet. Regisseur und Drehbuchautor Stefan Schaller schildert in seinem Diplomfilm nicht etwa die politischen Beweggründe, warum dies so ist, noch interessieren ihn die Umstände, weshalb Kurnaz nicht schon wesentlich früher von den deutschen Behörden aus Guantanamo befreit wurde. Ihm geht es alleine um den Überlebenswillen des unschuldig Inhaftierten, der sich über fünf Jahre lang brutalsten Verhör- und Foltermethoden ausgesetzt sah und trotzdem nach dieser grauenvollen Zeit wieder ins normale Leben zurückgefunden hat. Schallers Film zeugt von großem handwerklichen Talent – sei es die Kameraarbeit von Armin Franzen, die hervorragend eingesetzte Filmmusik von Enik oder das subtile Sounddesign. Hier ist alles hervorragend aufeinander abgestimmt und unterstützt die Dramaturgie des Films bestens. Sehr eindrucksvoll das Set Design. Obgleich zum Großteil in Babelsberg gedreht, wirkt der Film so, als wäre er tatsächlich an den Originalschauplätzen in Guantanamo entstanden. Nicht zuletzt tragen auch die beiden Hauptdarsteller (Sascha Gersak als Murat, Ben Miles als sein Kontrahent) mit ihrem sehr überzeugenden Spiel dazu bei, dem Film seinen sehr authentischen Anstrich zu geben.

Video: Baden-Württemberg-Premiere in Stuttgart
Donnerstag, 11. April 2013
Ägyptischer Frühling und neun Triptychons
Ein Spielfilm mit politischen Ambitionen und ein Künstlerporträt hielten mich heute davon ab, auf der Straße herumzulungern.

NACH DER REVOLUTION (1:1.85, DD 5.1)
OT: Baad El Mawkeaa
Verleih: Polyband (24 Bilder)
Land/Jahr: Ägypten, Frankreich 2012
Regie: Yousry Nasrallah
Darsteller: Menna Shalabi, Nahed El Sebaï, Bassem Samra
Kinostart: 30.05.2013

Kairo, 02. Februar 2011. Aufgehetzt von Mubaraks Schergen ist Mahmoud einer von vielen Reitern, die auf dem Tahir-Platz die jungen Revolutionäre angreifen. Doch er stürzt und wird übel verprügelt. Er verliert seinen Job als Touristenführer, man verspottet ihn, seine Kinder werden in der Schule gehänselt. Zufällig lernt er Reem kennen, eine moderne Ägypterin, die in der Werbebranche arbeitet und die die Revolution und insbesondere die Rechte der Frauen unterstützt. Das Leben beider wird sich von Grund auf ändern... Mühsam erklimmt Mahmoud die riesigen Stufen der Pyramide. Immer weiter klettert er hinauf. Doch die Kamera zeigt uns die wahre Dimension der Pyramide und macht uns klar, dass Mahmoud erst am Anfang steht. Mit diesem symbolträchtigen Bild endet Yousry Nasrallah Film über den “Ägyptischen Frühling”. Denn für Mahmoud und viele andere Ägypter ist es noch ein langer und schwieriger Weg, bis die Demokratie auch in ihren Köpfen angekommen ist. Nasrallah lässt in seinem Film viel offen, versucht erst gar nicht zu erklären, was genau passiert ist, welche Gruppierungen es in seinem Land gibt. Der Film ist damit zwar für Außenstehende nicht immer konsequent nachzuvollziehen, reisst jedoch die Probleme seines Landes an. Da ist zum Einen die unterschiedliche Stellung von Mann und Frau in der ägyptischen Gesellschaft, die nach wie vor tief verwurzelt zu sein scheint. Zum Anderen gibt es die Meinung in der Bevölkerung, dass mit Mubaraks Sturz die Wirtschaft des Landes extrem leidet, hier demonstriert anhand der ausbleibenden Touristen, was für Mahmouds Familie den Ruin bedeutet. NACH DER REVOLUTION ist ein politischer Film, bei dem die eingeflochtene Liebesbeziehung zwischen Mahmoud und Reem eigentlich fast schon stört und bei dem man sich detailliertere Hintergrundinformationen gewünscht hätte .

MAX BECKMANN (1:1.85, Stereo)
Verleih: Piffl
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Michael Trabitzsch
Kinostart: 06.06.2013

Weltberühmt machten ihn vor allem seine neun Triptychons, die er im Laufe seines Lebens geschaffen hat und die ihn zu einem der größten Maler des 20. Jahrhunderts machten: Max Beckmann. In seinem Künstlerporträt schildert Regisseur Michael Trabitzsch dessen Werdegang – vom deutschen Sanitäter im Ersten Weltkrieg bis zu seinem plötzlichen Tod am 27. Dezember 1950 im Central Park in New York City, genau einen Tag nach Vollendung seines letzten Triptychons. Museumskuratoren aus aller Welt erzählen über Beckmann und versuchen sich an Interpretationen seiner Bilder. Aus dem Off wird aus Beckmanns Tagebüchern sowie Briefen zitiert, während dokumentarisches Bildmaterial zu sehen ist. So entsteht ein allumfassendes Porträt eines Künstlers, der am Anfang seiner Kariere ganz genau wusste, wohin er wollte: ganz nach oben. Besonders ausführlich werden einige der Triptychons behandelt, vorgestellt von Kunstkennern und detailliert von der Kamera eingefangen. Ein Schwachpunkt der Dokumentation ist der musikalische Klangteppich, der sich ständig zu wiederholen scheint. Für kunstinteressierte Zuschauer trotzdem empfehlenswert.
Mittwoch, 10. April 2013
Justizthriller
Heute gab es zwar nur eine einzige Pressevorführung, doch die hat mich in Atem gehalten.

THE INTERNATIONAL CRIMINAL COURT (1:2.35, 5.1)
Verleih: Bukera
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Marcus Vetter, Michele Gentile
Darsteller: Luis Moreno-Ocampo
Kinostart: 02.05.2013

Über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleiteten die Filmemacher Marcus Vetter und Michele Gentile Luis Moreno-Ocampo, seines Zeichens Chefankläger am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Der Film zeigt den Anwalt und viele seiner Mitstreiter bei ihrer täglichen Arbeit und den damit verbundenen Problemen. So kann der Internationale Gerichtshof nur für Länder tätig werden, die die entsprechende Resolution unterzeichnet haben. Und das sind gerade einmal 166. Den Hilferuf aus Palästina muss Moreno-Ocampa beispielsweise ablehnen, da Palästina zur Zeit der Entstehung des Films noch kein Staat war. Moreno-Ocampa nimmt seinen Job sehr ernst und hält sich penibel an die Gesetze. Umso aufwändiger dafür aber der Prozess gegen Thomas Lubanga Dyilo, dem der Vorwurf gemacht wird, dass er sich durch die Rekrutierung von Kindersoldaten im Kongo an einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hat. Angelina Jolie und Benjamin Ferencz (Chefankläger Nürnberger Prozesse) unterstützen diesen Prozess, der sich über den gesamten Film erstreckt, ständig unterbrochen von neuen Krisenherden auf der Welt. Ganz anders als es bei vielen Dokumentarfilmen der Fall ist, präsentieren Marcus Vetter (DAS HERZ VON JENIN, CINEMA JENIN) und sein Co-Regisseur Michele Gentile ihre Dokumentation tatsächlich kinogerecht: im CinemaScope-Format. Das leinwandfüllende Bild in Verbindung mit der Spannung verheissenden Filmmusik lässt den Film nach außen hin wie einen Thriller erscheinen, die Dokumentation entledigt sich damit der nüchternen Langeweile, die so mancher Dokumentation inne ist. Und die Regisseure scheuen sich auch nicht, Bilder unvorstellbarer Grausamkeit zu zeigen. Die aber sind kein Selbstzweck, sondern machen deutlich, worum es am Gericht in Den Haag tagtäglich geht. THE INTERNATIONAL CRIMINAL COURT ist ein faszinierender Dokumentarfilm im Gewand eines Justizthrillers.
Dienstag, 09. April 2013
Ein Film, der Dich im Regen stehen lässt
Zuerst gab es heute wieder einmal Rätselhaftes von Terrence Malick, bevor ich dann mit einer Komödie in den Feierabend geschickt wurde

TO THE WONDER (1:2.35, 4K, DD 5.1 + 7.1)
OT: To The Wonder
Verleih: Studiocanal
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Terrence Malick
Darsteller: Ben Affleck, Olga Kurylenko, Rachel McAdams, Javier Bardem
Kinostart: 30.05.2013

In Frankreich erleben der Amerikaner Neil und die Französin Marina ihre große Liebe. Sie genießen unbeschwerte Tage zusammen mit Marinas kleiner Tochter u.a. am Mont St. Michel. Neil überedet Marina, mit nach Amerika zu kommen. In Oklahoma jedoch findet sich Marina nicht zurecht. Die Entfremdung des Paares beginnt. Nach einer schwierigen Zeit reist Marina mit ihrer Tochter wieder nach Europa zurück und Neil geht ein Verhältnis mit seiner Jugendliebe ein. Doch weder Neil noch Marina können einander vergessen... Wie bereits mit THE TREE OF LIFE (von dem Bilder in den neuen Film übernommen wurden) entzieht sich Ausnahmeregisseur Terrence Malick üblichen Sehgewohnheiten. Sein neuer Film wirkt wie ein Tagtraum. Es gibt zwar Schauspieler, jedoch kaum Dialoge. Dafür hört man Satzfetzen aus dem Off, die Malick über die Bilder legt und von seinen drei Hauptdarstellern in ihrer jeweiligen Landessprache sprechen lässt. All das ist sehr spirituell angehaucht und man wünscht sich nichts sehnlicher, als eine Gebrauchsanleitung für dieses optisch anspruchsvolle Werk an die Hand zu bekommen. Einmal mehr beweist Malick, dass er schon komplett abgehoben hat und nicht mehr erdverbunden ist. TO THE WONDER ist ein sperriges Werk, das sich alles andere als einfach erschließt und damit nur einer Minderheit zugänglich sein dürfte.

THE BIG WEDDING (1:2.35, DD 5.1)
OT: The Big Wedding
Verleih: Concorde
Land/Jahr: USA 2012
Regie: Justin Zackham
Darsteller: Diane Keaton, Amanda Seyfried, Robert De Niro, Susan Sarandon, Robin Williams, Katherine Heigl
Kinostart: 30.05.2013

Große Aufregung im Hause der Griffins: ihr Adoptivsohn Alejandro wird heiraten und seine leibliche Mutter, eine streng den Traditionen verpflichtete Südamerikanerin, kommt zur Hochzeit. Um ihren Segen zur Hochzeit zu erhalten, müssen die schon lange geschiedenen Stiefeltern wieder für ein Wochenende eine ganz normale, intakte Familie simulieren. Pannen sind schon vorprogrammiert. Justin Zackhams Film entpuppt sich als der amerikanische Aufguss einer französischen Komödie aus dem Jahre 2006, die in deutschen Kinos unter dem Titel WIE EINE RICHTIGE FAMILIE zu sehen war. Jedoch darf angezweifelt werden, dass das französische Original ebenso tröge und einfallslos inszeniert ist wie Zackhams Version! THE BIG WEDDING ist ein typischer Vertreter jener Art von Film, die man getrost als komplette Zeitverschwendung ansehen darf. Die Gags zünden nicht – auch wenn sie noch so sehr unter die Gürtellinie zu schlagen versuchen. Und Robin Williams in der Nebenrolle als Priester hat definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Schwamm drüber. Es kann nur besser werden.
Montag, 08. April 2013
Bildgewaltig
Ein Sci-Fi-Film eröffnete heute die neue Presse-Woche

OBLIVION (1:2.35, DD 5.1 + 7.1 + Atmos)
OT: Oblivion
Verleih: Universal
Land/Jahr: USA 2013
Regie: Joseph Kosinski
Darsteller: Tom Cruise, Morgan Freeman, Olga Kurylenko
Kinostart: 11.04.2013

2077. Nach einer Alien-Invasion ist die Erde ist fast restlos zerstört, die überlebenden Menschen haben den größten Planeten des Jupiter besiedelt. Doch man ist auf die noch vorhandenen Rohstoffe auf der Erde angewiesen. Um den vollautomatischen Abbau gegen die außerirdischen Feinde zu schützen, schiebt Jack Harper als Techniker im Außendienst Dienst auf dem verlassenen Planeten. Victoria ist der einzige Mensch an seiner Seite. Sie überwacht die gefährlichen Einsätze aus der Kommandozentrale in sicherer Höhe. Doch Jacks gesamtes Weltbild kommt ins Schwanken, als eine Raumkapsel landet, die Menschen an Bord hat... Mit OBLIVION hat Regisseur Joseph Kosinski (TRON LEGACY) seine eigene Graphic Novel verfilmt und liefert damit ein ganzes Sammelsurium von Filmzitaten ab. Aber nicht etwa, um den Vorbildern wie 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM, MOON, PLANET DER AFFEN, FLUCHT INS 23. JAHRHUNDERT usw. zu huldigen, sondern vermutlich nur mangels eigener Ideen. Was für die Zielgruppe der 14- bis 16-jährigen noch akzeptabel ist, weil diese die Vorbilder nicht kennen, wirkt auf Kenner der Filmgeschichte wie ein billiger Abklatsch. Trotzdem kann man Kosinskis Film nicht komplett verdammen, denn er liefert immerhin wirklich grandiose Bilder (Kamera: Claudio Miranda, unlängst für LIFE OF PI mit dem Oscar honoriert). Aufgenommen wurden diese zwar mit 4K-Digitaltechnik, die in die Kinos kommenden DCPs haben aber trotzdem nur eine Auflösung von 2K. Dieser Umstand ist wohl den visuellen Effekten geschuldet, die offensichtlich noch nicht komplett in 4K gerendert wurden. Aber auch in der geringeren 2K-Auflösung beeindruckt der Film visuell. Natürlich gibt es dazu auch den passenden, tiefbasslastigen 7.1 Surround Sound (in ausgewählten Kinos sogar im neuen Dolby Atmos Soundsystem!). Mit den oben aufgeführten Einschränkungen ist OBLIVION freilich nicht der große Wurf, aber das Potenzial ist durchaus zu erkennen.
Freitag, 05. April 2013
Eine Mutter, die nicht loslässt
Als Höhepunkt einer sehr frustrierenden Kinowoche gab es heute den Gewinner-Film der 63. Berlinale. Es gibt also noch Hoffnung!

MUTTER & SOHN (1:2.35, DD 5.1)
OT: Pozitia Copilului
Verleih: X Verleih
Land/Jahr: Rumänien 2013
Regie: Calin Peter Netzer
Darsteller: Luminita Gheorghiu, Bogdan Dumitrache, Natasa Raab
Kinostart: 23.05.2013

Cornelia ist eine überbehütende, alles kontrollierende Mutter, deren einziger Sohn sich schon lange aus dem Staub gemacht hat, um mit seiner Freundin zusammenzuleben. Cornelia kann es nicht überwinden, dass er sich nicht mehr bei ihr meldet. Als der Sohn einen Unfall verursacht, bei dem ein Junge stirbt, setzt Cornelia alle Hebel in Bewegung, um eine Anklage zu verhindern. Dafür ist ihr jedes Mittel recht, sieht sie darin doch auch eine Chance, ihren geliebten Sohn wieder an sich zu binden... Mit dickem Pelzmantel bekleidet, die Haare blond gefärbt und sich selbst für etwas Besseres haltend – Cornelia muss sich wahrlich nicht wundern, dass ihr erwachsener Sohn Barbu nichts mehr mit ihr zu haben möchte. Die alles Bestimmende hat sich schon viel zu sehr in sein Leben eingemischt. In der Rolle der Mutter dominiert Luminita Gheorghiu jede Szene. Es ist unglaublich, wie schnell sie die Antipathie sämtlicher Zuschauer auf sich zieht! Eine großartige Leistung. Regisseur Calin Peter Netzer gelingt es, mit seinem Drama von Anfang bis Ende zu fesseln. Er zeigt auch sehr deutlich, auf welche Weise man gewisse Dinge in Rumänien regelt. Hier funktioniert alles mit Beziehungen. Eine Hand wäscht die andere. Und es gibt viele Hände, die aufgehalten werden, um den Lohn für eine Gefälligkeit zu erhalten. Cornelia weiß genau, an welchen Hebeln sie ansetzen muss. So wie sie auch genau weiß, wie sie ihren Sohn durch die gemeinsame Putzfrau ausspionieren kann.
Donnerstag, 04. April 2013
Diätcamp und Polizeischule
Die bislang qualitativ schlechte Filmwoche wurde heute mit zwei weiteren Filmen fortgesetzt.

PARADIES: HOFFNUNG (1:1.85, DD 5.1)
Verleih: Neue Visionen
Land/Jahr: Österreich, Deutschland, Frankreich 2013
Regie: Ulrich Seidl
Darsteller: Melanie Lenz, Verena Lehbauer, Joseph Lorenz
Kinostart: 16.05.2013

Weil sie zu dick ist, wird Teenager Melanie von ihrer Mutter in ein Diät-Camp gesteckt. Dort muss sie sich gemeinsam mit anderen Jugendlichen einem harten Drill unterziehen mit dem Ziel, ihre Essgewohnheiten zu ändern. Da verliebt sie sich in den 40 Jahre älteren Arzt des Camps. Der aber reagiert abweisend auf Melanies Annäherungsversuche... Den letzten Teil seiner “Paradies”-Trilogie siedelt der Österreicher Ulrich Seidl in einem Diät-Camp an. Und das ist ausgesprochen deprimierend: kahle Wände, seelenlose Räume, desillusioniertes Personal. Wie fast immer bei Seidl wirkt alles improvisiert und auch oft verstörend. Wie beispielsweise jene Szene, in der der Arzt des Diät-Camps die bewusstlose Melanie in einer Tanzbar aufsammelt, mit ihr in den Wald fährt, sie auf den Boden legt und anfängt, sie zu beschnüffeln. So skurril diese Szene ist, so zäh wirken viele andere hingegen. Da werden die Turnübungen der Camp-Teilnehmer in aller Ausführlichkeit geschildert, ihre heimlichen Partys bei Nacht nehmen kein Ende und die Annäherungsversuche Melanies drehen sich im Kreise. Seidls Film ist ein recht unbequemer Film und mit Abstand der uninteressanteste in der “Paradies”-Trilogie.

FREIER FALL (1:1.85, 5.1)
Verleih: Salzgeber
Land/Jahr: Deutschland 2013
Regie: Stephan Lacant
Darsteller: Hanno Koffler, Max Riemelt, Katharina Schüttler
Kinostart: 23.05.2013

Sie sitzen im selben Fortbildungskurs und joggen gemeinsam. Marc und Kay sind Polizisten. Vollkommen fassungslos reagiert Marc, als sich ihm Kay nähert und ihn plötzlich küsst! Nach dem ersten Schock beginnt Marc Gefallen daran zu finden. Doch es gibt ein großes Problem: Marc ist gerade erst mit Freundin Bettina in das gemeinsame Haus eingezogen und wird demnächst Vater... In Stephan Lacants Drama geht es einmal mehr um den berühmten Seitensprung. Dieses Mal jedoch mit umgekehrten Vorzeichen. “Schwule und Lesben in der Polizei” ist der Kontext seines Films, der allerdings einige Klischees bedient und dadurch wenig überraschend oder gar originell daherkommt. Das Drama läuft hier nach bewährtem Muster ab und bietet kaum interessante Aspekte für den Zuschauer. Keine Kinokost, schon eher etwas für das Spätprogramm im Fernsehen.
Mittwoch, 03. April 2013
Und wenn sie nicht eingeschlafen sind...
...dann sitzen sie vielleicht heute noch im Kino.

DAS MÄRCHEN VON DER PRINZESSIN, DIE UNBEDINGT IN EINEM MÄRCHEN VORKOMMEN WOLLTE (1:2.35, 5.1)
Verleih: Summiteer (Central)
Land/Jahr: Deutschland 2013
Regie: Steffen Zacke
Darsteller: Jasmin Barbara Mairhofer, Oliver Karbus, Verena Buratti
Kinostart: 23.05.2013

Prinzessin Clara steht ganz im Schatten ihrer Schwester, einer arroganten Vorzeige-Prinzessin. Eigentlich ist Clara mit sich ganz zufrieden, aber ihre strengen Eltern dulden ihr Anderssein nicht. Da hat Clara eine Idee: mit Hilfe eines Märchenbuches will sie sich zu einer Prinzessin mausern, die in Märchen genannt wird. Und so bemüht sie zusammen mit ihrem treuen Freund, dem Hofnarren Michel, alle gängigen Märchen – vom Froschkönig bis zum Rotkäppchen. Doch der Erfolg bleibt aus... Wenn alle deutschen Märchenverfilmungen derart zäh inszeniert werden wie Steffen Zackes Film, dann muss man sich wirklich nicht wundern, dass Kinder liebend gerne nach Hollywood schauen! Da hat man sich zwar viel Mühe gemacht mit Kostümen und Drehorten, aber das alles wird durch die einfallslose Inszenierung zunichte gemacht. Spätestens nach einer halben Stunde wird die Zielgruppe nach dem Smartphone greifen. Die knapp über 80 Minuten dauernde Schlaftablette fühlt sich sehr viel länger an.
Dienstag, 02. April 2013
Ein Liebesuchender und eine Feministin
Dokumentationen wohin das Auge schaut...

LOVE ALIEN (1:1.85, 5.1)
Verleih: Film Kino Text
Land/Jahr: Deutschland 2012
Regie: Wolfram Huke
Kinostart: 16.05.2013

Ein Jahr vor seinem 30. Geburtstag fragt sich der Filmstudent Wolfram Huke, warum er eigentlich noch nie eine Beziehung hatte. Zu einer Frau wohlgemerkt. Er beginnt damit, seine verzweifelte Partnersuche zum Gegenstand eines Dokumentarfilms zu machen. Datingplattformen im Internet, Therapiesitzungen bei einer Lebensberaterin, Styling- und Outfit-Beratung durch zwei fesche Mädels – seine Handkamera filmt alles mit. Auch den Besuch bei seiner Bekanntschaft in Magdeburg, die rein platonisch ist, sowie seinen Abstecher zu einer Internetbekanntschaft im Ostblock protokolliert Huke. Wird er es schaffen, noch vor seinem 30. Geburtstag eine Partnerin zu finden? - Einsam sitzt er am geöffneten Fenster und schaut trübsinnig hinaus. Mit dieser letzten Einstellung in seinem Film macht Autor, Regisseur und Protoganist in Personalunion, Wolfram Huke, klar: er wird seine Sehnsucht nach einer richtigen Freundin, einer Lebenspartnerin, wohl nie stillen können. Warum auch? In den vorherigen 70 Minuten seines Dokumentarfilms demonstriert der äußerlich an Seth Rogan erinnernde Dreißigjährige vorzüglich, warum seine Bemühungen eigentlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Wobei man natürlich nie sagen kann, was denn nun gestellt und was echt ist in seinem mit Digicam gefilmten Video. Seine Junggesellenbude, die nach echtem “Messy” aussieht, dürfte wohl ein Fake sein. Die Therapeutin hingegen, die ihm Lebenshilfe geben soll, scheint echt zu sein. Obgleich natürlich auch sie weiß, dass sie gefilmt wird. Ein grundsätzliches Dilemma bei jedem Dokumentarfilm. Was jedoch im vorliegenden Fall stört, das ist die Kameraführung. Mal wackelt es, mal ist das Bild ruhig, mal gibt es den Protagonisten von unten nach oben zu sehen, mal direkt in die Kamera sprechend, mal liegend usw. Unterlegt werden diese Bilder immer wieder durch melancholische Musik, die den jämmerlichen Seelenzustand des Gescheiterten untermauern sollen. Trotzdem hat man kein Mitleid mit ihm. Die einfallslose Gestaltung lässt den Film trotz seiner nur 72 Minuten Spielzeit schier endlos lange erscheinen. Heimvideos (sorry, aber mehr ist das hier nicht) sollten im Kino keinen Zutritt haben.

VERLIEBTE FEINDE (1:1.85, 5.1)
Verleih: Rendezvous
Land/Jahr: Schweiz 2012
Regie: Werner Schweizer
Darsteller: Fabian Krüger, Mona Petri, Thomas Mathys
Kinostart: 02.05.2013

Sie lernen sich in den fünfziger Jahren während ihres Studiums kennen und lieben: Iris Meyer und Peter von Roten. Er ist streng katholisch aufgewachsen, sie Protestantin mit höchst modernen Ansichten. Die aber passen ganz und gar nicht in die konservative Schweiz, in der Frauen noch nicht einmal das Wahlrecht haben. Gegen den Willen der Familie heiratet Peter seine Iris. Und mehr noch: als Peter eine Karriere als Politiker in seinem Land beginnt, unterstützt er die Ziele seiner Frau - Frauenstimmrecht sowie Gleichstellung von Mann und Frau. Aber die beiden haben große Probleme in ihrer Beziehung. Aufgrund seiner katholischen Erziehung kann Peter die sexuellen Wünsche seiner Frau nicht erfüllen. Iris nimmt sich eine Auszeit von ihrer Ehe und reist nach Amerika, wo sie ihr Buch “Frauen im Laufgitter” schreibt. Beide lassen sich auf amouröse Abenteuer ein und pflegen einen intensiven Briefwechsel... Für sein Porträt des Schweizer Paares Iris und Peter von Roten wählte Regisseur Werner Schweizer die Form des Dokudramas, das eigentlich für das Fernsehen entwickelt wurde und Spielszenen mit dokumentarischem Material vermischt. Letzteres sind in diesem Fall Interviews mit noch lebenden Zeitzeugen (u.a. kommen die Tochter der von Rotens sowie Cousins und Cousinen, Studienkollegen und Angestellte zu Wort) und alte Fotografien, die das echte Paar zeigen. So interessant die erzählte Geschichte auch ist, das gewählte Präsentationsformat rückt den Film leider sehr stark in die Nähe einer TV-Produktion. Und genau das möchte man eigentlich nicht im Kino sehen. Immerhin sind die Spielszenen mit Mona Petri als Iris und Fabian Krüger als Peter hervorragend besetzt und man fragt sich unmittelbar, warum nicht das ganze Projekt als Spielfilm inszeniert wurde. Die Liebe der beiden Hauptfiguren füreinander sowie ihr gegenseitiger Respekt für das, was sie tun, besitzt Vorbildcharakter und hat in den vergangenen 70 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt.

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